
Kapitel 7

Evelyn reichte Betty zur Begrüßung die Hand. Die elegante Erscheinung verunsicherte sie. „Vielen Dank, dass ich hier wohnen darf.“ Sie lachte, und ihr Lachen klang selbst in ihren Ohren wie kleine Glocken, die anschlagen, wenn jemand durch eine Tür tritt. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich in Chicago bin.“ Sie blickte zu den zwei schmalen Fenstern hoch. „Seht euch das nur an“, bemerkte sie nach einer kleinen Weile. „Man sieht nur die Füße.“
Betty verschränkte die Arme. „So ist das, wenn man in einer Kellerwohnung lebt.“ Sie drehte sich um, und ein Hauch von ihrem Parfüm verbreitete sich in der Luft. „Wenigstens geht es uns noch besser als den armen Mädchen in der Wohnung hinter uns. Ich glaube, in der ganzen Wohnung gibt es kein einziges Fenster.“
Evelyn runzelte die Stirn. „Das ist ja schrecklich. Bei mir zu Hause hatte jedes Zimmer mehrere Fenster.“
„Komm mit“, sagte Joan und nahm ihren Ellbogen. „Ich zeige dir unser Zimmer.“
„Oh. Okay. Schön, dich kennenzulernen“, sagte Evelyn zu Betty. „Sind die anderen auch da?“, fragte sie Joan.
Joans Blick wanderte zu Betty, die sich eine Zeitschrift vom Couchtisch genommen hatte. „Magda habe ich heute Morgen zuletzt gesehen. Inga war seit zwei Tagen nicht mehr hier, also denke ich, dass sie heute irgendwann eintrudelt. Spätestens morgen, denn dann ist Samstag.“ Joan nahm Evelyns Koffer. „Inga ist die Stewardess“, erklärte sie.
Evelyn nickte. Gemeinsam durchquerten sie den engen Flur, der zu den Schlafzimmern und dem Bad führte. „Wie ich dir bereits gesagt habe, verbringen wir wirklich nicht viel Zeit miteinander. Gut, Betty und ich … und du jetzt auch … etwas mehr, weil wir in derselben Firma arbeiten. Wir fahren immer gemeinsam zum Loop.“ Joan hielt inne, als sie die Tür öffnete. „Das ist unser Zimmer.“
Langsam trat Evelyn ein. Sie hielt den Atem an. Das Schlafzimmer war nichts Besonderes, nichts, worüber sie nach Hause schreiben konnte, aber es bot alles, was sie für die wenige Zeit brauchte, die sie hier verbringen würde.
Joan stellte den Koffer am Fußende des Doppelbettes ab. „Es ist nicht viel, aber wenigstens hat diese Matratze keine Kuhle in der Mitte wie die, auf der ich zu Hause mit einer meiner Schwestern geschlafen habe.“
Evelyn lächelte, doch sie wusste, dass die Tränen fließen würden, sobald sie allein war. Die Wände waren wie überall in der Wohnung langweilig weiß gestrichen, aber in einem Zimmer ohne Fenster sorgten weiße Wände für etwas Helligkeit. Selbst durch die Schuhe hindurch spürte Evelyn die Kälte, die die Holzfußböden abstrahlten. Der einzige Schmuck in dem Zimmer war ein billiges Gemälde von einem See, hinter dem ein Gebirge in die Höhe ragte.
Joan deutete darauf. „Wenn du zur Ausstattung dieses Zimmers beitragen willst, Bilder, Wandteppiche, sehr gern.“
Evelyn schluckte. „Gehört das dir?“
„Dieses schreckliche Ding?“, fragte Joan lächelnd. „Nein. Betty sagte, das hätte schon hier gehangen.“
Evelyn legte ihren Koffer auf das Bett. „Ich sollte vielleicht auspacken.“ Sie war zutiefst erschöpft. Falls ihr Vater fragte, sollte sie ihm erzählen, dass ihr neues Zimmer nur halb so groß war wie ihr Zimmer zu Hause? Dass sie weiße Spitze gegen Decken eingetauscht hatte, die aus einem Second-Hand-Laden zu stammen schienen?
Joan griff nach ihrem Mantel und sagte: „Ich hänge den für dich in den Schrank.“
Evelyn wischte sich die Tränen weg, die sich hinter ihren Brillengläsern gesammelt hatten.
„Ach, Evelyn“, sagte Joan und tätschelte ihr die Schulter. „Es wird alles gut.“
„Ich weiß.“
Joan hielt den Mantel in die Höhe. „Ich hänge den hier auf und du gehst geradewegs zu Bett. Meine Mutter sagt immer, nach einer erholsamen Nachtruhe sieht alles viel besser aus.“
Evelyn nickte wortlos, während Joan die Tür hinter sich schloss.
Joan war traurig. Vieles hatte sie in Bezug auf Evelyn nicht bedacht. Joans Mum war tief betrübt gewesen, weil Joan sich vom König losgesagt hatte. Trotzdem hatte sie Verständnis dafür gezeigt, dass Joan in die Staaten reisen wollte, um sich ein besseres Leben zu schaffen und der Familie zu helfen. Evelyn war gegen den Willen ihrer Mutter nach Chicago gekommen. Plötzlich fühlte sich ihre Anwesenheit hier ganz anders an.
Leise schlich Joan durch den Flur zurück. Betty wartete im Wohnzimmer auf sie und hielt einen Briefumschlag in die Höhe, den Joan sofort als Luftpost aus England erkannte. „Die Post ist da“, verkündete Betty.
„Ich hänge eben Evelyns Mantel auf.“ Joan öffnete die Schranktür und hängte Evelyns Mantel auf einen Holzbügel. Betty reichte Joan den Brief. „Alles in Ordnung mit deiner Freundin?“
Joan nickte. „Sie ist nur total erschöpft.“ Sie ließ sich auf dem Sofa nieder. „Können wir die Heizung ein wenig hochdrehen?“, fragte sie, während sie den Umschlag aufriss und einen Brief in der Handschrift ihrer Mutter herauszog. Er roch nach Zuhause.
Betty ging zum gusseisernen Heizkörper in der Nähe der Fenster und drehte ihn auf. „Irgendwo habe ich gelesen, dass diese alten Schönheiten bald durch neuere Modelle aus Stahl ersetzt werden sollen.“
Joan blickte von ihrem Brief auf. „Oh, tatsächlich?“
Betty verschränkte die Arme, legte den Kopf zurück und schaute zum Fenster hinaus, als wären die vorbeigehenden Füße und Unterschenkel von höchstem Interesse. „Wenn du mich fragst, verlieren wir mit jeder Veränderung, die wir in diesem Land erleben, etwas Besonderes.“ Sie schüttelte den Kopf, blickte Joan an und blinzelte. „Alles in Ordnung zu Hause?“
Joan blickte von dem unlinierten Papier in ihrer Hand auf. „Ich bin noch nicht weit gekommen.“ Sie las ein paar Zeilen. „Es ist schwierig. Der Krieg … der Wiederaufbau …“ Sie kämpfte gegen die Tränen an, die von der Welle der Erinnerungen an ein anderes England, das England ihrer Kindheit, angespült wurden.
Betty machte ein paar Schritte auf die Küche zu. „Ich denke, wir beide könnten jetzt eine Tasse Kaffee vertragen.“ Sie lächelte schwach. „Lies deinen Brief zu Ende, und ich koche uns eine Kanne.“
Joan nickte und wartete, bis Betty das Zimmer verlassen hatte, bevor sie sich in das vertiefte, was ihre Mutter von ihren Brüdern und Schwestern, ihrem Vater und ihren Nachbarn in Leigh erzählte. Als Betty zurückkehrte, hatte sie den Brief wieder zusammengefaltet und in den Umschlag zurückgesteckt. Sie zog die Füße unter sich und drehte sich leicht zur Seite. „Danke“, sagte sie und griff nach der Rosentasse mit den Efeuranken, die Betty ihr reichte.
„Willst du darüber reden?“ Betty ließ sich in dem Sessel nieder, schlug die Beine übereinander und wippte mit dem Fuß.
„Worüber?“, fragte Joan und trank einen Schluck Kaffee.
„Über das, was in dem Brief steht und dich so traurig gemacht hat.“
Joan hielt die Tasse an ihre Lippen, trank aber nicht. Vielmehr nahm sie sich die Zeit, den Duft des frisch aufgebrühten Kaffees zu genießen. „Betty …“ Joan hob den Blick. „Weißt du jemanden, der eine Stelle anzubieten hat?“
Der Fuß hörte auf zu wippen. „Für wen? Für dich?“
Sie nickte erneut. „Hmm-hmm.“
„Bist du mit deiner Arbeit bei Hertz nicht mehr zufrieden? Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“
Joan stellte die Tasse auf dem Couchtisch ab. „Gütiger Gott, nein. Aber ich schicke doch immer etwas Geld an meine Familie. Und …“ Sie hielt den Brief in die Höhe. „Mum schreibt, das sei eine große Hilfe, aber an der Art, wie sie sich ausdrückt, merke ich, dass mehr höchst willkommen wäre. Außerdem ist bald Weihnachten …“
Betty erhob sich und stellte ihre Tasse neben der von Joan ab. „Warte mal“, sagte sie und verschwand im Flur. Kurz darauf kehrte sie mit ihrer Handtasche zurück und holte eine Visitenkarte heraus. „Eine Freundin von mir, Delores, ist bei David & DuRand zuständig für private Modeschauen. Sie sucht dafür Mannequins.“
Joan nahm die Karte, las den Namen und die Adresse. „Auf der Michigan Avenue“, sagte sie.
„Ganz in der Nähe des Büros. Wenn du vielleicht ein paar Abendstunden ergatterst, hast du es nicht weit.“ Betty kehrte zu ihrem Platz und ihrer Kaffeetasse zurück.
Joan schwenkte die Karte. „Und du hast ganz zufällig ihre Visitenkarte parat?“
Betty schluckte den Kaffee hinunter. „Ich war gestern dort, um ein Kleid für Mutter abzuholen. Delores hat mir ihre Karte gegeben.“ Betty lächelte. „Sie hat mir erzählt, dass sie Modelle sucht, und wenn ich bei Hertz jemanden wüsste, der sich vielleicht etwas dazuverdienen möchte … Betrachte es als einen glücklichen Zufall.“ Sie zog ihre Augenbraue in die Höhe. „Ist allerdings eine Teilzeitbeschäftigung.“
„Genau das, was ich suche.“ Joan starrte erneut auf die Karte. „Exklusives Bekleidungsgeschäft. Ich glaube nicht, dass ich schon jemals ein exklusives Bekleidungsgeschäft betreten habe.“ Ein Gedanke durchzuckte sie, und sie runzelte die Stirn. „Oder etwas besitze, das ich zu einem Vorstellungsgespräch in einem solchen Laden anziehen könnte, fürchte ich!“
Betty stellte ihre Kaffeetasse ab. „Das braucht dir keine Sorgen zu bereiten. In meinem Kleiderschrank finden wir schon das Passende.“ Ihre Augen begannen zu funkeln. „Wie wäre es, wenn ich Delores anrufe und ihr sage, dass du am Montag in deiner Mittagspause vorbeikommst?“
Joan überlegte einen Augenblick. An einem Schreibtisch zu sitzen und zu arbeiten war eine Sache, aber in einem exklusiven Bekleidungsgeschäft Modellkleider vorzuführen? Sicher, Betty könnte ihr bestimmt eine passende Kombination für das Vorstellungsgespräch ausleihen, aber was würde sie an all den anderen Tagen oder Abenden tragen, wenn sie dort arbeitete? Gewiss nicht immer wieder dasselbe Kleid. Und Bettys Angebot, sie könnte ihren Kleiderschrank plündern, bedeutete nicht, dass sie sich jeden Tag daran bedienen konnte, obwohl Betty die hübschesten Kleider besaß, die Joan je gesehen hatte.
Aber auf der anderen Seite … sie hielt die Visitenkarte einer Frau in der Hand, die ihr eine Teilzeitbeschäftigung geben konnte, ohne dass sie in der eisigen Kälte durch die Straßen Chicagos laufen müsste.
„Okay“, stimmte Joan schließlich zu. „Ruf sie an.“ Sie seufzte zufrieden. „Danke, Betts.“
„Noch Kaffee?“, fragte Betty, erhob sich und griff nach ihrer Tasse.
Das war typisch für Betty. Wenn sie etwas Nettes für einen tat, erwartete sie keine Gegenleistung. Sie prahlte nicht mit dem, was sie gerade getan hatte oder vielleicht für einen tun würde. Das lag einfach in ihrer Natur. Sie gab gern und war für Joan in der kurzen Zeit in den Staaten eine sehr gute Freundin geworden.
Joan erhob sich ebenfalls und nahm ihre Tasse. „Ich komme mit.“ Nachdem sie sich noch einmal nachgeschenkt hatten, wandte sich Joan zu Betty um. „Ich hoffe nur, dass ich eines Tages auch einmal etwas für dich tun kann, Betts, weißt du?“
Betty zupfte an ihrem rosa Kaschmirpullover herum. Als sie aufblickte, lächelte sie. „Wer weiß, Joan“, sagte sie, „vielleicht kommt ja dieser Tag.“
Kapitel 8

Das perfekte Ende eines Sonntagsgottesdienstbesuchs war ein Brunch zu Hause mit Eiern Benedict, frischen Früchten und Mimosas.
Irgendwie fand Betty dieses Ritual befremdlich, doch sie war nicht sicher, ob das Problem für sie dabei war, dass ihre Mutter die Notwendigkeit verspürte, sich schon am Vormittag einen Cocktail servieren zu lassen, oder dass es für sie unvorstellbar erschien, einen Sonntag ohne die Volbrechts zu verbringen. Natürlich waren die Volbrechts die ältesten und besten Freunde ihrer Eltern. Aber Betty wusste auch um ihre verzweifelten Bemühungen, die beiden Familien zu vereinen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
„Gib dir bitte etwas Mühe“, zischte ihre Mutter, als sie durch die Haustür traten. Sie zog ihre Handschuhe aus und legte den Nerzmantel ab, den Bettys Vater ihr vor Kurzem geschenkt hatte. Ganz ohne Anlass, nur weil er seine Frau liebte, wie er sagte, und der Mantel sie glücklich machte.
„Was soll das heißen?“ Betty nahm ihr den Nerz ab, bevor sie selbst aus ihrem Kaschmirmantel schlüpfte. „Gib mir deine Handschuhe. Ich bringe die Sachen weg“, fügte sie noch hinzu.
„Wo ist Adela?“, rief ihr Vater, der hinter ihnen ins Haus trat und die Tür schloss. „Adela!“
Betty nahm die Handschuhe und Handtasche ihrer Mutter und legte sich die beiden Mäntel über den Arm. „Ich mache das schon, Vater“, beruhigte sie ihn.
„Adela!“, brüllte ihr Vater trotzdem.
Betty war schon halb die Treppe hinauf, als die Haustür erneut geöffnet wurde. Sie blickte über die Schulter zurück, ihre Hand lag auf dem Treppengeländer. Anmutig, wie es ihr beigebracht worden war.
„Eine liebliche Erscheinung gleitet die Treppe hinauf“, rief da George Volbrecht ihr zu. Er lächelte, und seine perfekten weißen Zähne hoben sich sehr deutlich von seiner sonnengebräunten Haut ab. Sie lächelte zurück, wandte sich um und unterdrückte ein Schnauben.
Als sie wieder nach unten kam, hatte sich die Familie im Floridazimmer versammelt, das für Bettys Geschmack viel zu überladen war, genau wie der Rest des Hauses. George, der wie eine Katze im Sonnenschein in einem Sessel lümmelte, erhob sich sofort.
„Einen Drink, Betty?“
„Orangensaft“, sagte sie und ging zur Getränkebar. „Ich kann ihn mir selbst nehmen.“
Doch George blieb trotzdem an ihrer Seite, und er kam ihr so nah, dass sie sein Rasierwasser riechen konnte. Betty goss Saft in ein Kristallglas und hielt es in das durch das Fenster hereinströmende Licht.
„Was denkst du?“, flüsterte George.
Sie blickte zu ihm hoch. Zweifellos war er der attraktivste Mann, den sie kannte, was ein großer Teil des Problems war, das sie mit ihm hatte. „Zu hübsch“, hatte Adela einmal zu ihr gesagt. „Ich traue Männern nicht, die besser aussehen als ich.“
Bei der Erinnerung daran musste Betty grinsen.
„Was ist?“, fragte George. „Was ist so lustig?“
Betty schüttelte den Kopf. „Nichts. Und was ich gerade gedacht habe …“ Sie trank einen Schluck Saft. „Ich habe gedacht, dass ich im Augenblick ein Glas in der Hand halte, das so viel kostet, wie ich im Monat verdiene. Und dass der Saft aus einem billigen Glas genauso gut schmecken würde.“ Sie beobachtete, wie seine feinen Gesichtszüge erstarrten. Doch sofort löste ein Lächeln sie wieder.
„Du spielst gern die Rebellin, nicht?“ Er lachte.
Sie trank noch einen Schluck. „Ich bin gern ich selbst.“
Er drehte sich um und stützte sich mit den Ellbogen auf der Bar ab. „Ich habe ein Geheimnis“, sagte er gerade so laut, dass seine Eltern, die miteinander plauderten, ihn nicht hören konnten.
Sie drehte den anderen den Rücken zu. „Wenn du auch nur eine Sekunde glaubst“, murmelte sie, „sie könnten dich nicht verstehen oder von deinen Lippen lesen, dann irrst du dich. Dieser ganze Smalltalk dort drüben ist nichts weiter als eine große Farce.“
Er lächelte sie an und zwinkerte, bevor er sich vorbeugte und ihr ins Ohr flüsterte: „Spiel mit, Betts.“
Sie wich zurück. „Also gut. Was ist dein Geheimnis?“ Sie stellte das Glas wieder auf die Bar.
George richtete sich auf, ergriff ihren Ellbogen und schob sie entschlossen zu den breiten Verandatüren. „Wir gehen eine Sekunde nach draußen“, rief er über die Schulter zurück.
Das Geplauder auf der anderen Seite des Raums verstummte. „Du wirst dir den Tod holen, Betty“, bemerkte ihre Mutter. „Wo ist dein Mantel?“
„Nur ganz kurz“, widersprach George. „Ich möchte Betty etwas zeigen. Es dauert nur eine Minute, ich verspreche es.“ Er grinste. „Und wenn ihr zu kalt wird, nehme ich sie in die Arme und drücke sie an mich, Mrs Estes.“
„Oh George, dann nur zu“, strahlte Chloe.
„Ja, George“, murmelte Betty. „Dann nur zu …“
George öffnete die Verandatür gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnten. Eiskalte Luft schlug ihnen entgegen, und Betty verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hoffe nur, dass es sich lohnt“, sagte sie, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
„Hier entlang“, sagte George und überquerte die Terrasse. Er deutete auf eine Gruppe kahler Bäume und Büsche, die ein Haus am Ende einer Sackgasse einrahmten. „Tu so, als würde ich dir etwas zeigen, das dich in ehrfürchtiges Staunen versetzt.“
Betty seufzte. „Ich kann mir nicht vorstellen, was das sein könnte. Oder warum.“
„Ich zeige auf ein Haus.“
„Das sehe ich.“
„Ein Haus, das ich gerade gekauft habe, Miss Estes.“
Betty wirbelte herum und blickte ihn an, um zu erkennen, ob er die Wahrheit sagte oder nur einen Spaß machte. „Was? Warum?“
„Im Augenblick“, fuhr er mit funkelnden Augen fort, „denken deine und meine Eltern, dass ich dir von dem Haus erzähle. Und dass ich dir mal wieder einen Heiratsantrag mache.“
Betty knirschte mit den Zähnen. „George …“
„Warte doch, Betts.“
Sie hasste es, wenn er sie so nannte. Bei anderen – Joan, Evelyn, den Schwestern – hatte sie überhaupt nichts dagegen. Aber wenn George diesen Kosenamen benutzte, dann war ihr das viel zu … intim. „Ich friere mich zu Tode“, sagte sie stattdessen.
„Hör zu.“ Sein Blick wanderte lächelnd zum Haus ihrer Eltern.
„Gibst du ihnen gerade ein Zeichen?“
„Hörst du zu?“
„Beeil dich.“
„Das war die Idee deines Vaters. Er wird dir den Geldhahn zudrehen, wenn du nicht wieder nach Hause kommst.“
„Um was zu tun?“
„Um mich zu heiraten, Betts. Mrs George Volbrecht zu werden. Du meine Güte, Mädchen, hast du es denn nicht satt, von neun bis fünf zu arbeiten?“ Er grinste. „Außerdem bin ich ein guter Fang. Einen besseren wirst du kaum finden.“
„Pfff!“, schnaubte Betty und stürmte zum Haus zurück.
„Betty, warte. Das war nur ein Scherz!“
Sie ließ sich nicht beirren, riss die Verandatür auf und eilte ins Zimmer. Die vier Elternteile blickten sie erwartungsvoll an.
„Nun, Liebling, was denkst du?“, fragte ihre Mutter.
Sie durchquerte schweigend den Raum und den langen Flur, der zur Halle führte.
„Betty, wo willst du hin?“, rief ihr Vater.
„Betty!“, rief auch George, doch bei ihm klang es eher wie eine Bitte und nicht wie ein Befehl.
Betty rannte die Treppe hoch und in ihr früheres Zimmer, das ihre Mutter kaum fünf Minuten, nachdem sie in die Wohnung auf der Greenleaf gezogen war, neu ausgestattet hatte. Eine Trotzreaktion zog eine andere nach sich, vermutete sie. Aber das war ihr egal.
Dort schlüpfte sie in den Mantel, den sie auf das Bett gelegt hatte, und schnappte sich ihre Handtasche. Sie hatte kaum die Tür erreicht, als George ins Zimmer platzte und sie mit beiden Händen an den Schultern packte.
„Lass mich los“, forderte sie ihn auf, doch ihre Stimme blieb beherrscht. „Und verschwinde aus meinem Zimmer. Du weißt sehr gut, dass sich das nicht schickt.“
„Hör doch erst mal zu.“
Betty riss sich los. „Ich fahre nach Hause“, erklärte sie. Eine Sekunde später rannte sie die Treppe wieder hinunter. Unten warteten ihre Eltern und die Volbrechts. Sie konnte in ihren Gesichtern lesen wie in Mr Fergusons Morgenberichten. Die Augen ihrer Mutter flehten sie an, die ihres Vaters funkelten wütend. Und Georges Eltern … in ihren Gesichtern sah sie Verwirrung. Wie konnte eine Frau, die recht bei Verstand war, ihrem Sohn einen Korb geben? Nun, vielleicht war genau das ja der Fall. Vielleicht war sie nicht richtig bei Verstand. Vielleicht war sie –
„Junge Dame“, sagte ihr Vater, „wage es nicht, dieses Haus zu verlassen.“
Betty drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die weiche Wange und atmete den Duft von Shalimar ein. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. George kam nun ebenfalls die Treppe hinunter. Sie blickte seine Eltern an. „Mr Volbrecht. Mrs Volbrecht. Sie entschuldigen mich bitte.“
Und damit rannte Betty aus dem Haus. Gegen die Wünsche ihrer Eltern.
Inga und Magda Christenson saßen nebeneinander im Zug nach Evanston. Magda leckte zerstreut ihren rechten Zeigefinger an und schlug die Seite des Romans um, den sie am Abend zuvor angefangen hatte. Inga saß am Fenster und starrte hinaus auf die graue, tote Landschaft.
„Weihnachten kommt schneller, als wir blinzeln können“, sagte sie zu ihrer Schwester, aber sie war nicht sicher, ob Magda ihr zugehört hatte.
Erstaunlicherweise ließ ihre Schwester das Buch sinken. „Was machen wir? Fahren wir nach Minnesota?“
Inga schüttelte den Kopf. „Ich habe der Fluggesellschaft bereits signalisiert, dass ich bereit bin zu arbeiten.“ Sie nahm ihren Hut ab und berührte den Knoten, zu dem sie ihre blonden Haare am Morgen geschlungen hatte. Hinter ihrem linken Ohr machten sich leichte Kopfschmerzen bemerkbar.
Magda richtete sich auf. „Aber warum? Du weißt doch, Mor und Far gehen davon aus, dass wir nach Hause kommen.“
Inga setzte den Hut wieder auf und tätschelte den Oberschenkel ihrer Schwester. „Du kannst ja auch nach Hause fahren.“
Magda zog die Stirn in Falten, und ihre blauen Augen begannen zu funkeln. „Aber ich will nicht allein fahren. Du weißt doch, was passieren wird. Sie werden mich grillen wie ein Steak. Vor allem Far.“
Inga lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Sag ihnen doch einfach, was sie hören wollen.“
„Ich soll lügen?“
Sie schaute wieder zum Fenster hinaus. Der Zug näherte sich ihrem Ziel. Inga nahm ihre Tasche und drückte sie an sich. „Ich meine“, sagte sie langsam, „du sollst ihnen sagen, was sie hören wollen. Mir ist es egal, ob du lügst oder nicht.“
„Nach dem Gottesdienst heute Morgen kann ich nicht glauben, dass du mir einen solchen Vorschlag machst, Inga.“
Inga lachte, während der Zug quietschend zum Stehen kam. Sie und ihre Schwester waren so unterschiedlich. Manchmal wusste sie nicht, wie sie ihre Beziehung einordnen sollte. „Das war doch nicht ernst gemeint, Magda. Verstehst du denn keinen Spaß?“
Magda klappte ihr Buch zu und griff nach ihrer Handtasche. „Bei dir weiß ich nie, woran ich bin.“ Sobald der Zug zum Stehen gekommen war, erhoben sie sich. „Außerdem sind wir nicht mehr zu Hause gewesen, seit du den Job bei der Fluggesellschaft angenommen hast. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Stimmung zu Hause sein wird.“
Hintereinander schritten sie durch den Gang und stiegen aus.
„Wenn sie so ist wie in dem Brief, den ich von Far bekommen habe, nachdem ich den Job angenommen hatte, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn ich zu Weihnachten nicht nach Hause fahre. Genaugenommen nannte er mich eine –“
„Inga!“
Wieder lachte Inga.
Sie machten sich auf den Heimweg, und Inga war wieder einmal sehr dankbar, dass sie bei der Dinnerparty eines gemeinsamen Bekannten Betty Estes kennengelernt hatte. Sechs Monate zuvor waren sie und Magda nach Chicago gekommen, um für ihre Tante und ihren Onkel zu arbeiten, die einen kleinen Lebensmittelladen am Stadtrand betrieben. Inga war davon ausgegangen – und ihrer Schwester war es nicht anders gegangen –, dass sie durch ihren Weggang aus Minnesota der strengen Erziehung ihrer Eltern entfliehen könnten. Doch Tante Greta und Onkel Casper waren zehn Mal, nein hundert Mal strenger.
Die Beschränkungen, die Ingas und Magdas Vater, der am lutherischen Bibelcollege lehrte, ihnen auferlegt hatte, waren nichts im Vergleich zu den religiösen Fußfesseln, die Onkel Caspar ihnen anlegen wollte. Über Monate hinweg hatten sie den ständigen Druck ertragen und an der Seite ihres Onkels und ihrer Tante in deren Geschäft gearbeitet. Und als sie es nicht mehr ertragen konnten, hatte Inga etwas getan, von dem sie bisher nur gehört, es selbst aber nie praktiziert hatte: Sie hatte gebetet.
Und Gott hatte ihr Gebet erhört, in Gestalt von Betty Estes. „Was erwartest du denn von deinem Leben?“, hatte sie Inga an jenem Abend bei einem Teller Apfelkuchen gefragt.
Inga dachte kurz nach, bevor sie eine Antwort gab. „Ich möchte gern reisen. Die Welt sehen.“
„Und deine Schwester?“
„Magda? Abenteuer erlebt sie nur durch die unzähligen Bücher, die sie verschlingt. Sie redet von nichts anderem. Manchmal glaube ich, dass diese Romanfiguren für sie realer sind als die Menschen aus Fleisch und Blut in ihrem Umfeld.“
Betty hielt inne, und dann sagte sie etwas, das so brillant war, dass es für Inga alles veränderte. „Nun, ich würde sagen, wenn du die Welt sehen willst, dann solltest du dir einen Job als Stewardess suchen.“
Innerhalb von wenigen Tagen hatte Betty die Schwestern in ihre Wohnung auf der Greenleaf geholt, und am Tag darauf telefonierte sie mit einem Bekannten bei Trans World Airlines. Ein zweiter Anruf galt einem Freund im Olson-Verlag, und schon hatte Magda einen Job.
„Ich frage mich, ob Betty schon wieder zu Hause ist“, sagte Magda jetzt, als sie in ihre Straße einbogen.
Inga warf einen Blick auf ihre Uhr. „Das bezweifle ich. Vermutlich kommt sie erst später.“
„Vielleicht sind ja die anderen beiden da. Joan kommt nach dem Gottesdienst eigentlich immer sofort nach Hause.“
„Weil sie keine Familie hier hat. Sie hat niemanden, den sie besuchen könnte.“
Vor ihrer Wohnung hatte Inga ihren Schlüssel in der Hand, bevor Magda auch nur ihre Handtasche öffnen konnte.
„Das ist nicht ganz richtig“, bemerkte Magda.
Sie stiegen die Stufen zu ihrer Kellerwohnung hinunter. „Was meinst du?“, fragte Inga.
„Sie und Evelyn haben Familie“, erwiderte sie leise. „Hier, meine ich.“ Sie öffnete die Wohnungstür.
„Wie meinst du das?“
Magda lächelte. „Sie haben uns.“
Inga lachte. „Uns? Wir sehen uns fünf Minuten in der Woche. Ich würde uns wohl kaum ihre Freundinnen nennen, und schon gar nicht Familie.“
Kapitel 9

Joan stempelte um Punkt 12:00 Uhr zur Mittagspause. Nachdem sie Mantel, Handschuhe und Hut geholt hatte, schaute sie schnell noch in Bettys Büro vorbei, die gerade ihre Handtasche aus der untersten Schublade ihres Schreibtischs nahm.
„Gehst du jetzt zum Vorstellungsgespräch?“, fragte Betty.
„Ja. Aber ich wollte dich noch fragen … Ist Evelyn heute Morgen klargekommen?“
„Bisher schon. Sie hat den Papierkram erledigt und fängt morgen an. Sie bat mich, dir zu sagen, dass ihr euch heute Abend seht.“
Gemeinsam gingen sie zum Aufzug. „Ich hoffe, dass sie gut nach Hause gekommen ist.“ Der Gedanke, dass Evelyn allein mit dem Zug zur Greenleaf fahren und ihre Wohnung suchen musste, war beängstigend. Joan stellte sich vor, wie Evelyn allein und orientierungslos durch die Stadt irrte, die Augen voller Tränen.
Betty drückte den Aufzugknopf. „Keine Sorge. Ich habe sie zum Loop begleitet und höchstpersönlich in den richtigen Zug gesetzt.“
Die Fahrstuhltüren glitten auf, und die beiden Frauen bestiegen zusammen mit mehreren anderen Kollegen die Kabine. „Aber hast du ihr auch erklärt, wo sie aussteigen muss?“, fragte Joan.
Betty streifte ihren linken Handschuh über. „Ich wiederhole: Mach dir keine Sorgen.“
Joan lachte leise, als der Aufzug anhielt. Vor der Eingangstür schlüpfte sie in ihren Mantel und die Handschuhe und steckte ihren Hut fest. Draußen auf der Straße schlug ihr eisige Kälte entgegen.
„Wie sehe ich aus?“, fragte sie und wandte sich zu Betty um.
Betty richtete den Hut. „Dieser Hut steht dir viel besser als mir, wenn ich ehrlich bin.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Okay. Schön lächeln, und mach mich stolz“, neckte sie. „Und jetzt ab mit dir …“
Joan trat durch die Drehtür von David & DuRand. Ihr war etwas mulmig zumute, und dieses Unbehagen steigerte sich noch, als sie in dem schicken Laden stand. Leise klassische Musik erfüllte den Raum mit den Kristallleuchtern, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Die Verkäuferinnen hinter verschiedenen Auslagenvitrinen bedienten ihre Kundschaft, Frauen in eleganten Mänteln mit perfekt frisierten Haaren und glitzernden Armbändern an den Handgelenken.
Und das an einem gewöhnlichen Wochentag noch vor 13:00 Uhr.
Eine tiefe, aber dennoch weibliche Stimme machte ihre Fluchtpläne zunichte. „Kann ich Ihnen helfen, meine Liebe?“
Joan drehte sich um und stand vor einer älteren, kräftigen Frau, die Autorität ausstrahlte. Sie roch nach Talkumpuder und blickte sie ernst an, doch Joan zauberte sofort ein Lächeln auf ihr Gesicht.
„Ich habe einen Termin bei … Delores …“ Der Nachname fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein. „Delores King.“
„Mrs King?“
„Ja.“
„Natürlich. Hier entlang bitte.“ Joan folgte ihr. Erst nach mehreren Metern drehte sich die Frau um. „Haben Sie wirklich einen Termin?“
„Ja.“
Sie durchquerten die verschiedenen Abteilungen – Accessoires, Schuhe, Schmuck – und blieben dann vor einem Aufzug mit glänzenden Messingtüren stehen. Die Frau drückte den untersten Knopf und trat zurück. „Mit diesem Aufzug erreichen Sie den privaten Vorführraum im fünften Stock. Dort finden Sie auch Mrs King.“
„Den privaten …“ Joan wurde unterbrochen von den Aufzugtüren, die mit einem lauten Zischen aufglitten. Sie trat in den Aufzug und drückte auf der Messingleiste den Knopf mit der eingravierten 5. Während der Aufzug nach oben fuhr, studierte sie die Messingschilder neben den Nummern der Stockwerke. Babys und Kinder. Damen. Herren. Abend- und Brautmode. Und neben der 5: Privater Vorführraum.
Mrs King zu finden war kein Problem. Sie war die einzige Person in dem ganzen Stockwerk, das ausgestattet war mit eleganten Samtsofas, ausladenden Sesseln und niedrigen Tischen. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Teerosen hing in der Luft. Die Wände zierten Kopien der Bilder von Monet. Zumindest nahm Joan an, dass es Kopien waren.
„Mrs King?“
Delores King war eine äußerst elegante Erscheinung. Sie trug ein auf Figur geschnittenes Kleid aus edel aussehendem Stoff. Ihre Schuhe passten haargenau zum Dunkelblau ihres Kleides. Die Haare, dunkel und voll, waren zurückgekämmt und wurden durch einen Hut in Form gehalten. Obwohl sie auf einem runden Podest stand und langstielige Rosen in eine Vase ordnete, trug sie Handschuhe. Schmuck glitzerte an ihren Ohren, dem Hals und den Handgelenken.
Sie steckte die letzte Rose zurecht, trat von dem Podest herunter und streckte Joan mit der Anmut einer Grace Kelly die Hand entgegen. „Sie müssen Joan Hunt sein.“
Joan ergriff ihre Hand. Sie konnte den Blick nicht von den Augen der Frau lösen, den perfekt gezupften Augenbrauen, der Intensität, mit der sie sie musterte. Joan hatte das Gefühl, sich auf der Stelle umdrehen und zu Hertz zurücklaufen zu müssen. „Wie schön, Sie kennenzulernen“, krächzte sie.
Mrs King lächelte und zeigte ihre weißen, gleichmäßigen Zähne. „Ich habe leider nicht viel Zeit. Ich bereite mich auf eine Modenschau vor.“
„Eine Modenschau?“
„Für einen Kunden.“ Sie schwebte zu einem hellen Holztisch mit goldener Zierleiste. Ein elegantes französisches Telefon stand auf der einen Seite, eine Lampe auf der anderen. In der Mitte ein aufgeschlagenes Terminbuch und ein bereitgelegter Füllfederhalter. Passende Stühle standen zu beiden Seiten. „Er wird jeden Augenblick eintreffen, aber ich hoffte, dass uns wenigstens noch eine Minute zum Gespräch bleibt.“ Nachdem Mrs King Platz genommen hatte, ließ sich Joan auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. „Was hat Betty Ihnen über den Job erzählt?“
„Nur, dass es sich um eine Teilzeitstelle handelt.“
„Und dass Sie für mich arbeiten würden? Hier?“
Joan blickte sich in dem Raum um. Hinter der mit Teppich belegten Bühne standen drei massive vergoldete Spiegel, sodass der Kunde das Modell von allen Seiten begutachten konnte. „Hier?“, fragte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Mrs King zu.
„Als Mannequin. Meistens abends, gelegentlich auch samstags.“
„Und ich …“, sie konnte sich das kaum vorstellen, „… ich soll den Damen der Gesellschaft die Modelle vorführen?“
„Überwiegend den Männern. Sie kommen her, um etwas ganz Besonderes für ihre Ehefrauen zu kaufen. Oder ihre Mütter oder Schwestern.“ Die geschwungenen Augenbrauen gingen in die Höhe. „Für wen auch immer. Wir fragen nicht, und sie schweigen darüber.“
In ihrem jungen Leben hatte Joan schon die unterschiedlichsten Tätigkeiten ausgeübt. Ein elegantes Kleid vorzuführen konnte nicht schwieriger sein, als Lebensmittelreste für die Schweine einzusammeln. „Wann soll ich anfangen?“
„Wir möchten Sie zuerst ein wenig auf Ihre Tätigkeit vorbereiten.“ Mrs King blätterte eine Seite in ihrem Terminbuch um. „Morgen Abend. Ich mache einen Termin für Sie mit Mrs Blue. Sie wird Ihnen beibringen, wie Sie laufen, stehen, sich drehen müssen …“
„Modeln“, ergänzte Joan und wurde unvermittelt von einer großen Abenteuerlust gepackt.
Mrs King nickte und schrieb Joans Namen auf eine Seite des Terminbuchs. „Dienstschluss bei Hertz ist um fünf?“
„Ja.“
„Dann können Sie gegen halb sechs hier sein?“
„Ich kann auch schon um viertel nach fünf hier sein“, sagte Joan.
Mrs King zog die rechte Schublade auf, nahm einen kleinen Block heraus, notierte etwas und riss das oberste Blatt ab. „Hier, bitte“, sagte sie. „Wenn Sie morgen herkommen, sagen Sie unten Bescheid, dass Sie Mrs Blue sehen möchten. Dann wird man Sie sofort zu ihr führen.“
Joan nahm den Zettel. „Vielen Dank, Mrs King“, sagte sie.
Delores King schob den Saum ihres Handschuhs zurück, und zum Vorschein kam eine kleine Uhr an einem schmalen Uhrenarmband. „Verzeihen Sie, Joan, aber ich muss mich jetzt von Ihnen verabschieden. Der Kunde wird bald hier sein.“
Joan erhob sich und steckte den Zettel in ihre Handtasche. „Noch einmal vielen Dank.“
Mrs Kings Blick wanderte zum Aufzug. „Der Umkleideraum für unsere Mannequins ist gleich dort drüben“, erklärte sie und deutete in eine Richtung. „Darin finden Sie eine Tür, die zu einer Treppe führt.“ Sie lächelte. „Und nehmen Sie bitte immer diesen Weg.“ Und wieder wanderte ihr Blick zum Aufzug.
„Ich verstehe“, erwiderte Joan. „Dann bis bald, Mrs King.“
Joans Ausbildung erstreckte sich über einige Nachmittage, und zu Beginn der folgenden Woche war sie bereit für ihre neue Beschäftigung. Die Aufgabe gefiel ihr sehr gut, besser, als sie es sich erhofft hatte. Tagsüber arbeitete sie bei Hertz, füllte Formulare aus und rechnete Zahlen zusammen, und abends führte sie die prächtigsten Ballroben, Partykleider und Pelze vor.
Was Mrs King gesagt hatte, stimmte: Die meisten Kunden waren Männer, und wie sie bereits am Tag ihres Vorstellungsgesprächs geahnt hatte, wurde von den Mannequins Diskretion erwartet. Ob der Kunde für seine Frau oder seine Geliebte einkaufte, hatte sie nicht zu interessieren. Der Kunde und seine Zufriedenheit gingen über alles.
„Und es wird nicht geflirtet“, ermahnte Mrs King sie vor jeder Modenschau. „Nicht mit den Augen. Nicht mit dem Mund. Und ganz bestimmt nicht mit allem anderen.“
Bei Joan brauchte Mrs King keine Angst zu haben. Sie war nicht auf der Suche nach einem Mann. Und schon gar nicht nach einem, der Luxusartikel für eine andere Frau kaufte.
„Der Mann meiner Träume muss Eigenschaften besitzen, die ich hier in Chicago bisher noch nicht gefunden habe“, erzählte sie Evelyn am ersten Samstagabend im Dezember, als sie in dicke Morgenmäntel und warme Schlafanzüge gehüllt im Schneidersitz auf ihrem Bett hockten und Weihnachtskarten schrieben.
Evelyn leckte eine Briefmarke an und klebte sie auf den Umschlag. „Und die wären?“ Sie nahm eine weitere Karte vom Stapel. „Meinst du, ich sollte Hank eine Karte schicken?“, fragte sie.
„Warum nicht?“
Evelyn runzelte die Stirn. „Ich möchte keine falschen Hoffnungen bei ihm wecken.“
„Es ist doch nur eine Weihnachtskarte, Evelyn, keine Einladung nach Chicago.“
„Ich weiß, aber … du kennst Hank nicht. Er denkt bestimmt, ich hätte meine Meinung geändert und wollte ihn nun doch heiraten.“
„Dann schick ihm keine. Also wirklich, Evelyn.“
Evelyn biss sich auf die Lippe. „Aber wenn ich es nicht tue, wird er denken, er wäre mir egal.“ Sie packte Joans Hand. „Und ich mag ihn wirklich, Joan. Aber nicht … so.“
Joan nahm eine Karte von ihrem Stapel und schwenkte sie. „Dann schick ihm doch eine Karte und unterschreib mit Deine gute Freundin Evelyn.“
Evelyn seufzte erleichtert auf. „Gute Idee, Joanie.“ Sie nahm die Karte und klappte sie auf. „Und?“
„Und was?“, fragte Joan.
„Der Mann deiner Träume?“
Joan blickte hoch. „Ach der. Ein Meter neunzig, blaue Augen und dichte dunkle Haare.“
Evelyn grinste. „Mehr nicht?“ Sie unterschrieb die Karte und blickte wieder hoch. „Denkst du, du wirst ihn bald finden?“, fragte sie mit weicher Stimme.
„Nein. Aber ich bin auch nicht auf der Suche. Es gibt noch so viel zu tun, bevor ich auch nur ans Heiraten denke.“ Bei dem Gedanken lachte sie leise. „Und was passiert hier so, wenn ich abends weg bin?“
Evelyns Schultern sackten herab. „Ich wünschte wirklich, du hättest nicht zwei Jobs, Joanie. Ohne dich ist es hier ziemlich einsam.“
„Magda und Betty sind doch abends meistens da, nicht?“
„Nun … ja, aber …“
Joan musterte ihre Freundin. „Aber?“
Evelyn schüttelte den Kopf. „Magda ist immer in ihrem Zimmer und liest, und Betty ist so …“
Joan hatte keine Ahnung, wie Evelyns Satz weitergehen würde. „Betty ist so was?“
Evelyn nahm eine weitere Karte. „Sie ist so elegant und gebildet. Sie hält mich bestimmt für ein Dummerchen.“
Joan wollte schon lachen, beherrschte sich jedoch. „Betty ist nicht so. Sie hält sich nicht für etwas Besseres.“ Joan legte die Hand auf Evelyns. „Rede doch einfach mal mit ihr. Und hör auf, dich hier zu verstecken und zu denken, du könntest Betty Estes nicht das Wasser reichen.“ Sie drückte Evelyns Hand. „Ach, Evelyn. Du hast so viel mehr zu bieten, als du glaubst.“