Kurz nachdem Shaukat »Shockie« Guru die Anweisung erhielt, die Explosion durchzuführen, ging er in die Gasse, in der er wohnte, und wusch sich das Gesicht unter dem offenen Wasserhahn außen am Gebäude. Dann ging er in sein Zimmer, setzte sich aufs Bett und grübelte. Das Zimmer war klein und staubvernebelt, der Gestank von chemischen Reagenzien hing schwer in der Luft (in der Gasse war vor Kurzem gebaut worden), die Wände waren nachlässig gestrichen. Nur ein Poster aus Rangeela mit Urmila Matondkar und ihrem glatt-glänzenden Bauch schmückte den Raum. Zwei Charpai standen dort, nur durch ein kleines Stück Terrazzoboden voneinander getrennt. Die Matratze unter ihm war dünn. Er spürte den Kokosbast durch die Baumwollklumpen.
Nach einer Weile ging er zurück in die Gasse, wo sich der Nachmittag mit Kleidung ankündigte, die zwischen den Gebäuden zum Trocknen rausgehängt wurde, und dem ganz speziellen, gähnenden Hupen, das Autos ausstoßen, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und das menschliche Treiben zwergenhaft erscheinen lässt. Er ging weiter zu einem öffentlichen Telefon und rief zu Hause an. Es war sein Ritual, zu Hause anzurufen, bevor er sich auf eine Mission begab. Seine Mutter glaubte, er sei Student in Kathmandu – jedenfalls ließ sie ihn glauben, dass sie das dachte –, und er wollte ihr die Möglichkeit geben, ihn zu retten. Sie ist die Einzige, die das Recht hat zu entscheiden, ob ich lebe oder sterbe, dachte er oft, wenn es in den Läden nach gekochter Milch roch – ja, das war der Geruch, den er mit seiner Mutter verband, und mit Kathmandu. Dadurch bekam Kathmandu einen süßen, plastikartigen Duft. Von allen natürlichen Substanzen hatte Milch den künstlichsten Geruch.
Shockie war der führende Bombenbauer der Jammu and Kashmir Islamic Force, die vom Exil in Nepal aus operierte. Er war ein sechsundzwanzigjähriger onkelhafter Typ, hatte katzengrüne Augen, feuchte Lippen und lockiges Haar, das sich auf seinem riesigen Eierkopf bereits lichtete. Die Arme unter seiner Kurta waren dick und stämmig. In den letzten vier Jahren hatte er Dutzende Inder aus Rache für die militärische Unterdrückung in Kaschmir getötet und damit das »Gewaltgebiet« der JKIF erweitert, wie es die Zeitungen nannten.
Jetzt drückte er den Hörer in der Telefonzelle fest an sein Ohr. Tief in einem Krater aus Stille klingelte auf der anderen Seite des Himalaya-Gebirges das Telefon. Das Telefon war ein Bohrer, der Leben ausfindig machte. Er stellte sich vor, dass er zu ihr sagen würde: »Du bist krank, soll ich kommen?«
Seine Mutter hatte ihr gesamtes Leben lang als Büglerin gearbeitet und einen Tumor im Bauch bekommen, nachdem sie jahrelang den heißen Kohlen in dem schweren, rot-glühenden Bügeleisen ausgesetzt gewesen war, ein Bügeleisen, das wie ein mittelalterliches Folterinstrument aussah, wie etwas, um einen Kopf damit einzuschließen. Niemand hatte sie heilen können. Und doch hatte sie sein Angebot jedes Mal abgelehnt. Diesmal wurde der Anruf erst gar nicht angenommen (es war nicht ihr Telefon – es gehörte Shockies Cousin Javed, der ein paar Minuten von seiner Mutter entfernt in Anantnag in Kaschmir wohnte). Schweiß verzerrte vor Shockies Augen die Luft in der stickig-heißen Telefonzelle mit ihren surrenden Telefonstimmen. Als er wieder in seinem Zimmer war, fragte er seinen Freund und Mitbewohner Malik: »Sollte ich nicht zu ihr fahren?«
Malik – ein im günstigsten Fall langsamer, bedächtiger, gequälter Mann von der Sorte, die gegen die Mühen der Welt tief auszuatmen scheint – sagte: »Du suchst nach einer Ausrede.« Er hatte sich auf seinem Charpai zusammengerollt.
»Ich habe Angst, dass sie wieder arbeitet. Mein Bruder hat kein Herz und kennt keine Gnade. Er hat nie einen Handschlag getan, als er erwachsen wurde, und er ist daran gewöhnt, dass man sich um ihn kümmert, und sie kümmert sich gern.« Er spuckte aus. »Glaubst du, diese Mission ist vernünftig?«
»Nicht vernünftiger oder weniger vernünftig als alle anderen.«
»Javed ist zum ersten Mal nicht ans Telefon gegangen«, sagte Shockie und zog den Reißverschluss seiner gefälschten Adidas-Kricket-Tasche auf.
Für eine Reise nach Delhi, um dort eine Bombe zu platzieren, braucht man nicht viel Gepäck, zumindest, was die Ausrüstung angeht. Das meiste, was man benötigt, kauft man dort. So kann einen niemand zurückverfolgen. Man zerstört eine Stadt mit dem Material, das diese bequemerweise zur Verfügung stellte. Aber jeder Revolutionär, der etwas auf sich hält, braucht Kleidung zum Wechseln, und Shockie kniete in seinem schäbigen Zimmer und steckte zwei zusammengefaltete Hemden und ein paar schwarze Hosen in seine Tasche. Er wusste, dass er auf der Reise Pyjamas und eine Kurta tragen musste – braune Lumpen. Er sollte aussehen wie ein Bauer, der zu einer Agrarkonferenz in der Nähe von Azamgarh in Uttar Pradesh unterwegs war.
Diese Agrarkonferenzen gehörten zu den faszinierendsten Dingen an Indien. Sie fanden mehrmals im Jahr an weit abgelegenen Orten des Landes statt. Tüftler und Spinner tauchten dort auf, verhökerten Erfindungen, die Bewässerungsprobleme und »Unwirtschaftlichkeiten« beim Pflügen lösen sollten; recht viele von ihnen behaupteten, Perpetua mobilia erfunden zu haben (Shockie erinnerte sich an eine Maschine, die wie ein Kalb mit einem schwingenden Bein aussah). Die Bauern, von den städtischen Indern als Tölpel abgetan, streunten in Gruppen umher, begutachteten die Maschinen, diskutierten die Details mit den Erfindern. Sie waren das Publikum dieser dröhnenden, unter Zelten auf erodierten indischen Feldern abgehaltenen Messen. Die Bauern waren durchweg argwöhnisch. Sie gingen nichts und niemandem auf den Leim. Shockie – der einmal eine Messe besucht hatte, um Rohre für eine große neue Bombe zu kaufen, die er für die Gruppe bauen sollte, sowie um Jutesäcke mit Ammoniumnitrat und anderem Dünger zu besorgen – war beeindruckt. Als er hörte, dass eine weitere Messe in Uttar Pradesh stattfinden würde, dachte er wieder daran und beschloss, sich als Bauer zu verkleiden. Er stopfte ein paar alte Bauernzeitungen in seine Tasche, dann tätschelte er sein Haar in Form, als müsse man ihm gut zureden, damit es mit ihm die Reise antrat.
Am nächsten Tag fuhr er zusammen mit Meraj, einem anderen Agenten, im Bus in Richtung der indisch-nepalesischen Grenze bei Sunauli.
Meraj und er trugen zerlumpte Kurtas. Der Bus brauchte normalerweise acht Stunden über die schlechten Straßen bis nach Sunauli. Heute brauchte er fast zehn. Die Landschaft, ein wildes Gekritzel aus rötlichen Terrassen und hervorsprudelnden abgeschiedenen Flüssen, kam auf den Bus zu und zerschmetterte ihn fast. Die umgegrabene Straße kündigte sich der Luft mit rotem Staub an. Pflanzen mit Plastiktüten auf den Köpfen verschränkten ihre Blätter und ergaben sich. Ein Baby im hinteren Teil weinte während der gesamten Fahrt. Shockie und Meraj rutschten auf dem Sitz herum, den sie sich teilten, und versuchten, sich genügend aufzuplustern, um Nepaler davon abzuhalten, sich neben sie zu setzen.
Als sich Meraj – ein abwesend wirkender Kerl mit einem entwaffnend dummen Gesicht, dem man nichts Schlechtes zutrauen würde – Schuppen aus dem Haar zupfte und an seinen Fingern schnüffelte, sagte Shockie: »Hör auf.«
»Okay«, sagte er und lächelte nervös. Aber er hatte Shockies Anweisung offensichtlich nicht verstanden und schnüffelte kurz darauf wieder an seinen Fingern.
»Damit«, sagte Shockie.
An der Grenze in Sunauli, einer Stadt, die in ihrem eigenen Unrat schwelgte, starrte sie der Polizist in der indischen Einwanderungskabine viel zu lange an. Shockie und Meraj blieben ungerührt, aber als sie schon fast draußen waren, rief der Polizist ihnen mit einem Mal hinterher: »Seid ihr Fleischfresser?«
»Wir sind Bauern. Das haben wir Ihnen schon gesagt«, antwortete Shockie ruhig.
»Aber ihr habt den terroristischen Glauben, richtig?«, fragte der Polizist. Er war ein Dandy, sein Schnurrbart entsprach der Größe seiner Augenbrauen. »Ich lebe unter euch Bastarden, und ihr seid alle Pakistaner. Jetzt haut ab.«
Shockie und Meraj gingen schnell auf die indische Seite und tauchten in einen Schwarm von Lkw-Fahrern ein. Als sie auf ein kleines Dhaba stießen, das in Plastik verpackte Sandwiches verkaufte, ließen sie sich schwer atmend auf das Rasenstück dahinter fallen. Meraj zählte Geld für Ketchup-Sandwiches ab, fummelte aber weiter mit den Scheinen herum.
Da brach es aus Shockie heraus: »Wie viel haben sie dir gegeben?«
»Zweitausend«, sagte Meraj.
»Zweitausend.« Shockie schüttelte den Kopf. »Meinst du, das reicht?«
Meraj lächelte immer noch – aber es war ein stumpfes, abwartendes Lächeln. »Das ist nicht schlecht.«
»Unfug«, sagte Shockie. »Weißt du, wie viel Abdul allein mit dem Laden einnimmt?« Abdul war der Anführer der Gruppe, ein dreißigjähriger Teppichladenbesitzer, der nebenbei an der örtlichen Schule unterrichtete. »Fünfzigtausend«, sagte Shockie.
»Echt, yaar?«
»Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Und das ist zusätzlich zu dem dana, was wir aus Karachi bekommen.« Dana war Falschgeld. Die Jammu and Kashmir Islamic Force war stolz darauf, gänzlich aus indischstämmigen Kaschmiri zu bestehen, aber sie erhielten Gelder von NGOs, die von der ISI, dem militärischen Nachrichtendienst der pakistanischen Streitkräfte, betrieben wurden. »Aber wozu mit uns teilen?«, fragte Shockie. »Wir sind nur kleine Leute. Wir machen nur Schokolade.« »Schokolade machen« war der Code für Bomben bauen. »Weißt du, das ist wie mit einem mundu, der im Restaurant dem Koch hilft. Wir bekommen genauso wenig Respekt. Wir sind Diener.« Er brach ein KitKat auseinander, das sie im Dhaba gekauft hatten. »Hör mal wie es knackt. Was für ein köstliches Geräusch. Es klingt wie Geld. Wahrscheinlich geben sie mehr für dieses Stück Schokolade aus, indem sie die Fabrik bauen, als sie uns für eine Schokolade geben.« Er steckte sich ein Stück in den Mund.
Meraj sah zu.
Shockie sagte: »Diese kleinen Schokoladen führen zu nichts.«
Meraj schüttelte abwesend den Kopf.
»Hörst du überhaupt zu?«, fragte Shockie. »Scheiß drauf. Mit dir zu reden, bringt gar nichts.«
Das war nicht unbedingt die beste Einstellung, schließlich würden sie bald zusammen fünf Stunden lang im Bus ins indische Gorakhpur fahren. Der Bus war ein nach Diesel riechendes Monster, dessen Sitze kurz davor zu sein schienen, sich aus der Verankerung vom Metallboden zu lösen. Shockie starrte wütend in die Landschaft, während Meraj seine Schulter vollsabberte. Wie war dieser unfruchtbare, staubige, unbarmherzige Teil der Welt nur zu seinem Leben geworden? Weil er für die Unabhängigkeit Kaschmirs kämpfte, war er seit zwei Jahren nicht mehr in Kaschmir gewesen. Er lebte im Exil, und er fürchtete (mit der ungebührlichen Sorge aller im Exil Lebenden), dass sich Kaschmir in diesen zwei Jahren verändert haben würde. Was, wenn es nun nach all den Kämpfen so aussah wie hier? Was, wenn das Grün erloschen und die friedliche Oberfläche des Dal-Sees zerstört war, das Wasser zerstoben, um stapelweise Leichen auf dem öden Seegrund preiszugeben?
Als er in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern aufgewachsen war, war er davon überzeugt gewesen, dass der Grund des Sees mit Leichen übersät war, dass sich die straffen Stiele einer jeden Lotosblume, einer jeder Wasserhyazinthe wie eine Schlinge um den Hals eines Ertrunkenen geschlungen hatte. Manchmal fuhren er und seine Freunde zum Angeln in einem Shikara raus und ließen ihre Hände durch das Wasser gleiten, zuckten aber zurück, wenn etwas sie berührte oder wenn sie einen kleinen roten Tropfen vorbeitreiben sahen.
Als Shockie wieder aus dem Fenster sah, war es Abend. Im Schlaf war ihm der Gedanke gekommen, dass vielleicht sogar Uttar Pradesh einst so hübsch gewesen war wie Kaschmir – nur um dann durch Kriege und Invasionen ausgeplündert zu werden.
Gorakhpur ist einer der schrecklichsten Orte im Universum. Das Beste, was man darüber sagen kann: Es ist dort immer noch besser als in Azamgarh, das bei einem inversen Schönheitswettbewerb zusammen mit Moradabad um den Titel der hässlichsten Stadt der Welt konkurrieren würde.
Shockie und Meraj stiegen aus und checkten in ihrem üblichen Hotel ein – ein ewig halb fertiges Betongebäude, das einmal eine Lagerhalle gewesen und mit Zimmern auf dem Korridor im ersten Stock gekrönt war. Es hieß nun Das Palace. (Obwohl sie es Udaas Palace nannten – den traurigen Palast.)
Ihr Zimmer war sogar noch furchtbarer als die in Kathmandu. Moskitoschwärme drangen durch die Spalte im Türrahmen – die Tür schloss nicht richtig. Meraj, der nach seinem Nickerchen im Bus ganz wach war, rieb sich am ganzen Körper mit Odomos ein. »Es gibt hier die Japanische Enzephalitis«, sagte er, hielt Shockie die Tube hin und kostete den Namen der Krankheit aus: Er hatte früher in einer Apotheke gearbeitet.
Schlecht gelaunt nahm Shockie die Tube an. Alexander der Große war an einem Moskitobiss gestorben, an Malaria, das wusste er.
Am Morgen, nachdem sie Tee getrunken hatten, den ihnen der offenbar einzige Hotelangestellte, ein Buckeliger, serviert hatte, besuchten sie den Jain.
Der Jain saß auf einem Kissen in einem makellosen Haus, makellos natürlich nur innen: Von außen war es ein aufgewühlter, um mehrere Achsen rotierender Müllhaufen, ein lebendiges Ding, wie es schien, durch das sich Ratten wühlten – oder vielmehr schwammen sie, ließen sich treiben in einem unwirklichen Paradies aus Nagbarem, wo Schweine die Plastikschichten und die verfaulten knittrigen Früchte mit ihren Schnauzen beiseiteschoben.
Aber das Haus des Jain, das wie ein gujaratischer kothi gebaut war, blieb davon unberührt. Der Jain war ein Berg von einem Mann mit glatter, kohlschwarzer Haut und einem kahlen Schädel, den zwei identische Haarbüschel zierten. Seine Nase bestand aus einem wunderschönen Chor winziger Poren. Er hatte große, dunkle Hände mit fast weißen Handflächen. Er kniete in einer weißen Kurta auf einem Kissen und balancierte seinen mächtigen Bauch vor sich her. »Ich musste mich einer Orchidopexie unterziehen, seht ihr – wisst ihr, was das ist?«, begann er. »Wenn sich einer der Hoden nicht mehr absenkt.« Er musste ungefähr neunundzwanzig, dreißig Jahre alt sein. Niemand in dieser Welt war sehr alt. »Jahrelang hatte ich große Schmerzen, und obwohl ich stark war, konnte ich nicht schnell laufen, ohne außer Atem zu sein und heftige Schmerzen im Oberkörper zu haben. Ich fragte mich immer, woran das lag.« Der Diener stellte drei tönerne Teetassen ab. Der Jain nahm seine Tasse zart in die großen Hände. »Seit der Operation habe ich so viel Energie. Ich kann fünf Kilometer joggen, ohne anzuhalten.«
Wo joggt der arme Kerl in dieser Müllhalde?, fragte sich Shockie. Aber Gesundheitskonzepte, westliche Konzepte, breiteten sich überall aus. Shockie war selbst vom Training besessen, er übte an einer Stange, die er an seinem Türrahmen befestigt hatte.
»Jedenfalls«, sagte der Jain und legte seine riesigen Hände auf die Oberschenkel, die so lang waren wie Kricketschläger, »ich habe es übertrieben, deshalb wurde mir geraten, mich zu erholen. Deshalb sitze ich auf diesem Kissen.«
Ein Deckenventilator sorgte über ihren Köpfen für einen leichten Luftstrom aus den Schichten schläfriger Luft. Es war dunkel in dem Wohnzimmer, eine willkommene Auszeit von der stechenden Maihitze Gorakhpurs.
Der Diener brachte einen VIP-Koffer mit Nummernschloss, und der Jain öffnete ihn in seinem Schoß. »Zählt nach«, sagte er.
Meraj und Shockie nahmen jeweils ein Bündel in die Hand und blätterten die Scheine durch. Shockie fühlte sich schläfrig und etwas delirös. Der Ventilator drehte sich, aber es gab nicht viel Luft, und der Geruch von frischem Geld machte ihn high. Er verzählte sich ständig, und ihm wurde klar, dass er gar nichts gedacht hatte, oder vielmehr daran gedacht hatte, was er dachte.
Als sie endlich das ganze Geld ausgezählt hatten, warfen sie es in ihre Tasche und gingen.
»Siehst du, was ich vorhin gemeint habe?«, fragte Shockie, als sie am Bahnsteig auf den Zug nach Delhi warteten. »Wir bekommen gerade mal ein Trinkgeld.«
Sie sollten das Geld bei einem Agenten in Delhi abgeben, es war Teil einer Hawala-Geldwäscheoperation, mit der die Gruppe unterstützt wurde.
»Aber das ist auch für Schokolade«, sagte Meraj und sprach mit der benommenen Klarheit, die die Menschen bei extremer Hitze überkommt.
»Einfach so, das ist für Schokolade? Wenn sie solche Geldmittel haben, warum, glaubst du, machen sie sich immer noch die Mühe, uns auf eine so lange Reise zu schicken? Schalt endlich mal dein Gehirn ein, Meru.«
Der Zug von Gorakhpur nach Delhi brauchte zwischen fünfzehn und dreißig Stunden, je nach Laune des Zugführers, Zustand der Gleise, Unfällen und zufälligen Ereignissen. Meraj und Shockie ließen sich in einem Dritte-Klasse-Schlafwagenabteil ohne Klimaanlage nieder. Shockie war müde und verzweifelt. So fühlte er sich immer, bevor es losging. Es war wie eine Vorabtrauer um sein Leben. Die vibrierenden Kojen, drei pro Wand, die schwermütigen Synthetikdecken auf den Kojen, voller Risse, die irgendwie zertrümmert wirkten und das spinnwebartige Aussehen zerschlissener Dinge hatten, die rasenden Räder unter ihnen, wie Wirbelsäulenleitern, die gepeitscht wurden, die erbärmlich stinkende Nässe, die eine Zugfahrt durch das gesamte Universum begleitet – all das sorgte dafür, dass sich Shockie leer fühlte. Der Teufel war eine Gefängniszelle, die ihn einem Schicksal zuführte, das er nicht begehrte, seine Kiefer verkanteten sich wie das verrostete Ende des Bügeleisens seiner Mutter.
Bougainvillea blühten hier und dort wie verrückt in der Landschaft.
Meraj schreckte in der Koje ihm gegenüber ständig auf und schlief wieder ein (beide hatten oberste Kojen), und Shockie betrachtete ihn voller Mitleid, Überraschung, sogar Zärtlichkeit: Der Mensch war dem Tier am nächsten, wenn er schlief oder versuchte, wach zu bleiben. Oder starb und um sein Leben kämpfte. Wovon träumt Meraj?, fragte er sich. Wahrscheinlich von denselben Dingen wie ich – seinem eigenen Tod – der Horror abgemildert durch die verdunkelnde Membran des Schlafs. Meraj war vor ein paar Jahren von der Jammu and Kashmir Police aus einer Apotheke gezerrt und geschlagen und gefoltert worden.
An trostlosen Bahnhöfen in den Untiefen des Subkontinents stieg Shockie aus und rauchte, betrachtete dabei den Schimmelpilz, der sich in die Wände fraß, und trat die verkrümmten, behinderten Bettler fort, die sich um seine Füße scharrten und von ihren Hindugöttern krächzten.
An der Old Delhi Railway Station, zwanzig Stunden nachdem sie Gorakhpur verlassen hatten, trafen sie einen Agenten. Der Agent war ein großer, breithüftiger, pickeliger, nervöser Kerl in engen schwarzen neuen Jeans. Shockie konnte ihn auf Anhieb nicht leiden. Er hatte diese aalglatte, besitzergreifende Haltung, mit der kleine Männer aus großen Städten manchmal großen Männern aus kleinen Städten begegnen. Er behandelte sie durchweg herablassend. Er half ihnen nicht mit ihren Kricket-Taschen. Er fragte sie, ob sie schon mal in Delhi gewesen waren.
»Ja, du Held«, sagte Shockie und formte seine gefühlvollen Lippen zu einem Grinsen.
»Wir gehen in unterschiedliche Richtungen und treffen uns am Auto. Es steht dahinten«, sagte der Agent, der Taukir hieß.
»Warum willst du, dass wir das tun?«, fragte Shockie.
»Man weiß heutzutage nie mit der Polizei.«
»Nein«, sagte Shockie. »Es ist sicherer, wenn wir zusammen gehen.«
Wenn man nicht erwischt werden wollte, musste man sich selbstbewusst geben, das wusste Shockie.
Sie gingen durch die lebensbedrohlichen Menschenmassen zum Auto. Von den hohen Stahldächern des Bahnhofs schossen Vögel herab, vorbei an einem Klettergerüst aus Sparren und Stäben. Menschen drückten und drängten, während die Züge durch ihre Strecken aus Scheiße und Pisse rasten, Plastik und Gummi hinter sich eigentümlich verbrannten und damit die Luft würzten. Der Bahnhof war so aufgebläht mit Menschen, dass der Verlust einiger kaum tragisch oder gar wichtig wäre.
Als Shockie von einer älteren Sikh-Frau, die einen Kuli in einen weinroten Zug führte, beiseite geschubst wurde, rief er: »Hey!«
»Beweg dich«, kreischte die Frau ihn an.
»Beweg du dich, du Hexe.«
Und dann war sie verschwunden, vom dunklen Schlund des Zugs verschluckt.
Gestärkt zündete er sich eine Zigarette an und dehnte die Schultern, während er das Feuer an die Gold Flake führte, die zwischen seinen Lippen hing. Ihm hatte die Unhöflichkeit Delhis immer gefallen.
Ein paar Minuten später saßen sie in Taukirs Maruti 800, und Shockie klammerte sich an den Plastikgriff über dem Fenster und sah hinaus. Delhi – in erlesene Betonformen gebacken – schwoll an, platzte, breitete sich aus. Es ergab keinen Sinn – die Unendlichkeit, die Ausweitung. In Kaschmir konnte man jede Stadt, egal, wie verwirrend sie war, zurechtschrumpfen, indem man von einem Hügel auf sie hinabschaute. Delhi – flach, brennend, durcheinander, aus Blech und Abdeckplanen zusammengeschustert, sich auf den unfruchtbaren Ebenen im Norden ausbreitend – bot keine Erholung von sich selbst. Delhi hörte nie auf. So waren auch die Häuser an der Straße: zusammengepfercht, die Balkone mit Fahrrädern, Kisten, Besen, Töpfen, Wäscheleinen, Eimern vollgestopft, die Stadt bildete sich exakt selbst nach bis hinunter zur kleinste Zelle. Auf einem Balkon stand ein Junge mit Rotznase, der einem anderen zuwinkte. Eine Frau mit einem breiten Hintern saß rittlings auf einem Hocker neben einem geparkten Roller; sie schälte Zwiebeln auf einen Blechteller und lachte. Vor städtischen Wänden, die mit Bildern bewaffneter Götter bemalt waren, um Männer vom Urinieren abzuhalten, urinierten Männer. Delhi. Scheiße. Ich liebe es auch.
Taukir lebte mit zwei altjüngferlichen Schwestern und seiner Mutter zusammen, deren Augen vom grauen Star ganz verträumt wirkten. Die Damen servierten ein warmes Mittagessen aus wässrigem Dal und Tinda und Ghia, aber Shockie war so aufgeregt, dass er kaum essen konnte. »Nein, nein, das reicht!«, rief er immer, wenn die jüngere der Schwestern, nicht unattraktiv, ihm ein Stück Brot gab. Der Mann und sein Haus schienen sehr modern, mit vielen billigen Uhren, die die Wände zierten; man hatte den Eindruck, dass die Familie ihr gesamtes Geld für Kleidung ausgab. »Wann können wir die Zutaten für die Schokolade kaufen?«, fragte Shockie Taukir.
Shockie war sich nicht sicher, wie viel die Schwestern wussten; trotzdem fühlte er sich stolz und selbstsicher, so aufgeblasen wie das Phulka, über das er sich auf seinem Blechteller hermachte.
Taukir lieferte einige Ideen, wohin sie gehen könnten.
»Der Chawri Bazaar ist besser als das alles«, sagte Shockie.
Nachdem er sich den Mund mit einem Handtuch abgewischt hatte, gab er Meraj ein Zeichen, und sie gingen los, um die Materialien zu kaufen.
Eine Autobombe stellt man aus einer 9V-Batterie, einem Flüssiggas-Zylinder, einer Uhr, einem Transformator, einer Sprengkapsel und vier Metern Kabel her – rot und gelb, um die Schaltkreise auseinanderzuhalten. Der Zylinder kommt dann auf den Notsitz, während die Verkabelung und die Zeitschaltuhr unter die Haube gepackt werden.
Die Uhr zu kaufen war leicht – sie bekamen sie in einem Laden in Chandni Chowk, das Rote Fort ein erbarmungsloses Trugbild in der Ferne. Die 9V-Batterie kauften sie bei einem Elektriker in Jangpura, wo zwischen rußverschmierten Tischen ein alter punjabischer Mann mit elterlichem Stolz auf jedes Teil saß. Shockie verstand den Kerl. Er selbst hatte eine gewisse sinnliche, ja feminine Freude daran, die Materialien für eine Bombe zu kaufen; er hätte ebenso gut ein Mann sein können, der Hochzeitszubehör für seine Lieblingsschwester kauft. Aber er musste seinen Instinkt fürs Feilschen und seine Fröhlichkeit auf ein Minimum reduzieren. Man musste so wenig Eindruck wie möglich hinterlassen, und es war sehr wichtig, Material von höchstmöglicher Qualität zum tiefstmöglichen Preis zu bekommen. Schließlich wollte man nicht, dass die Bombe einfach nur – fump – verpuffte, wenn es so weit war – so etwas passierte ständig, selbst den besten Bombenbauern. Natürlich war es auch Shockie schon passiert. Eine seiner Bomben war missglückt und hatte nur einen kleinen Feuerrülpser ausgestoßen. Auf einem Markt in Jaipur war es geschehen. Er rannte weg, bevor man ihn schnappte, aber er hatte sich zwei Finger verbrannt, die an den Enden abgetrennt werden mussten. Er hatte auch etwas Gefühl in der Hand verloren, aber es war zu seinem Besten. Es zeichnete ihn als jemanden aus, der es ernst meinte. Wenn sich Bombenbauer untereinander trafen, sahen sie sich unweigerlich die Hände des anderen an.
Taukir begleitete sie auf diesen Ausflügen und wirkte dabei abwechselnd wach und schlaksig, und dann niedergeschlagen und abwesend, den einen Arm hinter den Rücken gelegt und die andere Hand auf diese lustlose, halb lockere, halb gezüchtigte Art umschlungen, die das Kennzeichen gelangweilter Menschen im Leerlauf ist.
Sie kauften als auffällige Dreiergruppe ein, weil die indische Polizei Terroristen oft aufgrund von Indizienbeweisen anklagte und sie mit Aussagen dranzukriegen versuchte wie: »Warum hat er allein eingekauft und sich dabei ein Tuch übers Gesicht gezogen?« Deshalb argumentierten die Revolutionäre: Wenn drei Leute eine Tätigkeit für eine Person ausführten, bekämpfte man die Logik der Polizei mit der eigenen Unlogik.
Nachdem sie zwei Tage lang in unterschiedlichen Teilen Delhis eingekauft und die Materialien auf dem Boden eines Zimmers in Taukirs Haus ausgelegt hatten – ein Zimmer, das offensichtlich den Schwestern und der Mutter gehörte, die man einen Tag nach Shockies und Merajs Ankunft in ein Dorf geschickt hatte –, sagte Shockie: »Dann sehen wir uns jetzt mal das Auto an. Steht es noch draußen?«
Taukir machte ein unverbindliches Geräusch.
»Du hast es woanders geparkt?«, fragte Shockie, stand von seinem Stuhl auf und strich sich das lockige Haar glatt, eine unnatürliche Bewegung für einen Mann, der die Bäusche und Löckchen seines Gefieders so sehr mochte.
»Jawohl, Sir, das ist mein Auto«, sagte Taukir, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.
»Und wo ist das Auto für uns?«, fragte Shockie.
»Na ja, das müssen wir noch stehlen.«
»Verstehe«, sagte Shockie. »Dann geh ich mal los und stehle uns eins.«
Bevor Taukir reagieren konnte, war Shockie schon aufgestanden und auf dem Weg nach draußen. Er ging zu Taukirs Maruti, mit dem sie vom Bahnhof gekommen waren. Wie alle anderen Fahrzeuge in Delhi handelte es sich um ein zerbeultes und verdrecktes Exemplar, so heruntergekommen wie ein alter Zinken.
Als würde er eine Untersuchung vornehmen, schob Shockie seine Faust durch die Frontscheibe. Das Fenster brach weg, die kristalline Fraktur blutverschmiert von seinem haarigen Arm.
»Nein!«, rief Taukir und rannte nach draußen. »Was machst du da, Sir?«
Aber Shockie sagte nichts, er ging einfach weg. Bluttropfen fielen zu Boden.
Die Maihitze war fürchterlich, sie missachtete jede Privatsphäre und zwang einen in sich selbst zurück. Shockie schloss die Augen vor den grausamen, prähistorischen Explosionen der Sonne. Als er nach einem öffentlichen Telefon Ausschau hielt, von dem aus er das Hauptquartier anrufen konnte, um die Mission abzubrechen – er hatte seine kleine Wunde mit einem Taschentuch verbunden –, fluchte er leise. Sie wollen verdammt noch mal Frieden, aber dass alles so verdammt billig sein soll, wird sich nie ändern.
Als Shockie von Kathmandu aus zu dieser Mission aufgebrochen war, hatte man ihm versichert, er würde kein Auto stehlen müssen – er hatte ein solches Verbrechen zuvor schon einmal fast in den Sand gesetzt, und abgesehen davon verabscheute er alle Aspekte des Jobs, die ihn dazu brachten, sich wie ein gemeiner Krimineller zu fühlen.
Gutka-Päckchen baumelten vor einem Laden wie Fäden an einem Brautschleier. Im Laden angelte der Besitzer Sachen mit einer Stange von den Regalen. Shockie wollte den Mann gerade fragen, ob er wusste, wo er ein Telefon finden könnte, als sein Blick auf einen anderen Maruti 800 fiel, der auf dieser Straßenseite geparkt war – ein hässliches, kleines blaues Ding mit weinroten Polstern, getönten Scheiben und buntem Plastikblumendesign, das oben auf die Windschutzscheibe geklebt war.
Auf der Straße drängten sich Roller- und Radfahrer.
In Sekundenschnelle sprang Shockie zu dem Wagen, wappnete sich gegen den Ansturm von Fahrzeugen und Menschen, und legte dann mit einer flinken Bewegung, die jeden, der den onkelhaft und redlich wirkenden Kerl aus der Ferne beobachtet hätte, entsetzen würde, seine Hände auf den Tankdeckel, schob eine Klinge unter das Metall, stemmte es mit ganzer Kraft auf und riss den Deckel ab.
Jeder Muskel in seiner linken Hand – seiner stärkeren Hand, nach dem Debakel in Jaipur – brannte wie Feuer. Mit schweren Schritten ging er durch den Verkehr zu Taukirs Haus zurück und hielt den Tankdeckel in der Hand.
Im Haus spielten Meraj und Taukir in mürrischer Stille auf dem Sofa Karten. Das Licht drang staubig durch die alten punjabisch anmutenden Fenstergitter des Hauses. Das Sofa bestand aus zwei stählernen Truhen, die man zusammengefügt und mit einem Dhurrie bedeckt hatte.
»Während ihr hier rumsitzt, hab ich den Job erledigt«, sagte Shockie beim Eintreten. Er reichte ihnen den Tankdeckel.
»War der Wagen in der Nähe?«, fragte Meraj und drehte ihn um.
Taukir wandte den Blick ab.
»Gebt mir was zu trinken und lasst einen Schlüssel anfertigen«, trug Shockie ihnen auf.
Während Taukir und Meraj losgingen und sich um den Schlüssel kümmerten (dies war eine Schwachstelle im Design des 800er: Mit dem Schlüssel für den Tankdeckel ließ sich auch der Motor starten), schlemmte Shockie im örtlichen Dhaba und bewunderte die Frauen, die mit ihren gefräßigen Ehemännern an den Tischen saßen.
Er wollte seinen Penis in deren Ehefrauen rammen. Er stellte sich vor, wie er die Frau des Dhaba-Besitzers auf einen Tisch warf und ihr die Kurta vom Leib riss. Wenig später ging er zu ihr und bat um ein weiteres Paratha. »Nur eins?«, fragte sie. Sie trug einen Nasenring und war offensichtlich frisch verheiratet.
»Ja, Madam«, antwortete er mit der übersteigerten Höflichkeit eines Mannes, der sich gerade vorgestellt hatte, sie zu vergewaltigen.
Meraj und Taukir kamen mit einem neuen Schlüssel zurück.
Aber am Morgen, als die drei Männer durch die Straßen zu der Stelle gingen, an der Shockie den blauen Maruti gefunden hatte, war er weg.
»Verfickte Scheiße«, sagte Shockie. »Ich dachte, der gehört diesem Ladenbesitzer. Er muss eine Straße weiter stehen.«
Nachdem sie stundenlang gesucht und die Umgebung mit einer Autorikscha abgefahren waren, hatten sie ihn immer noch nicht gefunden.
Nachdem nun ihre geistigen Rechnungen beglichen waren, taten sie, was sie eigentlich gleich hätten tun sollen – sie fuhren nach Nizamuddin, eine reiche Gegend. Dort fanden sie ein heruntergekommenes Auto, das vor einem schicken Haus verwaiste. Sie stahlen den Tankdeckel, ließen den Schlüssel nachmachen (in einem anderen Laden), kamen einen Tag später zurück und fuhren es weg.
In einer Gasse in der Nähe von Taukirs Haus schraubten sie die Nummernschilder des gestohlenen Autos ab, packten Drähte unter die Motorhaube und legten den Gaszylinder auf den Rücksitz. Wie jemand, der Blütenblätter auf ein Bett streut, befüllte Shockie den Notsitz finster entschlossen mit Nägeln und Kugellagern und Schrottteilchen. Er bereute zutiefst, kein Ammoniumnitrat zu haben – es wäre gut gewesen, die Agrarmesse zu besuchen und einen Sack zu kaufen. Dünger war explosiver als natürliches Gas.
Dieser Teil der Operation war der gefährlichste – noch furchteinflößender, als in Delhi Amok zu laufen und wahrscheinlich die Polizei im Rücken zu haben. Bombenbauer werden, wie die meisten Menschen, nicht durch andere, sondern durch sich selbst zerstört. Shockie kannte unzählige Geschichten über Bombenbauer, die Augen, Gliedmaßen, Hände, Schwänze bei vorzeitigen Explosionen verloren hatten; er kannte Agenten, die es fertiggebracht hatten, ihre Gesichter so zu verkokeln und anzubrennen, dass sich ihnen noch monatelang die Haut in kleinen Streifen bis über den Hals abpellte. Sie sahen aus wie hässliche Ghule und waren nicht mehr in der Lage, die anonyme Arbeit der Revolution durchzuführen, ohne die mitleidigen, neugierigen Blicke Schaulustiger auf sich zu ziehen – dieselben Blicke, von denen man hoffte, dass sie sich auf die Krater richten würden, die man zurückließ.
Selbst die Größten waren nicht vor diesem Fluch der Bombenbauer gefeit, das wusste Shockie. Zum Beispiel Ramzi Yousef. Er flog 1993 ohne Visum nach New York, schlich sich ins Land, nachdem man ihn aus einem Gefängnis für illegale Einwanderer in Queens entlassen hatte (es war überfüllt), und dann, nachdem er in New Jersey auf dem Land ein paar Übungsbomben mit Dünger gezündet hatte, heuerte er einen Mann in der örtlichen Moschee an, damit dieser einen gemieteten Lkw randvoll mit Sprengstoff in die Tiefgarage des World Trade Centers fuhr.
In der Nacht, in der die Bombe explodierte und den ersten Turm schwer erschütterte, aber nicht einstürzen ließ, Tausende verletzte, aber nur drei tötete, flog Yusuf erster Klasse mit Pakistan International Airlines über die Rauchschwaden seiner Explosion. Alles gut so weit. Aber dann kam er in Pakistan an und versuchte, Benazir Bhutto zu ermorden, und landete mit Verbrennungen im Krankenhaus (die Rohrbombe, die er hergestellt hatte, flog ihm um die Ohren, als er versuchte, das Bleiazid im Rohr zu reinigen). Die Polizei verdächtigte ihn, und er musste fliehen. Ein Jahr später fand er sich in Manila wieder. Jetzt lautete sein Plan, den Papst, der zu Besuch war, und Bill Clinton, der kommen wollte, um den Papst zu übertrumpfen, zu ermorden. Seine Kameraden und er hatten Roben und Kreuze dabei, mit denen sie sich selbst verchristlichten. In einem Flieger von Manila nach Tokio probierte er eine neue Vorrichtung aus, einen winzigen, aus einer Casio Data-Bank-Uhr hergestellten Sprengkörper, den er unter seinem Sitz anbrachte. Bei der Zwischenlandung am Flughafen von Seoul stieg er aus, und ein japanischer Geschäftsmann nahm seinen Platz ein. Mitten in der Luft, auf dem Weg von Seoul nach Tokio, explodierte der Sitz, und die Innereien des Geschäftsmanns verzierten das Innenleben des Luftfahrzeugs. Der Flieger schwankte schwer durch die Luft wie ein mutloser Feuerwerkskörper, stürzte aber nicht ab.
Als er wieder in seiner Wohnung in Manila war, kochte Yousef – unverwundbar, ein Genie des Terrors, vielleicht der größte Terrorist, der je gelebt hatte – eine böse Chemikaliensuppe auf dem Herd. Oder nein. Er kochte sie, um Beweise zu vernichten. Aber während die Chemikalien verdampften, bildeten sich riesige Rauchschwaden, und seine Kameraden und er verschwanden verängstigt aus der Wohnung, wo sie Chemiebücher, Kanister mit Düngemittel, Pässe, Drähte, Rough-Rider-Kondome zurückließen.
Yousef konnte nach Pakistan fliehen, wurde aber später in einem Hotel in Islamabad festgenommen, als er gerade sein Haar mit Gel aufpolsterte, nachdem er einer Puppe Sprengstoff in den Arsch gesteckt hatte.
Ein Genie des Terrors. Shockies Herz pochte wild. Er wollte wie Yousef sein, der kaschmirische Yousef, aber selbst Yousef, der Amerika in Angst und Schrecken versetzt hatte – der fast ein Gebäude zum Einsturz gebracht hatte, das den Himmel wie ein Finger einzukerben schien, der versucht hatte, Flugzeuge über dem Pazifik in die Luft zu jagen und den Papst zu ermorden –, selbst Yousef war nicht unfehlbar.
Shockie betete, während er die Kabel im verrosteten Inneren des Wagens verlegte. Wie viele Wagen reicher Leute war dieser schlecht gepflegt.
Er pustete den Staub vom Motor und atmete die reichhaltige Benzinschwärze ein. Er sorgte dafür, dass die anderen beiden Männer neben ihm standen, während er sein Gesicht riskierte.
Die Bombe explodierte nicht während des Zusammenbaus. Aber hinterher war er müde; er hatte Kopfschmerzen, und seine Arme taten ihm weh – mehr noch als vor Kurzem, als er mit aller Gewalt den verschorften Tankdeckel aus dem Rumpf des Maruti herausgebrochen hatte, und er lag die ganze Nacht mit pochendem Kopf auf dem Bett der alten Jungfern wach, und die Stadt machte sich mit all ihren Millionen nächtlichen Hupsignalen über ihn lustig, während er sich fragte: Was wird es nützen? Verderbe ich es, wenn ich nicht schlafe? Werde ich zu entnervt sein, um die Explosion auszulösen?
Am nächsten Abend fuhren sie den Wagen zum Marktplatz. Sie hatten gebadet, und sie waren in die Moschee gegangen, um zu beten – sogar Shockie, der Beten geschmacklos und weibisch fand. Sie trugen gute Kleidung und hatten sich mit dicken Brillen und falschen Schnauzbärten maskiert (Meraj trug eine Sonnenbrille, um sich abzusetzen). Sollten sie gefragt werden, was sie vorhatten, würden sie sagen, sie wollten etwas zum Anziehen und Geschenke für die Hochzeit ihrer Schwester kaufen. Sie hatten sogar ein gefälschtes Hochzeitsalbum mit Bildern einer Frau mitgebracht (keine Fotos von Taukirs Schwestern, sondern von einem zufällig ausgewählten Model, die sie von den Wänden eines verwahrlosten Fotostudios gerissen hatten), um zu zeigen, dass sie versuchten, passende Armreifen zu ihrer Dupatta zu bekommen.
Shockie hatte mitten in der Nacht, weil er nicht schlafen konnte, zu dieser Frau masturbiert und seine Fantasie zu Ende gespielt, die mit der Frau des Dhaba-Besitzers angefangen hatte.
Auf dem Markt war es voll – wie er gehofft hatte. Es war Sonntag. Vorsichtig fuhren sie durch den Hindernisparcours aus Fußgängern und Radfahrern und Marktkarren. Sie erreichen den Hauptplatz des Lajpat Nagar Markts – falls man ihn Platz nennen konnte. Die Seiten und Ecken des Marktplatzes waren von Gebäuden und Buden eingenommen und aufgeweicht worden, und in der Mitte gab es einen mit einem rostigen Zaun umgebenen Park, auf dessen braunem Hügel, wo einst Gras gewachsen war, sich nun Müll ansammelte. Shockie war mit der Wahl des Schauplatzes zufrieden. Er war bereits auf einer vorherigen Delhi-Reise in Lajpat Nagar gewesen und hatte mit seinem Freund Malik zusammen entschieden, dass dies ein hervorragendes Ziel wäre.
Sie parkten den Wagen vor Shingar Dupatte, einem Damenbekleidungsgeschäft.
Von nervösen Tics befeuert stiegen sie aus dem Wagen. Shockie glättete sein Haar, Meraj setzte die Sonnenbrille auf, und Taukir klopfte sich Staub von den engen schwarzen Jeans.
Wie aus dem Nichts erschien ein Mann vor ihnen. »Sie können hier nicht parken«, sagte er.
»Sir?«, sagte Shockie.
»Mein Sohn muss hier parken.« Dem Mann gehörte Shingar Dupatte – er war ein kleiner, glatzköpfiger Kerl mit Schnauzer und granitartigem Kopf, auf dem jeder Braunton vertreten zu sein schien.
»Und wer ist Ihr Sohn? Der König von Delhi?«, fragte Taukir.
»Komm schon, das ist in Ordnung«, sagte Shockie.
Zuerst war er entsetzt darüber, dass Taukir riskierte, sich durch einen Streit in das Gedächtnis des Mannes einzubrennen, aber später war er dankbar dafür: Taukir hatte sich so benommen, wie es jeder unhöfliche Bewohner von Delhi getan hätte, und außerdem waren sie verkleidet.
Als er nun wieder ins Auto stieg und den Rückwärtsgang einlegte, sagte Shockie: »Das nächste Mal bist du still.« Es war bereits die schlimmste Mission, auf der er je gewesen war, fand er: Bilder von Polizisten, von Folter, von seinem Leben, das mit einem Mal in Delhi ein Ende finden würde, überschwemmten seinen Kopf. Der einzige Ausweg würde sein, nah genug an Shingar Dupatte zu parken, sodass der neugierige, unverschämte Ladenbesitzer – und sein Sohn – getötet wurden. »Ihr steigt jetzt aus, und ich parke. Der Typ kommt sonst wieder raus und will, dass wir wegfahren.«
Sie taten, wie ihnen befohlen war, und Shockie stellte den Wagen vor einem Bilderrahmenladen ab.
Sein Blick fiel auf die Ölgemälde im Laden, sie zeigten Berge – gelbliche und farbverschleimte Dinge, ein goldener Ganesha, ein Christus am Kreuz, eine Dorffrau aus Rajasthan. Es war wie der Flashback, den ein Mann haben könnte, während er stirbt, all diese seltsamen, bedeutungsvollen Objekte, die über den Köpfen summender, kommerziell aktiver Menschen ins Blickfeld wirbeln.
Er parkte, sprang aus dem Wagen und ging weg. Er drückte auf eine kleine notdürftige Antenne in seiner Hand und aktivierte den Timer, der so programmiert war, dass er in fünf Minuten losgehen würde. Der Besitzer des Bilderrahmenladens sah ihn an, aber Shockie lächelte und winkte zurück – als wäre er ein Stammkunde –, und der Mann, der fett hinter einer dieser Theken mit Geldschublade saß, wirkte verwirrt, lächelte dann aber ebenfalls und winkte zurück.
Shockie entfernte sich vom Hauptplatz. »Nicht hinsehen. Weitergehen«, sagte er den anderen beiden, als er sie in einer Gasse traf. Nach einer Weile erreichten sie die Hauptstraße.
Aber der Markt – auf dem Markt lärmte es wie sonst auch. Es gab keine Störung, keine Explosion, nichts. »Scheiße«, sagte Shockie. »Aber warten wir’s ab.«
Sie fädelten sich durch die dunklen Gassen, schwitzend, mit schlechtem Atem. Unruhig zerschmolzen sie in der stickigen Hitze. »Es muss an der Gasflasche liegen«, sagte Shockie schließlich, als ihm klar wurde, dass die Bombe nicht hochgegangen war. »Ich gehe zurück und hole den Wagen«, sagte er. »Irgendwas muss schiefgelaufen sein.« Er schämte sich. Die Blicke seiner Kameraden waren auf ihn gerichtet. Versagen war Versagen – Erklärungen halfen gar nichts. Seine Großspurigkeit war in sich zusammengefallen.
»Wir kommen mit«, sagte Meraj.
»Ihr hättet mir helfen sollen, als es nötig war«, sagte Shockie. »Was bringt es jetzt noch?«
»Aber was ist, wenn du im Auto sitzt und sie explodiert?«, fragte Taukir.
»Dann tu mir den Gefallen und sage, dass ich mich absichtlich geopfert habe.«
Der Wagen war noch immer da, als er zurückkam. Nur aus Show betrat er den Bilderrahmenladen. »Wie geht es Ihnen?«, fragte er und legte seine Handflächen für den Besitzer aneinander.
»Gut, gut. Das Geschäft läuft prima – was will man mehr?«
Der Besitzer war hellhäutig und hündisch, Sorgenfalten überzogen seine Stirn. Er machte ein ernstes Gesicht, als hätten ihm die vielen Rahmen, die ihn umgaben, bewusst gemacht, dass er sich selbst zum Objekt gemacht hatte, selbst betrachtet wurde.
Shockie ging zum Wagen zurück. Als er den Motor startete, hatte er Tränen in den Augen. Instinktiv wappnete er sich und legte eine Hand über seinen Schwanz.
So würde es also enden. Er legte den Gang ein und fuhr rückwärts aus der Parklücke.
»Ich weiß jetzt, warum es nicht hingehauen hat«, sagte Shockie, als sie wieder bei Taukir zu Hause waren.
»Warum?«, fragte Taukir und fühlte sich Shockie sehr viel näher.
Shockie zeigte auf die gelben Drähte, die er von der Vorrichtung unter der Motorhaube gekappt hatte, wand sie zu einer Schlaufe, als wären sie ein bestraftes Tier, das bei den Ohren genommen wurde. Sie waren in der Hitze ausgefranst.
»Dann gehen wir einfach morgen hin und versuchen es noch einmal«, sagte Meraj gereizt. Er wünschte sich einfach nur, die Mission wäre vorbei.
»Können wir nicht«, sagte Taukir. »Montags ist kein Markt. Aber Dienstag ist ein großer Tag, weil es der Tag ist, nachdem einen Tag lang kein Markt war.«
»Am besten schicken wir der Basis eine Nachricht«, sagte Meraj schläfrig. »Die Wahl ist in vier Tagen.« Die Bombe in Delhi sollte ein Signal an die Zentralregierung sein, wegen der Wahlen, die sie in Kaschmir organisierten.
»Sag ihnen, es gab ein Problem mit der Verdrahtung«, antwortete Shockie. »Das werden sie verstehen.«
Aber Shockie fühlte sich geläutert. Sie waren alle geläutert und voneinander enttäuscht. Als Männer, die gemeinsam versagt hatten, wünschten sie sich nichts dringlicher, als die anderen nie wieder sehen zu müssen.
Am Dienstag ging Shockie allein zum Markt. Aber diesmal hatte er keine Freude daran. Die Luft war raus. Und er konnte die Gesichter des Bilderrahmenladenbesitzers und des Besitzers von Shingar Dupatte sehen, wie sie reagieren würden, wenn die Bombe explodierte; und er war traurig, so wie man es immer war, wenn man die Opfer auch nur ein kleines bisschen kannte.