Allen gegenwärtigen und zukünftigen Golden Agern gewidmet, für ein sinnvolles und erfülltes drittes Lebensalter.

Vorwort

Warum ich dieses Buch …

Vier Wochen vor meinem 60. Geburtstag zog ich mich zu einer Retraite mit mir selbst in ein abgelegenes einsames Häuschen zurück. Vier Wochen nur mit mir allein, ohne Radio, TV, ohne jegliche Ablenkung. Vier Wochen mit meinen alten Tagebüchern, Meditationsmusik und ein paar erbauenden Büchern. Diese Zeit nutzte ich für eine intensive Auseinandersetzung mit mir und meinem bisherigen Leben.

Ich las mich diszipliniert durch all meine früheren Sorgen und Nöte, durch meine Erkenntnisse und meine Erlebnisse – und überlegte, wie ich die jeweiligen Situa­tionen auch noch hätte interpretieren und empfinden können. Ich suchte die roten Fäden und stieß immer wieder auf Lektionen, die ich bereits gelernt glaubte. Wenn ich jeweils eine Lebensphase überarbeitet hatte, notierte ich mir die Essenz – und übergab das Original dem Kaminfeuer. Diese Aufräumarbeit läuterte und beflügelte mich, ich lebte quasi in einem zeitfreien Raum … und im Flow. Mir wurde vieles bewusster – Schönes wie Schmerzhaftes.

Eigentlich wollte ich nach diesem Rückblick und dem aktuellen Leben im Hier und Jetzt auch noch einen Blick in die Zukunft werfen. Aber hatte ich vielleicht den Rückblick derart ausgedehnt, dass mir keine Zeit mehr dafür blieb? Die Zahl 60 tanzte vor meinen Augen; mal fröhlich, mal hämisch, mal unergründlich. Wie so viele Menschen hatte auch ich nicht daran gedacht, diese Grenze zu überschreiten. Und wie einige andere Menschen (z. B. Simone de Beauvoir oder Betty Friedan) packte ich den Stier bei den Hörnern und blickte ihm in die Augen: 60 Jahre alt, gehört man da nicht definitiv zum „alten Eisen“? In mir hörte ich eine klare, deutliche Stimme „Nein“ sagen.

Eigentlich ist dieses Alter ein Golden Age, ein goldenes Zeitalter: Vieles ist getan, einiges noch wünschbar, um das Leben ausklingen zu lassen. Erntezeit. Mit einem inneren Ruck wandte ich mich definitiv der Zukunft zu und beschaffte mir die wichtigsten Bücher zum Thema Alter. Ich las mich durch Berge von klugen Artikeln, durch abstrakte gerontologische Abhandlungen und schlug mich mit Autorinnen und Autoren herum, die das Alter locker nehmen, oder solchen, die es abscheulich finden. Gute Gedanken notierte ich mir und von einigen Büchern fertigte ich Zusammenfassungen an. Aber das Alter wurde mir noch immer nicht vertrauter. Dann fügte ich nach und nach das Gelesene für mich persönlich logisch zusammen, um es besser bedenken zu können.

… für Sie geschrieben habe

So entstand allmählich mein persönliches Buch zum Thema „Golden Age“. Mein Interesse galt nicht der Rentenberechnung und der Krankheitsvermeidung, sondern im Zentrum standen die Fragen: Wie kann ich mein Leben erfüllt abschließen, wenn die Zeit dazu gekommen ist? Was waren der Sinn und die Essenz dieses Lebens?

Irgendwann beschloss ich, das Ergebnis meiner Altersrecherche weiteren Betroffenen zur Verfügung zu stellen. Und so halten Sie nun das Buch in Ihren Händen. Ich hoffe, ich kann Ihnen damit ein paar Impulse geben für die Auseinandersetzung mit Ihrem persönlichen Älterwerden.

Über dieses Buch

Was Sie in den Händen halten, ist eine Anleitung zum Selbstcoaching und zur Sinnfindung, damit Ihr Älterwerden vermehrt zur Lust statt zum Frust wird, zur Entdeckung einer neuen Lebensphase, die Sie befriedigt und erfüllt.

Diese neue Lebensphase, die aktive nachberufliche Zeit nach dem Auszug der eigenen Kinder (empty nest) kann als „Golden Age“ bezeichnet werden, da ein Großteil der Arbeitsleistung erbracht wurde und die verbleibende Lebenszeit oft materiell abgesichert ist. Diese Lebensphase ist individuell verschieden in Qualität und Quantität. Niemand weiß, wie lange und unter welchen Umständen sie / er diese erlebt. Während der langen Zeitspanne des Golden Age verändern sich nicht nur die Umwelt, sondern auch die persönlichen Lebensbedingungen wie beispielsweise Gesundheit, Power, Interessen etc.; das Leben gestaltet sich mit 60 Jahren anders als mit 80 Jahren. Aber alle haben wir die Möglichkeit einer Einflussnahme – sei diese konkret oder bewusstseinsmäßig. Es geht weder um Schönfärberei noch um Miesmacherei, sondern um ein bewusstes, sinnvolles und lebendiges drittes Alter unter dem Motto: Carpe diem!

Last but not least: Wie wir dieses dritte Lebensalter gestalten, wirkt sich nicht nur in der Gegenwart aus, sondern auch auf die Zukunft, auf unsere vierte Lebensphase.

Ziele dieses Buches

Dies ist kein Buch der raschen Ratschläge im üblichen Rezeptstil. Es lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte und fragt Sie nach Ihrer persönlichen Stellungnahme. Es soll anregen, herausfordern und bereichern. Erst durch Sie wird das Buch fertiggestellt – durch Sie lebt es!

Wie Sie dieses Buch am besten nutzen können

Die Übungen sind das Herzstück und den größten Nutzen haben Sie, wenn Sie diese schriftlich bearbeiten. So setzen Sie sich mit den gestellten Fragen intensiver auseinander und erhalten klarere Antworten. Zudem können Sie zu einem späteren Zeitpunkt Ihre Notizen wieder durchsehen und eventuell überarbeiten. Allenfalls können Sie sie auch als Grundlage für Diskussionen im Freundeskreis nutzen.

Ich habe bewusst auf Fallbeispiele verzichtet, denn es geht in diesem Buch um Sie persönlich. Aufgrund Ihrer Erfahrungen kennen Sie sicher passende Beispiele aus Ihrem eigenen Leben oder aus Ihrem Freundeskreis.

Mittlerweile bin ich der Vorbemerkung in Büchern überdrüssig, dass Frauen selbstverständlich immer mitgemeint sind, aber der besseren Lesbarkeit nur die männliche Form genannt werde. Deshalb werden in diesem Buch die Lösungen „*in“ und Doppelnennungen verwendet.

Symbole

Zu Ihrer Orientierung finden Sie im Weiteren folgende Symbole

Fragen zum persönlichen (schriftlichen) Nachdenken

Ideen, Tipps

Theorien

Wichtig!

Beispiele, Geschichten und Zitate

3. Mein Golden Age

„Art of Aging statt Anti-Aging – eine Kunst des Älterwerdens,
um mit diesem Prozess zu leben, statt dagegen anzuleben.“

(Wilhelm Schmid 2014, S. 11)

3.1 Neue Herausforderungen

Für viele Menschen ist die Lebensphase nach der Pensionierung oder dem 60. Geburtstag kein mit Spannung erwartetes Abenteuer, sondern – dem kulturell vermittelten Altersstereotyp entsprechend – eine gefürchtete Lebenszeit, die als eine Zeit des Abbaus, des Verlusts an Attraktivität, Gesundheit und geistiger Fähigkeiten mit Schrecken erwartet wird.

Ein Blick auf Synonyme für „alt“ reicht, um die Ängste vor dem Altwerden zu erklären: betagt, greisenhaft, senil, langweilig, unmodern, altersschwach, veraltet, gestrig, schwächlich, hinfällig, klapprig, kraftlos, pflegebedürftig, elend, überholt, vorsintflutlich, armselig, etc. – Wer möchte da noch alt werden? Also doch: Anti-Aging? Zum Trost einige der wenigen positiven Synonyme: weise, abgeklärt, vertraut, altehrwürdig etc.

Betty Friedan schrieb bereits 1995 in ihrem Buch „Mythos Alter“: „Das Individuum durchläuft nicht passiv ein vorherbestimmtes Programm des Alterns, sondern ist – innerhalb bestimmter Grenzen – aktiv und beeinflusst den Verlauf des Alterungsprozesses durch sein Verhalten und durch seine Entscheidungen“ (S. 127). Friedan betrachtet sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft. „Wird dadurch, dass das Alter als Problem definiert wird, die menschliche Selbstverwirklichung gesellschaftlich und individuell nicht ernsthaft behindert? Wird da nicht Wertvolles vergeudet?“ (S. 84)

Der Originaltitel von Friedans Buch lautet „The Fountain of Age“, und um diesen „Altbrunnen“ geht es der Autorin. Das Alter werde nur negativ als Verlust der Jugend gesehen und nicht als Gewinn an Erfahrung, Wissen und Freiheit. Deshalb wurde einst der Jungbrunnen zum Traum, der das Alter wegleugnen, es rückgängig machen soll. Der krampfhafte Versuch, an der Jugend festzuhalten, sei eine der wesentlichen Blockaden für jede Weiterentwicklung. Betty Friedan dagegen sucht nach einem „Altbrunnen“, nach jenen Quellen, die das Alter zu einer positiven Lebensphase machen, und zeigt in ihrem Buch unzählige Lebensläufe verschiedener Menschen auf, die eben dies geschafft haben.

Übersicht der Veränderungen im Golden Age

Für alle Lebensstufen gilt

Auch im Golden Age gilt

  • Altersgemäße Lebensaufgabe erfüllen
  • Selbstmanagement, Alltagsbewältigung
  • Sinn finden und leben
  • Zeitmanagement
  • Integrität: Das eigene Leben abrunden, erfüllen, die eigene Würde leben.
  • Wie kümmere ich mich um mich selbst und andere, wie bewältige ich meinen Alltag?
  • Welchen Sinn lebe ich im Golden Age?
  • Wie nutze ich die mir geschenkten Lebensjahre?

Was ist neu / anders im Golden Age?

Diese Gewinne und Verluste betreffen jeden Menschen in unterschiedlichem Ausmaß. Durch Lebensweise und Lebenseinstellung sind sie aber teilweise beeinflussbar.

Betrachten wir das Golden Age, stellen wir fest, dass es sich nicht um einen einseitigen Abbau, sondern um einen Umbau handelt. Älterwerden ist nicht nur Frust und Verlust, sondern bleibt auch weiterhin Entwicklungsprozess. Diese Lebensepoche bietet uns viele Möglichkeiten für inneres Wachstum.

Nach C.G. Jung besteht die Kunst des Alterns v. a. darin:

3.2 Neues Zeitmanagement

Im Golden Age ist jede*r sein / ihr eigener Chef und damit Manager*in über die Zeit. Jeden Tag gibt es aufs Neue wieder 1.440 Minuten.

Zeitmanagement

Ein alter Professor erhielt den Auftrag, einer Gruppe von Managern einen Ausbildungskurs in effizienter Zeitplanung zu geben. Der Professor begann mit einem kleinen Experiment, indem er einen großen Glaskrug auf den Tisch stellte und ihn mit großen Steinen füllte. „Ist der Krug voll?“, fragte er. Alle antworteten: „Ja!“ Darauf bückte er sich, holte ein Gefäss mit Kieselsteinen hervor und füllte bedächtig den Glaskrug, schüttelte und füllte nach, bis die Kieselsteine alle Lücken füllten. Danach fragte er erneut: „Ist der Krug voll?“ Die Teilnehmer waren unruhig – einer antwortete: „Wahrscheinlich nicht.“ – „Gut“, antwortete der Professor. Er bückte sich erneut und holte diesmal einen Eimer mit Sand. Bedächtig goss er den Sand in den Glaskrug. Der Sand füllte nun sämtliche Zwischenräume aus. Noch einmal fragte der Professor: „Ist der Krug voll?“ – Ohne zu zögern entgegneten alle Schüler „Nein!“ – „Gut.“ Der Professor nahm eine Kanne und goss Wasser in den Krug, bis er randvoll war. Nun fragte er die Gruppe: „Was will uns dieses Experiment sagen?“

Einer der Zuhörer meinte in Anbetracht des Kursthemas: „Es zeigt uns, dass wir sogar dann, wenn wir glauben, dass unser Kalender randvoll ist, noch weitere Termine vereinbaren und Dinge erledigen können, wenn wir es wirklich wollen.“ – „Nein“, sagte der alte Professor, „darum geht es nicht. Die große Wahrheit, die uns dieses Experiment zeigt, ist die folgende: Wenn wir nicht als Erstes die großen Steine in den Krug setzen, bringen wir die anderen Dinge nicht mehr hinein.“ Darauf erfolgte tiefes Schweigen, die Offensichtlichkeit seiner Worte leuchtete jedem ein.

„Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“, frage der Professor. „Gesundheit? – Familie? – Freunde? – Die Verwirklichung Ihrer Träume? – Tun, was Ihnen gefällt? Oder: Etwas ganz anderes? Nehmen Sie daraus mit, dass es wichtig ist, zuerst die großen Steine im Leben zu platzieren. Wenn wir den Nebensächlichkeiten den Vorrang geben, also etwa Kies, Sand und Wasser, dann füllen wir unser Leben damit auf, und am Ende fehlt uns die kostbare Zeit, um uns den wichtigen Aspekten unseres Lebens zu widmen. Vergessen sie daher nicht die Frage: Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“

(Quelle: Unbekannt)

Zwar ist der Krug im Golden Age schon fast voll – aber noch gibt es Platz und es liegt an uns, wie wir diesen nutzen.

3.2.1 Zeit im Lebensverlauf

Unsere Vergangenheit ist unser wichtigster „Besitz“, meint Dietmar Burger (2013). Dazu zählen nicht nur das Geleistete und Erreichte, sondern auch die mehr oder weniger gut gemeisterten Schwierigkeiten und auch das, wovon wir meinen, es sei missraten. Es sind die Ergebnisse unseres Lebens, die es so ohne uns nie gegeben hätte. Und dies nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Mitwelt. Dieser unserer Vergangenheit gebührt Dankbarkeit und Wertschätzung; aber nicht nur für das, was war, sondern auch für das, was uns erspart geblieben ist.

Gegenwart – das Leben im Jetzt! Die Vergangenheit ist vergangen, die Zukunft hat noch nicht begonnen. Leben ist nur im Jetzt möglich! Mit jeder Entscheidung und Handlung beeinflussen wir die Zukunft, „stricken“ wir unser Leben weiter. Heinrich von Kleist meint dazu: „Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft.“

Stellen Sie sich die Ihnen zur Verfügung stehende Zeit wie einen Kuchen vor, den Sie in verschiedene Bereiche einteilen. Vergleichen Sie dann Ihren aktuellen Zeitkuchen mit dem vor Ihrer Pensionierung.

 ÜBUNG

Mein „Zeitkuchen“ vor der Pensionierung – und heute?

  1. Ich teile meine Wochenzeit auf unter meinen Tätigkeiten vor der Pensionierung. (Farben erleichtern die Übersicht).
  2. Nun teile ich den Wochen-Zeitkuchen im Golden Age ein.
  3. Was fällt mir auf? Bin ich so zufrieden? Was will ich ändern?

Etwas mehr Zeit einberaumen für die einzelnen Tätigkeiten, da nicht nur der Stress wegfällt, sondern wir auch etwas langsamer werden.

Vermehrte Zeit für die Gesundheitsvorsorge oder -pflege nicht vergessen!

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3.2.2 Ausblick auf die restlichen Jahre des Golden Age

Als Impuls folgt unten stehend die Essenz aus dem Buch von Bronnie Ware (2013): „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Die Autorin hat Sterbende begleitet und dabei vermerkt, was ihr Menschen kurz vor dem Tod anvertrauten. Auch wenn diese Aussagen zeit- und ortsbestimmt (USA) sind, können sie uns wertvolle Impulse vermitteln. Sterbende bereuten am meisten:

  1. Nicht den Mut gehabt zu haben, die eigenen Träume zu verwirklichen,
  2. zu viel gearbeitet zu haben,
  3. den eigenen Gefühlen nicht genug Ausdruck verliehen zu haben,
  4. nicht mehr Zeit mit Freunden und Familie verbracht zu haben,
  5. sich nicht mehr Freude gegönnt zu haben.

 ÜBUNG

Mein Zeitmanagement

Vita activa – vita contemplativa

Vor lauter Struktur und Zeitmanagement darf etwas Wichtiges auf keinen Fall vergessen werden: die Muße! Das bedeutet: Bewusst mal einen Tag Zeit verplempern oder Zeitinseln des Nichtstuns schaffen. In solchen Momenten können wir ganz im Hier und Jetzt sein und Impulse spüren oder Erfahrungen machen, die wir sonst nicht beachtet oder gemacht hätten.

Abbildung 5: Vita activa

Nimm dir Zeit

Nimm dir Zeit, um zu arbeiten, es ist der Preis des Erfolges.

Nimm dir Zeit, um nachzudenken, es ist die Quelle der Kraft.

Nimm dir Zeit, um zu spielen, es ist das Geheimnis der Jugend.

Nimm dir Zeit, um zu lesen, es ist die Grundlage des Wissens.

Nimm dir Zeit, um freundlich zu sein, es ist das Tor zum Glücklichsein.

Nimm dir Zeit, um zu träumen, es ist der Weg zu den Sternen.

Nimm dir Zeit, um zu lieben, es ist die wahre Lebensfreude.

Nimm dir Zeit, um froh zu sein, es ist die Musik der Seele.

Nimm dir Zeit, um zu genießen, es ist die Belohnung deines Tuns.

Nimm dir Zeit, um zu meditieren, das wäscht den irdenen Staub von den Augen.

(Aus Irland)

3.3 Neues Engagement

„Doch wie viel bedeutet es, wenn gleichsam die Kämpfe der Wollust, des Ehrgeizes, der ­Rivalitäten, der Feindschaften und sämtlicher Begierden ausgestanden sind, der Geist für sich ist und, wie man sagt, für sich lebt? Wenn er dann vollends in einer wissenschaftlichen Beschäftigung gleichsam noch Nahrung findet, dann gibt es nichts Angenehmeres als ein Alter voller Muße.“

(Cicero)

Ruhestand ist eigentlich eine Erfindung der Generationen vor uns. Gemeint damit ist die Gnade, in den wenigen letzten Jahre zwischen Pensionierung und Tod dank Rente noch ausruhen zu dürfen. Da sich mittlerweile diese Jahre auf Jahrzehnte ausgedehnt haben, hat sich der Ruhestand zum „Unruhestand“ gewandelt.

Auch bei der Pensionierung wird ersichtlich, welche Bedeutung die Arbeit in unserem Leben hat. In der Gesellschaft besteht eine enge Verbindung von Arbeitsleistung, Lohn und dem daraus folgenden Selbstwert. So gehört es auch im Alter zum guten Ton, dauernd beschäftigt zu sein. Die Beschäftigung gilt als Ersatz für die ehemalige Arbeit.

Selbstwertprobleme, Nachholbedarf und ein Überangebot an Beschäftigungsmöglichkeiten können dazu führen, dass sich auch Rentner*innen im Dauerstress befinden, für nichts mehr richtig Zeit finden und sich unverbindlich und unzuverlässig verhalten. Sogar Fälle von Burnout gibt es zu beobachten.

Ein sinnvoll ausgewähltes Engagement kann Lebens- und Berufserfahrungen erfordern und dadurch auch zu sozialer Anerkennung und Lebensqualität führen. Mittlerweile gibt es unzählige Möglichkeiten, sich zu engagieren und zu beschäftigen, beispielsweise:

Anstelle von detaillierten Auswahllisten, was man im Golden Age noch alles aktiv genießen und erfahren kann, folgen jetzt einige Fragen, die helfen sollen, aus dem riesigen Angebot an Freizeitangeboten und Projektideen auszuwählen.

 ÜBUNG

Ein Blick zurück – ein Blick voraus

Was war?

Was will ich jetzt?

Welche früheren Lebensträume sind noch offen? Welche Träume sind geblieben? Was hätte ich gern noch getan oder gesagt ?

Welche Lebensträume setze ich jetzt noch um? Welche lasse ich los?

Was möchte ich noch tun, erleben, sagen?

Was fehlt mir in den wichtigsten Lebensbereichen? Sehnsüchte sind auch Potenziale für persönliches Wachstum!

Wie kann ich meine noch nicht befriedigten Bedürfnisse stillen?
Wer unterstützt mich dabei?

Welche Berufe und Hobbys wollte ich ergreifen als Jugendliche*r oder Erwachsene*r?

Was hat mich an meinen damaligen Berufswünschen und Hobbys speziell fasziniert? Was könnte ich davon in mein jetziges Leben integrieren? Was lasse ich definitiv los?

Welche (bisher nicht geförderten) Talente warten noch auf ihre Erweckung?

Welche Talente möchte ich noch fördern? Welche lasse ich los?

Wo habe ich mich bisher engagiert (sozial, politisch, ökologisch, kulturell)?

Welches Engagement, welche neuen Erfahrungen entsprechen mir jetzt?

Welche Aktivitäten machten mir früher Spaß, befriedigten mich? Aktivitäten fördern Initiative und Kontakte, geben Bestätigung und vermitteln Erfolgserlebnisse.

Welchen Aktivitäten möchte ich künftig nachgehen? Möchte ich alte Aktivitäten wieder aufnehmen oder neue ausprobieren?

Spezielles: Was habe ich bisher nicht beachtet, eventuell sogar abgelehnt?

Möchte ich mal etwas ganz Verrücktes ausprobieren?

Was hätte ich gern gewusst oder gelernt? Lernen befriedigt die Neugier und verhilft zu geistiger Flexibilität.

Wo und wie kann ich heute versäumtes Lernen nachholen (Bildungsveranstaltungen, Kurse, Studium Fernuniversität u. a.)?

Alltägliches neu überdenken z. B. Wohnen, Anschaffungen, Ferien.

Möchte ich an meinen Lebensumständen etwas verändern, etwas Neues anschaffen, etwas vereinfachen?

Haushalt: Ist die alte Rollenteilung jetzt noch sinnvoll?

Für Alleinstehende: Will ich alles wie gehabt weiterführen?

Wie können die anfallenden Hausarbeiten neu aufgeteilt werden, wer macht was (gemeinsame Listen erstellen)?
Was will ich verändern, was vereinfachen?

Lebenslust: Was habe ich in meinem Leben am meisten genossen?

Was gönne ich mir? Theater, Konzerte, Garten, Balkon …

Finanzen neu regeln: Welche Mittel stehen mir künftig zur Verfügung?

Was kann / will ich mir unbedingt leisten? Worauf kann / muss ich verzichten?

Welchen Lebensstil kann / möchte ich mir leisten? Wie großzügig will ich anderen gegenüber sein (Spenden)?

Einer zweiten Jugend gleich kann man Neues ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Es muss nicht alles gleichzeitig und perfekt sein, wir können uns auch ruhig an Neues herantasten und phasenweise Verschiedenes umsetzen. Die folgenden Fragen können als Planungs- und Umsetzungshilfe dienen, wie wir jeweils vom Ist zum Soll gelangen:

 ÜBUNG

Konkretes Tun – vom Ist zum Soll

Ist – Soll:

Weg:

Just do it! Oder: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ (Erich Kästner)

Bilanz: Reflexion nach einer im Voraus klar definierten Zeit.

Flow

Mihaly Csikszentmihalyi entwickelte die Theorie des Flow bereits 1985; diese beschreibt das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit. Wenn wir im Flow sind, sind unser Fühlen, unser Wollen und unser Denken in diesen Augenblicken in Übereinstimmung. In diesem Zustand der Selbstvergessenheit verschwinden die Alltagssorgen und machen einem Glücksgefühl Platz. Flow kann in jedem Alter und jedem Zustand erlebt werden. Bedingungen für Flow sind Kompetenz, Konzentration, eine klare Zielsetzung und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Außerdem: Zeitvergessenheit.

Vier Schritte zum Flow

  1. Flow-Quelle finden: Man ist nie zu alt, einen Traum zu verwirklichen! Listen Sie dafür alle Fähigkeiten auf, aus Beruf, Hobby und Freizeit.

    Wann habe ich zuletzt eine dieser Fähigkeiten genutzt? Welche Erfahrungen habe ich noch nicht gemacht, würde sie aber gerne einmal machen? Lasse ich meine Fähigkeiten einrosten, indem ich sie nicht nutze?

  2. Den Sprung wagen – auch wenn es nicht auf Anhieb klappt: Hier gelten keine Ausreden betreffend Mangel an Zeit, Möglichkeiten oder Fähigkeiten!
  3. Faktor Zeit: Flow ist ein Zustand, in dem die Zeit keine Rolle mehr spielt, aber man braucht eine gewisse Zeit, bis man ihn erreicht.
  4. Flow bewusst anstreben und in den Alltag einbauen.

 ÜBUNG

Mein Flow

Abbildung 6: Neues wagen

6. Unsere persönlichen Kraftquellen

„Nicht was wir erleben,
sondern wie wir empfinden, was wir erleben,
macht unser Schicksal aus.“

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Altlasten zu entsorgen kann Schwierigkeiten bereiten, weil in diesem Prozess auch Vergessenes und Verdrängtes wieder auftauchen können. Doch wie kann man solche Altlasten verarbeiten? Wir alle verfügen über zahlreiche Ressourcen und es gibt wirkungsvolle Copingstrategien, die uns nicht nur in solchen „Problemfällen“ unterstützen, sondern generell im Alltag.

Ressourcen sind unsere Potenziale, z. B. Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Erfahrungen oder Talente, die uns zur Verfügung stehen und mit deren Hilfe wir unser Leben meistern können. Aber auch Gewohnheiten und überwundene Probleme können zu Ressourcen werden. Durch die Bewältigung von Problemen und kritischen Lebensereignissen erlangen wir Resilienz (Widerstandskraft). Obwohl uns diese Kraftquellen manchmal auch nicht bewusst sind, sind wir darauf angewiesen, um unser Leben angemessen zu gestalten und unsere Lebensziele zu erreichen. Ressourcen helfen uns auch, Copingstrategien zu entwickeln. Das sind Strategien zur Bewältigung von Stress und belastenden Situationen.

6.1 Ressourcen

Da uns die eigenen Ressourcen oft nicht bewusst sind, folgt zunächst ein Ressourcen-Check. Er dient nicht nur der Bewusstwerdung der eigenen Kraftquellen, sondern auch deren Wertschätzung. Man darf sich ruhig wieder einmal auf die eigene Schulter klopfen!

Für den folgenden Ressourcen-Check, kreuzen Sie bitte wie folgt an:

Spalte 1: Damit bin ich (sehr) zufrieden.

Spalte 2: Davon habe ich genügend.

Spalte 3: Das ist etwas knapp bemessen und sollte mehr gepflegt werden.

Spalte 4: Das reicht mir nicht; hier muss ich „investieren“.

1

2

3

4

Ressourcen-Check

1

2

3

4

Ressourcen-Check

Körperliche Dimension

Ich bin mit meiner Gesundheit zufrieden.

Ich fühle mich wohl in / mit meinem Körper.

Ich habe Energie und Kraft.

Ich fühle mich beweglich und lebendig, ich weiß, was ich körperlich leisten kann.

Ich bewege mich / treibe Sport.

Ich beachte meine körperlichen Bedürfnisse (Schlaf, Pflege, Ernährung u. a. m.).

Ich genieße Berührung, Zärtlichkeit, Sex

________________

Kognitive Dimension

Ich interessiere mich für Gegenwartsthemen.

Ich begegne neuen Heraus­forderungen offen.

Ich bin motiviert, Neues zu lernen.

Ich kann auch schwierigere Situationen bewältigen.

Ich kann originell sein.

Ich habe Humor.

Ich bin Optimist*in.

Ich setze mir (Lebens-)Ziele.

_________________

Emotionale Dimension

Ich beobachte und reflektiere mich selbst.

Ich habe Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten.

Ich wertschätze mich und andere.

Ich mag / liebe mich.

Ich erkenne meine Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich erkenne meine Gefühle und kann sie ausdrücken.

Ich bin sensibel für die Gefühle anderer.

Ich beachte meine Träume, Fantasien und meine Intuition.

Ich kann Zuwendung geben und annehmen.

Ich kann Liebe / Partnerschaft leben.

Ich kann Balance finden zwischen Aktivität und Ruhe.

Ich bin zufrieden mit meinem Leben.

__________________

Soziale Dimension

Ich bin eingebunden in ein soziales Netz: Familie und Verwandtschaft, Freund*innen, Bekannte, Nachbar*innen …

Ich engagiere mich für soziale Probleme (beruflich / privat).

Ich suche Balance zwischen Selbst- und Nächstenliebe.

Ich kann Anerkennung annehmen und geben.

Ich kann Kontakte knüpfen und aufrechterhalten.

Ich kann sowohl allein als auch in Gesellschaft sein.

Ich kann Feedback geben und nehmen.

Ich bin tolerant gegenüber anderem Denken und Handeln.

_________________

Religiöse / spirituelle Dimension

Ich bin zufrieden mit meinem Leben.

Ich fühle ich mich oft glücklich.

Ich kann mich entfalten / verwirklichen.

Ich setze mich mit Lebensfragen auseinander.

Ich setze mich mit eigenen und fremden Normen, Werten und Tabus auseinander.

ich lebe meine eigene Lebens­philosophie.

Ich finde Halt im Glauben / in Religion / Spiritualität.

Ich fühle mich einem höheren Ganzen verbunden.

Ich kann in der Meditation oder im Naturerleben auftanken.

Das, was ich tue, tue ich achtsam und bewusst.

_________________

Handlungsdimension

Ich kann kompetent meinen Alltag bewältigen.

Ich kann in meinem Tun aufgehen (bin im Flow).

Ich bin mit meiner Leistung zufrieden.

Ich nehme Verhalten differenziert wahr.

Ich schaffe mir meinen Handlungsspielraum.

Ich erkenne meine Möglichkeiten und Grenzen.

Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln.

Ich kann erreichen, was mir wichtig ist.

Ich kann initiativ, engagiert und zielstrebig handeln.

_________________

Raum-Dimension

Körperinnenraum: Ich fühle mich wohl in meiner Haut.

Intimer Außenraum: Ich habe Ellbogenfreiheit.

Nahraum: Ich habe genügend (guten) Wohnraum.

Großraum: Ich fühle mich wohl in meiner Umwelt.

_________________

Zeit-Dimension

Ich lebe gedanklich in der Gegenwart.

Ich bin zufrieden mit der Zeit, die ich habe.

Ich kann gut Prioritäten setzen (Zeitmanagement).

________________

Materielle Dimension

Ich habe mir gute Lebensbedingungen geschaffen.

Meine Tätigkeiten empfinde ich als befriedigend.

Ich verfüge über ausreichende finanzielle Mittel.

Ich bin mit meinen materiellen Verhältnissen zufrieden.

_________________

Andere Dimensionen

Ich kann mein Leben genießen.

Ich sorge gern für meine Haustiere.

Ich pflege meine Pflanzen.

Ich habe Freude an Kultur (Kunst, Musik …).

Ich genieße die Natur.

Ich betätige mich kreativ.

Ich pflege Hobbys.

Ich probiere gerne Neues aus.

________________

Der Ressourcen-Check kann, je nachdem zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Befindlichkeit Sie ihn durchführen, etwas anders ausfallen. Er zeigt Ihnen, wo Sie „schöpfen“ können (das sind die Bereiche, die Sie mit 1 oder 2 versehen haben) und wo Sie „aufbauen“ sollten (bei den mit 3 oder 4 gekennzeichneten Bereichen).

Ressourcen hat man nicht einfach, man muss sie auch pflegen und ergänzen – wie den Notvorrat. Das Gute daran ist, dass man die Ressourcen gleichzeitig genießen kann, während man sie pflegt.

In diesem Sinne lautet das neue Motto: Ich tue mir Gutes, weil ich es mir wert bin!

6.2 Copingstrategien

Bereits während oder direkt nach schwierigen Situationen gibt es Strategien, die uns helfen können, besser damit umzugehen. Die wichtigsten allgemeinen Strategien für adäquates Coping (Bewältigung) sind:

Die Voraussetzungen für Verhaltensveränderungen (siehe Kapitel 4) gelten auch für die Anwendung der im Folgenden beschriebenen Copingstrategien. Wichtig ist natürlich, dass wir die passende Strategie wählen; ein ‚lustiges‘ Reframing passt sicher kaum zu einem schweren Verlust.

Copingstrategie 1: Erste Hilfe

Copingstrategie 2: Reframing – Umdeutung, Perspektivenwechsel

Die Bedeutung, die ein Ereignis, eine Aussage oder ein Verhalten haben, hängt vom Kontext, vom Rahmen (engl. frame) ab, den wir ihm geben. Reframing bedeutet, einem Ereignis einen neuen Rahmen zu geben, d. h. eine neue Bedeutung, einen neuen Sinn. Eine Situation, die bis bislang nur negativ betrachtet wurde, kann jetzt als neue Chance erkannt werden. Es gibt verschiedene Reframing-Formen, wobei Bedeutungs- und Kontext-Reframing die gebräuchlichsten sind. Bedeutungs-Reframing: Das alte Verhalten bekommt eine neue Bedeutung und wirkt deshalb positiver. Kontext-Reframing: In einem neuen Kontext wirkt das alte Verhalten vorteilhafter.

Da wir alles nur unvollständig und aus einer persönlichen Perspektive wahrnehmen, verhilft uns ein Reframing zu mehr Flexibilität und neuen Problemlösestrategien. Dazu zählt auch, das Positive im Negativen zu erkennen. Auch hier geht es nicht darum, oberflächlich alles schönreden zu wollen.

Bei einem Bedeutungs-Reframing (Umdeutung) wird der Inhalt einer Situation nicht verändert, er bekommt lediglich eine neue Bedeutung. Beispiel: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Das Glas ist in beiden Fällen dasselbe, zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Der Akzent und die Bedeutung sind jeweils unterschiedlich, denn einmal wird ein eher positiver und das andere Mal ein eher negativer Rahmen gesetzt.

Bekannt ist die Äsop-Fabel vom Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen, um sie zu erreichen. Er erklärt deshalb, sie seien ihm zu sauer. Die Trauben sind auch hier dieselben, aber mit der neuen Bedeutung kann sich der Fuchs mit der Situation besser abfinden und muss sich keine Blöße geben.

An einer großen Baustelle kam einmal ein Spaziergänger vorbei und fragte drei Arbeiter: „Was macht ihr hier?“

Der erste gab zur Antwort: „Ich klopfe Steine.“

„Ich verdiene hier mein Geld“, antwortete der zweite.

Und der dritte? Der überlegte kurz und bekannte voller Stolz in der Stimme: „Ich helfe mit, an einem Dom zu bauen“

(Reichel 1999, S. 165).

Bei einem Kontext-Reframing (Perspektivenwechsel) wird ein Verhalten in einen anderen Zusammenhang gestellt. Ein problematisches Verhalten beispielsweise kann in diesem anderen Kontext als angemessen empfunden werden.

Einem chinesischen Bauern lief einmal sein Pferd weg. Es war eine preisgekrönte, herrliche Stute. Deshalb kamen die Nachbarn, um dem Bauern ihr Mitleid über den herben Verlust auszusprechen. „Du bist sicher sehr traurig!“, sagten sie. Doch der Bauer antwortete nur: „Vielleicht.“ – Eine Woche später kam die Stute zurück und brachte fünf wilde Pferde mit sich. Wieder kamen die Nachbarn, diesmal um zu gratulieren. „Du bist jetzt sicher sehr glücklich“, sagten sie. Und wieder antwortete der Bauer: „Vielleicht.“ – Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Bauern auf einem der Wildpferde zu reiten. Er wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. „So ein Pech“, sagten die Bauern. „Vielleicht“, antwortete der Bauer. – Drei Tage später kamen Offiziere ins Dorf, um Soldaten zu rekrutieren. Sie nahmen alle jungen Männer mit, außer den Sohn des Bauern, der wegen seines gebrochenen Beines nicht kriegstauglich war .

(Reichel 1999, S. 68)

 ÜBUNG

Reframing-Fragen

Copingstrategie 3: Einen neuen Film einlegen

Einem Problem kann die Schärfe entzogen werden, wenn es karikiert wird. Wenn man es derart überdreht in seinem Kopfkino ablaufen lässt, dass man lachen muss, statt sich weiterhin aufzuregen. Natürlich kann man die Situation nicht ungeschehen machen, aber mit dieser Methode lässt sich „Dampf ablassen“ und die eigenen Gefühle lassen sich steuern.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt; auch ein Theaterstück – wahlweise Komödie oder Drama – kann in unserem Kopfkino gespielt werden.

6.3 Resilienz aufbauen

Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, dadurch zu reifen und widerstandsfähiger für die nächsten Krisen zu werden. Seit Jahrhunderten wird geforscht, was einen Menschen krank macht. Doch was hält ihn (seelisch) gesund? Die Resilienzforschung zeigt auf, weshalb Menschen ähnliche Belastungen unterschiedlich bewältigen und wie diese Widerstandsfähigkeit gestärkt werden kann. Copingstrategien und Resilienz sind wichtige Ressourcen, die uns helfen, mit belastenden Situationen umzugehen. Wie wir mit Belastungen umgehen, ist entscheidend für unsere Lebensqualität. Jeder Mensch hat Resilienz-Anteile in sich, die sich trainieren lassen.

Die sechs Faktoren der Resilienz

Akzeptanz: Veränderungen akzeptieren, statt gegen sie anzukämpfen. Veränderungen sind Teil des Lebens und Krisen können auch als überwindbare Phasen angesehen werden. Dazu gehört, sich selbst nicht nur als Opfer der Umstände zu sehen.

Positive Selbstwahrnehmung: Sich selbst positiv bewerten und sich der eigenen Fähigkeiten bewusst sein. Das macht unabhängig von der Anerkennung durch andere. Positive Ereignisse stärker und bewusster wahrnehmen als negative und den angenehmen Emotionen mehr Raum lassen als den unangenehmen Gefühlen.

Selbstwirksamkeit: Überzeugt sein vom Einfluss auf das eigene Leben oder davon, eine Situation ändern zu können. Auf die eigenen Kompetenzen vertrauen und bei Rückschlägen Ausdauer und Durchhaltevermögen zeigen.

Optimismus: Überzeugt sein, dass sich schwierige Situationen auch wieder zum Positiven wenden können. In belastenden Situationen halten optimistische Menschen länger durch oder arbeiten länger an einer Lösung, weil sie mit einem positiven Ziel rechnen.

Lösungsorientierung: Probleme analysieren und sich sinnvolle Ziele setzen. Dazu gehört, seine Ressourcen gezielt einzusetzen und an Schwierigkeiten zu lernen.

Soziales Netzwerk: In belastenden Situationen hilft ein soziales Netz aus Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Allein das Wissen um dieses Netz als Hilfemöglichkeit stärkt die Widerstandsfähigkeit des Menschen. Hierzu gehört auch die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen und auch solche zu leisten.

Tipps aus der Resilienzforschung