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BOY LORNSEN

KLAUS STÖRTEBEKER

Gottes Freund und aller
Welt Feind

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Die Erstausgabe des Textes erschien 1980 im Thienemann Verlag. Orthografie und Interpunktion wurden für diese Ausgabe auf neue deutsche Rechtschreibung umgestellt.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

© 2017 Anaconda Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlagmotiv: Hans Bohrdt (1857–1945), »Bunte Kuh«,

Private Collection / © Arkivi UG / Bridgeman Images

Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de

ISBN 978-3-7306-9164-9
V002

www.anacondaverlag.de

Für Dirk

Wenn die Historie es nicht weiß,
darf der Autor für möglich halten,
was ihm selber nicht unmöglich erscheint

Inhalt

Klaus Störtebeker

Verzeichnis der historisch genannten und bekannten Personen

Worterklärungen

und so könnte es angefangen haben:

Es war im April des Jahres 1391. Von Rügens hoch ragenden Kreidefelsen aus hätte man zwei Segel gesehen. Ein Segel folgte dem anderen, beide lagen hart am Wind und beide zogen westwärts. Die Schiffe aber sahen einander noch nicht.

Ein wütender Wind kämmte die Baltische See. Von Westen her kam er, hetzte seine Wellenhunde nach Osten zu, dass denen der weiße Schaumgeifer vor den Mäulern stand. Mit den Wolken trieb er Schindluder, mal jagte er sie zuhauf, mal scheuchte er sie auseinander, bis ihnen das Fell in Fetzen davonstob. Dazu ließ er noch seine Böen pfeifen, um zu zeigen, wer hier der Herr und Meister war.

Das Segel, welches am weitesten zu Ost stand, schob eine große Kogge voran, die mühelos durch die grobe See schnitt und dem vorderen Segel stetig näher rückte.

»Wenn der Wind so bleibt, können wir noch vor Dämmerungsbeginn an der Durchfahrt bei Swante Wustrow stehen«, sagte der krummrückige Jerk Fretwurst zu seinem jungen Maat.

»Soll mir nur recht sein, Schiffer«, antwortete der Junge. »Wird auch Zeit, dass ich nach Hause komme. Meine Frau muss inzwischen ein Kind geboren haben. Das dritte! Und hoffentlich ist es diesmal ein Junge!«

Der Alte rieb sich die knotigen Hände. Ihn plagten andere Sorgen. »Die elende Gicht sitzt mir schon in allen Knochen«, jammerte er. »Soll auch meine letzte Reise sein. Und bei Gott, diesmal mach ich Ernst!« Es war, als hätte Jerk Fretwurst das zweite Gesicht. So nahe kam er seinem Schicksal.

Hoffentlich steigt er aus, der Alte!, dachte der Maat. Aber laut sagte er: »Wer so viele glückliche Reisen hinter sich brachte wie Ihr, hat seinen warmen Herdplatz verdient. Ich gönn ihn Euch, Schiffer!«

»Glaub’s gern«, knurrte der Alte gallig und dachte bei sich: Der Junge wünscht mich möglichst bald von Bord! Kann’s ihm nicht mal verdenken. Wie viele Maate wären gern Schiffer der »Schwalbe von Ribnitz«! Ist ja auch das schönste und schnellste Schiff auf dem ganzen Baltic. Jerk Fretwurst seufzte.

Aber sein junger Maat sollte nie Schiffer der »Schwalbe von Ribnitz« werden …

Der schwarze Holk tat sich schwerer mit Wind und Wellen als die Kogge. Rügens Felsenmauer wollte ihn nicht loslassen; so langsam kroch er voran und dabei gab er sein Bestes her. Sein Vierkantsegel stand brettsteif, seine Leeseite tauchte tief in die See ein. Sein Bug hieb in die Wellen, dass die Gischt spritzte, und dazu ächzte das gequälte Holz.

Vom Schiffsvolk war wenig zu sehen. Die meisten hatten sich in geschützte Winkel verkrochen. Oben auf der Mastspitze musste sich der Ausgucksmann an den Tonnenrand klammern, weil er wie mit einem Peitschenstiel durch die Luft geschwenkt wurde. Auf dem hohen Achterkastell hielten sich drei Männer trotz der geneigten Decksplanken aufrecht.

»Verdammter Westwind! Unser Segel steht zum Bersten voll und wir kommen kaum von der Stelle!«, fluchte der Riese mit dem weizengelben Haarschopf grimmig und starrte zu den hochmütigen Felsen hinüber, als wollte er sie mit seinen Blicken achteraus zwingen. »Und wenn ich unser altes Heringsfass ganz bis nach Rostock hinprügeln soll – wir müssen dabei sein, wenn die Sache ausgehandelt wird. Was denkst du, Kleiner?«

»Recht hast du, Klaus! Wenn wir unsere Löffel nicht mit in den Brei stecken, sichern sich nur die adligen Herrn die Vorteile. Sie werden ohnehin versuchen uns die Drecksarbeit aufzuhalsen. Und ich sag dir, sie sind auf Kriegerruhm aus, rechnen damit, dass König Albrecht sie später reich mit Gütern belehnt, sobald er sich die Schwedenkrone wieder aufs Haupt stülpen kann.«

Diese Antwort gab der zweite Mann auf dem Achterkastell. Ein Männchen, ein Zwerg war es, ging dem Riesen bis eben über den Schwertknauf und klammerte sich an dessen Ledergurt fest wie die Miesmuschel an dem Eichenpfahl.

Der Riese ließ sich Klaus Störtebeker rufen. Ob das wirklich sein ehrlicher Name war, wusste keiner an Bord. Aber das wussten alle: Seine Stärke und Verwegenheit reichte für drei Männer aus und dazu war er noch ein selten guter Seefahrer. Klaus Störtebeker konnte ein Schiff durch die Hölle segeln, wenn sie ihm grad quer im Weg lag.

Der Zwerg nannte sich Magister Wigbold. Er hatte sich mit den sieben Künsten abgegeben, gab aber keine Auskunft, wo das gewesen war, warum er davon abließ und welche Umstände ihn auf das Achterkastell eines Seeräuberholks gebracht hatten. Denn der schwarze Holk war ein Seeräuberschiff! Und der Zwerg war der schlaueste und listenreichste Kopf, der sich zurzeit auf der Baltischen See herumtrieb.

Ein Riese und ein Zwerg! Ein sonderbares Gespann hatte sich da für das Räuberhandwerk zusammengetan. Aber man sollte bald von ihnen hören.

»Fall ab, Maat!«, rief Störtebeker dem Mann am Ruderholz zu. »Gib dem alten Fass so viel Wind, wie’s vertragen kann! Wollen doch hoffen, dass die Planken noch bis Rostock zusammenhalten!«

Der dritte Mann auf dem Achterkastell legte das Ruder nach Lee, sagte aber kein Wort. Er redete überhaupt so wenig, dass man glauben konnte, er wäre stumm. Seine Arme waren muskelbepackt und am Ruder tat er eine Arbeit, zu der bei diesem Wetter eigentlich drei Männer nötig waren. An Störtebekers Länge fehlte ihm eine Handspanne, dafür war er breiter gewachsen und schwer wie ein Eichenstubben. Wenn er sprach, kamen die Worte seltsam gurgelnd aus seinem schiefen Mundschlitz. Gern schaute niemand in sein Gesicht. Das Feuer hatte es verwüstet und bis zum Schädel hinauf, der kahl war, einen schaurigen, blauroten Narbenacker hinterlassen. Sie nannten ihn den Namenlosen.

Zögernd wanderten Rügens Kreidefelsen achteraus, so als wollten sie den schwarzen Holk nur ungern aus ihren Griffen lassen.

»Kann auch sein, dass wir uns in Rostock auf ein schlechtes Geschäft einlassen«, sagte Störtebeker nachdenklich, denn er war sich noch nicht im Klaren über den Nutzen dieser Sache. »Bisher haben wir unsere Schiffsnase nur dahin gerichtet, wo uns Glück und Beute winkten. Bis jetzt waren wir freie Raubgesellen. Nun wollen wir uns auf den Fürstendienst einlassen. Das will mir immer noch nicht gefallen!«

»Vogelfreie Gesellen sind wir, Klaus. Vogelfrei! Vergiss das nicht! Galgen oder Richtschwert sind uns sicher, wenn sie uns fangen. Hätte nichts dagegen, es mal anders zu versuchen. Ehrbare Kaper wären wir dann in Diensten des Herzogs von Mecklenburg. Hört sich das nicht gut an? Von einem Tag auf den anderen sind wir ehrliche Leute geworden. So schnell geht das! Wir können weiter kapern und rauben. Mit Brief und Siegel sogar! Und brauchen uns nicht mal umzugewöhnen, Klaus.« Der Zwerg schüttelte sich vor Lachen und wiegte dabei seinen großen Kopf hin und her.

»Verdammt, Kleiner! Ist das eine Welt!«, schrie Störtebeker. »Freie Raubgesellen und Fürstendiener tun beide dasselbe und doch ist es nicht dasselbe!«

»Den Unterschied macht, wer’s tut – der Herr oder der Knecht. Merkst du das erst jetzt?«, spottete der Zwerg. »So war’s doch schon immer und so wird’s auch wohl bleiben, denk ich. Das Recht schläft nun mal am liebsten beim Unrecht.«

»Ich würd’s ändern, wenn ich Herr wär!«

Der Zwerg kicherte. »Nimm dir nicht zu viel vor, Klaus Störtebeker. Darüber sollte einer erst reden, wenn er Herr ist, und wenn’s so weit ist, hat er seine guten Vorsätze meist vergessen. Tun wir lieber eins nach dem anderen. Zum Herrn gehört das Geld – je mehr Geld, desto mehr Macht. Also müssen wir zuerst für das Geld sorgen! Was diese Kaperbriefe angeht …«

»Kaperbriefe!«, unterbrach Störtebeker ihn ärgerlich. »Darauf spuck ich! Sind wir denn nicht immer ohne gut zurechtgekommen? Und immer glücklich dabei gefahren?«

»Das schon. Aber mit Kaperbrief läuft es noch besser für uns. Sieh’s mal von der richtigen Seite an, Klaus: Zu diesen Mecklenburger Kaperbriefen gehören die Häfen Rostock und Wismar. So kriegen wir endlich mal Heimathäfen, in denen wir im Winter Sturm und Eisgang behaglich abwettern und unser Schiff instand setzen können. Brauchen uns nicht mehr in entlegene Winkel zu verkriechen wie die räudigen Köter. Und jetzt kommt noch das Wichtigste: Wo lässt sich das Beutegut wohl leichter in Silber ummünzen als in den Hafenstädten? Da drängen sich doch die Krämer! Und ich sag dir, Klaus, die lecken sich nun schon alle Finger nach den guten Geschäften, die sie mit uns machen wollen.«

»Ich merk schon, Kleiner, du drehst und wendest die Dinge so lange, bis sie auch mir schmecken. Also gut! Versuchen wir’s mal als ehrbare Kaper mit Brief und Siegel. Werden ja sehen, wie sich der Fürstendienst anlässt.«

»Nur ein schnelleres Schiff fehlt uns noch. Damit könnten wir doppelt so viel Beute machen«, maulte der Zwerg.

»Glaubst du vielleicht, mir gefällt diese lahme alte Balje? Wer keinen Wein hat, muss wohl oder übel Wasser saufen. Da sollte schon ein verdammt glücklicher Zufall nachhelfen, anders kommen wir schwerlich zu einem guten Seerenner. Der läuft uns davon, wenn wir ihn jagen.«

Der kleine Magister ließ den Gürtel des Riesen los. Hätte Störtebeker ihn nicht mit raschem Griff eingefangen, wäre er wohl über das schräge Deck in den Baltic geschlittert und manches in dieser Geschichte hätte eine andere Wendung genommen.

»Halt, mein Kleiner! Ich brauch dich noch.«

»Hab Dank dafür«, krächzte der Zwerg erschrocken. »Um den Körper wär’s nicht schad gewesen – aber um den Kopf! Was unser neues Schiff angeht … Gib mir Bescheid, wenn das richtige in Sicht ist, dann wird mir schon die List einfallen, wie wir’s kriegen. Nur gut, dass die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Mein Kopf und deine Muskeln geben ein feines Gespann ab.«

»Will es zugeben – deine Schlauheit ist mir die halbe Mannschaft wert«, sagte Klaus Störtebeker gutmütig und legte seinem Ratgeber den Arm um die mageren Schultern. »Werde nur aufpassen müssen, dass ich dich nicht verliere.«

Fast zur selben Zeit bekamen die beiden Schiffe einander in Sicht.

»Segel etwas in Luv voraus!«, sang der Ausguck aus dem Krähennest der »Schwalbe von Ribnitz« nach unten aus.

»Lass es nicht aus den Augen!«, schrie Jerk Fretwurst nach oben.

»Segel achteraus! Steht eben leewärts!«, meldete der Ausguck des schwarzen Holks an Deck.

Kein anderer Ruf brachte Seeräuber schneller auf die Beine. Im Nu drängte sich ein waffenstarrender Haufe vor dem Achterkastell zusammen. Segel in Sicht! Das verhieß Beute!

»Segel kommt rasch auf!«, sang der Ausguck nach unten.

Störtebeker und der Magister starrten lange Zeit achteraus. Nur der Namenlose am Ruder hielt die Augen nach vorn. Unter tief ziehenden Wolken jagten sich die weißen Wellenkämme. Ein Segel tanzte darauf und es näherte sich so schnell, wie sie es noch nie erlebt hatten. Dabei hatten sie viele Segel näher kommen sehen, seit sie die Baltische See kreuzten.

»Den Seerenner schau dir an, Kleiner! Fliegt übers Wasser, als ob er Flügel hätte!«, brüllte Störtebeker und schlug vor Begeisterung mit der Faust auf das Schanzkleid. Dann packte er den Magister Wigbold bei den Schultern, schüttelte ihn wie einen leeren Sack. »Da segelt unser neues Schiff! Das müssen wir kriegen, hörst du! Jetzt mach dein Versprechen wahr und brüte mir eine List aus. Aber rasch, sonst läuft es uns auf Nimmerwiedersehn davon!«

Der Zwerg warf nur noch einen kurzen Blick auf das fremde Schiff, schaute dann zum Himmel hinauf und auch auf das brettsteife Segel.

»Der harte Wind kommt uns fein zupass. Damit könnt’s gehen«, murmelte er.

»Beeil dich, Kleiner!«, drängte Störtebeker.

»Nur einen Augenblick zum Nachdenken gib mir noch, Klaus. Dann sollst du haben, was du brauchst.« Der Zwerg senkte den Kopf und schloss die Augen.

Auch auf der »Schwalbe von Ribnitz« hatten Sie das fremde Segel nicht aus den Augen gelassen.

»Ein schwarzer Holk ist es. Sind kümmerliche Segler, diese schweren Holks«, brummte Jerk Fretwurst vor sich hin. Seine Augen leisteten noch weit mehr als die gichtgeplagten Knochen. »Er zeigt keine Flagge. Siehst du eine, Klas?«

»Ich seh auch keine, Schiffer«, bestätigte der Maat.

»Keine Flagge … Gefällt mir nicht«, knurrte der Alte und befahl den Männern am Ruderholz: »Haltet mehr nach Luv rüber! Wir wollen lieber den besseren Wind nehmen.«

»Bist du so weit?«, fragte Störtebeker, der seine Ungeduld nicht mehr bezwingen konnte.

»Wir können es schaffen, Klaus«, antwortete der Zwerg triumphierend. »Hör gut zu: Jagen können wir den nicht. Er ist uns über, was das Segeln angeht. Das weißt du so gut wie ich. Also muss es andersherum laufen – wir müssen ihn dazu bringen, dass er freiwillig zu uns längsseits kommt …«

»Freiwillig zur Schlachtbank? Das glaubst du doch selber nicht!«

»Er darf eben nicht ahnen, dass wir ihn kapern wollen.« Der Zwerg begann eifrig auf den Riesen einzureden. Seine List schien ungewöhnlicher Art zu sein. Störtebeker schüttelte mehrmals heftig den Kopf, bevor er dann Zustimmung nickte.

»Ich will’s wagen, Kleiner. Wer zu viel bedenkt, kommt nie zur Tat.« Dem Namenlosen befahl er: »Sorg dafür, dass sofort der lübische Doppeladler gesetzt wird!«

Vom Achterkastell herab musterte er gleich darauf seinen buntscheckigen Haufen. An die siebzig Männer standen bereit, mit Enterbeilen, Piken und Schwertern bewaffnet; Vogelfreie waren es, Geächtete und Landflüchtige, Freiwillige und Gepresste, aber Männer, die bereit waren, für Klaus Störtebeker den Teufel aus der Hölle zu holen.

»Hört, was ich euch zu sagen habe, ihr Satansbraten«, begann ihr Hauptmann seine Rede und der Haufe johlte ihm zu, als hätte der Teufel selber ihnen ein Schmeichelwort zugerufen. »Ruhe an Deck! Sperrt lieber die Ohren gut auf! Muss es kurz machen. Das Segel da achteraus seht ihr selber und auch, dass es zu einem verdammt feinen Renner gehört, der viel besser zu uns passt.« Er schob den Magister Wigbold nach vorn, legte ihm die Hand auf die Schulter. »Der hier hat einen feinen Plan ausgeheckt, wie wir dem Fremden beikommen können. Dazu müssen wir einen braven lübischen Holk spielen, der in Seenot gerät. Sollte euch sonderbar vorkommen, was ich nun sage: Haltet euer Maul! Zimmermann! Du machst dich mit deinen Leuten über unseren Mast her. Säg ihn zu drei Vierteln durch, von Luv nach Lee hin … ja, durchsägen hab ich gesagt, verdammt! Hast schon richtig gehört, Mann! Der Wind muss ihn brechen, sobald ihn die Luvwanten nicht mehr stützen. Fang an! Und beeil dich! Dann brauch ich noch vier Kerle, die sich bei den Luvwanten ducken sollen, jeder ein Messer zwischen den Zähnen und bereit die Wanten zu kappen, wenn ich das Zeichen gebe. Alle anderen Gesellen bergen sich hinter dem Leeschanzkleid, klar zum Entersprung. Haltet eure Köpfe nach unten und lasst euch nicht blicken! Nur so viel Schiffsvolk darf sich zeigen, wie einem harmlosen Krämerholk zukommt, soll die List gelingen. An die Arbeit!«

»Was geschieht mit dem fremden Schiffsvolk?«, fragte einer, den sie an Bord den Pfeifer nannten. Ein mordgieriger Geselle war’s, der mit Handbeil und Messer zugleich focht und dabei vor sich hin pfiff.

»Brauchen wir Leute?«, fragte Störtebeker seinen Ratgeber.

Der Zwerg schüttelte den Kopf. »Sind unnötige Zeugen, Klaus.«

»Dann schlagt die Mannschaft und schont das Schiff!«, sagte der Riese.

Der Pfeifer prüfte die Messerschneide mit dem Daumen und pfiff vor sich hin.

»Die Kogge steuert zu Luv!«, meldete der Ausguck im Krähennest.

»Zu Luv?«, Störtebeker schaute selber achteraus. »Verdammt! Da kann ich sie nicht brauchen!«, fluchte er.

»Warte die Zeit ab, Klaus, dann wird sie schon wieder auf unsere Leeseite zurückkommen. Nun hängt alles davon ab, dass ihr Schiffer ein ehrenhafter Seefahrer ist – zu seinem eignen Schaden …« Der teuflische Magister rieb sich die Hände.

»Der fremde Holk hat den lübischen Doppeladler gesetzt«, sang der Mann im Krähennest der »Schwalbe von Ribnitz« aus.

»Ich seh’s auch. Aber warum zeigt er jetzt erst seine Flagge, frag ich mich. Das gefällt mir nicht. Nein, gefällt mir ganz und gar nicht!«, brummte der alte Jerk Fretwurst misstrauisch.

»Nanu, Schiffer, Ihr meint doch wohl nicht im Ernst, dass uns der lahme Holzschuh da vorn gefährlich werden könnte. Den segeln wir doch in Grund und Boden, wenn’s drauf ankommt. Man kann auch zu vorsichtig sein ….« Der Maat brach unversehens ab und starrte mit offenem Mund auf den schwarzen Holk.

»Teufel! Was ist denn da los? Der Mast! Sein Mast ist über die Seite gegangen! Schiff in Not! Wir müssen helfen, Schiffer!«, schrie er mit überschnappender Stimme.

Dem Alten stand noch das helle Misstrauen im Gesicht. »Dabei könnten wir leicht selber in Not kommen, mein Junge, und was noch schlimmer wär – in Teufels Küche! Sind unsichere Zeiten, weiß Gott. Wär nicht das erste Mal, dass …«

»Schiffer!«, unterbrach ihn der Maat heftig. »Ihr wollt doch hoffentlich nicht Eure Pflicht als Seefahrer und Christenmensch verletzen? Dagegen müsste ich mich verwahren!«

Der Alte sah den Jungen hilflos an und rang mit sich selber um den richtigen Entschluss. Dann nickte er und dieses Nicken fiel ihm nicht leicht. »Ruder in Lee!«, befahl er und der Wache an Deck: »Fiert auf die Schot!«

Der schwarze Holk war nun genau das, wofür man ihn halten sollte: ein hilfloses, mastloses Wrack, das von den Wellen herumgestoßen wurde. Mast und Tauwerk trieben an seiner Leeseite im Wasser. Um die Täuschung vollkommen zu machen, ließ Störtebeker ein paar Leute aufgeregt an Deck hin und her rennen, und einige mussten sich über das Schanzkleid beugen, so als wollten sie den Wirrwarr außenbords klarieren. Die übrige Mannschaft durfte sich nicht sehen lassen. Erst wenn die Kogge auf Enternähe heran war und die Eisenhaken festsaßen, war sie an der Reihe.

Sobald der Zwerg sah, dass ihr Opfer nach Lee zurückschwenkte, um ihnen zu Hilfe zu kommen, jubelte er: »Sie tut’s, Klaus! Wahrhaftig, sie tut, was wir wollen!«

Störtebeker nahm mit kalten Augen an seinem Opfer Maß. »Gut, Kleiner. Nun muss sie nur noch nahe genug ranscheren, dass unsere Enterhaken fassen.«

»Und wenn nicht, helfen wir nach«, sagte der Zwerg.

Die »Schwalbe von Ribnitz« schob sich spitz von achtern an das vermeintliche Wrack heran. Auf dem Achterkastell des schwarzen Holks führten drei Männer ein höllisches Stück auf. Klaus Störtebeker stand hoch aufgerichtet am Heckschanzkleid, tat, als winkte er hilflos die Retter heran. Magister Wigbold trieb es noch ärger, warf die Hände in die Luft und kreischte gottsjämmerlich: »Helft uns! Um des Himmels Lohn – helft uns!« Nur der Namenlose rührte sich nicht, stand starr wie ein Fels und wog die Schlingen einer Wurfleine in der Hand. Er sollte den ersten Enterhaken werfen und der musste fassen, sonst konnte der Plan nicht gelingen. Nun bog Störtebeker die Hände zum Trichter: »Nehmt uns in Schlepp, ich bitt Euch! Kommt näher heran, dass wir die Leine werfen können!«

Nicht einmal die fahrenden Schausteller auf den Märkten hätten dies Theater des Satans besser aufführen können.

War’s ein Wunder, dass der junge Maat der »Schwalbe« von so viel Jammer angerührt wurde! Zum ersten Mal in seiner Seefahrerzeit erlebte er ein Schiff in Not. Darum wohl nahm er einen Befehl vorweg, der eigentlich seinem Schiffer Jerk Fretwurst zugekommen wäre.

»Das Ruder in Luv! Schert näher ran!«, schrie er den Rudersleuten zu. Die Kogge luvte gehorsam an; der Abstand zwischen den beiden Schiffen verringerte sich rasch …

»Ruder in Lee! Haltet ab! Um unserer aller Seelen willen – haltet ab! Sonst sind wir verloren! Ein Seeräuber ist es! Ich seh Gewappnete!«, brüllte Jerk Fretwurst in höchster Not. Aber seine Warnung kam um zwei Dutzend Menschenleben zu spät.

Dann geschah vieles zur gleichen Zeit oder so schnell aufeinander, dass ein Erzähler mit Worten nicht folgen kann.

Zuerst schleuderte der Namenlose seinen Enterhaken zielsicher über das andere Schanzkleid. Dann holten er und Störtebeker mit ihren Riesenkräften die Leine hart durch. Der Haken krallte sich ins Holz. Der Abstand zwischen beiden Schiffen wurde noch geringer. Mehr eiserne Haken flogen durch die Luft, fanden ihr Ziel. Und so wurde die schnelle »Schwalbe von Ribnitz« an ein Wrack gefesselt, dem sie Hilfe bringen wollte.

Klaus Störtebeker tat den ersten Sprung, das Langschwert in der Hand, und nach ihm sprang der Namenlose mit der furchtbaren Eisenstange. Beide allein hätten die »Schwalbe« leicht erobern können. Sie brauchten die Hilfe der Raubgesellen nicht, die nach ihnen auf das fremde Deck quollen. Magister Wigbold blieb auf dem schwarzen Holk zurück. Er hatte seinen Teil getan und der Kampf war nicht seine Sache.

Es war kein Kampf, nur ein Totschlagen. Siebzig Gewappnete gegen armselige zwei Dutzend, die sich noch nicht mal wehren konnten. Nicht allein für Jerk Fretwurst – für alle an Bord wurde es die letzte Fahrt. Nur dem jungen Maat gelang unverletzt ein Sprung in die See. Aber nie kam eine Kunde, dass er festes Land erreichte. So entging keiner dem Gemetzel.

Zuallererst rissen die Räuber die Luken auf und als sie das vortreffliche Danziger Bier entdeckten, war der Jubel groß.

Doch Klaus Störtebeker hielt den Daumen aufs Spundloch.

»Hände weg vom Bier!«, brüllte er seine Leute an. »Den leichten Sieg können wir versaufen, wenn der Anker gefallen ist. Zuerst brauch ich alle Hände für die Schiffe. Wollen zusehen, dass wir bald wieder in Fahrt kommen. – Maat! Du steigst mit dem halben Schiffsvolk auf den Holk über!«, befahl er dem Namenlosen.

»Lass die lange Tross klarlegen! Wir nehmen euch in Schlepp, bis der Mast wieder steht. – Zimmermann! Nimm dir so viel Männer, wie du brauchst, und richte den Mast wieder auf, den du absägtest. – Und ihr anderen macht mir hier klar Deck. Wascht zuerst das Blut von den Planken. Ich will ein sauberes Schiff!«

Störtebekers Befehle wurden ohne Widerspruch ausgeführt. Ohne strenge Zucht an Bord auch kein lohnender Seeraub! Das hatte er seinen rauen Gesellen so ins Fell gegerbt, dass sie sich daran hielten. Und sie fuhren gut dabei.

Die Sonne stand noch auf ihrer Mittagshöhe, als der Schleppzug in Fahrt kam. An einer dicken Tross zog die Kogge den schwarzen Holk hinter sich her, der ohne Mast wie ein leeres Fass in der hohen See taumelte.

Bald fielen sie nach Südwest ab, segelten an der langen Düneninsel entlang, die man Hiddensee nannte. Als sie deren Südspitze querab peilten, stand auf dem schwarzen Holk der Mast wieder aufrecht. Die Schlepptross wurde geworfen; er konnte sich nun selber den Wind fangen.

»Steckt ein Reff ins Segel!«, befahl Störtebeker der Wache und zu dem Pfeifer, der den Namenlosen als Maat auf dem neuen Schiff vertrat, sagte er: »Wir laufen dem Holk davon. Pass auf, dass der Abstand nicht größer wird.«

Als dann die Dämmerung einsetzte und das Tagesblau mit dem Abendsilber vertauschte, wurde es Zeit, einen Ankerplatz zu suchen. Zu leicht verlor man den schwarzen Holk in der Dunkelheit aus den Augen.

»Weiß gar nicht, warum ich die alte Balje immer noch mitschleppe«, murrte Störtebeker. »Hätten sie anbohren und versenken sollen. Wir brauchen sie nicht mehr.«

»Das sag nicht, Klaus. In Rostock wird sich leicht noch ein Krämer finden, der ihn uns für gutes Geld abnimmt.« Magister Wigbold ließ so schnell nichts aus den Fingern, was sich noch in Silber umwandeln ließ.

»Ich weiß einen guten Ankerplatz«, meldete sich der Pfeifer. »Bei Swante Wustrow gibt es ein Schlupfloch, das die See mit dem Bodden verbindet. Wir müssen kurz davor sein. Dort können wir unter Landschutz ankern.«

»Kennst du dich genau aus, Pfeifer?«

»Tat mal auf ’ner Wismarer Kogge Dienst und mit der bin ich viel in dieser Gegend rumgekommen. Die Durchfahrt finde ich leicht, denn nahbei steht ein Holzkreuz auf der Düne. Denke, das wird noch da sein.«

»Gut. Dann lots uns rein, entschied Störtebeker.

So kam es, dass die »Schwalbe von Ribnitz« in ihrem heimatlichen Bodden Anker warf und doch nicht zu Koggen-Monk, ihrem Besitzer, zurückkehrte.

Als die Anker Grund gefasst hatten und die Schiffe versorgt waren, gab Störtebeker das Danziger Bier aus der Last frei. Bald kreisten die Becher und je öfter sie wieder gefüllt wurden, desto lauter tönten die wilden Seeräuberlieder durch die Nacht. Nur der Namenlose ließ den Becher sein, nachdem er seinen Durst gestillt hatte. Er strich mit Katzenschritten ruhelos über das Deck, schaute zu dem nahen Land hinüber und wusste, dass er es nicht betreten durfte. Er liebte die See nicht, aber ihm blieb keine Wahl.

Unter dem Achterkastell der »Schwalbe« tranken die neuen Schiffsherren auf den gelungenen Raub. Ihre neue Kajüte war weit schöner eingerichtet als die auf dem schwarzen Holk. Die Decksbalken lagen so hoch, dass nur Klaus Störtebeker den Kopf neigen musste. Achtern und zu beiden Seiten waren Luken eingeschnitten, die man aufstellte, um Licht und Luft hereinzulassen, und nur bei schwerem Seegang verschlossen hielt. Ein langer, schwerer Tisch war in die Bodenplanken eingelassen, ebenso die Bänke, sodass nichts ins Rutschen kam, wenn das Schiff in den Seen rollte. Die Tranfunzeln waren so aufgehängt, dass sie frei hin und her schwingen konnten. Sogar zwei Schlafnischen für Schiffer und Maat hatte man durch Segeltuchwände abgeteilt.

Wirklich! Die neuen Schiffsherren waren sehr zufrieden.

»Das war ein billiger Kauf und ein guter dazu. Darauf trink ich – und auf dein Wohl, Kleiner!«, sagte Störtebeker lachend.

»Sogar das gute Danziger Bier für die Siegesfeier hat man gleich mitgeliefert«, gab der Magister kichernd Bescheid. »Das richtige Schiff haben wir jetzt, um die Herden der Kauffahrer zu scheren. Nun fehlt uns nur noch ein passender Name dafür, Klaus.«

Störtebeker besann sich nicht lange. »Seewolf soll unser neues Schiff heißen! Die braven Hansen sollen wissen, wer ihnen die Zähne in den Nacken schlägt!«

Sie zechten bis spät in die Nacht hinein und es war erstaunlich, was der Riese Störtebeker in sich hineinschütten konnte ohne von Verstand zu kommen. Auf dem Mitteldeck wurden die grölenden Stimmen zuerst leiser, um dann ganz zu verstummen.

Die Raubgesellen fielen um, wo sie gerade saßen, und schliefen ihren Rausch aus. Der Wind flaute ab und die Sterne wagten sich wieder heraus.

Da schrillte der Alle-Mann-Pfiff!

»Was ist da draußen los, verdammt!« Klaus Störtebeker stürmte aus der Kajüte und der Zwerg Wigbold folgte ihm wie sein Schatten.

Es war derselbe Tag, an dem die schnelle »Schwalbe« in falsche Hände geriet.

Am Vorabend war die Sonne rot wie ein Möweneidotter hinter der Welt verschwunden und an diesem Morgen musste sie sich zuerst mühsam aus einer Dunstdecke herauswühlen, bevor sie auf ihre Tagesreise gehen konnte. Eine ganze Weile stand sie bleichgesichtig über Stralsund, als müsste sie sich wohlüberlegen, ob sie diesem seltsamen Menschenvolk weiterhin Licht und Wärme spenden sollte. Dann riss der Dunst auf und die Wolken gerieten in Bewegung. Noch tänzelte der Wind zwischen West und Nordwest hin und her, unentschlossen, ob er rau oder sanft blasen sollte.

Auf dem Hügel neben der Werft stand ein weißhaariger Mann um die sechzig herum und betrachtete mit besorgtem Gesicht den Himmel.

»Sie wird eine Menge Wind auf die Nase kriegen, wenn sie heut kommt«, brummelte er vor sich hin. Er wartete auf die »Schwalbe von Ribnitz«, denn er war ihr Erbauer und Reeder. Gotthelf Monk hieß der Alte, aber niemand nannte ihn anders als Koggen-Monk. Ihm gehörte eine Schiffswerft, die nicht weit vom Wassertor der kleinen Stadt Ribnitz am Saaler Bodden lag, und die Schiffe, die von seiner Helling kamen, wurden weithin gerühmt als die schönsten und schnellsten auf dem ganzen Baltic. Seit einiger Zeit bestellten die Handelsherren meistens dickbauchige Holks, denn sie trugen mehr Fracht. Koggen-Monk selber hielt mehr von den schlankeren Koggen. Seine »Schwalbe« war ein großes Schiff von gut hundertfünfzig Last, fünfzehn Fuß länger als üblich und mit einem langen Achterkastell. Vor- und Achtersteven zeigten eine sanfte Rundung, setzten aber scharfkantig am Kiel auf. Das lange Kielholz ragte drei Handbreit weiter aus den Planken heraus als bei anderen Koggen. Darum ging die »Schwalbe« auch höher an den Wind.

Den Morgen über rannte Koggen-Monk voller Unrast auf seiner Werft herum und schaute von Zeit zu Zeit über den Bodden nach Swante Wustrow hinüber. Von dort musste die »Schwalbe« kommen. Auf der Helling streckte ein halbfertiger Holk sein Spantengerippe himmelwärts. Es roch nach Eichenholz und Pech, ein Geruch, der zu jeder Schiffswerft gehörte wie das Breitbeil zum Schiffszimmermann. Über die Hälfte der Planken waren schon genagelt. Koggen-Monk strich mit den Augen argwöhnisch an jeder Plankennaht entlang, fand aber nirgends etwas auszusetzen. Alles Holz war sauber gebogen, angepasst, gefügt und geglättet, ganz wie es sich für einen Schiffsneubau gehörte, der von seiner Helling ins Wasser gleiten sollte.

Um die Mittagszeit ruhten Hämmer und Breitbeile, denn die hungrigen Mägen verlangten ihr Recht. Die Männer hockten beieinander auf Planken und Klötzen und verzehrten ihr nicht gerade üppiges Essen.

»Was hat der Alte bloß«, sagte ein jüngerer Geselle. »Rennt aufgeregt wie ein Strandräuber herum und redet kein Wort. Nicht mal Guten Morgen hat er gesagt.«

»Still, Anton! Das verstehst du nicht. Koggen-Monk macht sich Sorgen wegen der ›Schwalbe‹. Sie ging nach Danzig, um Salz zu bringen und Bier zu laden als Rückfracht, dazu Eichenholz, Werg und Pech für die Werft. Sie muss heute zurückkommen. Und wenn der Wind sich zum vollen Sturm auswächst, kann selbst Jerk Fretwurst die Zeit nicht einhalten.« Diese Antwort gab der Altgeselle Jakob Permien und schob dann einen Löffel Brei hinter die schwarzen Zahnstummel.

»Dann wird der alte Jerk wohl an Land bleiben«, sagte ein anderer. »Wird höchste Zeit, dass er den Rest seiner Tage am warmen Herd sitzt!«

»Jerk Fretwurst versteht seine Sache immer noch besser als alle jungen Maate und Schiffer«, keifte Jakob Permien. Was gegen das Alter gesagt wurde, nahm er krumm. Glaubte er doch von sich selber, dass er es noch mit jedem jungen Mann aufnehmen konnte.

Gut hundert Schritt von der Werft entfernt nach Norden hinaus auf dem Sandhügel trieb jemand in der Mittagspause ein seltsames Spiel. Ein junger Mann war’s, eben siebzehn, mit schlaksigen Armen und Beinen und genauso mager wie ein Frühjahrshering.