Drei Jungfrauenschicksale
1
Das Jahr des Herrn 1258 war kein gutes Jahr – nein, es war ein verfluchtes Jahr. Die drei Schweine waren nicht richtig fett geworden, und die kleine Schar an Hühnern hatte auch noch der Fuchs dezimiert. Die Schweine mussten sie für ihren Grafen mästen, während sie selbst kaum etwas zu essen auf dem Tisch hatten.
Der kleine Fronhof vor den Toren Huckengeswages war schäbig und heruntergekommen – die Kate hatte schon bessere Zeiten gesehen. Die beiden einzigen Zimmer wirkten eher wie ein Stall als eine Wohnstube. Hier wohnten nicht nur Georg, Adelheid und ihre Tochter Grimhild, nein, die Bauernfamilie musste die beiden Räume auch noch mit dem Federvieh teilen, das in den Zimmern seine Ausscheidungen und dementsprechend beißenden Gerüche hinterließ. Adelheid beförderte die Hinterlassenschaften der Tiere mehrere Male am Tag nach draußen.
Familie Feldmann hatte ein schweres Schicksal: Auf ihrem kleinen Stück Land trieb ein Fuchs sein Unwesen. Zwei ihrer kostbaren Hühner hatte Meister Rotpelz bereits erbeutet. Oft dachte Georg: »Ein Hund könnte wohl Abhilfe schaffen – doch womit sollten wir ihn füttern?« Hunde waren bei der einfachen Bevölkerung äußerst unbeliebt; es war höchstens anerkannt, dass sie zur Treibjagd abgerichtet wurden, ansonsten galten sie als unnütze Fresser. Doch hier auf dem Fronhof hätte Georg einen Wachhund gut gebrauchen können.
Im Auftrag des Grafen Arnold von Huckengeswage bewirtschaftete Familie Feldmann ein kleines Stück Land; sie waren Leibeigene und standen in seinem Lohn. Und mit dem Herrn Grafen war nicht zu spaßen, er war überall als harter Hund bekannt. »Wie soll ich das dem Schultheißen beibringen, wenn er seinen Zehent von uns verlangt?«, stöhnte Georg. So schloss er die restlichen Hühner kurzerhand in seine Wohnstube ein, wo sie ihm die Holzbänke und den Tisch verdreckten. Auch das fortwährende Gegacker der Vögel setzte ihm mächtig zu.
Am Abend stand Adelheid an der kleinen Feuerstelle und war soeben dabei, in ihrem gusseisernen Kessel einen Gemüseeintopf zu kochen. Georg und Grimhild saßen am Tisch vor ihren Holzschüsseln, hielten ihren Löffel in der Hand und warteten darauf, dass Adelheid ihnen gleich eine Kelle Suppe in die Schüssel goss. Auf dem Tisch stand ein Weidenkorb mit vier Tage altem Brot. Da sprang wieder eines der Hühner auf den Tisch und ließ einen weißen Kothaufen fallen. Als es gleich darauf gackerte und zum zweiten Mal ansetzte, verlor Georg die Geduld. Er packte das Huhn von hinten am Kopf und verdrehte diesen kräftig seitwärts. Ein knackendes Geräusch durchdrang den Raum, und das Huhn schlug wild mit den Flügeln. Blitzschnell zog Georg das Federvieh vom Tisch, beförderte es auf den Lehmboden der Stube und hielt es so lange fest, bis es unter seiner Hand erschlafft war. »Mein Gott, Mann, was hast du da gemacht!«, rief Adelheid aufgebracht und riss sich die Hände vors Gesicht. Sie fühlte, dass ihr Mann in seinem Wutausbruch gerade einen großen Fehler begangen hatte. »Wisst ihr was?«, rief Georg. »Der Fuchs frisst sich an unseren Hühnern satt, und wir kauen auf Möhren, Löwenzahn- und Brennnesselblättern herum. Jetzt ist Schluss damit – ich will endlich mal wieder ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen haben!« Er erhob sich, nahm sein Messer und ging zur Tür. »Ich bin gleich wieder zurück.« – »Warte, Vater«, sagte Grimhild, »ich helfe dir. Zu zweit geht es besser.«
Zwei Stunden später saß Familie Feldmann satt und zufrieden am Tisch, knabberte an den letzten Knochen und den knusprigen Flügeln – sie ließen keine Faser Fleisch übrig. »Von den Knochen koche ich uns für morgen eine kräftige Brühe«, sagte Adelheid. Nur die Möhren lagen unangetastet am Tellerrand, aber auch dafür würde sich ein Abnehmer finden – schließlich hatten sie ja noch drei magere Schweine, die sie für den Herrn Grafen mästen sollten. Auch hier stellte sich immer wieder die Frage: womit?
Der Sommer 1258 neigte sich dem Ende zu, als der Schultheiß des Grafen Arnold von Huckengeswage mit seinen Eintreibern vor der Stubentür der Feldmanns stand. Der Zehent musste gezahlt werden; so war das jedes Jahr, und es war immer das gleiche Elend. Der Schultheiß stieg von seinem Pferd und ging an den vor ihm liegenden Erzeugnissen vorbei. Sorgfältig hatte Georg sie vor seinem Haus aufgereiht. »Bleib nur ruhig«, flüsterte Adelheid ihrem Mann zu, »lass dich nicht reizen!« Sie kannte ihren Georg; er war so manches Mal leicht aufbrausend und hatte sich dann nur schwer im Griff.
»Das Gemüse sowie das Getreide kann ich ja noch gelten lassen, aber die Schweine sind eindeutig zu mager – die sehen aus wie ein Haufen wandelnder Knochen. Wo, bitte schön, ist denn da das Fleisch? Ihr habt sie wieder halb verhungern lassen. Und die Hühner – da fehlen doch einige!«, urteilte der Schultheiß und blickte dabei auf ein mitgeführtes Pergament. Es war seine Bestandsliste.
Georg baute sich vor dem Schultheißen auf: »Womit soll ich denn die Schweine füttern, wenn es nicht einmal für uns reicht? An dem Hühnerdrama ist ein Fuchs schuld, der uns immer wieder die Hühner stiehlt. Ich habe die Viecher schon im Hause eingeschlossen.« Die Erzeugnisse, die vor seinem Haus lagen, wurden von den Helfern des Schultheißen auf den mitgebrachten Karren geladen. Reinhold, einer der Helfer, beobachtete dabei die ganze Zeit über die junge Grimhild; er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Mit ihren vierzehn Jahren war sie körperlich bereits eine junge Frau. »Gerade reif«, dachte Reinhold, »wie ein praller, saftiger, schmackhafter Apfel, direkt zum Reinbeißen!« Ihr braunes Haar trug sie als Zopf, der in mehreren Windungen an ihrem Hinterkopf von einer Nadel zusammengehalten wurde. Unter ihrer Tunika malten sich zwei pralle Brüste ab. Reinhold bemerkte ihre Unsicherheit daran, dass sie die Arme vor ihrem Busen verschränkte und vor lauter Verlegenheit von einem Bein auf das andere wechselte. Dabei vermied sie es, ihn anzusehen. Sie kam ihm vor wie eine dieser schmackhaften Süßwassermuscheln vom Grunde der Weper, deren Schalen er nur noch öffnen müsste, um an das feste Fleisch zu kommen.
Georg und seine Frau Adelheid standen ein paar Schritt entfernt und sahen zu, wie die Helfer ihre mühsam erzeugten Waren auf den Karren verluden. In Georg breitete sich eine gewisse Wut aus. Wie so häufig, konnte er wieder einmal seine Zunge nicht im Zaume halten. »Das muss ja ein wahrlich berauschendes Gefühl sein, den armen Bauern ihre Erzeugnisse abzunehmen, ohne etwas dafür getan zu haben.« – »Meine Güte«, dachte Adelheid, »wie spricht er denn nur mit dem Vertreter unseres Grafen?« Der Schultheiß hatte die Worte genau verstanden: »Euch stich wohl der Hafer, hier solche Worte von Euch zu geben! Männer, nehmt diesen Bauernknecht fest! Ein paar Tage im Schandkorb dürften ihn schon wieder zur Vernunft bringen – er muss lernen, seine Zunge zu zügeln.« »Was?«, schrie Georg. »In einen Schandkäfig wollt Ihr mich stecken? Nicht mit mir! Jahrelang haben wir für unseren Grafen geschuftet, und es ist heute das erste Mal, dass wir den Zehent nicht erfüllen können – und das auch nur wegen eines Fuchses!« Zwei der Helfer wollten ihn an den Armen greifen und zu einem der Wagen bringen, aber Georg sprang zurück und griff nach seinem Knüppel, der an der Hauswand lehnte. Mit zwei gezielten Schlägen beförderte er die Helfer auf die Knie. Laut jammernd hielt sich der eine den Kopf, der andere presste seine Hand aufs Schulterblatt. Georg war zwar für einen Bauern nicht besonders kräftig gebaut, aber mit seinem Stock konnte er perfekt umgehen – damit war er äußerst schnell. Der Schultheiß war von dieser heftigen Gegenwehr überrascht und zog nun sein Schwert. Adelheid riss sich die Hände vors Gesicht und schrie: »Was machst du denn da, Mann? Du stößt deine ganze Familie ins Unglück!« Wieder einmal hatte sich Georg nicht im Griff gehabt. Immer wieder gab es Lebenslagen, in denen er sein Temperament nicht zügeln konnte.
Plötzlich standen drei Männer um Georg herum und hielten ihm ihre Spieße vor die Brust. »Ihr habt wohl einen Frosch gefrühstückt, so wie Ihr hier herumhüpft. Nehmt ihn fest!«, befahl der Schultheiß. »Schmeiß den Knüppel fort – du machst alles nur noch schlimmer!«, rief Adelheid verzweifelt. Die junge Tochter stand am Schweinetrog, hielt die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. In ihrem jungen Leben war sie trotz ihrer Armut gut behütet aufgewachsen und hatte sich nie zuvor in einer solchen Lage befunden. Diese Machtlosigkeit ließ sie am ganzen Körper zittern – solche Angst hatte sie bisher noch nicht erlebt.
Langsam begriff Georg, dass es zwecklos war, sich gegen die Übermacht der drei Helfer des Schultheißen zu wehren. Was hätte er mit seinem Stock schon gegen drei auf ihn gerichtete Spieße ausrichten können! Also ließ er entmutigt den Knüppel sinken. Sofort griffen die Helfer zu, drehten ihm die Arme auf den Rücken und banden sie mit Stricken fest. »Das wird dir teuer zu stehen kommen, du Burentroll!«, fauchte der Schultheiß ihn an und warf dabei einen lüsternen Blick auf die immer noch zitternde Grimhild. Der Schultheiß flüsterte einem seiner Männer etwas ins Ohr, dieser verzog sein Gesicht und lachte gehässig. »Aber natürlich, Herr, ganz wie es Euch vorschwebt«, gab er zur Antwort. Dann schnappten sie sich auch Adelheid, banden sie und warfen sie auf die Ladefläche des Fuhrwerkes, auf der bereits ihr Mann lag. Daraufhin verschwanden die Männer mit ihrer menschlichen Ladung in Richtung Huckengeswage. »Bitte, Herr, tut unserer Kleinen nichts an!«, rief Adelheid vom Wagen aus dem Schultheißen entgegen, so als ahnte sie, dass hier noch etwas passieren würde. Grimhild stand immer noch zitternd am Fresstrog und wusste nicht, wie ihr geschah. Der Schultheiß ging auf sie zu, nahm ihre Hand und sah sie mit einem Lächeln an: »Komm mit, mein pralles Täubchen. Ich werde dir einmal zeigen, wie schön das Leben sein kann. Ihr habt doch bestimmt in eurer Hütte ein weiches Lager!« – »Bitte Herr, bitte nicht«, stammelte Grimhild, die wusste, was nun auf sie zukam. Es war ja keine Seltenheit, dass sie am Brunnen mit ihren Freundinnen darüber gesprochen hätte. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten die Mädchen über die Liebe und über das erste Mal. Fast alle waren noch Jungfern, doch jede von ihnen träumte davon, dass eines Tages ein Ritter oder sogar ein Prinz sie entführen würde; ihrer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, doch die Wirklichkeit schien anderes mit ihnen vorzuhaben.
Der Schultheiß erblickte die Schlafstelle und warf Grimhild mit einem gezielten Stoß auf das Strohlager: »Komm, mein Täubchen, jetzt werden wir ein wenig Spaß haben, auch wenn du noch so kräftig mit deinen Flügeln schlägst. Selbst wenn du fliegen könntest – von hier gäbe es kein Entkommen für dich.« Er ließ sich auf die Knie sinken, öffnete das Waffengehänge, warf es beiseite und schob seine Tunika hoch. Grimhild zuckte und wand sich unter ihm wie ein an Land zappelnder Aal, doch den Kräften des Schultheißen hatte sie nichts entgegenzusetzen. Nun drückte er ihr die Beine auseinander und zerrte dabei an ihren Beinkleidern, bis er ihr braunes Dreieck freigelegt hatte. Gierige Schweißperlen machten sich auf seiner Stirn breit. »Ich bin wohl dein erster Mann, wie?« Er riss ihr das geschnürte Mieder auseinander und machte sich an ihrem Busen zu schaffen. Grimhild weinte bitterlich, versuchte sich immer wieder gegen den Schultheißen zu wehren, doch mit ihren geringen Kräften war sie dem Kerl gegenüber völlig machtlos. Nun fing er an, ihren Busen zu kneten, während er laut stöhnend in sie eindrang. Ein Schmerzensschrei kam aus ihrem Munde, und sie warf den Kopf hin und her. Aber all ihre Anstrengungen waren vergeblich. Wie ein wilder Stier stieß der Schultheiß zu und schnaufte ebenso. »Das erste Mal ist immer besonders aufregend, mein Täubchen!«
Irgendwann – Grimhild hatte jegliches Zeitgefühl verloren – hatte sie die Schändung endlich überstanden. Mit lautem Stöhnen ließ der Schultheiß von ihr ab, stand auf und zog sich wieder an: »So schnell werden deine Eltern nicht zurückkommen. Was hältst du davon, wenn ich dir des Öfteren einen kleinen Besuch abstatte? Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir ein nettes Paar abgeben werden!« Laut lachend verließ er das Haus, schwang sich auf seinen Gaul und ritt davon.
Mit verweintem Gesicht und noch etwas Stroh in den Haaren erhob sie sich, immer noch am ganzen Leibe zitternd. Sie griff nach einem Tuch, rannte hinaus zur Viehtränke, tauchte es ins Wasser und wusch sich gründlich zwischen den Beinen. »Ich bin beschmutzt«, jammerte sie, »mein Leben ist dahin!« Nach weiterer Reinigung ging sie zurück in die Hütte, warf sich auf ihren Strohsack und weinte bitterlich. Das hatten ihr die Mädchen vom Brunnen ganz anders geschildert.
Grimhild schlief erschöpft ein und wachte am nächsten Morgen von Albträumen gequält und schweißgebadet auf. Sie erhob sich und ging wie ein gehetztes Tier hin und her durch den Raum. Angst machte sich in ihr breit. Was, wenn der Schultheiß zurückkäme? Ihr das Gleiche erneut antun würde? Hier konnte sie nicht länger bleiben. Sie kam sich vor wie ein zerbrochener Tonkrug. Ihre behütete Jugend war mit einem Schlag beendet. Von jetzt auf gleich war sie ohne eigenes Zutun eine Erwachsene geworden.
Grimhild beschloss, das elterliche Haus für immer zu verlassen – doch wohin sollte sie gehen? Sie war mittellos und sich des Wagnisses bewusst, das sie nun eingehen würde. Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten in ein Laken, befestigte es an einem Tragestock, ging zur Feuerstelle und löste einen Stein aus der Wand. Hier hatte ihre Mutter ein kleines Geheimfach mit ein paar Pfennigen für den Notfall angelegt, der nun, so meinte sie, eingetroffen war. »Jetzt bestehle ich schon meine eigenen Eltern! Doch eines Tages«, sagte sie zu sich, »werde ich es ihnen zurückzahlen.« Weit würde sie mit den wenigen Pfennigen nicht kommen, sie waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein letztes Mal setzte sie sich für einen kurzen Moment an den schäbigen Küchentisch. Mit beiden Händen stützte sie den Kopf, der ihr zu zerplatzen drohte. Sie dachte an den letzten Winter, an vereiste Pfützen, auf die sie so gerne mit den Füßen sprang, und wie wundervoll sie es fand, wenn die Eisschicht mit einem knackenden Geräusch zerbrach und sich unzählige Risse im Eis bildeten. So ähnlich kam sie sich jetzt vor – als hätte ihr gesamter Körper Risse bekommen.
Ohne eine Vorstellung davon, was nun mit ihrem Leben, mit ihrer Zukunft passieren würde, machte sich Grimhild auf, den Hof zu verlassen. Ab heute musste sie ihr eigenes Leben finden. Ohne sich auch nur einmal umzublicken, verließ sie den Hof ihrer glücklichen Kindheit und begab sich zur Heerstraße, die sie in Richtung Lennep führte und von dort weiter in die große Stadt Colonia am Rhein. Dort wollte sie ein neues Leben beginnen.