Dicht am Odfelde, in der angenehmsten Mitte des Tilithi-oder auch Wikanafeldistan-Gaus, liegt auf dem Auerberge über dem romantischen, vom lustigen Forstbach durchrauschten, heute freilich arg durch Steinbrecherfäuste verwüsteten Hooptal das uralte Kloster Amelungsborn. Will man die Geschichten, die ich hiervon erzählen kann, anhören, so ist es mir recht. Wenn nicht, muß ich mir das auch gefallen lassen und rede von den alten Sachen, wie schon recht häufig, zu mir selber allein. Ist nämlich unter Umständen auch ein Vergnügen, einerlei, ob am sonnigen Sonntagmorgen, im abendlichen Alltagszwielicht, im Sommer oder im Winter; – nur in der richtigen Stimmung muß man sich dann mit sich selber allein finden!
Ach ja, wenn man so das Ohr an ein Bündel vergilbter Papiere, an ein würdig Pergamen, an einen Folianten in Schweinsleder, ja oder auch an eines der Büchelchen in Duodez mit abgegriffenem Sammeteinband, Goldschnitt und Kupfern von Daniel Chodowiecki legt! Oft hört dann kein Kind, das eine Muschel an sein Ohr hält, von ferne her ein geheimnisvolleres, tiefgründigeres Tönen, Sausen und Brausen.
Man kann dann und wann sogar, über seiner Materie, seinem gelehrten Rüstzeug auf beiden Armen liegend, gründlich gelangweilt einschlafen und beim Wiedererwachen zu seiner Verwunderung bemerken, daß man doch etwas gelernt habe zum Weitergeben an andere. Auch in dieser Hinsicht beschert es der Herrgott den Seinen nicht selten im Traum; und es ist oft nicht das Schlechteste, was so den Lesern zufällt – und auch dem Geschichts-und Geschichtenschreiber, falls er nur nachher eben bei seinem Niederschreiben die Augen offen und die Feder fest in der Hand behalten hat.
Schon Cajus Cornelius Tacitus soll die Gegend um den Ith gekannt haben, wenn auch nicht aus persönlicher Anschauung. Er soll von dem Odfelde – Campus Odini – und von dem Vogler – mons Fugleri – reden. Dieses lassen wir auf sich beruhen; aber die Gegend ist allzu fett und fein, als daß sie nicht gleichfalls als Tummelplatz vieler menschlicher Begehrlichkeit und als Walstätte weltgeschichtlicher Katzbalgereien hergehalten haben sollte.
Römer haben sich ziemlich sicher hier auf Wodans Felde mit Cheruskern gezerrt und gezogen, Franken mit Sachsen und die Sachsen sich sehr untereinander. Die alte Köln-Berliner Landstraße läuft nicht umsonst über das Odfeld, vorbei an dem Quadhagen: Ost und Westen konnten also, wenn sie sich etwas mit dem Prügel in der Faust zu sagen hatten, wohl aneinander gelangen, und daß sie bis in die jüngste Zeit ausgiebigen Gebrauch von der Weggelegenheit machten, davon wird der Leser Erfahrung gewinnen, wenn er nur um ein kleines weiterblättert.
Wie hübsch ist es, wenn Brüder friedlich beieinander wohnen, und wie selten ist es! Und da es so selten ist, so hat es zu allen Zeiten Leute gegeben, die ihrer Nerven wegen den Verkehr und Umgang mit ihrer Nachbarschaft nach Tunlichkeit mieden oder ihn wohl ganz abbrachen und sich auf sich selber zurückzogen. Ein solcher Einsiedler hätte im Jahre siebenzehnhunderteinundsechzig Magister Buchius im Kloster Amelungsborn wohl sein mögen, und ein solcher ist tausend Jahr früher der Gründer des Klosters unbedingt gewesen.
Das heißt, so unbedingt der Gründer kann der Mann Amelung, der vor undenklichen Zeiten im Tal unter dem Auerberge, oder diesmal genauer unterm Küchenbrink, den Born, der nachher seinen Namen trug, aufgrub, nicht genannt werden. Der Mann wollte nichts gründen, der Mann wollte sicherlich nichts weiter als endlich seine Ruhe vor der Brüder-und Schwesterschaft dieser Welt. Hoffentlich ist sie ihm zuteil geworden im Eichenschatten des Hooptals und ist der wilde Eber mit seinen Angehörigen auf der Eichelnsuche sein schlimmster Störenfried geblieben, bis, wie es im Märchen heißt, eines Morgens die frommen Rehe kamen und den lieben Freund und guten Greis aller Unlust durch seinesgleichen auf Erden enthoben fanden und so weiter.
»Und so weiter!« nämlich werden an dieser Stelle schon leider mehr als einer und eine sagen, denen es jetzt schon scheint, als ob der Historiograph wieder einmal imstande sei, ihnen die gewohnte Unlust zuzubereiten, und – hinter deren Rücken fahren wir fort in unserm Bericht.
Gegründet wurde das Kloster Amelungsborn im Anfang des zwölften Jahrhunderts von dem Grafen Siegfried dem Jüngern von Homburg, dem man seinen Vater Siegfried den Ältern totgeschlagen hatte. Aus dem ersten Zisterzienserkloster in Deutschland, Altenkamp bei Köln, holte er sich die Mönche, welche die Stelle der frommen Rehe und sonstigen lieben und betrübten Waldtiere über dem Grabe seines Erblassers versehen sollten. Sechs Mark Silber schenkte schon im Jahre 1125 Graf Simon von Dassel dem Konvent und fand willige Nehmer. Der erste Abt hieß Heinrich und stand mit dem heiligen Bernhard von Clairvaux in Briefwechsel, erhielt im Jahre 1129 auch ein Belobigungsschreiben von ihm für sein Kloster, worüber großer Jubel war, was mich nicht wundert, da es auch andern Vergnügen gemacht hat, mit dem heiligen Mann schriftlich oder persönlich in Verbindung zu kommen.
Im Jahre 1802 schreibt Schiller an Goethe:
»Ich habe mich dieser Tage mit dem heiligen Bernhard beschäftigt und mich sehr über diese Bekanntschaft gefreut; es möchte schwer sein, in der Geschichte einen zweiten so weltklugen geistlichen Schuft aufzutreiben, der zugleich in einem so trefflichen Elemente sich befände, um eine würdige Rolle zu spielen. Er war das Orakel seiner Zeit und beherrschte sie, ob er gleich und eben darum, weil er bloß ein Privatmann blieb und andere auf dem ersten Posten stehen ließ. Päpste waren seine Schüler und Könige seine Kreaturen. Er haßte und unterdrückte nach Vermögen alles Strebende und beförderte die dickste Mönchsdummheit, auch war er selbst nur ein Mönchskopf und besaß nichts als Klugheit und Heuchelei; aber es ist eine Freude, ihn verherrlicht zu sehen.«
»Zu der Bekanntschaft des heiligen Bernhard gratuliere ich«, schreibt Goethe. –
Auf Herrn Heinrich folgte Herr Werner, dann kam Hoiko, dann Eberhard, dann Gottschalk, dann Theodor, dann Arnold, dann Ratherius und so fort eine lange Reihe, deren Namen man wohl noch weiß, aber nicht mehr von ihren Gräberplatten aus Wesersandstein, die zerbröckelt und verstoben sind wie die Gebeine der alten Herren, welche unter ihnen zum Ausruhen kamen. Wir nennen von den frommen Vätern, die bis zur Reformation einander ablösten auf dem Abtstuhl, nur noch einen, nämlich Herrn Werner den Zweiten von Bodenwerder. Zehn Schuhe soll der Mann lang gewesen sein: der Freiherr von Münchhausen, der ja auch aus Bodenwerder war, erzählt seltsamerweise von ihm nichts, was das Ding freilich etwas verdächtig macht. Aber wie dem auch sei, wozu hilft alle Erdengröße, wenn in kritischen Zeiten der rechte Erdenverstand dabei mangelt?
Kritische Zeiten kamen mit dem wittenbergischen Augustiner auch für die Zisterzienser zu Amelungsborn und fanden ausnahmsweise den rechten Mann mit dem allerrichtigsten Verständnis an der Spitze der geistlichen Bruderschaft auf dem Auerberge. Andreas Steinhauer hieß er, hatte im Jahre 1512, von deutschen Eltern in London geboren, zum erstenmal aus schlauen Äuglein in die verworrene Welt hineingeblinzelt und sicherlich nicht ohne Gründe in Köln Theologie studiert. Von Bredelar aus beriefen ihn die Brüder in ihr Weserkloster als Prior, und Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig hatte bis zu seinem Tode Anno 1568 keinen getreuern Anhänger seines katholischen Glaubens als seinen Abt zu Amelungsborn, Andreas Steinhauer.
Was helfen einem die schönsten kritischen Zeiten, wenn man sie nicht zu benutzen versteht? Dominus Abbas Andreas Steinhauerius verstand’s; und wo andere unter plötzlich veränderten Umständen das Nest hätten räumen müssen, wußte er es noch wärmer auszufüttern und sich sogar ganz hausväterlich gemütlich drin einzurichten. Die grimmig-päpstische Faust im Eisenhandschuh des alten antischmalkaldischen Grimmbarts Herzog Heinrich löste sich vom Kragen des braunschweigischen Landes und sank, Staub zu Staub, hinunter in die Gruft der Kirche Beatae Mariae Virginis zu Wolfenbüttel. Julius hieß der Erbe und Nachfolger im Reich, der neuen Lehre zuerst sogar als Märtyrer zugetan, nun aber ihr mächtiger Gönner und Beförderer. Ich habe Gott Amor im Verdacht, daß er dem alten Herrn Andreas sein Märtyrertum des Übertritts zum Luthertum nach Möglichkeit erleichterte vor seinem Gewissen. Wie dem auch sei, der letzte katholische Abt von Amelungsborn legte sich sofort um auf die andere Seite und zog auch seinen ganzen Konvent mit hinüber. Und im Jahre 1572 freiete er, der Abt, nicht der Konvent, und führte heim ins Kloster Jungfrawen Margarethen Peinen, eines Bürgers zu Stadtoldendorf eheleiblich und hoffentlich auch lieblich Töchterlein. Ob Sankt Bernhard sich darob in seinem Grabe zu Clairvaux umgelegt habe, weiß keiner; eine Verleumdung aber ist es, daß Vater Andreas Steinhauer seiner Eheliebsten den Turm der Stadtkirche zu Stadtoldendorf als Heiratsgut verschrieben habe. Der Turm eignet heute noch dem Kloster Amelungsborn, und nur die daran hängende Kirche gehört löblicher Bürgerschaft. Im Jahre 1588 ist auch dieser werte Mann zu seinen Vätern versammelt und in der Klosterkirche beigesetzt worden. Sein Bild und Grabstein sind heute noch dort zu sehen, und der Magister Noah Buchius, der nicht einmal den Namen mit dem seligen Ahnherrn gemein hat, hat im währenden Siebenjährigen Kriege durch vorgeschobenes Gerümpel sein möglichstes getan, beides zu schützen, sowohl vor den roten Husaren des Generals Luckner wie vor den austrasischen Freiwilligen des Marschalls von Broglio und den Bergschotten Mylord Granbys.
Wie aber kam der Magister zu diesem großen Ahnherrn? Auf die einfachste Weise. Sein Urgroßvater Veit Buchius folgte dem alten Andreas nicht nur auf dem Abtstuhl, sondern auch im Ehebett. Und die Wittib war jung und angenehm, und er hatte Nachkommenschaft. Jared zeugete Henoch. Henoch zeugete Methusalah. Methusalah zeugete Lamech; und Lamech zeugete einen Sohn und hieß ihn Noah und sprach:
»Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat!«
Möge der Trost, den wir persönlich aus dem alten Schulmeister, dem Magister Noah Buchius, gezogen haben, vielen andern zuteil werden. Dies ist unser herzlicher Wunsch, wie wir uns aufrichten von den Folianten, Quartanten, Pergamenten und Aktenbündeln, ob denen wir auf das Sausen und Brausen, das Getöne von Wodans Felde, vom Odfelde, kurz von ferne her gehorcht haben im Lärm der Gegenwart, im Getöse des Tages, der immer morgen auch schon hinter uns liegt, als ob er vor hunderttausend Jahren gewesen wäre.
Sollen wir nun noch viel reden von den Äbten, die noch nachher kamen? Im Grunde wäre es nicht nötig, da wir uns die zwei, auf welche es uns hauptsächlich ankam, aus ihrer Reihe hervorgelangt haben. Aber da ist noch der Dreißigjährige Krieg, der dem Siebenjährigen vorangeht, und über den kommt kein deutscher Autor in einem historischen Werke, wenn er wirklich etwas sagen will, hinweg, ohne etwas von ihm zu sagen. Herr Theodorus Berkelmannus aus Neustadt am Rübenberge hieß der Mann, der in das Elend hineinfiel, einerlei ob verheiratet oder unverheiratet. Daß er dem lutherischen Glauben anhing, genügte, um ihm die persönliche Bekanntschaft des Generals Tilly als durchaus nicht wünschenswert erscheinen zu lassen. Er suchte ihm aus dem Wege zu gehen, dem Herrn General; und der alte Tille suchte ihn natürlich höflich am Ärmel zurückzuhalten. Zwischen Einbeck und Northeim bekam der arme Doktor der lutherischen Theologie und Abt Berkelmann eine ligistische Kugel auf der Flucht in die Schulter, was vor ihm noch keinem andern Abte von Amelungsborn passiert war, und die Kaiserlichen reinigten hinter ihm den Tempel von ketzerischem Unrat auf ihre Weise. Gründlich! Aber freilich nicht auf lange.
Wer nun nach seiner Meinung einen Augiasstall zu reinigen hat, geht natürlich auf die Quelle zurück. In unserm Falle hielt sich die Liga sogar im wahrsten Sinne des Wortes an die Zisterne. Triumphierend zogen die Mönche des heiligen Bernhard unter Herrn Johannes von Meschede wieder ein im warmen Nest über dem Hooptal und gebrauchten geistlichen wie weltlichen Besen mit Kraft und bestem Willen – leider nur bis zum Jahre 1631.
Ich male es mir aus, wie nach der Schlacht bei Breitenfeld Herr Theodorus Berkelmann auf seinem Patmos sich aufhob, hinauskrähete und mit den Flügeln schlug, besonders mit dem lahmen Fittich! Unter dem Geleit schwedischer Reiter zog nun er wieder ein in Amelungsborn und soll den letzten Zisterziensermönch, den armen Bruder Philemon, am Ohr aus dem Klostertor geführt und auf die Kölnische Landstraße weserwärts hingewiesen haben. Wie noch die Fortun’ in dem großen Kriege wechseln mochte, in Amelungsborn wurde der reine Glaube von nun an nicht mehr behelligt, außer vielleicht durch zu leichte Kost und durch zu gewichtige Schulden. Herrn Theodoro folgte auf dem jetzt ziemlich unbehaglichen Stuhl noch Dr. Statius Fabricius, der im Grunde als der letzte wirkliche Abt von Amelungsborn zu rechnen ist; denn nach ihm hatte das herzogliche Konsistorium zu Wolfenbüttel einen der Zeitenklemme angemessenen Gedanken. Es schlug zwei schwarze Brummer mit einer Klappe. »Wozu brauche ich noch einen Abt zu Amelungsborn, wenn ich schon einen Generalsuperintendenten zu Holzminden sitzen habe?« fragte es, – und:
»Dich will ich belehnen mit Ring und mit Stabe,
Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe«,
summte es noch vor Gottfried August Bürger, und Herr Hermannus Topp rückte als der erste Generalsuperintendent in Holzminden und Abt von Amelungsborn auf die Prälatenbank der Lande Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Güter, die liegenden Gründe der wackern, frommen und gelehrten Bruderschaft der Zisterzienser waren schon längst in ein Klosteramt verwandelt und einem landbauverständigen Klosteramtmann oder Drost untergeben worden, was zur Kenntnis der »Hausgelegenheit« dieser Geschichte jedenfalls mitzuteilen war. Doch die Hauptsache kommt, wie gewöhnlich, zuletzt.
Wie überall in braunschweigischen Landen gab die Deformation in sehr achtungswerter Weise mit der rechten Hand das, was sie mit der linken genommen hatte. Was die Mönche verloren, das bekamen die Wissenschaften. Fürsten wie Stände erhielten ihre Hände rein und können heute noch nüchtern-stolze Rechenschaft ablegen über die Anwendung der herrenlos gewordenen Güter und Besitztümer der römisch-katholischen Kirche. Da wurde die Universität Helmstedt errichtet, aus den Klöstern im Lande wurden »gelehrte Schulen« gemacht; und auch aus Amelungsborn, mitten im Walde, wurde solch eine »große« Schule; und wenn nicht alle, so hätten doch wohl manche der alten gelehrten Herren aus Cistercium her ihre Freude daran gehabt und gern auch ein Katheder darin vor der neuen Jugend bestiegen.
Diese Klosterschule kam sogar zu einem Ruf, besonders in der Mathematik. Zwei Jahrhunderte blühte sie in der Stille des Weserwaldes und trug gute Früchte. Dann aber war wieder die Welt eine andere geworden. Die Lehrerschaft versumpfte, das junge Volk verwilderte im Walde, die beiden ersten Schlesischen Kriege des jungen Fritz kamen dazu, und der dritte, der Siebenjährige Krieg des alten Fritze, schlug diesem gelehrten Wesen auf dem Auerberge über dem Hooptale völlig den Boden ein. Trotz Franzosen, Engländern und Schottländern im Lande behielt Karl der Erste zu Braunschweig-Lüneburg auch hierfür Zeit. Wahrscheinlich nach Rücksprache mit seinen trefflichen Männern von seinem erleuchten Collegio Carolino sah er, daß die Sache so nicht mehr ging.
»Eine hohe Schule der Wilddiebe konveniret weder Uns noch Unsern in Gott ruhenden Ahnen«, meinten Seine Hochfürstliche Durchlaucht und holten den Cötus weg aus dem Walde und die Lehrerschaft aus dem Sumpfe.
Wer heute auf der Weser zu Berg oder zu Tal fährt, der bemerkt bei der guten Stadt Holzminden ein stattlich Gebäude, an dessen Giebel die Worte stehen:
DEO ET LITTERIS.
In diesen Worten wächst heute noch weiter, was im Jahre 1124 von den Mönchen aus Cisteaux auf dem Auerberge über dem Hooptal und dem Brunnen des frommen Bruders Amelung in den Boden gelegt worden ist. Aus der Klosterschule von Amelungsborn ist ein berühmtes Gymnasium geworden, und der jedesmalige Rektor darf sich immer auch noch Prior von Amelungsborn nennen und unterschreiben. Der Schreiber dieses hat da, so ums Jahr eintausendachthundertundvierzig unterm alten, wackern Schulrat Kokenius, auch einmal eine Schulbank abgerieben. Er läßt es seine erlauchten Vorfahren in der Gelehrsamkeit, die klugen und ehrwürdigen Brüder Zisterzienser, durchaus nicht entgelten, wenn er wenig gelernt hat in Holzminden. Zur Tugend der Wahrhaftigkeit ist er jedenfalls dort angehalten worden, und wenn er mal bei einem Datum und Faktum sein Recht als Poete zu scharf nimmt, so sollen weder Cistercium bei Dijon noch Amelungsborn am Odfeld und auch nicht Holzminden an der Weser was dafür können und sollen sich bei ihrem Besserwissen beruhigen dürfen. Von dem heiligen Bernhard von Clairvaux redet er übrigens nicht ganz so schlimm wie Friedrich von Schiller und Wolfgang von Goethe. Daß Doktor Martin Luther den Mann »höher denn alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden« hielt, spricht immer mit, wenn es sich darum handelt, in Kloster Amelungsborn Hausgelegenheit zu erkunden.
Sie blickten alle auch dem Magister nach, wie er seiner Tür zustapfte, die nicht in das Amts-und Wirtschaftsgebäude führte, sondern in den Flügel des Klosters, der einst hauptsächlich der berühmten Schule und ihren Lehrern Unterkunft gegeben hatte. Bemerkungen machten sie nicht hinter ihm drein, sie schüttelten höchstens die Köpfe. Nur der geschlagene Knecht schien einen Augenblick lang die Absicht zu haben, den alten Herrn am Rockschoß zurückzuhalten; doch auch er ließ das, wandte sich zu seiner Arbeit und verschwand im Pferdestall. Es wurde noch einmal still wie im Frieden in Amelungsborn, trotzdem daß der Krieg von neuem über den Solling heranzog und die Wetterwolken drüben am andern Ufer der Weser gleichfalls Miene machten, sich von Ohr her in Bewegung zu setzen. Wie der Rabenzug es verkündigt und das Gerücht es über das Land hier geheult, dort geächzt hatte.
Es war ganz dunkel, doch wer dreißig Jahre lang denselben Weg gegangen ist, findet ihn im Dunkeln. Der Magister brauchte kein Licht auf den ausgetretenen Treppen, in den Gängen, die an den jetzt so stillen Schulzimmern vorbeiführten; selbst der trübe Schein, der hie und da durch ein Fenster fiel, war ihm nicht vonnöten. Einen Augenblick hielt er an vor einer Tür, der Tür seiner Quinta. Er legte die Hand auf den Griff, als ob er öffnen wollte; aber mit einem Seufzer ging er weiter.
Er brauchte auch keine Lampe auf der engern Treppe, die zu seiner Wohnung mit wenigen Stufen empor leitete, zu der Zelle, die sein letzter mönchischer Vorgänger, der Bruder Philemon, grade vor hundertunddreißig Jahren auf der Flucht vor dem Feinde oder, wie die Sage geht, mit der Faust Herrn Theodor Berkelmanns an der Kapuze hatte räumen müssen und die leer gestanden hatte, bis sie ihm, dem Magister Noah Buchius, zu seinem endlichen Unterkommen im Leben angewiesen wurde. Dreißig Jahre hatte er sein Feuerzeug im Dunkeln zu finden gewußt und fand es auch jetzt, Stahl, Stein und Schwefel sowie den Kasten mit den zu Zunder gebrannten Lumpen. Die Funken spritzten von dem Stein, und einer fing in den schwarzen Lumpen. Der Schwefelsticken leuchtete auf, und fünf Minuten nach seinem ersten Schlag mit dem Stahl hatte der Magister Buchius Licht. Er hatte seine kleine Blechlampe auf dem gewohnten Fleck gefunden, und bis jetzt wenigstens schlug sie keiner ihm aus der Hand. Nichtsdestoweniger ging er noch einmal zur Tür, um sich zu vergewissern, daß er sie fest hinter sich zugezogen habe, und dann – dann saß er auf seinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus der Rabenschlacht auf dem Gipsboden zwischen seinen Schnallenschuhen, und seufzte wie einer, der schwerer Bedrängung mit Mühe entgangen ist:
»In solitudine!« – – –
Während der fünf Minuten, daß er so hockt und seine Gebeine und seine Gedanken zusammensucht, sehen wir uns wohl ein wenig in seinem Wohnraume um. Es verlohnt sich der Mühe.
Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloster Amelungsborn das letzte Asyl des Alten ausmachten. Man hatte eine Tür in die Wand gebrochen und die nebenanliegende Zelle dem Magister zum Schlafzimmer angewiesen. Sein Bett stand da auch, und er hatte seit dreißig Jahren gottlob gut da geschlafen, aber auch seine schlaflosen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls nicht erspart worden waren, in Geduld durchwacht. Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas mehreres zu bemerken, doch wir verschieben das oder ersparen es uns ganz; es kommt nicht viel drauf an.
Die Hauptsache ist uns augenblicklich die Zelle des im allerbesten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des alten Zisterziensers vom Jahre 1631, in welcher der alte Exkollaborator, der Magister Noah Buchius, im Jahre 1761 eingenistet sitzt und zusammengetragen hat, was ihm im Laufe der Zeiten das Schicksal an Eigentum oder als Kuriosität hat zukommen lassen wollen.
Aber das ist nicht das einzige. Seltsamerweise fragen sie alle im Kloster ihn abends oder gar in der tiefen Nacht um Rat, wenn sie sich am Tage lustig über ihn gemacht haben. Die seit hundert Jahren nicht getünchte Mönchszelle ist hinter dem Rücken von Abt und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als einen geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde Schuld sauer aufstieß. Mehr als einer und eine in Amelungsborn erinnern sich dankbarlich bis an ihren Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tisches von rotgefärbtem Tannenholz, der im Winter an diesen Ofen und im Sommer an das Fenster gezogen stand. Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des sonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüste mag sich mehr als einer entsinnen. Je nachdem der Mann oder das Weib, der Alte oder Junge ist, pflegt Magister Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen und anderer Gelehrten Weisheit und Trost herabzulangen nach dem Bedürfnis der Stunde. Wer nach dem Hakenbrett mit den Kleidungsstücken des jetzigen Bewohners der Zelle gucken will, mag’s tun. Viel zu finden ist da nicht. Item so in dem Kasten, der seine Hemden, Krausen, Nachtkamisöler und Zipfelmützen in sich schließt. Serenissimus, Herr Herzog Karl der Erste, haben Ihrem emeritierten gelehrten Diener am Schulamt auch freie Wäsche für den Rest seines Lebens ausgemacht; aber er hat wenig Weißes in die Seife zu geben.
Dafür hat er manches andere; und manch ein anderer gelehrter Mann und Kollege von heute würde gern für ein paar Griffe zwischen seine Eigentümer nicht nur seine eigene sämtliche Leibwäsche hingeben, sondern auch die seiner Frau, vorzüglich wenn sie sich mit oder nach ihm Frau Professorin, Frau Archivarin, Frau Museumsdirektorin betitulieren läßt.
Das ist die Sache! Man ist nicht umsonst der Magister Noah Buchius und lebt als solcher im nüchtern-altklugen achtzehnten Jahrhundert in der hohen Wald-und Wildnisschule von Amelungsborn im Tilithigau, ohne das Seinige, das, was einem allein gehört, zusammenzutragen. Im Sacktuch auch, wie eben noch den schwarzen Kämpfer aus der Rabenschlacht auf dem Odfelde, dem Campus Odini des Magisters!
Es kleben und hängen an allem Zettul. Von des gelehrten und kuriosen Mannes Hand geschrieben. Wir schreiben nur einige derselben nach, wie unser Auge an der Wand zwischen dem Fenster und dem Ofen bei der trüben Beleuchtung durch die schlechte Öllampe hinschweift, und wir bedauern, daß wir nicht alle nachschreiben können.
Auf Börten, jene Wand entlang, sind die Merkwürdigkeiten geordnet und haben Generationen von Schulbuben, sowie dem gesamten Lehrerkonvent, sowie auch dem gestrengen Herrn Klosteramtmann reichlichsten Grund zur Verwunderung, zum Kopfschütteln und zum Gespött gegeben, und zwar nicht der Erklärungen wegen, sondern wegen des närrischen Menschen, der sich mit dergleichen risibeln Allotriis abgab.
»Nro. 5. Ein römischer Rittersporn, so wahrscheinlich in den kayserlichen Armaden Divi Augusti oder Tiberii verloren. Im Sumpf am Molter-Bach gefunden. Arg verrostet.«
»Nro. 7. Eines cheruskischen Edelings Arm-und Schmuckring. In einem Topfe gefunden ohnweit Warbsen.«
»Nro. 7a. Derselbige Topf, der bessern Erhaltung wegen mit Draht umbunden.«
»Nro. 7b. Etliche Aschen und Kohlen aus dem nämlichen Topfe. Zum Andenken an unsere Vorfahren in einem Papier conserviret in der Tobacksdose des hochseligen Herrn Abtes Doctoris Johann Peter Häseler, weiland hiesiger Hohen Schule weitberühmten Vorstehers. Ein feiner weltbekannter Historicus!«
»Nro. 16. Ein Fausthammer auf der Mäusebreite, Stadtoldendorfer Feldmark, aufgegraben. Wie mir däucht, eines teutschen Offiziers Kaisers Caroli Magni Gewaffen. Doch lasse ich dieses bessern Gelehrten anheimgestellt sein.«
»Nro. 20. Ein versteinerter Knochen hominis diluvii testis. Eine große Rarität! Hat mir aber im Kloster mannigfachen Verdruß zugezogen, derer hierüber anders laufenden Meinungen wegen. In den Steinbrüchen im Sundern gefunden.«
»Nro. 23. Ein barbarisch Horn vom Urochsen, Bos primigenius, auch Wisent genannt. Ehedem von den Barden beim Gottesdienst und in der Bataille zum Tuten gebracht. Dieses hiervorhandene Exemplar soll sich im Kuhhirtenhause zu Lenne hinter dem Till vorgefunden haben. NB. mir von denen Herren Primanern zu meinem Geburtstage zugetragen und dediciret.«
»Nro. 30. Ein bemalter hölzerner Arm von einem Weibsbild, einer Statua der Jungfrau Maria. Hat zu päbstlicher Zeit hier bei uns in unserer Kirche viele Wunder getan und großen Zudrang des Volkes von weither zu Wege gebracht. Auch eine große Curiosität und wohl zu bewahren, doch mit Vorsicht vorzuweisen des lieben Aberglaubens wegen, der heute noch wie damals an jedwedes alte Weibermärlein glauben muß.« –
Nicht wahr, wenn man doch in dem Kataloge so fortfahren wollte, zum Scherz der Herren Primaner und bessern Gelehrten heutiger Zeit? Wir tun’s aber nicht. Um keinen Spaß in der Welt! Wir werfen höchstens noch einen Blick auf den »Büchervorrat« unseres lieben alten Freundes.
Natürlich die Klassiker in abgegriffenen Schulausgaben, meistens aus den eigenen Schuljahren des Magisters. Wenige neuere und neueste Schriften, und auch die meistens nur, wie sie der Zufall in der Zelle des Bruders Philemon zusammengeschichtet hat: Gundlings Otia neben Petitus De Amazonibus dissertatio; Jöchers kompendiöses Gelehrtenlexikon neben des Weltberühmten Engelländers Robinson Crusoe Leben und gantz ungemeinen Begebenheiten insonderheit da er 28 Jahre lang auf einer unbewohnten Insul auf der Amerikanischen Küste gelebet hat. 1728; Professor Gottscheds Kritische Dichtkunst und Bearbeitung von Addisons Cato und daneben, und daneben – vielleicht pio furto seit Emigrierung der Schule von Amelungsborn nach Holzminden im Besitz des Magisters Buchius – ein geschrieben Breviarium mit sauber ausgemalten Kupfern (sic) Johannis Masconis, vordem, Anno Dom. 1363 bis 1366 am hiesigen Orte Abbas.
»Soll ein celebrirter Maler und feiner Amateur in denen schönen Künsten zu seiner Zeit gewesen sein«, meint der Magister auf einem in der Handschrift liegenden Zettel. »Wird von denen heutigen Kunstkennern weniger ästimiret.«
Es kamen, selbst als noch die Schule zu Amelungsborn in Blüte stand, die neuesten Erzeugnisse der Literatur weder vollständig noch rasch in die gelehrte Weser-Waldwildnis. Jetzt wartet der Magister ganz vergeblich selbst auf zufällige Nachrichten aus der Gelehrtenrepublik da draußen. Es ist eben Krieg, und selbst Dinte und Gänsefedern sind rar geworden in Amelungsborn.
Gänsefedern? Jawohl, jawohl! Diese jedem Pädagogen, Doktor, Präzeptor und Ludimagister unentbehrlichen Instrumente flatterten wohl ungeschnitten auf den Feldern und Wegen, um die Kochstellen; aber aus den Ställen und von den Höfen waren sie weniger zu holen. Dafür hatten sowohl der Vicomte von Belsunce wie der Herr General von Luckner und ihre Völker zu Fuß und zu Pferde schon seit dem Sommer des Jahres gesorgt. Wem’s Papier nicht ausgegangen war an solch einer entlegenen Kulturstätte, mochte item von Glück sagen. Weder Charta pura, rein sauber Papier, noch Charta emporetica, Kramerpapier, gab es viel zu Amelungsborn; von Charta Claudiana, Regalpapier, und Charta augusta, feinem, gelindem Schreibpapier, ganz zu schweigen. Die wenigen Bogen des letztern, die der Magister Buchius übrig hat, die hütet er wie seinen Augapfel und bedient sich ihrer nur verstohlen zu seinen im Trubel der Zeiten fortlaufenden Kollektaneen.
Das jüngste Buch in der Zelle des Zisterziensermönchs Philemon und des letzten am Ort nachgelassenen Kollaborators der Gründung des heiligen Bernhard von Clairvaux stammt aus dem Jahre 1756 und ist eine vierte Auflage und zu haben zu Lemgo in der Meyerischen Buchhandlung. Es liegt an diesem bösen, unruhevollen Herbstabend auf dem Tische des heutigen alten Bewohners der Zelle, und sein Titel lautet:
»Der wunderbare Todes-Bote
oder Schrift-und Vernunftmässige Untersuchung
Was von den Leichen-Erscheinungen, Sarg-Zuklopfen, Hunde-Heulen, Eulen-und Leichhüner-Schreyen, Lichter-Sehen und andern Anzeigungen des Todes zu halten.
Aus Anlaß einer sonderbaren Begebenheit angestellet und ans Licht gegeben von Theodoro Kampf, Schloß-Predigern zu Iburg.«
Magister Buchius hat auf dem Schmutzblatt bemerkt:
»Mir wohl aus angenehmer Satura zum freundschaftlichen Hechelscherz von Holzminden aus dediciret von meinem hochgeehrtesten Mitarbeiter am hiesigen Schulwerk, Herrn Collega Kollaborator Magister Zinserling. In den Iden des Märzen 1761. Habe dem Herrn Satirikus seinen Scherz weiter nicht nachgetragen, ihm jedoch auch nicht zu seinem gewünschten Kitzel ob der Sache verholfen.«
Wie aber nun auch Magister Buchius sich im Frühjahre 1761 zu dem absonderlichen Buche gestellt haben mochte, am Morgen des vierten Novembers in demselben Jahre 1761 hatte er es doch aus seinem Vorrat von gelehrtem Rüstzeug herabgelangt und mancherlei Beachtenswertes darin gefunden, ja sogar hier und da eine kleine Aufrichtung in der Angst, Unruhe und Sorge des Daseins. Letzteres vielleicht ein wenig gegen die erste Meinung des wohlgesinnten Gebers und mit gen Holzminden verzogenen jocosen Kollegen M. Zinserling. Und für einen, der eben aus der Rabenschlacht auf dem Odfelde heimkehrte, ist es auch wahrlich eine Schrift, die man auf dem Tisch nur zurückschiebt, um der Abendsuppe Raum zu machen.
Diese wurde gebracht, als der greise Benemeritus seinen Gefangenen oder lieber seinen Geretteten aus der Bataille auf dem Campus Odini aus dem Sacktuch, in welchem er ihn hergetragen hatte, loslöste.
Mit hängendem Flügel hüpfte der wunde schwarze Kämpfer hervor, versuchte zu flattern, gab es auf, hüpfte auf gottlob gesunden Füßen hierhin und dahin durch das Gemach, stellte sich fest unter dem Tische, legte den Kopf auf die Seite, den Magister Buchius genau zu betrachten, und sprach rauh, heiser und klagend:
»Krah! Krr, krr, krr!«
»Komme Er her; ich tue Ihm weiter nichts«, sagte der Magister Buchius, wie er das vordem von seinem Katheder herunter hätte sagen können. »Lasse Er mich wenigstens nach Seinem Fittich sehen«, sagte der Magister zuredend und dabei unter den Tisch nach seinem neuen Stubengenossen greifend. Noch traute dieser aber nicht gänzlich. Krächzend hüpfte er vor der begütigenden, mitleidigen Hand zurück ins Dunkel, und in demselben Augenblick klopfte es an der Zellentür. –
Es war Wieschen, von der Frau Klosteramtmännin geschickt, mit dem Abendbrod des Emeritus der Großen Schule von Amelungsborn, des zu Tode zu fütternden gelehrten, übersinnigen Haus-und Hofgenossen.
»Krah!« kreischte der Rab, mit dem ganzen Witz seines Geschlechts eine offene Tür sofort von einer geschlossenen unterscheidend. Noch einmal versuchte er zu fliegen und flatterte wenigstens gegen das erschreckt gleichfalls kreischende Mädchen an. Doch er flatterte nur dem Magister in die Hände, und dieser sprach jetzo:
»Er tut dir nichts, Kind! Er hat selber das Seinige abgekriegt.« Es war die Dirne, die vorhin dem Knecht ihre Schürze um die blutende Hand gewunden hatte und die jetzt, immer noch mit verweinten Augen, dem alten Herrn in der Zelle des Bruders Philemon seine ihm ausgemachte Atzung zutrug. »Zu Tode hat er mich verjagt, als ob’s noch nicht genug an der Angst wäre«, schluchzte sie, aus ihrem Korbe den irdenen Napf mit dem steifen, schwachdampfenden Roggenbrei hebend und zu ihm auf den Tisch das schwarze Roggenbrod und den Teller mit dem letzten Hering von Kloster Amelungsborn absetzend.
»Mit der Butter reichte es selbst für den Herrn Amtmann nicht, und die Käse wollten wir doch lieber für den Feind aufheben, wenn’s doch wieder einmal sein müßte, läßt Ihm die Frau Amtmännin sagen«, sagte die junge Magd. »Aber wie Er sich in so schlimmer Zeit noch mit solchem Untier abgeben mag, das weiß ich nicht«, setzte sie hinzu. »Ich an Seiner Stelle würfe gleich den Unglücksvogel da aus dem Fenster ins Hooptal hinunter. Aber der Herr Magister graueln sich ja vor nichts; das weiß man freilich schon.«
»Weiß man dieses?« seufzte der alte Herr; doch zu seinem zappelnden Gefangenen zu genauerer Besichtigung sich wendend, meinte er: »Armer Patron, den Fittich hat man dir böse gehackt. Mit dem Fliegen wird’s wohl nicht viel mehr werden in dieser Welt; aber – im übrigen geht’s ja noch. Sind nun auch angewiesen auf das Huppen unter Tisch und Bank, auf das Brosamenlesen aus den Stubenritzen, auf das Knochensuchen im Kehricht nach dem Jagen in den Lüften, nach dem großen Schlagen im Gewölk! Kralle Er mich nicht, Monsieur und tapferer Rittersmann; Er soll’s nach Vermögen gut haben beim alten überzähligen Kollaborator Buchius. Und Sein Teil von dem Fischlein dort und dem guten Brod soll Er auch haben, ohne im Unrat mit dem Bettelsack darnach umgehen zu müssen. Um seinen hängenden Flunk aber müssen wir Ihm vor allem eine Binde legen – barmherziger Himmel, Luisilla, Wieschen, Jungfer Liese, was fällt Ihr denn bei? Was soll denn dieses bedeuten?«
Der Magister mochte wohl fragen und seinen neuen Gastfreund wieder zur Erde flattern lassen, ohne fürs erste nach Verbandzeug für dessen Verwundung sich umzusehen. Er sah zuerst jetzt auf die junge Magd, und zwar betroffen, erstaunt und erschreckt. Das Mädchen heulte plötzlich gradheraus und brach los wie ein Platzregen, als ob sie die hintergeschluckte Not und Angst von Wochen und Jahren in diesem Momento von der Seele wegspülen wolle.
»Was dies bedeuten soll?« schluchzte sie, und die Worte kamen wie bei einer Überschwemmung weggeschwemmtes Hausgerät auf dem Strome. »Nach dem Beest sieht der Herr Magister aus in Seiner Gutherzigkeit; aber für unsereinen hat Er kein Auge mehr übrig. Alles sucht Er sich zusammen im Himmel und auf Erden und läßt es sich von den Jungens oder unsern Knechten bringen, wenn sie meinen, daß es was für Ihn ist; aber für uns hat Er keine Zeit mehr übrig. Och du lieber Gott, und wir kucken doch alle in der Bedrängnis nach Ihm, wenn der Herr Magister es auch nicht wissen. Und wenn Er über den Hof geht, hat Er hinter jeder Stalltür und hinter jedem Fenster einen, der mit Ihm sprechen möchte; wenn der Herr Magister auch keinen Gedanken daran haben. Und merken lassen kann es ja keiner von uns, wie es sich für solch einen gelehrten Herrn schickt, wie wir uns zu gern auf Ihn um Rat und Tat und Trost verlassen möchten. Mit der Schrift kann es ja keiner vom Kloster Ihm zu wissen tun, daß wir alle wissen, daß Er allein hier in Amelungsborn aus der alten Zeit her und der frühern Gelehrsamkeit uns zu Trost und Rat und Hülfe sein kann, wenn der Herr Magister nur wollen. Aber Er will ja nicht –«
»Gütiger Himmel, weshalb will er denn nicht?« stammelte Magister und Exkollaborator Buchius, zum allererstenmal in seinem Leben, und zwar jetzt zu seiner zitternden Überraschung, gewahr werdend, daß auch er auf der Waagschale mitwiege, daß auch er von wirklicher, angsthaft gefühlter Bedeutung für ein anderes Menschenkind, für andere – ausgewachsene Leute sein könne. »So laß doch das Gejammere, das Geweine, Kind! So sage es doch, was du eigentlich von mir verlangst! Wie soll ich dir raten? Wie soll ich dir helfen, Wieschen? Tu die Schürze von den Augen und rede deutlich.«
Das Mädchen zog die Schürze von den verschwollenen Augen herunter und sagte unter leisem Weinen:
»Ich kann ja um Gott und Jesu nichts dazu, wenn dem Herrn Magister seine Suppe da kalt wird; aber draußen steht er, und er will dem Herrn Amtmann noch vor den Franzosen den roten Hahn aufs Dach setzen, dann will er selber unter das Volk, zu den Franzosen und dem Herzog Ferdinand. Es ist ihm jetzt alles einerlei, und ich bin ihm auch einerlei. Auf kein gutes und giftiges Wort hört er; und draußen steht er; und von Ihm, Herr, wollen wir den nächsten Weg in das blutige Elend wissen; denn hier halten wir es nicht länger aus in Amelungsborn!«
»Woraus denn deutlich zu ersehen, wieviel diese barbarisch scheinenden Wörter bedeuten und wie geschickt sie besonders sind, alle sowohl allgemeine als besondere Schlußregeln zu übersehen und in jeder Figur sich alle richtigen Schlußarten einzuprägen. – Davon zeigt barbara die allgemein bejahenden, celarent die allgemein verneinenden, darii die besonders bejahenden und ferio die besonders verneinenden an.«
Also sagte dagegen, nämlich gegen die Lieder des siebenzehnten Jahrhunderts in Schweinsleder, die Deutliche und praktische Vernunftlehre für Schulen insgemein und also auch für die weiland hohe Kloster-, Wald-und Wildnis-Schule zu Amelungsborn. Aber wer gar nichts im Wachen und im Traum auf: Cacresen, bamallp, dimatis, fesapo, fresison hielt, das war des Herrn Klosteramtmanns Vetterstochter Mademoisell Selinde Fegebanck. Sie war seinerzeit mit der Schule auch ohne die Logika der Scholastiker ganz gut ausgekommen und fertig geworden. Schlüsse wie:
Wer nicht gelehrt ist, ist kein Mensch,
Kein Bauer ist gelehrt, also
Ist kein Bauer ein Mensch,
mochten nach Paragraph einundneunzig den Herren Primanern zum warnenden Muster diktiert werden, für Mamsell hatten sie nicht den geringsten Sinn. Die brauchte kein Muster, die wußte von ihrer Mutter her schon ganz genau, wo der Mensch anfängt und wo er aufhört. Sie hatte einfach gekreischt unter den Eichen im Sundern über die Konklusion:
Kein Mensch ist ein Engel,
Kein Vieh ist ein Engel, also
Kein Vieh ist ein Mensch.