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Table of Contents

Title Page

Vorwort & Editorial

Protagonisten

Was bisher geschah

Preisrätsel Band 2

Trasferita a Italia

Ein Jahr später

Raus aus den Träumen

Solitudine, Einsamkeit

Mein Moralischer

Solo – alleine – alone

Geburtstagsfeiern

Neugierde

Italienreise in Italien

Herbst

Guglielmo

Kreuzfahrt

Ritorno

Zum Jahreswechsel

So what?

Dagoberto

Carne vale

Vorbereitungen

Jedem seine eigene Hölle

Time-Trip

Guglielmos Bericht

Zeugnisse

Pfarrer-Kaffee

Schulfreunde

Frühjahr – es wird Zeit

Dürfen wir? Wollen wir? Trauen wir uns?

Heilige Erkenntnisse

Himmelfahrt

Zeitreise ins Kloster

Diesmal berichte ich !

Zweit-Sprung

Erschöpft

Monate des Spätsommers

Der große Rat

Es gibt noch viel zu tun

Verlagsverzeichnis 2016_01

Yoko Hamani

Adi Mira Michaels

Sir Arnold
Detektiv der Vergangenheit

Band 02
Jedem seine eigene Hölle

 

 

 

Verlag des Instituts Drachenhaus

© 2015 Babenhausen, Süd-Hessen

EBook & Hörbuch

DIESES BUCH IST EBENFALLS ALS EBOOK UND ALS HÖRBUCH ERSCHIENEN.

BEI TECHNISCHEN PROBLEMEN MIT EBOOKS WENDEN SIE SICH BITTE DIREKT AN DEN VERLAG: MH@DRAGODERM.DE UND LEGEN SIE DEN KAUFNACHWEIS VOR. WIR HELFEN SOFORT.

HÖRBÜCHER AUS DEM VERLAG DES INSTITUTS DRACHENHAUS SIND IN AUTORENLESUNG (HIER: ADI MIRA MICHAELS, YOKO SPRICHT KEIN DEUTSCH) GELESEN. DIE HÖRBÜCHER SIND WIE KLEINE HÖRSPIELE GEMACHT, ALSO NICHT NUR NACKTES VORLESEN. DIE BÜCHER SIND VOLLSTÄNDIG GELESEN, NICHT NUR AUSZÜGE.

Die Autoren

Yoko Hamani

DIE LEGENDE YOKO HAMANI WURDE IM JAHR 1987 IN DER NÄHE VON NIIGATA, JAPAN, IN EINEM KLEINEN DORF „AUF DEM LANDE“ GEBOREN. SIE STUDIERTE MUSIK IN JAPAN UND DEN USA, TRAF AUF CAPRI EINEN ANDEREN MUSIKSTUDENTEN, DER SIE MIT ADI MIRA MICHAELS IN KONTAKT BRACHTE.

Adi Mira Michaels

GEBOREN 1964 IN FRANKEN, ERLEBTE ADI MIRA MICHAELS EIN SEHR WECHSELVOLLES LEBEN VOR SEINEM LEBEN, BIS ER 2012 ALS PSEUDONYM EINES BEKANNTEN SACHBUCHAUTORS ERFUNDEN WURDE. UNTER SEINEM NAMEN ERSCHEINEN SCHWULE EROTISCHE ROMANE UND KURZGESCHICHTEN, ALS BUCH, EBOOK UND VIELE DAVON AUCH ALS HÖRBÜCHER IN AUTORENLESUNG.

 

… und jetzt kommt das leise „Aber“:

BEIDE AUTOREN SIND FIKTIVE CHARAKTERE. SIE SIND PSEUDONYME, UNTER DEREN NAMEN GESCHICHTEN VERÖFFENTLICHT WERDEN. WENN ES NACH YOKO GINGE, DANN WÄREN ES SEIDENWEISS REINE, ROMANTISCHE GESCHICHTEN, DOCH ADI MIRA SETZT SICH IMMER WIEDER MIT PRALLER EROTIK DURCH.

Kontakt zu den Autoren

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ODER AUF FACEBOOK UNTER ADI MIRA MICHAELS. WIR FREUEN UNS ÜBER JEDES „GEFÄLLT MIR!“ UND MEHR!

Hinweis

ALLE CHARAKTERE UND GESCHICHTEN IN DIESEM ROMAN SIND FREI ERFUNDEN. EVENTUELLE ÜBEREINSTIMMUNGEN MIT LEBENDEN ODER TOTEN PERSONEN WÄREN REIN ZUFÄLLIG.

Bibliographische Angaben & Kurztitel CIP

AUTOR

YOKO HAMANI, ADI MIRA MICHAELS

TITEL

SIR ARNOLD: DETEKTIV DER VERGANGENHEIT

BAND 02: JEDEM SEINE EIGENE HÖLLE

VERLAGSORT

BABENHAUSEN, SÜD-HESSEN

VERLAG

VERLAG DES INSTITUTS DRACHENHAUS

VOLUMEN

ALS PAPIERAUSGABE 485 SEITEN

GRAFIK

21 STRICHZEICHNUNG, 9 FOTOS

COPYRIGHT

© 2015 ALLE RECHTE BEIM VERLAG

TEXTE

YOKO HAMANI UND ADI MIRA MICHAELS

FOTOS, GRAFIKEN UND TITELGESTALTUNG

VOM VERLAG

LEKTORAT

ANDREA KERLEN, MICHAEL HOFFMANN

DRUCK & BUCHFERTIGUNG

IM VERLAG

UMSETZUNG ZUM EBOOK

IM VERLAG, MIT JUTOH

ISBN

978-3-932207- PRINT -74-7, EPUB -75-4

HÖRBUCH: -76-1, LÄNGE NOCH UNBEKANNT

Widmung

ES FÄLLT MIR SCHWER, EINE WIDMUNG ZU VERFASSEN. BEI MIR IN DER FAMILIE GAB ES NOCH NIE EINE SCHRIFTSTELLERIN UND ÜBERHAUPT MEINE FAMILIE: ES GIBT SIE SCHON LANGE NICHT MEHR.

ICH GLAUBE, ICH WIDME DIESES BUCH MEINEN ELTERN, DIE SCHON VOR JAHREN VERSTORBEN SIND.

YOKO HAMANI

 

 

Vorwort & Editorial

Manchmal wünscht man sich ein Leben wie Sir Arnold. Einmal sich nicht überlegen müssen, ob nun dieser Pullover, diese Stereoanlage, ein neuer Rechner oder so eine kleine vierwöchige Flugreise dem Geldbeutel konveniert.

Sir Arnold kann das. Er musste sich noch nie Gedanken über Finanzen machen, ja, nicht einmal arbeiten.

Ein tolles Leben. Und wie langweilig!

 

Sir Arnold wurde es zu langweilig. So langweilig, dass er sein Haus in England verkaufte und nach Italien umzog. Dass dies auch dem schlechten Wetter in England geschuldet war, ist ein offenes Geheimnis.

In Italien hat er seinen Freunden Mario und Pasquale eines ihrer Gutshof-Häuser abgekauft, endlich findet er mal so etwas wie eine sinnvolle Beschäftigung. Vor seiner Finanzspritze häuften sich im Gutshof eher die Probleme als die Gewinne.

 

Sein neues Interessengebiet, ganz zuletzt in England erkannt, sind Reisen in die Zeit, doch erst mal kommt er vor lauter Arbeit zu gar nichts

 

 

Dies ist der ZWEITE BAND der Geschichten um Sir Arnold, den Detektiv der Vergangenheit. Er hat sich nun von England verabschiedet, seine Einsamkeit, die ihn auf der Insel eigentlich genauso lange begleitete, wie das englische Essen, hat er jedoch mitgenommen. Das Essen nicht.

Da nützt es auch wenig, dass Henry, sein alter Diener, mit umzog, denn Henry ist zum einen schon siebzig, zum anderen nicht schwul.

Es dauert einige Zeit, bis Sir Arnold erkennt, dass er sein selbst gebautes Gefängnis wohl in einem der Umzugscontainer versteckt hatte, um es sofort nach seiner Ankunft wieder aufzustellen.

 

Eine kurze erotische und erholsame Reise mit zwei netten Brüdern, deren Bekanntschaft er wirklich eher durch Zufall, als mit Absicht machte, führt ihn an die Adria und dort lernt er einen jungen Mann kennen, den wirklich zu erkennen er wieder einmal „ewig“ braucht.

 

Endlich löst sich sein privates Gefängnis in Luft auf, um aber einem anderen, alten Leid Platz zu schaffen: der Langeweile.

Okay, sie ist lange nicht mehr so groß, wie damals, in England; er hat auch wirklich zu arbeiten. Aber dennoch überfällt sie ihn immer wieder.

Bald schon wird er neugierig auf eine Geschichte, die sich vor rund 100 Jahren zugetragen hat.

 

 

So lade ich Sie ein, zu neuen, aufregenden Reisen mit Sir Arnold! Ich wünsche Ihnen nun viel Spaß beim Lesen!

 

Michael Hoffmann, der Verleger

Protagonisten

Viele Romane der Reihe „GayLe Geschichten“ haben eine Liste ihrer Hauptprotagonisten vorne im Buch. Das soll bei Sir Arnold auch nicht anders sein.

 

 

Sir Arnold John Appleby, Baronet of Rochester: Beruf Erbe

Henry: Sein Diener

Pasquale: Wäscherei Hotel Italien, später Freund von Sir Arnold

Conte Mario Kari di Berganza: Partner von Pasquale, Kari = der Schöne

Conte Angelo Oddone di Berganza: Vater Marios

Contessa Maria Elisabetha di Berganza: Mutter Marios

Prof Dr. Riley Dylan Johnas: Professor Uni Greenwich

Prof Conan Swifferland: Professor Geschichte

Julia Ludmilla: Freundin Henry

Belcore: Sekretär Arnoldo

Gabriele: Hausboy Arnoldo

Priamo: Hausboy

Mauro: Küchenchef

Saverio: Koch

Marcello & Tizio: Brüderpaar

Ernesto & Luca: Brüderpaar

Was bisher geschah

Sir Arnold hat nach dem Tod beider Eltern beschlossen, sich in England nicht mehr zu Tode zu langweilen und über das Wetter zu ärgern. Relativ kurz entschlossen verkauft er sein Anwesen Peabody Manor im Südwesten Londons an eine wohlbekannte Puffmutter, der Erlös jedoch erhöht sein Vermögen nur unwesentlich. Nicht, weil er so wenig bezahlt bekommen hätte, sondern weil er so reich geerbt hatte.

Zuvor noch kommt er durch einen „dummen Zufall“, dem zu seinem 40. Geburtstag geschenkten Buch von Jack Finney, auf die Idee der Zeitreisen. Er probiert es aus und findet seinen verschollenen Onkel Albert, der nun jedoch nach einem sehr intensiven intimen Kontakt mit ihm erschossen wird und in seinen Armen stirbt. Er hat ihn mit letzter Kraft noch in die Jetztzeit gebracht, das Leben des damals jungen Onkels konnte das nicht retten.

 

Sir Arnold zieht bald darauf mit Sack und Pack und seinem – jetzt ehemaligen – Diener Henry nach Italien, zu seiner großen Liebe Pasquale und dessen neuen Mann, Mario di Berganza. Der heißblütige Italiener Pasquale war nach drei Jahren in England an Depressionen erkrankt und musste das Land verlassen. Vor vielen Jahren.

Das Landgut der Familie di Berganza benötigt dringend finanzielle Hilfe. Sir Arnold kommt nicht nur als Geldgeber gerade recht.

Preisrätsel Band 2

Unter allen Einsendern eines Kalender-Halbjahres, die korrekt herausgefunden haben, in welchem italienischen Ort der zweite Band von Sir Arnold = dieses Buch dieser Geschichte spielt, wird unter Ausschluss des Rechtsweges je ein Buchgutschein für ein Print-Exemplar oder ein Hörbuch der „GayLe Stories“ oder ein Buch der Serie „Medizin kontrovers“ aus unserem Verlag verlost. Bei „Medizin kontrovers“: Lieferbarkeit vorausgesetzt.

 

Hinweise: Der Ort existiert als Ortschaft in der genannten Gegend, die Klöster in dieser Umgebung auch. Kirche, alter Marktplatz, das Landgut – ob das alles so existierte, ist den Autoren nicht bekannt, es ist also Fiktion. Die Eisenbahn / der Bahnhof im Ort ist von den Autoren erfunden.

 

Technisch-rechtliche Hinweise: Jeder Teilnehmer kann nur einmal teilnehmen. Als mehrfach erkannte Eingaben werden automatisch komplett disqualifiziert. Dieses Preisrätsel ist erst mal auf 2 Jahre nach dem Erst-Erscheinungsdatum des Buches begrenzt. Es KANN verlängert werden.

Alle mit der richtigen Lösung eingetroffenen E-Mails nehmen an der Verlosung teil. Mitmachen kann jeder ab 18 Jahren, ausgenommen die Autoren, Lektoren und Mitarbeiter des Verlags und deren Angehörige. Eine Barauszahlung oder ein nachträglicher Umtausch der Gewinne ist nicht möglich. Die Gewinner werden unter allen Einsendungen mit richtiger Lösung per Losentscheid ermittelt und per E-Mail benachrichtigt, bei angegebener Adresse und Nichtzustellbarkeit der Mail auch schriftlich. Persönliche Daten werden ausschließlich zur Durchführung der Aktion, insbesondere zum Versand der Gewinne, benutzt und nicht an der Aktion unbeteiligten Dritten weitergegeben. Einsendeschluss: jeweils der 31.12. und 30.06. des Jahres (Datum der Einsendung).

Teilnahme per E-Mail, Fax oder Briefpost an den Verlag. (www.verindrach.de / www.dragoderm.de)

 

Das Preisrätsel wird fristlos beendet, finden wir im Internet einen Hinweis auf die Rätsellösung. Einen entsprechenden Hinweis finden sie dann auf unserer Homepage

 

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Teil 1

 

Trasferita a Italia

 

 

Ich streckte meine müden Beine auf dem bequemen Gartensessel aus. Ein edles Stück, zwar aus purem Plastik, aber dafür mit automatisch anhebender Beinauflage, wenn man die Rückenlehne kippt. Neben der Liege stand ein Tischchen mit einem frischen Campari Soda, hausgemixt, nicht aus der Flasche, genauer gesagt, handgemischt von Henry.

Henry, mein langjähriger Diener, hasste es, englisch ausgesprochen zu werden, er bevorzugte das französische „Oorie“ – es konnte sogar mir passieren, dass er auf „Henry“ einfach nicht hörte. Doch das war damals.

Damals, als wir noch in England lebten. Ich habe mein Haus verkauft und Henry angeboten, einfach als Freund mit mir nach Italien zu kommen, seine letzten Lebensjahre in der Sonne zu verbringen, nicht im Regen. Schließlich war er schon siebzig, Zeit genug für ein Rentenalter. Natürlich würde alles von mir bezahlt. Warum auch nicht. Mit dem Umzug hatte Henry auch beschlossen, dass „Oorie“ für Italiener vermutlich ebenso schwierig auszusprechen sein dürfte, wie für unsereins das chinesische „Hallo“, „mihau“, 您. Seine nun seit mindestens vierzig Jahren anhaltende Marotte, also seitdem ich geboren bin, hatte er abgelegt. Mit siebzig fand er sich auch reif genug dafür.

 

Sessel und Tischchen stehen auf einer sonnenüberfluteten Terrasse in Italien, in der Nähe von Siena, auf dem Landgut der Berganzas. Noch nicht vor unserem eigenen Haus, aber immerhin schon hier.

 

Die letzten drei Wochen in England waren mehr als turbulent gewesen. Nach der körperlich und seelisch anstrengenden Beerdigung von Onkel Adam lag ich erst mal drei Tage im Bett. Martha, die Köchin, musste gar nicht erst kommen, Henry hatte ihr was von Magenverstimmung erzählt, tatsächlich versorgte er mich mit Zwieback und Tee, ich aber litt weder an Magenbeschwerden noch an Durchfall, sondern an dem unendlichen Muskel- und einem weiteren Kater, den ich partout nicht mehr auf die Whiskeys schieben konnte. Henry erinnerte mich schließlich daran, dass es mir damals, als Pasquale mich verlassen musste, so ähnlich ging und mit den Gedanken an diese und an andere schwierige Zeiten kam ich binnen dreier weiterer Tage wieder zu so etwas wie zu innerer Ruhe.

Nein, Adam war und ist nicht vergessen. Ich glaube, das kann ich nicht. Aber ich habe ihn als einen Teil meiner Geschichte abgespeichert. Einen Teil, den ich eigentlich gar nicht hätte erleben sollen und unter normalen Umständen auch nicht können. Doch noch nie war ein Mensch in meinen Armen gestorben, noch weniger einer, mit dem ich Minuten vorher wirklich perfekten Sex hatte – seine eigene Aussage. Dass er unmittelbar nach dem wohl beglückendsten Geschlechtsakt seines Lebens gestorben sei, machte die Sache auch nicht besser.

Ich trauere immer noch um ihn, auch heute noch, die Haupttrauerarbeit leistete ich aber in jenen drei Tagen.

 

Drei Tage im Bett liegen, nichts tun, außer in sich selbst zu sehen und festzustellen, dass das da innen genauso alt ist wie außen und nicht viel ansehnlicher, brachte meine Gedanken auch wieder auf die vor meinen vierzigsten Geburtstag durch, sagen wir einfach, „freundliche Aktionen“ mit einem der Gäste, jäh unterbrochene Erinnerung an meine große USA-Reise per Zug.

USA, 2. Teil

Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass das so weit ist. Ich stellte mich im Bahnhof in Chicago deshalb erst mal vor eine Karte und erkannte kopfschüttelnd, dass ich auf meiner ganzen Reise gerade mal ein Drittel des Landes durchquert hatte – in, ich weiß gar nicht mehr, wie vielen Stunden Fahrt. Mein Gott. Nicht, dass ich nun negativ überrascht war, eher erstaunt und Abraham schüttelte nur lachend den Kopf.

„Tja, mein lieber Junge, die USA sind riesig. Ist ja schließlich auch ein ganzer Kontinent. Und jetzt stell dir mal vor, du würdest vom obersten Norden bis ganz nach Süden reisen, das sind rund 10000 Meilen – Luftlinie! Wir machen im Vergleich dazu nur einen Katzensprung.“

So langsam verstand ich, warum die Amis so selten nach Europa gehen. Sie schaffen es meist nicht mal, in ihrem Leben die ganzen USA zu besuchen.

Ich war noch dazu noch so jung. Gerade mal 24 Jahre alt, noch lange nicht Erbe meines Vermögens, hatte ich mich nach meinem Studium alleine auf eine Rundreise oder was auch immer durch die Vereinigten Staaten von Amerika begeben. Alleine, weil ich niemanden hatte, der mitkommen hätte können oder den ich (auf meine Kosten, was denn sonst) hätte mitnehmen wollen, überhaupt aber, weil ich das Land unbedingt einmal erkunden wollte. Mit einem 15 Tage gültigen Amtrack-Pass, einem Koffer, natürlich trotzdem ausreichend Geld und vieler Neugierde. Nun war ich nach Start in New York in Chicago gelandet, wo ein erheblich älterer Mann, jener Abraham, einlud, doch mit ihm auch Las Vegas zu besuchen. Im Zug und teilweise von ihm bezahlt.

Abraham Neiles, San Antonio, habe ich in meinem Hotel in Chicago kennengelernt, er war „uralt“, schon 55 Jahre und nicht mehr verheiratet, seit dem er sich zugestanden hatte, dass er auf junge Männer mehr stand als auf Frauen.

 

Der Zug war komfortabler als die anderen. Warum, das ist ganz einfach. Ich hatte bisher nur, wenn ich in der Nacht fuhr, einen Schlafplatz in einem Liegewagen gehabt, eine Kabine war zu dem Preis nicht drin. Mit Abraham jedoch schon. Er würde nie eine solche Strecke ohne Komfort fahren – er hatte das damals schon, was ich heute habe: Geld in einer Menge, dass man so was nicht mehr fragen musste.

 

Wir blickten in die Landschaft, Abraham übertraf sich immer wieder selbst beim Berichten von Geschichte, Landschaft, Anekdoten, während wir aus den Fenstern sahen, im Speisesaal kleine Köstlichkeiten zu uns nahmen (die nicht unbedingt auf der normalen Speisekarte standen). Wenn es dunkel wurde, „bezahlte“ ich meine Reisekosten, nur manchmal kam ich mir vor, wie eine Nutte oder – eher – wie eine Ehefrau oder Freundin. Es machte mir nichts aus, es war immer noch nett.

 

(Dies war ja der eigentliche Grund der Erinnerung an diese Reise: ob ich denn kostenlos mit einem erheblich älteren Mann mitgehen und ihm zu Diensten sein würde. Die Story zeigt: nein. Oder doch: ja?)

 

Ich genoss diese Fahrt mehr, als jede andere. Zum einen, weil ich nicht alleine war. Zum anderen, weil ich durch seine hervorragenden Kenntnisse einen persönlichen Reiseleiter hatte und zum Dritten, weil die Gegend wirklich irre war. Der Zug fuhr durch das, was ich mir schon als Kind als den „wilden Westen“ vorgestellt hatte. Enge Schluchten und Passagen, weite Steppen, chaotische Berghügel – ich konnte mich kaum satt sehen und machte noch mehr Fotos.

Luxor

Von Kingman mit dem Bus in Las Vegas angekommen, stiegen wir dort im Hotel Luxor ab. Okay, Luxor war für mich eine ägyptische Stadt. Dass das Hotel aber eine Pyramide war, mit dunkelblauem Glas bedeckt, das hatte ich weder geahnt, noch gewusst. Dementsprechend genoss Abraham mein offen (und still!) stehendes Mundwerk. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, bis ich wieder zu einem Ton fähig war, wir waren schon auf dem Zimmer, zogen uns rasch um und nutzten die seltene Gelegenheit des Bades in der gigantischen Poolanlage im Freien – so was kannte ich aus England gar nicht und hier in den Staaten hatte ich es auch noch nicht gesehen. Noch dazu im Freien, kein Wölkchen am Himmel, bis mich Abraham daran erinnerte, dass Las Vegas nach wie vor mitten in der Wüste liegt.

Es wurden ein paar herrliche Tage. Wir besichtigten eigentlich alle großen Casinos, doch alleine für das Luxor und das nachgebaute Grab des Tut-Ench-Amun brauchten wir schon einen Tag.

Meine „Bezahlung“ für Abraham wurde für mich ein bisschen so was wie Bodenübungen, ich befürchte mal, für ihn auch nicht viel anders, denn nach vier Tagen hatte er keine große Lust mehr, „musste“ auch wieder arbeiten und reiste ab. Mein Ticket für den weiterfahrenden Bus hatte er bezahlt.

Der Aufenthalt im Luxor nahm damit ein jähes Ende. Schade, ich habe diese „Inclinators“, die schräg fahrenden Aufzüge, sehr gemocht.

 

Ich blieb aber noch, zog in ein preiswertes Motel um, ebenfalls direkt am Strip, in der Nähe des Surf Buffet, das ab sofort auch mein Lieblings-Frühstücksrestaurant wurde. Für wenige Dollar All-you-can-eat-Frühstück statt einzeln abgezählte Würstchen für vier bis sieben Dollar, wie in normalen Frühstücksrestaurants. Am Abend plünderte ich meist im Show-Boat das sehr gute, preiswerte und umfangreiche Buffet. Dieses „all-you-can-eat“ nahm ich schon lange nicht mehr ganz so wörtlich und so konnte ich mich auch nach dem Essen noch bewegen, zum Beispiel Las Vegas besichtigen, besonders in der Nacht ein unvergessliches Erlebnis.

Ja, ich habe auch gespielt. Insgesamt und zusammen mit Abraham – das Geld stammte von ihm – habe ich an diversen Spielautomaten 50 Dollar vernichtet. Das ging so schnell, dass ich danach keine Lust empfand, auch nur noch einen weiteren Cent in einen dieser gierigen Schlünde zu stopfen und mich immer mehr über die Jungen und Alten, Männer und Frauen, gerade mal volljährig Gewordene und Greise in den riesigen, immer irgendwo gleichen Spielhallen zu amüsieren. Sie saßen mit stumpfem Gesicht, stundenlang, ich behaupte sogar, manche tagelang, an den Automaten, warfen von 5-Cent-Stücken bis zu Kreditkartenbeträgen alle paar Sekunden so regelmäßig ein, dass man sie durchaus als Bedienroboter der Spielautomaten betrachten hätte können. Das alles bei absolut gleichbleibender Beleuchtung Tag und Nacht, Fenster nach außen gab es in den Spielbereichen keine, Essen und Trinken wurde auf kleinen Wägelchen durch die Reihen gefahren – nur eine fahrbare Toilette habe ich nirgends gesehen. Das fehlte gerade noch.

Natürlich gewannen auch welche. Doch, was mir auffiel war, dass die Spielautomaten sich mehr darüber „freuten“, als ihre menschlichen Bedienautomaten. Das Klingeln eines „Jackpots“ klang hundertmal besser, als der Jubel des Menschen davor, wenn er/sie überhaupt noch ein Lebenszeichen von sich gab und nicht nur ab sofort die Münzen nicht mehr aus dem großen Pappbecher, sondern der Ausgabeschublade griffen.

Gleichmäßig. Mechanisch. Automatisch. Im Sekundentakt.

Klack. Klack. Klack. Klack.

Erschreckend.

 

Und doch: wenn ich die Augen schließe – dieser Sound ist sofort wieder da. Dieser Sound der Spielhallen. Er hätte das Potential, mich süchtig zu machen.

 

Ob ich mit Roulette, Black Jack, Poker oder Ähnlichem gewonnen hätte? Keine Ahnung, hier lagen die Einsätze erheblich höher und ich hatte keine Lust darauf. Rechtlich gedurft hätte ich schon, so gerade mal. 21 musste man mindestens sein.

 

Nachdem Abraham abgereist und ich umgezogen war, kehrte mein erotisches Leben gegen Null zurück. Nie hatte ich in den USA weniger attraktive Typen gesehen, denn hier in Las Vegas. Sie alle hatten diese Dollarzeichen in den Augen, taten so wie alle Amis, als seien sie hetero. Von Abraham hatte ich noch erfahren, dass es durchaus eine schwule Szene hier gäbe, er wollte jedoch nicht dahin und so blieb mir auch verborgen, wo.

Selbst in meinem Motel lag nichts herum, was halbwegs attraktiv und alleine war. Nur, es machte mir nicht direkt was aus. Auch, wenn ich gerne mit dem einen oder anderen gemeinsam durch die Stadt getigert wäre, alleine konnte ich mich in Las Vegas auch gut unterhalten und fuhr nach weiteren zwei Tagen dann zu meinem USA-Endziel, nach San Francisco.

San Franzisco

Wow, was für eine Stadt! Begeisternd schön und schweineteuer. Nirgendwo habe ich so viel für Schlafen oder Essen bezahlt, trotz Couponheften und Sonderaktionen, aber die Stadt ist einfach herrlich. Ich hätte tagelang nur in den Cable Cars sitzen und die Berge hinauf und hinunter fahren können, machte eine geführte Stadtbesichtigung inclusive Schifffahrt für einen ganzen Tag mit, nur nach Alcatraz zog es mich gar nicht. Dafür erwischte ich einen der – laut Motelcrew – seltenen Tage, an denen die berühmte Brücke nicht im Nebel verschwunden war.

 

Langsam ging ich es an, meinen Rückflug zu terminieren und als ich im Flughafen alle Kontrollen durch hatte und im Boardingbereich zur Ruhe kam, ließ ich meine Erfahrungen noch mal Revue passieren.

Ich hatte eine „Weltreise“ hinter mir. Voller Erlebnisse, die ich nicht erwartet hatte, keines davon böse, außer, dass mir gleich am Anfang in New York meine Jacke gestohlen wurde – ich hoffe, der Dieb konnte sie wirklich brauchen. Es war sonst nichts weiter drin, ich bin ja nicht wahnsinnig und stecke da Geld oder meine Traveller Checks rein. Ich habe in einem Billigkaufhaus einen Ersatz für ein paar Dollar erstanden.

 

Ein Entschluss bildete sich jedoch heraus: das kann nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich hier war. Ich muss unbedingt wieder zurück, möglichst nicht alleine, um wenigstens weitere zwei, drei Prozent des Landes zu sehen. Wie ich erkannt habe, hatten eigentlich alle Motel- und Hotelzimmer vier Bettplätze, die dann lediglich je fünf Dollar mehr kosteten als bei zweifach-Belegung. Außerdem, so interessant die Zugfahrten auch gewesen waren, mit dem Auto, in der kleinen Gruppe – das müsste ein noch größerer Spaß werden.

 

 

Leider aber ist dieser Wunsch bis heute ein Wunschtraum geblieben. Ich war in sehr vielen Ländern, nur in die USA bin ich noch nicht wieder gekommen.

Pasquale, Mario, Henry

Mir taten nun also schon wieder meine Knochen und Muskeln weh. Eigentlich hatte ich mir einen Komfortumzug bequemer vorgestellt, zum Beispiel, dass ich von den Umzugsleuten im Sessel herumgetragen würde, doch bildlich gesprochen, haben diese den Sessel immer mal wieder fallen gelassen oder zumindest unsanft abgestellt und ich musste wieder mit anpacken. Nicht beim Möbeltragen, aber beim doch noch fast unendlichen Sortieren, was mitkommen sollte oder nicht.

Endlich, so ganz langsam, war das letzte Zeug verpackt, meine Wohnung, ja sogar das ganze Peabody Manor in meinem Heimatort Wouldham, Rochester, schien leer zu sein, sich zu fragen, wo denn das ganze alte Gerümpel hingekommen sei. Dabei hatten wir so viel dagelassen, nicht eingepackt, als für uns nicht wichtig erklärt. So zum Beispiel ein Großteil der Bibliothek. Die von Mario und Pasquale war ein Vielfaches größer, außerdem hatte ich aus unserer Bibliothek nur einen Bruchteil gelesen – ich behaupte mal bösartigerweise, dass dies auch auf meine Mutter und erst recht auf meinen Vater zutraf. Wir alle hatten unsere kleinen Zimmer-Bibliotheken, jeder in seinem, ich in meinen Zimmern – meine Bücher waren auch samt und sonders schon von Henry und unserem Zimmermädchen, Susan-Claire gepackt worden; Susan-Claire war neu bei uns gewesen, hatte nie zu uns gepasst und es fiel mir gar nicht schwer, ihr mit meiner Abreise auch gekündigt zu haben. Elaine, meiner „alten“ Köchin hätte ich nicht gekündigt. Sie aber war nach einem schweren Infekt nur noch mit den Füßen voraus aus dem Krankenhaus gekommen, nun lag sie schon eine lange Zeit „six feet under“ – eigentlich der letzte Anstoß für den endgültigen Verkauf des Hauses.

 

Nachdem drei Tage nach der Beerdigung Adams vergangen waren, nicht aber meine Kreuzschmerzen, erhob ich mich doch von dem kranken Lager in meinem leer wirkenden Zimmer und beschloss, mich an eine Sauna / ein SPA in der Nähe zu erinnern. Heißes Wasser und eine ausgiebige Massage, vielleicht wäre der Masseur sogar hübsch, würden meinen jaulenden Muskeln wohl besser tun als das Liegen im Bett.

Henry war froh, endlich mal wieder das Bett neu beziehen zu können, richtete mir alles her und ich fuhr nach London rein.

Ich hatte da „meine“ schwule Sauna, in der ich schon seit Jahren ebenso Stammkunde war, wie leider auch die meisten anderen Kunden und so alterten Sauna, Kunden und ich gleichermaßen. Auf einen Stricher hatte ich, ehrlich gesagt, keinen Appetit und so blieb es bei physikalischen Behandlungen. Erst mal Whirlpool, dann gönnte ich mir eine einstündige Ganzkörpermassage (keine falsche Hoffnung, auch die fand ohne Massage der Körpermitte statt, obwohl der Masseur weder alt, noch hässlich, noch hetero war), danach zwei Sauna-Gänge und einen Dampfbad-Aufenthalt. Eine Kleinigkeit zu essen (oder was die hier so nennen), noch mal Sauna und Jacuzzi, dann reichte es mir auch schon. Natürlich etwas Smalltalk rings herum, belangloses Zeug bar jeglichen Informationswertes, weder erzählte ich von meinem bevorstehenden Auszug aus England, noch die anderen von mehr als vielleicht einem „blöden Weib“ zu Hause, nervenden Kindern (der eigenen Produktion) oder einem homophoben Chef.

 

Appetit aufeinander hatten die wenigsten, meist drehten sich alle Köpfe zum Eingang, wenn einer hereinkam, und da das dann im Regelfall nicht DER TRAUMPRINZ war, gingen die Köpfe gleich wieder zurück. Okay, ein bisschen Unterwasser-Fummeln im Whirlbecken gehörte mit dazu, aber das war auch schon alles. Wie gesagt, mir stand heute sowieso nicht so sehr der Sinn danach oder, eher wahrscheinlich, ich trauerte immer noch um Onkel Adam. Meinen Onkel, der, lange vor meiner Geburt verschwunden, dank meiner Zeitreise in meinen Armen gestorben war.

Hätte ich etwas anders machen können? Diese Frage ging mir seit Tagen im wachen oder träumenden Zustand nach. Was wäre wenn gewesen?

Meine Mutter hatte mir am Sterbebett noch etwas, noch mehr verraten wollen? Was hätte dies sein können? Es musste sehr wichtig für sie gewesen sein, sonst hätte sie es nicht mit letzter Kraft noch versucht. Und dennoch war es so unwichtig – oder so ungeheuerlich? – dass sie es so lange für sich bewahrt, mich nicht schon Jahre vorher informiert hatte. Was könnte das gewesen sein?

Mir nur sagen, dass Adams Verschwinden ihrer Meinung nach nicht natürlich war, er nicht weggerannt, ausgewandert ist? Dass er schwul war? Vielleicht sogar, dass er „so war, wie du, mein Sohn?“

 

Noch viel mehr quälte mich aber der Gedanke, ob ich nun verantwortlich für Adams Tod war. Für sein Verschwinden war ich es ohne jeglichen Zweifel. Adam hatte mich in den Wald geführt, in eine Hütte, die ich nicht gekannt hatte, er wollte den Sex genauso wie ich. Hätte ich mich ihm verweigert, ja wäre alles nur ein paar Minuten früher oder später geschehen, hätte ich seinen Orgasmus nicht so herausgezogen, hätten wir ein Schutztuch auf den Boden gelegt, hätte ich mit ihm mehr geschmust…

Fast fluchtartig verließ ich den Pool. Hätte, hätte, hätte … ich drehte beinahe durch. Ich stellte mich unter die eiskalte Schwallbrause. Plötzlich wurde mir an mir selbst klar, wie ungeheuerlich die Theorien der parallelen Universen und der Zeitparadoxa sind. Existierten wirklich parallele Universen, so hätte ich alleine mit meinen Gedanken nun mindestens zehn neue angelegt, jedes mit einem anderen „hätte“ und dann noch die Kombinationen der Möglichkeiten …

Das eisige Wasser ließ zumindest meinen Puls aufheulen und dann wieder auf Normalwerte absinken. Zumindest das. Wirklich besser ging es mir damit nicht.

In der Saunasitzung davor war es mir auch nicht besser gegangen. Wären die anderen in der Holzkabine nicht zu sehr mit dem eigenen Schwitzen beschäftigt gewesen, man hätte mich vielleicht aufgrund meiner Kreidebleiche aus der Hitze geschleppt und kreislaufstabilisierende Maßnahmen eingeleitet. Dabei bedurfte ich dieser gar nicht!

Was ich brauchte, konnte mir kein Mensch mehr geben. GEWISSHEIT. Gewissheit darüber, dass ich unschuldig war am Tod von Adam.

Doch diese Gewissheit wäre auch eine Lüge gewesen, denn natürlich ging es nicht um die Gewissheit, sondern um eine Absolution. Dass irgendeine hohe Macht mir sagen würde „du bist nicht daran schuld!“. Mir war tödlich klar geworden, dass ich diese Absolution nie erhalten würde, von wem denn auch.

 

Als ich die warme, immer leicht feucht-muffige Atmosphäre der Anlage verließ, ging es mir langsam besser. Das dazu im Vergleich auch im August kühle Wetter Londons nebst einem leichten Nieselregen führte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. So wenig gut hatte mir schon lange kein Saunabesuch mehr getan und ich beschloss, dass dies auf absehbare Zeit mein letzter sein würde.

Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass es noch verhältnismäßig früh am Tage war. Ich hatte meine Zeit in der Sauna falsch eingeschätzt, es war erst 2 p.m. und ich beschloss, meinem schlechten Gewissen wenigstens Nahrungsinformationen zu bieten. Ich begab mich zur Times, Abteilung Archiv.

Als ich dort war, wurde ich mir der Lächerlichkeit meines Anliegens bewusst. Auf dem ganzen Weg dorthin schwebte mir ein riesiger Lesesaal voll staubiger uralter Zeitungsausgaben vor, herausgesucht und wieder eingeräumt von einem Heer wuselnder Mitarbeiter – dabei war auch das Times-Archiv schon lange digital abrufbar und mich empfing ein kühler Recherche-Raum mit ein paar Computern, nur wenige davon besetzt. Ich hätte es genauso von Peabody Manor aus machen können.

 

Die Recherche gestaltete sich natürlich dank Indizierung und meiner genaueren Zeitangaben relativ einfach. Adams Verschwinden war erst einige Tage nach dem eigentlichen Datum eine Zeitungsmeldung wert, weiter hinten, auf Seite 20, ein Kurztext. Ich habe den genauen Wortlaut nicht mehr im Kopf, aber so ungefähr stand dort:

 

In Peabody Manor in Wouldham wurde heute die Suche nach dem in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1961 verschwundenen Adam Brightley, Bruder von Lady Jane Appleby, erfolglos eingestellt. Der 19jährige Mann wurde am Abend noch gesehen, in der Nacht ist er spurlos verschwunden. Ein Aufgebot von Polizei, Suchhelfern und auch Hunden erbrachte nur, dass sich Mr. Brightley vor seinem Verschwinden in einer Waldhütte in unmittelbarer Nähe zum Landgut der Baronets befunden haben musste. Blutspuren vor der Hütte konnten nicht mehr als menschlich oder tierisch identifiziert werden, es hatte in der Nacht nicht unerheblich geregnet.

Weitere Fuß- oder Geruchsspuren sind ebenfalls nicht mehr aufzufinden gewesen. Die örtliche Polizei bittet um Ihre Mithilfe: wer hat den jungen Mann an diesem Abend oder danach noch gesehen?

 

Die weitere Recherche unter dem Namen Adams erbrachte nur einen ebenso wenig aussagekräftigen Kurzbericht rund vierzehn Tage später.

 

Der Fall des vor zwei Wochen verschwundenen Adam Brightley – wir berichteten darüber – wird wohl von Scotland Yard als ungelöst geschlossen werden. Neben den nicht relevant verwertbaren Spuren der Suche hat auch keine der wenigen zivilen Meldungen bei der Polizei einen Hinweis auf den Verbleib des jungen Mannes oder auch nur die Entstehung oder Beschaffenheit des Blutflecks am letzten gesicherten Aufenthaltsort vor seinem Verschwinden ergeben.

 

Es folgte noch ein Aktenzeichen, unter dem man sich weiterhin melden könne, doch kein weiterer Artikel mehr in dieser Zeitung.

 

In der Sunday Times hingegen erschien kurz nach dem zweiten Artikel eine Anzeige unter „Verschiedenes“, in der eine Madame Horathia versprach, unbekannt verschollene Personen zu finden und darin behauptete, auch den vermissten Adam Brightley gefunden zu haben.

Ich stutzte. Auf diese Anzeige war ich nur durch die globale Volltextsuche des Archivs gestoßen, ob sie ernst gemeint war oder ob sie jemanden interessierte – das stand natürlich nicht dabei. Auch unter Madame Horathia weiter gesucht, fand ich nur eine ganze Reihe folgender Anzeigen, immer mit Telefonnummer und Adresse, die letzte von vor drei Jahren.

Kurzentschlossen druckte ich mir die Anzeige aus, zahlte meine Gebühren, ließ mir ein Taxi kommen und mich zu der besagten Adresse fahren. Wenn Madame Horathia noch vor wenigen Jahren eine Anzeige geschaltet hatte, dann könnte sie noch leben. Sicherlich nicht mehr jung, aber …

Eine mittelalterliche Dame öffnete mir die Türe. Sie fragte nach meinem Begehr.

Gut, eine Wahrsagerin sollte schon wissen, warum man kommt, aber diese Türöffnerin war eindeutig zu jung für Madame. Ich wies kurz die Anzeige vor, sie bat mich lächelnd, im Salon Platz zu nehmen und was dann wenige Minuten später in den Raum kam, hatte ich noch weniger erwartet. Die eintretende Frau war vielleicht dreißig Jahre jung, unprätentiös gekleidet, sie, wie auch der Salon erinnerten mich überhaupt nicht an Wahrsager, Hexen, Glaskugeln, oder auch nur Séancen. Die Einrichtung hätte in jedem beliebigen gutbürgerlichen englischen Haus stehen können. So auch Mrs Cynthia, wie sie sich mir vorstellte. Auch sie fragte nach meinem Begehr und ich trug es kurz vor.

 

Eine leichte Trauer umflorte ihr Gesicht. „Es tut mir sehr leid, aber Madame Horathia, meine Mutter, ist vor gut einem Jahr verstorben. Sie war eine gute Wahrsagerin, ich selbst habe davon nur einen winzigen Bruchteil geerbt – bei mir reicht es nicht, davon zu leben oder gar diesen Wohlstand“ – sie machte eine ausschweifende Handbewegung durch den Raum – „zu erreichen. Das Haus gehört mir als einziger Erbin, nur deshalb kann ich noch hier leben.

Sie sagen aber, dass Sie weniger die Wahrsagekünste benötigen, sondern eher ´geschichtliche´ Informationen. Mal sehen, ob ich Ihnen da helfen kann.“ Sie lächelte mich freundlich und erfolgversprechend an.

Die Daten waren schnell geklärt und abgeglichen. Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich, dass Madame nicht nur ihre Erfolge protokolliert, sondern auch regelrecht Tagebuch geführt hatte, meist ohne Namen, nur in Fällen wie diesem, mit. Hier war ja niemand direkt betroffen. Mrs Cynthia zog aus einer langen Reihe fein säuberlich aufgestellter gleichartiger Bücher im größeren Taschenkalenderformat eines aus dem Regal und öffnete es. Tatsächlich handelte es sich um einen Taschenkalender, wie er auch heute noch handelsüblich ist und zu jedem Jahreswechsel verkauft wird. Mrs Cynthia blätterte schnell durch, ein Blick auf die Seiten verriet mir, dass ich wohl Wochen oder besser ein eigenes Studium benötigen würde, diese kryptischen Zeichen zu lesen. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte mich erneut an.

„Meine Mutter schrieb alles in einer alten Steno-Schrift auf. Sie war gelernte Stenografin, bevor sie ihre anderen Talente erkannte. Dieses hier blieb ihr bis zum Lebensende, das sie im Übrigen bereits fünf Jahre im Voraus vorhergesagt hatte.“ Ich staunte ein wenig, während Mrs Cynthia weiter blätterte.

„Ach, da haben wir es. Ja, richtig, ich erinnere mich sogar düster an den Fall.“ Sie grinste mich nun an. „Nein, ich bin nicht so alt, ich bin ungefähr so alt, wie ich aussehe, glaube ich zumindest, aber dieser Fall war damals offenbar eine Zeitlang Gesprächsthema in verschiedenen Kreisen. Meine Mutter schreibt, sie habe die erste Anzeige der Polizei in der Times gelesen und danach ihre Fähigkeiten eingesetzt. Das Ergebnis kam ihr selbst so unwahrscheinlich vor, dass sie bis zum zweiten von ihnen genannten Zeitungsartikel nichts davon verlautbaren ließ. Sie vermutete wahrscheinlich, sich zu blamieren. Wahrsagerei heißt ja nicht, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.“ Ehrliche Worte, die mich mehr von den Fähigkeiten ihrer Mutter überzeugten, als die eigentlichen Aussagen. Die haben mich dann eher überrascht.

Mrs Cynthia hatte weiter in dem Buch geblättert und war offenbar auf die erwartete Notiz gestoßen.

„Oh, da ist es. Sie hatte es mir auch schon erzählt, besser aber, ich gebe es hier mit ihren eigenen Worten wieder.

 

Der vermisste Junge ist nicht mehr in unserer Welt. Das sehe ich jedoch nicht räumlich, sondern nur zeitlich. Er ist in einer anderen Zeit. Er lebt auch dort nicht mehr.

 

Dann hat sie noch eine weitere Notiz, wenige Tage später, hinzugefügt:

 

Er starb unmittelbar nach einem körperlichen Akt großer Freude, der ihn beglückende Mann wurde jedoch in keinem der Polizeiberichte erwähnt.

Die Familie, von mir kontaktiert, wollte dazu nichts hören und wissen.“

 

Mrs Cynthia grinste breit. „So, so, das war mir entfallen. Adam Brightley war also schwul und hatte kurz vor seinem Verschwinden Sex. Nun, ich kann mir durchaus erheblich schlimmere Arten des Todes vorstellen.“

Ich glaube, ich wurde rot. Sie durfte dies gerne für meine „angeborene Prüderie“ halten, es war mir egal. Mir war es plötzlich dringend geworden, dieses Haus zu verlassen. Trotzdem blieb ich formvollendet, bedankte mich entsprechend, hinterließ in einer „Spendenbox“ einen ansehnlichen Betrag und verschwand.

 

Ein naheliegender Park ließ meine Gemüter wieder abkühlen, es regnete gerade mal nicht, aber Nebel zog auf, es würde dichter Nebel werden, der Nebel, von dem die Engländer so gerne sagten, „der Kontinent ist von uns abgeschnitten“. Es war der Nebel des beginnenden englischen Herbstes und mir war es plötzlich eilig, endlich dieses Land verlassen zu können.

Bei meiner Ankunft in Peabody Manor informierte mich Henry über den Anruf des Bauamtes, die Pläne seien genehmigt und abholbereit, es war mit 8 p.m. genau die die richtige Zeit, Madame Fawzia anzurufen. Sie ging auch sofort ans Telefon und hörte erfreut die gute Nachricht.

„Wenn Sie nichts dagegen haben, Sir Arnold, werde ich morgen im Laufe des Vormittags bei Ihnen aufschlagen, ich bringe meinen Notar mit und wir machen den Kaufvertrag perfekt. Einverstanden?“ Nein, ich wollte nicht wissen, wie sie es fertigbrachte, einen Notar „mitzubringen“, statt, wie eigentlich üblich, sich in die Kanzlei desselben begeben zu müssen. Sie hatte wirklich Kontakte in SEHR noble Kreise.

 

Henry hatte kein Abendessen für uns vorbereitet, ich hatte vor lauter Schreck vergessen, in London eines einzunehmen und so packte ich Henry kurzerhand in den Wagen, wir fuhren zu einem guten Restaurant in der Gegend und ich lud ihn ein. Ich glaube, das hatte ich bisher vielleicht erst einmal gemacht, einen Angestellten zum Essen eingeladen, er war auch erst mal ein wenig sprachlos.

Das Dinner mundete vorzüglich, ich kannte die Küche hier schon, wusste, dass man hier noch selbst kochte und nicht, wie in 90% der englischen Gasthäuser, nur tiefgekühlte Tüten in kochendem Wasser gänzlich killte oder weiche Kartoffelstäbchen nebst vorgekautem, totem Fisch in eine Fritteuse kippte.

Während des Mahles berichtete ich Henry von meinen überraschenden Recherchen und den noch überraschenderen Ergebnissen inclusive Besuch bei Madame Horathias Tochter. Er staunte nicht schlecht.

 

„Dann hat diese Dame wirklich was gekonnt, was die Wahrsagerei anbetrifft. Schade, dass ich sie nie kennengelernt habe.“

„Tja, lieber Henry, das hast du vermutlich meinen Eltern zu verdanken. Madame Horathia will sich mit ihnen in Verbindung gesetzt und sie über ihre Erkenntnisse informiert haben, stieß dabei aber auf taube Ohren. Ich vermute mal, sie hat eher mit meinem Vater, als mit Mutter gesprochen. Bei ihr kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass sie damals so verklemmt war – vor allem, was ihren Bruder betraf. Vielleicht hatte sie mir das auch noch ´beichten´ wollen, auf dem Sterbebett, bevor die Kraft sie verlassen hatte, dass sie wusste, dass Adam schwul war.“

 

Wer der Killer war? Darüber hatte ich mir komischerweise nicht viele Gedanken gemacht. Es konnten so viele und doch wieder keiner sein. 1961 war Homosexualität zwar noch sehr geächtet, das hieß aber nicht, dass sie nicht praktiziert wurde oder es keine Beziehungen gab.

 

 

Madame Fawzia erschien am nächsten Morgen tatsächlich mit einem Notar. Ich hatte einen alten, grauhaarigen Mann erwartet, aus ihrem flotten Auto sprang jedoch noch flotter ein sehr jugendlich wirkender Mittvierziger, behände und gelenkig wie ein Reh, mit vielleicht etwas zu weichen Bewegungen und einer etwas zu weichen Stimme. Madame Fawzia linkes Auge blinzelte mich belustigt an, als sich Mr. Zapetaur auf der Gästetoilette aufhielt und meinte, er sei bei der anderen Fraktion in ihrem Etablissement Stammgast. Aha. Eigentlich jammerschade. Jetzt erst jemanden kennenzulernen, der ebenfalls die gleichen Neigungen hatte, meinem Alter und offenbar auch meinem finanziellen Stand entsprach – und das kurz vor meiner endgültigen Abreise. Ich schimpfte aber nur kurz mit dem Schicksal.

 

So sympathisch wurde er mir während der Besprechung auch nicht, zu verhandeln gab es sowieso nichts mehr, er hatte nur zu testieren. Nach einer guten Stunde waren die beiden schon wieder weg, ich um ein Landgut ärmer und in wenigen Tagen um eine erkleckliche Summe reicher.

 

Ein Telefonat mit meiner Bank kündigte den Geldeingang an und setzte zugleich die besprochene Maschinerie der bereits vereinbarten Geldtransfers in Gang. Pasquale und Mario hatten mittlerweile ein Konto in Italien für mich eröffnet, noch am Nachmittag würden die ersten höheren Summen sich dorthin auf den Weg machen.

Ich grinste, als sich in mir der Gedanke an Brieftauben formierte, einzeln bepackt mit je einer dicken Rolle 50-Pfund-Noten. Die armen Tiere, sie würden viel zu fliegen haben.

 

 

Die nächsten zwei Wochen waren erfüllt mit all den Kleinigkeiten, die der Umzug mit sich brachte. Auch, wenn Henry schon alles vorsortiert hatte, es war noch so viel übrig, was noch nicht entschieden, gepackt oder verworfen war, hinzu kamen meine Abschiedsbesuche beim (schockierten) Bürgermeister, dem überraschten Pfarrer, sowie einem ganzen Satz von Behörden, deren poplige Mitarbeiter sich wohl deshalb oft sehr bockbeinig anstellten, weil sie „dem reichen Schnösel“ den Umzug in Richtung Sonne missgönnten.

Natürlich hätte ich das auch alles einen Vertreter, einen Anwalt oder eben jenen Notar machen lassen können, doch ich wollte es nicht. Es war für mich ein Teil des Abschiedes von einem Land, in dem ich aufgewachsen war und bis jetzt gelebt hatte, hier hatte ich studiert und kaum einen Tag vergehen lassen, ohne über das Wetter zu schimpfen – jetzt plötzlich stellte sich so eine Art Abschiedsschmerz ein. Immerhin habe ich die vermutliche Hälfte meines Lebens hier verbracht.

 

Ebenso unangenehm und plötzlich überkam mich das natürlich absolut unsinnige Verlangen, Adam aus seiner Gruft zu befreien und mit nach Italien zu nehmen – ich erzählte davon nicht mal Henry etwas. Eines jedoch tat ich, eines Nachts, als alle anderen schliefen. Ich ging mit einer kleinen Blumenschaufel und einem Beutel in den Wald, an die Stelle, an der ich vor wenigen Tagen erst mit Adam „gelandet“ war und nahm von der Erde möglichst da ein paar kleine Schaufeln, an der sie vor 49 Jahren und vielleicht auch vor den Tagen Adams Blut getränkt hatte. Wenn wir es auch nicht gesehen hatten. Ich wollte ihn bei mir haben, denn plötzlich war er mir eigenartigerweise näher als alles, was ich bisher an Liebhabern gehabt hatte, vielleicht bis auf Pasquale.

Ein scheiß-blödes Gefühl!

 

 

See you!

Der eigentliche Abschied von Peabody Manor erfolgte eher trocken. Sowohl das Wetter als auch unsere Tränendrüsen hielten sich an die Vorgabe, Susan-Claire, wie auch Martha waren keine langjährigen Hausangestellten gewesen, Henry kam mit – sonst gab es niemanden mehr, den ich hier zurückließ. Ein letzter Besuch am Grab meiner Eltern, eigentlich nur meiner Mutter gewidmet, sagte mir, dass sie diese Reise ebenfalls gerne mitgemacht hätte, wäre sie noch am Leben, doch nun würde sie hier bleiben – ich könne ja mal hin und wieder ihrer gedenken. Dass ich noch mal vorbeikommen würde, war eher ausgeschlossen. Ich war auch im letzten Jahr seit ihrer Beerdigung nur noch einmal am Grab gewesen.

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Ich eilte nach Hause, grub erneut ein Eimerchen mit Erde aus dem Bereich meiner Landung aus und brachte es zu ihrem Grab. Dort verteilte ich es sorgfältig auf ihrer Erde und erzählte ihr in Gedanken die Geschichte. Ich musste dabei sehr stark weinen, doch ich fühlte eine Antwort in mir. Sie ging in die Richtung „Ich wusste das alles schon. Schon lange.“ Und: „Ich danke dir.“

WAS sie wusste – ich wagte es sie nicht zu fragen.

 

 

Die Möbelpacker hatten den Umzugsinhalt in vier Seecontainer zu packen, so lautete ihre Berechnung. Es wurde noch einer mehr – mir egal. Trotz der überseefähigen Verpackung sollten die Container aber per LKW den Weg nach Italien nehmen, wir würden den Flieger verwenden, erster Klasse. Der Mini war verkauft, der Rolls der Inhalt einer der Container – wie der Fahrer da wieder ausgestiegen ist, wollte ich lieber gar nicht wissen.

Natürlich war das Haus nicht leer, als wir es verließen, im Gegenteil, es sollte ja auch gar nicht sein. Was Madame Fawzia nicht benötigen würde, würden ihre Leute entsorgen, für uns hieß das, dass die LKWs bereits auf dem Weg sein durften, wir aber noch Zeit hatten.

Zum unserem Abschied waren noch einmal Martha und eine aufgeregte Madame Fawzia erschienen.

„Tut mir leid, dass ich nervös bin, wie ein junges Mädchen“, entschuldigte sie sich, „aber auch für mich ist es sehr selten gewesen, dass ich mal solch eine Immobilie übernehmen konnte. Genauer gesagt, habe ich das erst einmal in meinem Leben gemacht, als ich meine Villa in London kaufte – und damals war ich noch jung und hübsch, nicht mehr nur ´und´.“

Meine Einwände ob ihres immer noch blendenden Aussehens wischte sie mit einer galanten Handbewegung beiseite. „Sir Arnold, Sie sind ein Schmeichler. Ich weiß selbst, dass ich noch gut aussehe – für mein Alter. Aber nicht besser.“

 

Gemeinsam begingen wir das Haus ein letztes Mal, der Architekt und ihr „Baumensch“ Barnaby hatten sich ebenfalls dazu gesellt, es war für mich eine richtiggehende Übergabe und ich fühlte, ich übergebe es in gute Hände. In Hände, die mit dem alten Gemäuer wirklich noch etwas anzufangen wussten – ein Wissen und auch ein Willen, der mir gefehlt hatte. Die Schlüsselübergabe war sozusagen der letzte Akt meines Abschieds, nicht mal weinenden Auges bestiegen wir beide Madame Fawzias Fahrzeug – sie hatte es sich nicht nehmen lassen wollen, uns persönlich zum Flughafen zu kutschieren. Unser Handgepäck war minimal.

 

Der Abschied am Flughafen war mehr als herzlich, wir versicherten uns eines anhaltenden Kontaktes – mein Gott, im 21. Jahrhundert sind England und Italien für Menschen gerade mal drei Stunden entfernt. Unsere Möbel hatten auf ihrer Fahrt durch halb Europa inclusive Wochenendfahrverbot für LKWs in Deutschland und soweit ich weiß auch in Österreich, doch eine etwas längere Tour vor sich. Wir hatten Zeit.

 

Henry spielte die ganze Zeit den Diener, solange, bis wir in der ersten Klasse des Fliegers saßen, hatte er nur wenig gesprochen. Ich ließ nach dem Start Champagner servieren und stieß mit ihm an.

„Auf unsere neue Zukunft, lieber Henry.“

„Auf unsere Zukunft, lieber Arnold. Mit diesem Tag kündige ich dir das Arbeitsverhältnis. Ab heute bin ich nicht mehr dein Angestellter, dein Diener. Wenn du es erlaubst, werde ich aber bis an mein Lebensende dein Freund sein.“

Der Sturzbach der Tränen, angestaut über Stunden, Tage, ja sogar Wochen ergoss sich nun unvermittelt aus meinen Augen in das Flugzeug, der freundlich lächelnde Stewart (er war eher eine Stewardess, wie mir schon beim Köpfen der Flasche klar war), hatte zu tun, genug Taschentücher heranzuschaffen. Ansonsten hätte das Abteil wohl einen Bodenablauf benötigt.

 

In Florenz holten uns wieder unsere beiden Freunde ab und unter gemeinsamen Lachen fuhren wir dem prächtigen Sonnenuntergang entgegen.

 

Teil 2

Ein Jahr später