Fünftes Blatt

Inhaltsverzeichnis

Hinter dem Beutelkasten und unter den Kastanien

Wie wunderlich das für mich heute ist, mit dem lieben jungen Weib und der alten Christine in unserer alten Küche und unserm wohlgegründeten behaglichen Heim in der großen Stadt in diesen abgezählten Sommertagen von der guten alten Zeit in Pfisters Mühle zu träumen und zu schreiben! Wie sind trotz der sonnigen, hoffnungsreichen Gegenwart jene anderen, gleichfalls zu-und abgezählten Tage und Stunden in dem muffigen, dunkeln Winkel nach hinten hinaus gleichfalls zur »guten alten Zeit« für mich geworden!

Von dem Latein, das mir darin, wie mein gelehrter Freund Asche das nannte, »verzapft« wurde, werde ich reden müssen. Ich weiß heute noch nicht, wie eigentlich meine Begabung dafür ist, aber das weiß ich genau, daß wir uns damals in dieser Hinsicht auf das Notwendigste beschränkt haben.

»Es ist Ihr Junge, Vater Pfister, und so haben Sie gewissermaßen die Berechtigung, mit ihm anzufangen, was Sie wollen. Mensa bringe ich ihm schon bei; was er nachher auf den Tisch zu stellen hat, ist Ihre und seine Sache«, sagte Studiosus Asche. »Was mich anbetrifft, so wissen Sie, daß mein Alter insolvent starb und Schönfärber war.«

»Und daß von meines guten Freundes, Ihres Vaters, Kunst, Wissenschaft und Sinnesart vielleicht grade das auf Sie übergegangen ist, was Sie brauchen und was andern Leuten bei Gelegenheit auch wieder nützlich werden kann. Auf einmal kann man selten das Beste zugleich haben, so zum Beispiel den Verstand in der Welt und das Glück in ihr. Sie ständen sich selber im Lichte, wenn Sie von Ihrem seligen Vater mit der geringsten Despektion reden wollten, Herr Asche.«

»Bei den unsterblichen Göttern!« ist die ruhige, gewissenssichere Antwort gewesen. »Was würde aus mir armen Waisenknaben geworden sein und werden, wenn nicht wenigstens ein Bruchteil vom Talent des Alten, die Dinge in der Weit schönzufärben, auf mich übergegangen wäre? Sie wissen, Vater Pfister, es ist so ziemlich das einzige, auf was die Gläubiger beim Ausschütten der Masse keinen Anspruch erhoben.« –

Das ist wahr. Ich habe nicht einen zweiten Menschen kennengelernt, der mit gleicher Fähigkeit, den Beschwerden dieser Erde eine angenehme Färbung zu geben, versehen gewesen wäre, wie mein erster, über den Dorfkantor hinausreichender Lehrmeister in unserm Hinterstübchen. Auch die unvermutete, »aus dem blauesten Himmel hereinbrechende« Störung seiner »Wald-, Feld-, Wiesen-und Pfistersmühlen-Faulheit« überwand er, und die Stunden, während welcher mein Vater uns beide hinter Schloß und Riegel hielt, gingen viel glatter und behaglicher vorbei, als wir es uns beim Beginn der ersten vorgestellt hatten. Es sitzt mehr als eine grammatikalische Regel wahrscheinlich nur deshalb heute noch bei mir fest, weil ich zugleich mit ihr noch das entfernte fröhliche Getön des Gartens und das nahe Rauschen der Mühlräder im Ohre habe.

»Drei Viertel auf fünf! Noch fünfzehn Minuten, und das Elend liegt wieder einmal hinter uns. Also noch einmal den Kopf zwischen beide Fäuste und drücke dreist etwas fester am Gehirn, Knabe! Siehst du, da haben wir das Gewürm schon draußen, und zwar wie gewöhnlich zum Teil durch die Nase mit: der schwarze Rabe – corvus niger; der angenehme Garten (es sind heute die Teutonen, die sich da den Hals abbrüllen und die kleinen Mädchen anrenommieren!) – hortus amoenus; das schwere Geschäft – negotium difficile. Der Eierkuchen mit Schnittlauch, der uns für später in Aussicht gestellt wurde, ist auch nicht gänzlich zu verachten. Noch einmal mit der Nase in den Schoß der Weisheit! Drücke – drücke fest: der gierige Bauch?«

»Alvus a-vi-dus, Herr Asche.«

»Avida, Esel! Keine Regel ohne Ausnahmen, mein Sohn. Die große Futterschwinge?«

»Vannus magna«!

»So machst du mir Freude. Und nun zum Schluß für heute den ganzen Quark noch mal poetisch: Er ir ur us sind –?«

»… Mascula,
um steht allein als Neutrum da.«

»Schön. Solltest du die nichtsnutzigen Ausnahmen auch noch in dieser zum Herzen sprechenden Weise angeben können, würdest du mir eine ebenso kindliche Freude bereiten wie dir selber. Leiere ab, jugendlicher Kitharoede; aber bedenke, daß ich dich immer noch vor Schluß der Stunde lebendig zu schinden imstande bin. Die Städt und Bäume –«

Und während Studiosus A. A. Asche am Tischrande die Faust im Kreise dreht, als drehe er den Griff einer Straßenorgel, leiere ich her.

»Die Städt und Bäume auf ein us
Man weiblich nur gebrauchen muß.
Von andern Wörtern merke man
Sich alvus, colus, humus, vannus an.
Die Wörter virus, pelagus
Sind einzig Neutra auf ein us,
Und vulgus ist daneben auch
Als Neutrum meistens im Gebrauch. –«

»Hurra! Wieder hinein in das Vulgus, und zwar als möglichst komplettes Neutrum!«

Es ist Freund Asche, der das nicht ruft, sondern mit merkwürdig tonloser Stimme seufzt, als riefe ihn des Dorfes Abendglocke nicht aus der tödlichsten Langeweile, sondern aus der innigsten Versunkenheit in alle Freuden der Pädagogik ab. Und es ist mein lieber, verstorbener Vater, der sein kluges, friedliches, lächelndes Gesicht in die Tür steckt und ruft:

»Nun, Kinder? Hübsch fleißig gewesen? Brav was gelernt?«

»Sehr brav – alle zwei, Vater Pfister.«

»Na, dann seien Sie bedankt, Herr Asche, und kommt heraus. Es ist wirklich ein recht amöner Abend und der Garten draußen voll bis zum Platzen. Bis in die Hecken sitzen sie mir. Bringe auch noch euere Stühle hier im Studio mit hinaus, Junge; bis ans Wasser haben sie mir die letzten aus dem Hause hingerückt, und Ihre Herren Kollegen, Herr Adam, haben die ihrigen schon lange höflich an die Damen abgetreten und behelfen sich mit den leeren Fässern und ein paar Brettern drüberhin. Hält diese Witterung so an, so bleibt uns nichts anderes übrig, als daß wir noch ein zweites Stockwerk über dem Pläsier etablieren, nämlich in den Baumästen. Einige von den Herren sitzen schon drin und lassen sich das Getränk in die Höhe reichen.« – – –

Es ist alles vor allen meinen fünf Sinnen.

Es ist kein Zweifel mehr, es ist ein heißer Tag geworden; je mehr die Sonne dem Mittage entgegengestiegen ist, durch desto wolkenloseres Blau schwimmt sie, und die Grillen auf den Wiesen jenseits des Baches hat sie allgemach vollständig berauscht; immer vielstimmiger und schriller dringt deren Lust an mein Ohr herüber. Die Enten rudern leise gegenüber im Schilfrohr; als der Schatten eines großen Raubvogels, der mit schwerfälligem Flügelschlag einem fernen Gehölz zuzieht, auf das Land fällt, hebt der letzte Gast in dem einst so lebendigen, jetzt so verlassenen, stillen Garten von Pfisters Mühle unwillkürlich die Hand und sieht sich erschreckt um: Welch ein wunderlich Mittagsgespenst in der schwülen, grünen, goldenen Einsamkeit von Pfisters Mühlengarten! Welch ein bunter, fröhlicher und doch dem letzten Stammgast so sehr das Herz beklemmender Abendzauber jetzt – jetzt zwischen elf und zwölf Uhr, um die Mitte des Tages!…

Der Garten voll bis zum Überquellen! Ist es nicht, als habe sich die halbe Stadt ein Stelldichein in Pfisters Mühle gegeben? Alt und jung bis zu den Allerjüngsten in der Wagenburg von mehr oder weniger eleganten Kinderwagen! Männlein und Fräulein, und die letztern in den zierlichsten, duftigsten Sommergewändern! Lehrstand, Wehrstand und Nährstand! Die Herren Studenten von allen Farben, und einige von ihnen – den Herren Studierenden – wirklich bereits auf den bequemeren Baumästen, wahrscheinlich um von denselben die Sonne bequemer untergehen zu sehen und einen objektiveren Überblick über das Philisterium im ganzen, die hübschen Mädchen und die Mütter der letztern im einzelnen zu haben.

»Vater Pfister! Vater Pfister! Was soll denn das heißen, Samse, daß sich kein Mensch von euch in dieser Region blicken läßt!«

»Es wird eben frisch angestochen, meine Herren«, brummt Samse – unser Samse, ein Drittel Mühlknappe, ein Drittel Ackerknecht, ein Drittel Dorf-und Gartenkellner, und also ganz und gar von der Zipfelkappe bis zu den Nägelschuhen, mit Mehlstaubjacke und Serviette, in Griff und Tritt und Ton vollkommen, unverbesserlich, gar nicht anders zu denken und zu wünschen – Pfisters Mühle! Doktor Asche hat ihn heute in Berlin als alten, behäbigen, weißköpfigen Herrn, hat ihm statt der Müllerjacke einen langen, behaglichen, dunkelgrünen Rock, im Winter mit Pelzkragen ankomplimentiert, ihm einen Lehnstuhl in eine gemütliche Wachtstube neben der großen Eingangspforte hingestellt und gesagt: »Sie halten die Augen wohl ein wenig offen, Samse, und passen mir hübsch auf alles, was ein und aus geht, alter Knabe. Cave canem! Ist der Junge aus den Windeln, so passen Sie mir auch auf den wohl ein bißchen mit, lieber Freund.«

»Wie in Pfisters Mühle, Herr Asche«, hat Samse erwidert, und es ist ganz gut so. Wie würde er uns verkümmert sein bei den gestellten Rädern und zwischen den leeren Tischen und Bänken von Pfisters Mühle! Wie schlecht hätte er sich, auch in meiner Gesellschaft, an einem Morgen wie der heutige auf dieser Bank, an diesem Tisch gegen das zu wehren vermocht, was vorbei war und niemals wiederkommen konnte! Der alte Grobian und getreue Knecht hatte sich eben nur unter den Menschen und nicht auch unter den Büchern umgetrieben. Er hätte nicht seine Gefühle zu Papier gebracht; höchstens würde man ihn nach längerm Suchen und Rufen aus dem Bach aufgefischt oder von einem Strick in einem dunkeln Winkel von Pfisters Anwesen abgeschnitten haben.

»Ich habe eine Vorahnung, daß dich nichts so sehr gegen deine zukünftigen Erlebnisse abhärten wird als eine regelrechte Beschäftigung mit den Wissenschaften, mein Junge«, sagte mein Vater, und – es ist immer in diesem Augenblick noch Sommerabend und Pfisters Mühle in ihrer Glorie ohne Schaden für Leib und Leben in meiner abgehärteten Phantasie. Wie freilich meine Stimmung sein würde ohne Emmys Arbeitskörbchen auf dem Tische und ihr Taschentuch auf der Bank neben mir und ohne die Gewißheit ihres Vorhandenseins in dem stillen Hause unter den Kastanien und Linden hinter mir, soll trotz aller Bücher und Wissenschaften in der Welt eine offene Frage bleiben.

»Geh mir nicht so weit weg, daß ich dich nicht abrufen kann«, ruft eben das süße Herz im weißen Küchenschürzchen von meines Vaters verkauftem Hause her; ich aber habe wahrlich nicht die Absicht und Neigung, jetzt weit wegzugehen.

Das Wasser rauschet neben mir hin,
Als wüßt es, was ich fühle,
Und nimmermehr will aus dem Sinn
Mir die verlassne Mühle;

es wäre auch ein wirkliches und dazu höchst jämmerliches Wunder, wenn das trotz allem, was ich auf und vor Schulbänken und Kathedern zur Abhärtung des »bessern Bewußtseins« in Erfahrung brachte, möglich sein könnte.

Wie viele der Stimmen, die mich damals von allen Seiten her riefen, können mich heute nicht mehr abrufen! Wie groß die Gefahr für meines Vaters Sohn, sich in Stadtkuchen an Dutzenden von Tischen aus Handtaschen und dem Papier der gestrigen Zeitung zu überfressen! Und doch gehe ich den geputzten, feinen Stadtdamen und den kleinen Fräuleins so gern aus dem Wege und ziehe am liebsten in grinsender Dorfblödigkeit den Ärmel unter der Nase her, wenn man mir zuwinkt und zulacht und das Behagen und Wohlgefallen an Vater Pfister auch auf seinen Sprößling überträgt. Am liebsten halte ich mich jetzt bereits so dicht als möglich hinter meinem vor kurzem noch so sehr gefürchteten, gelehrten lateinischen Freund aus dem Hinterstübchen, und es ist möglich, daß ich auch wie er die Hände in die Hosentaschen geschoben halte und dasselbe Stück ihm nachsumme oder zwischen den Zähnen pfeife, wie wir uns zwischen den Tischen hinschieben und die heutigen Gäste von Pfisters Mühle einer mehr oder weniger gemütlichen Betrachtung unterwerfen.

Wahrlich, ich habe nicht bloß die Grundlagen meiner Kenntnis der Römersprache von meinem für einen Strich durch sein Kneipkonto, fernerweitige gute Verköstigung und ein Taschengeld allmonatlich angeworbenen, eigentümlichen Mentor! Freilich ist es in damals erst kommenden Jahren, wo ich vollkommen einsehen lerne, was alles man in Pfisters Mühle und Garten sehen, lernen, in die Erfahrung bringen kann.

In den Tagen, von welchen jetzt die Rede ist, schiebt der gelehrte Freund gewöhnlich so rasch als möglich irgendwo einen krassen Fuchs vom Stuhl, schickt ihn, ganz gegen die Naturgeschichte, gleichfalls am Baum in die Höhe auf den nächsten bequemen Ast und proklamiert das riesigste Bedürfnis, mindestens sechs von den nächsten wiederkäuenden Kamelen abzuschlachten und sie auf den Keller in ihrem Innern zu prüfen.

An diesen Tischen, hinter diesen Stühlen und Bänken hielt ich mich am liebsten auf, und Emmy meinte gestern: »Wenn ich bedenke, unter welchen Gefahren und Verlockungen du hier von Kindesbeinen an aufgewachsen bist, so habe ich meinem Herrgott eigentlich tagtäglich dafür auf den Knieen zu danken, daß ich noch so ziemlich gut davongekommen bin. Dies ist ja gräßlich! Und ein wahres Glück, daß ich bis heute keine Ahnung hiervon gehabt habe und Papa und meine liebe selige Mama ebenfalls nicht! Na freilich, Papa sein Gesicht und seine vergnügte Freundlichkeit hinter seiner Pfeife sind vielleicht auch nicht besser und moralischer, als sie von Gottes und Rechts wegen sein sollten; aber was meine arme selige Mama betrifft, so sollte ich es jetzt wirklich für einen Segen halten, daß sie leider Gottes nicht uns hierher nach deiner entsetzlichen Mühle begleiten konnte und ihre Vorgeschichte gehört hat.«

»Beruhige dich, Kind. Wenn die Rede zu eingehend auf euch süße Herzen, Trösterinnen im Erdenleben, kurz, bessere Hälfte des Menschengeschlechts – Kalypso und ihre Schwestern gar nicht zu erwähnen – geriet, wurde Telemachos vom Mentor stets mit einer Bestellung ins Haus geschickt oder kurz und bündig aufgefordert, sich weiterwegzuscheren.«

»Ich danke«, sagte Emmy, leider in einigem Zweifel, ob sie den Trost wirklich als ein Kompliment aufzufassen habe.

»Und dann – manchmal wurde es ja auch unserm Freund Asche zu arg, und er nahm mich am Arm und verzog sich selber mit mir aus der Brüder wildem Reihen.«

»In den Frieden der Natur!« zitierte Emmy eine der mannigfachen Redensarten ihres Freundes A. A. Asche.

Zehntes Blatt

Inhaltsverzeichnis

Der Blaue Bock und ein Tag Adams und Evas in der Schlehengasse

Ich nahm Emmy nicht weiter mit in den Blauen Bock; wir gingen denn doch endlich lieber zu Bett in der stillen Mühle, und das Kind mit seinem unschuldigen, besten Gewissen entschlummerte auch sofort und drehte sich nur einmal auf die andere Seite, wie es schien, von der seltsamen Wäsche ihres guten Freundes Doktor Adam Asche träumend.

Ich aber, wenngleich ebenfalls in »Nacht und Kissen gehüllt«, blieb in der Erinnerung noch ein wenig im Blauen Bock und saß mit dem verstorbenen Vater und dem Freunde und – Samse, dem treuen Knecht, in der wohlbekannten Wirtsstube der weitbekannten Ausspannwirtschaft und frischte alte Bilder auf.

Der alte Herr zahlte selbstverständlich uns hungrigem jungen Volk die Zeche, und Samse griff in die Schüssel wie in die Unterhaltung ein und gab nicht nur einen wackern Durst, sondern auch mehr als ein verständig Wort dran und dazu. Über seine eigenen übelduftenden Augiasstallstudien und seine sich möglicherweise daran knüpfenden Absichten und Aussichten, Pläne und Hoffnungen ließ sich der Doktor wenig aus, murmelte nur einiges von: Berliner Schwindel! und tat selbst mir gegenüber zurückhaltender, als sonst seine Gewohnheit war. Aber seinem alten Gönner lieh er ein williges Ohr und ließ, mit Messer und Gabel beschäftigt, Vater Pfister so ausführlich werden, als das demselben in seinen Nöten und Ängsten ein Bedürfnis sein mochte.

»Den Braten habe ich lange gerochen!« seufzte er, Asche, mit einem fetten Stück Kalbsniere auf der Gabel, und ließ es ungewiß, was für einen »Braten« er eigentlich meine. Das Wort wird ja wohl immer noch dann und wann in Verbindung mit der Nase des Menschen figürlich genommen.

»Sie hören mir doch auch zu, Adam?«

»Mit vollstem Verständnis, würdigster Gastfreund. Bis über die Ohren in diesem Salat!« lautete die Antwort. »Erzählen Sie ruhig weiter, Vater Pfister; es gehört mehr in der Welt dazu, mir in gegenwärtiger Stunde den Appetit zu verderben. Dich ersuche ich um den Pfeffer dort, Sohn und Erbe von Pfisters Mühle. Hoffentlich hat man es dir in der klassischen Geographie beigebracht, daß Grade durch das Land Arkadien der Fluß Styx floß und daß jeder, der im neunzehnten Jahrhundert einen Garten und eine Mühle an dem lieblichen Wasser liegen hat, auf mancherlei Überraschungen gefaßt sein muß. Schade, daß ich dich meinerzeit nicht schon darauf aufmerksam machen konnte in unserm Hinterstübchen! Sie waren dort sehr gastfrei, Vater Pfister – in Arkadien nämlich – und sie beteten den Gott Pan an, und in der Poesie und Phantasie wird es immer ein Paradies bleiben – grade wie Pfisters Mühle mir! – was auch in der schlechten Wirklichkeit daraus werden mag. Ob ich Ihnen zuhörte, Vater Pfister? In Ihrer Seele sitze ich! Als Sie in harmloser Heiterkeit in gewohnter, lieber Weise Ihre Nase noch hoch unter Ihren Gästen herumtrugen, habe ich Ihr und unserer alten guten Mühle Schicksal bereits vorausgerochen. Zu Weihnachten also das Weitere, und zwar so wissenschaftlich, als es Ihnen beliebt; vorläufig nur das Wort: Krickerode!«

Krickerode!

Es war nur ein Wort, aber es wirkte, wie ein einziges Wort dann und wann zu wirken pflegt. Es schlug ein; und mein Vater, nachdem er auf den Tisch geschlagen hatte, sprang auf, legte sich vorwärts über Gläser, Schüsseln und Teller, faßte mich, hielt mich an beiden Schultern, schüttelte mich und rief:

»Was habe ich mir gedacht?… In schlaflosen Nächten und am wachen Tage!… Was hab ich dir gesagt, Junge? Bezeuge es dem Doktor da, was ich dir schon längst gesagt habe!«

»Was verlangen Sie denn sonst noch von dem Zucker, als daß er uns das Leben versüße, Vater Pfister?« fragte Doktor Asche mit behaglich gesättigter Grabesstimme. »Allzuviel davon in der Welt Feuchtigkeiten kann einem freilich – hie und da zuviel werden. Ich gebe Ihnen da wie gewöhnlich vollkommen recht, alter Herr und Gönner. –

»Also doch – Krickerode!« murmelte mein Vater, jetzt schlaff und erschöpft auf seinem Stuhle sitzend und wie abwesend (an seinem Wasserlauf und in seiner Mühle) von einem zum andern blickend. »Wer mir das in meiner unschuldigen Jugend prophezeit hätte, wenn mich meine selige Mutter mit dem Sirupstopf ins Dorf schickte und sich jedesmal wunderte, daß der Kaufmann so wenig fürs Geld gab!… Also Krickerode!…«

»Zuviel Zucker – zuviel Zucker – viel zuviel Zucker in der Welt, in der wir leben sollen!« seufzte Asche.

»Rübenzucker«, sagte mein Vater, matt die brave, breite Hand auf den Tisch legend; und Adam Asche meinte jetzt mit wirklicher, aufrichtiger Teilnahme:

»Wozu ich Ihnen und der Mühle unter diesen Umständen werde nützlich sein können – wozu ich Ihnen verhelfen kann: ob zu Ihrem Recht oder nur zu größerem Verdruß, kann ich nicht sagen; aber daß ich zu Weihnachten nach Pfisters Mühle kommen werde, darauf können Sie Gift nehmen, Vater Pfister.«

»Letzteres ist gar nicht notwendig, Adam«, meinte der alte Herr melancholisch. »Bloß auch wissenschaftlich möchte ich es jetzt gern zum Heiligen Christ von Ihnen haben, Doktor. Anspannen, Samse!…«

Ehe Samse hinausging, um anzuspannen, setzte der gute Knecht mir unterm Tisch den nägelbeschlagenen Gamaschenschuhabsatz in einer Art auf die Fußzehen, die nur bedeuten konnte:

»Komm mal mit in den Stall.«

Und im Stall neben dem treuen, die letzten Haferkörner in der Krippe beschnaubenden Hans von der Mühle legte er, Samse aus der Mühle, mir die arbeitsharte, treue Hand schwer auf die Schulter und sagte:

»‘s ist die höchste Zeit, daß Ihr was dazu tut, Ebert. Seht ihn Euch an! Er wird mir umfänglicher, aber auch weichlicher von Tag zu Tage. Da will er mir des Morgens nicht mehr aus dem Bette, und heben wir ihn heraus, so sitzt er uns hin im Stuhl am Fenster und schnüffelt und schnüffelt und schnüffelt. Und steht er und geht er um, so ist es noch schlimmer mit der Mühle – von uns gar nicht zu reden. Er schnüffelt drinnen, er schnüffelt draußen; an mir mag er riechen, was und so viel er will, aber an dem übrigen riecht er sich noch seinen Tod an den Hals, und die Christine ist da auch ganz meiner Meinung. Ja, die hat sich auch in Geduld zu fassen und das Ihrige zu leiden! Nichts riecht ihm an ihr mehr recht. In Küche und Kammer, auf dem Boden und im Keller schnüffelt er uns; aber das Schlimmste ist doch sein Stehen im Garten und sein Atemholen dorten, so viel ihm noch davon vergönnt ist, und das ist leider Gottes wenig genug. Daß ich ihm heute morgen unsern Herrn Doktor Adam aufs Tapet gebracht habe, das ist mein Verdienst; aber nun sorgen auch Sie, Ebert, nach Kräften dafür, daß der als Übergelehrter das Seinige an uns tut. Es ist ja diesmal wirklich, als ob uns die Doktoren zu unserm einzigsten Troste in die Welt gesetzt wären: ohne unsern andern von der Art, Sie wissen es, wen ich meine, stünde es an manchem gegenwärtigen Winterabend noch tausendmal elender um Pfisters Mühle, und einen schlimmen Zahler muß unser Meister ja mal zu jeder Zeit auf dem Konto haben. Das ist eben sein absonderlich Privatvergnügen, zu dem er unter Millionen allein auf die Welt gekommen scheint. Und dann Fräulein Albertine –«

Ich wußte es natürlich, von wem der Alte redete; aber ehe ich ihm meine vollständige Übereinstimmung mit seiner Meinung kundgeben konnte, rief mein Vater derartig ungeduldig von dem Hausflur des Blauen Bockes her nach seinem getreuen Knechte, daß dieser allen Grund hatte, sich und den braven Mühlen-Hans zu beeilen.

Zehn Minuten später standen Adam und ich in dem Torbogen und sahen dem Vater Pfister nach, wie er heimwärts fuhr und wenig Trost aus der Stadt mit nach Hause nahm. Mit den Augen konnten wir ihm und dem Gefährt nur wenig über die nächste Laterne am Wege folgen; aber wir standen in der scharfen Zugluft und dem feuchten Niederschlag des Winterabends unter dem Tor und Schilde des Blauen Bockes, bis sich das letzte Rädergerassel des Müllerwagens von Pfisters Mühle in der Ferne verloren hatte.

Dann meinte Doktor A. A. Asche:

»Ein Mensch wie ich, der die feste Absicht hat, selber einen sprudelnden Quell, einen Kristallbach, einen majestätischen Fluß, kurz, irgendeinen Wasserlauf im idyllischen grünen Deutschen Reich so bald als möglich und so infam als möglich zu verunreinigen, kann nicht mehr sagen, als daß er sein Herzblut hingeben würde, um dem guten alten Mann dort seinen Mühlbach rein zu erhalten. Ich bin, wie du weißt und nicht weißt, seit ich dir im Hinterstübchen von Pfisters Mühle die Anfangsgründe nicht nur des Lateinischen, sondern auch der Menschenkenntnis beibrachte, unter den Menschen viel und an vielen Orten gewesen; aber einen zweiten seinesgleichen habe ich nicht unter unsersgleichen gefunden. Da ist kein Wunsch, den ich dem nicht zum Heiligen Christ erfüllen möchte, aber leider Gottes werde ich ihm nur in einem zu Willen sein können. Erfahren soll er, wer ihm seinen Bach trübt. Wissenschaftlich soll er’s haben bis zur letzten Bakterie! Schriftlich soll er’s haben – zu Gericht soll er damit gehen können! Ich werde ihm sein Wasser beschauen, und kein anderer Doktor wird ihm die Diagnose so sicher stellen, wie sein alter, verlungerter Schützling und Günstling Adam Asche.«

»Du bist doch ein guter Mensch, Asche!« rief ich.

»Das bin ich gar nicht«, schnarrte mir aber der chemische Vagabund und Abenteurer zu. »Komm nach Hause, junger Mensch! Wende du deine Windeln auf dem Zaune um, das heißt, setze dich an deine Bücher. Mich verlangt’s anjetzt dringlich zu der Wäsche zurück, die mir, wie du vorhin bemerken konntest, auf der Leine hängt. Ich habe viel zu tun die nächsten Wochen hindurch und du auch einiges; also beschränke deine Erkundigungen nach meinem Ergehen auf das geringste Maß der Höflichkeit. Am liebsten ist’s mir, du kommst am Tage Adam und Eva, am vierundzwanzigsten Dezember, so um vier Uhr nachmittags, und holst mich ab nach Pfisters Mühle. Das soll übrigens allem Erdenstank und -drang zum Trotz die gemütlichste Weihnacht werden, die ich seit manchem widerwärtigen Jahr gefeiert habe. Den Wind im Rücken auf der Landstraße, Abenddämmerung, Nacht und Nebel auf den Feldern rundum und in seiner Mühle der Vater Pfister: ›Christine, da kommen sie! Brenne die Lichter an der Tanne an!‹ – Das wäre wahrhaftig eine Sünde, ihm seinen Wunsch nicht zu erfüllen. Bis auf das letzte Atom soll er’s wissen, wieviel Teile Ammoniak und Schwefelwasserstoff der Mensch dem lieben Nachbar zuliebe einatmen kann, ohne rein des Teufels zu werden ob der Blüte des nationalen Wohlstandes und lieber alle Viere von sich zu strecken, als noch länger in diese Blume zu riechen. Guten Abend, Ebert.«

Er nahm hiermit nach seiner Art einen kurzen Abschied, und ich sah ihn wirklich nicht eher wieder als bis am Tage Adam und Eva und ließ ihn bis dahin ungestört bei seinen mysteriösen Studien und Arbeiten. Der vierundzwanzigste Dezember dämmerte dann ganz wie ein Tag nach seinem Wunsche – dunkel und windig vom ersten grauen Schein – über den Dächern an; nur daß wir den Wind, einen recht wackern Nordost, nicht im Rücken, sondern gradeaus im Gesicht und nur hie und da an einer Wendung der Landstraße scharf in der Seite haben sollten.

Ich holte ihn ab und hatte das Vergnügen, ihm beim Packen seines Reisebündels behülflich zu sein und auch sonst für die Tage seiner Abwesenheit sein städtisches Heimwesen zu einem Abschluß bringen zu helfen, was auch nicht ohne seine drolligen Schwierigkeiten war. Er, der behauptete, einer der freiesten der Menschen zu sein, war nach so vielen und verschiedenen Richtungen hin gebunden und so erfinderisch den kuriosen Einzelheiten seiner Existenz gegenüber, daß es nur einem Normalphilisterkopf ein wahres Übermaß der Schadenfreude gewähren konnte, ihn sich in seinen Verlegenheiten abzappeln zu sehen. Schadenfroh war ich nicht, aber daß ich bei seinen Versuchen, die Bande und Knoten, welche ihn an die Schlehengasse fesselten, möglichst ohne arges Gezeter und sonstige Ärgernisse zu lösen, in Mitleid und Wehmut verging, kann ich freilich auch nicht sagen.

Er hatte, als ich kam, seiner Mietsherrin bereits mitgeteilt, daß er für einige Zeit vom Hause abwesend sein werde, und ich traf mehrere bei ihm anwesend, die dringend genügende Garantie für sein Wiederkommen verlangten, ehe sie ihn losließen. Merkwürdigerweise hatten die Gewerbtreibenden im Hause sämtlich ihre Frauen oder Töchter geschickt und warteten selber lieber auf ihrem Schusterschemel oder Schneidertisch das Resultat ihrer Verhandlungen ab. Und Meister Börstling hatte Weib und Kind gesendet. Mit Madame lag Fräulein Olga dem unseligen, gelehrten chemischen Wäscher auf dem Halse, und Olga hatte ganz intime Stücke weiblicher Garderobe mitgebracht und hielt sie dem Hausgenossen unter die Nase:

»Wie Zunder, Herr Doktor! Zwischen den Fingern zu zerreiben! Und hinten und vorn versengt! Und frage ich Sie, wer steht mir nun für den Schaden, den wir in unserer Herzensgüte uns haben anrichten lassen?«

Fräulein Marie hatte nur »eine kleine Note vom Papa« gebracht, der aber doch grade auf das Fest Besseres zu tun hatte, als mit seinem Schneiderkonto faulen Kunden in die weite Welt nachzulaufen. Aber die Furchtbarste war doch die dem Doktor Nächste, seine Stubenwirtin, Witwe Pohle. »Vollständig unbezahlte Rechnung seit Anmeldung auf der Polizei«, sperrte sie uns die Tür und den Weg nach Pfisters Mühle.

Und es war ihnen allen nicht zu verdenken! Sie hatten meistens sämtlich Kinder, und zwar viele. Es war der Tag Adam und Eva, der Heilige Abend dämmerte bereits, und sie hatten sämtlich Geld nötig aufs Fest.

Mitleid mit dem Sünder konnte aber, wie schon bemerkt, dreist für dringendere Fälle aufgespart werden; guter Rat wäre gänzlich an ihn weggeworfen gewesen.

»Nur sachte, immer sachte, Kinder«, sprach mit höchstem Gleichmut Doktor Adam Asche, nur von Zeit zu Zeit beide Hände auf beide Ohren drückend. »Bin ich Orpheus, daß ihr mich zu zerreißen wünscht, ihr kikonischen Weiber? So schlimm ist’s doch nicht mit dem Peplos, wie Sie’s mir einbilden wollen, Olga! Einmal tut er doch noch seine Schuldigkeit mit Weinlaub und Eppich im Orpheon, liebes Kind!… So halten Sie mir doch die Krabben vom Leibe, Madam Börstling! Zahlung hoffen Sie und werden in Ihrer Hoffnung nicht getäuscht werden; fragen Sie den jungen Mann hier, ob er nicht noch einmal bluten wird – sein Erzeuger nämlich! Wir haben beide die besten Absichten, nicht umsonst Weihnachten in Pfisters Mühle zu begehen – Silvester feiern wir hier, und ich gebe dem ganzen Hause eine Bowle!… O Fräulein Marie, von Ihnen und Papa hätte ich doch etwas anderes erwartet als dieses! Haben wir – der eine wie der andere – Papa, ich und Sie, nicht höhere Bildung, nicht andere Interessen, nicht größere Ziele? Darf ich Sie nicht noch ein einziges Mal auf unsere Ideale verweisen, Maria? Ich darf es, ich sehe es Ihnen an, daß Papa auch diesmal noch sich bis nach Neujahr gedulden wird!… Mit Ihnen, Mutter Pohle, sollte ich eigentlich gar nicht zu reden brauchen. Sie wissen es, daß ich es weiß, wie sicher ich Ihnen bin, und daß es Ihnen gar keinen Spaß machen kann, Ihren angenehmsten Stubenherrn, seit Sie auf dergleichen als Witwe angewiesen sind, in anderthalb Stunden an den Christbaum zu hängen. Ich setze Ihnen hier diesen Jüngling zum Pfande, daß ich zu Neujahr wieder zurück bin von Pfisters Mühle. Daß bis Ostern vielleicht sich alles – alles gewendet haben wird, Knabe Ebert, ist etwas, was ich gegenwärtig so wenig diesen Herzen hier wie dir plausibel machen könnte. Ein Poet mit der gültigsten Anweisung auf die Unsterblichkeit ist da dem vorhandenen Moment gegenüber nicht übler dran als ich, und nun, Kinder, tut mir den Gefallen und verderbt euch und mir nicht länger die Gemütlichkeit des Abends vor dem Heiligen Christ! Hier – auf den Tisch – mein letztes Zehnmarkstück! Das ist vom Onkel Asche für die Kinder Schlehengasse Numero eins. Da, Toni ist die Vernünftigste, die und Hermann nehmen den größten Handkorb, aber alle übrigen gehen mit in die Stadt zum Zuckerbäcker, und – euch älteres und ältestes Gesindel mache ich darauf aufmerksam, daß ich zu Neujahr wieder hier am Platze bin und fürchterliche Rechenschaft fordern werde, wenn der geringste Krakeel wegen ungerechter Verteilung im Hause entstanden sein sollte.«

Damals stand ich ob dieses Erfolges dieser Wendung der Rede A. A. Asches nur stupifiziert. Wie ich heute, bei reiferen Jahren, die Sache ansehe, kann ich mir nur sagen: Hier war der Charakter, den Durchlaucht Otto Fürst Bismarck, Kanzler des Deutschen Reiches, wenigstens so ungefähr im Sinne haben konnte, wenn er den Reichstag ersuchte, sich gütigst für einen andern Mann auf dem harten Stuhl zu sammeln.

Sie entfernten sich, und wir blieben noch einige Augenblicke. Sie liefen, und wir hörten ihren jauchzenden Tumult auf allen Treppen – Kinderjubel und Kindergekreisch treppauf, treppab: »Onkel Asche!« von oben bis unten durch das Haus Schlehengasse eins im Ödfelde. Aus der Atemlosigkeit eines Lachkrampfes, dessen ich mich heute noch schäme, riß mich das gelassene Wort Doktor Adam Asches:

»Wie ich glaube, können wir allmählich auch gehen.«

Dreizehntes Blatt

Inhaltsverzeichnis

Vater Pfisters Elend unterm Mikroskop

Am andern Morgen begannen wir (nicht Emmy und ich: wir halfen den Bauern im Dorfe beim Heumachen und kamen erst am Abend zu den Geschichten von Pfisters Mühle zurück) die wissenschaftlichen Forschungen und beschäftigten uns mit den ersten Vorbereitungen zu der Diagnose, behufs welcher Doktor Asche von meinem Vater an das Krankenbett seiner einst so gesunden, fröhlichen Wirtschaft berufen worden war.

»Es ist freilich arg!« sagte der sonderbare Mühlenarzt und Wasserbeschauer, als er die Nase aus dem Fenster unterm Dachrande in den grauen, feuchtkalten Morgen hinausschob und sie niesend wieder zurückzog. »Hm, und auch nur, weil die Menschheit ihre Welt nicht süß genug haben kann!«

Wir stiegen hinab in die Weihnachtsstube und fanden sie zwar gefegt und zurecht rückt, aber doch auch voll seltsamer Dünste, die nicht bloß von dem vergangenen lustigen Abend her an ihr hafteten. Die Tanne war bereits in den Winkel geschoben, und am Tische saß mein Vater in seiner Hausjacke, wenig festtäglich gestimmt.

»Die Leute und die Weibsleute gehen ins Dorf in die Kirche, und ich würde auch hineingehen und euch zwei Heiden mitnehmen, wenn es mir noch so wäre wie vor Jahren und als deine selige Mutter noch bei uns war, Ebert; aber das Gemüte ist mir nicht mehr darnach, und ändern kann ich’s leider nicht. Setzt euch und trinkt Kaffee. Wir haben seit Jahrhunderten in unserer Mühle unsern Stolz an unserm Oster-, Pfingst-und Weihnachtskuchen gehabt, aber auch er ist mir nicht mehr derselbige, sondern riecht und schmeckt mir nach Vergiftung und Verwesung; und alle blutigen Tränen, die mir die Christine hinweint, wenn ich ihr den Teller zurückschieben muß, helfen nichts dagegen. Freßt euch hinein, liebe Jungen, und Gott segne euch euern bessern Appetit und eure grünere Hoffnung! Nachher wollen wir dann in Teufels Namen in der Mühlstube die Nase so voll als möglich nehmen und sehen, ob es wirklich von Nutzen ist, was Sie gelernt und getrieben haben die langen Jahre durch, Adam. Uh, das wäre dann meine Weihnachtsbescherung!«