Title Page
Vorwort & Editorial
Rückblick auf die vorhergehenden Bände
TEIL 1
Kapitel 1
Besuche
Bald ist Weihnachten!
Der Besuch der alten Dame
Neujahr 2013
Alt-Akten
Zeit und Zeiten
Anfang März
Nur noch eine Woche …
TEIL 2
Buona Pasqua
Ein 14-faches Halleluja
Päpstlicher Besuch
Zukunftsvisionen & Enalotto
Ab und an reisen wir
Lucas Erzählung
Einladung nach Rom
Ruhezeit
Zwischen den Feiern 2013
Die Rückkehrer
Meine Nerven!
Prüfungen
Romreise
TEIL 3
Tom ante portas
Das Wochenende und die Flaschen
Ancora una settimana tranquilla
Mondo Berganza 2013
Il viaggio empia a Sant'Antonio
TEIL 4
Fine vergognosa
Verlagsverzeichnis 2016_01
Yoko Hamani
Adi Mira Michaels
Sir Arnold
Detektiv der Vergangenheit
Band 03
Und nehme ER uns nicht den Glauben
Verlag des Instituts Drachenhaus
© 2016 Babenhausen, Süd-Hessen
Ich widme diese Buchserie all den armen Reichen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit und ihrem Geld noch anstellen können, auf dass sie zur Besinnung kommen und einen wahren Sinn im Leben finden.
Die Autoren, wie auch der Verleger gehörten nie in diese Bevölkerungsgruppe.
EBook & Hörbuch
DIESES BUCH IST ALS EBOOK ERSCHIENEN UND WIRD GEGEBENENFALLS ALS HÖRBUCH GESPROCHEN WERDEN.
HÖRBÜCHER AUS DEM VERLAG DES INSTITUTS DRACHENHAUS SIND IN AUTORENLESUNG (HIER: ADI MIRA MICHAELS) GELESEN. DIE HÖRBÜCHER SIND WIE KLEINE HÖRSPIELE GEMACHT, ALSO NICHT NUR NACKTES VORLESEN. DIE BÜCHER WERDEN VOLLSTÄNDIG GELESEN, NICHT NUR IN AUSZÜGEN.
NOBODY IS PERFECT – DAS TRIFFT NICHT NUR AUF DAPHNE IN „MANCHE MÖGEN´S HEIß“ ZU, SONDERN AUF JEDEN ANDEREN MENSCHEN ODER JEDES DING. ES GIBT NICHTS, WAS MAN NICHT NOCH VERBESSERN KANN.
UND SO UNTERLIEGEN AUCH DIE BÜCHER UNSERES KLEINEN VERLAGES EINER STÄNDIGEN VERBESSERUNG. SIE ALS KUNDE PROFITIEREN BEI UNSEREN EBOOKS DAVON! SIE ERHALTEN DIE ERSTEN BEIDEN UPDATES NACH IHREM KAUF GRATIS!
DIE EINZIGE VORAUSSETZUNG IST, DASS SIE SICH MIT IHRER KAUFRECHNUNG BEI UNS REGISTRIEREN LASSEN UND UNS IHRE E-MAIL-ADRESSE ANGEBEN. DANN INFORMIEREN WIR SIE AUTOMATISCH ÜBER EIN UPDATE UND BIETEN ES IHNEN ZUM KOSTENFREIEN UPLOAD AN. WICHTIG: DAS FUNKTIONIERT NUR DIREKT ÜBER DEN VERLAG. WIR LIEFERN EPUB UND MOBI (FÜR KINDLE) AUS.
SCHICKEN SIE UNS EINFACH IHRE KAUFRECHNUNG PER MAIL AN MH@VERINDRACH.DE.
Die Autoren
Yoko Hamani
DIE LEGENDE YOKO HAMANI WURDE IM JAHR 1987 IN DER NÄHE VON NIIGATA, JAPAN, IN EINEM KLEINEN DORFE „AUF DEM LANDE“ GEBOREN. SIE STUDIERTE MUSIK IN JAPAN UND DEN USA, TRAF AUF CAPRI EINEN ANDEREN MUSIKSTUDENTEN, DER SIE MIT ADI MIRA MICHAELS IN KONTAKT BRACHTE.
Adi Mira Michaels
GEBOREN 1964 IN FRANKEN, ERLEBTE ADI MIRA MICHAELS EIN SEHR WECHSELVOLLES LEBEN VOR SEINEM LEBEN, BIS ER 2012 ALS PSEUDONYM EINES BEKANNTEN SACHBUCHAUTORS ERFUNDEN WURDE. UNTER SEINEM NAMEN ERSCHEINEN SCHWULE EROTISCHE ROMANE UND KURZGESCHICHTEN ALS BUCH, EBOOK UND VIELE DAVON AUCH ALS HÖRBÜCHER IN AUTORENLESUNG.
… und jetzt kommt das leise „Aber“:
BEIDE AUTOREN SIND FIKTIVE CHARAKTERE. SIE SIND PSEUDONYME, UNTER DEREN NAMEN GESCHICHTEN VERÖFFENTLICHT WERDEN. WENN ES NACH YOKO GINGE, DANN WÄREN ES SEIDENWEIß REINE, ROMANTISCHE GESCHICHTEN, DOCH ADI MIRA SETZT SICH IMMER WIEDER MIT PRALLER EROTIK DURCH.
Kontakt zu den Autoren
TRETEN SIE MIT DEN AUTOREN IN VERBINDUNG! UNTER
MH@DRAGODERM.DE
ODER AUF FACEBOOK UNTER ADI MIRA MICHAELS. WIR FREUEN UNS ÜBER JEDES „GEFÄLLT MIR!“ UND MEHR!
Hinweis
ALLE CHARAKTERE UND GESCHICHTEN IN DIESEM ROMAN SIND FREI ERFUNDEN. EVENTUELLE ÜBEREINSTIMMUNGEN MIT LEBENDEN ODER TOTEN PERSONEN WÄREN REIN ZUFÄLLIG.
Bibliographische Angaben
AUTOR
YOKO HAMANI, ADI MIRA MICHAELS
TITEL
SIR ARNOLD: DETEKTIV DER VERGANGENHEIT, BAND 03
UND NEHME ER UNS NICHT DEN GLAUBEN
VERLAGSORT
BABENHAUSEN, SÜD-HESSEN
VERLAG
VERLAG DES INSTITUTS DRACHENHAUS © 2016
VOLUMEN
ALS PAPIERAUSGABE 652 SEITEN
GRAFIK
24 FOTOS, 7 STRICH- UND 42 AQUARELLZEICHNUNG
COPYRIGHT
© 2016 ALLE RECHTE BEIM VERLAG.
TEXTE
YOKO HAMANI UND ADI MIRA MICHAELS
GRAFIKEN UND TITELGESTALTUNG
VOM VERLAG
TITELFOTO
ANDOR NEMENYI
KORREKTORAT
MICHAEL HOFFMANN, H.U.SCHIRR
DRUCK & BUCHFERTIGUNG
IM VERLAG
UMSETZUNG ZUM EBOOK
IM VERLAG, MIT JUTOH
ISBN
978-3-932207- PRINT -822, EPUB -839
Manchmal wünscht man sich ein Leben wie Sir Arnold. Einmal sich nicht überlegen müssen, ob nun dieser Pullover, diese Stereoanlage, ein neuer Rechner oder so eine kleine vierwöchige Flugreise dem Geldbeutel konveniert.
Sir Arnold kann das. Er musste sich noch nie Gedanken über Finanzen machen, ja, nicht einmal arbeiten.
Ein tolles Leben! Und wie langweilig!
Sir Arnold ist nicht der Typ, der sich dann bedenkenlos auf endlose Rausch-Trips mit Drogen begibt, das einzige Bedürfnis, dem er auch Geld hinterher wirft, ist Sex. Sex mit Männern, von Frauen hält er nicht so viel, wenn es sich nicht gerade um seine Mutter handelte. Der Vater war unbedeutend in seiner ganzen Entwicklung.
Dies ist der DRITTE Band der Geschichten um Sir Arnold, dem Detektiv der Vergangenheit. Er hat sich mit 40 Jahren von England verabschiedet, dem ständig schlechten Wetter ohne Traurigkeit „Bye Bye“ und nicht „Auf Wiedersehen“ gesagt und ist nach Italien gezogen. Zu seiner ehemaligen Liebschaft, Pasquale, und dessen neuem Partner Mario. Sein Geld war nicht der Grund für die freundliche Aufnahme, es half aber dem müden Landgut auf die Sprünge.
Wie heißt es so schön? Geld alleine macht nicht glücklich – aber es beruhigt.
Seine ersten detektivischen Abenteuer hat er auch in Italien bereits hinter sich, langsam und mühevoll hat er sich einen Freundeskreis gebildet, als im Karneval des Dorfes das „Wunder“ der Erscheinung zweier neuer Reliquien berichtet wird, vom Bischof der Region gefunden. Ein sehr mysteriöser Fund, der Sir Arnold, seine aktuellen und bald auch einige neue Freunde auf die Spur schickt.
Wie immer bei Adi Mira Michaels kommt die persönliche und die zwischenmenschliche Komponente nicht zu kurz, die erotischen Szenen finden hier auch in durchaus ungewöhnlichen Paarungen statt.
So lade ich Sie ein, zu einer neuen, aufregenden Reise mit Sir Arnold! Ich wünsche Ihnen nun viel Spaß beim Lesen!
Michael Hoffmann, der Verleger

Sir Arnold hat nach dem Tod seiner Eltern beschlossen, sich in England nicht mehr zu Tode zu langweilen und sich über das Wetter zu ärgern. Relativ kurz entschlossen verkauft er sein Anwesen Peabody Manor im Südwesten Londons an eine wohlbekannte Puffmutter, der Erlös jedoch erhöht sein Vermögen nur unwesentlich. Nicht, weil er so wenig bezahlt bekommen hätte, sondern, weil er so reich geerbt hatte.
Zuvor noch kommt er durch einen „Dummen Zufall“, dem zu seinem 40. Geburtstag geschenkten Buch von Jack Finney, auf die Idee der Zeitreisen. Er probiert es aus und findet seinen verschollenen Onkel Albert, der nun jedoch in seinen Armen mit ihm aus der Vergangenheit verschwindet und stirbt.
Sir Arnold zieht bald danch mit Sack und Pack und seinem – jetzt ehemaligen – Diener Henry nach Italien, zu seiner großen Liebe Pasquale und dessen neuem Mann. Der heißblütige Italiener Pasquale war nach drei Jahren in England an Depressionen erkrankt und musste das Land verlassen. Vor vielen Jahren.
Das Landgut der Familie di Berganza benötigt dringend finanzielle Hilfe. Sir Arnold kommt nicht nur als Geldgeber gerade recht.
Arnoldo lebt sich in Italien perfekt ein. Das Land seiner Träume hat sich nicht als Alptraum gezeigt, es ist das Land seiner Erfüllung geblieben. Theoretisch zumindest, denn es dauert sehr, sehr lange, bis er es lernt, Bekannte zu finden und Freudschaften aufzubauen.
Sein Ex-Freund Pasquale und sein Mann haben ihn sofort herzlichst und als guten Freund aufgenommen. Dass es dabei auch um Geld gegangen war, dürfte als sekundär betrachtet werden, natürlich hatte Arnoldo erheblich mehr davon als das alte Landgut, und seine Finanzen taten den alten Gemäuern sehr gut. Endlich konnten lange aufgeschobene Investitionen getätigt werden und Arnoldo empfindet sich erstmals in seinem Leben als zu etwas nütze.
Marcello und Tizio, zwei Brüder, gehören eindeutig zu den Freunden. Marcello weiß seit seinem 15. Lebensjahr, dass er schwul ist, Tizio ist es eher nicht, aber bei seinem Prachtkolben rennt jedes Mädchen schreiend davon. Er ist für sie einfach zu gut gebaut – nicht jedoch für Männer.
Gemeinsam machen die drei Urlaub an der Adria, als „Souvenir“ bringt Arnoldo Guglielmo mit, der sich im Laufe der Monate vom Hausboy zu seinem festen Freund und zu seiner Liebe entwickelt.
Gemeinsam machen sie eine neue Zeitreise, das „Ergebnis“ sind diesmal zwei Brüder von 1891, Verwandtschaft von Marcello und Tizio, beide dem sicheren Tod in einem Klosterkerker entrissen. Ernesto braucht lange, sich an die Jetzt-Zeit zu gewöhnen, sich einzuleben. Sein jüngerer Bruder Luca ist nicht nur schneller, sondern zeigt sich auch sehr bald als der Intelligentere, mit größerem Hirn und größerer Schnauze.
Beim Eingewöhnen hilft ihnen die um sie gesponnene Legende, sie seien als kleine Kinder in den Kosovo entführt worden, dort unter „mittelalterlichen“ Bedingungen aufgewachsen. Das erklärt so einiges.

Teil 1
Wir schreiben das Jahr 2012 Anno Domini, es ist Oktober, der 12. Tag des Monats.
„Du liebst mich nicht mehr!“
Pasquale und ich waren gerade ins geschäftliche Gespräch vertieft über den Hof am Laufen, kamen an der Gastro-Küche vorbei, als wir von innen diese Worte im höchsten Diskant kreischen hörten.
„Wie kommst Du denn darauf?“, fragte eine sehr kräftige, männliche Stimme zurück, Mauro, unserem Küchenchef, zuzuordnen. „Das würde ja bedeuten, dass er Dich je geliebt hätte?“
Ein erneuter Aufkreischer ließ die Scheiben erzittern, wir mussten nicht mehr lange rätseln, wem diese Stimme gehörte. Die dazugehörige Person rannte aus dem Hintereingang der Küche heraus und uns direkt in die Arme. Wir waren erstaunt.
Erstaunt darüber, WELCHE Töne unser lieber Saverio so alles von sich geben konnte! Erst dieser Diskant, jetzt ein wutschnaubendes Geheule. Pasquale hielt vorsichtshalber seine beiden Arme so fest, dass sie außerhalb unserer empfindlicheren Körperstellen, also der Arme zum Beispiel, zu zitternder Untätigkeit verdammt waren, mein Part war es nun offenbar, dem verstörten Jungen in die Augen zu sehen und ihn aus seinem fast ohnmächtigen Ärger an die Wirklichkeit des schönen Spätsommer-Tages Mitte Oktober 2012 zu befördern.
Ja! In Italien sind Spätsommertage Mitte Oktober durchaus noch schön! Sie können es sein und haben mich auch in den letzten beiden Jahren begeistert – mein Gott, es waren nun schon wieder zwei Jahre vergangen, dass ich Peabody Manor verkauft und England den Rücken gekehrt hatte, für immer. Dass ich es nun gar nicht vermisste, es mich noch nicht einmal, und sei es aus einem noch so albernen Grund, dorthin zurückgezogen hat, das machte mich innerlich gleich wieder lächeln.
Ich sah Saverio in die Augen und langsam schien der seine Aggressionen wieder halbwegs im Griff zu haben.
„Willst Du uns sagen, was los ist oder möchtest Du lieber weiter herumplärren, dass es auch noch der restliche Hof hört? Darling, Saverio, Du bist aktuell sicherlich nicht der einzige hier, der Liebeskummer hat. Aber, gratuliere, Du bist sicherlich die Lauteste!“
Das wirkte. Pasquale konnte die Arme freigeben, fast kraftlos fielen sie herunter, um sich gleich danach um uns beide zu schlingen, wie ein liebestoller Oktopus seine Tentakel um ein Opfer.
Wir zogen ihn mehr mit uns mit zur nächsten Sitzgruppe, als dass er ging, hinsetzen tat er sich dann selbst, und nun konnten wir uns seine aktuellen Probleme anhören. Ist ja nicht so, dass wir nichts anderes zu tun gehabt hätten, aber für unsere Mitarbeiter hatten wir immer ein offenes Ohr. Vor allem, wenn der Mitarbeiter schwul war und wir ihn – ehrlich? – überwiegend deshalb eingestellt hatten. Er war als einer von mehreren Bewerbern für eine Hausboy-Anstellung oder für die eines Sekretärs angetreten. Dass für die zwei Stellungen dann alle fünf Bewerber eingestellt wurden – nun, wir hatten halt ein gutes Herz. Und gute Augen, große vor allem, als einer der anderen Bewerber, Priamo, seine Vorzüge rein optisch darstellte, indem er einfach mal die Hose runterließ. Das passende Gestüt, in dem er als Deckhengst arbeiten könnte, hatten wir zwar immer noch nicht aufgebaut, aber zwischenzeitlich machte er gute Arbeit als Hausboy bei Pasquale und Mario, den beiden „Jungs“, mit denen ich zusammen das Landgut der Berganzas in frag-mich-mal-wievielter Generation nun weiterführte.
Nur mit den nächsten Generationen wird es bei unserer Vermehrungsfreudigkeit und den schlechten Erfolgen der Reproduktionsmedizin wohl übel aussehen, wenn auch keiner und niemand behaupten dürfte, die Versuche, Kinder unter uns zu zeugen, würden nicht sogar sehr regelmäßig durchgeführt. Ich weiß auch nicht, aber ich bin wahrscheinlich zu nervös, ich verschütte immer alles. Und Priamo, nein, der konnte es partout nicht schlucken…
Saverio saß da nun in der milden Sonne zwischen uns, abwechselnd heulend bleich und wütend rot, schilderte bereits die Story, die gerade zu unserer Begegnung geführt hatte. Eigentlich harmlos, wie immer in solchen Dingen. Dabei war er mit seinen 35 Jahren gerade mal sieben Jahre jünger als ich, sollte also solche Situationen schon erlebt haben.
Was geschehen war? Wie gesagt, eigentlich harmlos. So harmlos, dass ich sofort die Zusammenhänge verstand, obwohl ich meinen Gedanken den vorherigen Exkurs erlaubt und nicht den hehren Worten gelauscht hatte.
„… und dann war dieser kleine Arsch vorhin in der Garderobe, zog sich wie immer betont langsam um, langsam dann, wenn es was zu sehen gab, ich wusste gar nicht, wohin vor lauter Röte und Scham mit meiner Schwellung, die er sehr wohl grinsend bemerkte, und als er dann endlich sein Prachtpaket in die garantiert eine Nummer zu kleine Kochhose gestopft hatte, ich gerade meine Fingernägel in den Stahl der Spinde bohrte, um ihn nicht sofort zu überfallen und so lange zu ficken, bis ihm sein Grinsen zu einem jaulenden ‚bitte hör auf, ich kann nicht mehr‘ verkommen ist – da zeigt der mir doch das Bild seiner Freundin und erklärt mir, dass er sie unendlich liebe.“
Saverio hatte dramatisch geklungen, zum Ende hin immer dramatischer, doch wir weigerten uns einfach, der sterbenden Diva auf der Bühne ‚standing ovations‘ zu schenken.
Ich sah Pasquale an: „Sag mal, weißt Du, von wem die Rede ist?“
Pasquale grinste: „Ich vermute mal schon. Tomasz heißt er, ist der neue polnische Koch, der seit ein paar Wochen hier schafft. Zur großen Zufriedenheit von Mauro.“
Saverio heulte erneut auf: „Was nützt mir die Befriedigung Mauros? Dieses polnische Luder hat mich so angemacht und dann so was…!“
Schluchzend brach er zusammen, nein, den Applaus gab es immer noch nicht, aber dafür mussten wir nun lachen. Sorry, es ging nicht anders. Etwas beleidigt hörte Saverio SOFORT mit dem Theater auf und schaute uns pikiert an. „ICH finde das NICHT lustig!“
Wir schon. Es dauerte also eine Weile, bis wir überhaupt etwas sagen konnten, Saverio hatte Zeit, sich zu überlegen, ob er nun aufstehen und erneut heulend wegrennen sollte oder – er entschied sich für das „oder“. Den beleidigten Gesichtsausdruck konnte man ja dabei problemlos beibehalten.
„Sag mal, Saverio, Schätzchen“, keuchte ich, als ich langsam wieder etwas Luft zum Sprechen erübrigen konnte, „hat Dir noch nie jemand gesagt, dass die Polen in der Jugend zwar meist äußerst hübsch sind, schlank, blond, blauäugig, groß gewachsen“ – Saverio heulte schon wieder auf, ich ahnte, an welches ‚groß gewachsen‘ er gerade dachte – „aber jeder Einzelne für sich noch römisch-katholischer als der gesamte Vatikan zusammen ist. Sie zu bekommen ist sehr, sehr schwer oder sie lassen sich gut dafür bezahlen.“
Saverio sah mich entsetzt an. „So weit bin ich aber noch lange nicht!“, kam es sehr entrüstet und empört und scharf aus seinem Munde geschossen, natürlich spielte er auf die bekannte Tatsache an, dass ich mein Vermögen auch dadurch nicht schmälern konnte, dass ich hin und wieder für Sex bezahlt hatte. Das war auch der Anfang meiner Freundschaft zu Pasquale gewesen, auch meinen aktuellen Freund, Guglielmo hatte ich in einem Adria-Hotel der Luxusklasse kennengelernt, ihn nach der Saison hier als Hausboy eingestellt und verdammt lange gebraucht zu kapieren, dass Guglielmo mir mehr, sehr viel mehr sein wollte als nur ein Angestellter. Aus meiner Sicht konnte das Verhältnis so für die nächsten hundert Jahre bleiben.
Das nun von Saverio auf das Brot, nein, hier aßen wir lieber Ciabatta, also aufs Ciabatta geschmiert zu bekommen – kein Problem. Weder für mich, noch für Pasquale. Und Saverio würde ich das schon in einer kleinen Rache bei Gelegenheit zurückzahlen. Es gab immer Gelegenheiten für kleine Boshaftigkeiten. Verbaler Art, mehr nicht. Bin ja schließlich kein Tierquäler. Und trotz fester Beziehungen in unserem illuster-warmen Haus liebte ich es auch, mich mal mit Saverio zu vergnügen.
Es war also am Ende einfach nur Tuntengekreisch.
Wichtiger war nun, Saverio mit dem einen oder anderen Tipp zu versorgen, wie man so einen bildhübschen und homophoben Polen doch mal bearbeiten könne. Ich weiß, Saverio könnte mit seiner Beschreibung der aufreizenden Umziehaktionen von Tomasz hemmungslos übertrieben haben – doch sollte dies mein Problem sein? Mir war der Mann ja auch schon aufgefallen, da ich aber aktuell in festen Händen und zudem auch außerhalb nicht unversorgt war, stand Tomasz nicht gerade an erster Stelle meiner Liste für den nächsten Speisenplan. Aber Saverio könnte ja mal ein bisschen naschen…
„Sag mal, Kleiner“ – Saverio schaute mich plötzlich mit verliebten Kälbchenaugen von unten her an, als das Wort „Kleiner“ fiel – „sag mal, warum hast Du einfach immer nur zugesehen? Soweit ich mich erinnere, warst Du sonst nicht so schüchtern und ein reiner Augenmensch. Nach dem Theater, das Du soeben veranstaltet hast, sieht mir das auch immer noch so aus. Bist Du nie auf die Idee gekommen, ihm einfach mal an das zu fassen, was er Dir so offensichtlich präsentiert? Notfalls, um der Pracht ‚in die Hose zu helfen‘?“
Große, dunkle Augen blickten mich nun von unten her an. „Nein“, kam es leise, „Das habe ich mich nicht getraut.“ Tja, solche Aussagen konnten bei Pasquale und mir nur eines hervorrufen, besonders, wenn sie von Saverio kamen: einen neuen Lachanfall.
Er schaute nun beleidigt. „Ja, ist ja schon gut. Ich hab´s ja kapiert. Ich bin eine dumme, alte Tunte. Nicht mal mehr fähig, die Gelegenheit zu greifen, wenn sie sich mir bietet.
Aber vielleicht habe ich Angst? Vergesst nicht, in der Küche gibt es viele spitze Dinge, die da ganz zufällig in meinem Hintern landen könnten.
Und dabei meine ich ausnahmsweise mal keine aus Fleisch und Blut!“ fügte er noch sehr rasch und energisch hinzu.
Er erhob sich und wollte sich schon entfernen, Pasquale hielt ihn zurück.
„Also: unseren Segen hast Du. Ich bin mir recht sicher, Tomasz weiß, wo er hier gelandet ist, wir haben nie einen Zweifel gelassen, also: wenn er provoziert, ist er selbst für die Folgen verantwortlich.“
Mit lachenden Augen blickten wir Saverio hinterher, der sich wieder in die Küche trollte. Von dort kam zwar sofort der nächste Brüller, der kam allerdings von Mauro und hieß ihn ein „Porco1“, er solle sich gefälligst umziehen, nachdem er sich bei uns außen im Staub gewälzt hatte.
Pasquale und ich setzten unseren unterbrochenen Spaziergang fort. Es dauerte ein paar Sekunden, bis wir uns wieder erinnerten, warum wir überhaupt hier draußen herumliefen. Es ging um die allgemeine und spezielle Situation unserer beiden „Neuen“, der Gebrüder Luca und Ernesto.
Beide hatten „wir“ erst vor wenigen Monaten in einer waghalsigen Rettungsaktion vor dem Hungertod in einem Klosterkerker bewahrt. Eine gute Tat, nicht sonderlich ungewöhnlich, wäre das nicht alles im Jahr 1891 passiert, heute haben wir 2012. Und wäre der Keller vielleicht irgendwo in einem streng islamischen Land gelegen und nicht hier im Ort.
„Wir“, das waren mein fester Freund Guglielmo, ich und die beiden Brüder Tizio und Marcello, beide „entfernte“ Verwandte der Geretteten, es waren ihre Ur-Ur-Ur-Ur….-Onkel gewesen. Pasquale und Mario mussten wir nach der Rückkehr von dieser Zeitreise erst mal alles „beichten“, inklusive der Tatsache, dass ich es geschafft hatte, den alten Jack-Finney-Vorschlag für Zeitreisen per mentaler Kraft, in die Tat umzusetzen. Es hatte ein paar Tage gedauert, bis sie diesen Schock verwunden hatten und dieses kleine Geheimnis war seitdem auch eines geblieben, gewusst nur von sehr, sehr wenigen Auserwählten. Saverio hatte nicht dazu gehört, ebenso nicht Priamo, der Hausboy der beiden, oder auch Marios gräfliche Eltern di Berganza – selten, dass bei so vertratschten Tunten doch noch etwas wenigstens ein paar Monate geheim bleiben konnte.
Von mir aus würde sich das auch nicht ändern. Ich war Engländer, in England geboren, aufgewachsen und erzogen, vierzig Jahre lang – da haben die beiden letzten Jahre hier mich zwar „von der Sonne verwöhnt“, aber aus mir noch keinen Italiener gemacht. In manch einem meiner Alpträume quälten mich die begierigen Leute, die mir waschkorbweise Wünsche und Bitten zu Füßen kippten, mit dem, was ich so alles nachträglich ändern sollte.
Von „verständlichen“ Wünschen familiärer Natur bis hin zu dem von mir noch viel besser verstandenen Wunsch, ob ich nicht das Zusammentreffen von Luigi Berlusconi und Rosa Bossi verhindern könne – rechtzeitig, bevor diese die Gelegenheit hätten, den berüchtigten Ministerpräsidenten Sylvio Berlusconi zu zeugen. Das Ergebnis war meist ein schweißüberströmtes Aufwachen, oft von beruhigendem Murmeln Guglielmos begleitet, den ich vermutlich in Abwehr der Briefe auch noch geschlagen hatte. Schließlich lag er ja bei mir mit in meinem Bett. Meist gab er zu, dass ihn ähnliche Vorstellungen auch ängstigten.
In dem Gespräch mit Pasquale ging es aber mal nicht um meine Alpträume oder Befürchtungen, sondern um die ganz realen Fragen und Probleme, die die beiden „Aussiedler der Vergangenheit“ in unserer Welt hatten. Der jüngere, Luca, erheblich weniger als sein Bruder Ernesto.
Für die Außenwelt hatten wir eine Legende gebastelt, die beiden seien als Kleinkinder entführt und im tiefsten Kosovo auf mittelalterlichem Niveau erzogen worden, bei Ernesto hatte ich das Gefühl, dass ihm diese Erklärung auch für sich selbst sehr viel einfacher und verständlicher war, er sie so annahm, während sein kleiner Bruder ihm auch hier haushoch überlegen war und das Ganze in intelligenter und geschickter Weise in die Realität einflocht.
Ernesto würde im Februar 20 werden, sein Bruder hatte den 15. Geburtstag im August gefeiert, zusammen mit dem von Pasquale, Henry und mir, im Rahmen des vor einem Jahr erstmals eingeführten Sommerfestes des Landguts. Henry war mein altgedienter Kammerdiener, Butler oder wie auch immer man ihn bezeichnen wollte, in England gewesen, er war gerne mit mir nach Italien und in seinen Ruhestand gezogen.
Die Gedanken, dass Ernesto eigentlich nicht 19, sondern 139 Jahre alt ist und sein Bruder 136, verdrängten wir besser alle immer wieder rasch. Er tat uns nicht gut. Es gibt eben Dinge, die einfach über das menschliche Begriffsvermögen hinausgehen. Dass ich davon noch mehr erleben würde, mehr als mir auch lieb sein konnte, war mir irgendwo klar. ‚Beruhigend‘ aber war es nicht gerade.
Ernesto jedenfalls konnte mit dem Gedanken an sein „reales“ Alter nicht mal spielerisch hantieren. Wer ihn sah, verstand das auch. Aus dem ausgemergelten und eingetrockneten Jungen in schäbigster Kleidung war ein kräftiger Mann geworden, mit Muskeln, wo sie hingehörten, dank größerer Einkaufsaktionen proper gekleidet, ein bisschen zu kantig, um wirklich hübsch zu sein, ein wenig bäuerlich – aber dieser rurale Charme war es auch, dem mehr und mehr Leute erlagen. Er nutzte es nicht aus, aber sein Bruder Luca berichtete immer wieder schmunzelnd, dass Ernesto der einen oder anderen Dorfschönheit sehnsüchtige Blicke hinterherwarf und diese auch ab und zu erwidert wurden, aktuell noch scheu. So genau wusste man mit den beiden Jungs mit der sonderlichen Historie nicht umzugehen. Ernesto war nicht schwul, auch, wenn wir dies am Anfang aufgrund seiner Geschichte geglaubt hatten, er würde also hier ein „ganz normales“ Leben anfangen, ich sah es nur als eine Frage der Zeit an.
Bei Luca war sich keiner so richtig sicher, inklusive ihm selbst. Er war der intelligentere, hatte sich der neuen Situation erheblich schneller angepasst, sehr schnell verstanden, dass wir hier zwar „nur“ Männer waren – was auch nicht so ganz richtig war – aber dennoch kein Kloster und hatte sich recht bald nach seiner Ankunft von einem Ur-Ur-Ur…-Enkel Marcello mal in die wichtigsten Techniken einführen lassen. In alles vermutlich noch nicht, ich würde Marcello noch mal fragen müssen.
Ansonsten war Luca mit seinen 15 Jahren auch noch lange nicht zu alt, um seine ‚Entscheidung‘ noch herauszögern zu können, während Ernesto 1891 mit 20 in durchaus schon heiratsfähigem Alter war. Doch, wie gesagt, Ernesto war der rustikale Bruder, in allen Bereichen, er hatte in seiner Zeit damals Schmied gelernt, doch seine Allgemeinbildung reichte bei weitem nicht aus, ihm hier auch nur eine Lehrstelle als Hilfshandwerker zu vermitteln. Also arbeitete er bei uns auf dem Hof, dem Landgut di Berganza in der Toskana.
Luca hingegen war nach italienischem Recht noch schulpflichtig, doch auch bei ihm war ein Rückstand vorhanden, der ihn hier gerade mal für die Primarstufe, jüngstes Alter, befähigt hätte – ich umging das Problem, indem ich Luca einen Privatlehrer engagierte, Nomo. Ein junger Lehrer, nett und freundlich, ich würde mal sagen „geschlechtsneutral“, genau das Richtige für die beiden Jungs, doch Ernesto hatte sich von den anfänglich auch für ihn angedachten Fortbildungen sehr bald verabschiedet. Lesen und rechnen konnte er, das Schreiben der neuen Buchstaben gelang immer besser – viel mehr wusste er nicht und es schien ihm zu reichen. Nicht so Luca. Sein Rückstand, von uns anfangs auf zwei bis drei Jahre geschätzt, hatte sich schon während der wenigen Monate seit Nomos Engagement um mindestens ein Jahr verkürzt – dies war auch der Grund für das aktuelle Zusammentreffen mit Pasquale.
Wir wollten einfach die aktuellen Daten abgleichen, Luca mit einbinden, zumindest in Gedanken, und weitere Schritte überlegen.

„Also, wenn das so weitergeht, dann hat Luca bald mehr drauf als ich damals, als ich Dich getroffen habe. Erstmals.“
„Ja, das kann ich mir recht gut vorstellen. Den letzten Bildungsschliff haben Dir ja sowieso nur die guten englischen Schulen verpassen können.“
Pasquale lachte wiehernd auf. „Gute englische Schulen? Hör mir bloß auf! Wenn ich alleine schon an die obligatorische Schulspeisung denke! Da ist die in Italien ja direkt Gourmet-Qualität dagegen!“
Ja, ja, unser Lieblingsthema Numero Due: die englische Küche. Thema Primo war das englische Wetter, das nach drei Jahren Pasquale zum Verlassen des Landes gezwungen hatte, er entwickelte eine ausgeprägte Depression. Ich bekam sie dann nach seiner Abreise. Doch das ist auch schon wieder viele, viele Jahre her, im nächsten Jahr sind es zehn.
Aber ansonsten gab mir Pasquale recht. Es gab wohl doch nur wenige Vergleiche zwischen staatlichen italienischen zu staatlichen englischen Schulen. Beide hatten offiziell hohe Ansprüche, setzten sie aber unterschiedlich streng durch. Ich konnte in all der Zeit damals, wie auch hier und heute feststellen, dass dieser stärkere britische Drill und der höhere Leistungsdruck Pasquale nicht geschadet hatten. Insofern fand ich es bedauerlich, dass ich diese Option Luca wohl nicht bieten könnte – der erste Tag überhaupt, an dem ich eine Art Wehmut empfand, in England keinen noch so kleinen Anker mehr zu haben.
Das Bedauern dauerte nur einen Moment an.
„Ich habe mal nachgesehen“, meinte ich zu Pasquale, „in Siena gibt es ein paar recht vernünftig klingende Privatschulen. Vielleicht sollten wir Luca einen Aufenthalt dort ermöglichen. Irgendwo wäre mir dabei wohler, als ihn in eine Klasse aktueller italienischer Jugendlicher zu stecken, die weder Bildung noch den Wunsch danach, dafür aber viele schlechte Manieren haben.“
„Und Du meinst“, gluckste Pasquale, „die Manieren in der Privatschule seien besser? Also, soweit ich gehört habe, trifft das nur sehr marginal zu. Wenn Du dort vergewaltig wirst, nehmen sie halt Pariser und die möglichst noch in Markenware statt ein bisschen Spucke und sonst gar nichts.“ Wir mussten beide lachen. Auch da war sicherlich was dran, doch ich glaube mal, dass Luca zwar noch vor einigem Angst haben mochte, wohl aber am wenigsten vor einer „Vergewaltigung“. Er würde sich schon zu wehren wissen.
Wir besprachen noch dies und das, kamen darin überein, dass Pasquale mal Mario wegen der Renommees verschiedener Schulen fragen sollte, er als Adeliger hatte da vielleicht die etwas besseren Möglichkeiten.
Über Ernestos Zukunft waren wir uns beide nicht weiter klar geworden, auch die anderen hatten keine besseren Vorschläge, als ihn hier einfach erst mal so machen zu lassen, wie er es aktuell tat. Schwer arbeiten, am Abend erledigt und ausgelaugt sein – der Rest würde sich schon geben. Dass er von seinen Kollegen am Hof nicht zu sehr ausgenutzt werden würde, dafür hatten wir bereits mit einem Machtwort gesorgt.
Bei all den Diskussionen über die Probleme mit unseren beiden Neuankömmlingen waren unsere anderen Freunde und Mitarbeiter ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Das hatten sie akzeptiert, doch so langsam bemerkte ich eine leichte Unruhe und Unzufriedenheit, ich würde, also unbedingt etwas ändern müssen.
Ganz so einfach war das aber nicht.
Nicht nur, dass gerade schon Oktober war, die Ernte noch lief, der Hofladen langsam überhaupt mal ein paar Zahlen schrieb, das Hotel noch gut belegt war – kurzum, dass wir alle nicht schlecht zu tun hatten, so stand Tizio nun vor dem Beginn seines Studiums und Marcello flatterte munter zwischen dem letzten Jahr in der Schule, seinem Zuhause bei uns und ab und zu, selten mal, dem eigentlichen Elternhaus hin und her, brachte immer mal wieder einen bekannten oder auch neuen Freund mit, wobei die beiden, Sven und Scipio, seit ihrem ersten Besuch bei uns immer gerne gesehen waren. Wenn wir etwas Zeit fanden und unser Schwimmbad gerade mal nicht von Hausgästen frequentiert wurde, fand in diesem modernen Ambiente die eine oder andere spritzige Party statt. War der Poolbereich belegt, diente der Whirlpool in meinem Badezimmer, pardon, natürlich dem Badezimmer in UNSERER Wohnung, also der von mir und Guglielmo, als Ort freudiger Begegnungen.
Tizio und Marcello waren in diesem Jahr auf das Landgut in mein Haus gezogen, Haus Adamo, dem fünften Haus auf dem Gelände; die Eltern der beiden waren sichtlich nicht traurig darüber, dass ihnen wenigstens diese beiden Kinder nicht mehr so direkt auf der Tasche lagen. Ich hatte nach dem Kauf das entkernte Haus vollständig neu ausbauen lassen, neben meiner zugegebenermaßen sehr üppig bemessenen Wohnung auf der ersten Etage, waren im EG Büros und Hofladen, im OG mehrere großzügige Wohnungen für private Angestellte entstanden. Eine davon belegten eben nun die beiden Brüder und hatten auch gleich ihre beiden Vorfahren mit drin aufgenommen.
Ernesto und Luca waren ihr Leben lang nie etwas anderes gewöhnt gewesen als in winzigen Räumen, gemeinsam in einem Bett zu schlafen, von den anderen Schläfern im Zimmer durch einen Vorhang getrennt. In der Wohnung der beiden anderen Jungs hatten sie ein eigenes Zimmer und jeder ein eigenes Bett – das empfanden sie nicht nur als Luxus, Luca berichtete mir mal in einer ruhigen Sekunde und ohne seinen Bruder, dass ihm die Intimität der alten Heimstatt doch etwas fehle. Er fügte aber auch gleich hinzu, dass er sich darüber klar sei, dass Ernesto seine Gefühle nicht so erwidern würde.
Aus der „Entfernung“ betrachtet, waren sich die beiden Bruderpaare gar nicht so unähnlich. Sowohl Ernesto und Luca, wie auch Tizio und Marcello waren in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, teilten sich maximal ein gemeinsames Zimmer, der Jüngere war jeweils geistig noch fitter als der Ältere, wobei dies bei Ernesto und Luca sehr viel stärker ausgeprägt war.
Bis auf den realen Zeitunterschied war ein Altersunterschied kaum vorhanden, zu spüren am ehesten noch in dem Unterschied der Entwicklung, wobei sich zu unser aller Erstaunen das Einleben in die moderne Technikwelt sehr viel einfacher gestaltet hatte, als das in die sozialen Vorstellungen.
Ich weiß immer noch nicht, ob Ernesto in den letzten Wochen nichts mehr wegen unserer Homosexualität sagte, weil es ihm nicht mehr wichtig war oder weil er es sich nicht traute, seinen Rettern gegenüber die anerzogenen Ängste und die implantierte Abscheu auszusprechen. Für mich beschloss ich vorsichtshalber die zweite Option als die wahrscheinlichere zu nehmen, dann würde ich am Tag X des „Vulkanausbruchs“ nicht so überrascht sein.
Wenigstens aber stellte auch er es nicht in Frage, dass wir ihn vor dem absolut sicheren Tod gerettet hatten.
Guglielmo erwartete mich schon in der Wohnung. Wo auch sonst, möchte man denken, schließlich war es auch seine Wohnung und als „Hausboy“ auch sein Arbeitsplatz. Es war eher das WIE als das WO, was mich aufmerksam werden ließ.
Nun pflegen wir keine hochherrschaftlichen Sitten des alten Chinas, in denen der Ranghöhere erst mal nach seinem werten Befinden und dem seiner Angehörigen befragt wurde, bevor man ihm mitteilte, dass das Dach über seinem Kopf dem Feuer nicht mehr sehr lange standhalten würde, aber die Art, in der Guglielmo unruhig hin und her sah, ließ mich stutzen.
„Was ist los, Guglielmo? Wo brennt es?“
Er grinste leicht schief. „Brennen tut es nicht. NOCH nicht. Aber ich mache mir um Henry etwas Sorgen.“
„Ist er krank?“
Guglielmo zögerte. „Nein, ja, nein – ach, ich weiß es nicht. Ich bin kein Fachmann für so was. Aber er kommt mir in den letzten Tagen so alt vor.“
Ich lachte leise auf. „Mein lieber Guglielmo, Henry IST alt. Er ist dieses Jahr offiziell 72, real 73 geworden, dass er da nicht mehr wirkt wie jemand von 22, wie Du, oder von 35, wie ich.“ Guglielmo lachte laut auf. Ich kokettierte gerne mit meinem Alter, meist aber in der anderen Richtung. Ich zählte im Jahr 2012 bereits 42 Lenze. „Aber ich vermute mal, das ist es nicht, was Du meintest. Oder?“
Guglielmo schüttelte den Kopf. Wir waren ganz schnell wieder ernst geworden. Mir war klar, dass auch Italien aus dem in England schon recht gebrechlich wirkenden und von den Ärzten zur Schonung ermahnten alten Mann keinen fitten Mitt-Fünfziger machen würde, auch, wenn die beiden Jahre hier nach außen zumindest den Anschein machten. Ja, gerade am Anfang war ich der Meinung, Italien habe auf Henry wie ein Jungbrunnen gewirkt, ihn um durchaus zehn Jahre jünger gemacht. Im Vergleich zu seinen gleichaltrigen Freunden im Dorf sah er auch so aus, denn seine Haut war nie von Sonne „verwöhnt“ worden und damit auch nicht so schnell gealtert.
„Na, denn statten wir ihm halt mal einen Besuch ab“, meinte ich fröhlicher als ich mich eigentlich fühlte, doch Guglielmo winkte ab.
„Nein, lass mich dabei mal außen vor. Das sieht so aus, als habe ich gepetzt oder so. Es ist eh schon ungewöhnlich genug, wenn Du da oben auftauchst, ich kann mich eigentlich gar nicht erinnern, dass Du in meiner Zeit das schon mal gemacht hat.“
Warum musste der Junge unbedingt recht haben? Ich WAR seltenst zu Henry in die Wohnung gegangen, meine Tür stand immer für ihn offen und wenn er etwas brauchte, etwas auf dem Herzen hatte oder glaubte, ich hätte etwas auf dem Herzen, so kam er in meine Wohnung runter. Ich habe in meiner Erziehung gelernt, dass man Angestellten nicht unbedingt bis in die Wohnung folgen sollte, eigentlich gar nie, außer, sie forderten einen dazu auf. Das war in Peabody Manor äußerst selten vorgekommen, meine Mutter war hin und wieder mal im Gesindehaus gesichtet worden.
Trotzdem, jetzt schien es sein zu müssen und der Lift beförderte mich einen Stock höher. Natürlich hätte ich auch die Treppe verwenden können, doch mit dem Alter wurde ich faul. (Ich sagte ja schon, dass ich gerne mit meinen Jahren kokettiere.)
Als habe sie auf mich gewartet, öffnete Julia sofort nach meinem Klopfen die Türe. Sie war nach wenigen Monaten, nachdem diese Angestelltenwohnungen fertig waren, auf Henrys und meine Einladung hier eingezogen, als aktuelle Freundin von Henry. Die beiden führten ein fröhliches Leben, soweit ich das beurteilen konnte, sie liebten sich offenbar auch und auch das tat sicherlich viel zu Italiens Jungbrunneneffekt auf den greisen Briten.
„Es ist gut, dass Du mal hochkommst“, meinte sie anstelle einer Begrüßung, die Türe schloss sich schon hinter mir.
„Warum seid ihr nicht zu mir gekommen? Was ist denn los? Guglielmo hat so ein paar Silben…“
Julia legte den Finger auf die Lippen und bugsierte mich in die Küche. Die Angestelltenwohnungen hatte ich ebenfalls sehr großzügig geplant, jede der vier Wohnungen hatte rund 100qm mit vier Räumen plus Bad, einer der Räume war als Wohnküche eingerichtet, wobei sowieso die allermeiste Zeit gemeinsam im großen Speisesaal gegessen wurde, mit oder ohne den Hausgästen. Das verhinderte, dass man auf diesem großen Gelände trotz der vielen Leute einsam wurde. Henry und Julia waren die letzten beiden Tage nicht beim Essen gewesen – auch das stand ihnen natürlich frei, vor allem, wenn sie sich dann vom Essen etwas geholt hatten.
„Er will es nicht wahrhaben und auch keinen Arzt sehen, aber, ehrlich gesagt, mir gefällt er nicht. Er wirkt so schlapp und schwach.“
Die Küchentüre hatte sie leise hinter sich geschlossen, wir saßen in dem gemütlichen Raum, der altmodische Holzherd bullerte leise vor sich hin – nicht, dass es bei dem aktuellen Wetter schon notwendig gewesen wäre, aber es machte einfach ein wunderbares Raumklima. Julia hatte „wie bestellt“ schon frischen Kaffee gemacht und Milch gekocht, so ein richtiger handgemachter Caffè Latte schmeckte halt doch besser als die Mischung, die unsere hervorragenden Kaffee-Vollautomaten von sich gaben.
„Sprich genauer, was ist denn los. Was ist Dir aufgefallen?“
Julia legte den Kopf leicht schief, wie ein Vogel, und sah mich an. Fehlte nur noch, dass sie mit ihrem Schnabel, Verzeihung: Mund, einen unsichtbaren Krümel aufpickte.
„Ich kann es Dir auch nicht so richtig sagen. Du weißt ja, wir haben immer viel unternommen, sind durch die Gegend gefahren, haben uns die Dörfer und das Meer angesehen, sind hübsch essen gegangen, Henry hatte immer einen guten Riecher für gute und bezahlbare Restaurants, doch seit zwei, drei Wochen, da zieht es ihn einfach nicht mehr hinaus.“
„Hast Du schon mal die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es der kommende Winter sein könnte, der seine Aktionsfreude erlahmen lässt?“
Sie nickte und schüttelte gleich darauf mit dem Kopf. „Dran gedacht habe ich schon, aber das ist es nicht. Ebenso nicht sein Alter. Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste, werde kurz vor Weihnachten 69.
Aber wenn ich ihn frage, dann wiegelt er nur ab, leise, sanft und ruhig, es sei nichts, nein, Schmerzen oder Beschwerden habe er auch nicht … nun, Du kennst ihn ja länger als ich.“
Ja, das könnte man wohl so bezeichnen. Nicht nur ich kannte Henry schon ‚länger‘, er kannte mich länger als ich mich selbst, er war schon in Diensten meiner Eltern, als ich gerade geboren wurde. Ich schluckte meinen aufkommenden leichten Ärger runter, dass Henry in der aktuellen Situation, wo es ihm nicht gut ging, nicht von sich aus und eher zu mir gekommen war, doch ich hatte zu diesem Ärger eigentlich keine Veranlassung und schon gar kein Recht. Er lebte zwar von mir und auf meine Kosten, doch das war nichts, was ich ihm auch nur andeutungsweise vorhalten würde – schließlich kamen diese Zusagen von mir beziehungsweise auch schon von meinen Eltern.
„Hast Du denn sonst noch eine Idee, woran es liegen könnte?“
Julia zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Wir reden zwar viel miteinander, aber ich habe immer wieder das Gefühl, er verschweige mir etwas. Etwas, was ihn belastet.“
Oh, das wiederum konnte ich mir sehr lebhaft vorstellen. Meine Zeitreisen waren ja nicht offizielles Gesprächsthema und gerade Julia, während ihrer Tätigkeit bei der Bahn DAS Tratschblatt des ganzen Ortes, wäre nun meiner Meinung nach die ungeeignetste Empfängerin vertraulich zu haltender Nachrichten. Damit verbot es sich auch, ein entsprechendes Gespräch hier in dieser Wohnung zu führen. Sie auszusperren hätte sich nicht gehört; doch als Mitwisserin kam sie nicht in Frage.
Ich musste mir etwas einfallen lassen.
„Gut, wo ist er denn? Du hast mich ja gleich in die Küche gebracht.“
Sie nickte. „Ich will ja auch nicht, dass er mitbekommt, welche Sorgen ich mir wegen ihm mache. Ich weiß, wir sind nicht mehr die Jüngsten, doch ich hätte gerne noch ein paar Jahre mit ihm. Ich mag ihn wirklich.“
„Und trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass jeder von uns – egal wer, egal in welchem Alter – jederzeit abberufen werden kann, wir können es nicht beeinflussen. ‚Provvidenza di Dio2‘, wie wir Engländer zu sagen pflegen, wenn wir italienisch können.“ Sie lachte leicht und hell auf, das Lachen machte sie gleich um Jahre jünger. Ich erhob mich von meinem Stuhl und ging zur Tür.
„Ach, noch was“, meinte ich, den Griff schon in der Hand, auf dem Weg zu Henry, „ist denn irgendwas vorgefallen, was uns nicht so bekannt ist?“
Sie zog die Stirn kraus, überlegte angestrengt, dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Nichts, was irgendwo etwas Besonderes wäre. Dass jemand von uns gehen muss, das wissen wir alle, das erfahren wir jeden Tag, und so sind in den letzten Wochen auch zwei der alten Männer gestorben, die Henry schon am Anfang hier kennengelernt hatte, vor zwei Jahren.“
Ich ging rüber zu ihm, setzte eine heitere Miene auf. Er saß im Wohnzimmer, in eine Decke gehüllt in einem bequemen Lehnstuhl, der Fernseher war aus, Henry starrte aus dem Fenster in das blaue Nichts des Himmels. Ich schnupperte leicht, nein, es roch hier nicht nach Tod, aber nach altem Mann. Es roch NOCH nicht nach Tod. Aus meinen wenigen Besuchen in Seniorenheimen wusste ich, dass dieser Geruch sehr schnell umschlagen konnte.
Obwohl er seinen Kopf nicht bewegt hatte, ja, überhaupt nichts an ihm darauf deutete, dass er mein Eintreten bemerkt hatte, sprach er. Nein, er fragte nicht, warum ich gekommen war, er stellte es einfach fest: „Sie hat Dich gerufen.“
„Nein, das nicht. Aber Guglielmo meinte, Du machest ihm Sorgen.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht. „Guglielmo. Ein guter Junge. Ich glaube, da hast Du einen Glückgriff gemacht. Er liebt Dich wirklich heiß und innig.“
„Ja und dank Deiner habe ich es dann auch endlich kapiert. Ich liebe ihn genauso.
Aber sag, was ist los.“
„Was soll schon los sein? Ich werde alt. Das nächste Jahr ist schon wieder am Vorübergehen, der Herbst ist da und in meinem Leben sollte der Herbst eigentlich schon längst Vergangenheit, der Winter einkehrt sein. Das Gras und die Blumen brauchen die Ruhe der kalten Zeit.
Ich bin einfach ein wenig müde.“
„Belastet Dich etwas, hast Du Sorgen und Probleme?“
Er verneinte bedächtig. „Nicht mehr oder weniger als jeder andere ältere Mensch auch. Julia hat es Dir vielleicht schon gesagt, aber in der letzten Zeit sind ein paar meiner Freunde hier den Weg vorausgegangen, auch Padrone Adriano und Falcarone, mein bester Freund. Da fängt man ganz automatisch an, das eigene Ende als nicht mehr so weit weg zu sehen – die beiden waren in meinem Alter.
Aktuell sitze ich hier, sinniere über mein Leben, überlege, ob das schon alles gewesen war. Ja, ich weiß, es ist ein bisschen spät, jetzt, mit meinen 73 Jahren. Aber irgendwann muss man mal anfangen.“
„Und Du bist der Meinung, dass gerade jetzt die richtige Zeit ist?“

„Gibt es eine richtige oder eine falsche Zeit? Nein, mein lieber Arnoldo, jede Zeit kann richtig oder falsch sein. Das wirst Du selbst noch merken, wenn es bei Dir soweit ist.“
Endlich setzte ich mich hin, gerade in dem Moment kam Julia und brachte frische Getränke, Wasser mit Zitrone.
„Ich habe Dir ja gesagt, er gefällt mir nicht, gar nicht.“
Mir auch nicht, doch aktuell war ich ratlos. Ich hatte keine Idee. Schweigend sah ich mir den Mann an, den ich auf dieser Welt schon am längsten kannte, seit meiner Geburt.
„Was sagt der Arzt?“, fragte ich nach ein paar Minuten der Stille. Henry winkte ab.
„Ach, der sagt das, was Ärzte immer sagen, wenn sie nicht weiter wissen. Er will mir Pillen verschreiben – gegen eine angebliche Depression. So ein Quatsch.“
„Und unser Heilpraktiker hat ihm ein paar Vitamine verordnet, meinte, sonst sei er kerngesund“, warf Julia ein. „Das glaube ich ja auch, aber ich mache mir halt Sorgen.“
Ich stand auf, mir war nicht gerade so was wie eine Idee gekommen, aber...
„Sag mal, könnte Dir vielleicht mal eine Luftveränderung guttun? Einfach mal raus? Bewegung? Wasser, Luft, Meer?
Gut, vielleicht nicht unbedingt ein Aktivwanderurlaub in den Felsklippen von Nirgendwo. Aber es gibt so viele Möglichkeiten. Es soll ja sicher auch kein auf Senioren zugeschnittenes Rundum-Paket mit Rollator sein.“
Henry lachte leise, Julia lauter.
„Nein, besser das nicht“, meinte sie, immer noch lachend. „Wenn ich mir vorstelle, in einem Bus voller krückstockpflichtiger Rentner zu sitzen und von einer Torte zur anderen gekarrt zu werden, macht mich schon der Gedanke mindestens zehn Jahre älter!“
Ich hatte nun die Idee. Doch wie sie ihm beibringen?
„Sag mal, Julia. Gibt es in Deinen Träumen eigentlich etwas, wo Du schon immer mal hinwolltest auf dieser Welt?“
Julia legte wieder den Kopf schief, offenbar war dies eine Angewohnheit von ihr, mir war es nur noch nie aufgefallen. Allerdings: wann denn auch. Wir sahen uns normalerweise nur beim Essen.
„Nun“, meinte sie zögerlich, „Da gibt es schon Einiges. Damals, als ich noch bei der Bahn tätig war, da habe ich Fahrkarten verkauft, nicht auf dem Zug gearbeitet. Eine langweilige Tätigkeit mit vielen, vielen leblosen Phasen darin – Du kennst ja unseren riesigen Bahnhof.“ Ja, den kannte ich! Ein Gleis, zu Tageszeiten im Höchstfall ein Zug pro Stunde, am Wochenende nur alle paar Stunden. Nichts, wo man nicht… „…habe ich immer den Zielen nachgesponnen. Wenn möglich, besorgte ich mir Literatur über diese Ziele, einen Roman, einen Reiseführer, las ihn und verreiste in meinen Gedanken. Bis dann der nächste Kunde kam und mich mit einem grußlosen ‚Siena e ritorno, pronto!3‘ aus meinen Gedanken riss.
Ich war zwar nicht auf der ganzen Welt, aber fast. Viele Leute haben mir ja auch von ihren Urlauben und Reisen erzählt, zum Beispiel, wenn sie auf den Zug zum nächsten großen Bahnhof warteten. Ich selbst hatte nie Geld dazu, weiter zu fahren als mal bis nach Florenz. Das war auch schon sehr schön.
Ja, ich hätte genug Ziele, wo ich hin möchte.
Nur…“
Ich schüttelte mit dem Kopf. „Kein ‚nur‘, kein ‚aber‘. Henry weiß es, Du eigentlich auch. Geld ist kein Thema. Überlegt Euch etwas, sagt mir, was ihr braucht und ihr habt es. Keine Diskussion. Das gilt natürlich für Euch beide.“
Mit diesen Worten hatte ich die Türklinke schon in der Hand und verließ den Raum. Bevor ich die Türe hinter mir schloss, sagte ich noch „ich erwarte Eure Antwort in den nächsten Tagen“.
Nicht, dass ich sie unter Druck setzen wollte, aber ganz ohne würden sie das Thema wohl wieder einschlafen lassen, aus lauter Scham heraus, das Geld annehmen zu sollen. Sie wussten es, doch so richtig verstanden hatte gerade Julia es wohl immer noch nicht, dass mir mein Geld kaum etwas bedeutete und ich es gerne ausgab, vor allem für sinnvolle Dinge. Hier hatte ich mehr hineingesteckt als ich in meinem ganzen Leben zusammen ausgegeben hatte, doch meine Kontoauszüge hatte dies nur marginal verändert. Wie sollte es da nun auf ein paar tausend Euro ankommen?
Ich berichtete Guglielmo kurz davon und auch er versprach, sich dahinter zu klemmen, ein bisschen Druck zu machen, wenn sie nicht spurten.
„Hast Du eine Idee, wohin die Reise gehen könnte?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nicht mal einen Schimmer. Oder, genauer, so viele Ideen, dass sie einen Bogen A4-Papier füllen würden. Wir müssen abwarten, ich glaube, Julia wird es schon machen.“
Ich nickte ruhig.
Das Mittagessen stand an und zu unserer aller großer Überraschung traten diesmal auch Julia und Henry in den Raum und setzten sich, als wären sie bei jeder Mahlzeit der letzten Tage anwesend gewesen.
Ich sah uns alle auf gutem Wege.
Tizio hat sein Studium Anfang November begonnen, an der Universität in Siena. Biologische Wissenschaften und Philosophie, er hat sogar Sport mit dazu belegt.