
KLEINE
PHILOSOPHIE
DER TORHEIT

Originalausgabe
1. Auflage 2017
Verlag Komplett-Media GmbH
2017, München/Grünwald
www.komplett-media.de
eBook-ISBN: 978-3-8312-6940-2
Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg Umschlaggestaltung: X-Design, München
Satz: Daniel Förster, Belgern
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
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INHALT
EINLEITUNG
KAPITEL 1: WAS SENECA NOCH NICHT WISSEN KONNTE
Grenzen, die der Vernunft gesetzt sind
Selbsterforschung gemäß Seneca und gemäß Freud
Ein Rundgang durch Neuchâtel
Philosophie der Lust
London wird zum Hexenkessel
Frühe Schildbürger: die Athener im klassischen Zeitalter
Ein Buch, das auch Hitler gelesen hat
Le Bon und Freud
Moderne Gruppenforschung
Gruppeneinfluss auf Wahrnehmungsurteile
Ab ins Gefängnis!
Groupthink (Gruppendenken)
Orientierung an Personen – Orientierung an Sachverhalten
Gefühle contra Vernunft
Emotionsforschung
Ein treuer Dackel
Der Umgang mit Gefühlen
KAPITEL 2: DEM NARRENKÖNIG GEHÖRT DIE WELT
Oder doch nicht?
Weltgeschichte und Vernunft
Geschichtsphilosophie
Thukydides contra Hegel
Der Russlandfeldzug der “Weltseele zu Pferde”
Wenn Vernunft gegen Vernunft steht
Auf die Vernunft ist kein Verlass
Tatsachen und Theorie
Wann der 2. Weltkrieg für Deutschland verloren war
Das Zweitbeste kann das Beste sein
Von der anderen Seite her denken
KAPITEL 3: DA STEH’ ICH NUN, ICH ARMER TOR …
Doktor Faust und die Bildung
Preußens Gloria
Werden Sie Skeptiker!
Edle Einfalt, stille Größe
Steckt auch in Platon ein Tor?
Und Aristoteles - ist der frei von Torheit?
P. - ein großer Dichter? Entscheiden Sie!
Faust als Psychologiestudent
KAPITEL 4: DAS GEHIRN IST SCHULD
Torheiten, die sich nicht vermeiden lassen
Wie es zur Fehleinschätzung anderer Menschen kommt
Werfen Sie Ihren Anker!
Heuristiken
Wenn wir doch loslassen könnten
Die Prospect Theory: Weitere Einzelheiten
Noch einmal: Heuristiken
KAPITEL 5: DAS LOB DER TORHEIT
Wie der Humanist Erasmus Weisheit zu Torheit und Torheit zu Weisheit macht
Der hebräische Weise
Lebensziel “Weisheit”?
Ein Weisheitssucher hat resigniert
Dichterlesung zum Thema “Vergänglichkeit, Tod”
Ein Weisheitssucher, der resigniert hat, als Therapeut
Die Weisheit des Alten Orients, Israels und Ägyptens
KAPITEL 6: VON SÄULENHEILIGEN UND ANDEREN TOREN
Wie uns die Religion um den Verstand bringen kann
Möchten Sie auf einer Säule leben?
Zwei Wochen in den Bergen
Johannes Rau und Gerhard Tersteegen
Im Prophetenhaus zu Rama
Totalitarismus in der Seele versus Pluralismus
Der religiöse Zirkel im Christentum und im Islam
Machen Sie sich zum Richter!
Torheiten der Religionsforscher
KAPITEL 7: EINE WELT OHNE TORHEIT
Wie die utopischen Staatsentwürfe das Leben langweilig machen
ÜBER DEN AUTOR
EINLEITUNG
Liebe Leserin, lieber Leser, ich lade Sie zu einem gefährlichen Selbstexperiment ein. Die Sache beginnt harmlos, nämlich mit dem Nachsprechen eines Satzes. Er enthält das Wort »Hammer«, das in unserem Zusammenhang eine symbolische Bedeutung besitzt. »Einen Hammer haben« heißt gemäß großem Wörterbuch des Dudenverlags »leicht verrückt sein«. Leicht, das geht noch. Wenn hier schwer stände, würde ich das folgende Experiment mit Ihnen nicht wagen …
Aber nun der Satz. Er lautet: »Alle haben einen Hammer, alle; ich habe noch keinen gesehen, der keinen hatte.« Wollen Sie das nachsprechen? Oder dieser Äußerung zumindest innerlich zustimmen? Drückt sie auch Ihre Erfahrung aus? Um uns herum, im Alltagsleben, wimmelt es von Toren. Oder besser gesagt von Menschen, die dann und wann zu Toren werden. Eigentlich sind sie ganz normal, liebenswürdig, aber jederzeit kann etwas durchbrechen, etwas Irrationales, und dann wird eine Handlung begangen, über die wir – als Zuschauer – fassungslos sind.
Und nun die gefährliche Seite des Experiments. Ich bitte Sie, vor einen Spiegel zu treten. Sprechen Sie jetzt den Satz noch einmal aus: »Alle haben einen Hammer, alle; ich habe noch keinen gesehen, der keinen hatte.« Dieses Mal sollten Sie wirklich laut reden, Denken reicht nicht. Gnadenlos muss über Ihre Lippen kommen: »Alle haben einen Hammer …«, wobei Sie sich in die Augen schauen. So beziehen Sie das Spiegelbild – beziehen Sie sich selbst – in die Aussage ein.
Das ist schwer, nicht wahr?
Ich hoffe, dass Sie jetzt nicht das Buch zuklappen. Dass Sie sich nicht beleidigt fühlen. Nicht angegriffen fühlen. Vielleicht sind Sie ja neugierig geworden. Dann lade ich Sie zu einem Streifzug durch die Geistesgeschichte und Psychologie ein. Ziel ist es, das Phänomen der Torheit besser zu verstehen. Um gelassener und vielleicht sogar souverän mit ihm umgehen zu können. Los werden wir die Torheit nie. Warum nicht – darauf sollen im Laufe der Ausführungen Antworten versucht werden. Auf jeden Fall steht jedem von uns die nächste eigene Torheit unweigerlich bevor. Unsere Torheiten gehören zu dem Stoff dazu, aus dem sich unser Leben aufbaut; sie gehören zu uns, und zwar mit all ihren Konsequenzen. Es ist grundsätzlich unmöglich, einem Lebensplan zu folgen, in dem nur die Vernunft regiert.
Aber die antiken Philosophen, waren die nicht der Meinung, dass die Vernunft den Menschen leiten soll und dass dies auch möglich ist? Insbesondere die Stoiker wären hier zu nennen, die davon ausgingen, dass eine göttliche Vernunft den Kosmos durchwaltet und dass der Mensch für sie empfänglich werden und sich von ihr bestimmen lassen muss. Bei Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) begegnet uns diese Vorstellung auf Schritt und Tritt. Fast schon wollen wir uns vor diesem Philosophen mit seinem hohen sittlichen Ernst ehrfurchtsvoll verneigen und die These von der Unvermeidbarkeit der Torheit noch einmal überdenken, da stoßen wir auf Senecas 50. Brief an Lucilius, in dem er schreibt: »Wenn ich mich über einen törichten Menschen belustigen will, so brauche ich nicht lange zu suchen: Ich lache über mich selbst.« – Wir sind erleichtert. Oh Seneca, du gehörst zum Club. Du hättest dich wahrscheinlich auch auf das Selbstexperiment vor dem Spiegel eingelassen.
Über sich selbst lachen, über seine Torheiten lachen, das ist gut. So werden wir lockerer. So kann sich leichter etwas ändern, und tatsächlich (auch das ist eine These des vorliegenden Buches) wären viele Torheiten durchaus vermeidbar. Nicht alle, aber viele.
Also, sind Sie für den Streifzug durch die Geistesgeschichte und Psychologie bereit? Ich bitte Sie zunächst in ein griechisches Theater. Sie sollen einen Mann bewundern, der sich auf der Bühne als Sänger und Zitherspieler produziert. Hinterher müssen Sie unbedingt Beifall klatschen. Auch wenn Sie die Darbietung schlecht gefunden haben. Sie müssen – andernfalls bringen Sie sich in Lebensgefahr …