Robert Thurston
Blutrecht
Zweiter Roman der Jade-Phönix-Trilogie
Impressum
Ulisses Spiele
Legenden-Band 14
Titelbild: Catalyst Game Labs
Redaktion: Mirko Bader
Korrektorat: Sina-Christin Wilk
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Produkt-Nr.: US42114
E-Book-ISBN: 9783957526144
PROLOG
Jahre zuvor, als sie noch ein Kind war, erfuhr Diana viel über ihren Vater.
»Er ist Teil des Clans, und andererseits auch wieder nicht«, sagte ihre Mutter Peri.
»Clan verstehe ich nicht«, unterbrach Diana. Obwohl sie erst vier war, sprach sie klar verständlich und präzise. Sie hörte andere Kinder und Erwachsene niederer Kasten oft Worte zusammenziehen oder Buchstaben verschlucken, aber selbst tat sie das nie.
»Der Clan steht für das, was wir sind, wo wir hingehören. Ihm gilt unsere Loyalität. Der Clan sorgt für uns, für alle Kasten, die in ihm vereinigt sind. Es ist der Clan, der uns allen eine sinnvolle Arbeit zuteilt, eine Arbeit, die den gemeinsamen Zielen dient. Eines Tages werden wir aber zurückkehren, um den uns zustehenden Platz in der Inneren Sphäre einzunehmen, und wir werden den Sternenbund wiederherstellen, der einst alle Welten in diesem gewaltigen Raumsektor beherrschte.«
»Was ist die Innere Sphäre? Was ist der Sternenbund?«
»Das wirst du noch früh genug erfahren, Diana, aber am richtigen Ort.«
»Was ist an diesem Ort falsch?«
Sie saßen in der Ecke eines großen Labors, des größten in der Forschungsstation auf Tokasha, wo Peri seit über fünf Jahren als Labortech arbeitete. Die Unterkünfte umfassten eine Tagesstätte, aber Diana betrachtete das Labor als ihr Kinderzimmer, einen Raum, in den sie gelegentlich zum Spielen kam, aber eigentlich nur, um bei Peri zu sein. Sie war in einem Alter, in dem sie die ständige Nähe der Mutter suchte.
Typisch für Freigeborene, wie ein dicklicher Mann namens Watson, der Projektleiter auf Tokasha, feststellte. In einer Geschko waren die Kinder auf sich selbst angewiesen; ihre Bindungen waren kogeschwisterlich. Da Freigeborene meist zumindest einen Elternteil kannten, der für sie sorgte, neigten sie dazu, immer in dessen Nähe zu bleiben — aus Angst, er könnte ihnen genommen werden, vom Tod oder vom Clan. Kinder lernten früh, dass der Clan freigeborene Elternschaft nicht respektierte und nicht zögerte, Eltern und Kinder zu trennen. Schon mit vier Jahren fürchtete Diana sich davor mehr als vor Monstern oder Schatten in der Nacht.
Wie sich herausstellen sollte, war ihre Furcht begründet. Als Diana neun Jahre alt war, wurde Peri dem Wissenschaftszentrum auf Circe zugeteilt, und ihr neuer Posten als anerkannte Wissenschaftlerin gestattete es nicht, ihre Tochter mitzunehmen. Peris Briefe an ihre Tochter wurden immer seltener. Ihre Spezialität war die Untersuchung des Weges von Geschko-Mitgliedern von der Kindheit über die Kriegerausbildung zum Entscheidungstest, der ihre einzige Chance darstellte, Mitglied der Kriegerkaste zu werden. Für jedes Stadium dieses Weges sammelte Peri Daten darüber, wie viele Geschkinder bei den Tests versagten und welche neuen Rollen im Clanleben ihnen zugewiesen wurden. Sie war besonders interessiert daran, wie viele Kadetten es bis zum abschließenden Test schafften (wie sich herausstellte, waren es immer verdammt wenige) und welche von diesen letztendlich den Sprung zum Krieger schafften.
Dianas Vater war ein Kadett gewesen, der beim letzten, alles entscheidenden Test versagt hatte, und eines von Peris Zielen bestand darin herauszufinden, was genau geschehen war. Außerdem wollte sie wissen, warum sie selbst in einer der letzten Phasen der Kriegerausbildung ausgesiebt worden war. (Während dieser Untersuchungen erinnerte sie sich häufig an den Abend, an dem sie die Geschko-Kaserne nach ihrem Ausscheiden zum letzten Mal hatte verlassen müssen, und an das Gespräch, das sie mit dem Jungen geführt hatte, der eines Tages Dianas Vater werden sollte. Diese damalige Unterhaltung hatte in Peri den Drang nach genau den Untersuchungen ausgelöst, die jetzt ihr Alltag waren.) Mit wachsender Intensität ihrer Arbeit verdrängte das Schreiben von Berichten immer mehr den Briefkontakt mit ihrer Tochter. Ihre Ergebnisse, so wurde Peri mitgeteilt, waren ein wichtiger Beitrag zu einem größeren Projekt mit dem Ziel, Methoden zu finden, die es mehr Mitgliedern einer Geschko-/Kadettengruppe ermöglichen sollten, in die Kriegerkaste aufzusteigen.
Dann erhielt Diana ihre eigene Aufgabe, und der Kontakt zwischen Mutter und Tochter brach vollends ab. Aber als Diana vier war, waren sie sich noch sehr nahe.
»Mit dem Labor ist alles in Ordnung«, stellte Peri fest und sah ihre Tochter lächelnd an. »Es ist nur der falsche Ort, um etwas über den Clan zu lernen. Dafür gibt es Klassenzimmer, Unterrichtsstunden und Gedächtnisübungen. Du wirst es noch früh genug mitmachen müssen. Noch hast du Zeit, ein Kind zu sein.«
»Sag mir nochmal, wie unser Clan heißt.«
»Wir sind die Jadefalken.«
»Und was ist ein Jadefalke?«
»Ein möglicherweise mythischer Vogel, auch wenn es Menschen gibt, die behaupten, schon Exemplare gesehen und sogar abgerichtet zu haben. Man sagt, dass sie sehr hoch fliegen und Schwierigkeiten haben, wieder auf den Boden zu finden.«
»Wie mein Vater.«
Peri lachte. »Genau wie dein Vater. Er wollte ein großer Krieger werden, dein Vater, aber er versuchte während eines sogenannten Tests — einer Prüfung, durch die Krieger ausgewählt werden — einen Trick.
Der schlug fehl, und er hatte seine Chance vertan. Nicht viel später kamen andere Krieger hierher nach Tokasha und nahmen ihn mit. Ich weiß nicht, was danach aus ihm geworden ist.«
»Und wie heißt er?«
Peri zögerte einen Augenblick, aber das Kind konnte nicht ahnen, dass seine Mutter Zweifel hatte, ob es gut war, ihm den Namen seines Vaters mitzuteilen. In diesem Sekundenbruchteil musste sie beschlossen haben, dass es angesichts der Größe des Clansektors und der Vielzahl der Welten, auf denen Aidan sich niedergelassen haben konnte, kein großes Risiko darstellte.
»Aidan. Er heißt Aidan.«
»Ich wünschte, er könnte zu uns zurückkommen.«
»Nein, das wäre unclanmäßig. Welche Aufgabe er jetzt auch erfüllen mag, im Innersten ist er ein Krieger. Er stammt aus einer Geschko, und das bedeutet, dass er weder Vater noch Mutter hatte, sondern aus etwas entstanden ist, das wir Gene nennen — verlang bitte nicht, dass ich dir das alles erkläre. Krieger ziehen ihre Kinder nicht selbst auf, auch nicht, wenn sie einer aderen Kaste zugeteilt worden sind, und freigeborene Kinder schon gar nicht.«
Peri hatte Diana nie gesagt, dass sie einmal zur selben Geschko wie Aidan gehört hatte, eine Tatsache, die normalerweise ausgeschlossen hätte, dass sie jemals auf natürliche Weise ein Kind zur Welt brachte. Aber als Wissenschaftlerin war Peri in der Lage gewesen, ihren Körper so zu beeinflussen, dass sie das Privileg der Freigeborenen, schwanger zu werden, auskosten konnte. (Sie betrachtete es als Privileg, auch wenn sie damit unter den Wahrgeborenen eine recht isolierte Position einnahm.) Warum das so wichtig für sie geworden war, hatte sie nie richtig verstanden. Nach ihrem Versagen als Kriegerin hatte sie beinahe sofort erkannt, dass sie nicht in der Lage sein würde, ein Leben ohne den Blick auf den Sichtschirm eines BattleMech-Cockpits allein durchzustehen. Diana war die Lösung für ihre Einsamkeit gewesen.
Später, nachdem sie Diana mehr oder weniger aufgegeben hatte, wurde sie von ähnlichen Gedanken geleitet. Sie sah Dianas Potential und beschloss, die Elternbindung zu lösen und Diana ihren eigenen Weg suchen zu lassen. Sonst hätten Peris Bedürfnisse sie eines Tages zurückhalten können. Es war keine leichte Entscheidung, aber sie traf sie mit der Entschlossenheit einer für die Rolle der Kriegerin geborenen und erzogenen Frau.
»Mutter?«, fragte Diana nach einer langen Pause, während sich ihre kleine Stirn aufgrund schwieriger Überlegungen in Falten legte. Diana war eine Spezialistin für schwierige Überlegungen, für ihr Alter sogar höchst schwierige.
»Ja?«
»Ich glaube nicht, dass ich Wissenschaftlerin werden will, wenn ich groß bin.« Das ganze verstrichene Jahr über hatte Diana Peri jeden Tag mitgeteilt, dass sie Wissenschaftlerin werden wollte.
»Oh? Du möchtest dir deine Kaste aussuchen? Das passt nicht zu einer Freigeborenen, das weißt du.«
»Ja, das weiß ich. Aber ich weiß, was ich werden will. Ich will Kriegerin werden.«
Peri hatte den Eindruck, ihr Herz sei stehengeblieben. Das waren nicht die Worte, die sie zu hören gehofft hatte. Nicht, dass sie ihrer Tochter eine solche Laufbahn nicht gewünscht hätte, aber sie dachte an die Behandlung, die den wenigen Freigeborenen bevorstand, die sich für die Kriegerausbildung qualifizierten. Manchmal wurden sie als Kanonenfutter für Geschko-Kadetten verheizt, und die wenigen, die es bis zum Entscheidungstest schafften, hatten noch schlechtere Chancen als wahrgeborene Kadetten. Peri gefiel der Gedanke nicht, dass Diana ein solches Leben erwartete. Krieger waren die am höchsten geehrten Mitglieder des Clans, und selbst die Hilfsarbeiter der niedersten Kasten träumten davon, Krieger zu werden, aber wenn sie auf ihr Mutterherz hörte, erhoffte sie sich für ihre Tochter ein leichteres Leben. In der Kriegerkaste war das Leben niemals leicht, weder für Frei- noch für Wahrgeborene.
»Du hast noch viel Zeit, dein Leben zu planen, Diana. Sei erst einmal vier.«
»Ich bin vier, Mutter.«
»Das weiß ich. Ich meine ... ach, es ist egal, was ich meine. Ich kann deinen Vater in dir erkennen. Du wirst tun, was immer du tun willst. Ich kann dich nicht aufhalten.«
Peris letzter Satz gefiel Diana, und sie führte ihn tagelang auf der Zunge. »Du kannst mich nicht aufhalten, Mutter. Du kannst mich nicht aufhalten.«
Peri wusste, dass es der Wahrheit entsprach, und sie wusste es auch noch, als sie den Kontakt mit Diana abgebrochen hatte, damit das Mädchen ohne Komplikationen ins Kriegertraining aufbrechen konnte. Aber völlig konnte Peri die Bindung nicht lösen. Obwohl Diana es nie erfuhr, behielt Peri ihre Tochter ständig im Auge, während sie sich durch die Kadettenausbildung kämpfte und zur Kriegerin wurde, wie sie es sich mit vier Jahren vorgenommen hatte.
1
Sein Name war Kael Pershaw, und er war die personifizierte Frustration. Seit zwei Jahren, viel zu lange schon, war er Stützpunktkommandeur der Glory Station, des Clan-Jadefalken-Lagers auf dem Planeten gleichen Namens. Soweit es ihn betraf, hätte ein Posten auf einem Asteroiden am äußersten Rand des Universums nicht schlimmer sein können. Glory lag zwar in Reichweite der fünf ursprünglichen Clanwelten, aber er lag am Rande des Kugelsternhaufens, dessen Welten Teil des Clanreiches waren. Die Jadefalken hatten erst kürzlich die Hälfte Glorys erobert; die andere Hälfte hielt sich noch.
Selbst der Name des Planeten erschien Pershaw absurd. Das einzig Angenehme an diesem fürchterlichen Ort war die Luft. Sie war atembar, auch ohne Hilfsgeräte oder unbequeme Implantate zum Ausfiltern giftiger Komponenten. Pershaw hatte in den Wanderjahren seiner militärischen Karriere schon genug unangenehme Zeit auf atmosphärisch weniger geeigneten Welten zubringen müssen.
Wie Glory sich seinen Namen verdient hatte, blieb ihm ein Rätsel. Seine Berge ragten nicht majestätisch gen Himmel, seine Seen schimmerten nicht im Sonnenlicht, und seine Vegetation war zum großen Teil spärlich und verkrüppelt. Das einzige Bemerkenswerte war ein riesiges Dschungelgebiet in der Nähe von Glory Station, und selbst das war abstoßend und gefährlich. Pershaw verließ das Hauptlager nur selten. Er zog es vor, andere in dermaßen gefährliche Gegenden zu schicken, vorzugsweise Mitglieder der freigeborenen Trinärsterne. Dabei war er keineswegs feige. Ein Mann mit seinen Fähigkeiten brauchte sein Leben nicht für Kleinigkeiten zu riskieren. Schließlich war er der Stützpunktkommandeur.
Die Truppen, die Kael Pershaw aufbieten konnte, falls irgendein anderer Clan einen Besitztest verlangte, waren beinahe noch absurder. Sein Sternhaufen bestand zwar aus den üblichen vier Trinärsternen zu jeweils drei Sternen, aber nur Trinärstern Sturm hatte den Namen verdient. Und seine 15 wahrgeborenen Krieger und 75 genetisch gezüchteten Infanteristen, Elementare genannt, waren zu wenig für einen Besitztest.
Die drei übrigen Trinärsterne setzten sich ausschließlich aus BattleMechs zusammen und taugten kaum zum Garnisonsdienst. In den Cockpits dieser Maschinen saßen ältere wahrgeborene Krieger (die bereit gewesen waren, eine Degradierung hinzunehmen, statt sich freiwillig zu einem Selbstmordkommando zu melden und auf ehrbare Weise den Tod zu finden) und Freigeborene. Pershaw war sich nicht sicher, was schlimmer war. Und um das Maß voll zu machen, waren die Mechs so veraltet, dass diese Trinärsterne in einem Gefecht mehr Ballast als eine echte Hilfe darstellen würden.
»Kannst du wenigstens für ein paar Minuten aufhören zu arbeiten?«, fragte eine Stimme hinter ihm. Es war Lanja, die Kriegerin, die als seine Coregn — oder Adjutantin — Dienst tat. Er hatte sie selbst ausgwählt, eine talentierte Kriegerin kurz vor der Beförderung zum Trinärsternkommandeur. Neben ihren Aufgaben als Pershaws Adjutantin befehligte Sterncommander Lanja die Elementare der Trinärsterns Sturm. Er hatte eine gute Wahl getroffen. Im Feld führte sie ihre gepanzerten Infanteristen in perfektem Gleicklang mit Pershaws BattleMechs, und in der Garnison ergänzten sich ihre Fähigkeiten nicht minder gut. Lanja war gewitzt, intelligent und — wie er inzwischen hatte feststellen können — sexuell begabt. Eine sexuelle Beziehung zwischen Personen, die so eng zusammenarbeiteten, war nicht ungewöhnlich, aber sie war keineswegs immer so angenehm. Er würde ihre Abreise nach Ablauf ihres Dienstvertrages bedauern, aber er konnte sie nicht wieder verpflichten, bevor ihm ein anderer Coregn zumindest eine bestimmte Zeit zur Seite gestanden hatte.
Obwohl Lanja ihren Kommandeur um mehr als zwei Köpfe überragte, war sie kleiner als die meisten Elementare ihrer Einheit. Manchmal stichelte Pershaw, sie müsse freigeborene Gene besitzen.
»Für dich hör ich gerne auf zu arbeiten«, erklärte er und stand auf, um sie zu umarmen. Selbst durch ihre gestärkte Uniform glaubte Pershaw, die weichen Kurven ihres Körpers zu fühlen.
Er war sich bewusst, dass er und Lanja für ein Clanner-Liebespaar ungewöhnlich leidenschaftlich waren. Hätte er Jahre zuvor in einem alten Briandepot keine Diskette mit alten terranischen Liebesgeschichten gefunden, hätte Pershaw vielleicht nie gewusst, dass menschliche Liebe derart intensiv und romantisch sein konnte. Als Clanner hatte er Schwierigkeiten, das Konzept Liebe zu begreifen, aber seine Beziehung zu Lanja war mit ziemlicher Sicherheit tiefer als jede, die er vorher gekannt hatte — in beiläufigen Geschko-Allianzen, früheren Beziehungen zu Kriegerinnen und gegenüber anderen Coregns. Auf ihre eigene Art und Weise war diese Beziehung ebenso unergründlich wie die in jenen verklärten Liebesgeschichten.
Aber Kael Pershaw war vor allem ein Krieger, und der Gedanke, jemand könnte in sein Büro stolpern und ihn in inniger Umarmung mit Lanja finden, bereitete ihm Unbehagen. Vielleicht löste er sich deshalb früher von ihr als es ihm eigentlich lieb war.
Lanja strich ihr dunkles Haar, das unter dem smaragdgrünen Jadefalken-Stirnband noch schwärzer wirkte, zurück. »Irgendetwas macht dir Sorgen«, stellte sie fest und runzelte die Stirn. »Das Übliche?«
»In gewisser Weise. Man könnte es die Stagnation nennen.«
»Stagnation ist ein gutes Wort dafür, besonders in einem Lager so dicht am Blutsumpf.« Vielleicht war es der bloße Gedanke an den Sumpf, der sie nach einem imaginären Insekt schlagen ließ. Blutsumpf war nicht sein richtiger Name, aber der war längst vergessen. Von der Gründung der Station Glory an hatten die hier stationierten Krieger unter dem Eindruck des rötlichen Glanzes gestanden, der an lange Blutspuren erinnerte, wenn sich Glorys Mond im Sumpf spiegelte,
»Eines Tages wirst du versetzt werden«, sagte Lanja. »Da bin ich mir sicher.«
»Ich weiß. Versetzung und Umorganisation sind Clan-Ideale, aber ich bin noch nicht an der Reihe. Ich möchte jetzt hier weg. Ich will an einen Ort, der einen Grund liefert, Krieger zu sein. Ich bin es müde, die Truppen mit simulierten Konflikten zu traktieren, um ein Abstumpfen ihrer Fähigkeiten zu verhindern. Sie brauchen einen echten Kampf, genau wie ich.«
»Ich habe davon geträumt, dass du kämpfst. Nein, sag es nicht. Meine Träume. Du glaubst nicht an sie, obwohl du erlebt hast, dass sie wahr wurden. Lass uns ins Schlafzimmer gehen. Nein, ich will dich nicht in Versuchung führen. Aber deine Augen sind so müde — wie Teiche, umgeben von schwarzer Erde.«
»Wie Sumpfteiche?« Die Frage zauberte ein Lächeln auf Lanjas Gesicht.
»Nein, so still sind sie nicht.«
»Bald«, flüsterte Pershaw. »Bald können wir uns zurückziehen. Ich muss nur noch ein paar Berichte fertigschreiben.«
»Können sie nicht warten?«
»Ich will mir nur diesen hier über die Schlägerei vom Hals schaffen.«
»Die beiden Sterncommander? Bast und Jorge?«
»Genau. Eine Schande für meine Einheit. Dass ein Freigeborener einen Wahrgeborenen in einem närrischen Streit so leicht besiegen konnte.«
»Närrisch? Soweit ich mich erinnere, hat Bast Jorge beleidigt.«
»Stimmt. Und wenn sie beide wahrgeboren wären, wäre es möglicherweise keine Schande. Aber Jorge hat Bast vernichtend geschlagen — er hat ihm beinahe das Genick gebrochen —, während die ganzen Freigeburten dabeistanden und ihn anfeuerten. Es war widerlich.«
Pershaws Miene spiegelte nur selten irgendwelche Emotionen wider, aber diesmal stand die Abscheu deutlich in seinen Augen und den herabgezogenen Mundwinkeln zu lesen.
»Jorge ist ein guter Krieger, freigeboren oder nicht«, stellte Lanja leise fest. »Ich war nicht dabei, aber wie ich gehört habe, hat er Bast recht überzeugend geschlagen.«
»Trotzdem sollte Jorge intelligent genug sein, einen solchen Kampf zu vermeiden. Ich erwarte von den Freigeborenen, dass sie verstehen, dass ich keine Konflikte zwischen Wahr- und Freigeborenen in meiner Einheit wünsche, und es liegt an ihnen ... an ihnen ...«
»Sich unterzuordnen? Sich von uns Wahrgeborenen mit Füßen treten zu lassen? Mit anderen Worten: sich nicht wie Krieger zu benehmen?«
Pershaw lächelte. Ein seltenes Ereignis. Lanja wusste, dass sie lange davon würde zehren müssen, bevor sie es wieder erlebte.
»Ich nehme deine Kritik zur Kenntnis, Lanja. In Wahrheit hasse ich es, überhaupt Freigeborene unter meinem Befehl zu haben. Wenn es an mir läge, würde ich sie allesamt irgendwo anders hin verschiffen und nur mit Wahrgeborenen arbeiten.«
»Ich verstehe dich. Aber solange du auch nur einen Freigeborenen befehligst, musst du mit Problemen rechnen, besonders, wenn er so unabhängig ist wie dieser Jorge. Hast du ihn bestraft?«
»Ich habe es versucht. Aber das Surkai hat ihn entschuldigt.«
Lanja hob die Brauen. »Was? Ich hätte nicht erwartet, dass Jorge das Ritual der Verzeihung erfolgreich durchführt. Seine Arroganz würde ...«
»Ich habe nicht gesagt, dass er das Ritual gut ausgeführt hat. Er war dabei so arrogant wie immer. Aber ich habe es akzeptiert. Ich musste es akzeptieren, frapos?«
»Pos. Und damit solltest du die Sache vergessen.«
»Das kann ich nicht. Jorge ist wie eine Mine. Ein falscher Tritt, und er geht hoch. Es wird neuen Ärger geben.«
Lanja nickte. »Na, dann befrei dich zumindest für den Moment davon, indem du den Bericht schreibst. Zwischenfälle wie dieser werden sich nicht gut auf Jorges Kodax machen.«
Pershaw zuckte die Achseln. »Der Kodax eines Freigeborenen ist praktisch ohne Bedeutung. Freigeborene können nicht in den Genfundus aufgenommen werden, daher kümmert er sie wenig.«
Sie tippte an seine Stirn. »Du denkst zu viel, Kael Pershaw. Du brauchst die Ruhe. Komm bald nach.«
Sie verließ das Büro. Pershaw arbeitete noch ein paar Minuten an seinem Bericht, aber er konnte sich kaum konzentrieren. Es musste sich etwas ändern. Der Gedanke ging ihm nicht aus dem Kopf.
Als die Veränderung weniger als einen halben Tag später eintrat, war er dennoch überrascht.
»Was ist der Unterschied zwischen einem freigeborenen Sterncommander und einem Felsenschwein in Clan-Uniform?«
»Ich weiß nicht, Bast. Was ist der Unterschied?«
»Das Felsenschwein kann sich für den Fronteinsatz qualifizieren.«
Bast und die anderen lachten, eine Mixtur aus groben Grunzlauten, die nur jemand, der sie kannte, als Fröhlichkeit deuten konnte. Aidan wusste, dass er der Sterncommander war, dem der Witz galt, aber er fragte sich, ob Bast wusste, dass er gerade den Raum betreten hatte und nur wenige Schritte hinter ihm stand. Wie konnte der Mann so dumm sein? Er trug noch immer einen Stützkragen als Erinnerung an seine letzte Unverschämtheit — nach der sein Kehlkopf Bekanntschaft mit Aidans Ellbogen gemacht hatte. Aidan hätte ihm am liebsten den Stützkragen noch enger um den Hals gezurrt.
Aber um seinen eigenen Hals lag eine unsichtbare Leine, die ihn am Handeln hinderte. Ohne sich anmerken zu lassen, dass er mitgehört hatte, ging Aidan zur Bar des Offizierskasinos und bestellte einen Fusionsbrenner, den momentan unter den Freigeborenen populärsten Drink. Es war eine echt harte Mixtur, und nur Krieger mit dem Trotz des Freigeborenen setzten ihre Geschmacksnerven einer derartigen Folter aus. Aidan trank ihn nicht nur, er behielt die Flüssigkeit eine Weile im Mund, wo sie seinem Gefühl nach unverzüglich daranging, den Zahnschmelz zu zersetzen.
Die Messe war ebenso trostlos wie der Rest der Station, deren Räume in tristem Grau, schlammigem Braun und kränklichem Grün gehalten waren. Es gab Zeiten, da fühlte Aidan sich im Dschungel wohler, obwohl er Echsen beherbergen sollte, deren Zungen so giftig waren, dass sie ein Mechbein lahmen konnten. Das war natürlich nur Kasernenlatein, aber Aidan hatte keinen Bedarf, die Wahrheit herauszufinden. Unglücklicherweise wurde meist seine Einheit für Vorstöße in den Dschungel ausgewählt, weil sie nur aus Freigeborenen bestand und dadurch an unterster Stelle der Rangordnung stand. Bisher hatten sie nichts als albtraumhaft verwachsene Bäume gefunden, aus deren Rinde ein dicker, stinkender Saft tropfte, und Tiere, deren Gestalt sich kaum feststellen ließ, weil sie zu schnell verschwanden. Aber in einem freien Augenblick hatte er Blumen entdeckt, deren herrlich blutrote Blüten mit leuchtend gelben Streifen überzogen waren. Er hatte ein paar Exemplare ins Labor der Station gebracht und als Rückmeldung erfahren, dass man bereits medizinische Verwendungsmöglichkeiten für diese neue Pflanzenart, die als Blutblatt geführt wurde, gefunden hatte. Ein daraus gewonnenes Serum war an Kriegern und Techs erprobt worden, die von einer seltsamen Krankheit befallen waren, die ihnen ihre Energie raubte und sie schlapp und lustlos machte. Das Blutblattserum brachte zwar keine Heilung, aber es schenkte den Patienten für ein paar Stunden neue Energie und Lebensfreude.
Jetzt könnte ich auch etwas von dem Serum gebrauchen, dachte Aidan, als der plötzliche Alkoholstoß des Fusionsbrenners die Umgebung für einen Augenblick vor seinen Augen verschwimmen ließ. Es hieß, wenn man genug Fusionsbrenner kurz hintereinander schluckte, konnte man das Augenlicht verlieren, aber bisher hatten sich die Auswirkungen bei ihm auf diese kurzen Schwindelanfälle beschränkt. Die Gefahr schreckte ihn nicht. Immerhin war der Drink die einzige Möglichkeit, aus der Trostlosigkeit seines Dienstes zu entkommen.
Er hatte schon viel Zeit mit solchen Einödmissionen verbracht, in einer Station nach der anderen, und seine Einheit hatte überall die schlimmsten Arbeiten zu erledigen gehabt und zusätzlich die verächtliche und häufig grobe Behandlung der Wahrgeborenen erdulden müssen, deren Status ihnen völlig unabhängig von Rang oder Dienstalter immer einen Vorteil verschaffte. Bei allen Auseinandersetzungen zwischen Freigeborenen und Wahrgeborenen neigten die Offiziere dazu, bei ihren Beratungen für den Wahrgeborenen zu votieren, es sei denn, die für den Freigeborenen sprechenden Beweise waren derart überwältigend, dass sie beim besten Willen nicht ignoriert werden konnten.
Und selbst wenn er fair behandelt wurde, hörte ein Freigeborener immer das Widerstreben in der Stimme eines wahrgeborenen Vorgesetzten. Aidan hatte schon so viele Widerspruchtests hinter sich — wie die Herausforderung einer Entscheidung auf dem Schlachtfeld genannt wurde, die jedem Clan-Krieger und jeder militärischen Einheit zustand —, dass er seine Reaktion inzwischen schon plante, noch bevor ein Richter ihn gehört hatte. Beim letzten Mal, nach der Schlägerei mit Bast, hatte Sterncolonel Kael Pershaw ihn ganz offensichtlich hart bestrafen wollen, aber Aidan hatte sich mit dem Surkai-Ritual verteidigt. Der Kommandeur hatte mit keiner Wimper gezuckt, aber nachdem Aidan gutgelaunt sein Büro verlassen hatte, war er sicher gewesen, dass sein Vorgesetzter innerlich kochte.
Als er seinen zweiten Fusionsbrenner trank und zuhörte, wie Bast einen Witz über zwei Freigeborene erzählte, die sich in einem vom Krieg verwüsteten Dorf trafen, überlegte Aidan, ob er einfach aufstehen und vor den versammelten Wahrgeborenen in diesem Raum hinausbrüllen sollte, dass auch er ein Produkt der Verbindung genetischer Materialien in einem Labor war und in einer Geschko aufgezogen worden war. Er war ein Wahrgeborener wie sie. Er hätte gerne ihre Gesichter gesehen, ihre hämisch grinsenden, verächtlichen Fratzen, wenn ihnen klar wurde, dass dieser Sterncommander, den sie in ihren Witzen und Gesprächen ständig anfeindeten, gar keine Freigeburt war. Dass dieser Krieger, den sie als Jorge kannten, die Identität eines Freigeborenen angenommen hatte, nachdem der echte Kadett dieses Namens zusammen mit allen freigeborenen Mitgliedern seiner Trainingseinheit und ihrer Ausbilderin in einer Übung umgekommen war. Zumindest war das die offizielle Version.
Aidan wusste, dass Jorges Tod Mord gewesen war, arrangiert von Falknercommander Ter Roshak, um Aidan eine noch nie dagewesene zweite Chance beim Positionstest zu verschaffen. Bei seinem ersten Test hatte Aidan versagt, weil er sich zu übereifrig darauf gestürzt hatte, seine Erfolgsstrategie zu verwirklichen. Normalerweise erhielten Kadetten keine zweite Testchance, aber für Aidan hatte es eine Ausnahme gegeben, aus welchem Grund wusste nur Ter Roshak. Zuerst war Aidan wütend darüber gewesen, dass so viele andere hatten sterben müssen, damit er in einen BattleMech klettern und beweisen konnte, dass er das Zeug zum Krieger hatte, aber die Befriedigung des Kriegerstatus hatte seinen Zorn im Verlauf der Zeit abklingen lassen. Viel schlimmer als irgendwelche Zweifel über die Art, wie er diesen Status erreicht hatte, war der Zwang, die Identität eines Freigeborenen beibehalten zu müssen, um ein Krieger zu bleiben. Er hasste es, wie er es jeden Tag jedes Jahres in seinem Leben als Krieger gehasst hatte. Es hatte so viele Momente gegeben, in denen er es hatte hinausbrüllen wollen, dass er ein Wahrgeborener war.
Aber Ter Roshak hatte darauf bestanden, dass der Austausch ein Geheimnis bleiben musste. Die zweite Chance stand in so eklatantem Widerspruch zum Wesen des Clans, dass Roshak die Hinrichtung drohte, wenn die Wahrheit ans Licht kommen sollte. Sein genetisches Erbe in den Clanlabors, seine einzige Chance, durch die Vererbung seiner Gene an eine zukünftige Geschko-Generation geehrt zu werden, wäre ausgesondert und vernichtet worden. Wie Aidan später erfahren sollte, waren die Gene Roshaks nur einmal mit denen einer Kriegerin vereinigt worden, und die daraus entstandene Geschko war nicht sonderlich bemerkenswert ausgefallen. Keines ihrer Mitglieder hatte die Prüfung zum Krieger geschafft.
Aidan wollte gerade einen dritten Fusionsbrenner bestellen, als er eine Hand auf der Schulter fühlte. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wem sie gehörte.
»Du bist nicht mein Aufpasser, Hengst«, stellte er fest. »Du brauchst mir nicht zu sagen, wann ich genug Fusionsbrenner getrunken habe.«
Es war Ehrensache für Aidan gewesen, zum Sprachstil eines Kriegers zurückzukehren, auch wenn ihn jeder für einen Freigeborenen hielt. Er hatte seit Jahren keine Silben mehr verschluckt. Krieger verachteten alle, die ihre Sprache verschludern ließen, und Aidan weigerte sich, ihnen diese Befriedigung zu verschaffen.
Hengst besaß eine tiefe, polternde Stimme, die zu seiner imposanten Statur passte, aber es war sein stechender Blick, der diesmal sein Missfallen ausdrückte. Die beiden Männer kannten sich schon so lange, dass Aidan an den Augen oder der Haltung seines Gegenübers dessen Gedanken ablesen konnte.
»Du hast mir gesagt, ich sollte nach dem zweiten Fusionsbrenner Schluss machen«, sagte Hengst ruhig, ohne die Hand von Aidans Schulter zu nehmen.
»Ach? Wirklich? Daran kann ich mich nicht erinnern.«
»Das kannst du nie, Commander.«
»Ich werde den dritten Fusionsbrenner trinken. Siehst du, der Mann hat ihn schon eingeschenkt.«
Der Bartender, ein stämmiger Tech mit einem ausdruckslosen Gesicht, stellte den Drink vor Aidan auf den Tresen.
»Siehst du, Hengst? Jetzt muss ich ihn trinken. Clangemäßes Verhalten und so.«
Als er nach dem Drink griff, schien Hengsts Hand von Aidans Schulter auf die Theke zu fliegen. Seine Finger packten das Glas am oberen Rand, Sekundenbruchteile bevor Aidans Hand sich darum schloss. Ohne die Finger nach unten zu bewegen, hob Hengst das Glas in die Höhe und kippte die Flüssigkeit in einem Schluck. Dann setzte er das leere Glas wieder in Aidans Hand, die unbewegt auf dem Tresen lag.
»Jetzt ist es getrunken.«
»Und ich bin noch nüchtern«, stellte Aidan verbittert fest.
»Du bist im Dienst.«
»Umso mehr Grund, mich ...«
»Du versuchst ironisch zu sein, frapos?«
»Pos. Wie du sehr wohl weißt, Hengst.«
Aidan kniff die Augen zusammen und starrte Hengst an. Seine Hand umklammerte das Glas, als wäre noch ein Drink darin.
»Du magst Ironie, das kann ich sehen. Das liegt an deinem geheimen Bücherlager.«
Aidan drehte sich zu Hengst um und legte den Finger an die Lippen. »Ich hätte gedacht, du weißt es besser«, zischte er. »Du darfst die, die — du weißt schon — hier nicht erwähnen. Die, äh, du weißt schon, sind verboten, erinnerst du dich?«
»Natürlich erinnere ich mich. Aber ich bin eine Freigeburt. Wir machen schnell Fehler, wenn es um Höflichkeiten geht.«
Aidan lachte auf. »Hengst, hör auf, mir rohes Kühlmittel zu pumpen.«
Hinter Hengsts Rücken wurde Basts Stimme lauter. »Und da sagt die Freigeburt: ›Nein, aber wenn du unbedingt willst, dann benutz bitte einen Steckschlüssel.‹«
Die anderen Krieger brüllten vor Lachen. Aidan hatte den Rest des Witzes nicht mitbekommen, und er konnte sich auch nicht erinnern, diese spezielle Pointe schon einmal gehört zu haben. Bast schien in seinem riesigen Repertoire von Freigeborenenwitzen ständig neues Material auszugraben.
Aidan bemerkte die Anspannung Hengsts. Er konnte sehen, dass sein Kamerad kurz davorstand, herumzuwirbeln und Bast eine Beleidigung an den Kopf zu schleudern. Er konnte es ihm nicht verdenken, aber Kael Pershaw hatte eine Direktive erlassen, die Aidans Einheit ausdrücklich verbat, Streit mit den regulären Kriegern anzufangen. Aidan vermutete, dass die Freigeborenen den Wahren bei den Kämpfen zu übel mitgespielt hatten und Pershaw nur seine Befehlsgewalt dazu benutzte, weiteren Schaden zu vermeiden. Seit Aidan auf Glory angekommen war, hatte Pershaw regelmäßig Aidans Befehle abgeändert und die Wahren ganz allgemein darin ermutigt, ihn zu beleidigen. Erst nachdem eine Reihe von Wahrgeborenen verwundet worden waren, hatte Pershaw strenge Strafen für Streits festgesetzt. Gleichgültig, wer den Streit vom Zaun brach, der Kommandeur nahm immer die Seite der Wahren gegen die Freien ein. Mehr noch, er verkündete seine parteiischen Urteile lauthals und heizte damit die Stimmung auf beiden Seiten an.
Aidan stand auf und schüttelte den Kopf. Hengst schäumte angesichts dieser mahnenden Geste.
»Wir haben zugesagt, uns bedeckt zu halten«, bemerkte Aidan leise.
»Du hast es zugesagt.«
»Und mein Wort gilt für den ganzen Stern, frapos?«
Hengst schien zu zögern. »Pos. Aber wir stehen da wie Narren, und ...«
»Kommt Zeit, kommt Rat. Wir werden unsere Gelegenheit finden.«
Hengst kniff die Augen zusammen. »Was ist los mit dir, Jorge? Es gab eine Zeit, da hätte dich kein Stützpunktkommandeur daran hindern können, eine Beleidigung zu rächen. Du wärst der erste gewesen, der sich geprügelt hätte. Du hättest fünf Gegner am Boden gehabt, bevor irgendwer sonst bloß einen einz‘gen ...«
Aidan grinste. »Ich weiß dein Vertrauen in mich zu schätzen, Hengst. Du sprichst von mir wie von einem der Helden in diesen Clan-Volksmärchen. Aber ich muss den Stern schützen, vor ...«
»Wir brauchen keinen Schutz, und wir haben es nicht nötig, zu Memmen zu werden, nur weil ...«
»Memmen? Wo hast du denn dieses Wort her?«
»Ich kann auch lesen. Wenn du deine Bücher überall herumliegen lässt ...«
Aidans Grinsen erfror. »Ich habe dir gesagt, du sollst sie hier nicht erwähnen.«
Hengst wurde rot. »Tut mir leid. Jedenfalls schnappe ich hier und da was auf. Davon abgesehen, warum bist du nicht wütend geworden, als ich dich so genannt habe?«
»Zunächst einmal ist das Wort zu komisch, wenn man es tatsächlich ausgesprochen hört. Zweitens verstehe ich, warum du es benutzt hast. Und, so seltsam das auch klingen mag, ich bin deiner Meinung. Ich weiß selbst nicht, warum ich so passiv bleibe. Ganz egal, was wir tun, Kael Pershaw wird einen Weg finden, mich und den Stern noch weiter zu diskreditieren. Lass es mich so ausdrücken: Unser Gebot verliert, egal wie gut es ist, egal, wer gegen uns bietet, egal, wie sehr wir mit Wahrscheinlichkeiten stolzieren — was amüsiert dich so, Hengst?«
»Stolzieren. Noch eins deiner Wörter. Vielleicht sind es die — die, na, du weißt schon — die uns unten halten.«
»Nein, es sind die alten Vorurteile gegen uns. Manchmal scheint es keine Möglichkeit zu geben, wie wir — du lächelst schon wieder. Noch ein Wort?«
»Nein. Oder, ja. Du hast gesagt: wir. Du schließt dich ständig mit ein, obwohl du in Wirklichkeit als ...«
Diesmal trat Aidan Hengst leicht vors Schienbein. Er hatte seinen Kameraden noch nie in so kurzer Zeit so viele Fehler machen hören. Vielleicht hatte Hengst schon seine Ladung Fusionsbrenner geschluckt, bevor er ins Offizierskasino gekommen war.
»Ich bin jetzt einer von euch«, sagte er. »Meine ... Herkunft ist ohne Bedeutung. Wir haben zu lange zusammen gedient und zusammen gekämpft, auf dem Schlachtfeld und bei Schlägereien. Ich könnte nie zu meinem alten ...« Er blickte sich um und vergewisserte sich, dass niemand sie belauschte. »Nie zu meinem alten ... Status zurückkehren. Verstehst du, Hengst?« Hengst nickte. »Gut. Dann lass uns hier verschwinden, bevor der Gestank von Wahren zu stark wird.«
Hengst übernahm die Führung, als sie die Bar verließen. Aidan entschloss sich, an Bast und seinen rüpelhaften Kumpanen vorbei zu gehen, obwohl er es besser wusste. Aber irgendwo hatte seine Passivität ihre Grenzen.
»Sterncommander Jorge«, grüßte Bast ihn mit gespielter Förmlichkeit.
»Sterncommander Bast.«
»Ich hoffe, unsere kleinen Witze haben dich nicht beleidigt.«
Aidan war versucht, den Köder anzunehmen, aber stattdessen antwortete er: »Ich habe nichts gehört, was mich beleidigt hätte.«
Bast warf seinen Begleitern einen Blick zu. »Seht ihr? Sie verstehen die Kaste.«
»Ich verstehe, dass ich ein Krieger bin, ja.«
Die Heiterkeit in Basts Miene verschwand. »Das habe ich nicht gemeint. Ich habe gemeint, du bist eine Freigeburt und deswegen genetisch minderwertig, weil durch Zufall entstanden. Bist du anderer Ansicht?«
»Das ganze Leben ist zufällig, eine Ansammlung von Gelegenheiten für ein Gebot.«
»Das ist nicht, was ich gemeint habe. Ich habe gemeint, die besten Krieger werden auf wissenschaftliche Weise erzeugt, durch die Gene überlegener Krieger, die zusammengebracht werden, um eine Reihe von Kindern hervorzubringen. Eine Vereinigung erzeugt viele Nachkommen herausragender Qualität, eben Wahrgeborene. Die andere Vereinigung ist das Ergebnis puren Zufalls und erzeugt nicht mehr als, sagen wir, einen kleinen Wurf genetisch unberechenbarer Freigeborener. Die Überlegenheit der Wahrgeborenen ist logisch erwiesen, frapos?«
Aidan fühlte sich innerlich gespalten. Als echter Wahrgeborener sah er die Logik in Basts grober Argumentation. Aber nachdem er Seite an Seite mit Freigeborenen gekämpft und gelebt hatte, wusste er auch, dass der genetische Zufall Krieger hervorbringen konnte, und es häufig auch tat, die den Abkömmlingen einer Geschko in nichts nachstanden. Und während sein Verstand die Argumentation erwog, rief Basts bloße Widerwärtigkeit Mordabsichten in ihm wach.
»Die genetische Überlegenheit ist ausführlich diskutiert worden«, antwortete er schließlich.
»Ja, und die Gelehrten haben fast einstimmig entschieden, dass das Eugeniksystem der Clans überlegene Wesen hervorbringt.«
»Ja, aber ...« Aidan wollte sagen, dass sich die Gelehrten im Lauf der Geschichte schon häufiger geirrt hatten. Aber das hätte ihn gezwungen, seine Quellen aufzudecken, und er wollte seine persönliche Bibliothek auf jeden Fall geheim halten. Kael Pershaw hätte sie augenblicklich beschlagnahmt.
»Aber was?«
»Du hast gesagt fast einstimmig. Es hat abweichende Stimmen gegeben.«
»Verräter, ja.«
»Keine Verräter. Wissenschaftler, Forscher, Theoretiker.«
»Verräter. Alles Verräter. Wir preisen hier das Eugenikprogramm, Sterncommander Jorge, frapos? FRAPOS?«
»Pos. Ihr preist hier das Eugenikprogramm.«
»Ihr? Ich sagte, wir. Du stimmst mir doch zu, frapos?« Obwohl Aidan in der Mitte des Raumes stand, hatte er das Gefühl, in eine Ecke gedrängt zu werden. Er erinnerte sich an die Szene in Pershaws Büro, nachdem er spöttisch Surkai zelebriert hatte. Der Stützpunktkommandeur hatte auf einem Versprechen bestanden, dass Aidan und seine freigeborenen Krieger sich auf keinen Streit mehr mit den Wahren einließen. Kael Pershaw hatte geschworen, dass die geringste Aggression eines einzelnen eine Strafe für mehrere von ihnen zur Folge haben würde und jede Aggression Aidans eine Bestrafung der gesamten Einheit.
»Vielleicht hast du die Frage nicht verstanden, Sterncommander Jorge?« Bast stand auf. »Schließlich bist du ein Freigeborener. Ich habe vergessen, dass man euch alles schön langsam erklären muss. Was ich gesagt habe, geehrter Krieger, war, dass das Clan-Eugenikprogramm überlegene Krieger hervorbringt. Und das bedeutet natürlich auch, es bringt überlegene Wesen hervor. Daher preisen wir hier das Eugenikprogramm, frapos?«
Aidan wusste, was er zu antworten hatte, und er wusste nicht, warum er es nicht sagen konnte. Warum blieb ihm dieses einfache ›Pos‹ im Halse stecken? Warum konnte er es nicht herausbringen? Neben sich spürte er Hengst schäumen.
Bast beugte sich vor, und der Alkoholgestank seines Atems schlug über Aidan zusammen, als er sprach. »Wir preisen hier das Eugenikprogramm, frapos? FRAPOS, du dreckige Freigeburt!«
Mit einem Schlag war alle Zurückhaltung von Aidan abgefallen. Blanke Wut, gespeist von einer zweifachen Dosis Fusionsbrenner, trat an ihre Stelle. Es war nicht mehr von Bedeutung, was er Pershaw versprochen hatte. Es gab nicht einen Freigeborenen in der Einheit, der gewollt hätte, dass er vor diesem großkotzigen Gegner klein beigab. ›Freigeburt‹ war die schlimmste Beleidigung für einen Krieger, gleichgültig, welchen Geburtsstatus er besaß. Wahrgeborene beleidigten andere Wahrgeborene damit und benutzten es fast beiläufig gegen Freigeborene. Aidan war schon oft Freigeburt genannt worden, seit er die Identität Jorges angenommen hatte, aber diesmal, von Bast ausgesprochen, machte es ihn rasend.
Er packte Bast am Stützkragen und riss ihn nach vorne. Dann schlug er den Kopf gegen die Stirn des wahrgeborenen Kriegers, ließ dessen Stützkragen los und stieß hin zurück. Bast stolperte nach hinten und stieß den Stuhl um, auf dem er gesessen hatte. Seine Hände flogen an den Hals. In seinen Augen standen schreckliche Schmerzen. Aidan hoffte, den Hals erneut verletzt zu haben, schwerer als zuvor. Er entspannte sich, sein Ärger war verflogen. Die übrigen Wahrgeborenen waren deutlich erregt, aber das Kriegerrecht des Clans hinderte sie am Eingreifen, solange der Streit eine Sache zwischen Aidan und Bast war. Sie raunten ihrem noch immer wankenden Gefährten Mut zu. Aidan lachte verächtlich. Bast änderte die Richtung und trat ein paar unsichere Schritte vor, die Hände noch immer am Stützkragen.
Aidan wurde von dem Angriff überrascht. Er hätte sehen müssen, dass ein Teil der Schmerzen Basts gespielt waren. Bast zog ein Messer aus einem Versteck im Kragen und schleuderte es nach Aidan. Das auf dessen linkes Auge gezielte Geschoss traf beinahe sein Ziel. Aidan zuckte zur Seite und fühlte ein leichte Berührung, als die Waffe an seinem Kopf vorbeischoss, ohne von ihrer Flugbahn abgelenkt zu werden. Dann stürmte Bast wie ein wildgewordenes Tier auf ihn zu.
Für keinen Sekundenbruchteil war Aidan im Zweifel, was er zu tun hatte. Er wusste, dass er Bast besiegen konnte, er hatte es bereits getan, jetzt wollte er ihn nur noch endgültig erledigen. Nach ein paar Augenblicken Ringkampf packte Aidan den Stützkragen und riss ihn von Basts Hals, legte die in allen Farben schillernde Haut frei. Er schlug Bast die Kante des Kragens zwischen die Augen und nutzte die momentane Unsicherheit des Gegners, seinen schwachen Punkt anzugreifen. Er legte den Arm um Basts Hals und drückte zu. Für einen Moment wurde Basts Blick wieder klar, dann knackte etwas in seinem Nacken, und alles Leben wich aus seinen Augen. Sein Körper sackte schwer in sich zusammen, und Aidan warf ihn zu Boden wie einen Sack Abfall.
Basts Gefährten waren außer sich vor Wut und stürmten auf Aidan zu. Hengst trat dazwischen. Es dauerte nicht lange, und das Kasino wurde zum Tollhaus. Aidan schlug persönlich, und mit einiger Befriedigung, zwei Krieger aus Basts Stern kampfunfähig.
Als eine Gruppe Elementare aus Lanjas Strahl ins Kasino kamen, um der Prügelei ein Ende zu machen, nahm Aidan die Verantwortung auf sich und wurde ins Hauptquartier gebracht.
Bevor er den Raum verließ, stand er über Basts Leiche und murmelte: »Was ist der Unterschied zwischen einem Wahrgeborenen und einem Felsenschwein in Clan-Uniform?« Er wartete einen Augenblick, als könne der Tote ihm antworten, dann sagte er: »Es gibt keinen, Bast. Da ist kein Unterschied.«
2
»Wir haben die Ankunft eines Jadefalken-Sprungschiffs im Glory-Sektor geortet. Ein Landungsschiff hat abgekoppelt und ist im Anflug auf Glory.« Sterncommander Craig Ward erstattete seinem Vorgesetzten, Sterncaptain Dwillt Radick, Bericht. Sie waren Offiziere im Sechzehnten Schlachtsternhaufen des Wolfsclans, und sie konnten einander nicht ausstehen.
Radick, der vorgegeben hatte, eine Sternenkarte des GlorySektors zu studieren, schenkte Ward nur ein kurzes Nicken. Die leichte Bewegung seines Kopfes schien anzudeuten, dass die Nachricht ohne Bedeutung war. In Wahrheit handelte es sich um eine faszinierende Mitteilung.
»Vielleicht wurden die Jadefalken vor unserem Angriff gewarnt«, kommentierte Ward. Er hätte Radick keinen größeren Gefallen tun können. Er hatte nur auf dieses Stichwort gewartet.
»Sie können unmöglich gewarnt worden sein, wie du behauptest, Sterncommander. Es ist offensichtlich, dass die Jadefalken Kael Pershaws genetisches Erbe nicht sonderlich hoch einschätzen. Sie haben ihm einen Hinterwäldlerposten auf einer bedeutungslosen Welt zugeteilt. Die Ausrüstung seines Sternhaufens ist veraltet, und seine Einheit ist voller Freigeburten. Clan Jadefalke würde niemals auf den Gedanken kommen, dass Clan Wolf den Samen Kael Pershaws zur Mischung mit dem eines seiner Mitglieder in Besitz zu bringen wünscht, franeg?«
»Neg.«
»Und du nutzt jede Gelegenheit, die sich bietet, dein Missfallen an unserer Operation zum Ausdruck zu bringen?«
»Das stimmt nicht, Sir. Mein ...«
»Komm schon. Deine pazifistischen Ansichten sind bekannt. Willst du mir weismachen, du befürwortest unsere bevorstehende Herausforderung und die Eroberung Pershaws genetischen Erbes? Du befürwortest sie, Sterncommander Craig Ward, frapos?«
Ward wusste, dass es sinnlos war, sich mit Radick auf eine Diskussion einzulassen, und er hatte eine ganze Reihe von Methoden entwickelt, sich aus den verbalen Würgegriffen des Mannes zu winden, aber diesmal hing er fest. Er war vollkommen verdutzt über die Herausforderung, während er nur als Bote fungierte.
»Frapos, Sterncommander?«
»Du kennst meine Position. Aber ich werde meine Pflicht erfüllen.«
»Und ob du deine Pflicht erfüllen wirst.«
Radick schickte Ward ständig auf die schwierigsten und riskantesten Missionen.
»Also«, sagte Radick, »was hältst du vom plötzlichen Auftauchen des Sprungschiffs?«
»Wenn es sich nicht um eine Reaktion auf Geheimdienstberichte handelt, ist es möglicherweise eine normale Frachtlieferung oder ein Schiff mit Ablösungen.«
Radick dachte nach. Die Anstrengung hinterließ Spuren auf seinem Gesicht. »Na gut. Ich denke, wir sollten einen Reserveplan für das Bieten ausarbeiten. Wenn auf Glory neue Krieger und Mechs eintreffen, und die Anwesenheit des Landungsschiffes deutet tatsächlich darauf hin, muss unser Gebot Jäger umfassen.«
»Warum das?«
»Damit wir das Bieten um die Ehre, den Angriff zu leiten, gegen Sterncaptain Zoll gewinnen können.«
»Ich verstehe immer noch nicht.«
»Sterncolonel Mikel Furey plant in wenigen Stunden die Herausforderung zum Besitztest auszusprechen. Das Jadefalken-Landungsschiff setzt frühestens in fünf Stunden auf. Trotzdem erwarte ich, dass Kael Pershaw das Schiff und seine Mechs als Teil seiner Verteidigungskräfte einsetzt. Sterncaptain Zoll ist nicht sonderlich fantasiereich. Er wird sein Gebot einfach dahingehend ändern, dass er den Angriff mit einem Trinärstern BattleMechs anführt. Ich dagegen werde drei Strahlen Jäger und zwei Trinärsterne bieten. Die Jagdmaschinen werden das Landungsschiff und seine Ladung Mechs vernichten, bevor es aufsetzt. Ich werde das Bieten gewinnen und Kael Pershaw besiegen.«
Sterncaptain Joanna von der Falkengarde kämpfte gegen die heftige Übelkeit, die sie immer überkam, wenn sie an Bord eines Raumschiffs durch den Hyperraum sprang. Diesmal glichen die Wogen des Brechreizes wilden Flutwellen, die Klippen zermalmten und Küstenlinien unter sich begruben. Trotzdem erbrach sie sich nicht, denn sie hatte am Tag zuvor auf jede Nahrung verzichtet und alle bekannten Gegenmittel geschluckt. Sie würgte etwas Galle hoch, aber das war alles.