Georg Hasler

Blütenstaubwirtschaft

Wenn Dinge zu Daten werden

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ISBN 978-3-7375-5777-1


Inhaltsverzeichnis (Print)


Vorwort - 1

Spuren lesen - 2

Fünf Millionen Feuerzeuge täglich - 7

Neunzehnhundertzweiundachtzig - 14

Vor elftausend Jahren in Anatolien - 21

Die Zwölfmilliarden-Revolutionen - 26

Daten sind anders als Dinge - 30

Wissen ist anders als Können - 35

Teilen ist anders als Tauschen - 41

Gemeinsam selbstständig werden -45

Open Source ermöglicht - 52

Von der Ampelkreuzung zum Kreisverkehr - 56

Geimpfte Zeit - 61

Geld verbindet - 64

Geld fesselt - 74

Menschen sind das, was Automaten nicht sind - 82

Ökonomie für Erwachsene - 87

Nachwort - 93


Vorwort

Die besten und schönsten Geigen sind nicht neu, sondern dreihundert Jahre alt. Von diesem Höhepunkt haben wir uns durch den Fortschritt weit entfernt.

Diese Feststellung war am Ende meiner Lehrzeit als Geigenbauer der Ausgangspunkt meiner Wanderschaft, um mehr über unsere Welt und diese Fortschrittsbewegung zu erfahren. Unterwegs bin ich zu der Ansicht gekommen, dass wir uns in einem grossen Durcheinander befinden. Wir träumen noch von der schönen Welt des alten Handwerks, wir verhalten uns brav nach den Regeln der Industrie, und wir leben tatsächlich bereits mitten im Informationszeitalter. Unsere alten Gewohnheiten, unsere aktuellen Gesetze und die gegenwärtige technische Realität passen nicht mehr zusammen. Ich meine damit zum Beispiel die Statusmeldung einer «städtischen digitalen Bibliothek» die besagt: «Dieses ebook ist zur Zeit ausgeliehen.» Das ist technisch gesehen so absurd, als hätten wir das Rad erfunden, um es auf dem Rücken herumzutragen. Dinge können ausgeliehen, Daten nur kopiert werden. Und das ebook ist kein Ding. Es ist als Datenpaket jederzeit und überall verfügbar.

Mich interessiert die Geschichte, wie es zu diesem Durcheinander gekommen ist, und die Frage, wie wir dieses «Rad» der Digitalisierung richtig nutzen könnten. Blütenstaub gibt einen Hinweis darauf.

Spuren lesen

In der Geigenbauerwerkstatt, früher als ich dort Lehrling war, haben wir uns in die Schönheit guter alter Instrumente versenkt. Der goldene, tiefe Schimmer einer schönen Lackierung sog uns hinein, und der Klang der angespielten Saite rief dieses besondere Kribbeln im Bauch hervor. Wir haben versucht, dem «Konzept» auf die Schliche zu kommen, das grosse Ganze zu ergründen und die Einfachheit der Schönheit zu verstehen.

Die Freude an der Vollendung einer neu gebauten Geige wurde meist schon bald wieder verdrängt durch eine Sinnkrise. Es war frustrierend, so plump und so weit entfernt vom wirklichen «Können» zu sein. Und das wiederum machte mich instinktiv wütend auf unsere analytische, gerasterte Maschinenwelt, die mir entgegenkam, sobald ich aus der Werkstatt trat.

Auf die Wut folgte natürlich wieder Hoffnung. Ich glaubte dann mit neusten Mitteln, ganz anders als alle anderen, und mit höchster Konzentration doch noch gute Geigen bauen zu können. Diese Hoffnung war unbegründet, hatte aber eine Ursache. Wenn man nämlich eine richtig gute alte Geige, zum Beispiel eine von Carlo Bergonzi (1683-1747), in der Hand hält, dann kann das in den Fingern ein elektrisierendes Gefühl erzeugen. Und für dieses Gefühl gibt man alles. Nicht nur Millionen.

Am Ende meiner Lehre konstruierte ich aus Holzplatten eine mechanische Kopierfräse fiir Geigen. Eine solche Maschine war berechenbar und allein ihr Funktionieren war bereits befriedigend. Natürlich hat sich an den Geigen dadurch nichts verbessert. Es war nur bequemer, mehr davon herzustellen. Vor allem aber hatte meine Position als Maschinenbauer etwas Erhabenes, besonders meinem Lehrmeister gegenüber, denn ich konnte ihm zeigen, dass sich Arbeit auch bequemer erledigen lässt als von Hand.

Es ist ein Genuss, seiner eigenen Maschine bei der Arbeit zuzuschauen und dabei über weitere Verbesserungen nachzudenken. Um dieses Gefühl noch zu steigern, programmierte ich später eine computergesteuerte 3-Achsen-CNC-Fräsmaschine. Es dauerte fast zwei Jahren bis auf diesem Wege wieder Geigen entstanden sind. Dafür ging die Herstellung nun viel schneller, und im Gegensatz zum Kopierfräsen konnte jede einzelne individuell konstruiert werden. Die Daten waren rasch geändert und die Fräsbahnen wurden automatisch neu berechnet. Das einzige Problem dabei war, dass ich mich fast nur noch mit dem Computer beschäftigte und den Blick für das Wesentliche an der Geige verlor. Das war dann auch das Ende der Geschichte. Die Geigen wurden gut, aber nicht besser.

Wo ist das über Jahrtausende entwickelte Handwerk geblieben? Ging es in so kurzer Zeit verloren? War sein Verlust der Preis fiir dieses angenehme Gefühl, den Maschinen bei der Arbeit zuschauen zu können? War es die Bequemlichkeit wert, dafür das Schöne und Echte zu opfern? Oder ist diese Frage zu naiv? Ist sie vielleicht Teil einer viel grösseren Geschichte? Was für einer Geschichte?

Die Welt meiner Kindheit war der Schrottplatz. Da habe ich gelernt, wie Dinge alt werden und warum sie kaputtgehen. Ich sah, wie der Zahn der Zeit die innere Qualität der Gegenstände erst richtig herausschält, ganz ähnlich wie bei Menschen, wenn sie älter werden. Ich lernte auch, was die Leute unbedingt loswerden wollten, welcher Besitz ihnen peinlich war. Der Schrottplatz ist der Abort der Konsumwelt, der Misthaufen, an dessen Konsistenz auch die Befindlichkeit der Konsumenten erkennbar ist.

Der Schrottplatz wurde zu meiner Geschichtenkiste, voller Dinge, die durch ihre Abnutzungen von sich selbst erzählten, bis eines Tages der Zugang zur Deponie aus Sicherheitsgründen den Kindern versperrt wurde. Da erwachte für mich die ganze Welt zum «Schrottplatz», zur Ablagerung von Leben, und die Menschen darin zu Spurenlesern und Interpreten dieser wundersam komprimierten Informationen.

Wahrend meiner Lehrzeit galt meine grösste Bewunderung den Fälschern. Sie waren nicht nur die besten Spurenleser, sondern konnten mit ihrem Wissen auch perfekte falsche Fährten legen. An neuen Geigen inszenierten sie eine im Prinzip realistische Geschichte, indem sie alles Mögliche, was einem Instrument in dreihundert Jahren widerfahren konnte, im Zeitraffer nachholten. Die Abnutzung beim Spiel, der Wurmfrass, der typische Riss beim Stimmstock, das versehentliche Draufsitzen — alles musste künstlich erzeugt und danach wieder real repariert werden, um die Spuren echt aussehen zu lassen.

Meine Hochachtung galt nicht dem Betrug, sondern der Fähigkeit guter Fälscher, den «Lauf der Dinge» ganz genau zu studieren und sich dadurch so nah an das Geheimnis der Zeit heranzutasten, dass sie beinahe imstande waren, «Wahrheit» zu erzeugen.

Nebst echten italienischen Geigen gibt es auch echte italienische Cafes. Trotz billiger Stühle und geschmacklosen Dekorationen, gibt es hier eine gute Stimmung, köstliches Gebäck und hervorragenden Espresso. Nicht nur Geigen, auch italienische Cafes können gefälscht werden. Diese sehen dann so aus, wie nicht-italienische Geschäftsleute denken, dass sich Nicht-Italiener italienische Cafes vorstellen. Das Resultat ist kontrolliert mit-telmässig und dient bei Geschäftserfolg als Vorlage für weitere Kopien. Rund um den Globus werden Städte dann mit denselben geklonten Cafes und ebensolchen Restaurants, Tankstellen, Kleiderläden und Fitnesscentern abgefüllt.

Kopieren ist praktisch. Die Sache muss nicht jedes Mal neu erfunden werden. Der Preis dafür ist aber hoch. Es fehlt die Seele, denn die Kopie ist viel zu plötzlich da. Es fehlt ihr die Zeit, um zu wachsen, Charakter zu bilden und würdig zu altern. Das gilt für ein Cafe genauso wie für eine hundertjährige Holzfassade. Beide verbinden sich mit dem Ort und der Zeit und nehmen Spuren von Wind und Wetter oder von Wirten und Gästen in sich auf. Wenn die Seele fehlt, wenn Dinge geschichtslos sind, ist die Welt fad und falsch. Es bleibt der Hunger nach Leben, nach dem guten alten Küchentisch und nach wahrer Schönheit. Und die entsteht nicht ohne echt durchlebte Zeit, ohne Überwindung von Hindernissen, ohne dem Widerstand des Realen und Paradoxen.

Warum konnten die Handwerker früher so gute Geigen bauen, und wir können es heute nicht mehr? Mindestens einmal im Jahr berichten Zeitungen, dass Antonio Stradivaris Geheimnis gelüftet sei. Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass sein Holz mit einem speziellen Pilz behandelt worden sei. Oder dass es am flössen des Holzes gelegen habe. Oder dass nun endlich die geometrische Konstruktion des Meisters entschlüsselt worden sei.

Als wissenschaftsgläubige Gesellschaft wünschen wir, dass sich alle Rätsel durch das entsprechende Wissen lösen lassen. Wir bräuchten nur ein ganz bestimmtes Rezept zu kennen - und schon könnten wir wieder gute Geigen bauen. Aber das Rätsel der guten Geigen ist nicht wie ein Puzzle, das mit genügend Geduld, Informationen und systematischer Kombinatorik gelöst werden kann. Der Schlüssel zum Rätsel der guten Geige ist kein Trick, sondern eine Fähigkeit. Und Fähigkeiten sind etwas Gewachsenes, über Generationen weiterentwickeltes, in Hände hineingeübtes Wissen.

Fünf Millionen Feuerzeuge täglich

Von wem, von wo und aus welchem Jahr eine Geige stammt, war in der Werkstatt jeweils die erste Frage an ein altes Instrument. Die Antwort lautete beispielsweise Carlo Testore, Milano, 1701. Praktischerweise stand dies bereits auf dem Etikett, das der Erbauer innen auf den Boden des Instrumentes geklebt hatte. Ob es sich dabei um ein echtes handelte, stellte sich als zweite Frage. In raffinierten Fällen war zwar das Etikett echt, dafür aber die Geige falsch - oder umgekehrt. Es war jedenfalls Tradition, diese einmaligen originalen Schöpfungen so zu besiegeln. Original war damals der Normalfall. Jeder Stuhl und jeder Waschlappen war original, weil fast alles jeweils einmalig von einer Person von Fland hergestellt wurde.

Bei einem industriellen Plastikfeuerzeug, Marke bic, Farbe Rot, ist es die falsche Frage, welches bic es denn sei, denn alle sehen genau gleich aus. Es wäre aber absurd, deswegen von Kopien oder gar von Fälschungen zu sprechen, denn solche Feuerzeuge können gar nichts anderes sein als Kopien. Das Original existiert nämlich gar nicht. Im Gegensatz zu einem alten Tisch und seinem Tischler ist beim fc-Feuerzeug kein Mensch, kein Feuerzeugmacher da, der das Feuerzeug gemacht hat. Da ist nur eine grosse Maschine, und die stellt jeden Tag fünf Millionen Stück foc-Feuerzeuge her. Eins wie das andere, seit 1973.

Seit der Zeit der alten Geigen scheint sich grundsätzlich etwas verändert zu haben, denn nicht nur bic-Feuerzeuge, sondern fast alle künsdichen Dinge erscheinen nun in grossen Massen. Als Spurenleser stellt sich die Frage nach der Ursache dieser Welt voller unzähliger exakt gleicher Dinge, so identisch wie die Abdrücke der Schuhsohlen beim Gehen auf feuchtem Boden. Vielleicht ist die gesuchte Ursache etwas ähnliches, ausser dass der «Schuh“ so raffiniert ist, dass sein Abdruck nicht nur eine Spur in der Erde ergibt, sondern jeder Abdruck gleich ein ganzes Feuerzeug in Plastik hinterlässt.

Schon im Kindergarten hatten wir aus halben Kartoffeln Stempel geschnitten, sie mit Farbe bestrichen und damit Tücher bedruckt. Das war ein mächtiges Gefühl! Einfach aufdrucken und fertig. Keine Kritzeleien mehr. Schöner als von Hand. Ebenso erhaben war auch das Gefühl beim Burgenbauen mit Eimerchen und feuchtem Sand am Strand. Damit konnten runde Türme in einem Schwung, tschagg und fertig, hingepflanzt und ganze Anlagen noch vor der nächsten grossen Welle aufgebaut werden. Und so gab es noch viele andere Tricks, um Dinge «schöner als von Hand» zu machen, vom Schablonenzeichnen über das Weihnachtskekseausstechen bis hin zum Geldstückedurchpausen.

Diese Kindergartenindustrie machte Spass und bereitete bei mir den Boden für die Bewunderung der grossen erwachsenen Männer mit ihren Riesenmaschinen, wie sie zum Beispiel mit einer 250-Tonnen-Presse und einem einzigen kräftigen Wumpf ein flaches Stück Blech