Über die Autoren
Crystal McVea ist Lehrerin und Autorin des Bestsellers Im Himmel war ich glücklich (Gerth Medien), in dem sie davon erzählt, wie ihr zerrüttetes Leben nach einer Nahtoderfahrung und einem Himmelserlebnis durch Gottes Liebe, Vergebung und Heilung von Grund auf verändert wurde. Mit ihrem Mann Virgil und ihren vier Kindern lebt sie im US-Bundesstaat Oklahoma.
facebook.com/crystalmcveaauthor
Alex Tresniowski schrieb früher für das People Magazine und hat als Autor bereits mehrere Bücher veröffentlicht.
Dieses Buch widme ich James Wills,
dem tollsten Großvater, den je ein Enkelmädchen hatte,
und außerdem meiner Freundin Wendy Cralley.
Es tröstet mich, dass ihr beide an den Toren des Himmels
auf mich warten werdet.
Inhalt
Einleitung
1. Alarmstufe Rot
2. Im Himmel
3. Mutig und stark
4. Sei jederzeit bereit
5. Auf der Suche nach Normalität
6. Loslassen
7. Liebe gewinnt
8. Weihnachtsengel
9. Die Steinsuppe
10. Kommen Hunde in den Himmel?
11. Der Himmel ist zum Greifen nah
12. An Wunder glauben
13. Liebe deinen Nächsten
14. Wendepunkt am Teufelsstuhl
15. Gottes größerer Plan
16. Liebe zuerst und stell später die Fragen
17. Das Drängen im Herzen
18. Leder und Gnade
19. Was ist überhaupt ein Christ?
20. Eine Bankräuberin wird getauft
21. Der Atem Jesu
22. Freundschaften fürs Leben
23. Zuflucht bei Jesus
24. Tänzerinnen und ihre Schicksale
25. Die Geschichte von den Seesternen
26. Ein zweites Leben
Einleitung
Fünf Jahre nach meinem Nahtoderlebnis fand ich mich auf einem schmuddeligen Gehweg in einer verlassenen Gegend wieder. Es handelte sich um eines der übelsten Stadtviertel, es war finstere Nacht, und ich war auf dem Weg zu einer Stripteasebar.
„He, ihr Kirchenfrauen“, rief ein schwarz gekleideter Riese mir und meiner Begleiterin zu, als wir vor dem Nachtklub aus einem Kleinbus stiegen. „Was habt ihr mir denn heute mitgebracht?“
Während er mit uns redete, ließ er einen Metalldetektor über die Beine der Männer gleiten, die in der Schlange anstanden. Er kontrollierte, ob sie Pistolen oder Messer bei sich trugen.
Mein Blick fiel auf die kleine Papiertüte, die ich in meinen zitternden Händen hielt. Sie war bis zum Rand voll mit Keksen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich ihm mit gezwungenem Lächeln die Tüte entgegenstreckte.
„Mmh, Schokoladenkekse“, freute er sich. „Die mag ich am liebsten!“
Anschließend winkte er uns durch.
Als ich durch die Eingangstür trat, erschlugen mich die vielen Eindrücke fast. Die dicke, verrauchte Luft. Das Hämmern und Dröhnen der Musik. Die Geldscheine und Alkoholflaschen auf den Tischen. Junge wie alte Männer, alle begierig, ihr Geld loszuwerden. Ich musste schlucken.
Das war kein Ort, den ich jemals freiwillig aufgesucht hätte.
Ich war Ehefrau und Mutter und arbeitete als Lehrerin in einem beschaulichen Provinzstädtchen, weitab vom Schuss. Zu Hause warteten meine kleinen Zwillinge auf mich, Micah und Willow, beide noch keine sechs Jahre alt. Außerdem hatte ich zwei Kinder im Teenageralter, die ich täglich daran erinnern musste, ihre Zimmer aufzuräumen. Ich war also niemand, der sich von Türstehern nach Waffen durchsuchen lässt.
Wie um alles in der Welt war ich nur hierher geraten?
Ich war hier, weil ich in einer dunklen Nacht verzweifelt nach Gott gerufen hatte. „Lass mein Herz für die Dinge schlagen, die dir wichtig sind!“, hatte ich geschrien.
Und das hatte Gott getan.

Mein Name ist Crystal McVea und ich bin am 10. Dezember 2009 gestorben.
Damals wurde ich wegen einer entzündeten Bauchspeicheldrüse im Krankenhaus behandelt. Völlig überraschend erlitt ich einen Atemstillstand. Anschließend setzte mein Herz aus, und ich atmete für neun lange Minuten nicht mehr, während ein Ärzteteam verzweifelt versuchte, mich mit einer Herzdruckmassage wiederzubeleben, was letztlich erfolgreich war.
In diesen neun Minuten stand ich vor den Toren des Himmels und war bei Gott. Ein absolut einschneidendes Erlebnis, das mich für immer verändert hat. Was in diesen großartigen neun Minuten passiert ist und wie problembeladen, chaotisch und schrecklich mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt verlief, erzähle ich in meinem Buch Im Himmel war ich glücklich. Seit dem Erscheinen dieses Buchs haben mir Abertausende Menschen geschrieben, die meine Geschichte auf verschiedenste Art und Weise berührt hat. Und damit meine ich nicht nur die Episode im Himmel, sondern gerade auch meine Vorgeschichte – all die Ängste, Zweifel und schlechten Entscheidungen, die mein Leben geprägt haben, bis ich dreiunddreißig Jahre alt war.
Teenager haben mir geschrieben, dass sie mein damaliges Gefühl der Verlorenheit kennen, aber auch alleinerziehende Mütter, die dieselben Probleme haben wie ich damals.
Es gibt viele Frauen, die unter den entsetzlichen Folgen einer Abtreibung leiden, so wie ich.
Andere haben in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt und spüren die verheerenden Auswirkungen auf ihr Leben – so wie auch ich damit bis heute ringe.
Und dann gibt es die Menschen, die liebend gerne an Gott glauben würden, aber ständig nach Beweisen für seine Existenz suchen – genau wie ich, bevor ich in den Himmel kam.
All diesen Menschen will – und muss – ich hier Folgendes sagen: Was nach meinem Himmelserlebnis passiert ist, war ebenso richtungsweisend und wunderbar wie das Ereignis selbst. Und es gibt eine frohe Botschaft: Das alles könnt auch ihr erleben, jeder Einzelne von euch.
Seit dem 10. Dezember 2009 ist mein Leben völlig umgekrempelt. Ich bin wie verwandelt, ein ganz anderer Mensch. Und zwar in jeglicher Hinsicht – mein Gefühlsleben, meine Denkweise, meine Wahrnehmung. Alles hat sich durch und durch erneuert. Weswegen ich heute sagen kann:
Erst nachdem ich tot war, habe ich richtig zu leben gelernt.
Jetzt habe ich die Gewissheit, dass es den Himmel wirklich gibt und dass dort unser wahres Zuhause ist; der Ort, an den wir eines Tages gelangen möchten. Trotzdem sollen wir auf dieser Erde ein erfülltes Leben führen, leidenschaftlich, hingebungsvoll und ganz so, wie Christus es gelehrt hat. Unsere Sehnsucht nach dem Himmel treibt uns dazu an, dem Himmel nachzujagen, und zwar noch während wir hier auf Erden sind.
Doch wie genau soll das gehen? Was bedeutet es, dem Himmel nachzujagen?

Für mich bedeutete es beispielsweise, ein zwielichtiges und nicht ganz ungefährliches Etablissement zu besuchen. Und das nicht nur einmal. Insgesamt war ich in sechzehn dieser anrüchigen Tanzlokale. In einer einzigen Nacht.
Warum?
Kurz und bündig: Ich hatte nach meiner Rückkehr aus dem Himmel eine gewaltige Sehnsucht, dorthin zurückzukehren – einfach, um diese intensive Nähe zu Gott erneut spüren zu dürfen. Mein Leben, so wie es vorher war, genügte mir nicht mehr, obwohl ich es prinzipiell als schön und glücklich in Erinnerung habe. Ich hatte mich verändert und infolgedessen musste mein Leben sich auch verändern. Ich wollte irgendwie wieder einen Zugang zum Himmel finden.
Also fing ich an, meine Sehnsucht nach dem Himmel hier auf Erden zu leben und ihm nachzujagen.
Anfangs war es mir völlig schleierhaft, wie das funktionieren sollte. Was sollte ich mit meinem Leben bloß anfangen? Wie konnte ich meine Sehnsucht nach dem Himmel stillen? Und ich tat, was wir alle tun, wenn wir nicht mehr weiterwissen – ich betete. Ich flehte Gott an, mir zu zeigen, wie ich mich ihm und dem Himmel nähern konnte.
„Ich bin zu allem bereit, Herr“, betete ich. „Erfülle mich mit deinem Geist. Forme mein Herz nach deinen Vorstellungen. Lass es für die Dinge schlagen, die dir wichtig sind.“
Und genau das hat Gott getan.
Mein Tod war mein Glück handelt von den Antworten, die Gott mir gegeben hat, und wie ich es geschafft habe, mich ihm wieder nahe zu fühlen.
Auch wenn das manchmal bedeutete, den Himmel an Orten zu suchen, die eher Ähnlichkeit mit der Hölle haben.
Meine Nahtoderfahrung hat mich viel Erstaunliches über die Freude am Leben, den Glauben und die Liebe auf Erden gelehrt. Das Geheimnis wahrer Gnade auf Erden – echter Friede, echtes Glück – erschließt sich uns nur, wenn wir unsere passive, halbherzige Liebe zu Gott aufgeben und stattdessen ein starkes, handlungsorientiertes und zielgerichtetes Vertrauen in sein Wort setzen. Unser Glaube verwandelt sich dann von einem schwelenden Zunderhaufen in ein leidenschaftliches, verzehrendes Feuer.
Nur so wird unser Glaube wirklich entfacht.
Jeder von uns kann einen solchen Glauben finden und danach leben. Daher richtet sich dieses Buch an alle, die die immense Kraft der göttlichen Liebe spüren und sie praktisch und erfüllend umsetzen wollen. Und wir brauchen nicht erst zu sterben und in den Himmel zu kommen, um unser Leben zu ändern und unseren Glauben zu entfachen. Wir müssen auch nicht zwangsläufig unserem jetzigen Leben ein abruptes Ende setzen oder unser Bankkonto leeren oder in die Ferne ziehen, um Gott und dem Himmel näherzukommen. Jeder von uns kann seinen eigenen Weg finden, der zu ihm und seinen Lebensumständen passt, und dort tätig werden, wo Gott ihn hinruft.

Es ist mir wirklich nicht leichtgefallen, mein sicheres kleinstädtisches Leben zu verlassen und Orte aufzusuchen, an denen Finsternis und Verzweiflung herrschen. Vielleicht scheint es manchen Leuten sogar dämlich oder naiv, was ich da tue. Aber nach meiner Rückkehr aus dem Himmel habe ich den Ruf Gottes gehört, dass ich an diesen finsteren Orten gebraucht werde, und dem bin ich gefolgt, damit Gott mich benutzen kann, um das Licht seiner Liebe dort scheinen zu lassen. „Nehmt euch der Hungernden an, und gebt ihnen zu essen, versorgt die Notleidenden mit allem Nötigen!“, sagt Gott zu dem Propheten Jesaja (58,10), „dann wird mein Licht eure Finsternis durchbrechen. Die Nacht um euch her wird zum hellen Tag.“
Als ich diese Orte aufgesucht habe, war ich nie allein. Immer gab es bereits Scharen anderer Menschen, die schon vor mir unterwegs waren, um das Licht von Gottes Liebe dort hinzutragen, wo es am meisten benötigt wird. Zwar spreche ich hier nicht von Massenbewegungen, manchmal handelte es sich lediglich um einige Mütter und Hausfrauen, solche wie mich. Aber trotzdem waren da Menschen, die die Herausforderung angenommen hatten, entschlossen und furchtlos für Gottes Anliegen zu kämpfen. Und es versteht sich von selbst, dass diese Leute nicht alle gestorben, im Himmel gewesen und wieder zurückgekehrt sind – faktisch bin ich die Einzige, die das von sich behaupten kann. Und sie verbreiten Gottes Liebe auch nicht alle auf die gleiche Art und Weise. Manche von ihnen gehen eben ganz praktisch dorthin, wo die Finsternis auf der Welt am größten scheint, während andere Trost spenden, wo Menschen innerlich im Finstern stecken und leiden.
Allen gemein ist jedoch ihre brennende Hingabe.
Sie alle sind von dem Wunsch angetrieben, sich für etwas Sinnvolles einzusetzen.
Sie sehnen sich nach einer größeren Nähe zu Gott, hier auf Erden. Und durch sie habe ich entdeckt, was es eigentlich bedeutet, sich nach dem Himmel zu sehnen und ihm hier und jetzt nachzujagen.

1. Alarmstufe Rot
Vor einiger Zeit ist meiner sechsjährigen Tochter Willow ihr erster Zahn ausgefallen. Sie kam mir anschließend etwas mitgenommen vor.
Ich versuchte, sie aufzumuntern, indem ich ihr sagte, dass ja nun die Zahnfee zu Besuch kommen würde. Am Abend vor dem Schlafengehen war sie daher sehr aufgeregt. Und weil sie die Tochter ihrer Mutter ist, hatte sie wohl auch ein klein wenig Angst.
„Mama, weiß die Zahnfee auch sicher Bescheid?“, fragte sie immer wieder.
„Aber ja doch, meine Süße.“
„Mama, ist sie wirklich so winzig klein?“
„Sehr klein.“
„Aber Mama, meinst du wirklich, dass sie es schafft, unter mein Kissen zu kriechen?“
„Ganz bestimmt.“
„Hast du ihr das von meinem Zahn erzählt oder wusste sie das von selber?“
„So etwas spürt sie.“
„Mami“, sagte Willow schließlich, nachdem sie eine ganze Weile nachgedacht hatte. „Ich finde den Zahn so schön, und ich hänge wirklich an ihm, weil es doch mein Zahn ist. Kannst du der Fee nicht sagen, sie soll einfach das Geld hinlegen und den Zahn auch dalassen?“
Na, das kann ja heiter werden, dachte ich.
Gemeinsam gelang es meinem Mann Virgil und mir schließlich, Willow ins Bett zu bringen. Wir hatten auch ein wenig unseren Spaß dabei, zu sehen, wie aufgeregt sie war. Ich fand sogar ihren Versuch rührend, in der ungeschriebenen Abmachung zwischen Zahnfee und Kind ein Schlupfloch zu finden. Willow glaubte mit einem derartigen Enthusiasmus an die Zahnfee – so rein und absolut –, dass es mein Herz erwärmte. Wer selbst Kinder hat, weiß, wie schön es ist, an diese Augenblicke aus der eigenen Kindheit erinnert zu werden.
Eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen ist, wie ich am Abend vor Weihnachten immer im Bett lag und hoffte, den Schlitten vom Weihnachtsmann zu hören, oder wie ich am Ostermorgen aufstand, um die Eier zu suchen, von denen ich wirklich glaubte, dass der Hase sie versteckt hatte. In Willows Alter bereitete es mir überhaupt keine Probleme, an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und viele andere fantastische Gestalten zu glauben.
Nur bei einem Wesen fiel es mir schon damals schwer: Gott.

Wie großartig mein Himmelserlebnis war, kann nur der verstehen, der weiß, wie verloren und kaputt ich gewesen bin, bevor ich starb.
Ich habe in meinem Leben so viel falsch gemacht, habe immer wieder an Gott gezweifelt und dabei ganz nebenbei alle Zehn Gebote gebrochen. Nicht etwa nur ein paar, sondern wirklich jedes einzelne. Das muss man sich klarmachen. Das ist schon eine Leistung, wenn auch eine sehr fragwürdige.
Aber so war es nun einmal. So ein Mensch war ich. Von meiner eigenen Wertlosigkeit überzeugt, lädiert, immer am Abgrund. Die reine und vollkommene Unschuld, an die meine Tochter Willow mich erinnerte, hatte ich im Alter von drei Jahren bereits verloren. An Gott zu glauben fiel mir vor allem deshalb so schwer, weil ich von seinem Wirken in meinem Leben so wenig spürte. Mit der Zahnfee hingegen verhielt es sich ja ganz einfach: Man verlor einen Zahn und der verwandelte sich unter dem Kopfkissen in einen Dollar. Damit lieferte die Zahnfee einen unschlagbaren Beweis für ihre Existenz. Der Osterhase brachte Schokoladeneier und der Weihnachtsmann Geschenke – auch daran gab es nichts zu rütteln. Aber warum sollte ich an Gott glauben, wenn es für ihn keinerlei greifbare Beweise gab?
Wenn er existierte, würde er mich doch zumindest vor allem Bösen beschützen – oder etwa nicht?
Jedenfalls fand ich in meinem Leben keinen Hinweis darauf, dass er das tat. Im Gegenteil.

Ich wuchs in einer Kleinstadt im südwestlichen Oklahoma auf, in der Nähe eines Militärstützpunkts nicht weit von den Wichita Mountains. Meine Mutter Connie war eine platinblonde, hübsche und lebenslustige Frau und mein gut aussehender und charmanter Vater nannte mich immer seine „Zuckerschnecke“. Als Kind war ich ein Plappermaul. Ich fragte meine Eltern Löcher in den Bauch, mein Wissensdurst war unstillbar. Als meine Grundschullehrerin irgendwann nicht mehr wusste, wie sie mich ruhigstellen sollte, ließ sie mich ein Blatt Papier in fünf Streifen schneiden, die sie mir in die Hand drückte. „Crystal“, bat sie mich, „jedes Mal, wenn du etwas sagen willst, gibst du mir einen dieser Papierstreifen. Wenn du keinen mehr hast, ist deine Redezeit für diesen Tag aufgebraucht.“
Nach fünfzehn Minuten hatte ich bereits vier meiner Streifen abgegeben. Als ich den letzten in der Hand hielt, kam mir eine gute Idee. Ich schnitt das Papier in fünf kleinere Streifen und verschaffte mir dadurch fünf weitere Redezeiten! Zumindest glaubte ich das, bis die Lehrerin mir alles wegnahm und anordnete, ich solle mich für den restlichen Unterricht ruhig verhalten.
Besonders viel Ärger handelte ich mir mit Fragen ein, die ich durch kleine Experimente selbst zu beantworten versuchte. Was passiert, wenn …? Als ich drei Jahre alt war und in eine Tagesbetreuung ging, überlegte ich zum Beispiel, was wohl passieren würde, wenn ich meine Metallhaarklammer in eine Steckdose hielt. Ganz einfach: Ich flog drei Meter zurück und bekam schwarze Fingerspitzen.
Ein anderes Mal, diesmal im Ballettunterricht, fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich über den glatten Tanzboden in eine Gruppe anderer Mädchen schlittern würde, die in ihren Tutus zusammenstanden. Auch hierauf erhielt ich prompt eine Antwort: Die kleinen Ballerinas fielen um, und meine Mutter erhielt umgehend die Mitteilung, dass ich von der weiteren Teilnahme am Kurs ausgeschlossen war.
Und dann wurde ich sogar noch eine Kidnapperin: Ein Mädchen aus meiner Kinderbetreuungsgruppe wurde mein Opfer. Ich schmuggelte sie unbemerkt in den Bus und nahm sie mit zu meinem Kindergarten, wo ich im Gesprächskreis über sie reden wollte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich wollte nicht etwa ihr den Gesprächskreis zeigen, sondern ich wollte sie als mitgebrachten „Gegenstand“ vorführen. Auch hierfür bekam ich Schelte von der Leiterin.
Das einschneidendste Erlebnis in meiner Kindheit war allerdings die Scheidung meiner Eltern, als ich zwei Jahre alt war. Sie hatten zu jung geheiratet (meine Mutter war zweiundzwanzig, mein Vater zwanzig) und stritten sich irgendwann einfach zu viel. Meine Mutter heiratete kurz darauf erneut, einen Automechaniker namens Hank, der mein Stiefvater wurde. Anfangs war er in Ordnung, und ich erinnere mich, dass ich ihn gern mochte. Aber dann wurde sein Bruder ermordet aufgefunden und er fühlte sich vom Rechtsstaat im Stich gelassen. Er fing an, Drogen zu nehmen und sich mit Alkohol zu betäuben. Meine Mutter versuchte, zu ihm zu halten, aber eines Nachts rastete Hank vollkommen aus und schoss mit seinem Gewehr in mein Schlafzimmer hinein.
„So“, sagte er zu meiner Mutter, die nach dem Schuss mit den schlimmsten Befürchtungen herbeigelaufen kam. „Jetzt habe ich sie umgebracht.“
Er hatte mich nicht getroffen und wahrscheinlich auch gar nicht die Absicht gehabt, aber er wollte meiner Mutter Angst einjagen. Das war der Wendepunkt in unserem Leben. Meine Mutter schnappte sich meinen Bruder Jayson, der noch ein Baby war, und mich und verließ das Haus, ohne noch einmal zurückzublicken.
Doch leider wurde mein Leben danach nicht einfacher.
Mit drei Jahren wurde ich Opfer sexuellen Missbrauchs. Das geschah nicht nur einmal und beschränkte sich auch nicht auf eine Person. Ich fühlte mich schuldig. Ich schien das Unglück geradezu anzuziehen. Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Scham und Schuldgefühle legten sich wie eiserne Ketten um mich und ließen mich jahrelang schweigen, bis ich erwachsen war – bis zu meinem Tod.
Während dieser ganzen Zeit fühlte ich mich unglaublich schmutzig und kaputt – ohne jegliche Hoffnung, dass ich mich jemals davon erholen würde.

Dass mein Leben chaotisch verlief, war für mich also fast normal. Gleichzeitig brachte mich meine Mutter jeden Sonntag in den Kindergottesdienst, wo ich viele Geschichten von Gott erzählt bekam und erfuhr, wie sehr er uns liebt und wie freundlich er ist. Das alles schien mit meinem Leben aber nicht das Allergeringste zu tun zu haben. Die Vorstellung eines fürsorglichen Vaters war mir einfach fremd. Nach der Scheidung meiner Eltern glänzte mein Vater durch Abwesenheit und mein Stiefvater war mit seinen eigenen Problemen beschäftigt – wie sollte ich da an einen liebevollen, aufmerksamen Vater glauben? Während also die Gefühle der Scham und Wertlosigkeit von mir Besitz ergriffen, wuchsen meine Zweifel an Gott.
Mit Jesus hingegen war es anders. Ich weiß noch, wie ich acht Jahre alt war und in unserer alten Kirche nach vorne rannte, als unser Pastor uns dazu aufforderte. Er sagte, dass Jesus mich retten und reinwaschen würde, und genau diese beiden Dinge ersehnte und brauchte ich so verzweifelt. An diesem Abend wurde ich getauft, aber der sexuelle Missbrauch hörte danach nicht auf, und ich fühlte mich erneut beschmutzt. Also ließ ich mich wieder und wieder taufen – insgesamt vier Mal, bevor ich zwölf wurde. Aber nichts änderte sich dadurch, die Schandflecken und das Gefühl der Wertlosigkeit in meinem Herzen ließen sich nicht einfach wegwaschen.
Als ich älter und aufmüpfiger wurde, hatte ich viel Streit mit meiner Mutter. In meiner Wut traktierte ich alle um mich herum, weil ich dem Aufruhr in meinem Inneren nicht entkommen konnte. Und als die Auseinandersetzungen mit meiner Mutter immer schlimmer wurden, lief ich weg. Drei Bundesstaaten weiter, in Illinois, begann ich ein neues Leben bei meinem Vater. Unsere Beziehung war aber auch nicht einfach: Er war fast nie zu Hause, und wenn, wurden wir nur schwer miteinander warm. Er war Geschäftsführer eines Nachtklubs, und obwohl ich bei ihm in Illinois lebte, arbeitete er viel und war häufig unterwegs. Heute weiß ich, dass er sein Bestes getan und mich wirklich geliebt hat, heute haben wir nämlich eine sehr enge Beziehung. Aber damals war ich zu ihm geflüchtet in der Hoffnung, ein neues Leben beginnen zu können.
Seltsamerweise bringt das Weglaufen vor etwas überhaupt nichts, denn ganz gleich, wie schnell man rennt oder welche Entfernung man zurücklegt – sich selber und den eigenen Problemen entkommt man dadurch nicht.
Als ich dreizehn war, versuchte ich, meinem Leben ein Ende zu setzen, indem ich eine Handvoll Tabletten schluckte. Es funktionierte nicht und so setzte sich mein düsterer Weg fort.
Nach einer Weile kehrte ich zu meiner Mutter zurück, doch auch das war keine gute Entscheidung. Ich rebellierte weiter, bis ich mich schließlich auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens wiederfand. Das passierte noch ein zweites Mal, dann landete ich eines Nachts in einem Heim für Jugendliche mit Problemen. Ich versuchte, mich mit Drogen und Alkohol zu betäuben, warf mich blind den Männern in die Arme. Mit siebzehn wurde ich schwanger. Rückblickend weiß ich, dass dieses Verhalten typisch ist für Menschen, die sich wertlos fühlen.
Obwohl ich viele Probleme hatte, gab es in meinem Leben auch immer wieder sehr schöne Momente. Als ich meiner Mutter meine Schwangerschaft beichtete und ängstlich ihre Reaktion abwartete, legte sie liebevoll ihre Arme um mich, drückte mich fest und weinte mit mir.
„Lass dich deswegen von niemandem abstempeln“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Geh stolz und aufrecht weiter durch dein Leben.“
Während der Schwangerschaft stand sie mir bei und unterstützte mich nach Kräften, erst recht nach der Geburt meines kleinen Sohns Jameson Payne. All das änderte jedoch nichts an der traurigen Wahrheit, dass ich weiterhin die falschen Entscheidungen traf. Mit neunzehn wurde ich erneut schwanger. Diesmal übermannten mich Panik und Angst. Unfähig, meinen Eltern gegenüberzutreten oder auch nur mir selbst einzugestehen, was eigentlich los war, entschloss ich mich zu einer Abtreibung. Das war eine entsetzliche Wahl, die mir das Herz brach und mein Leben veränderte. An diesem Tag, in dieser Klinik, zerbrach mein Inneres endgültig. Und bei der Frage nach Gottes Existenz sah ich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder es gab ihn nicht, oder wenn es ihn gab, musste er mich jetzt zwangsläufig hassen.
Als ich die Klinik verließ, dachte ich: Nachdem ich das getan habe, kann Gott mich nicht mehr lieben – wenn es ihn überhaupt gibt.

Ich fühlte mich endgültig als Versagerin. Das würde ich mir nie verzeihen können. Und in mir tobte ein derartiger Selbsthass, dass ich in keinen Spiegel mehr blicken konnte. Mein eigener Anblick war mir zuwider geworden.
Von da an konnte ich nur noch an einen Gott glauben, der Rache an mir üben wollte für all meine schrecklichen Taten. An einen strafenden Gott. Insofern, wenn mir etwas Schlechtes zustieß, sah ich darin Gottes Tun – und ich hatte oft Gelegenheit, das zu glauben.
Mit Anfang zwanzig heiratete ich und bekam ein weiteres Kind, meine Tochter Sabyre. Mein damaliger Mann wurde aber drogenabhängig und wir lebten uns schnell auseinander. Ich blieb alleine und verzweifelt mit zwei kleinen Kindern zurück. Dann, an einem schrecklichen Tag im Jahr 2002, kam ein früherer Lebensgefährte mich besuchen, holte einige seiner Sachen und nahm meinen Sohn Payne, damals sechs Jahre alt, ohne meine Erlaubnis zu einer Spritztour auf seinem Motorrad mit. Wenige Minuten später hörte ich Sirenengeheul. Ich rannte aus dem Haus und schrie den Namen meines Sohnes. Schließlich kam ich an eine Straße, die von einem quer geparkten Polizeiwagen abgesperrt wurde.
Ich sah die kleinen blauen Turnschuhe meines Sohnes – mit Klettverschlüssen, denn er konnte noch nicht alleine seine Schnürsenkel binden – auf der Straße liegen. Noch heute verfolgen mich diese Bilder: die Schuhe, das Blut, das gesplitterte Glas, der Sanitäter, der auf dem Bordstein saß, seinen Kopf auf die Hände stützte und weinte.
Das Motorrad war mit einem Pizza-Lieferwagen zusammengestoßen und mein kleiner Junge wurde dabei unter das Auto geschleudert. Er war so gestürzt, dass sein Kopf im Radkasten des Vorderrads klemmte. Von dort baumelte Payne herunter, die kleinen Arme und Beine schlaff wie bei einer Stoffpuppe. Als die Feuerwehrleute eintrafen, kroch einer von ihnen unter den Lieferwagen. Er musste den Kotflügel durchsägen, um meinen Sohn zu befreien. Das ist meine Strafe, war mein erster Gedanke. Gott bestraft mich für all das, was ich getan habe. Doch wie durch ein Wunder überlebte mein Sohn. Beim Unfall verlor er aber sein Gehör im rechten Ohr und trug etliche Verletzungen davon, unter deren Folgen er bis heute leidet. Lange Zeit habe ich mir die Schuld an diesem Unfall gegeben und geglaubt, dass mein Sohn für meine Sünden büßen musste.
Als ich Mitte zwanzig war, passierte mir allerdings etwas sehr Schönes. Nach dem Unfall von Payne hatte ich aufgehört, mich mit Männern zu treffen. Ich wollte nur noch für meine Kinder da sein und sie beschützen. Ich hatte zwei Jobs, ging aufs College und fuhr zwischendrin mit Payne zu allen möglichen Arztterminen und Therapien. Aber mein Leben nahm eine ganz neue Wendung, als ich eines Abends zum nahe gelegenen Militärstützpunkt fuhr, um mich mit einer Freundin zu treffen. Als ich auf den Einlass wartete, sprach mich ein Sicherheitsbeamter an.
„Haben Sie eine Verabredung?“, fragte er.
Mir fiel zuerst sein umwerfendes Lächeln auf. Er hatte hellbraune Haut und durchdringende braune Augen. Vor Paynes Unfall wäre er genau der Typ Mann gewesen, in den ich mich verliebt hätte.
„Das geht Sie gar nichts an“, fauchte ich. „Das braucht Sie überhaupt nicht zu interessieren; ich warte nur auf den Passierschein.“
„Tut mir leid“, sagte der Wachmann immer noch lächelnd. „Das habe ich nicht so gemeint. Ich wollte Ihnen einfach nur ein Kompliment machen, Sie sehen toll aus.“
Nicht einmal ein Jahr verging und wir waren verheiratet.
Virgil McVea ist ein selbstbewusster, gut aussehender, willensstarker, gottesfürchtiger Christ – und ein großer Segen für mein Leben. Er hat mich mit Liebe und Zuwendung nur so überschüttet und wurde ein fürsorglicher, echter Vater für meine beiden Kinder. Ich hatte ihm bereits zu Beginn unserer Beziehung von meiner Vergangenheit erzählt – ich glaube, ich wollte ihn davon überzeugen, dass er zu gut für jemanden wie mich sei. Ich beichtete ihm sogar den sexuellen Missbrauch und die Abtreibung. Schreckliche Geheimnisse, die ich sonst streng unter Verschluss hielt.
„Du hast das alles überstanden“, war alles, was Virgil dazu sagte. „Und dadurch bist du zu der Frau geworden, die ich liebe.“
Virgil war der erste gläubige Mann, in den ich mich verliebte, und sein Glaube war eine Überraschung für mich. Ich war ja skeptisch und zweifelte viel, aber sein Glaube an Gott wankte nicht. Wir besuchten regelmäßig den Gottesdienst, und ich wollte schrecklich gerne glauben, dass Gott mich liebte, wie Virgil mir versicherte, aber ich konnte es nicht.
Meine Vergangenheit ließ mich weiterhin allen Männern misstrauen, auch Virgil. Mein mangelndes Vertrauen war anfangs ein Problem in unserer Ehe. Ich konnte meinen Mund einfach nicht halten und oft verletzte ich ihn mit meinen Worten. Ständig widersetzte ich mich ihm. Wenn er unserer Gemeinde mehr Geld spenden wollte, regte ich mich auf oder weigerte mich schlichtweg. Virgil war freundlich und besonnen und großzügig, aber ich dachte immer nur an mich und wollte, dass es unserer Familie gut ging. Mit der Zeit gelang es Virgil mit seinem leuchtenden Vorbild und seiner Liebe zu mir, dass ich ihm etwas schenkte, was ich bis dahin noch nie jemandem geschenkt hatte – mein vollkommenes Vertrauen.
Scheinbar lief jetzt alles gut für mich. Ich hatte einen liebevollen Mann, zwei wunderbare Kinder und einen Job als Lehrerin. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte es sich an, als hätte ich festen Boden unter den Füßen.
Nachdem wir fünf Jahre miteinander verheiratet waren, beschlossen Virgil und ich, noch ein Baby zu bekommen. Es klappte nicht und wir suchten in einer Kinderwunschklinik Hilfe. Vor unserem ersten Termin ging ich ins Badezimmer, schloss die Tür, setzte mich hin und weinte. Ich flehte Gott an – einen Gott, von dem ich nicht einmal sicher war, dass er mir überhaupt zuhörte –, dass er Virgil nicht für die Fehler bestrafen solle, die ich in der Vergangenheit gemacht hatte. Ich versuchte sogar, mit Gott zu handeln. Er sollte mir ein für alle Mal seine Existenz beweisen.
„Wenn ich jetzt schwanger werde“, sagte ich, „dann weiß ich endlich, dass es dich gibt.“
Einige Wochen nach den Arztterminen, nachdem wir viele Versuche unternommen hatten, gingen wir mit dem Schwangerschaftstest in dasselbe Badezimmer, in dem ich gebetet hatte, und flehten Gott an. Und tatsächlich: Ich war schwanger.
Später an diesem Abend, als Virgil schlief, schlüpfte ich erneut ins Bad, um zu beten. Immer noch war ich nicht restlos davon überzeugt, dass das wirklich Gottes Werk war. Ich brauchte immer noch mehr Beweise.
„Wenn ich ganz sicher sein soll“, sagte ich zu Gott, „dann lass uns Zwillinge bekommen.“
Ein paar Wochen später lag ich beim Arzt und verfolgte über den Monitor die Ultraschalluntersuchung.
„Da ist Ihr Baby“, erklärte die Ärztin, und noch bevor ich mein Gesicht zu einem glücklichen Lächeln verziehen konnte, fügte sie hinzu: „Und da ist Baby Nummer zwei.“
Mein Mann, der eigentlich einen gesunden farbigen Teint hat, wurde kalkweiß und beeilte sich zu sagen: „Jetzt können Sie aufhören zu zählen.“
Ich schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Das war mehr, als ich zu glauben bereit gewesen war. Und dennoch … In dieser Nacht zog ich mich erneut zum Beten ins Bad zurück, mit einer neuen Bitte.
„Ich weiß nicht, warum ich das tue“, sagte ich ein wenig kleinlaut zu Gott. „Aber ich werde ganz, ganz bestimmt an dich glauben, wenn wir einen Jungen und ein Mädchen bekommen.“
Ich war in der 15. Woche schwanger, als wir bei einem weiteren Ultraschall die Bestätigung erhielten, dass es sich um einen Sohn und eine Tochter handelte.
Unglaublich – aber auch das reichte mir nicht, und ich versuchte, Gott immer noch weitere Bedingungen zu stellen. Schließlich konnte das alles auch Zufall sein, oder?
„Gott“, sagte ich also. „Noch ein allerletzter Test. Ich werde deine Existenz nie mehr infrage stellen, wenn eines der Babys blaue Augen hat und das andere grüne.“
Ich weiß, es klingt lächerlich. Gott lässt nicht auf diese Art mit sich handeln. Er ist schließlich kein Flaschengeist, der darauf wartet, irgendwelche absurden Wünsche zu erfüllen. Gerade dafür liebe ich ihn inzwischen so sehr. Aber als ich mich so verloren fühlte und verzweifelt auf der Suche nach ihm war, habe ich verrückte Sachen probiert, um damit seine Existenz zu beweisen. Und er hat alles erfüllt. Damals dachte ich, das sei meine Art, Gott zu suchen. Doch in Wirklichkeit war es Gott, der mich suchte. Das Problem war nur, leider konnte ich das nicht erkennen.
Insbesondere nicht, als meine Welt auseinanderzubrechen drohte.

In der 21. Woche bekam ich Wehen. Ich hörte auf, in der Schule zu arbeiten und musste strikte Bettruhe halten. Zum Zeitvertreib sah ich zu, wie meine Babys meinen Bauch bewegten, wenn sie hin und her rollten und traten. Vier Wochen später spürte ich einen entsetzlichen Schmerz im Bauch. Virgil brachte mich schleunigst zum Arzt und ich wurde im Rettungswagen in eine weit entfernte Klinik mit einer Station für Frühchen gefahren. Dort diagnostizierten die Ärzte eine Plazentaablösung – eine ernste Komplikation, die für uns alle drei lebensgefährlich war.
Es gab einen Not-Kaiserschnitt. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Sauerstoffmaske, die über mein Gesicht gestülpt wurde, während ich ein letztes Gebet für meine Babys sprach. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, wie es den Zwillingen ging.
„Die Babys sind hier“, sagte Virgil leise. Er hielt meine Hand und küsste meine Stirn. „Sie sind wirklich ausgesprochen klein, aber sie leben.“
Virgil sagte die Wahrheit. Mein Sohn Micah wog bei seiner Geburt knapp anderthalb Kilo, meine Tochter Willow nur ein Kilo. Beim Neugeborenentest bekamen sie sogenannte Apgar-Punkte, mit denen die Gesundheit und Lebensfähigkeit auf einer Skala von null bis zehn gemessen wird. Zehn bedeutet vollkommen gesund, null so viel wie tot.
Willow bekam eine Sechs, Micah eine Eins.
Meine Babys gaben fast keine Lebenszeichen von sich. Sie bewegten sich nicht, ihre winzigen Hände und Füße lagen ruhig da, sie spuckten und gurgelten nicht, sie öffneten nicht ihre Augen. Kein Laut war zu hören. Wir durften sie in den ersten Tagen nicht auf den Arm nehmen, geschweige denn auch nur berühren. Alles, was wir tun konnten, war, neben ihren Beatmungsgeräten zu sitzen, sie anzusehen und zu beten. Die Ärzte äußerten sich nicht sehr hoffnungsvoll. Schließlich hörten Virgil und ich auf zu beten.
Mein letztes Gebet endete mit den Worten: „Gott, wenn du mir eines meiner Babys wegnimmst, werde ich dich bis an mein Lebensende hassen.“
Und Virgil sagte: „Vater, dein Wille geschehe.“
Von da an wurden die Babys jeden Tag kräftiger. Nach zwei Wochen durften wir sie zum ersten Mal im Arm halten. Als ich an diesem Morgen Micah bei mir hatte, öffnete er seine kleinen Augen. Später war Willow da und sah mich ebenfalls an. In diesen beiden wunderbaren Momenten hätte ich erkennen können, dass ich Gott endlich Glauben schenken durfte, denn Micah hatte wunderschöne blaue Augen, während Willows Augen grün schimmerten.
Leider gelang es mir aber wieder einmal, mir einzureden, dass das alles nur ein Zufall sein konnte, und damit hatte ich mir selbst Gott erneut entwischen lassen.
Drei lange Monate dauerte es, bis wir unsere Zwillinge mit nach Hause nehmen konnten. Alles spielte sich ein. Ich hatte einen großartigen Ehemann und eine perfekte Familie, mein Herz floss über vor Liebe für sie alle. Auch ich wurde geliebt, und alles war so, wie es sein sollte. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich glücklich, wirklich rundum glücklich.
Nur dass irgendetwas sich immer noch nicht richtig anfühlte.
Tief in meinem Inneren fühlte ich mich immer noch schmutzig und kaputt. Es war, als hätte ich dieses Glück nicht verdient. Ich war immer noch gefangen in meinen Schamgefühlen, voller Verzweiflung, niedergedrückt von meinen furchtbaren Geheimnissen. Nichts davon hatte sich gelöst. Alles war immer noch da, tief verschlossen in meinem Inneren.
Ich fing an, die Menschen, die mir am nächsten standen, wegzustoßen. Ich grollte anderen, schleppte schwer an meinen Altlasten und konnte schlecht verzeihen. Immer noch betrachtete ich die Welt durch eine negative Brille. Ich war voller Misstrauen. Ich konnte nicht glauben, dass Gott mich liebte oder dass ich diese Liebe überhaupt verdiente. Ich fühlte mich immer noch verloren, fühlte mich als Sünderin und Zweiflerin.
Schließlich setzte Gott Himmel und Erde in Bewegung, um mir zu beweisen, wie unrecht ich damit hatte.
Am 8. Dezember 2009 ging ich wegen einer Routinesache zum Arzt. Es gab Komplikationen und ich wurde mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung in die Klinik eingewiesen. Dort wurde intravenös ein Schmerzmittel verabreicht, gleichzeitig Kochsalzlösung. Zwei Tage später lag ich schreiend vor Schmerzen in meinem Bett. Es fühlte sich an, als würde ich innerlich verbrennen. Meine Mutter saß neben mir und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Die Ärzte versicherten uns, dass alles in Ordnung sei, aber ich fühlte mich unglaublich schwer und kaputt. Plötzlich fragte ich meine Mutter: „Welches Jahr haben wir?“
„Was glaubst du denn?“, antwortete sie und war ein wenig amüsiert.
„1984.“
„Mein Liebling“, lachte meine Mutter daraufhin, „wir haben 2009, komm zurück zu uns.“
Ich sagte meiner Mutter, dass ich sie liebte, schloss meine Augen und begann in den tiefsten Schlaf zu sinken, den ich je erlebt hatte.
Was dann im Krankenzimmer passierte, weiß ich nicht mehr. Es wurde mir später erzählt. Offenbar hatte das Schmerzmittel nicht richtig gewirkt, ich hatte wohl eine Überdosis bekommen. Als meine Mutter einen meiner Füße berührte, merkte sie, dass er sich kalt anfühlte. Sie zog die Decke über mich und sah, wie meine Lippen blau anliefen. Daraufhin beobachtete sie meine Atmung und hörte nichts, sie fühlte nach dem Puls und fand ihn nicht. Sie schrie nach den Schwestern, die einen Alarm auslösten. Es bestand akute Lebensgefahr.
Der Alarm war das Signal, dass jemand im Sterben lag. Dieser Jemand war ich. Ein Arzt stürzte herein und begann mit einer Herzdruckmassage. Eine Schwester legte eine Sauerstoffmaske über mein Gesicht und fing mit der Beatmung an. Meine Mutter kauerte an meinem Bettende und betete. Ich hatte aufgehört zu atmen, mein Gehirn, meine Lungen, mein ganzer Körper war wie abgeschaltet. Ich war dreiunddreißig Jahre alt und lag im Sterben.
Aber das habe ich alles nicht mitbekommen. Denn in dem Augenblick, als ich meine Augen in dem Krankenhauszimmer schloss, öffnete ich sie auch schon wieder und befand mich im Himmel.
