Buch
1949, Kowloon in China: Ein Unbekannter engagiert einen Auftragskiller, der jemanden für ihn ermorden soll. Es soll wie ein Unfall aussehen … und man soll die Tote nicht mehr wiedererkennen können. Der Name dieser Person ist … Catherine Alexander.
Gut ein Jahr zuvor, in Ioannina in Griechenland. Catherine Alexander ist eine hübsche Amerikanerin Anfang dreißig, die zurückgezogen in einem Kloster lebt. Nach einem Bootsunfall hat sie ihr Gedächtnis verloren, nur ihren eigenen Namen kennt sie noch. Doch das Leben in einem Kloster ist nicht das, was sie sich vom Leben erhofft hat. Außerdem nagt die Ungewissheit an ihr … Warum sucht niemand nach ihr? Und wieso hat sie jede Nacht den gleichen Albtraum, in dem ein Mann und eine Frau sie unter Wasser drücken und ertränken wollen? Der steinreiche Reeder Constantin Demiris dagegen kennt Catherine genau. Vor Jahren hat er dafür gesorgt, dass Catherines Mann zum Tode verurteilt wurde. Und er wird alles dafür tun zu verhindern, dass Catherine die Wahrheit über ihre Vergangenheit herausfindet …
Autor
Sidney Sheldon begeisterte bis heute über 300 Millionen Leser weltweit. Vielfach preisgekrönt – u.a. erhielt er 1947 einen Oscar für das Drehbuch zu »So einfach ist die Liebe nicht« – stürmte er mit all seinen Romanen immer wieder die Spitzenplätze der internationalen Bestsellerlisten. Er zählt zu den am häufigsten übersetzten Autoren und wurde dafür sogar mit einem Eintrag ins »Guinnessbuch der Rekorde« geehrt. Im Jahr 2007, kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag, verstarb Sidney Sheldon.
Von Sidney Sheldon bereits erschienen
Die Diamanten-Dynastie · Im Schatten der Götter · Kalte Glut · Zorn der Engel · Der Zorn der Götter
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SIDNEY
SHELDON

Schatten
der Macht
ROMAN
Deutsch von Wulf Bergner

Für Alexandra
mit Liebe
Sing mir keine Lieder von des Tages Helligkeit,
Denn die Sonne ist der Liebenden Feind;
Sing mir stattdessen von Dunkel und Schatten
Und von Erinnerungen an Mitternacht.
PROLOG

Sappho
KOWLOON, MAI 1949
»Das Ganze muss wie ein Unfall aussehen. Können Sie das arrangieren?«
Das war eine Beleidigung. Der andere fühlte Zorn in sich aufsteigen. Das war eine Frage, die man einem von der Straße aufgelesenen Streuner stellte. Er war versucht, eine sarkastische Antwort zu geben: O ja, das traue ich mir zu! Hätten Sie gern einen Unfall in ihrer Wohnung? Ich kann dafür sorgen, dass sie sich bei einem Treppensturz das Genick bricht. Die Tänzerin in Marseille. Sie könnte sich auch betrinken und in ihrer Badewanne ertrinken. Die Millionenerbin in Gstaad. Sie könnte an einer Überdosis Heroin sterben. Damit hatte er schon drei beseitigt. Oder sie könnte mit einer brennenden Zigarette im Bett einschlafen. Der schwedische Kriminalbeamte im Pariser Hotel Capitol. Oder wäre Ihnen vielleicht etwas im Freien lieber? Ich könnte einen Verkehrsunfall, einen Flugzeugabsturz oder ein Verschwinden auf See arrangieren.
Er sagte jedoch nichts von alledem, denn in Wahrheit hatte er Angst vor dem Mann, der ihm gegenübersaß. Er hatte zu viele beängstigende Geschichten über ihn gehört – und allen Grund, sie für wahr zu halten.
Deshalb sagte er nur: »Ja, Sir, ich kann einen Unfall arrangieren. Niemand wird jemals wissen, was wirklich passiert ist.« Noch während er das sagte, fiel ihm ein: Er weiß, dass ich es wissen werde. Er wartete.
Sie befanden sich im ersten Stock eines Gebäudes in der Festungsstadt Kowloon, die 1840 von Chinesen zum Schutz vor den britischen Barbaren errichtet worden war. Die Befestigungen hatten den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden, aber es gab andere »Mauern«, die Fremde fernhielten: Mörderbanden, Drogensüchtige und Sexualverbrecher, die über das Labyrinth aus engen, verwinkelten Gassen und dunklen, unbeleuchteten Treppen herrschten. Touristen wurde von einem Besuch abgeraten, und selbst die Polizei wagte sich nicht über die äußere Tung Tau Tsuen Street hinweg in die Innenstadt hinein.
Von draußen hörte er Straßenlärm und die für die Einwohner Kowloons typische schrille Sprachenvielfalt.
Der Mann studierte ihn mit kaltem Basiliskenblick. »Gut«, entschied er dann, »ich überlasse es Ihnen, wie Sie es anstellen wollen.«
»Ja, Sir. Hält sich die Betreffende hier in Kowloon auf?«
»In London. Ihr Name ist Catherine. Catherine Alexander.«
Eine Limousine, der ein weiteres Fahrzeug mit zwei bewaffneten Leibwächtern folgte, brachte den Mann zum Blue House in der Lascar Row im Stadtteil Tsim Sha Tsui. Das Blue House stand nur speziellen Gästen offen. Spitzenpolitiker verkehrten dort ebenso wie Filmstars und Aufsichtsratsvorsitzende. Die Direktion war stolz auf ihre absolute Diskretion. Vor einem halben Dutzend Jahren hatte eines der dort arbeitenden Mädchen einem Reporter von ihren Kunden erzählt und war am nächsten Morgen mit abgeschnittener Zunge im Aberdeen Harbor treibend aufgefunden worden. Im Blue House war alles käuflich: Jungfrauen, Knaben, Lesbierinnen, die sich ohne die »Jadestängel« von Männern befriedigten, und Tiere. Soviel er wusste, war es das einzige Etablissement, in dem die aus dem 10. Jahrhundert stammende Kunst des Ischinpo noch praktiziert wurde. Das Blue House war eine Schatzkammer verbotener Lüste.
Diesmal hatte der Mann sich die Zwillinge bestellt. Die beiden waren ein exquisites Paar mit bildhübschen Gesichtern, unglaublichen Körpern und keinerlei Hemmungen. Er dachte an seinen letzten Besuch im Blue House … an den Metallhocker mit ausgeschnittenem Sitz, ihre sanft liebkosenden Hände und Zungen, die große Wanne mit parfümiertem Wasser, das auf den Marmorboden überschwappte, und ihre heißen Lippen, die seinen Leib plünderten. Und er spürte eine beginnende Erektion.
»Wir sind da, Sir.«
Drei Stunden später, als er mit ihnen fertig war, lehnte der Mann sich befriedigt und zufrieden in die Polster seiner Limousine zurück, um sich in die Mody Road im Stadtviertel Tsim Sha Tsui fahren zu lassen. Hinter den Fenstern des Wagens glitzerten die Lichter der Großstadt, die niemals schlief. Die Chinesen hatten sie Gaulung – neun Drachen – genannt, und er stellte sich vor, wie diese auf den Bergen über der Stadt lauerten, um sich herabzustürzen und die Schwachen und Leichtsinnigen zu vernichten. Er war weder schwach noch leichtsinnig.
Sie erreichten die Mody Road.
Der taoistische Priester, der ihn erwartete, sah wie eine Gestalt aus einem alten Farbholzschnitt aus: ein ehrwürdiger Greis mit langem, ziemlich schütterem Bart und einer wallenden, schon etwas verblichenen Robe.
»Jou Sahn.«
»Jou Sahn.«
»Gei Do Chin?«
»Yat-Chin.«
»Jou.«
Der Priester schloss die Augen zu einem stummen Gebet und begann, die Tschim – eine Holzschale mit nummerierten Gebetsstäbchen – zu schütteln. Dann fiel ein Stäbchen heraus, und das Schütteln hörte auf. Der taoistische Priester zog schweigend eine Tabelle zurate, bevor er sich an seinen Besucher wandte. Er sprach ein stockendes Englisch. »Götter sagen, du bald von gefährliche Feind befreit.«
Der Mann empfand jäh aufwallende Freude. Er war zu intelligent, um nicht zu wissen, dass diese uralte Wahrsagekunst nur auf Aberglauben basierte. Und er war zu intelligent, um sie zu ignorieren. Außerdem gab es ein weiteres gutes Omen: Heute war Konstantinstag, sein Geburtstag.
»Die Götter haben dich mit gutem Fung shui gesegnet.«
»Do jeh.«
»Hou wah.«
Fünf Minuten später saß er wieder in der Limousine und war zum Kai Tak, dem Airport von Kowloon, unterwegs, wo sein Privatflugzeug bereitstand, um ihn nach Athen zurückzubringen.
1
IOANNINA, GRIECHENLAND – JULI 1948
Jede Nacht erwachte sie schreiend aus dem gleichen Traum. Sie befand sich bei heulendem Sturm mitten auf einem See, und ein Mann und eine Frau drückten ihren Kopf ins eiskalte Wasser, um sie zu ertränken. Jedes Mal schreckte sie nach Atem ringend, mit jagendem Puls und in Schweiß gebadet hoch.
Sie hatte keine Ahnung, wer sie war, und konnte sich an nichts erinnern. Sie sprach Englisch – Aber sie wusste nicht, woher sie stammte oder wie sie nach Griechenland in das kleine Karmeliterinnenkloster gekommen war, in dem sie Zuflucht gefunden hatte.
Allmählich stellten sich quälend flüchtige Erinnerungen ein: vage, schemenhafte Bilder, die aufblitzten und ebenso schnell wieder verschwanden, ohne sich festhalten und genauer betrachten zu lassen. Sie kamen stets ohne Vorankündigung, überrumpelten sie förmlich und ließen sie verwirrt zurück.
Zu Anfang hatte sie viele Fragen gestellt. Die Karmeliterinnen waren freundlich und verständnisvoll, aber sie gehörten einem Schweigeorden an, und allein Mutter Theresa, die greise, gebrechliche Oberin, durfte mit ihr sprechen.
»Wissen Sie, wer ich bin?«
»Nein, mein Kind«, antwortete Mutter Theresa.
»Wie bin ich hierhergekommen?«
»Am Fuß dieser Berge liegt das Dorf Ioannina. Letztes Jahr sind Sie während eines Sturms mit einem kleinen Boot unten auf dem See gewesen. Das Boot ist gesunken, aber durch die Gnade Gottes haben zwei unserer Schwestern Sie gesehen und gerettet. Sie haben Sie hierhergebracht.«
»Aber … wo war ich vorher?«
»Es tut mir leid, mein Kind. Das weiß ich nicht.«
Damit konnte sie sich nicht zufriedengeben. »Hat denn niemand nach mir gefragt? Hat niemand versucht, mich zu finden.«
Mutter Theresa schüttelte den Kopf. »Niemand.«
Sie war so frustriert, dass sie am liebsten geschrien hätte. Aber sie ließ nicht locker. »Die Zeitungen … Sie müssen über mein Verschwinden berichtet haben.«
»Wie Sie wissen, ist uns jeglicher Kontakt mit der Außenwelt untersagt. Wir müssen uns dem Willen Gottes fügen, mein Kind. Wir müssen ihm für seine Gnade danken, dafür, dass Sie noch leben.«
Und das war alles gewesen, was sie herausbekommen hatte. Anfangs war sie zu krank gewesen, um sich Sorgen wegen ihrer ungeklärten Vergangenheit zu machen, aber im Laufe der Monate war sie genesen und wieder zu Kräften gekommen.
Als sie sich stark genug fühlte, verbrachte sie ihre Tage damit, in dem strahlenden Licht, das die Landschaft leuchten ließ, und der nach Wein und Zitronen duftenden sanften Brise den üppig blühenden Klostergarten zu pflegen.
Die Atmosphäre, in der sie lebte, war heiter und gelassen, und doch fand sie keine Ruhe. Ich habe mich verirrt, dachte sie, aber niemanden kümmert es. Weshalb nicht? Habe ich etwas Böses getan? Wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?
Wieder stiegen Bilder aus ihrem Unterbewusstsein auf. Eines Morgens sah sie sich beim Aufwachen plötzlich in einem Zimmer, in dem ein nackter Mann sie auszog. Nur ein Traum? Oder etwas, das in der Vergangenheit wirklich geschehen war? Wer war dieser Mann? Jemand, mit dem sie verheiratet war? Hatte sie einen Ehemann? Sie trug keinen Ehering. Tatsächlich besaß sie nichts außer der schwarzen Ordenstracht einer Karmelitin, die Mutter Theresa ihr gegeben hatte, und eine Brosche: einen kleinen goldenen Vogel mit Rubinen als Augen und ausgebreiteten Schwingen.
Sie war eine namenlose Unbekannte, eine Fremde, die unter Fremden lebte. Hier gab es niemanden, der ihr helfen konnte – keinen Psychiater, der ihr hätte sagen können, dass ihre Psyche ein so schweres Trauma erlitten hatte, dass sie nur bei Verstand bleiben konnte, indem sie die Schrecken der Vergangenheit verdrängte.
Und die Bilder folgten rascher und immer rascher aufeinander, als habe ihr Gedächtnis sich plötzlich in ein gigantisches Puzzle verwandelt, von dem hier und da einzelne Teile zusammenpassten. Einmal sah sie sich in einem riesigen Atelier voller Soldaten, in dem offenbar ein Film gedreht wurde. Bin ich Schauspielerin gewesen? Nein, sie schien für irgendetwas verantwortlich zu sein. Aber wofür?
Ein Soldat überreichte ihr einen Blumenstrauß. Den müssen Sie selbst bezahlen, sagte er lachend.
Zwei Nächte später träumte sie wieder von diesem Mann. Sie verabschiedete sich auf einem Flughafen von ihm – und wachte schluchzend auf, weil sie ihn verloren hatte.
Danach fand sie keinen Frieden mehr. Dies waren keine bloßen Träume, sondern Bruchstücke ihres Lebens, ihrer Vergangenheit. Ich muss herausfinden, wer ich gewesen bin. Wer ich bin.
Und eines Nachts gab ihr Unterbewusstsein ganz unerwartet, ohne die geringste Vorwarnung, einen Namen preis. Catherine. Ich heiße Catherine Alexander.
2
Obwohl das Imperium, das Constantin Demiris aufgebaut hatte, auf keiner Landkarte eingetragen war, herrschte er über ein Reich, das größer und mächtiger war als viele Staaten. Er gehörte zu den reichsten Männern der Welt, und sein Einfluss war unermesslich groß. Er besaß weder Titel noch bekleidete er ein offizielles Amt, doch er kaufte und verkaufte regelmäßig Botschafter, Kardinäle, Ministerpräsidenten und Staatsoberhäupter. Demiris hatte seine Tentakel überallhin ausgestreckt und entschied mit über das Wohl und Weh Dutzender von Staaten.
Constantin Demiris war eine charismatische Gestalt: hochintelligent, von imposanter Statur, relativ groß, breitschultrig und muskelbepackt. Sein Gesicht mit dem dunklen Teint beherrschten eine kräftige griechische Nase und pechschwarze Augen. Er sah wie ein Habicht aus, ein Raubvogel. Wenn er wollte, konnte er unwiderstehlich charmant sein. Er beherrschte acht Sprachen und war ein glänzender Erzähler. Er besaß eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt, mehrere Privatflugzeuge und ein Dutzend Luxusapartments, Villen und Schlösser in aller Herren Länder. Er war ein Kenner und Genießer schöner Dinge und schöner Frauen. Als Liebhaber schien er für jede Überraschung gut zu sein, und seine Liebesaffären waren so farbig wie seine finanziellen Abenteuer.
Constantin Demiris war stolz darauf, ein Patriot zu sein. Vor seiner Villa in Kolonaki und auf seiner Privatinsel Psara war stets die blau-weiße griechische Fahne aufgezogen – aber er zahlte keine Steuern. Demiris fühlte sich in keiner Weise verpflichtet, sich an die für gewöhnliche Sterbliche geltenden Gesetze zu halten. In seinen Adern floss Ichor – das Blut der Götter.
Fast alle Menschen, auf die Demiris traf, wollten etwas von ihm: Kapital für ein geschäftliches Projekt, eine Spende für wohltätige Zwecke oder einfach nur die Macht, die ihnen seine Freundschaft verleihen würde. Demiris machte sich einen Spaß daraus herauszubekommen, was diese Leute wirklich wollten – meistens etwas ganz anderes, als sie vorgaben. Sein analytischer Verstand misstraute jedem äußeren Anschein, sodass er nichts glaubte, was ihm erzählt wurde, und keinem Menschen traute. Journalisten, die aus seinem Leben berichteten, bekamen nur den liebenswürdigen Charme eines kultivierten Mannes von Welt zu sehen. Sie hatten keinen Grund, hinter dieser Fassade den Killer, den Instinkt des Raubtiers zu vermuten.
Er war ein unbarmherziger Mann, der eine Kränkung niemals vergaß. Bei den alten Griechen war das Wort Dikeossini, Gerechtigkeit, oft gleichbedeutend mit Ekdikissis, Rache, gewesen, und Demiris war von beiden besessen. Nie vergaß er eine Beleidigung, die er jemals erlitten hatte, und wer das Unglück hatte, sich seine Feindschaft zuzuziehen, musste dafür hundertfach büßen. Doch der Betroffene merkte es nicht gleich, denn Constantin Demiris machte seine Rache zu einem Spiel, bei dem er geduldig und voller Genuss komplizierte Fallen konstruierte und raffinierte Netze wob, in denen sich seine Feinde verfingen und zugrunde gingen.
Er studierte seine Opfer sorgfältig, analysierte ihre Persönlichkeit und wog ihre Stärken und Schwächen ab.
Auf einer Abendgesellschaft hatte Demiris einmal zufällig mitbekommen, wie ein Filmproduzent ihn als »diesen schmierigen Griechen« bezeichnete. Demiris wartete geduldig. Zwei Jahre später nahm der Produzent für eine Großproduktion, die er mit eigenen Mitteln drehte, eine weltbekannte Filmschauspielerin unter Vertrag. Demiris wartete, bis der Film zur Hälfte fertig war, dann brachte er die Hauptdarstellerin mit seinem beträchtlichen Charme dazu, die Dreharbeiten abzubrechen, um ihm auf seiner Jacht Gesellschaft zu leisten.
»Das werden unsere Flitterwochen«, versprach Demiris ihr.
Sie bekam die Flitterwochen, aber nicht die Hochzeit. Der Film konnte nicht zu Ende gedreht werden, und der Produzent musste schließlich Konkurs anmelden.
Es gab einige Figuren in Demiris’ Spiel, mit denen er noch alte Rechnungen zu begleichen hatte, aber er hatte es damit nicht eilig. Er genoss die Vorfreude, die Planung und die Ausführung. Heutzutage machte er sich keine Feinde mehr, weil niemand es sich leisten konnte, sein Feind zu sein, deshalb waren seine Opfer ausschließlich Menschen, die früher seine Wege gekreuzt hatten.
Aber Constantin Demiris’ Sinn für Dikeossini war ambivalent. So wie er niemals eine Kränkung vergaß, so vergaß er auch nie einen Gefallen. Ein armer Fischer, der ihn als Jungen einmal für kurze Zeit bei sich aufgenommen hatte, fand sich als Eigner einer Fischfangflotte wieder. Eine Prostituierte, die den jungen Mann zum Abendessen eingeladen hatte, als er zu arm gewesen war, um sie zu bezahlen, erbte auf geheimnisvolle Weise ein Miethaus, ohne jemals zu erfahren, wer ihr Wohltäter gewesen war.
Demiris war als Sohn eines Hafenarbeiters in Piräus auf die Welt gekommen. Er hatte vierzehn Brüder und Schwestern, für die es daheim nie genug zu essen gab.
Schon in frühester Jugend bewies Constantin Demiris seine geradezu unheimliche Geschäftstüchtigkeit. Das mit Gelegenheitsarbeiten nach der Schule verdiente Geld hielt er so eisern zusammen, dass er schon als Sechzehnjähriger mit einem älteren Partner einen Imbissstand im Hafen aufmachen konnte. Das Geschäft florierte, aber sein Partner brachte ihn durch Betrug um seinen Anteil. Demiris brauchte zehn Jahre, um den Mann zu vernichten. Der Junge brannte förmlich vor Ehrgeiz. Oft lag er nachts wach und starrte mit leuchtenden Augen in die Dunkelheit. Ich werde reich sein. Ich werde berühmt sein. Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen. Das war das einzige Wiegenlied, bei dem er Schlaf fand. Er hatte keine Ahnung, wie es dazu kommen würde. Er wusste nur, dass es geschehen würde.
Als Constantin Demiris an seinem siebzehnten Geburtstag auf einen Zeitungsartikel über die Ölfelder Saudi-Arabiens stieß, hatte er das Gefühl, ihm würde sich plötzlich ein Zaubertor in die Zukunft öffnen.
»Ich gehe nach Saudi-Arabien«, erklärte er seinem Vater. »Ich werde auf den Ölfeldern arbeiten.«
»Stasou! Was verstehst du schon von Ölfeldern?«
»Nichts, Vater. Aber ich werde es lernen.«
Einen Monat später war Constantin Demiris unterwegs nach Saudi-Arabien.
Bei der Trans-Continental Oil Corporation war es üblich, dass ausländische Angestellte einen Zweijahresvertrag unterschrieben, aber das störte Demiris nicht weiter. Er hatte die Absicht, in Saudi-Arabien zu bleiben, bis er sein Glück gemacht hatte. Er hatte sich wundervolle Abenteuer aus Tausendundeiner Nacht und ein geheimnisvolles Märchenland mit exotischen Schönheiten und aus der Erde sprudelndem schwarzen Gold vorgestellt. Die Wirklichkeit war ein Schock.
Frühmorgens an einem Sommertag kam Demiris in Fadhili an, einem trostlosen Camp mitten in der Wüste, dessen hässliche Steingebäude von Barastis umgeben waren. In diesen kleinen Hütten aus Ästen und Zweigen hausten rund tausend einfache Arbeiter, die meisten von ihnen Saudis. Die wenigen Frauen, die über die staubigen Straßen schlurften, waren tief verschleiert.
Demiris betrat das Gebäude, in dem J. J. McIntyre, der Personalchef, sein Büro hatte.
McIntyre hob den Kopf, als der junge Mann hereinkam. »So, Sie sind von der Zentrale angestellt worden, was?«
»Ja, Sir.«
»Schon mal auf Ölfeldern gearbeitet, Sohn?«
Demiris war sekundenlang versucht zu lügen. »Nein, Sir.«
McIntyre grinste. »Hier wird’s Ihnen gefallen! Eine Million Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt, schlechtes Essen, keine Frauen, die Sie anfassen dürfen, ohne den Pimmel abgeschnitten zu kriegen, und Abend für Abend diese gottverdammte Langeweile. Aber die Bezahlung ist gut, was?«
»Ich bin hier, um zu lernen«, sagte Demiris ernsthaft.
»Ach wirklich? Dann erzähle ich Ihnen am besten, was Sie als Erstes lernen müssen. Sie sind jetzt in einem islamischen Land. Das bedeutet absolutes Alkoholverbot. Wer beim Stehlen erwischt wird, kriegt die rechte Hand abgehackt. Beim zweiten Mal die linke. Beim dritten Mal einen Fuß. Mörder werden geköpft.«
»Ich habe nicht vor, jemanden zu ermorden.«
»Warten Sie’s ab«, grunzte McIntyre. »Sie sind eben erst angekommen.«
Im Lager herrschte ein babylonisches Sprachgewirr, weil die Arbeiter und Angestellten aus aller Herren Länder sich ihrer Muttersprache bedienten. Mit seinem guten Ohr für Sprachen war Demiris bald in der Lage, ihren Unterhaltungen zu folgen. Die Männer bauten Straßen durch die Wüste, errichteten Unterkünfte, stellten Generatoren auf, verlegten Telefonkabel, richteten Werkstätten ein, Wasserleitungen und Drainagen und erfüllten Hunderte von weiteren Aufgaben. Sie schufteten bei Temperaturen von über 40 °C im Schatten und litten unter Fliegen, Moskitos, Sandstürmen, Fieber und Ruhr. Selbst hier in der Wüste gab es eine gesellschaftliche Hierarchie. Ganz oben standen die Männer, die nach Öl suchten, und unten waren die Bauarbeiter zu finden, die »Holzköpfe« hießen, und das als »Glanzhosen« bezeichnete Büropersonal.
Fast alle Männer, die mit der eigentlichen Ölsuche zu tun hatten – die Geologen, Vermesser, Ingenieure und Petrolchemiker –, waren Amerikaner, denn der neue Gestängebohrer war in den Vereinigten Staaten entwickelt worden, und die Amerikaner beherrschten seine Handhabung am besten. Constantin Demiris bemühte sich sehr um ihre Freundschaft.
Der junge Mann verbrachte möglichst viel Zeit in Gesellschaft der Bohrleute und bestürmte sie unermüdlich mit Fragen. Die so gewonnenen Informationen sog er auf wie der heiße Wüstensand das Wasser.
»Wird der Bohrmeißel nicht stumpf, wenn er ständig arbeitet?«
»Natürlich. Dann müssen wir das gottverdammte Bohrgestänge raufziehen, unten einen neuen Bohrmeißel dranschrauben und das Gestänge wieder runterlassen. Willst du auch mal Driller werden?«
»Nein, Sir. Ich werde Ölquellen besitzen.«
»Glückwunsch. Kann ich jetzt weiterarbeiten?«
»Entschuldigung, woher wissen Sie, wo Sie bohren müssen?«
»Wir haben viele Geologen – Steinschnüffler –, die unterirdische Schichten vermessen und Gesteinsproben analysieren. Danach sind die Seilwürger an der Reihe, um …«
»Entschuldigung, was ist ein Seilwürger?«
»Ein Driller. Sobald sie …«
Constantin Demiris arbeitete vom frühen Morgen bis Sonnenuntergang, transportierte Bohrtürme durch die glutheiße Wüste, säuberte Bohrausrüstungen und lenkte Lastwagen an aus felsigen Hügeln austretenden Flammenzungen vorbei. Diese Flammen brannten Tag und Nacht und fackelten die austretenden giftigen Gase ab.
J. J. McIntyre hatte Demiris die Wahrheit gesagt. Das Essen war schlecht, die Unterkünfte waren elend, und abends gab es keinerlei Unterhaltung. Noch schlimmer war, dass Demiris das Gefühl hatte, alle Poren seines Körpers wären mit Sandkörnern verstopft. Die Wüste lebte, und niemand konnte ihr entrinnen. Der Sand drang in die Hütte, durch seine Kleidung und in seinen Körper, bis er glaubte zu verzweifeln. Aber es sollte alles noch schlimmer kommen.
Der Schamal brach los. Einen Monat lang heulten Tag für Tag Sandstürme mit einer Intensität über das Lager hinweg, die einen Mann zum Wahnsinn treiben konnte.
Demiris starrte durch einen Türspalt seines Barasti in die wirbelnden Sandschwaden hinaus. »Sollen wir etwa dort draußen arbeiten?«
»Da hast du verdammt recht, Charlie-Boy! Du bist hier nicht auf Kur!«
Überall um sie herum wurde Öl entdeckt. Aus Abu Hadriya, aber auch aus Quatif und Haradh meldete man neue Funde, und die Arbeiter mussten Überstunden machen.
Zu den Neuankömmlingen im Lager gehörten ein englischer Geologe und seine Frau. Henry Potter war Ende sechzig und seine Frau Sybil Anfang dreißig. In jeder anderen Umgebung hätte Sybil Potter als durchschnittlich aussehende, übergewichtige Frau mit hoher, schriller Stimme gegolten. Aber in Fadhili war sie eine atemberaubende Schönheit. Da Henry Potter ständig unterwegs war, um neue Öllagerstätten zu erkunden, blieb seine Frau viel allein.
Der junge Demiris wurde ihr zugeteilt, um ihr beim Einzug zu helfen und die Eingewöhnung zu erleichtern.
»Dies ist das elendste Nest, das ich in meinem Leben gesehen habe«, jammerte Sybil Potter schrill. »Henry schleppt mich ständig in schreckliche Gegenden wie diese hier. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich das immer wieder mitmache.«
»Ihr Mann leistet sehr wichtige Arbeit«, erklärte Demiris ihr. Sie betrachtete den attraktiven jungen Mann abschätzend. »Mein Mann leistet nicht auf allen Gebieten das, was er leisten sollte. Verstehst du, was ich meine?«
Demiris verstand nur allzu gut. »Nein, Ma’am.«
»Wie heißt du?«
»Demiris, Ma’am. Constantin Demiris.«
»Wie nennen deine Freunde dich?«
»Costa.«
»Nun, Costa, ich glaube, wir werden sehr gute Freunde werden. Jedenfalls haben wir nichts mit diesen Bimbos gemeinsam, nicht wahr?«
»Bimbos?«
»Du weißt schon – mit diesen Ausländern.«
»Ich muss weiterarbeiten«, sagte Demiris.
In den Wochen darauf erfand Sybil Potter ständig Gründe, um den jungen Mann zu sich zu rufen.
»Henry ist seit heute Morgen unterwegs«, erklärte sie ihm. »Wieder zu seiner blöden Bohrerei.« Sie fügte kokett hinzu: »Er sollte mehr zu Hause bohren.«
Demiris wusste nicht, was er sagen sollte. In der Firmenhierarchie war der Geologe ein sehr wichtiger Mann, und Demiris hatte nicht die Absicht, sich mit seiner Frau einzulassen und dadurch seinen Job zu gefährden. Ohne es begründen zu können, wusste er bestimmt, dass dieser Job der Schlüssel zu allem war, was er sich erträumt hatte. Die Zukunft gehörte dem Öl, und Demiris war entschlossen, daran teilzuhaben.
Eines Nachts ließ Sybil Potter ihn aus dem Bett holen. Demiris betrat die Siedlung, in der sie wohnte, und klopfte an die Tür ihres kleinen Hauses.
»Herein!« Sybil trug ein hauchdünnes Nachthemd, das unglücklicherweise nichts verbarg.
»Ich … Sie haben nach mir geschickt, Ma’am?«
»Ja, komm herein, Costa. Diese Nachttischlampe scheint defekt zu sein.«
Demiris trat mit abgewandtem Blick an den Nachttisch und griff nach der Lampe, um sie zu begutachten. »Die Glühbirne ist locker, darum …« Er spürte, wie ihr Leib sich gegen seinen Rücken drängte und ihre Hände über seinen Körper glitten. »Mrs. Potter …«
Sie küsste ihn heißhungrig und drückte ihn aufs Bett. Von diesem Augenblick an verlor er endgültig die Kontrolle über den Gang der Dinge.
Seine Sachen lagen auf dem Fußboden, und er stieß in sie hinein, und sie kreischte vor Lust. »So ist’s richtig! Ja, so! Mein Gott, wie lange hab’ ich das entbehren müssen!«
Zuletzt stöhnte sie auf, und ein Zittern durchlief ihren Körper. »Oh, Darling, ich liebe dich!«
Demiris war kurz davor, in Panik zu geraten. Was hast du getan? Wenn Potter das rauskriegt, bist du erledigt!
Sybil Potter kicherte, als habe sie seine Gedanken erraten. »Das bleibt unser kleines Geheimnis, nicht wahr, Darling?«
Ihr kleines Geheimnis existierte noch einige Monate weiter. Demiris konnte ihr nicht aus dem Weg gehen, und da ihr Mann jeweils für einige Tage unterwegs war, gab es keine Ausrede, die ihn davor hätte bewahren können, mit ihr ins Bett gehen zu müssen. Erschwerend kam hinzu, dass Sybil Potter sich sinnlos in ihn verliebt hatte.
»Du bist viel zu gut, um hier zu arbeiten, Darling«, erklärte sie ihm. »Du und ich, wir gehen nach England zurück.«
»Meine Heimat ist Griechenland.«
»Jetzt nicht mehr.« Sie streichelte seinen schlanken, sehnigen Körper. »Du kommst mit mir nach Hause. Ich lass mich von Henry scheiden, und wir heiraten.«
Demiris wurde von panikartiger Angst erfasst. »Sybil, ich … ich habe kein Geld. Ich …«
Sie ließ ihre Lippen über seine Brust wandern. »Das ist kein Problem. Ich weiß, wie du zu Geld kommen kannst, Sweetheart.«
»Wie denn?«
Sie setzte sich im Bett auf. »Gestern Abend hat Henry mir erzählt, dass er gerade ein neues großes Ölvorkommen entdeckt hat. Darauf versteht er sich wirklich, weißt du. Jedenfalls war er ganz aufgeregt! Bevor er wieder losfuhr, hat er seinen Bericht geschrieben und mich gebeten, ihn morgen dem Kurier mitzugeben. Ich habe ihn hier. Willst du ihn lesen?«
Demiris spürte sein Herz rascher schlagen. »Ja. Ich … ich würde ihn gern lesen.« Er beobachtete, wie sie aufstand und zu dem verkratzten Tischchen unter dem Fenster hinüberwatschelte. Sie griff nach einem großen braunen Umschlag und kam damit ins Bett zurück.
»Mach ihn auf!««
Demiris zögerte nur einen Augenblick. Er riss den Umschlag auf und zog Potters fünf Seiten langen Bericht heraus. Nachdem er ihn rasch überflogen hatte, las er ihn nochmals Wort für Wort.
»Sind diese Informationen was wert?«
Sind diese Informationen was wert? Dieser Bericht betraf ein neues Ölfeld, das wahrscheinlich zu den ergiebigsten aller bisher entdeckten Felder gehören würde.
Demiris schluckte trocken. »Ja. Sie … sie könnten wertvoll sein.«
»Da hast du’s!«, meinte Sybil zufrieden. »Jetzt haben wir Geld.«
Er seufzte. »So einfach ist es leider nicht.«
»Warum nicht?«
Demiris erklärte es ihr. »Damit ist nur jemandem geholfen, der es sich leisten kann, Optionen auf das Land über den Öllagerstätten zu kaufen. Und die kosten viel Geld, sehr viel Geld.« Er hatte knapp dreihundert Dollar auf seinem Bankkonto.
»Oh, deswegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Henry hat Geld. Ich schreibe dir einen Scheck. Genügen fünftausend Dollar?«
Constantin Demiris wollte seinen Ohren nicht trauen. »Ja. Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Es ist für uns, Darling. Für unsere Zukunft.«
Er setzte sich im Bett auf und überlegte angestrengt. »Sybil, glaubst du, dass du diesen Bericht noch ein bis zwei Tage hierbehalten kannst?«
»Natürlich. Ich lasse ihn bis Freitag liegen. Reicht das, Darling?«
Er nickte langsam. »Das müsste reichen.«
Mit den fünftausend Dollar von Sybil – Nein, das ist kein Geschenk, sondern ein Darlehen, sagte er sich – sicherte sich Constantin Demiris die Optionen auf das Land über den vermuteten Lagerstätten. Als dann einige Monate später die ersten Ölquellen zu sprudeln begannen, war er über Nacht zum Millionär geworden.
Er zahlte Sybil Potter ihre fünftausend Dollar zurück, schickte ihr ein neues Nachthemd und kehrte nach Griechenland heim.
Sie sah ihn nie wieder.