Nachgedanken

Nun sind wir in meinem Buch beim ältesten Gewerbe der Menschheit angelangt, dem Handwerk der Huren, lateinisch »Meretrix« genannt, der Dirnen, Hübschlerinnen oder gemeinen Weiber. Alle Huren mussten im Mittelalter durch Schleier, Hüte oder Bänder in einer bestimmten Farbe gekennzeichnet sein. Es handelte sich dabei um Gelb, Rot oder Grün, die sogenannten Schandfarben. In den meisten Fällen wurde von den Huren ein gelbes Achselband getragen oder eine farbige Borde am unteren Rand der Gewandung. Diese Kennzeichnung konnte von Stadt zu Stadt unterschiedlich gehandhabt werden. So gab es in manchen Städten anstatt des gelben Bandes den Hurenschleier, der vor dem Gesicht getragen werden musste. Auch gab es bei den Huren, die häufig Hübschlerinnen genannt wurden, diverse Unterschiede. Die organisierten Frauen arbeiteten fest in einem Frauenhaus – wie im »Haus der kleinen Sünden« –, das von einem Hurenwirt geführt wurde, der oft auch gleichzeitig der Pächter war. In manchen Städten konnte auch der Scharfrichter der Hurenvater sein. Die Rechte und Pflichten wurden in der Frauenhausordnung geregelt. Inhaber der Häuser waren die Städte, die durch die Verpachtung einen guten Erlös erzielten. Darüber hinaus gab es noch die umherziehenden Weiber, die sogenannten Wanderhuren. Oft zogen sie mit Eselskarren von Stadt zu Stadt, von Fest zu Fest und von einem Reichstag zum nächsten. Von den ortsansässigen Huren wurden die konkurrierenden Wanderhuren nicht gerne gesehen, und häufig kam es zu Streitereien, ja sogar zu Kämpfen untereinander. Alleine beim Konstanzer Konzil in den Jahren 1414 bis 1418 sollen über 1500 Huren in der Stadt gewesen sein. Huren gehörten genau wie die Henker, Gaukler und Bettler zur untersten gesellschaftlichen Schicht. Sie waren die Randständigen außerhalb der Gesellschaft. Trotz alledem standen die Huren für Glück und Lebensfreude. Na, dann …

Peter vom Falkenberg


Peter vom Falkenberg – Die Teufelsweiber vom Rhein
Historischer Roman

ISBN 978-3-945763-36-0

1. E-Bookauflage 5/2017
© Bergischer Verlag, © Peter vom Falkenberg

Bergischer Verlag
RS Gesellschaft für Informationstechnik mbH & Co. KG
Verleger Arndt Halbach, Martin Czialla
Auf dem Knapp 35 / 42855 Remscheid
E-Mail: info@BergischerVerlag.de / www.BergischerVerlag.de

Umschlagentwurf mit Bildern von Markus Hartung und den Teufelsweibern Lisa, Inka und Penny auf Schloss Burg. Auf der zweiten Seite ist der Holzschnitt von Anton von Worms »Ansichten von Köln 1531« abgebildet

Gesamtherstellung: Bergischer Verlag, Ernst-Wilhelm Bruchhaus
E-Book-Herstellung: ncc-medien

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Einen besonderen Dank an die Ausdauer der drei »Hübschlerinnen« Inka, Penny und Lisa, die sich mit passenden Gewandungen auf Schloss Burg für die Fotos zur Verfügung gestellt haben.

Natürlich auch an Markus Hartung, der mit rund 500 Aufnahmen seinem Beruf alle Ehre machte. Ein weiterer Dank an den lieben Gott, der an diesem Tag im Herbst neun Stunden die Sonne scheinen ließ.

Peter vom Falkenberg lebt mit seiner Familie in Remscheid. Seine Freizeit verbringt er gerne mit den Enkelkindern oder er fährt durch das schöne Bergische Land, häufig auf der Suche nach neuen Ideen. Zur Recherche seiner Bücher besucht er Burgen und mittelalterliche Märkte. Dabei gilt seine besondere Aufmerksamkeit den Grafen von Berg und deren Nachfolgern. In den Sommermonaten sitzt er gerne in Straßencafés, wo er immer wieder Gesten, Dialoge und das Verhalten seiner Mitmenschen studiert.

Drei Jungfrauenschicksale

1

Das Jahr des Herrn 1258 war kein gutes Jahr – nein, es war ein verfluchtes Jahr. Die drei Schweine waren nicht richtig fett geworden, und die kleine Schar an Hühnern hatte auch noch der Fuchs dezimiert. Die Schweine mussten sie für ihren Grafen mästen, während sie selbst kaum etwas zu essen auf dem Tisch hatten.

Der kleine Fronhof vor den Toren Huckengeswages war schäbig und heruntergekommen – die Kate hatte schon bessere Zeiten gesehen. Die beiden einzigen Zimmer wirkten eher wie ein Stall als eine Wohnstube. Hier wohnten nicht nur Georg, Adelheid und ihre Tochter Grimhild, nein, die Bauernfamilie musste die beiden Räume auch noch mit dem Federvieh teilen, das in den Zimmern seine Ausscheidungen und dementsprechend beißenden Gerüche hinterließ. Adelheid beförderte die Hinterlassenschaften der Tiere mehrere Male am Tag nach draußen.

Familie Feldmann hatte ein schweres Schicksal: Auf ihrem kleinen Stück Land trieb ein Fuchs sein Unwesen. Zwei ihrer kostbaren Hühner hatte Meister Rotpelz bereits erbeutet. Oft dachte Georg: »Ein Hund könnte wohl Abhilfe schaffen – doch womit sollten wir ihn füttern?« Hunde waren bei der einfachen Bevölkerung äußerst unbeliebt; es war höchstens anerkannt, dass sie zur Treibjagd abgerichtet wurden, ansonsten galten sie als unnütze Fresser. Doch hier auf dem Fronhof hätte Georg einen Wachhund gut gebrauchen können.

Im Auftrag des Grafen Arnold von Huckengeswage bewirtschaftete Familie Feldmann ein kleines Stück Land; sie waren Leibeigene und standen in seinem Lohn. Und mit dem Herrn Grafen war nicht zu spaßen, er war überall als harter Hund bekannt. »Wie soll ich das dem Schultheißen beibringen, wenn er seinen Zehent von uns verlangt?«, stöhnte Georg. So schloss er die restlichen Hühner kurzerhand in seine Wohnstube ein, wo sie ihm die Holzbänke und den Tisch verdreckten. Auch das fortwährende Gegacker der Vögel setzte ihm mächtig zu.

Am Abend stand Adelheid an der kleinen Feuerstelle und war soeben dabei, in ihrem gusseisernen Kessel einen Gemüseeintopf zu kochen. Georg und Grimhild saßen am Tisch vor ihren Holzschüsseln, hielten ihren Löffel in der Hand und warteten darauf, dass Adelheid ihnen gleich eine Kelle Suppe in die Schüssel goss. Auf dem Tisch stand ein Weidenkorb mit vier Tage altem Brot. Da sprang wieder eines der Hühner auf den Tisch und ließ einen weißen Kothaufen fallen. Als es gleich darauf gackerte und zum zweiten Mal ansetzte, verlor Georg die Geduld. Er packte das Huhn von hinten am Kopf und verdrehte diesen kräftig seitwärts. Ein knackendes Geräusch durchdrang den Raum, und das Huhn schlug wild mit den Flügeln. Blitzschnell zog Georg das Federvieh vom Tisch, beförderte es auf den Lehmboden der Stube und hielt es so lange fest, bis es unter seiner Hand erschlafft war. »Mein Gott, Mann, was hast du da gemacht!«, rief Adelheid aufgebracht und riss sich die Hände vors Gesicht. Sie fühlte, dass ihr Mann in seinem Wutausbruch gerade einen großen Fehler begangen hatte. »Wisst ihr was?«, rief Georg. »Der Fuchs frisst sich an unseren Hühnern satt, und wir kauen auf Möhren, Löwenzahn- und Brennnesselblättern herum. Jetzt ist Schluss damit – ich will endlich mal wieder ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen haben!« Er erhob sich, nahm sein Messer und ging zur Tür. »Ich bin gleich wieder zurück.« – »Warte, Vater«, sagte Grimhild, »ich helfe dir. Zu zweit geht es besser.«

Zwei Stunden später saß Familie Feldmann satt und zufrieden am Tisch, knabberte an den letzten Knochen und den knusprigen Flügeln – sie ließen keine Faser Fleisch übrig. »Von den Knochen koche ich uns für morgen eine kräftige Brühe«, sagte Adelheid. Nur die Möhren lagen unangetastet am Tellerrand, aber auch dafür würde sich ein Abnehmer finden – schließlich hatten sie ja noch drei magere Schweine, die sie für den Herrn Grafen mästen sollten. Auch hier stellte sich immer wieder die Frage: womit?

Der Sommer 1258 neigte sich dem Ende zu, als der Schultheiß des Grafen Arnold von Huckengeswage mit seinen Eintreibern vor der Stubentür der Feldmanns stand. Der Zehent musste gezahlt werden; so war das jedes Jahr, und es war immer das gleiche Elend. Der Schultheiß stieg von seinem Pferd und ging an den vor ihm liegenden Erzeugnissen vorbei. Sorgfältig hatte Georg sie vor seinem Haus aufgereiht. »Bleib nur ruhig«, flüsterte Adelheid ihrem Mann zu, »lass dich nicht reizen!« Sie kannte ihren Georg; er war so manches Mal leicht aufbrausend und hatte sich dann nur schwer im Griff.

»Das Gemüse sowie das Getreide kann ich ja noch gelten lassen, aber die Schweine sind eindeutig zu mager – die sehen aus wie ein Haufen wandelnder Knochen. Wo, bitte schön, ist denn da das Fleisch? Ihr habt sie wieder halb verhungern lassen. Und die Hühner – da fehlen doch einige!«, urteilte der Schultheiß und blickte dabei auf ein mitgeführtes Pergament. Es war seine Bestandsliste.

Georg baute sich vor dem Schultheißen auf: »Womit soll ich denn die Schweine füttern, wenn es nicht einmal für uns reicht? An dem Hühnerdrama ist ein Fuchs schuld, der uns immer wieder die Hühner stiehlt. Ich habe die Viecher schon im Hause eingeschlossen.« Die Erzeugnisse, die vor seinem Haus lagen, wurden von den Helfern des Schultheißen auf den mitgebrachten Karren geladen. Reinhold, einer der Helfer, beobachtete dabei die ganze Zeit über die junge Grimhild; er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Mit ihren vierzehn Jahren war sie körperlich bereits eine junge Frau. »Gerade reif«, dachte Reinhold, »wie ein praller, saftiger, schmackhafter Apfel, direkt zum Reinbeißen!« Ihr braunes Haar trug sie als Zopf, der in mehreren Windungen an ihrem Hinterkopf von einer Nadel zusammengehalten wurde. Unter ihrer Tunika malten sich zwei pralle Brüste ab. Reinhold bemerkte ihre Unsicherheit daran, dass sie die Arme vor ihrem Busen verschränkte und vor lauter Verlegenheit von einem Bein auf das andere wechselte. Dabei vermied sie es, ihn anzusehen. Sie kam ihm vor wie eine dieser schmackhaften Süßwassermuscheln vom Grunde der Weper, deren Schalen er nur noch öffnen müsste, um an das feste Fleisch zu kommen.

Georg und seine Frau Adelheid standen ein paar Schritt entfernt und sahen zu, wie die Helfer ihre mühsam erzeugten Waren auf den Karren verluden. In Georg breitete sich eine gewisse Wut aus. Wie so häufig, konnte er wieder einmal seine Zunge nicht im Zaume halten. »Das muss ja ein wahrlich berauschendes Gefühl sein, den armen Bauern ihre Erzeugnisse abzunehmen, ohne etwas dafür getan zu haben.« – »Meine Güte«, dachte Adelheid, »wie spricht er denn nur mit dem Vertreter unseres Grafen?« Der Schultheiß hatte die Worte genau verstanden: »Euch stich wohl der Hafer, hier solche Worte von Euch zu geben! Männer, nehmt diesen Bauernknecht fest! Ein paar Tage im Schandkorb dürften ihn schon wieder zur Vernunft bringen – er muss lernen, seine Zunge zu zügeln.« »Was?«, schrie Georg. »In einen Schandkäfig wollt Ihr mich stecken? Nicht mit mir! Jahrelang haben wir für unseren Grafen geschuftet, und es ist heute das erste Mal, dass wir den Zehent nicht erfüllen können – und das auch nur wegen eines Fuchses!« Zwei der Helfer wollten ihn an den Armen greifen und zu einem der Wagen bringen, aber Georg sprang zurück und griff nach seinem Knüppel, der an der Hauswand lehnte. Mit zwei gezielten Schlägen beförderte er die Helfer auf die Knie. Laut jammernd hielt sich der eine den Kopf, der andere presste seine Hand aufs Schulterblatt. Georg war zwar für einen Bauern nicht besonders kräftig gebaut, aber mit seinem Stock konnte er perfekt umgehen – damit war er äußerst schnell. Der Schultheiß war von dieser heftigen Gegenwehr überrascht und zog nun sein Schwert. Adelheid riss sich die Hände vors Gesicht und schrie: »Was machst du denn da, Mann? Du stößt deine ganze Familie ins Unglück!« Wieder einmal hatte sich Georg nicht im Griff gehabt. Immer wieder gab es Lebenslagen, in denen er sein Temperament nicht zügeln konnte.

Plötzlich standen drei Männer um Georg herum und hielten ihm ihre Spieße vor die Brust. »Ihr habt wohl einen Frosch gefrühstückt, so wie Ihr hier herumhüpft. Nehmt ihn fest!«, befahl der Schultheiß. »Schmeiß den Knüppel fort – du machst alles nur noch schlimmer!«, rief Adelheid verzweifelt. Die junge Tochter stand am Schweinetrog, hielt die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. In ihrem jungen Leben war sie trotz ihrer Armut gut behütet aufgewachsen und hatte sich nie zuvor in einer solchen Lage befunden. Diese Machtlosigkeit ließ sie am ganzen Körper zittern – solche Angst hatte sie bisher noch nicht erlebt.

Langsam begriff Georg, dass es zwecklos war, sich gegen die Übermacht der drei Helfer des Schultheißen zu wehren. Was hätte er mit seinem Stock schon gegen drei auf ihn gerichtete Spieße ausrichten können! Also ließ er entmutigt den Knüppel sinken. Sofort griffen die Helfer zu, drehten ihm die Arme auf den Rücken und banden sie mit Stricken fest. »Das wird dir teuer zu stehen kommen, du Burentroll!«, fauchte der Schultheiß ihn an und warf dabei einen lüsternen Blick auf die immer noch zitternde Grimhild. Der Schultheiß flüsterte einem seiner Männer etwas ins Ohr, dieser verzog sein Gesicht und lachte gehässig. »Aber natürlich, Herr, ganz wie es Euch vorschwebt«, gab er zur Antwort. Dann schnappten sie sich auch Adelheid, banden sie und warfen sie auf die Ladefläche des Fuhrwerkes, auf der bereits ihr Mann lag. Daraufhin verschwanden die Männer mit ihrer menschlichen Ladung in Richtung Huckengeswage. »Bitte, Herr, tut unserer Kleinen nichts an!«, rief Adelheid vom Wagen aus dem Schultheißen entgegen, so als ahnte sie, dass hier noch etwas passieren würde. Grimhild stand immer noch zitternd am Fresstrog und wusste nicht, wie ihr geschah. Der Schultheiß ging auf sie zu, nahm ihre Hand und sah sie mit einem Lächeln an: »Komm mit, mein pralles Täubchen. Ich werde dir einmal zeigen, wie schön das Leben sein kann. Ihr habt doch bestimmt in eurer Hütte ein weiches Lager!« – »Bitte Herr, bitte nicht«, stammelte Grimhild, die wusste, was nun auf sie zukam. Es war ja keine Seltenheit, dass sie am Brunnen mit ihren Freundinnen darüber gesprochen hätte. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten die Mädchen über die Liebe und über das erste Mal. Fast alle waren noch Jungfern, doch jede von ihnen träumte davon, dass eines Tages ein Ritter oder sogar ein Prinz sie entführen würde; ihrer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, doch die Wirklichkeit schien anderes mit ihnen vorzuhaben.

Der Schultheiß erblickte die Schlafstelle und warf Grimhild mit einem gezielten Stoß auf das Strohlager: »Komm, mein Täubchen, jetzt werden wir ein wenig Spaß haben, auch wenn du noch so kräftig mit deinen Flügeln schlägst. Selbst wenn du fliegen könntest – von hier gäbe es kein Entkommen für dich.« Er ließ sich auf die Knie sinken, öffnete das Waffengehänge, warf es beiseite und schob seine Tunika hoch. Grimhild zuckte und wand sich unter ihm wie ein an Land zappelnder Aal, doch den Kräften des Schultheißen hatte sie nichts entgegenzusetzen. Nun drückte er ihr die Beine auseinander und zerrte dabei an ihren Beinkleidern, bis er ihr braunes Dreieck freigelegt hatte. Gierige Schweißperlen machten sich auf seiner Stirn breit. »Ich bin wohl dein erster Mann, wie?« Er riss ihr das geschnürte Mieder auseinander und machte sich an ihrem Busen zu schaffen. Grimhild weinte bitterlich, versuchte sich immer wieder gegen den Schultheißen zu wehren, doch mit ihren geringen Kräften war sie dem Kerl gegenüber völlig machtlos. Nun fing er an, ihren Busen zu kneten, während er laut stöhnend in sie eindrang. Ein Schmerzensschrei kam aus ihrem Munde, und sie warf den Kopf hin und her. Aber all ihre Anstrengungen waren vergeblich. Wie ein wilder Stier stieß der Schultheiß zu und schnaufte ebenso. »Das erste Mal ist immer besonders aufregend, mein Täubchen!«

Irgendwann – Grimhild hatte jegliches Zeitgefühl verloren – hatte sie die Schändung endlich überstanden. Mit lautem Stöhnen ließ der Schultheiß von ihr ab, stand auf und zog sich wieder an: »So schnell werden deine Eltern nicht zurückkommen. Was hältst du davon, wenn ich dir des Öfteren einen kleinen Besuch abstatte? Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir ein nettes Paar abgeben werden!« Laut lachend verließ er das Haus, schwang sich auf seinen Gaul und ritt davon.

Mit verweintem Gesicht und noch etwas Stroh in den Haaren erhob sie sich, immer noch am ganzen Leibe zitternd. Sie griff nach einem Tuch, rannte hinaus zur Viehtränke, tauchte es ins Wasser und wusch sich gründlich zwischen den Beinen. »Ich bin beschmutzt«, jammerte sie, »mein Leben ist dahin!« Nach weiterer Reinigung ging sie zurück in die Hütte, warf sich auf ihren Strohsack und weinte bitterlich. Das hatten ihr die Mädchen vom Brunnen ganz anders geschildert.

Grimhild schlief erschöpft ein und wachte am nächsten Morgen von Albträumen gequält und schweißgebadet auf. Sie erhob sich und ging wie ein gehetztes Tier hin und her durch den Raum. Angst machte sich in ihr breit. Was, wenn der Schultheiß zurückkäme? Ihr das Gleiche erneut antun würde? Hier konnte sie nicht länger bleiben. Sie kam sich vor wie ein zerbrochener Tonkrug. Ihre behütete Jugend war mit einem Schlag beendet. Von jetzt auf gleich war sie ohne eigenes Zutun eine Erwachsene geworden.

Grimhild beschloss, das elterliche Haus für immer zu verlassen – doch wohin sollte sie gehen? Sie war mittellos und sich des Wagnisses bewusst, das sie nun eingehen würde. Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten in ein Laken, befestigte es an einem Tragestock, ging zur Feuerstelle und löste einen Stein aus der Wand. Hier hatte ihre Mutter ein kleines Geheimfach mit ein paar Pfennigen für den Notfall angelegt, der nun, so meinte sie, eingetroffen war. »Jetzt bestehle ich schon meine eigenen Eltern! Doch eines Tages«, sagte sie zu sich, »werde ich es ihnen zurückzahlen.« Weit würde sie mit den wenigen Pfennigen nicht kommen, sie waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein letztes Mal setzte sie sich für einen kurzen Moment an den schäbigen Küchentisch. Mit beiden Händen stützte sie den Kopf, der ihr zu zerplatzen drohte. Sie dachte an den letzten Winter, an vereiste Pfützen, auf die sie so gerne mit den Füßen sprang, und wie wundervoll sie es fand, wenn die Eisschicht mit einem knackenden Geräusch zerbrach und sich unzählige Risse im Eis bildeten. So ähnlich kam sie sich jetzt vor – als hätte ihr gesamter Körper Risse bekommen.

Ohne eine Vorstellung davon, was nun mit ihrem Leben, mit ihrer Zukunft passieren würde, machte sich Grimhild auf, den Hof zu verlassen. Ab heute musste sie ihr eigenes Leben finden. Ohne sich auch nur einmal umzublicken, verließ sie den Hof ihrer glücklichen Kindheit und begab sich zur Heerstraße, die sie in Richtung Lennep führte und von dort weiter in die große Stadt Colonia am Rhein. Dort wollte sie ein neues Leben beginnen.

2

Südlich der Schaafenstraße, zwischen den Straßen Rinkenpfuhl und Mauritiuswall gelegen, lag der Stammsitz der Patrizierfamilie Kleingedank. Neben den Overstolzen und weiteren Patrizierfamilien waren auch die Kleingedanks eine mächtige Kölner Familie, die seit Jahren in der Stadtpolitik mitmischte und manchen Bürgermeister gestellt hatten. Es war im Jahr 1258, kurz vor dem Weihnachtsfeste. Die Familienmitglieder saßen gemeinsam beim vorweihnachtlichen Abendmahl im kleinen Speisesaal ihres Hauses. Hildeger Kleingedank, der Patriarch der Familie, saß am Tisch vor Kopf neben seiner Frau Anne. Jeweils zwei seiner vier Töchter saßen an der Seite des schweren Eichentisches. Am unteren Ende nahm seit Jahren Hildegers Vater mit seinen vierundsiebzig Jahren platz. Vor Kurzem noch hatte Anne Kleingedank gemeint: »Dein Vater wird alt wie eine Schildkröte, und so beweglich ist er auch.« – »Ja, so ist das, mein Vater ist zäh wie der Rand einer mit Knorpel und Fett durchzogenen Rinderhälfte.«

Der Stammsitz der Kleingedanks war kein gewöhnliches Haus, es erinnerte mehr, zumindest von der Inneneinrichtung her, an ein kleines Prunkschloss. Die Wände waren mit schweren Gobelins behangen, auch besaß das Haus richtige Fensterscheiben, die in Bleiverglasungen gefasst waren. Dies hatte den Vorteil, dass es in den kälteren Monaten nicht so im Hause zog. Verglasungen waren so kostspielig, dass sich so etwas bis auf einige Patrizierfamilien nur noch die Kirchen leisten konnten.

Hildeger sah seine Töchter an. Wie gerne hätte er einen Sohn gehabt, einen Erbfolger! Alle vier waren hübsche und aufgeweckte Weibsbilder, aber auch durch seine Frau völlig verzogen. Leider hatte es nicht für einen Jungen gereicht, Gott hatte es wohl so gewollt. Vor ein paar Tagen sprach er noch mit seinem Freund Gottfried Hardevust über das Thema. Dieser war Junggeselle und bewohnte ein Haus am Heumarkt. »Weißt du, Gottfried, ich habe vier Töchter – sag mir, was ich falsch gemacht habe!« – »Ach, alter Freund, das kann nur an deinem Weibe liegen, und die ist nun zu alt, um weitere Kinder zu bekommen. Die Kutsche ist abgefahren!«, war seine Antwort.

Die Magd Margarete betrat den kleinen Saal: »Das Essen ist angerichtet – darf ich es auftragen, Herr?« Hildeger Kleingedank winkte mit der Hand: »Ja, Margarete, ich bitte darum.« Die Magd drehte sich um und begab sich in die Küche, um die ersten gefüllten Silberplatten zu holen. »Ach, Margarete«, dachte Hildeger, »wenn es dich nicht gäbe!« Für den Hausherrn war die Magd die perfekte Abwechslung in seinem Kaufmannsleben. Sie besaß alles, was seine Frau nicht hatte und wofür er schwärmte. Margarete war groß gewachsen, hatte einen straffen Busen, lange Beine und ein verführerisches Gesicht. Wenn sie ihn mit ihren Augen anstrahlte, war es um Hildeger geschehen. Sie besaß kleine Lachfältchen in den Augenwinkeln, und ihr Blick versprühte Feuer und Temperament. Jede Gelegenheit nutzten die beiden aus, um ihrem Liebesspiel zu frönen. Immer, wenn die Kinder mit ihrer Mutter das Haus verließen, machten sich die beiden übereinander her und lebten ihr Laster aus.

Margarete betrat den Saal mit zwei gefüllten Silberplatten, auf dem Fasane angerichtet waren. Knusprig gebraten, auf den eigenen bunten Federn liegend, sahen sie zum Anbeißen aus. Geschmückt hatte der Koch das silberne Tablett mit Äpfeln, Birnen und verschiedenen Kräutern. Opa Kleingedank hielt schon sein Messer in der Hand: »Das sieht aber wieder einmal gut aus. Alles, was Flügel hat und herumflattert, mag ich ganz besonders gern. Lieber als das zähe Schweine- und Rindfleisch – und die bunten Federn können wir noch an den Hutmacher verkaufen«, stammelte er mit seinen restlichen acht Zähnen im Mund. »Ich kann den Alten nicht mehr sehen und hören«, flüsterte Anne Kleingedank ihrem Manne ins Ohr. Da der Alte schwerhörig war, bekam er das meiste sowieso nicht mehr mit. Die Bediensteten brachten weitere gefüllte Schüsseln – einen Topf mit einer fetten Tunke, gekochte Möhren und Kohl, dazu einen Laib frisches Brot. Den Kleingedanks mangelte es an nichts.

»Morgen werde ich mit den Kindern noch einmal Besorgungen erledigen«, sagte Anne zu ihrem Mann. Der war froh und nickte: »Ja, macht das – ich habe noch viel zu arbeiten so kurz vor dem Feste, Lieferscheine kontrollieren, Bestellungen schreiben und Gehälter auszahlen.« Während er dies sagte, warf er seiner Magd Margarete einen lüsternen Blick nach. Er dachte dabei an alles andere, nur nicht an Lieferscheine. Wieder einmal könnte er mit Margarete seine Gefühle ausleben, und was ihm besonders an der Sache gefiel, war, dass seine Magd es genau so gerne mit ihm trieb.

»In drei Stunden werde ich zurück sein«, rief Anne am folgenden Tag ihrem Manne zu, der hinter seinem Schreibtisch saß und unter seinem Tisch bereits mit seinem Wertesten spielte. »Ja, ja, lass dir ruhig Zeit!« Als er die Türe ins Schloss fallen hörte, rief er: »Margarete, sie sind fort, du kannst jetzt kommen.« Diese Aufforderung brauchte sie kein zweites Mal. Ihrer Beinkleider hatte sie sich bereits entledigt, sodass sie nur noch ihre lange Gewandung trug, so wie es der edle Herr am liebsten mochte. Ohne eine weitere Anweisung abzuwarten, ging sie ins Kontor, beugte sich über den Schreibtisch und zog sich den Rock bis zu ihrem Kopfe hoch. »So ist es brav, mein Kind!«, stammelte Hildeger und steckte von hinten sein Glied in das schwarze Dreieck. Ein gemeinsames Stöhnen drang durch das Kontor. »Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet!«, sagte der Herr des Hauses. Er fasste ihre Oberschenkel und zog ihren Hintern im Takt auf sich zu.

Doch nun sollte etwas passieren, was das Leben der Magd von heute auf morgen verändern würde. Während ihres Beilagers öffnete sich leise die Tür und Anne Kleingedank stand urplötzlich mit offenem Mund im Raum und staunte nicht schlecht. Was sie in diesem Moment sah, verschlug ihr glatt die Sprache. Sie hatte nur die Geldkatze vergessen und sie noch schnell holen wollen. Hildeger und Margaret hatten von ihrem Erscheinen noch nichts bemerkt, bis Anne Kleingedank plötzlich laut aufschrie: »Ihr Schweine, was treibt ihr denn da?« Nun war es keine Seltenheit, dass sich Adelige, Ritter oder auch Patrizier am eigenen Personal zu schaffen machten, doch das hier, so war sie der Meinung, ging entschieden zu weit. Schnell sprangen die beiden hoch und sortierten ihre Kleider. »Raus mit dir, du geiles Weibsbild! Kaum verlässt man das Haus, da machst du dich über meinen Mann her, schämen solltest du dich!«, schrie sie die Magd an. Wie aus dem Nichts stand nun auch Opa Kleingedank im Türrahmen: »Bravo, mein Junge, gib’s dem Weibsbild! Das erinnert mich an meine Jugend.« – »Raus hier!«, rief Anne Kleingedank, »verschwinde auf dein Zimmer! Das hier geht dich nichts an.« – »Och, das habe ich aber schon ein paar Mal beobachtet, das macht einem Manne doch richtigen Spaß.« Kichernd wandte sich Opa Kleingedank um und murmelte: »Gute Güte, so einen Hintern würde ich auch gerne noch einmal in meinen Händen halten – wäre ich doch nur zwei Jahre jünger …« – »Zwei Jahre!«, warf ihm seine Schwiegertochter an den Kopf. »Zwanzig Jahre, du Lüstling!«

Anne ging auf die Magd zu: »Pack dein Bündel – in zehn Minuten bist du hier verschwunden!« Dann ging sie zu ihrem Mann und packte ihn am Ärmel seiner Tunika: »Du kommst mit, wir haben zu reden.« Die beiden gingen in Hildegers Arbeitszimmer: »Was hast du dir nur dabei gedacht! Bis jetzt waren wir glücklich verheiratet, haben vier gesunde Töchter, und du treibst es mit unserer eigenen Magd.« Verlegen sagte ihr Mann: »Ich weiß es auch nicht, entschuldige bitte, aber ständig versucht sie, mich zu verführen. Sobald du das Haus verlässt, prahlt sie mit ihren Reizen, ich kann mich dagegen nicht wehren.« Anne Kleingedank wusste, dass Margarete über zehn Jahre jünger war als sie. Auch erkannte sie genau den gewissen Reiz ihrer Jugend, und auch Margaretes Körper war nicht von schlechten Eltern, doch konnte sie dieses Verhalten nicht durchgehen lassen. »Ich muss jetzt zu unseren Kindern, sie warten vor dem Haus auf mich. Wir reden heute Abend weiter, aber die Magd muss weg.« Hildeger nickte: »Ja, Frau«, gab er klein bei, »ich kümmere mich darum.« Anne verließ das Haus, und ihr Mann begab sich erneut zu der Magd. »Das war es dann wohl; aber mach dir keine Gedanken, ich kümmere mich um dich.« Er schritt zu seinem Schreibtisch, nahm die Feder auf und schrieb etwas auf ein Stück Pergament. »Hier, das ist die Adresse meines Freundes Gottfried Hardevust, er wohnt am Heumarkt, direkt neben dem Bürstenmacher. Gehe zu ihm, er wird dich als Magd einstellen. Ich werde dich des Öfteren dort besuchen.« Zum Schluss gab er ihr noch ein paar Silberlinge.

»Ist sie verschwunden?« – »Ja Weib, ich habe ihr fristlos gekündigt. So etwas wird sicherlich nicht mehr vorkommen; verzeih mir bitte«, klagte Hildeger seiner Frau. »So wollen wir es dabei bewenden lassen«, sagte Anne. Weiter konnte sie nicht gehen, das wusste sie genau. Ihr Mann war so mächtig, dass sie bei einer Trennung in allen Bereichen den Kürzeren gezogen hätte, und dabei konnte sie nur äußerst schlecht abschneiden und dazu auch noch das Gesicht verlieren.

Es wurde trotz allem noch ein besinnliches Weihnachtsfest, obwohl Hildeger sich beim Anblick seiner Familie so seine Gedanken machte. Seine Frau saß wieder neben ihm, vor Kopf der plappernde Vater und an den Seiten des Tisches, wie die Hühner auf der Stange, seine stets unzufriedenen Töchter. So richtig wohl fühlte er sich in seinem eigenen Haus nicht. »Was mache ich hier eigentlich noch?«, fragte er sich immer häufiger. Auf die Fragen der Kinder, wo denn Margarete sei, gab man ihnen die Antwort, sie hätte eine neue Anstellung bei einem anderen Patrizier gefunden, und das war ja auch nicht gelogen. Das wusste aber nur der Herr des Hauses.

So kam es dazu, dass Hildeger im neu angebrochenen Jahr vermehrt Handelsbeziehungen zu seinem Freund Gottfried Hardevust aufnahm, wobei er ihm regelmäßig Besuche abstatten musste, die er mit einem kleinen Besuch bei Margarete verknüpfte. Im Frühjahr 1259, als er seine ehemalige Magd erneut besuchte, unterbreitete sie ihm die Nachricht, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Hildeger zog die Brauen hoch und meinte: »Falls es ein Junge werden sollte, kann es mir nur recht sein.« In diesen Kreisen war es keine Seltenheit, einen Bastard zu haben, so bereitete ihm die Neuigkeit keine besonderen Sorgen. »Meine gute Margarete, mach dir deshalb keine Sorgen, ich werde für euch aufkommen.« Sein Freund Gottfried Hardevust nahm das Ganze mit einem Lächeln hin: »Vielleicht klappt es ja noch mit einem männlichen Nachfolger«, sagte er süffisant.

3

Direkt neben dem Aachener Tor besaßen die Trautheims den Gasthof »Zum Aachener Tor«. Er befand sich seit Jahrzehnten in Familienbesitz – genauer gesagt in der dritten Generation. Wilhelm Trautheim führte den Gasthof; seine Frau Irene arbeitete Abend für Abend in der Küche, um die Gäste mit schmackhaftem Essen zu verwöhnen. Sie war in Colonia für ihre gutbürgerliche Küche bekannt. Ihre 15-jährige Tochter Agnes übernahm das Bedienen der Gäste. »Ich weiß nicht«, sagte Wilhelm zu seiner Frau, »aber irgendwie vernachlässigt unsere Tochter immer häufiger ihre Arbeit. Sie redet fast nur noch mit den jungen Burschen; den älteren Gästen knallt sie regelrecht das Bier und das Essen auf den Tisch.« – »Das liegt daran, dass unsere Kleine langsam erwachsen wird. Ist dir das noch nicht aufgefallen?« – »Ach so, das heißt, wenn man erwachsen wird, kann man die Arbeit auf der halben Arschbacke erledigen?«, murrte Wilhelm. Seine Frau schmunzelte: »In ihrem Alter hat man halt auch etwas anderes im Kopf. Dazu zählen jetzt die jungen Burschen.« Wilhelm schnalzte mit der Zunge: »Dir ist aber bewusst, dass die jungen Männer auch bestimmte Vorstellungen in ihren Köpfen mit sich herumtragen?« – »Wir sollten unsere Kleine vermehrt im Auge behalten«, sagte Irene und ging zurück in die Küche.

Zur Vesper füllte sich der Gasthof, wie jeden Abend. Meistens waren es Händler, Kaufleute und Handwerker, die zum Abendessen kamen. Die Handwerker waren überwiegend an der Dombauhütte beschäftigt. Viele gingen nach dem Essen, andere – die sogenannten Zecher – blieben bis zum Ladenschluss. Als der letzte Gast schwankend den Gasthof verließ, stand Wilhelm mit zwei Besen in den Händen im Raum: »Jetzt müssen wir noch ausfegen und die Vorbereitungen für den morgigen Tag treffen.« – »Ich bin es leid, bin müde und muss ins Bett«, stöhnte Agnes. »Komm, ich helfe dir«, sagte ihre Mutter. »Die Stühle hoch auf die Tische, und dann fegen wir die Sägespäne auf die Straße – die Essensreste holen sich die Ratten.« Widerwillig ergriff Agnes den Besen und fegte die Gaststube aus.

Am darauf folgenden Abend betraten vier Steinmetze die Gaststube; sie bestellten Essen und Dünnbier. Alle Burschen waren so um die zwanzig Jahre alt und genossen es förmlich, mit der hübschen Wirtstochter zu flirten. Während ihrer kurzen Gespräche fand Agnes heraus, dass die vier Burschen auf der Dombaustelle arbeiteten. Einer gefiel ihr ganz besonders, sein Name war Walter. Er schmeichelte ihr an dem Abend häufig und fragte sie auch, ob sie ihn nicht einmal auf der Baustelle besuchen wollte. Agnes lächelte und meinte: »Schon möglich.« Wie Blitze funkelten sie sich mit den Augen an, und am Abend, als Agnes in ihrem Bette lag, merkte sie, dass sie sich in den Steinmetz verliebt hatte. Sie fuhr mit der Hand unter die Decke; ein wohliges Gefühl durchströmte ihren Körper. Als sie endlich einschlief, träumte sie von Dingen, die sie niemandem hätte erzählen dürfen.

Am nächsten Tag war der Gasthof wie immer um die Mittagszeit geöffnet, danach war geschlossen bis zur Vesper. Diese vier Stunden wollte Agnes nutzen, um die Dombaustelle aufzusuchen. Neugierig, wie sie nun einmal war, wollte sie dem Steinmetz Walter einen Besuch abstatten. So schlenderte sie vom Gasthof durch Colonia, bis sie die Baustelle erreicht hatte. Aber so einfach war das alles nicht. Hier bei der Vielzahl der Arbeiter jemanden zu finden, war nicht ganz so leicht. Es war wie mit der berühmten Nähnadel im Heuhaufen. Ihr blieb ihr nichts anderes übrig, als sich bei den Arbeitern nach den Steinmetzen und deren Aufenthaltsorten durchzufragen. Überall wurde gewerkelt, gesägt und gehämmert. Riesige Gerüste standen an verschiedenen Mauern des Domes. Mit unzähligen Männern hinter sich kam der Erzbischof von Colonia, Konrad I. von Hochstaden, im Ornat und mit der Mitra an ihr vorbei. »Was für ein mächtiger Mann!«, dachte Agnes. Wild fuchtelte er mit den Armen um sich, zeigte dabei auf bestimmte Punkte am Dom, so, als wollte er den Männern etwas zeigen. Wie es aussah, dachte Agnes, waren die Männer allesamt Handwerker des Doms. Als die Herren an ihr vorbeigegangen waren, hatte sie einen freien Blick auf das Gerüst. Endlich entdeckte sie ihn, oben auf dem zweiten Laufgang. »Fleißig bei der Arbeit?«, rief sie zu ihm hinauf. Als Walter sie erkannte, winkte er ihr zu: »Einen Moment, ich komme hinunter.« Er kletterte die Stufen der Leiter hinab und sprang den letzten Schritt auf den Boden: »Schön, dass du mich besuchen kommst! Einen Moment, bitte.« Er ging zu seinem Vorarbeiter, sprach kurz mit ihm und kam zurück: »Ich habe mich für eine halbe Stunde abgemeldet. Komm, lass uns ein wenig gehen.« Kühn griff er nach ihrer Hand und die beiden schlenderten zum Heumarkt. Agnes schwebte auf Wolke sieben.

4

Ein Gebäude am Osttor der Stadt, im Jahre 1261. Böse, weibliche Zungen behaupteten, es sei das Hurenhaus vom Rhein. Es gab aber auch eine Menge Leute, hauptsächlich Männer, die der Meinung waren, es sei das Haus der schönen Mädchen, oder wie es auch genannt wurde, das »Haus der kleinen Sünden«. Dieses angeblich verruchte Gebäude befand sich am Boots- und Fähranleger, direkt am Kölner Ufer. Margarete und Grimhild saßen im Zimmer von Agnes, die gerade dabei war, ihren Freundinnen eindringlich ihre Lebensgeschichte zu schildern.

Grimhild sagte: »Erzähl weiter! Ihr seid also durch Colonia geschlendert … wie geht die Geschichte weiter« – »Nun, ich muss überlegen, es ist ja schon fast drei Jahre her. Ich war mit Walter auf dem Heumarkt. Wir gingen zu einem Brunnen, setzten uns, er legte seinen Arm um meine Schultern. Ich hatte mich über beide Ohren in ihn verliebt und ich glaube, jetzt im Nachhinein, er ahnte es. Er zog mich an sich heran und gab mir einen langen Kuss. Mein ganzer Körper fing an zu pulsieren, nie zuvor hatte ich solche Gefühle erlebt. So etwas in der Öffentlichkeit war selbst für die große Stadt Colonia eine Dreistigkeit. Viele Bürger sahen uns verächtlich an. Wir störten uns aber nicht an den Blicken der fremden Leute, bis plötzlich mein Vater mit hochrotem Kopf vor uns stand. Er griff nach meiner Tunika, zog mich hoch und brüllte: ›Du Schlampe, vergnügst dich hier mit einem Kerl, mitten auf dem Heumarkt. Du ruinierst unsere Familie, mein Geschäft und unseren guten Namen!‹ – ›Aber ich habe doch nur …‹, da landeten seine fünf Finger in meinem Gesicht. Er hatte mir eine laut schallende Ohrfeige verpasst. Walter sprang auf und wollte mich vor meinem jähzornigen Vater schützen. ›Setz dich, du geiler Bock! Machst dich hier an Kinder ran! Und du, Agnes, kommst jetzt mit nach Hause.‹ Nun machte ich mich groß: ›Das lasse ich mir von dir nicht bieten. Ich liebe Walter und bleibe bei ihm, da kannst du so lange herumschreien, wie du willst!‹ Mein Vater überlegte kurz, bevor er in drohendem Tonfall sagte: ›Gut, wenn das so ist, dann hol deine Sachen und verschwinde von hier. Ab jetzt haben wir keine Tochter mehr. Betritt unseren Gasthof nie wieder! In einer Stunde bist du verschwunden.‹ Und er drehte sich um und ging.«

Grimhild und Margarete sahen sich an: »Bei der heiligen Magdalene, ist das aufregend!«, sagte Grimhild und ergriff ihren Becher. »Zum Verschnaufen erst mal einen Schluck Wein – prost, Mädels!« Die drei Freundinnen stießen an und nahmen einen kräftigen Zug aus ihren Bechern. »Was passierte danach?«, fragte Margarete. – »Nun, ich ging mit Walter zum Gasthof, packte mein Bündel und verließ, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, unser Haus. Meine Mutter war nicht dort gewesen, sie besorgte auf dem Markt einige Zutaten fürs Essen. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen. Meinen Vater würdigte ich keines Blickes. Für drei weitere Tage wohnte ich bei Walter. Er hatte ja einen mündlichen Vertrag mit der Dombauhütte, den er beim Baumeister auflöste. Er plante, zurück nach Dortmund zu gehen, von wo er stammte. Dortmund war und ist immer noch die Stadt des Bieres, und dieses Gesöff sollte noch eine tragende Rolle in unserer Beziehung spielen. ›Ich verdiene dort zwar etwas weniger als hier in Colonia, aber es dürfte dennoch für uns beide reichen. Außerdem habe ich keine Lust, hier deinem Alten ständig über den Weg zu laufen‹, war seine Meinung, und so gingen wir nach Dortmund.

Zunächst war alles gut, wir fanden ein Zimmer, er hatte schnell Arbeit und wir liebten uns fast täglich. Ich hielt das Zimmer sauber, kochte für ihn und – das muss ich leider sagen – ich verwöhnte ihn viel zu sehr. Sechs Monate lang stimmte die Harmonie, doch dann fing er an, nach Feierabend mit seinen Freunden Wirtshäuser aufzusuchen, was mir gegen den Strich ging. Immer häufiger musste ich auf ihn warten. Oft kam er betrunken nach Hause, warf sich auf sein Bett und schlief ein. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Zunächst sagte ich nichts dazu, doch eines Tages war meine Geduld zu Ende und ich stellte ihn zur Rede. Ich wartete auf eine günstige Gelegenheit: ›Soll das jetzt immer so weitergehen? Kommst du jetzt nur noch betrunken nach Hause? Bedeute ich dir nichts mehr?‹, fragte ich ihn. Er sah mich böse an; diesen Blick war ich nicht gewohnt, den hatte ihn noch nie zuvor bei ihm gesehen. ›Was bildest du dir eigentlich ein? Ich gehe hier jeden Tag schwerster Arbeit nach, und du hängst den ganzen Tag hier herum und musst mir auch noch Vorwürfe machen. Was ist denn das für ein Leben? Such dir gefällig eine Arbeit und hör mit dem Gemeckere auf!‹ Ich dachte, ich hörte nicht richtig. ›In unserem Gasthof in Colonia habe ich genügend Männer erlebt, die dem Bier und dem Wein zusprachen. Das ist nie gut ausgegangen.‹, antwortete ich ihm. Er kam auf mich zu und sah mich böse an: ›Wenn dir das nicht passt hier, geh doch zurück in euren Gasthof, ich halte dich bestimmt nicht fest!‹, sagte er, drehte sich um und warf seinen müden, betrunkenen Körper auf den Strohsack, wo er auch schnell einschlief. Mir blieb der Mund offen stehen. Ich habe nie herausbekommen, was die Ursache seiner plötzlichen Veränderung war.

Es ging noch zwei Wochen so weiter, bis ich erneut eine Aussprache suchte, doch dieses Mal endete es in einem Unheil. Er schlug mir mehrere Male die Hand ins Gesicht. Das war für mich der Zeitpunkt, ihn zu verlassen. Am nächsten Morgen kratzte ich das restliche Geld zusammen und verließ Dortmund für immer.«

»Gute Güte, ganz schön aufregend, das Ganze«, sagte Grimhild. Margarete zog ihre rechte Braue hoch, das machte sie immer, wenn sie weitere Fragen hatte: »Und wie bist du hier in unsere Einrichtung gekommen?« – »Das kann ich euch schnell erzählen. Das Geld war zügig verbraucht. Ich versuchte mich als Magd oder als Küchenhilfe. Egal, die Hauptsache war, etwas Geld zu verdienen. Weit kam ich damit nicht, so arbeitete ich in verschiedenen Gasthöfen, wo die Männer mir bestimmte Angebote machten. Sie boten mir so viel Geld, dass ich dafür einen halben Monat hätte arbeiten müssen. Eines Tages, das Geld war verbraucht, ging ich auf das erste Angebot ein. Bald merkte ich, wie einfach man zu schnellem Geld kommen konnte. Ja, und eines Tages landete ich hier – damit ist meine Geschichte zu Ende.«

»Heute, bei diesem Dauerregen, werden wir keine Freier mehr bekommen. Jetzt bist du an der Reihe, Grimhild«, sagte Agnes. Grimhild räusperte sich: »Ähnlich, es war ähnlich wie bei dir. Nach der Schändung durch den Schultheißen verschwand ich aus Huckengeswage. Zunächst kam ich nach Lennep, in die Tuchmacherstadt. Mir ging es genau wie dir. Die Armut brachte mich fast um, aber ich bekam fast täglich Angebote von Männern. Nach der Schändung durch den Schultheißen weigerte ich mich standhaft, für fremde Männer meinen Rock zu heben. Ich hatte Hunger, der Magen knurrte, ich schlief in Scheunen; wenn ich Glück hatte, fand ich etwas Stroh. Doch was sollte ich machen, wenn der Winter käme? Da sagte ich zu mir: ›Gut, ich mache es, aber nur mit ganz jungen Männern!‹ Alte Haut wollte ich nicht an meinem Körper spüren. Nun war es aber so, dass die jungen Männer nicht gerade über größere Geldsummen verfügten, also blieb mir nicht viel übrig, als es auch mit den Greisen zu treiben. Bald kam die Erfahrenheit, schnell lernte ich, mich immer besser zu verkaufen, doch dieses Umherziehen, die Unsicherheit bereiteten mir Angst, was auch der Grund dafür war, mich hier zu bewerben. Hinter vorgehaltener Hand wurde über mich getuschelt. Als Wanderhure haben sie mich bezeichnet. Den Rest kennt ihr ja.«

»Da heute wohl der Tag der Wahrheit und der Erzählungen ist, möchte ich euch meine Geschichte ebenfalls mitteilen«, sagte Margarete. »Auch ich hatte eine glückliche Kindheit, bis zu einem bestimmten Tag. Mein Vater – Gott hab ihn selig – war Rheinfischer, er war stolzer Besitzer eines Nachens. Das ist ein kleines Fischfangboot, es wird auch Stocherkahn genannt. Er betrieb die Reusenfischerei. Die gefangenen Fische, hauptsächlich waren es Aale, wurden geräuchert. Ein Teil blieb für uns, einen anderen Teil verkauften wir an die Gasthäuser. Fast täglich hatten wir Fisch auf dem Teller. Wir waren zwar nicht reich, konnten uns aber einigermaßen den Bauch füllen.

Dann kam der Tag, der unser Leben verändern sollte. Mein Vater kam nicht mehr vom Fischfang zurück. Etliche Schritt stromabwärts wurde sein leerer Nachen mit dem Kiel nach oben auf einem Kiesbett angespült gefunden. Meinen Vater fand man nicht. Der Hauptmann meinte, sein Boot wäre wohl gekentert und mein Vater ertrunken. Hinzu kam noch, dass er nicht schwimmen konnte.

Nun hatten wir keine Einnahmequelle mehr. Meine Mutter brachte mich als Magd im Hause des Patriziers Kleingedank unter. Der hatte nichts Besseres zu tun, als mich schleunigst zu entjungfern. Ich muss gestehen, das abwechslungsreiche Liebesspiel gefiel mir. Ich trieb es recht gerne mit ihm. Kurz darauf starb dann noch meine Mutter vor lauter Gram. Wie gesagt, wurde ich also von dem Patrizier schwanger. Das Ergebnis ist nun fast drei Jahre alt. Ich nannte den Kleinen Johannes, ihr Mädels kennt ihn ja zu gut und habt ihn lieb gewonnen. Zu dem Zeitpunkt lebte ich bei Hildegers Freund Gottfried Hardevust. Anne Kleingedank, Hildegers Frau, die uns erwischt hatte, kannte keinen Kompromiss, ich musste das Haus verlassen. So vermittelte Hildeger mich zu seinem besten Freund, wo ich wieder als Hausmagd unterkam.

Das Leben bei Gottfried Hardevust war nicht schlecht. Da er wusste, dass ich eine Liebschaft mit Hildeger hatte, seinem besten Freund, und dass ich bereits schwanger war, ließ er mich in Ruhe. Nach der Geburt des Sohnes wollte Hildeger mir ein Zimmer besorgen und sich um mich kümmern. Er war stolz, nun einen Jungen zu haben, auch wenn er ein Bastard war. Er versprach mir die schönsten Dinge dieser Welt. Hätte ich eingewilligt, wäre ich völlig von ihm abhängig gewesen – das konnte ich mir nicht antun. Gottfried Hardevust wollte mich inzwischen auch loswerden. Ihn verdross das Geschrei meines Sohnes. Hildeger war beleidigt und ließ sich eine Zeit lang nicht mehr bei mir blicken. So kam ich hierher. Die Hureneltern nahmen mich auf, und so endete ich genau wie ihr als Hübschlerin. Wo ist denn mein Junge eigentlich?«, fragte Margarete nach. »Der ist unten im Empfangsraum und spielt mit den anderen Mädchen«, gab Grimhild preis. »Ja, er ist überall im Hause beliebt, ich bin froh, dass er hier angenommen wird; nicht jeder nimmt eine Hübschlerin mit einem kleinen Jungen auf«, sagte Margarete. – »Schön, dass wir über alles plaudern konnten! So ein Dauerregen, wie er da draußen tobt, hat auch manchmal gewisse Vorteile: Da bleiben die Freier aus«, meinte Grimhild. – »Aber auch das Geld«, grinste Agnes.

Drei Freundinnen im Hurenhaus

5

Das »Haus der Huren« oder das »Haus der hübschen Mädchen« waren Namen, die das Volk erfunden hatten. Der wirkliche Name der Einrichtung, und der stand auch über der Eingangspforte, lautete »Haus der kleinen Sünden«. Es war eines von vielen hier in der Umgebung von Colonia, es hatte aber auch eine gewisse Auszeichnung. Zwölf Mädchen zwischen fünfzehn und dreißig Jahren boten hier ihre Dienste an. Geführt wurde das »Haus der kleinen Sünden« von einem Ehepaar, was eine Seltenheit darstellte. Hannes und Hanna hießen die Betreiber. Hanna war für die Sauberkeit zuständig und kümmerte sich um die kleinen Wehwehchen der Mädchen. Ihr Mann Hannes sah sich die Freier genauer an – nicht jeder Strauchdieb bekam hier Zutritt gewährt. Es gab schon eine gewisse Prüfung. Viele Stammkunden kamen regelmäßig. Dazu zählten Seeleute, Patrizier, Kaufleute, Händler, aber auch Handwerker, so sie denn sauber waren.

Ohne Verhütungsmittel durfte kein Freier mit einer Hübschlerin verkehren, das war eine Grundvoraussetzung. So pflegten Hannes und Hanna gute Verbindungen zu einigen Fleischhauern und Abdeckern, die ihnen die nötigen Schweinedärme zur Verhütung besorgten. Man konnte dieses Haus schon als recht edel bezeichnen. Kein anderes Hurenhaus am Rhein wurde so unbeirrbar in der Auswahl der Freier und in Bezug auf die Sauberkeit geführt. Das hatte sich in den Jahren herumgesprochen. Hannes begutachtete die neuen Freier und erledigte den geldlichen Teil des Geschäftes. Genauestens führte er die Kerbhölzer der Mädchen. Einmal im Monat wurde abgerechnet. Aufgeteilt wurde das Geld wie folgt: Die Mädchen mussten einen Anteil für ihre Zimmer bezahlen, was nicht gerade wenig war. Einen Teil legte Hannes für die Ratsherren der Stadt Colonia beiseite, die sogenannte Pacht, und den Rest teilten er und seine Frau mit den Mädchen auf. Es war so etwas wie eine Teilhaberschaft, was es in dieser Form nicht ein zweites Mal am Rhein gab.

Die meisten Mädchen sprachen von einer Übergangslösung. Sie wollten Geld beiseitelegen, um nach ein paar Jahren auszusteigen. Dabei dachten sie daran, einen kleinen Laden zu eröffnen oder einen Handel zu betreiben, Hauptsache, wieder ein gewöhnliches Leben zu führen. Manch eine wechselte die Stadt und zog irgendwohin, wo man sie nicht kannte.