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Dirk Westphal

SAVANTNINJAS

Teil 4

Am Gletscher der Zeit

Die wissenschaftliche Bedeutung des Wortes Savant wurde in diesem Fantasy-Roman sehr viel weiter gefasst, als es in der Realität der Fall ist. Es sollte hier also nicht mit allzu ernsthaftem Forscherverstand gelesen werden. Das aus dem Französischen stammende Wort bezeichnet Menschen mit sogenannten Inselbegabungen, die sie zu besonderen Leistungen befähigen. Einige der im Buch vorkommenden Charaktere haben jedoch weit darüber reichende Gaben.

Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten ist Zufall und in keiner Weise beabsichtigt.

Copyright: © 2017 Dirk Westphal

Satz & Umschlaggestaltung: Erik Kinting

Titelbild: © adimas – Fotolia.com

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

978-3-7439-4449-7 (Paperback)

978-3-7439-4450-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt.

Patricius, 1516

Was in den vorherigen Bänden der SAVANTNINJA-SAGA geschah:

Der Amerikaner Jeffrey Tesla leitet einen Geheimbund, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Dazu haben Mitarbeiter von ihm wichtige Schaltstellen in Militär, Wirtschaft und Regierungen in Besitz genommen. In vielen Ländern der Welt wurde der Notstand ausgerufen. Tesla wähnt sich bereits am Ziel der totalen Machtergreifung, als eine außerirdische Macht auf den Plan tritt.

***

Dieses Buch wurde verfasst ohne Anspruch darauf zu erheben, den neusten Stand der Forschung etwa in Bezug auf eine Verlängerung der natürlichen biologischen Lebensspanne wiederzugeben. Wurden wissenschaftliche Begriffe oder Erkenntnisse der Forschung verwendet, dann nur, um einen groben Rahmen für die Handlung aufzubauen. Alle Personen und viele der Orte sind frei erfunden.

Anmerkung des Autors: Dieses Buch wurde so angelegt, dass der Leser ohne Kenntnis der ersten drei Bände der Savantninja-Saga einsteigen kann.

Personenregister

Caschell – Der Körperlose durchstreift die Ewigkeit

Elorel – Eine Gibb handelt gegen ihr Volk

Arjen Bleurejes – Holländischer Forscher mit wundersamen Erlebnissen

Wladimir Kadyrow – Der Kommandant des russischen Atom-U-Bootes Tomsk ahnt Schlimmes

Tia Kendrun – Mutantin mit einer außerordentlichen PSI-Begabung

Jeffrey Tesla – Chef eines Geheimbundes in Nöten

Margo Stotewskaya, Daniel Schaendler und Anna Sikorski – Drei hochbegabte Menschen auf der Suche nach der Wahrheit

Ursula Grothkamp – Deutschlands Staatschefin folgt einem skrupellosen Plan und verfällt der Macht

Pater Ignatius Fjodorow – Ein Geistlicher auf Himmelfahrtskommando

2019. Atom-U-Boot Tomsk. 45 Seemeilen vor Syrien.

Bis zum Weltuntergang schien es nicht mehr lang.

Pater Ignatius Fjodorow konnte einfach nicht glauben, was er wenige Minuten zuvor von Wladimir Kadyrow, dem Kommandanten der Tomsk und einem der höchsten Admirale der Großrussischen Flotte, erfahren hatte. Ohne erkennbare Gefühlsregung hatte ihm der Admiral mit sonorer Stimme eröffnet – den Augenkontakt dabei auf das unabdingbare zwischenmenschliche Agieren der Kontaktaufnahme beschränkend und stattdessen wie gebannt zu einem TV-Flachbildschirm mit herunter geregeltem Ton starrend -, dass er, der unangefochtene Zar unter den Marineoffizieren, die Gelegenheit wünsche, Gott um Vergebung zu ersuchen.

Im ersten Moment beschlich Fjodorow das Gefühl sich verhört zu haben, denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Admiral nicht durch allzu große Gläubigkeit aufgefallen. Und nun begehrte er seines praxisnahen Beistands als Diener des Herrn. Nachdem Fjodorow die erste Überraschung überwunden hatte, setzte er zu einem Nachfragen an, aber es war unnötig.

„Ja, ja“, antwortete der Admiral dem verdutzt guckenden Pater, „Sie haben ganz richtig gehört. Ich bitte Sie in unser aller Namen“, Kadyrow unterstützte die Worte durch eine raumgreifende Geste, „Gott anzurufen, damit er uns vergibt“, Kadyrow hatte die Arme wieder herunter genommen und blickte nun zu Boden, „was wir tun werden und was unvermeidlich ist, weil es nicht in unserer Macht steht, die Dinge zu ändern.“ Hier pausierte Kadyrow kurz, um dann ein Aber wir handeln auf obersten Befehl mit leiserer Stimme anzufügen, was wie die Bitte um Freisprechung von der größtmöglichen Sünde klang.

Die Tomsk werde nämlich – und an dieser Stelle brachte Kadyrow erneut den Aspekt des Unvermeidlichen ins Spiel – in spätestens zehn Minuten zwei nuklear bestückte Raketen auf ein strategisch bedeutsames Ziel nahe der syrischen Stadt al-Raqqa abfeuern, eine Luftwaffenbasis und Radarstation.

Die Raketen trügen nur Sprengköpfe mit begrenztem Wirkungsradius, aber ein im Mittelmeer unweit Zyperns kreuzender Marineverband der Schwarzmeerflotte werde ihren Angriff mit dem Abschuss von Marschflugkörpern unterstützen.

Fjodorow stockte der Atem, denn Kadyrows Worte glichen einer verbalen Atombombe: Unterstützen, weshalb ein Vergeltungsschlag der gegnerischen Kräfte nicht auszuschließen sein. Je nachdem, wie gut sie aufgestellt waren, das könne die eigene Luftbildaufklärung, die nicht schlechter sei als die der Amerikaner, nicht eindeutig feststellen, weshalb auch ein größeres Zielgebiet bestrichen werde als ursprünglich geplant.

Bestreichen – vor allem diese Formulierung bescherte dem Geistlichen, der erwartungsvoll in Richtung des Admirals blickte, weiche Knie. Er hoffte auf eine Auflösung, etwas in der Art, dass dies alles nichts weiter als ein schlechter Scherz sei. Vielleicht handelte es sich ja um eine Prüfung, der jeder Neue an Bord des U-Bootes unterzogen wurde und somit auch er, da er erst wenige Tage zuvor an Bord gekommen war. Nur hoffte Fjodorow darauf vergeblich.

Aus Kadyrows Sicht war alles Notwendige gesagt. Ohne den Pater weiterer Blicke zu würdigen, widmete er sich wieder dem Fernseher, in dem eine Tierserie lief. Eine Schule Orcas jagte ein junges Buckelwalkalb, das bereits eine Spur dünnwässrigen Blutes durch das schaumige Wasser hinter sich her schleppte. Irgendwie passte das ganz gut zu ihrer derzeitigen Lage, fand Fjodorow. Eingeschlossen in einer Metallröhre, im dunklen Wasser, wartend auf die Jäger.

Fjodorow hatte das unwillkürliche Gefühl, sprichwörtlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er schüttelte nach Kadyrows knappen Ausführungen den Kopf, wie es Leute tun, die verwundert oder verstört sind, weil sie etwas, das sich vor ihren Augen abspielt, nicht glauben können und es am liebsten wie einen bösen Traum abschütteln wollen. Doch so sehr sich Fjodorow auch darum bemühte, Kadyrows Worte zu vergessen, es klappte nicht. Sie waren gesagt worden und ihre Botschaft lautete: Armageddon.

Vergeltung, nuklearer Gefechtskopf, begrenzter Wirkungskreis

Wie ein unlöschbarer Steppenbrand fraßen sich die Begriffe durch Fjodorows Gehirn und verheerten auch den letzten Rest seines Glaubens an das Gute, das am Ende immer triumphiere.

Er wusste nicht viel über al-Raqqa, nur, dass die Stadt am Euphrat lag und Hauptsitz der wohl extremsten Rebellengruppe war, die im Nahen Osten wütete. Ihre Mitglieder präsentierten sich zumeist in martialischer Haltung, schwenkten schwarze Fahnen und zogen marodierend durch Syrien und den Irak. Mit nur 300 Mann hatten sie schon mal einige tausend Soldaten der irakischen Armee in die Flucht geschlagen hatte, ohne dass es überhaupt zum Kampf oder auch nur Scharmützeln gekommen war. Was Experten auch mit den technisch perfekt in Szene gesetzten und vor Blut strotzenden Videos der Rebellen erklärten. Die an ihre Gegner – und das umfasste auch Großrussland – gerichtete Botschaft lautete: WER SICH UNS IN DEN WEG STELLT, STIRBT! Und so gab es kaum jemanden, der sich dies traute.

Wie alle Gruppen im Nahen Osten waren die schwarzen Rebellen bis zum Anschlag bewaffnet, mit dem Allerneusten, das der Markt hergab. M16-Gewehre aus amerikanischen Beständen – kein Problem! Spezialgepanzerte Humvees – kein Problem! Oder Artilleriegeschütze, etwa aus gestohlenen US-Beständen der irakischen Armee – ebenfalls kein Problem!

Vergeltung

Immer und wieder hallte Kadyrows Formulierung durch Fjodorows Schädel. Obwohl der Brandungsdonner, den es in ihm ausgelöst hatte, langsam nachließ. Besser wurde damit aber nichts.

Als wenn es noch einer Bekräftigung der brenzligen Lage bedurft hätte, unterbrach das russische Fernsehen sein Programm. Die Orcas in dem Tierfilm machten einer wehenden Staatsfahne Platz, was Kadyrow mit einem neugierigen Hochziehen seiner Augenbrauen registrierte, wenngleich auch so sparsam ausgeführt, wie ein Tour-de-France-Fahrer mit seinen Kräften auf den letzten Metern umgeht.

An Stelle der Flagge erschien nach wenigen Sekunden ein Sprecher in mausgrauem Anzug, der mit staatstragender Mine „aus aktuellem Anlass“

Ausschnitte aus einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates ankündigte, der eigentlich nur noch auf dem Papier existierte, weil die ehedem in ihn gewählten Länder nicht oder nur noch in Teilen existierten. Dies hatte die Vertreter der Nachfolgerstaaten aber keineswegs davon abgehalten, den Sitz im Rat nun für die jeweils neue Regierung zu beanspruchen. So saß etwa auf dem Stuhl der ehemaligen USA die Uno-Botschafterin von NORDAMERIKA, zu dem seit kurzem Mexiko und Kanada gehörten. Und dies war auch der Grund, warum Kadyrow den Fernseher mit einem kurzen Tipp auf die Fernbedienung um gefühlte drei Stufen lauter stellte.

Mit scharfer Stimme und leicht nach vorn in Richtung des Mikrofons gebeugt, attackierte die Amerikanerin den abgekämpft wirkenden Vertreter Großrusslands im Sicherheitsrat scharf, und, wie Fjodorow fand, in einem äußerst belehrenden Ton: „Sie lügen, wann immer sie in dieser Versammlung auftreten. Sie reden von der Bekämpfung des Terrorismus und vertreten eine Regierung, die sich selbst solcher Methoden bedient oder diese unterstützt.“ Mit jedem Wort verdunkelte sich Kadyrows Gesicht. Fjodorow überlegte, ob er besser gehen sollte, möglichst unauffällig, einfach umdrehen und raus, der Admiral würde es kaum bemerken, doch er blieb.

Auch weil der Vertreter Großrusslands, dessen Gesicht zwischenzeitlich eine hochrote Farbe angenommen hatte, zu einer Antwort ausholte, die Fjodorow sich nicht entgehen lassen wollte.

„Sie reden von Lügen. Haben Sie die Moral gepachtet? Wissen Sie eigentlich, was für ein Land Sie selbst vertreten?“ Das letzte Wort dehnte der russische UN-Botschafter genüsslich.

Kadyrow, dessen Gesicht weiterhin keinen Rückschluss auf seine innere Verfassung zuließ – seine Augenbrauen hatten sich wieder gesenkt-, presste ein leises Ja ja heraus, dann beugte er sich nach vorne, um den Fernseher auszuschalten, was Fjodorow veranlasste, einen letzten Blick auf Nordamerikas Uno-Botschafterin zu werfen. Mittelgescheiteltes Haar, Yale-Absolventinnen-Frisur, bieder, angepasst, so wie die Perlensteckohrringe, Haltung einer Oberbesserwisserin.

Fjodorow kam nicht dazu, seine Gedanken zu Ende zu führen.

„Haben Sie verstanden, Pater, was ich eingangs gesagt habe?“, sagte Kadyrow, der nun auf die Armbanduhr schaute und seinen Worten noch ein Es ist T minus 7 hinzufügte. „Das bedeutet, dass die Raketen in sieben Minuten abgefeuert werden. Wenn man zudem eine Flugzeit von maximal 6 Minuten zugrunde legt, sollten sie so schnell wie möglich ihre Kajüte aufsuchen und Gott in unser aller Namen um Vergebung bitten. Das können Sie doch, oder?“

Kadyrow sah nicht aus wie jemand, der ein Nein akzeptierte.

„Äh, natürlich…“

Der Admiral vermied weiterhin den Augenkontakt, klopfte dafür an das Glas seiner Armbanduhr, als wären die Zeiger stehen geblieben, was nicht der Fall war, und fuhr dann fort: „Um die Breite der Geschehnisse zu erfassen, müssen Sie sich vor Augen führen, dass vor der syrischen Küste Schiffe aller Atommächte kreuzen, einschließlich Israels. Ich sage es ungern, aber unser Einsatz…“, Kadyrow klopfte nun nicht mehr an das Glas der Uhr, sondern griff zu einer Zigarre, die die ganze Zeit über unangetastet auf dem schmalen Sideboard neben ihm gelegen hatte, „…ähnelt einem verdammten, ich bitte um Verzeihung für dieses Wort: Himmelfahrtskommando.“

Fjodorow wollte etwas entgegnen, aber außer einem würgenden Krächzgeräusch brachte er keine Antwort zustande. Er wusste, dass Kadyrow ihn nicht mehr benötigte, eigentlich längst entlassen hatte, alles war gesagt, was zu sagen war, aber seine Beine fühlten sich derart wabbelweich an, als würden sie sofort nachgeben, wenn er es auch nur wagte, ihnen den Befehl zum Abmarsch zu geben.

Unglücklicherweise schickte Kadyrow noch ein Sie dürfen sich nun rühren, Pater hinterher, was Fjodorows Beine keineswegs lockerer machte, im Gegenteil. Er spürte, wie seine Oberschenkel unkontrolliert zu zittern anfingen.

Der Admiral hatte unterdessen, die Zigarre angezündet. Weiterhin den Augenkontakt meidend, pustete er wie ein Pokerspieler in einer genüsslich ausgekosteten, der das mögliche Blatt seiner Gegenspieler in Gedanken durchgeht, kleine Rauchwölkchenkringel in die Luft.

Danach schwieg Kadyrow, der trotz der Hiobsnachricht eine unheimliche Ruhe ausstrahlte, was Fjodorow nicht verstand. Aber Kadyrow war halt kein gewöhnlicher Soldat, sondern eine lebende Legende. Er galt als ein besonnen handelnder Offizier, der, wenn er einmal zu einer Lagebeurteilung gefunden hatte, dieser ohne ein Wimpernzucken folgte.

Dass er derart emotionslos über die Möglichkeit der eigenen Vernichtung sprach, verschlug Fjodorow dennoch die Sprache. Wie um alles in der Welt konnte man angesichts ihrer Situation so nüchtern bleiben? Mit Beinen, die nun ein gänzliches Eigenleben zu besitzen schienen und in ein haltloses Schlottern übergegangen waren, stand Fjodorow wie angewurzelt vor dem Kommandanten, der ihm nun mit einem kurzen Blick zu verstehen gab, dass wirklich alles gesagt sei. Wegtreten. Marsch, Marsch!

Fjodorow hob vorsichtig seinen linken Fuß an. Ganz langsam. Entgegen seiner Befürchtung verlor er nicht das Gleichgewicht. Ein Rest von Kontrolle war also doch noch in ihm, obschon das Zittern seiner Beine nicht aufhörte.

Er drehte sich um und ging langsam auf die Kajütentür zu. Ein Fuß nach dem anderen, sich bloß nichts anmerken lassen. Fjodorow hatte das Gefühl, Kadyrows Blicke wie Messerspitzen im Rücken zu fühlen. Dann war er raus aus der Kapitänskajüte. Geschafft.

Es dauerte eine weitere Minute, bis die Worte des Admirals alle Ecken von Fjodorows Gehirns erreicht hatten und im vorderen Teil des Stirnlappens gleich einem Vulkanausbruch ihre ganze katastrophale Bedeutung entfalteten. Schwankend torkelte der Militärseelsorger zurück zu seiner Unterkunft, wobei er immer wieder die Halskette mit dem Kruzifix anfasste. Einige Male schien es ihm, als würden sich die Gänge vor ihm weiten, verengen oder krümmen, ihm wurde übel. Er konzentrierte sich und der Effekt nahm ab.

Auf dem Weg zu seiner Kajüte begegneten ihm keine Matrosen, was er auf die ausgerufene Gefechtsbereitschaft zurückführte. Als er seine Unterkunft schließlich erreicht hatte, steuerte er, nunmehr am ganzen Körper zitternd, das Bett an, die Hände auf die Oberschenkel gepresst, die nun vollkommen unkontrolliert zuckten, fast wie bei einer Schwangeren, die plötzlich feststellte, dass sich nach dem Eintreten der Wehen in ihrem eben noch frischen Sommerkleid plötzlich ein roter Fleck befand und dass entgegen der Erwartung kein zartes Strampeln ihres Babys zu spüren war. Stattdessen nur: Leblosigkeit und Tod.

Ganz ruhig, Ignatius.

Fjodorow ließ sich, erfüllt von einem Gefühl unfassbarer Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, nach hinten aufs Bett fallen. Bis zu ihrer Himmelfahrt, wie Kadyrow es umschrieben hatte, oder bis zum Weltuntergang, wie Nichtmilitärs es wohl formulieren würden, blieben nur noch wenige Minuten. Wie sollte er da Gottes Beistand einfordern? Er drehte sich auf die Seite und fing haltlos an zu weinen.

Steinbruch nahe Rennes, Frankreich

Arjen Bleurejes dachte darüber nach, es für heute gut sein zu lassen. Zwischen zwei jeweils nur wenige Millimeter dicken Schieferplatten hatte der 55-jährige Holländer die Reste einer noch unbekannten Riesenlibelle aus dem Karbon-Zeitalter entdeckt. Größer als alle Exemplare, die in der Literatur beschrieben wurden und die ihm jemals in der Sammlung eines der großen Naturkundemuseen unter die Augen gekommen waren. Das Exemplar, das sich in einer leicht verkrümmten Haltung, aber hervorragend erhaltenem Zustand im Schiefer mit weit ausgebreiteten Flügeln präsentierte, wies etwa die anderthalbfache Spannweite eines Falken auf.

„Außergewöhnlich, ganz außergewöhnlich“, flüsterte Bleurejes, während er die beiden Schieferplatten nach einer ersten kurzen Betrachtung vorsichtig auf zwei Lagen dicken samtenen Tuches neben sich ablegte.

Später würde er die Gesteinsplatten in eine mit Schaumgummipolstern ausgekleidete Transportkiste legen, aber bis zum Sonnenuntergang wollte er das Tageslicht weiter zum Graben nutzen. Man konnte nie wissen, was noch zum Vorschein kommen würde. Oft hielt die Erde in der Nähe eines großen Fundes weiteres Bedeutsames bereit, das lehrte die Erfahrung.

Mit fiebrig glänzenden Augen pulte Bleurejes lose Erdkrümel aus der vor ihm liegenden Schicht, immer darauf bedacht, aus Unachtsamkeit kein Fossil zu zerstören, das man auf den ersten Blick nicht erkannte. Der Paläontologe kannte die Studien, wonach der enorm hohe Sauerstoffgehalt in der Karbonära mehr als 30 Prozent betragen hatte, viel mehr als aktuell, was das Wachstum solch großer Wesen wie der auf dem Samttuch liegenden fossilen Riesenlibelle befeuerte. Aber ein solch gigantisches Exemplar wie dieses war seiner Kenntnis nach noch nie ausgegraben worden.

Den Fund würde er mit anderen zusammen nach Holland schicken, vorausgesetzt die für Grabungen zuständige französische Behörde stimmte zu, aber das hatten die Franzosen bislang immer. Die Teilung von Grabungsfunden war kein großes Ding. Einmal bekamen die Franzosen ein etwas spektakuläreres Objekt, dann wieder er.

Am Ende würde die im Schiefer verewigte Libelle in einem Schaukasten oder einer perfekt ausgeleuchteten Vitrine landen, vielleicht von unsichtbar montierten Lautsprechern in eine Klangwolke aus tierischen Fiep- und Brülllauten gebettet, wie sie für die Karbonära als wahrscheinlich galt. In dem von ihm im niederländischen Arnhem errichteten Privatmuseum, das er um einen botanischen Garten mit einem nach wissenschaftlichen Grundsätzen angelegten Park zu ergänzen plante, aber das war eine Aufgabe für die kommenden Jahre.

Zunächst würde die Libelle einige um Aufmerksamkeit heischende Artikel mit Schlagzeilen wie „GIGANTINSEKT GEFUNDEN“ oder „JURASSIC-PARK-VIECH“ in der Boulevardpresse generieren, neben manch nachrichtlich gehaltenem Kommentar in den Wissenschaftsmagazine oder den Meldungsspalten der seriösen Zeitungen. Er, Arjen Bleurejes, stand kurz davor, in die Forschungsgeschichte einzugehen. Daran konnte nicht der geringste Zweifel bestehen.

Dabei hatte er in dem Steinbruch nicht wirklich nach einem solch spektakulären Fossil gesucht, was auch idiotisch gewesen wäre, ja sogar ein Fehler. Wer zu fanatisch nach etwas suchte, fand es sowieso nicht, das stand außer Frage. Der Gedanke mochte anderen abergläubisch vorkommen, aber das scherte Bleurejes wenig, er arbeitete nach seinen Prinzipien und Überzeugungen und hielt strikt an ihnen fest.

Das Libellen-Fossil im XL-Format war ihm quasi in die Hände gefallen, als er gerade mit seinem Hämmerchen eine Sedimentschicht frei legte, die ihn aufgrund ihrer mehrfarbigen Farbschattierung, eigentümlich abgegrenzt durch eine jeweils pechschwarze Schicht an ihrem oberen und unteren Rand, aufgefallen war. Und so grub er an der Stelle weiter, Millimeter um Millimeter, stets einen prüfenden Blick auf die unterschiedlichen Farben der Gesteinslagen und ihre Zusammensetzung werfend.

Der Niederländer, der von mittlerer Statur und leicht untersetzt war, wusste um die Seltenheit einer solchen Schichtung. Wo ein solch spektakuläres Fossil gefunden wurde, lagerten oft weitere Schätze, sie mussten nur gehoben werden.

Vorsichtig rieb Bleurejes mit der flachen Seite des Spatels, eines typischen Arbeitsgeräts seiner Zunft, über die vor ihm liegende Erde, bis sie sich wie die Seitenansicht eines Tortenstücks vor ihm ausbreitete. Der Paläontologe betrachtete die farbigen Schichten der Erde eine Zeit lang, wobei er den Kopf leicht schräg hielt, was er seit seiner Kindheit tat, wenn ihn die Neugier gepackt hatte.

„So-so-so. Es würde mich tatsächlich wundern, wenn sich hier nicht noch mehr versteckt hält.“

Darauf bedacht, nicht ungewollt eine kleine Lawine von Erdkügelchen ins Rollen zu bringen, führte Bleurejes den Spatel vorsichtig längs über die vor ihm liegende Erdschicht, wobei er den Kopf nachdenklich langsam mal nach links neigte und wieder zur anderen Seite. Dann steckte er den Spatel zurück in eine kleine Halteschlaufe am Gürtel.

„So-so-so, wie in-te-res-sant.“

Er neigte den Kopf noch ein paar Mal abwechselnd von links nach rechts, dann brachte er von der anderen Seite seines Gürtels ein kleines Hämmerchen zum Vorschein. Mit der dünnen Seite des Hämmerchens arbeitete er sich langsam in die Schicht hinein, immer weiter. Kratzend und pulend präparierte er zwei weitere Lagen dünnen Schiefers aus der Erdtortenschicht heraus. Als genug von ihnen frei gelegt war, steckte er das Instrument zurück in die Gürtelschlaufe. Dann zog er die Schieferplatten heraus.

„Eins. Zwei. Drei“, murmelte Bleurejes leise. Das Zählen während der Präparation eines Fundes nahm er nicht wahr, dazu war er zu konzentriert und aufgeregt. Behutsam bettete er die Schieferplatten auf seinen Oberschenkeln, man konnte gar nicht vorsichtig genug sein, denn manchmal brach selbst fest aussehendes Gestein bei der kleinsten Berührung auseinander. In der Paläontologie war alles möglich.

Bleurejes atmete ein paar Mal stoßartig ein und aus, was er immer tat, wenn er aufgeregt war, dann klappte er die beiden Schieferplatten auseinander. Was er frei gelegt hatte, verschlug ihm den Atem. Er hatte recht behalten, das Tageslicht vor Sonnenuntergang noch zum Graben zu nutzen.

Vor ihm lag ein vollständig erhaltenes Skelett eines der gefiederten Fleisch fressenden und vogelähnlichen Saurier.

Seine Tochter, die wie stets während seiner Anwesenheit bei einer Grabungskampagne das Privatmuseum im holländischen Arnhem leitete, würde jubelnd in die Luft springen, wenn sie das erfuhr.

Das Skelett hob sich schwarz vom hellen Schiefer ab, fast wie bereits von einem Unbekannten zuvor herauspräpariert. Selbst die kleinen, fast filigran anmutenden Knochen rund um den Kiefer waren erhalten, aus denen sich Jahrmillionen später einmal die Knöchelchen des Gleichgewichtssinnes entwickeln würden.

Und dann dieser Goldklecks oberhalb des Kopfes, wie markant und deutlich er sich von dem Schwarz abhob. Ein winziger Goldklecks, wie hingetupft von der Farbpalette eines exzentrischen Künstlers, der Lust daran empfand, die Betrachter seiner Werke mit einer unerwarteten Farbnote oder einem Pinseltupfer zu überraschen oder gar zu verstören. Wie verzaubert starrte Bleurejes den Klecks an, der sich noch irrealer vom hellen Farbton des Schiefers abhob als das dunkle Skelett. Und nicht nur das. Der Minifleck begann vor seinen Augen zu flirren und löste sich dann aus dem Schiefer und flog… – auf ihn zu.

„Was um alles in der …“

Kadyrows Kajüte.

Wladimir Kadyrow war froh, endlich wieder allein zu sein. Der Besuch des Paters, eines ungemein weich wirkenden Mannes, hatte sich länger hingezogen als geplant. Hatte er dem Priester zuviel verraten, aber was konnte der mit dem Wissen schon anfangen? Eingepfercht in eine stählerne Röhre wie sie alle.

Kadyrow kam zu dem Schluss, es als unproblematisch zu werten, den Geistlichen in die Angriffspläne eingeweiht zu haben. Die orthodoxe Kirche war ihm stets wichtig gewesen und Fjodorow konnte keinen großen Schaden anrichten. Er war schwach.

Der U-Bootkommandant betrachtete nachdenklich die Glut an der Spitze seiner Zigarre, dann nahm er genussvoll einen langen Zug. In kurzen Intervallen stieß er den Rauch aus, wobei es ihm gefiel, kleine runde Kreise zu produzieren, die er in Richtung der Kajütendecke blies. Als der letzte Kreis sich auflöste, dessen ausgefranste und gekringelte Ränder Kadyrow an astronomische Aufnahmen von Überresten explodierter Sterne erinnerten, drückte er mit einem gebrummelten Na, dann wollen wir mal die Zigarre im Aschenbecher aus.

Er warf einen Blick auf die Wanduhr über dem Fernseher. Wenn sie richtig ging, und daran zweifelte der Admiral nicht, war es mittlerweile T minus 5. Zeit für ihn, sich auf den Weg zur Brücke zu machen.

In fünf Minuten würde die Tomsk die zwei Raketen abfeuern. Er hatte Oleg Ramirow, seinem Stellvertreter und Ersten Offizier dazu klare Befehle erteilt. Ramirow würde sie ohne Wenn und Aber ausführen, auch wenn er selbst als ranghöchster Offizier nicht vor Ort war, das wusste Kadyrow. Aber er musste auf der Brücke anwesend sein, wenn das Feuerwerk startete. Der Platz eines Kommandanten war im Ernstfall auf der Brücke und nirgendwo sonst.

Mit einem Blick zu dem auf einer kleinen Anrichte ruhenden Laptop checkte der Admiral die letzten eingegangen Kurznachrichten, die von einem Verbindungsoffizier in verschlüsselten Codes an alle Kommandanten der großrussischen Flotte versandt wurden. Inhalt: fremde Schiffsbewegungen und Wissenswertes aus der Weltpolitik, alles im Schlagzeilenmodus, fast wie bei Twitter.

Nur eine der Nachrichten erregte Kadyrows Interesse und ließ für ein paar Sekunden wieder seine Augenbrauen um ein paar Millimeter nach oben rucken. Auf dem israelischen Luftwaffenstützpunkt Nevetim in der Negev-Wüste waren brandneue Kampfflugzeuge des Typs F35 mit Software für elektronische Kriegsführung gelandet. Das Neuste vom Neuen.

Schau mal einer an, dachte Kadyrow und fuhr sich nachdenklich mit der rechten Hand über den kurz geschnittenen Bart, in dem einige wenige graue Haare darauf hindeuteten, dass er kein junger Mann mehr war. Dann machte sich der Zwei-Meter-Gardemaß-Offizier mit raumgreifenden Schritten auf den Weg zu Brücke. Von der im Aschenbecher ausgedrückten Zigarre stieg fast zögerlich ein letztes Kringelwölkchen in die Höhe, als weigerte sie sich auszugehen. Es wirkte wie ein schlechtes Omen.

Stockholm.

Wumm-wumm-wumm. Dumpfe wuchtige Bässe von der Art, wie Modetypen sie mögen, schallten durch die Halle und übertönten die Schrittgeräusche der Besucher, die in Massen zur Avantgarde Casual and Exceptional, der neuen angesagten Modemesse Schwedens, gekommen waren. Die Messe präsentierte neben Klamotten aus recycelten Stoffen so ziemlich alles, was irgendwie angesagt war. Plastik? Kein Problem, es könnte ja zu einem pinkfarbenen Gürtel werden, vielleicht im 70er-Jahre-Look. Oder wie wäre es mit einem Trägerkleidchen aus Papier? Der japanische Modeschöpfer Keo Watanabe zeigte auch das.

Kira Soestergaard hatte sich bei einem hastigen Rundgang durch die Hallen (wie jedes Jahr war sie als eine der ersten Besucherinnen durch die Eingangstore gehuscht) einen Überblick über das Angebot verschafft. Einiges auf der Messe fand sie gut, anderes eher nicht. Einige Designer nervten sie geradezu, es ging ihnen weniger um Mode, sondern um die Zurschaustellung narzisstischer Neurosen. Nur halt verpackt in schillernde Stoffe und exotische Farbkombinationen. Was letztlich von den psychischen Problemen der Modeleute ablenken sollte, aber nicht immer gelang. Sie durchschaute den Firlefanz.

Viele der Modetypen hatten einfach zu wenig Liebe bekommen, von Eltern oder Partnern, und gierten nach Aufmerksamkeit, Publikum und Applaus. Eigentlich erbärmliche Figuren, aber so waren die Menschen nun mal.

Soestergaard hielt das allgegenwärtige Wumm-wumm-wumm, eine Mischung aus Techno und Hip-Hop, nicht mehr aus, es machte sie krank. Jedes Jahr dasselbe dumpfe Wumm-wumm-wumm. Nun ja, wenn sie ehrlich war, konnte sie das nur für die letzten zwei Jahre sagen. Denn vorher war sie nie bei der Messe gewesen. Aber warum sollten die Modeheinis vor ihrer Zeit andere Musik gespielt haben: Sie gaben sich nur kreativ, in Wirklichkeit waren sie es nicht.

Soestergaard, eine hagere Mittzwanzigerin mit hübschem ovalem Gesicht und Bubikopffrisur – die Redakteurinnen der Vogue hätten sie als modeltauglich bezeichnet, Nichtmodemenschen eher als magersüchtig – saß in leicht gekrümmter Haltung auf einer ehemaligen Kaffeebohnenrösterkiste, umgerüstet zu einem schicken Accessoire, am Modestand ihres Chefs Tom.

Tom war mit zwei Typen in zu eng sitzenden blauen Sakkos (schlimmer als die noch mehr nervenden Hosenträgertypen!) in aller Eile davon gestürmt, als sie gerade den Messestand erreicht hatte. Wie er sagte, bloß um einen Snack einzunehmen und nebenher über Geschäfte, Aufträge und Orders zu reden. Sie glaubte, eher um ein bisschen rum zu machen, in einer dunklen ungenutzten Ausstellerbucht am Ende der Messehallen, wo keiner so genau hinguckte. Was sie bei Tom nicht ausschloss, aber da er nie das Risiko einer Blamage einging, würde er an einem so exponierten Ort wie der Messe wohl auf die zotige Schwengelfummelzirkusnummer verzichten. Tom machte sicher eher abends rum mit den Engsakko-Fundstücken, die er so nebenbei als kleiner geiler Sammler auflas. Sein stets von hektischen Flecken gemustertes Gesicht zeugte von der ständigen Suche nach einem kleinen Abenteuer.

Aber ihr war es letztlich egal, solange Tom pünktlich zahlte, was er nicht immer tat, aber eine schlechte Zahlungsmoral war ihrer Meinung nach in der Modeszene so sehr Usus wie in den von den Medien hochgejubelten Start-up-Techi-Buden, die wie Pilze aus dem Boden schossen, weil ihre Gründer hofften, schnell Gewinn zu machen. Nur dass die selben Medien nie oder selten über gescheiterte Start-ups berichteten.

Aber ihr sollte es gleich sein. Sie war keine Unternehmerin und aus ihr würde auch keine mehr werden, ihr fehlte dazu die Energie und das nötige Quäntchen an Selbstausbeutungswillen. Da nahm sie lieber mit einem Studium vorlieb, dessen Beendigung mit einem Master in weiter Ferne lag.

Kira Soestergaard blickte auf ihre Armbanduhr. Tom war nun schon eine ganze Weile verschwunden, länger als sonst bei seinen Pausen. Nun, es war nicht das Schlechteste. Wäre er in diesem Moment an dem Stand gewesen und hätte sie desinteressiert drein blickend und mit leicht gekrümmtem Rücken, dem Publikum zugewandten Rücken und an dem Fingernagel des kleinen Fingers kauend auf der Kaffeebohnenkiste mit der Aufschrift JAMAICA (was für eine einfallsreiche Dekoidee!) sitzen sehen, hätte er garantiert wieder rote Bäckchen bekommen, während sich sein Sakko gefährlich gespannt hätte, bevor er ausgeflippt wäre, was er oft tat. Weil sie – und alle anderen Helfer nicht wussten oder wertschätzten, was sein Modelabel STARING! wirklich verdiente.

Ihre Aufgabe war es, wie die zur Messe angeheuerten Zeitarbeitsmodels von irgendwelchen Unis (Hauptsache 1,80 groß und dürr!), in Pumps und hautengen Schlauchjeans dazustehen und die vielen vorbei flanierenden Einkäufer auf der Messe von ihren dann 1,90-Meter-Over-The-Top anzulächeln, ohne dabei herablassend zu wirken, was nicht leicht war, da die Blausakkohosenträgertypen oft klein waren. Kleine verklemmte Typen, die sich beweisen mussten, die Brust rausdrückten und beinahe auf die Zehen stellten, wenn ein größerer Typ vorbeikam. Und die in Hosen steckten, die im Schritt zwickten.

Soestergaard hasste den Immer-schön-lächeln-Job, aber er konnte einen Batzen Kronen einbringen, die sie dringend benötigte, da sie mit der Miete im Rückstand war und Schulden bei einer Freundin begleichen musste.

Kira zog aus der linken Hosentasche ihrer Jeans ein Päckchen mit Mentholpastillen. Sie schob sich zwei Pastillen in den Mund.

Könnte Tom sie jetzt so auf der Kiste sitzen sehen, würde er ihr vermutlich erst Wochen nach der Messe den Lohn überweisen. Es hätte ganz zufällig ausgesehen, kann halt mal vorkommen in einer so reaktiven Branche, eine seiner Lieblingsformulierungen, gestelzt und überdreht, wie alles an ihm.

Nachdem Tom mit den beiden Typen, die sich ihr natürlich nicht vorgestellt und sie auch keines längeren Blickes gewürdigt hatten, im Gedränge des Messegeschehens verschwunden war, hatte sie auf der JAMAICA-Kaffeebohnenrösterkiste Platz genommen und entschieden, die Besucher aus der horizontalen Perspektive zu beobachten, was ihrem Studium der Psychologie (drittes Semester, aber selten da) entgegen kam und in diesem Fall bedeutete, dass ihr kleines Hockkino überwiegend aus dem Bildausschnitt Schuh bis Gürtel bestand, deren Träger in einer endlosen Prozession, bunt kostümiert und ziemlich kapriziös, an ihr vorbeizogen oder sich mitunter auch schoben.

Dicke Gürtel, dünne Gürtel, Seide, Leder, Kunststoff, rot, grün, kreischendgelb. Budapester, Loafer, Flip Flops, High Heels.

Nach ein paar Minuten verlor Kira Soestergaard das Interesse an dem Horizontalguckkastenkino. Sie drehte sich um, so dass sie den Messebesuchern den Rücken zuwandte, und betrachtete die Stellwände, die den Messestand des STARING!-Labels wie jene der anderen Stände auf Schulterhöhe umgaben. Sie waren auf Toms Wunsch hin mit den Skizzen von Models aus der Hand junger Modestudenten (auch das sollte natürlich nichts kosten) bedruckt. Dennoch, und das fand sie ziemlich erstaunlich, sahen die Skizzen aus wie die in aller Eile hingeworfenen Model-Zeichnungen aus der Hand eines Designers, die typischen Minutenskizzen, die dann mit Farbstrichen und Ausmalungen ergänzt wurden. Da ein paar schnelle, in aller Eile aufs Papier gebrachte launig aussehende Linien, dort ein Tupfer Rot oder Grün, je nachdem, was die Trendfarben der Saison waren und was als angesagt galt.

Kira Soestergaard betrachtete die Zeichnungen mit einer Mischung aus Neid und Widerwillen, denn sie erinnerten sie an ihr Psychologiestudium, in dem sie bislang nicht viel zuwege gebracht hatte, wie sie in manchen reumütigen Momenten, und dies war so einer, trotz ihres Hangs zum Verdrängen erkannte.

Sie war eine verdammte Verliererin, sie wohnte am Rande Stockholms in einer Plattenbausiedlung in einer Zweiraum-WG und ab und zu ließ sie sich von einem Geschäftsmann mit in ein Hotel nehmen. Für etwas Stoff, meistens Koks, aber manchmal auch Speed oder Ecstasy, je nachdem, was der Typ bereit hielt oder selbst konsumierte. Ihre beste Freundin (längst nicht mehr erreichbar) hatte sie deshalb als Mitgehmädchen bezeichnet, weil sich Kira von den Spendertypen meist in einem Club oder dem Kings Grill im Zentrum Stockholms aufreißen ließ, um kurz danach mit ihm in einem der besseren Hotels für mindestens ein oder zwei Tage abzutauchen. Sie bevorzugte die Dämmerung, um die Hotels zu verlassen, Heroin-Look oder anderen das Zittern der Hände und weit aufgerissene, paranoid drein blickende Augen in der Öffentlichkeit zu präsentieren, war einfach nicht ihre Sache, auch wenn das für einige Modeschreiber tres chic aussehen mochte, sie sah das anders. Ihr reichten die drei Tattoos (rechter Arm, linkes Fußgelenk und eines über der Schamhaargrenze) sowie die Piercings (eins unter der Klit, die anderen beiden durch die Nippel). Eine Jugendsünde, die sie wieder entfernen lassen würde, wenn sie das Geld zusammen hatte. Hätte, wäre, wenn. Verdammt.

Sie wollte nicht mehr wie eine Bitch auf Entzug aussehen. Schlimm genug, dass die Drogen bereits einiges an ihrem einst makellosen Hol-Mich-doch-wenn-du-es-kannst-Look zum Äußeren zum Negativen hin veränderten. So hatten sich ihre beiden oberen Vorderzähne aus unerfindlichen Gründen dunkel gefärbt. Nun, sie würde sie aufhellen lassen. Sie kannte da so einen Schönheitschirurgen im Zentrum Stockholms. Er mochte ihre Hände und auch einiges andere an ihr, unter anderem das Klit-Piercing, allein dessen Betrachtung verschaffte ihm einen Steifen. Er nannte es Mordsständer, aus ihrer Sicht handelte es sich eher um ein Ständerchen. Kira musste lauthals lachen…, als sich plötzlich jemand hinter ihr auffallend laut räusperte. Sie zuckte zusammen – Tom?

Als hätte der Inhaber der Räusperstimme ihre Gedanken gelesen, ließ er nun ein (mit angenehm tief modulierter Männerstimme) Ich bin n-ic-h-t Tom, wenn sie sich wohl umdrehen wollen, Frau Soestergaard erklingen.

Verdammt, dachte sie in der ersten Schrecksekunde und: Kenn ich diese Stimme nicht? Sie drehte sich – immer noch auf der Kiste hockend – um.

„Ich. Das. Kann doch nicht..:“, stammelte sie, dann brach sie ab.

Der vor ihr hoch aufragende Mann (natürlich war daran ihre Hockkinoperspektive schuld) besaß nicht nur eine angenehme Stimme, er sah auch verdammt gut aus. Nicht wie all die Typen in den zu engen blauen Madeeinkäufersakkos, sondern wie ein, ja, wie eigentlich?

Breite Schulter, ein Lachen, das Draufgängertum, Wagemut und doch den gewissen Flip an Einfühlungsvermögen, der eine Frau erahnen ließ, was ein solcher Mann bot. Sicherheit vor allem, die ihr er – sie war ja so verdammt unsicher! – vermittelte, so wie vermutlich jeder seiner Frauen vor ihr. Und sicher wusste er um dieses Guthaben, es war sein Fort-Knox-Guthaben bei Frauen. Wer so lachte und so gut aussah, der konnte alle haben. Ein Bild von einem Mann.

Sie war ja ein Fan alter Hollywoodfilme und kannte deren Helden. Ein bisschen Lancaster oder Cary Grant steckte auf jeden Fall in dem Unbekannten. Und das war…, tatsächlich, wie sie stutzend und ungläubig feststellen musste, niemand anderes als ihr Ex-Freund Lars Gustaffsson. Lars war Unternehmer, wobei er ihr nie Einblicke in die Art seines beruflichen Schaffens gewährt hatte. Doch das störte sie damals nicht. Sie war dauerverliebt in ihn, oder dongo, wie nach einem starken und lange anhaltenden Cocktail. Lars – ein hoch gewachsener 35jähriger Mann von blendender Erscheinung, daran hatte sich nichts seit ihrer Trennung geändert. Er würde immer noch jede Frau bekommen.

Aber wie konnte es sein, dass er nun hier war? Er hielt sich doch in Island auf, zumindest, als sie das letzte Mal nach ihm recherchiert hatte, wo er mit einer rothaarigen Nutte namens Ingrid rum machte, die vor zwei Jahren die Beziehung mit Lars zerstört hatte. Das Flittchen musste ein besonderes Verwöhnprogramm auf Lager haben…

Verflixt. Er lächelte und wartete auf eine Antwort von ihr, irgendeine Reaktion. Sie musste acht geben. Natürlich konnte er ihre Gedanken erahnen, was nur lang zusammen gewesene Paare können.

„Ich….“, würgte Kira heraus. Sie hörte kaum ihre eigene Stimme, spürte wie sie Gänsehaut bekam, was immer auftrat, wenn sie aufgeregt war. Und sie bemerkte nicht, dass sie mit den Händen über ihre Oberschenkel fuhr und ein paar mal an den Fingernägeln kauen wollte.

Kira Soestergaard vergaß auch das das Wumm-wumm-wumm in der Halle und die Modistas, die an ihr und Lars vorbeizogen, als wären sie nicht anwesend. Sie fuhr sich hektisch durch die Bubikopffrisur, was sie ebenfalls immer im Zustand der Aufgeregtheit tat, und leckte sich über die Lippen. Kira musste sich zusammenreißen, um nicht zu weinen.

Endlich, als ihre Gedanken wieder ein Quäntchen an Klarheit gewannen und sich die Nebelwand der Verliebtheit vor ihren Augen lichtete, presste sie unter Aufbietung aller Kräfte ein Was machst du denn hier? heraus. Schüchtern fast wie ein kleines Mädchen.

Sprich, du dumme Pute, rede doch mit ihm!, dachte sie, und dann floss es nur so aus ihr heraus. Sie hatte ihm so viel zu sagen seit ihrer Trennung, konnte man das überhaupt so nennen, nur weil das Ingrid-Flittchen sich ihr in den Weg gedrängt hatte, zwischen sie und Lars?

Kira Soestergaard drückte den Rücken durch, bloß nicht klein aussehen, nicht jetzt, nicht vor Lars, dann richtete sie sich auf. Sie war nur eine Kopflänge kleiner als er, das allein bewies doch, dass sie ein perfektes Paar abgaben. Und sie war immer noch schlank. Das hatte er immer an ihr gemocht. Wohlwollend, so sehr war sie dann doch bei sich, registrierte sie seinen taxierenden Blick.

Aber ganz hatte sie den Alltag um sich herum nicht aufgeblendet. Was würde Tom sagen, wenn er sich hier sah, mit einem Unbekannten, der nicht aussah wie ein Einkäufer oder einer, der irgendetwas zum Wohlergehen des STARING!-Labels würde beitragen können.

Toms Mittagspause mit den beiden Unbekannten dauerte nun schon mindestens eineinhalb Stunden, was ungewöhnlich war für ihn.

Plötzlich stoppte das Wumm-wumm-wumm, und Lars lachte immer noch. Auch als eine Lautsprecherstimme unerwartet verkündete, dass die Ausstellungshallen wegen einer Bombendrohung schnellstens geräumt werden müssten – („Achten Sie auf die an den Wänden angebrachten Schilder, die Sie zu dem nahe gelegenen Notausgang leiten!“), woraufhin mit kurzer Zeitverzögerung ein unglaubliches Gekreische rund um den Stand des STARINNG!-Labels aufbrauste.

„Komm, Kleine!“, sagte Lars und streckte ihr die rechte Hand entgegen. Kira schluckte, er hatte das Zauberwort ausgesprochen, das bei ihr immer ein Klick auslöste. KLEINE.

Sie musste ihm folgen, auch wenn sie das Kindliche dieses Wortes ärgerte, aber das war nun egal. Was einzig und allein zählte, war, das Lars

wieder da war, sie an die Hand nahm und beschützte und sie in den Arm nehmen würde, später. Da war es auch egal, dass sein plötzliches Auftauchen an diesem Ort und sein Verhalten, das alles überspielte, als hätte es nie eine Trennung gegeben, so unwahrscheinlich und unlogisch war wie ein Sonnenaufgang im Westen.

Kleine! Kira verdrängte die Gedanken und reichte Lars die Hand. Warum war sie nur immer so grüblerisch, so zweifelnd, selbst wenn das Glück in Gestalt des Traummannes vor ihr stand?

Lass uns träumen! hatte er gesagt. Was für ein Versprechen.

San Francisco, Kalifornien

Es war gar nicht schwer, den Püppchen einen Zopf zu flechten, der gut aussah und sie so wirken ließ, wie es sich ziemte: Wie kleine Pferdchen halt, die zum Schaulaufen in die Reithalle geführt wurden. Der Zopf durfte durchaus ein wenig pendeln, nein, er musste es sogar, das Hin und Her, das Schaukeln, machte den ganzen Reiz der Sache erst aus und verhieß einen Ausblick auf das, was unweigerlich danach kommen würde – das Streicheln des seidigen Puppenhaars.

Das Haar würde durch seine Finger gleiten wie ein gefälliges, samtenes Fließ, so, wie es sein musste, ein ganz natürlicher Vorgang. Vielleicht sah das nicht jeder so, aber was machte das schon. Giacomo Bondy gab nichts auf die Meinung anderer.

Bondy stand an einem steinigen Abhang, der steil zur Bay hin abfiel und einen unverbauten Blick auf die Golden-Gate-Bridge bot. Nur wenige hundert Meter entfernt lag Presidio, ein Park und einst ein Fort in strategischer günstiger Lage am nördlichen Ende der San-Francisco-Halbinsel, von den Spaniern gegründet und seit wenigen Jahren Quartier von Lucas-Films sowie mondäner Wohnungen in spektakulärer Lage, die in den ehemaligen Kasernen und angrenzenden Gebäuden aus militärischer Zeit untergebracht waren. Die Wohnungen waren heiß begehrt. Bondy stellte sich vor, wie die Gegend wohl in 100 Jahren aussehen mochte. Vielleicht mit Cottages, errichtet auf den Überresten des ehemaligen Forts, mit Mauern überwuchert von Gräsern und Bäumen oder vielleicht zu einer Hightechsiedlung aufgewertet.