Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag. Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu, Zerstörer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht auseinandersetzen, denn das ist die Sache der Geschichte; aber schildern kann ich, wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an der Welt Ende.

Dem Hunger, der heiligen Macht des echten, wahren Hungers widme ich diese Blätter, und sie gehören ihm auch von Rechts wegen, was am Schluß hoffentlich vollkommen klargeworden sein wird. Mit letzterer Versicherung bin ich in einer weiteren Vorrede, welche zur Gemütlichkeit, Erregung und Aufregung des Lesers doch nur das wenigste beitragen würde, überhoben und beginne meine Geschichte mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen die Mitwelt und Nachwelt als auch gegen mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder des großen Entstehens, Seins und Vergehens – des unendlichen Werdens, welches man Weltentwicklung nennt, welches freilich ein wenig interessanter und reicher als dieses Buch ist, das aber auch nicht wie dieses Buch in drei Teilen zu einem befriedigenden Abschluß kommen muß.

»Da haben wir den Jungen! Da haben wir ihn endlich – endlich!« rief der Vater meines Helden und tat einen langen, erleichternden Atemzug, wie ein Mann, der langes, vergebliches Sehnen, schwere Arbeit, viele Mühen und Sorgen getragen hat und endlich glücklich zu einem glücklichen Ziel gekommen ist. Mit klugen, glänzenden Augen sah er herab auf das unansehnliche, kümmerliche Stück Menschentum, welches ihm die Wehemutter in die Arme gelegt hatte, grad als die Feierabendglocke erklang. Eine Träne stahl sich über die hagere Backe des Mannes, und die scharfe, spitze, kluge väterliche Nase senkte sich immer tiefer gegen das unbedeutende, kaum erkennbare Näschen des Neugeborenen, bis sie plötzlich mit einem Ruck wieder emporfuhr und sich ängstlich fragend gegen die gute, hilfreiche Frau, die soviel zu seinem Entzücken beigetragen hatte, richtete.

»O Frau Gevatterin – Gevatterin Tiebus, es ist doch wirklich, wirklich einer? Sagt’s noch einmal, daß Ihr Euch nicht irrt – daß dem wirklich, wirklich so ist!«

Die Wehemutter, welche bis jetzt mit selbstbewußtem, lächelndem Kopfnicken der ersten zärtlichen Begrüßung zwischen Vater und Sohn zugesehen hatte, hob nun ebenfalls ihre Nase sehr ruckartig, verscheuchte mit einer unnachahmlichen Bewegung beider Arme alle Geister und Geisterchen des Wohlwollens und der Zufriedenheit, von welchen sie bis jetzt umflattert wurde, stemmte die Fäuste in die Seite, und mit Hohn, Verachtung und beleidigtem Selbstgefühl sprach sie:

»Meister Unwirrsch, Ihr seid ein Narr! Laßt Euch an die Wand malen! … Ob es einer ist? – Hat die Welt je so was gehört von solchem alten, verständigen Menschen und Hausvater? … Ob es einer ist!? Meister Unwirrsch, ich glaube, nächstens verlernt Ihr noch, einen Stiefel von einem Schuh zu unterscheiden. Da sieht man’s recht, was für ein Leiden es ist, wenn die Gottesgabe so spät kommt. Ist das kein Junge, den Ihr da haltet? Ist das wirklich kein Junge, kein richtiger, echter Junge? Jesus, wenn die alte Kreatur nicht das arme Geschöpf in den Armen hielte, so möchte ich ihr schon eine Tachtel um solch ‘ne nichtsnutzige, fürwitzige Frage stechen! Kein Junge!? Wohl ist es ein Junge, Gevatter Pechdraht – zwar keiner von die schwersten, aber doch ‘n Junge wie was! Und wieso, ist’s kein Junge? Ist nicht der Buohnohpartch, der Nahpohlion wieder unterwegens übers Wasser, und gibt’s nicht Krieg und Katzbalgerei zwischen heut und morgen, und braucht man etwan keine Jungen, und werden nicht etwan in jetziger gesegneter und geschlagener Zeit mehr Jungen als Mädchen drum in die Welt gesetzt, und kommen nicht auf ein Mädchen drei Jungen, und kommt Ihr mir so, Gevatter, und wollt einer gewickelten und gewiegten Perschon nichtswürdige Fragen stellen? Laßt Euch an die Wand malen, Gevatter Unwirrsch, und drunter schreiben, wofür ich Euch halte. Gebt her den Jungen, Ihr seid gar nicht wert, daß er sich mit Euch abgibt – marsch, fort mit Euch zu Eurer Frau – am Ende fragt Ihr die auch noch, ob’s – ein – Junge – ist!«

Unsanft wurde das Wickelkind aus den Armen des verachteten, niedergeschmetterten Vaters gerissen, und nach abermaligem Atemholen humpelte der Meister Anton Unwirrsch in die Kammer zu seiner Frau, und die Glocken des Feierabends läuteten immer noch; wir aber wollen weder die beiden Ehegatten noch die Glocken stören – sie sollen ihre Gefühle ausklingen lassen, und niemand soll dreinreden und -schreien dürfen. –

Arme Leute und reiche Leute leben auf verschiedene Art in dieser Welt; aber wenn die Sonne des Glücks in ihre Hütten, Häuser oder Paläste scheint, so vergoldet sie mit ganz dem nämlichen Schein die hölzerne Bank wie den Samtsessel, die getünchte Wand wie die vergoldete, und mehr als ein philosophischer Schlaukopf will bemerkt haben, daß, was Freude und Leid betrifft, der Unterschied zwischen reichen und armen Leuten gar so groß nicht sei, wie man auf beiden Seiten oft, sehr oft, ungemein oft denkt. Wir wollen das dahingestellt sein lassen; uns genügt es, daß das Lachen nicht Monopol und das Weinen nicht Servitut ist auf diesem rundlichen, an beiden Polen abgeplatteten, feuergefüllten Ball, auf welchem wir uns ohne unsern Willen einfinden und von welchem wir ohne unsern Willen abgehen, nachdem uns der Zwischenraum zwischen Kommen und Gehen sauer genug gemacht wurde.

In armer Leute Haus schien jetzt die Sonne, das Glück beugte sein Haupt unter der niederen Tür und trat lächelnd herein, beide Hände offen zum Gruß darbietend. Es war hohe Freude über die Geburt des Sohnes bei den Eltern, dem Schuster Unwirrsch und seiner Frau, welche so lange darauf gewartet hatten, daß sie nahe daran waren, solche Hoffnung gänzlich aufzugeben.

Und nun war er doch gekommen, gekommen eine Stunde vor dem Feierabend! Die ganze Kröppelstraße wußte bereits um das Ereignis, und selbst zum Meister Nikolaus Grünebaum, dem Bruder der Wöchnerin, welcher ziemlich am anderen Ende der Stadt wohnte, war die frohe Botschaft gedrungen. Ein grinsender Schusterjunge, der seine Pantoffeln, um schneller laufen zu können, unter den Arm genommen hatte, brachte die Nachricht dahin und schrie sie atemlos dem Meister in das weniger taube Ohr, was zur Folge hatte, daß der gute Mann während fünf Minuten viel dümmer aussah, als er war. Jetzt aber war er bereits auf dem Wege zur Kröppelstraße, und da er als Bürger, Hausbesitzer und ansässiger Meister die Pantoffeln nicht unter den Arm nehmen konnte, so war davon die Folge, daß ihn der eine treulos an einer Straßenecke verließ, um das Leben auf eigene Hand oder vielmehr auf eigener Sohle anzufangen.

Als der Oheim Grünebaum in dem Hause seines Schwagers ankam, fand er daselbst so viele gute Nachbarinnen mit Ratschlägen und Meinungsäußerungen vor, daß er sich in seiner jammerhaften Eigenschaft als alter Junggesell und ausgesprochener Weiberhasser höchst überflüssig erscheinen mußte. Er erschien sich auch in solchem Lichte und wäre beinahe umgekehrt, wenn ihn nicht der Gedanke an den in dem »Lärmsal« elendig verlassenen Schwager und Handwerksgenossen doch dazu gebracht hätte, seine Gefühle zu bemeistern. Brummend und grunzend drängte er sich durch das Frauenvolk und fand endlich richtig den Schwager in einer auch nicht sehr beneidenswerten und leuchtenden Lage und Stellung.

Man hatte den Armen vollständig beiseite geschoben. Aus der Kammer der Wöchnerin hatte ihn die Frau Tiebus hinausgemaßregelt; in der Stube unter den Nachbarinnen war er auch vollkommen überflüssig; der Gevatter Grünebaum entdeckte ihn endlich kümmerlich in einem Winkel, wo er zusammengedrückt auf einem Schemel saß und Teilnahme nur an der Hauskatze fand, die sich an seinen Beinen rieb. Aber in seinen Augen war noch immer jener Glanz, der aus einer anderen Welt zu stammen scheint: der Meister Unwirrsch hörte nichts von dem Flüstern und Schnattern der Weiber, er sah nichts von ihrem Durcheinander, er sah auch den Schwager nicht, bis dieser ihn an den Schultern packte und ihn auf nicht sehr sanfte Art ins Bewußtsein zurückschüttelte.

»Gib ‘n Zeichen, daß du noch beis labendige Dasein bist, Anton!« brummte der Meister Grünebaum. »Sei ‘n Mensch und ‘n Mann, wirf die Weibsleute ‘raus, alle, bis auf – bis auf die Base Schlotterbeck dort. Denn obschonst der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt, so ist das doch die einzigste drunter, die ‘nen Menschen wenigstens alle Stunde einmal zu Worte kommen läßt. Willst du nicht? Kannst du nicht? Darfst du nicht? Auch gut, so faß hinten meine Jacke, daß ich dich sicher aus dem Tumult bringe; komm die Treppe herauf und laß es gehen, wie es will. Also der Junge ist da? Na, gottlob! Ich dachte schon, wir hätten wieder vergeblich gelauert.«

Durch die Weiber schoben sich seitwärts die beiden Handwerksgenossen, gelangten mit Mühe auf den Hausflur und stiegen die enge, knarrende Treppe hinauf, welche in das obere Stockwerk des Hauses führte, allwo die Base Schlotterbeck ein Stübchen, eine Kammer und eine Küche gemietet hatte und wo also die Familie Unwirrsch nur noch über ein Gemach gebot, welches so mit Gegenständen von allerlei Art vollgepfropft war, daß für die beiden ehrenwerten Gildebrüder kaum noch der nötige Platz zum Niederhocken und Seelenaustausch übrigblieb. Kisten und Kasten, Kräuterbündel, Maiskolben, Lederbündel, Zwiebelbündel, Schinken, Würste, unendliche Rumpeleien waren hier mit wahrhaft genialer Geschicklichkeit neben-, unter-, über-, vor-und zwischeneinandergedrängt, -gehängt, -gestellt, -gestopft und -geworfen, und kein Wunder war’s, wenn der Schwager Grünebaum hier seinen zweiten Pantoffel verlor.

Aber die letzten Strahlen der Sonne fielen durch die beiden niedrigen Fenster in den Raum; vor den Nachbarinnen und der Frau Tiebus war man in Sicherheit. Auf zwei Kisten setzten sich die beiden Meister einander gegenüber nieder, reichten sich die Hände und schüttelten sie während wohlgezählter fünf Minuten.

»Gratulabumdum, Anton!« sagte Nikolaus Grünebaum.

»Ich danke dir, Nikolaus!« sagte Anton Unwirrsch.

»Vivat, er ist da! Vivat, er lebe hoch! – nochmals, ab –« schrie aus vollem Halse der Meister Grünebaum, brach aber ab, als ihm der Schwager die Hand auf den Mund drückte.

»Nicht so laut, um Gottes Willen nicht so laut, Niklas! Die Frau liegt hier gerade unter uns und hat so schon ihre liebe Not mit den Weibern.«

Die Faust ließ der neue Onkel auf seine Knie fallen:

»Hast recht, Bruderherz; der Deibel hole die Graden und die Ungraden. Aber nun geh mal los, Alter, wie ist dir denn zumute? Allewege ganz und gar nicht wie sonsten? Hoho! Wie sieht denn die Kröte aus? Alles an die rechte Stelle? Nase, Mund, Arm und Bein? Nichts vermalhört? Alles in Ordnung: Strippen und Schäfte, Oberleder, Spann, Hacken und Sohle? Gut verpicht, vernagelt und adrett gewichst?«

»Alles, wie es sein muß, Bruderherz!« rief der glückliche Vater, die Hände aneinander reibend. »Ein Staatsjunge! Gott segne uns in ihm. O Niklas, tausenderlei wollt ich dir sagen, aber es würgt mich zu sehr in der Kehle; alles geht rund mit mir um –«

»Laß es gehen, wie’s will; wenn die Katze vom Dach geworfen ist, muß sie sich erst besinnen«, sagte der Schwager Grünebaum, »Die Frau ist doch wohlauf?«

»Gott sei’s gedankt. Sie hat sich gehalten wie eine Heldin; keine Kaiserin hätt’s besser gemacht.«

»Sie ist eine Grünebaum«, sagte Nikolaus mit Selbstbewußtsein, »und die Grünebäume können im Notfall die Zähne zusammenbeißen. Auf was für ‘n Namen willst du den Jungen gehen lassen, Anton?«

Mit der hageren Hand fuhr der Vater des Neugeborenen über die hohe, furchenreiche Stirn und starrte einige Augenblicke durch das Fenster ins Weite. Dann sagte er:

»Getauft soll er werden auf drei Handwerksgenossen. Johannes soll er heißen wie der Poete in Nürnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz, und wie zwei Flügel sollen ihm die beiden Namen sein, daß er damit aufsteige von der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme. Aber zum dritten will ich ihn Nikolaus nennen, damit er immer wisse, daß er auf der Erde einen treuen Freund und Fürsorger habe, an welchen er sich halten kann, wenn ich nicht mehr vorhanden bin.«

»Das nenn ich ‘nen Satz mit ‘nem Kopf von Sinn und Verstand und ‘nem dicken, unsinnigen Schwanz. Die Namen gib ihm, und es soll für uns alle drei Perschonen ‘ne Ehre sein; aber mit den alten, närrischen Todesschrullen bleib mir vom Leibe. Fett bist du nicht, und ‘nen Ochsen schlägst du auch gerade nicht mit der bloßen Faust nieder; aber den Pechdraht kannst du noch manch hübsches Jährlein ziehen, du alter, spintisierender Bücherhase.«

Der Meister Unwirrsch schüttelte den Kopf und brachte die Rede auf was anderes, und mancherlei sprachen die beiden Schwäger noch miteinander, bis es vollständig dunkel in der Rumpelkammer geworden war.

Es klopfe jemand an die Tür, und der Meister Grünebaum rief:

»Wer ist mich da? Weibervolk wird nicht hereingelassen!«

»Ich bin’s«, rief eine Stimme draußen.

»Wer?«

»Iche!«

»‘s ist die Base Schlotterbeck«, sagte Unwirrsch. »Schieb nur den Riegel zurück; wir haben lange genug hier oben gesessen; vielleicht darf ich die Frau noch einmal sehen.«

Brummend gehorchte der Schwager, und die Base leuchtete mit ihrer Lampe in die Kammer.

»Richtig, da sitzen sie. Na, kommt nur, ihr Helden; die Nachbarinnen sind fort. Kriecht hervor! Eure Frau, Meister Unwirrsch? Ja, die ist wohlberaten; sie schläft, und Ihr dürft sie nicht stören; aber ‘ne Neuigkeit sollt Ihr wissen und Gott danken. Drüben über der Gasse beim Juden Freudenstein ist’s heute auch so gegangen wie in diesem Hause, aber nicht ganz so. Das Kind ist da – auch ein Junge, aber ‘s Blümchen Freudenstein ist tot, und großes Wehklagen ist drüben. Lobet Gott den Herrn, Meister Unwirrsch; Ihr aber, Meister Grünebaum, macht Euch fort nach Haus. Nun, nun, Unwirrsch, steht nicht so betroffen da, der Tod tritt ein oder geht vorbei nach Gottes Befehl. Ich bin wie gerädert und will ins Bett kriechen. Gute Nacht, Gevattern.«

Die Base Schlotterbeck verschwand hinter ihrer Tür, die beiden Meister schlichen auf den Fußspitzen die Treppe hinab, und der Oheim Grünebaum hatte an diesem Abend in seiner Stammkneipe zum Roten Bock viel weniger das große Wort in Politik, Stadtangelegenheiten und anderen Angelegenheiten als sonst. Der Meister Unwirrsch lag die ganze Nacht, ohne ein Auge zuzutun; der Neugeborene schrie mächtig, und es war kein Wunder, daß diese ungewohnten Töne den Vater wach erhielten und ein wirbelndes Heer von hoffenden und sorgenden Gedanken aufstörten und in wilder Jagd durch Herz und Hirn trieben. –

Es ist nicht leicht, eine gute Predigt zu machen; aber leicht ist es auch nicht, einen guten Stiefel zu verfertigen. Zu beiden gehört Geschick, viel Geschick, und Pfuscher und Stümper sollten zum Besten ihrer Mitmenschen lieber ganz davonbleiben. Ich für mein Teil habe eine ungemeine Vorliebe für die Schuster, sowohl in der Gesamtheit bei ihren feierlichen Aufzügen wie auch in ihrer Eigenschaft als Individuen. Es ist, wie das Volk sagt, eine »spintisierende Nation«, und kein anderes Handwerk bringt so treffliche und kuriose Eigentümlichkeiten bei seinen Gildegliedern hervor. Der niedrige Arbeitstisch, der niedrige Schemel, die wassergefüllte Glaskugel, welche das Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft, der scharfe Duft des Leders und des Pechs müssen notwendigerweise eine nachhaltige Wirkung auf die menschliche Natur ausüben, und sie tun es auch mächtig. Was für originelle Käuze hat dieses vortreffliche Handwerk hervorgebracht! – eine ganze Bibliothek könnte man über »merkwürdige Schuster« zusammenschreiben, ohne den Stoff im mindesten zu erschöpfen! Das Licht, welches durch die schwebende Glaskugel auf den Arbeitstisch fällt, ist das Reich phantastischer Geister; es füllt die Einbildungskraft während der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten und Bildern und gibt den Gedanken eine Färbung, wie sie ihnen keine andere Lampe, patentiert oder nicht patentiert, verleihen kann. Auf allerlei Reime, seltsame Märlein, Wundergeschichten und lustige und traurige Weltbegebenheiten verfällt man dabei, worüber die Nachbarn sich verwundern, wenn man sie mit schwerfälliger Hand zu Papier gebracht hat, wobei die Frau lacht oder sich fürchtet, wenn man sie in der Dämmerung mit halblauter Stimme summt. Oder aber man fängt an, noch tiefer zu grübeln, und »Not« wird uns, »zu entsinnen des Lebens Anfang«. Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel, und in dem Glase sehen wir das Universum in all seinen Gestalten und Naturen: durch die Pforten aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und Elementen; höchste Ahnungen gehen uns auf und niederschreiben wir, während der Pastor Primarius Richter von der Kanzel den Pöbel gegen uns aufhetzt und der Büttel von Görlitz, der uns ins Gefängnis bringen soll, vor der Tür steht:

»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, daß sie nur einen Willen hat. Wenn sie deren zweene hätte, so zerbräche einer den andern und wäre Streit. Sie stehet wohl in viel Kraft und Wundern; aber ihr Leben ist nur bloß allein die Liebe, aus welcher Licht und Majestät ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel haben einen Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes Geist, wohl im centro der Vielheit, im Wachsen und Blühen, aber Gottes Geist ist das Leben in allen Dingen, centrum naturae gibt Wesen, Majestät und Kraft, und der Heilige Geist ist Führer.«

Viel sehen wir in der glänzenden Kugel, durch welche die schlechte Lampe so armes Licht wirft, daß wir dabei kaum zu Papier bringen können, was wir sahen; aber nichtsdestoweniger können wir unter das vollendete Manuskriptum schreiben:

»Geschrieben nach göttlicher Erleuchtung durch Jakob Böhme, sonsten auch Teutonicus genannt.«

Wer gegen die Schuster was hat und ihre Trefflichkeit im einzelnen wie im allgemeinen nicht nach Gebühr zu schätzen weiß, der bleibe mir vom Leibe. Wer sie gar ihres oft wunderbaren Äußeren wegen, ihrer krummen Beine, ihrer harten, schwarzen Pfoten, ihrer närrischen Nasen, ihrer ungepflegten Haarwülste halben naserümpfend verachtet, den möge man mir stehlen; ich werde keine Belohnung um seine Wiedererlangung aussetzen. Ich schätze und liebe die Schuster, und vor allen halte ich hoch den wackeren Meister Anton Unwirrsch, den Vater von Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch. Obgleich er leider recht bald nach jenem Feierabend, an welchem ihm der längst erwünschte Sohn geboren wurde, selbst für immer Feierabend machte, so hängen doch aus seinem Leben zu viele Fäden in das des Sohnes hinein, als daß wir die Schilderung seines Seins und Wesens umgehen könnten. Der Mann stand, wie wir bereits wissen, körperlich auf nicht sehr festen Füßen; aber geistig stand er fest genug und nahm es mit manchem, der sich hoch über ihn erhaben dünkte, auf. Aus allen Reliquien seines verborgenen Daseins geht hervor, daß er die Mängel einer vernachlässigten Ausbildung nach besten Kräften nachzuholen suchte; es geht daraus hervor, daß er Wissensdrang, viel Wissensdrang hatte. Und wenngleich er niemals vollständig orthographisch schreiben lernte, so hatte er doch ein dichterisches Gemüt, wie sein berühmter Handwerksgenosse aus der »Mausfalle« zu Nürnberg, und las, so viel er nur irgend konnte. Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen anderen Sinn heraus oder legte ihn hinein, der ihm ganz allein gehörte und mit welchem der Autor sehr oft zufrieden sein konnte. Obgleich er sein Handwerk liebte und es in keiner Weise versäumte, so hatte es doch keinen goldenen Boden für ihn, und er blieb ein armer Mann. Goldene Träume aber hatte seine Beschäftigung für ihn, und alle Beschäftigungen, die dergleichen geben können, sind gut und machen glücklich. Anton Unwirrsch sah die Welt von seinem Schusterstuhle fast geradeso, wie sie einst Hans Sachs gesehen hatte, doch wurde er nicht so berühmt. Er hinterließ ein eng und fein geschriebenes Büchlein, welches zuerst seine Witwe in der Tiefe ihrer Lade neben ihrem Gesangbuch, Brautkranz und einem schwarzen Kästchen, von welchem später noch die Rede sein wird, aufbewahrte gleich einem Heiligtume. Gleich einem Heiligtume überlieferte die Mutter es dem Sohne, und dieser hat ihm den Ehrenplatz in seiner Bibliothek zwischen der Bibel und dem Shakespeare gegeben, obgleich es nach Gehalt und Poesie ein wenig unter diesen beiden Schriftwerken steht.

Die Base Schlotterbeck und der Schwager Grünebaum hatten eine dumpfe Ahnung von dem Vorhandensein dieses Manuskripts, aber wirklichen Bescheid darum wußte nur die Frau des Poeten. Für sie war es das Wunderbarste, was man sich vorstellen konnte; es reimte sich ja »wie ‘s Gesangbuch«, und ihr Mann hatte es gemacht. Das ging über alles, was die Nachbarschaft zutage fördern konnte.

Für den Sohn waren diese zusammengehefteten Blätter ein teures Vermächtnis und ein rührendes Zeichen des ewig aus der Tiefe und Dunkelheit zur Höhe, zum Licht, zur Schönheit emporstrebenden Volksgeistes.

Die harmlosen, formlosen Seelenergüsse des Schusters Unwirrsch feierten naturgemäß die Natur in ihren Erscheinungen, das Haus, das Handwerk und einzelne große Fakta der Weltgeschichte, vorzüglich Taten und Helden des eben vorübergedonnerten Befreiungskrieges. Sie zeugten von einem bald gemütlichen, bald gehobenen Denken nach allen diesen Seiten hin. Ein wenig Humor mischte sich auch darein, doch trat das Pathetische am meisten hervor und mußte auch meistens das bekannte Lächeln erregen. Der wackere Meister Anton hatte so viel Donner und Blitz, Hagelschlag, Feuersbrünste und Wassersnot erlebt, hatte so viel Franzosen, Rheinbündler, Preußen, Österreicher und Russen vor seinem Hause vorüberziehen sehen, daß es kein Wunder war, wenn er dann und wann auch ein wenig versuchte zu donnern, zu blitzen und totzuschlagen. Mit den Nachbarn geriet er deshalb nicht in Feindschaft, denn er blieb, was er war, ein »guter Kerl«, und als er starb, trauerte nicht allein die Frau, der Schwager Grünebaum und die Base Schlotterbeck; nein, die ganze Kröppelstraße wußte und sagte, daß ein guter Mann fortgegangen und daß es schade um ihn sei.

Auf die Geburt eines Sohnes hatte er lange und sehnsüchtig gewartet. Oft malte er sich aus, was er daraus machen könnte und wollte. Sein ganzes, eifriges Streben nach Erkenntnis trug er auf ihn über; der Sohn sollte und mußte erreichen, was der Vater nicht erreichen konnte. Die tausend unübersteiglichen Hindernisse, welche das Leben dem Meister Anton in den Weg geworfen hatte, sollten den Lauf des Unwirrsches der Zukunft nicht aufhalten. Frei sollte er die Bahn finden, und keine Pforte der Weisheit, keine der Bildung sollte ihm der Mangel, die Not des Lebens verschließen.

So träumte Anton, und ein Jahr der Ehe ging nach dem andern hin. Es wurde eine Tochter geboren, aber sie starb bald nach der Geburt; dann kam wieder eine lange Zeit nichts, und dann – dann kam endlich Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch, dessen Eintritt in die Welt uns bereits den Stoff zu mehreren der vorhergehenden Seiten gab und dessen spätere Leiden, Freuden, Abenteuer und Fahrten, kurz, dessen Schicksale den größten Teil dieses Buches ausmachen werden.

Wir sahen den Schwager und Oheim Grünebaum seinen Pantoffel verlieren, wir sahen und hörten den Tumult der Weiber, lernten die Frau Tiebus und die Base Schlotterbeck kennen; – wir sahen endlich die beiden Schwäger Unwirrsch und Grünebaum in der Rumpelkammer sitzen und sahen die Dämmerung in den ereignisvollen Sonnenuntergang hereinschleichen: noch ein Jahr lebte der Meister Anton nach der Geburt seines Sohnes, dann starb er an einer Lungenentzündung. Das Schicksal machte es mit ihm nicht anders als mit so manchem andern; es gab ihm sein Teil Freude in der Hoffnung und versagte ihm die Erfüllung, welche von der Hoffnung doch stets allzu weit überflogen wird.

Johannes schrie tüchtig in der Todesstunde seines Vaters, doch nicht um den Vater. Die Frau Christine aber schrie sehr um den Gatten und wollte sich lange Zeit weder durch die tröstenden Worte der Base Schlotterbeck noch durch die philosophischen Zusprüche des weisen Meisters Nikolaus Grünebaum beruhigen lassen. Dem Sterbenden versprach der Schwager, sein Bestes zu tun für die Hinterlassenen und ihnen in allen Nöten nach besten Kräften beizustehen. Noch einmal rang Anton Unwirrsch nach Luft, aber die Luft war für ihn zu sehr mit Feuerflammen gefüllt; er seufzte und starb. Der Doktor schrieb ihm den Totenschein; es kam die Frau Kiebike, die Totenfrau, und wusch ihn, sein Sarg war zur rechten Zeit fertig, ein gutes Gefolge von Nachbarn und Freunden gab ihm das Geleit zum Kirchhof, und im Winkel neben dem Ofen saß die Frau Christine, hielt ihr Kind auf dem Schoß und sah mit starren, verweinten Augen auf den niederen, schwarzen Arbeitsschemel und den niederen, schwarzen Arbeitstisch und wollte es noch immer nicht glauben, daß ihr Anton niemals mehr drauf und dran sitzen sollte. Die Base Schlotterbeck räumte die leeren Kuchenteller, die Flaschen und Gläser fort, welche voll den Leidtragenden, den Leichenträgern und den kondolierenden Nachbarinnen zur Stärkung im Jammer vorgesetzt worden waren. Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch kreischte in kindlicher Lust und streckte verlangend die kleinen Hände nach der blitzenden Glaskugel aus, welche über des Vaters Tisch hing, auf welche jetzt die Sonne schien und welche einen so merkwürdigen Schein über die Gedankenwelt Anton Unwirrschs gegossen hatte. Der Einfluß dieser Kugel sollte noch lange fortdauern. Die Mutter hatte sich an das Licht derselben so gewöhnt, daß sie es auch nach ihres Mannes Tode nicht entbehren konnte; es leuchtete weit in das Jünglingsalter des Sohnes hinein, manche Erzählung von des Vaters Wert und Würdigkeit vernahm Johannes dabei, und unlöslich verknüpfte sich allmählich in des Sohnes Geist das Bild des Vaters mit dem Scheine dieser Kugel.

Drittes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch war in seinem fünften Jahre ein kleiner, plumper Gesell in einer Hose, welche auf Wachstum berechnet und zugeschnitten worden war. Er sah aus blaugrauen Augen fröhlich in die Welt und die Kröppelstraße, seine Nase hatte bis jetzt noch nichts Charakteristisches, sein Mund versprach sehr groß zu werden und hielt sein Versprechen. Das gelbe Haar des Jungen kräuselte sich natürlich und war das Hübscheste an ihm. Er hatte in jeder Beziehung einen ausgezeichneten Magen, wie alle die Leute, welche viel Hunger in ihrem Leben dulden sollen; er wurde mit dem größten Stück Schwarzbrot und dem vollsten Suppenteller fast noch leichter und schneller fertig als mit dem Abc. Von den beiden Weibern, der Mutter und der Base, wurde er natürlich sehr verzogen und als Kronprinz, Heros und Weltwunder behandelt und verehrt, so daß es ein Glück war, als der Staat sich ins Mittel legte und ihn für schulpflichtig erklärte. Hans setzte den Fuß auf die unterste Stufe der Leiter, welche an dem fruchtreichen Baum der Erkenntnis lehnt; die Armenschule tat sich vor ihm auf, und Silberlöffel, der Armenschullehrer, versprach an ihrer Tür der Base, daß das »Herzenskind« weder von ihm selber noch von den Rangen, die seiner Zucht untergeben waren, totgeschlagen werden solle.

Mit dem Schürzenzipfel vor dem Auge zog die Base ab und tröstete sich erst, als ihr am Brunnen der Pastor Primarius Holzapfel, der im Jahr achtzehnhundertfünfzehn gestorben war, in seinem schwarzen Predigerrock mit Halskrause und Bibel begegnete. Die Base hatte den Pastor und seine Eltern sehr gut gekannt. Der Vater war ein Holzhauer gewesen, und die Mutter war im Spital zum Heiligen Geist gestorben; der Pastor Primarius aber, von dessen Ruhm und Preis die Stadt noch voll war, hatte auf demselben Platz in der Armenschule gesessen, zu welchem Silberlöffel den kleinen Hans führte.

In einem dunkeln Sackgäßchen, in einem einstöckigen Gebäude, welches einst als Spritzenhaus diente, hatte die Kommune die Schule für ihre Armen eingerichtet, nachdem sie sich so lange als möglich geweigert hatte, überhaupt ein Lokal zu so überflüssigem Zweck herzugeben. Es war ein feuchtes Loch; fast zu jeder Jahreszeit lief das Wasser von den Wänden; Schwämme und Pilze wuchsen in den Ecken und unter dem Pult des Lehrers. Klebrignaß waren die Tische und Bänke, die während der Ferien stets mit einem leichten Schimmelanflug überzogen wurden. Von den Fenstern wollen wir lieber nicht reden; es war kein Wunder, wenn sich auch in ihrer Nähe die interessantesten Schwammformationen bildeten. Ein Wunder war es auch nicht, wenn sich in den Händen und Füßen des Lehrers die allerschönsten Gichtknoten und in seiner Lunge die prachtvollsten Tuberkeln bildeten. Es war kein Wunder, wenn zeitweise die halbe Schule am Fieber krank lag. Hätte die Kommune auf jedes Kindergrab, welches durch ihre Schuld auf dem Kirchhof geschaufelt wurde, ein Marmordenkmal setzen müssen, so würde sie sehr bald für ein anderes Schullokal gesorgt haben.

Karl Silberlöffel, unterschrieb sich der Lehrer auf den Quittungen für die stupenden Geldsummen, welche ihm der Staat quatemberweise auszahlte. Ach, der Arme führte seinen Namen nur der Ironie wegen; er war nicht mit einem silbernen Löffel im Munde geboren worden. Er hätte dem Kultusministerium viel Stoff zum Nachdenken geben müssen, wenn nicht die verehrliche und hochlöbliche Behörde durch Wichtigeres abgezogen gewesen wäre. Wie kann sich die hohe Behörde um den Lehrer Silberlöffel bekümmern, wenn die Frage, welches Minimum von Wissen den untern Schichten der Gesellschaft ohne Schaden und Unbequemlichkeit für die höchsten gestattet werden könne, noch immer nicht gelöst ist? Noch lange Zeit werden die mit der Lösung dieser Frage beauftragten Herren die Volkslehrer als ihre Feinde betrachten und es als eine höchst abgeschmackte und lächerliche Forderung auffassen, wenn böswillige, revolutionäre Idealisten verlangen, auch ein hohes Ministerium möge seinen Feinden Gutes tun und sie zum wenigsten anständig kleiden und notdürftig füttern. O du gute alte Zeit, wo die Menschheit noch aus der Hand des einen Unteroffiziers in die des andern überging! O du gute alte Zeit, wo nicht allein die Armee unter dem Korporalstock stand!

Der Hungerpastor hat später noch einmal so gern seinen Schulmeister in Grunzenow zu seinem Sonntagsbraten, seiner Martinsgans und seinem Weihnachtspunsch eingeladen, wenn er sich seiner ersten Schultage und des Armenlehrers Silberlöffel erinnerte. Er hatte auch nichts dagegen, wenn der Schulmeister an der Ostsee einen Teil der guten, nahrhaften Dinge für seine sieben Buben daheim einsäckelte; er brachte ihm selbst die alte Zeitung dazu und half die Tüte in die enge Rocktasche zwängen.

In dem Spritzenhause zu Neustadt saßen rechts die Mädchen, links die Knaben. Zwischen diesen beiden Abteilungen lief ein Gang von der Tür zum Pult des Lehrers, und in diesem Gang hustete Silberlöffel auf und ab, ohne daß es irgendeinen in der jugendlichen Schar rührte. Lang, sehr lang war der Arme; hager, sehr hager war er; sehr melancholisch sah er aus, und das mit Recht. Ein anderer an seiner Stelle hätte sich in dem feuchten, kalten Räume munter und warm geprügelt; aber selbst dazu war er nicht mehr imstande. Seine schwachen Versuche in dieser Hinsicht galten nur für gute Spaße; seine Autorität stand unter Null. Ein herzzerreißender Vorwurf für alle Wohlgekleideten war der Anzug dieses verdienstvollen Mannes; der Hut führte mit seinem Besitzer eine wahre Tragödie auf. Zwischen beiden handelte es sich darum, wer den andern überdauern werde, und der Hut schien zu wissen, daß er gewinnen müsse. Ein diabolischer Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen. Das Scheusal wußte, daß es auch noch den Nachfolger des armen, schwindsüchtigen Mannes überleben könne; es machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses.

Hans Unwirrsch trat mit keineswegs sentimentalen Gefühlen in die Gemeinschaft und das Gewimmel der Armenschule. Nachdem die erste Verblüffung und Blödigkeit überwunden war, nachdem er sich halbwegs hereingefunden hatte, zeigte er sich nicht besser als jeder andere Schlingel und nahm nach besten Kräften teil an allen Leiden und Freuden dieser preiswürdigen Staatseinrichtung. Er orientierte sich bald. Die Freunde und Feinde unter den Knaben waren schnell herausgefunden; gleichgeartete Gemüter schlossen sich an ihn, entgegenstehende Naturen suchten ihn an den Haaren aus seiner Weltanschauungsweise herauszuziehen, und im Einzelkampf wie in der allgemeinen Prügelei kam manches Leid über ihn, welches er aber als anständiger Junge ertrug, ohne sich hinter dem Lehrer zu verkriechen. Als anständiger Junge hatte er in dieser Lebensepoche gegen das weibliche Geschlecht auf den Bänken zur Rechten des Ganges im allgemeinen eine heilsame Idiosynkrasie. Er klebte den Mädchen gern Pech auf ihre Plätze und knüpfte ihnen gern paarweise verstohlen die Zöpfe zusammen; er verachtete sie höchlichst als untergeordnete Geschöpfe, die sich nur durch Geschrei wehrten und durch welche der Lehrer mehr über die linke Hälfte seiner Schule erfuhr, als den Buben lieb war. Von ritterlichen Regungen und Gefühlen fand sich anfangs in seiner Brust keine Spur, doch die Zeit, wo es in dieser Hinsicht anfing zu dämmern, war nicht fern, und bald machte wenigstens ein kleines Geschöpfchen von der andern Seite der Schule her seinen Einfluß auf Hans Unwirrsch geltend. Es kam die Zeit, wo er eine kleine Mitschülerin nicht weinen sehen konnte und wo er einen unbestimmten Hunger empfand, der nicht auf die großen Butterbrote und Kuchenstücke der benachbarten Straßenjugend gerichtet war; doch für jetzt steckte er frech die Hände in die Taschen der Pumphose, spreizte die Beine voneinander, stellte sich fest auf den Füßen und suchte sich soviel als möglich von der absoluten Herrschaft der Weiber zu befreien. Nicht mehr wie sonst saß er still und artig zu den Füßen der Base Schlotterbeck und horchte andächtig ihren Lehren und Ermahnungen, ihren Märchen und Kalendergeschichten, ihren biblischen Vorlesungen. Zum großen Mißbehagen der guten Alten fing er an, täglich mehr Kritik zu üben. Die Kalendergeschichten wußte er allesamt auswendig; kein Märchen konnte die Base beginnen, ohne daß Hans ihr ins Wort fiel, um Verbesserungen anzubringen oder nichtsnutzige, ironische Fragen zu stellen; gegen ihre guten Ermahnungen rückte er immer mit verwirrenden Einwänden hervor, welche die Base öfters ganz und gar aus der Fassung brachten. Wenn sich die treue Seele nach ihrer Art in einem langatmigen Geschlechtsregister der Bibel verwickelt hatte, so hatte Hans eine wahrhaft diabolische Lust daran und suchte die Arme immer tiefer und hilfloser in das Dornengestrüpp zu treiben, so daß sie oft ganz ärgerlich und giftig das Buch zuklappte und das einstige »kleine Lamm« eine »nichtsnutzige, nasweise Kröte« nannte. Hinter ihrem Rücken spielte er ihr allerlei Possen, ja er entblödete sich nicht, vor einem ausgewählten Publikum der Kröppelstraße, welches mit ihm im gleichen Alter stand, eine Vorstellung zu geben, in der er die Art der Base aufs komische nachäffte. Kurz, Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch hatte jetzt eine Lebensstufe erreicht, auf welcher liebende Verwandte ihren hoffnungsvollsten Sprößlingen und jugendlichen Bekannten mit finster-melancholischen Blicken und warnenden Handbewegungen eine düstere Zukunft, den Bettelstab, das Gefängnis, das Zuchthaus und zuletzt, zum angenehmen Beschluß, den schimpflichen Tod am Galgen vorhersagen. Es ist auch in diesem Falle ein Glück, daß Prophezeiungen gewöhnlich nicht in Erfüllung gehen.

Hans zog in dieser Epoche das bewegte Leben der Gasse mit seinen Einzelheiten dem häuslichen Glück, dem stillen, ungestörten Frieden der vier Wände bei weitem vor. O du schöne Zeit der schmutzigen Hände, der blutenden Nasen, der zerrissenen Jacken, der zerzausten Haare! Wehe dem Mann, der dich nicht kennenlernte! Es wäre ihm besser gewesen, er hätte manches andere nicht kennengelernt, welches die liebenden Verwandten und Freunde mit den finster-melancholischen Blicken ihm als sehr löblich, lieblich und rühmlich priesen und empfahlen.

Naturgemäß hielt sich Hans jetzt mehr an den Oheim Grünebaum als an die Mutter und die Base. Der wackere Flickschuster hatte manches, was ein jugendliches Gemüt anziehen konnte. In der Gesellschaft dieses würdigen Mannes wurde dem Neffen selten die Zeit lang.

Sehr schmutzig und vernachlässigt erschien jedem ordentlichen Weibe die Haushaltung und Umgebung des Oheims Grünebaum. In seiner Werkstatt sah es aus, als hätten die Hutzelmännchen nicht wohlwollend, sondern in grimmigster Erzürnung darin gehaust. Ein tolleres Kopfüber-Kopfunter kann man sich nicht leicht vorstellen, und wenn jemand hätte das Suchen lernen wollen, so hätte er hier die beste Gelegenheit dazu gehabt. Der Oheim Grünebaum verbrachte aber auch den größten Teil des Tages und seiner Arbeitszeit im vergeblichen Suchen. Das Gerät, welches er eben brauchte, war fast niemals zu finden, und das Wühlen und Rumoren danach brachte keine größere Ordnung in den Wirrwarr. Dazu schrien, pfiffen und sangen von den Wänden aus großen und kleinen Käfigen Vögel mannigfacher Art; ein Laubfrosch zeigte in seinem Glase am Fenster das Wetter an. Das politische Wetter aber zeigte sich der Meister Grünebaum selber an, indem er sich und seinen Vögeln den Postkurier für Stadt und Land mit lauter Stimme vorlas, was ebenfalls einen ziemlichen Teil seiner Arbeitszeit wegnahm. Der wackere Oheim Grünebaum schusterte nur gerade so eifrig und so lange, als nötig war, um sich und seine Vögel notdürftig zu erhalten und den Postkurier für Stadt und Land halten zu können. Seine Schoppen im Roten Rock ließ er öfter ankreiden, als für einen soliden Bürger und Handwerksmeister sich’s eigentlich schickte.

Für den Sohn des seligen Schwagers mangelte es dem guten Mann durchaus nicht an natürlicher Zuneigung. Mit Wohlwollen nahm er ihn auf in seinem verwahrlosten Loche und gab ihm gute Lehren über Welt und Leben, Vogelzucht und Politik nach seiner Art. Wenig verstand Hans von der Weisheit des Postkuriers für Stadt und Land, aber einzelne Namen wie Navarin, Missolunghi, Bozzaris, Ibrahim-Pascha nahm er doch mit offenem Munde in sich auf, und eine große Griechen-und-Türken-Schlacht wurde in der Kröppelstraße geschlagen; blutige Köpfe gab’s dabei, und Silberlöffel, der Armenlehrer, mußte viel Anzüglichkeiten darob von Seiten der erzürnten Eltern vernehmen.

Der Oheim Grünebaum war ein gewaltiger Philhellene, aber noch mehr war das der arme Karl Silberlöffel, welcher mit wahrhaft fieberhaftem Interesse dem blutigen Kampfe im fernen Osten folgte. Auch die Base Schlotterbeck war eine große Philhellenin, und in der Kröppelgasse gab es eigentlich nur einen Mann, der Partei für die Türken nahm, weil er die Griechen aus eigener Anschauung und Erfahrung kannte. Dieser Mann war Samuel Freudenstein, der Trödeljude, welcher einst weit genug in der Welt umhergekommen war und welcher von den »Höllönen« fast noch weniger hielt als Jakob Philipp Fallmerayer, der orientalische Fragmentist. Der Trödler behielt aber seine Ansicht für sich und entging somit den mannigfachen Unannehmlichkeiten, welche der treffliche Münchener Gelehrte zu erdulden hatte.

Von dem Oheim Grünebaum wurde Hans übrigens zum ersten Male darauf aufmerksam gemacht, daß man dem Lehrer Silberlöffel wenigstens doch einigen Respekt schuldig sei. Unter meinen männlichen Lesern wird wohl niemand sein, der nicht weiß, was für eine Tyrannei in der Schule von Schulknaben ausgeübt werden kann und ertragen wird, der nicht weiß, was es um die »öffentliche Meinung« unter einer Bande solcher jungen Geister ist. Der Oheim Grünebaum war schuld daran, daß Hans Unwirrsch dieser öffentlichen Meinung in einem Falle die ganze Wucht seiner kleinen Persönlichkeit entgegenwarf und heldenmütig die Folgen davon ertrug. Zwischen Lehrern und Schülern herrscht dasselbe Verhältnis wie im Völkerverkehr. Was auch der Lehrer tun mag, um das Vernunftrecht zur Darstellung zu bringen, seine Schüler stützen sich immer wieder auf das Naturrecht. Ein immerwährender, scharf beobachtender Kriegszustand ist die Folge davon, und nicht immer hat der Lehrer die bessere Hand im Kampf gegen den rücksichtslosen Feind, dem jede Waffe recht ist und der kein Erbarmen kennt. Manch hochbegabte Natur ist schon in solchem Kampfe zugrunde gegangen.

»Hannes«, sagte der Oheim, »wenn ich in deiner Stelle wäre, so machte ich nicht mit die andern so ‘n tagtäglich heillos Spektakulum in der Schule, daß, wenn ‘n Mensch da vorbeigeht, er sich die Ohren zustopfen muß. Mich jammert der Magister in der Seele, und lange leben wird er auch nicht mehr. Die unglückselige, miserable Kreatur hustet sich zu Tode, und ihr gottverlassenen, inkomparabeln Satans brüllt ihn zu Tode. Hier mal vors Brett, Hans, und nicht ausgewichen! Was ist mit der Schule? Bist du mit bei dem Gebrüll und Getrampel und Spietakel? Junge, Junge, in deiner Stelle ginge ich in mir und bedächte, daß, wer ‘n Menschen umbringt, ‘n Mörder ist und daß ‘n toter Mensch einem sehr auf der Seele liegen kann, als was man dann nachher böses Gewissen nennt. Gehe in dich herein, Hannes, und bedenke, daß sich wohl ein Stiebel lange flicken, versohlen und vorschuhen läßt, daß aber noch kein Doktor ‘nen schwindsüchtigen Schulmeister, welchem seine Schlingel also grausam mitspielen wie ihr eurem, den Atem gerettet hat. Der Mensch jammert mich wirklich, und der Deibel nimmt die Graden und Ungraden, also gib Achtung, Hans, daß er dich nicht mit den andern Bälgern in den Sack steckt: das Recht hat er wohl gewiß schon längst dazu.«

Diese Rede machte auf Hans einen größeren Eindruck, als ihm der Oheim anmerkte. In einem günstigen Augenblick hatte dieser geredet, seine Worte waren nicht auf schlechten Boden gefallen und hatten eine bessere Wirkung als alle früheren Ermahnungen. Zum erstenmal dämmerte in der Brust des Kindes ein Gefühl, welches über den Egoismus des Kindes hinausging. Als Hans Unwirrsch am folgenden Morgen seinen Platz in dem Spritzenhause einnahm, sah er den Armenlehrer mit ganz andern Augen an; und da Silberlöffel an diesem kalten, unfreundlichen Regenmorgen noch jammervoller und hungriger als sonst aussah und noch mehr hustete, so erlosch das Gefühl nicht, sondern es wurde stärker – Hans Unwirrsch saß zu erstenmal still in der Schule.

An dem nächsten Komplott nahm Hans nicht teil, verfiel der allgemeinen Verachtung und kriegte fürchterliche Prügel, die ihn jedoch nur in seinen guten Vorsätzen bestärkten. Der Streich wurde natürlich auch ohne ihn ausgeführt und gelang vollkommen. Es war ein Hauptstreich, und die Befriedigung der jungen Taugenichtse und Galgenstricke war groß; der arme Lehrer, dessen Brustschmerzen an diesem Tage noch stärker als gewöhnlich waren, unterlag kraftlos, und der Blick hilfloser Verzweiflung, welchen er über die rebellische Schule schweifen ließ und welcher auch Hans Unwirrsch streifte, wurde von letzterem niemals vergessen; seine Wirkungen reichten bis in das späteste Alter.

Am nächsten Morgen kam der Lehrer nicht in das Spritzenhaus; er sollte es niemals wieder betreten. Ein Blutsturz war in der Nacht über ihn gekommen, und zum Sterben krank lag er auf seinem Bett in seiner schlechten, kalten Stube. Ein anderer nahm seine Stelle an dem Marterpult in der Armenschule ein; Karl Silberlöffel war aufgebraucht worden wie ein Rad in der Maschine. Ein anderes Rad wurde eingesetzt; langsam drehte sich das Ding weiter, und »unsere fortschreitende Bildung und humane Entwicklung« war und blieb das Lieblingsthema manches wohlmeinenden Mannes.

Wenige Leute kümmerten sich um den abgenutzten, sterbenden Armenschullehrer; zu den wenigen aber, welche das Ihrige taten, ihm seine letzten Lebenstage zu erleichtern, gehörten der Oheim Grünebaum und die Base Schlotterbeck. An der Hand der letztern kam Hans Unwirrsch, um seinen Lehrer sterben zu sehen und um zum erstenmal die feierlichen Schauer zu empfinden, die das Nahen des Todes in der Seele des Menschen erregt, auch wenn er noch ein Kind ist.

Der todkranke Mann hielt lange die Hand des Kindes und sah ihm lange und tief in die Augen. Aber in dem Blicke, mit welchem er es ansah, war jetzt nichts mehr von jenem Elend zu finden, welches ihn durch sein dunkles, kurzes Leben unablässig bedrängt und ihm gnadenlos jedes freiere Aufsehen und Aufatmen verwehrt hatte. Matt war jetzt das Auge, aber still und befriedigt war es auch; der Kampf war zu Ende, noch ein Schritt, und das Land der ewigen Freiheit war erreicht. Auf seinem Sterbebette fühlte sich der Armenschullehrer zum erstenmal als ein freier Mann, der sich vor niemand mehr zu neigen und in den Winkel zu drücken brauchte. Der alte, rötliche, diabolische Hut, der hinter der Tür am Nagel hing, hatte freilich das Spiel gewonnen, aber weder er noch ein hochlöbliches Kultusministerium zogen einen großen Vorteil davon. Der eine wurde als Vogelscheuche in ein Kornfeld gestellt, und das andere blieb fürs erste, was es war.

Laut sprechen konnte der Kranke nicht, aber Hans vernahm doch, was er zu ihm sagte, und vergaß es nicht.

»Weine nicht, liebes Kind, und fürchte dich auch nicht! Du bist immer ein guter Junge gewesen und wirst dereinst auch ein guter Mann werden. Großen Hunger jeder Art wirst du auch zu erdulden haben, aber du wirst satt werden, denn endlich wird doch einmal jeder satt …«

Das, was der sterbende Herr Silberlöffel damals noch hinzufügte, verstand Hans freilich nicht, und die Base Schlotterbeck wußte auch nicht recht, ob der Kranke bereits in den letzten Todesphantasien liege oder nicht.

Er sagte, während seine Augen sich nach der niedern, schwarzen Decke der Stube richteten:

»Ich bin sehr hungrig gewesen. Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und durstig nach Wissen; alles andere war nichts. Goldene Äpfel hängen lockend im Gezweig und schießen ihre Strahlen durch das Grün. Sie blenden so die Augen, die schönen, glänzenden Früchte. Die Hände habe ich ausgestreckt und habe sie mir zerrissen an den Dornen; – viele Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen Glanz im Grün. Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch, und doch war ich für das Licht geboren. Es ist hart, hart, hart, im Schatten sitzen zu müssen und Hungers zu sterben, während so schöne Augen leuchten in der Welt, während so holdselige Stimmen locken – in der Nähe und, ach, auch aus so weiter, weiter Ferne. Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne, aber im Schatten mußte ich bleiben, auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt. Ein goldener Regen umspielte mich oft, in Schauern fielen die leuchtenden Früchte nieder um mich her und glänzten durchs Grün und durch die Morgen-und Abendröten; mir aber waren die Hände gefesselt, und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen. Ich habe nichts, nichts erhalten von dem reichen Leben. Nur mein Sehnen ist mir zuteil geworden, und auch das geht nun zu Ende. So wird’s dunkel vor den Augen, still vor den Ohren und im Herzen; ich werde satt sein – im Tode.«

Man begrub den Armenschullehrer Silberlöffel einige Tage vor Weihnachten, und die Armenschule unter dem Nachfolger folgte dem Sarge, der nicht mit Silber beschlagen und nicht mit Samt behängt war. Nicht über reinen Schnee, sondern durch ein schmutziges Schlackerwetter trug man den Leichnam und scharrte ihn kurz und gut ein ohne das allergeringste Gepränge. Die Schule zerstreute sich vom Kirchhofe und flatterte auseinander gleich einem Sperlingsschwarm, und auch Hans war mit im Schwarm und fühlte sich nicht viel beklommener als die andern. Der Tod hat doch eigentlich für das Kind keinen Sinn; erst wenn uns das Leben recht zusammengerüttelt und -geschüttelt hat, geht uns das rechte Verständnis dafür auf.

Der Kindheit, der alles noch neu ist, drängt jeder neue Tag den vergangenen in die vollständigste Vergessenheit. Am Morgen nach dem Begräbnis des guten Lehrers spielte Hans Unwirrsch bereits wieder lustig in der Gasse und dachte für jetzt mit keinem Gedanken mehr an den toten Mann. Der Schnee, der gestern gemangelt hatte, war über Nacht reichlichst herabgefallen; es hatte kein Junge in der Stadt Zeit, an etwas anderes zu denken als an den Schnee.