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Robert Thurston

Falkenwacht

Dritte Roman der Jade-Phönix-Trilogie

Impressum

Ulisses Spiele
Legenden-Band 15

Titelbild: Catalyst Game Labs
Redaktion: Mirko Bader
Korrektorat: Moritz Bednarski

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Produkt-Nr.: US42115
E-Book-ISBN: 9783957526151


Zum Angedenken an meine Eltern

PROLOG

In ihren schwärzesten Phantasien sah Sterncaptain Joanna ihren Tod voraus: eine Kugel, die ihren Körper durchschlug, ein schreckliches Ende in einem in Flammen aufgehenden BattleMech oder der Glückstreffer eines gegnerischen MechKriegers. In den noch schlimmeren Alpträumen wurde sie von einer stinkenden Freigeburt im Bett ermordet; oder sie war auf einem namenlosen Planet gestrandet und wurde von einem blutrünstigen Raubtier zerfleischt; oder sie konnte noch rechtzeitig aus dem Cockpit ihres zerstörten Mechs aussteigen, nur um anschließend im tiefen Wasser eines dunklen Sees zu ertrinken, weil es ihr nicht rechtzeitig gelang, die Sicherheitsgurte zu lösen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie von einem heldenhaften Tod im Kampf oder sogar während eines Blutrechts geträumt hatte, in der gnadenlosen letzten Runde des Kampfes um einen Blutnamen.

Aber jetzt waren ihre Träume verblasst, denn sie war alt geworden. Sie führte noch immer als Kriegerin der Jadefalken einen Mech in die Schlacht, aber kein Blutnamensträger war mehr bereit, sie für einen Platz bei einem Blutnamenskampf vorzuschlagen. Ohne eine Nominierung war Joannas einzige Teilnahmehoffnung das Gestampfe, aber sie war nicht bereit, sich soweit herabzulassen. (Soweit Joanna wusste, hatte es erst ein Krieger geschafft, auf diesem Weg einen Blutnamen zu er- ringen und er gehörte zu den Menschen, die sie am meisten verachtete.) Inzwischen konnte sie nur noch darauf hoffen, nach dem Tod eingeäschert zu werden, so dass ihre Asche wieder in das Geschkosystem einfließen konnte, das auch sie hervorgebracht hatte und mit dem Fruchtwasser der Brutkästen vermischt wurde. Ohne einen Blutnamen konnte Sterncaptain Joanna das höchste Ziel aller ClanKrieger, die Aufnahme ihrer Gene in den heiligen Genfundus, vergessen. Diesen Traum aufzugeben, war die größte Schwierigkeit gewesen, auch als Joanna schon längst klargeworden war, dass sie nie einen Blutnamen erringen würde. Seitdem waren ihre Phantasien über den Tod um eine besonders schreckliche Variante reicher: die Vorstellung zu überleben, bis sie an einer Krankheit oder gar an Altersschwäche im Bett starb. Von allen Todesarten, die sie sich vor- stellen konnte, war das die abstoßendste...

Trotz all ihrer Phantasien hatte Joanna jedoch nie vorhergesehen, dass sie in der Pilotenkanzel ihres Mechs lebendig begraben werden könnte. Genau in dieser Situation steckte sie jetzt. Die Clan-Invasion der Inneren Sphäre war neun Monate alt und Joanna war gerade als Verstärkung der Falkengarde zugeteilt worden. Kaum hatte sie sich bei ihrem Sternhaufenkommandeur, Sterncolonel Alder Malthus gemeldet, als der Sternhaufen den Befehl erhalten hatte, einen Gegenangriff der Inneren Sphäre auf dem Planeten Twycross zurückzuschlagen.

Die Falkengarde war gerade dabei gewesen, einen Gebirgspass — genannt die Große Schneise — zu passieren, als ein einzelner, schwer angeschlagener Hatchetman der Inneren Sphäre auf der Kuppe erschienen war und Verbindung mit ihnen aufgenommen hatte. Der Pilot hatte sich als Kai Allard-Liao identifiziert und einen ungeschickten Batchall für den Pass erklärt. Der Mut dieses Gegners war bewundernswert gewesen, aber Sterncolonel Alder Malthus war zu weit gegangen. Statt dem Innere Sphäre-MechKrieger den Status eines ClanKriegers zu verweigern, hatte er den Sternhaufen anhalten lassen und war angetreten, den gegnerischen Krieger allein zu erledigen. Sterncolonel Malthus hatte beide Arme seiner Summoner erhoben, um den Verteidiger des Passes zu Schrott zu prügeln, aber bevor sie hatten herabfallen können, war der Hatchetman explodiert.

Wie aus Sympathie war auch die Große Schneise auseinandergeflogen. Dreck und Steinbrocken waren durch die Luft geschleudert worden, und Felsen waren mit einem derartigen Höllenlärm von Joannas Hellbringer abgeprallt, dass sie beinahe das Gehör verloren hätte. Dann war ganz in der Nähe ein Mech detoniert, und bevor Joanna gewusst hatte, wie ihr geschah, hatte eine Mauer aus Gestein und Trümmern ihren Sichtschirm blockiert. Die Pilotenkanzel des Hellbringer enthielt genug Luft, um sie eine Zeitlang am Leben zu erhalten und Joanna bemühte sich, die aufkommende Panik zu unterdrücken. Mit Hilfe des noch funktionierenden Bordcomputers berechnete sie den Rauminhalt der Kanzel und die Luftmenge, die noch in den Rohren des Belüftungssystems verblieben sein konnte. Sie schien genug Luft für fünfzehn Minuten zu haben, vielleicht auch etwas länger — wer konnte das mit Sicherheit sagen? Wenn es ums Überleben ging, sprengte der menschliche Organismus gelegentlich seine biologischen Grenzen. Vielleicht hatte sie sogar noch mehr kostbare Augenblicke.

Kurz erwog Joanna den Einsatz der Konzentrationstechniken, die sie vor langen Jahren in der Kriegerausbildung gelernt hatte. Wenn sie ihre Atmung erheblich verlangsamte, konnte sie möglicherweise noch länger überleben. Dann verwarf sie den Gedanken wieder. Sie brauchte einen klaren Kopf und hatte kein besonderes Interesse daran, in einen meditativen Dämmerzustand zu sinken. In dieser Lage brauchte sie einen gewitzten Geist, der eine Möglichkeit fand, sie hier herauszubringen.

Immerhin war ihr Hellbringer zumindest noch teilweise funktionsfähig. Vielleicht konnte sie eine Art Wunder vollbringen. Schließlich war sie eine Kriegerin, das Produkt eines wissenschaftlichen Programms, das durch die Kombination ausgesuchten genetischen Materials überlegene Menschen züchtete. In Verbindung mit den Möglichkeiten der gewaltigen Kampfmaschine namens BattleMech — wer konnte sagen, was möglich war und was nicht? Joanna hatte weder besonderes Zutrauen in die Menschheit noch eine besondere Sympathie für ihre Spezies, aber was sie persönlich betraf, hatte sie mehr als genug Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Und was Mechs anging: Die respektierte sie in einem Maße, das an Verehrung grenzte.

Sie probierte das Funksystem aus, aber die einzige Antwort, die ihre Aktion erbrachte, war lautes Krachen und Rauschen. Vielleicht hatten die Felsen und Erdmassen die Funkverbindung abgeschnitten. Oder vielleicht waren alle übrigen Jadefalken-Krieger ebenso in ihren Mechs eingeschlossen wie sie, hatten dem Tod aber nicht entgehen können. Auch die Sensoren waren außer Gefecht gesetzt, so dass sie nicht feststellen konnte, wie tief ihre Maschine verschüttet war.

Joanna starrte auf den Sekundärschirm und überprüfte die übrigen Systeme. Es war offensichtlich, dass sie den Einsatz irgendwelcher Waffensysteme nicht riskieren konnte. Wenn sie versuchen sollte, eines abzufeuern, würde die Waffe explodieren und ihrem Leben ein Ende bereiten. Ein schnelles, gnädiges Ende, aber keines, nach dem sie sonderliches Verlangen verspürte.

Auch die Mecharme schienen funktionsuntüchtig, so dass sie sich nicht ausgraben konnte. Als nächstes versuchte sie das rechte Bein ihres Kampfkolosses zu bewegen. Nichts.

Das linke Bein jedoch überraschte sie. Sie fühlte, wie es sich bemühte, ihren Befehlen Folge zu leisten, aber ohne Erfolg. Als sie ihre Konzentration auf den linken Fuß verlegte, reagierte dieser zunächst überhaupt nicht. Mit etwas mehr Anstrengung fühlte sie ihn sich dann jedoch bewegen, wenn auch kaum merklich. Es war wenig mehr als ein Zucken, aber es war eine Bewegung. Joanna trat das Pedal durch, das die Beine des Mechs steuerte, und versuchte erneut, den linken Fuß zu bewegen. Diesmal schien er sich leicht zu rühren. Nicht viel, aber gerade genug, dass sie nicht aufgab.

Stück für Stück vergrößerte sie die Bewegungsfreiheit des Mechfußes. Jetzt bewegte sie ihn zur Seite und mit jedem Versuch wurde es leichter. Wenn nur die Sensoren funktionieren würden, könnte sie die Bewegung des Beins sehen und sich eine bessere Vorstellung von seinen Möglichkeiten machen.

Die Luft im Innern der Kanzel wurde heißer. Der Überschuss an Kohlendioxyd benebelte sie. Es war nicht abzuschätzen, wieviel Zeit sie noch hatte. Aber was bedeutete es schon, wieviel Zeit man hatte, wenn es auf jeden Fall alles war, was man noch an Zeit hatte?

Sie entschloss sich, mit dem Bein des Hellbringer zu treten. In den meisten Gefechten ein hirnrissiges Manöver, aber wenn man lebendig begraben war, mochte es einen Sinn haben. Sie bearbeitete das Pedal und stellte mit freudiger Überraschung fest, dass sich das ganze Bein befreien konnte. Dann trat sie erneut aus. Das bloße Gefühl, das Bein frei bewegen zu können, versetzte sie in Hochstimmung. Bei diesem Tritt hatte Joanna das Gefühl, dass noch mehr Erde und Steine davongeschleudert wurden. Zumindest ein Anfang. Beim nächsten Tritt bemerkte sie eine leichte Bewegung des Hüftgelenks. Vielleicht war es die Konstruktion der Maschine, die ihren Befreiungsversuch unterstützte. Die breiten Schultern des Hellbringer verhinderten möglicherweise, dass neuer Schutt nachrutschte und das Bein erneut verschüttete, während das nach außen verlagerte Hüftgelenk dem Bein ausreichend Hebelwirkung verlieh, um sich aus der Falle zu befreien.

Joanna drohte das Bewusstsein zu verlieren, die Augen fielen ihr immer wieder zu. Die Luft war stickig. Wenn es ihr nur gelang, die Filter wieder in Betrieb zu nehmen, konnte das den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten — eine Frage von Minuten. Sie schluckte schwer, hatte das Gefühl, es könnte das letzte Mal sein. Dann schluckte sie noch einmal, nur um sich das Gegenteil zu beweisen. Joanna war schon immer dickköpfig gewesen, in jeder Situation.

Ihr wurde klar, dass sie keine Zeit mehr hatte, mit stetigen Bewegungen winzige Fortschritte zu machen. Auf diese Weise musste sie ersticken, lange bevor sie frische Luft bekam.

Joanna schob die Kontrollregler bis zum Anschlag hoch und versuchte, den BattleMech mit aller Kraft vorwärtszubewegen, die seine Systeme aufbringen konnten. Zunächst geschah nichts. Die rechte Seite der Maschine schien einzementiert, daher konzentrierte sie sich auf die linke. Sie drückte die linke Schulter des Mechs vor und bemerkte eine Reaktion — nicht mehr als ein leises Zucken. Aber als sie die Aktion wiederholte, war die Bewegung stärker. In ständiger Wiederholung fühlte sie die ruckende Bewegung der Schulter, wie bei einem Boxkampf. Die rechte Seite des Kolosses saß noch immer zu fest um eine vollständige Befreiung zu ermöglichen. Ihre einzige Hoffnung lag in den rucken- den Bewegungen der linken Seite. Panisch stieß sie die linke Mechschulter immer wieder vor, bis sich endlich ein Teil des Schutts vor der Sichtscheibe verschob. Es war nur eine leichte Verlagerung, aber genug, um ihr zu zeigen, dass es noch eine Chance gab.

Das Cockpit war stickig. Die Luft enthielt kaum noch Sauerstoff, aber Joanna ließ nicht locker, bis am linken Rand der Sichtscheibe das Tageslicht in die Kanzel fiel. Damit standen die Chancen nicht schlecht, dass die Cockpitluke ins Freie führte.

Sie wankte zur Luke und riss den Öffnungshebel herum, aber das Metall bewegte sich nicht. Die Hitze im Kanzelinnern war kaum noch zu ertragen. Sie zwang sich zur Ruhe und versuchte erneut, die Luke zu öffnen, wieder ohne Erfolg. Mit beiden Händen schob sie den Kontrollhebel einwärts, in der Hoffnung, den Druck zu verringern, dann riss sie ihn zurück. Sie wiederholte die Aktion mehrere Male, obwohl es ihre ganze Kraft kostete. Dann drang ein Geräusch an ihre Ohren, das ihr wie Musik erschien, ein Schnappen, möglicherweise das Öffnen des Verschlussmechanismus. Vorsichtig, sanft zog sie weiter, diesmal zur Seite und öffnete allmählich einen Spalt, der breit genug war, ihren Körper hindurchzuzwängen, hinaus zwischen die Steine und Erdmassen. Ein paar Felsbrocken stürzten ins Kanzelinnere und prallten mit einem seltsamen Krachen auf den Metallboden des Mechcockpits.

Sie fragte sich, ob sie vielleicht genug Bewegung in die Erdmassen gebracht hatte, um den Mech von der schwersten Last zu befreien und versuchte noch einmal, die Maschine in Bewegung zu setzen, aber sie rührte sich nicht. Joanna keuchte. Die atembare Luft war sozusagen aufgebraucht. Panisch grub sie sich in die Erdwand, die sich vor ihr auftürmte, löste Felsbrocken heraus, warf sie hinter sich, stieß Lehm und Dreck zur Seite.

Es dauerte nicht lange und der größte Teil ihres Leibes war außerhalb des Cockpits in dem Tunnel, den sie gegraben hatte. Statt über ihren Erfolg begeistert zu sein, wollte ihr Körper zusammenbrechen, die Augen schließen, ausruhen, einschlafen. Aber sie kämpfte dagegen an und grub noch besessener.

Gerade als sie drohte, endgültig das Bewusstsein zu verlieren, stieß Joannas linke Hand in die heiße, feuchte Außenluft vor. Das Wissen um die nahe Freiheit half ihr, die letzten Kraftreserven zu aktivieren und sich panisch vorzuarbeiten. Bald schon hatte sie ein bemerkenswert großes Loch geschaffen. Frische Luft strömte herein, und hungrig saugte sie den Sauerstoff in ihre Lungen. Mit dem Kopf voran zwängte sie den Körper durch die Öffnung in die Gluthitze von Twycross. Joanna brach beinahe zusammen, als sie die Beine aus dem Loch zog und drei, vier Meter den Abhang hinabrollte. Sie landete auf dem Rücken. Als sie aufblickte, sah sie die Schulter des Hellbringer, auf der die Raketenlafette nach hinten weggeknickt war und einen kleinen Teil des Kopfes. Er schien unter einem riesigen Felshaufen hervorzulugen.

Mit großer Anstrengung stemmte sie sich in eine sitzende Position und blickte sich um. Rings über den Abhang bis hinunter zum Boden des Passes waren verschiedenste BattleMechteile verstreut. Den Trümmern nach zu urteilen, war die gesamte Einheit von der Felslawine verschüttet worden, die durch die Explosionen ausgelöst worden war. Der Feuertod des Hatchetman musste Sprengladungen auf beiden Seiten der Schneise ausgelöst haben.

Dieser Kai Allard-Liao war ein mutiger Krieger, auch wenn er eine Freigeburt aus der Inneren Sphäre war. Die Ehre, die den Jadefalken gebührt hätte, war jetzt sein.

Es war Joannas letzter klarer Gedanke, bevor es schwarz um sie wurde.

1

Aidan Prydes Summoner lag auf einer Hochebene und erweckte den Eindruck, sich vor dem nächsten Zweikampf ein wenig ausruhen zu wollen. Aber das täuschte. Den Mech hatte beim Kampf der Jadefalken um die üppige, aber kaum entwickelte Innere Sphärenwelt Quarell sein Schicksal ereilt. Die feindlichen Krieger, die auf dem Planeten verblieben waren, um Quarell zu verteidigen, hatten tapfer gekämpft, aber Aidans Truppen hatten sie trotz seines geringen Gebots überwältigt.

Die Summoner allerdings hatte es zerrissen. Ihr linker Arm lag irgendwo auf dem Schlachtfeld und die linke Flanke war ein Gewirr von Metall, Drähten und freiliegenden Bauteilen. Aidans Cheftech, ein weißhaariger, alter Mann namens Lenk, meldete schwere Schäden am Fusionsreaktor und den Ausfall einer ganzen Reihe anderer Systeme. Eine Reparatur war nur provisorisch möglich, so dass der Mech auf keinen Fall mit voller Kampfkraft arbeiten konnte.

Aidan stimmte Lenks Einschätzung zu und befahl ihm, die Ersatzteile zu kennzeichnen, die sich bei anderen Maschinen verwerten ließen, bevor er den Rest der Summoner als Bergegut freigab. Ein guter Clan-Offizier suchte immer nach einer Möglichkeit, Schwächen in Tugenden zu verwandeln. Ein abgeschossener Mech wurde niemals gänzlich verschrottet, so beschädigt er auch sein mochte. Irgendjemand hatte bestimmt noch Verwendung für seine Überreste. Nicholas Kerensky, der Begründer der Clans, hatte seinen Gefolgsleuten die absolute Notwendigkeit härtester Sparmaßnahmen eingetrichtert. Nichts durfte fortgeworfen werden, solange noch die geringste Chance bestand, es zu verwerten. Und Aidan wusste, dass sich immer noch wenigstens eine Möglichkeit dazu finden ließ.

Auch Krieger nutzten sich ab und waren schon nach kurzer Zeit zu alt zum Kämpfen. Häufig übernahmen

sie Nachschubaufgaben oder Trainingseinheiten, aber auch wenn das nicht mehr möglich war, gab es für diese alten Krieger noch eine letzte Möglichkeit, dem Clan einen Dienst zu erweisen. In vielen Kampfsituationen bestand die einzige Hoffnung eines Kommandeurs darin, unwichtige Truppen in den Kampf zu schicken, um Zeit zu gewinnen. Die dazu ausgewählten Krieger opferten bereitwillig ihr Leben. Alte Krieger wurden häufig zu solchen Solahma-Einheiten zusammengestellt und in ihr letztes Gefecht geschickt. Aidan dachte an Ter Roshak, den Ausbildungskommandeur, der seinem Leben eine so entscheidende Wende gegeben hatte. Es war erst ein paar Wochen her, dass Roshak als Mitglied einer Solahma-Infanterieeinheit sein Leben gegeben hatte.

Ein trauriges Schicksal für einen tapferen Krieger. Ter Roshak hatte ein langes, heldenhaftes Leben geführt, nur um schließlich ein schmähliches Ende als Kanonenfutter zu finden. Aber vielleicht war es sein großer Fehler gewesen, dass er zu lange überlebt hatte. Aidan wollte lieber in der Schlacht sterben, vorzugsweise in seinem BattleMech, in einer Detonation, die seinen Mech ebenso vernichtete wie den seines Gegners, als zusehen zu müssen, wie sein Wert als Krieger auf Null sank.

Nach zwanzig Jahren Dienstzeit näherte auch er sich der Kategorie des alten Kriegers. Aidan war beinahe vierzig, ein Alter, in dem von einem Krieger erwartet wurde, dass er sich Gedanken um seine Zukunft machte. Zu seinem Glück herrschte jedoch Krieg, ein Krieg, von dem die Clans seit Jahrhunderten geträumt hatten, auf den sie sich ihr ganzes Leben lang vorbereitet hatten, seit dem Exodus ihrer Vorfahren aus der Inneren Sphäre nach dem Zusammenbruch des glorreichen Sternenbundes. Als Sterncolonel konnte Aidan höchste Kommandopositionen erreichen und Teil der Führungsriege werden, die diese langersehnte Invasion der Inneren Sphäre koordinierte. Das würde sein Kriegerleben um einige Jahre verlängern.

Aber solche Ideen waren Hirngespinste, das wusste er. Obwohl er sich alle seine bisherigen Beförderungen ebenso wie seinen Blutnamen legitim erkämpft hatte, lag ein Makel auf ihm, der seiner Karriere eine definitive Grenze setzte. Sein Kodax hatte zu viele dunkle Punkte. Zum Beispiel die Art, wie er den Kriegerstatus erlangt hatte. Nachdem Aidan in seinem ersten Positionstest versagt hatte, hatte Ter Roshak intrigiert, ja sogar gemordet, um ihm eine nie dagewesene und ungesetzliche zweite Chance zu ermöglichen, sich als ClanKrieger zu qualifizieren, eine der höchsten Ehren, die es für einen jungen Wahrgeborenen gab. Der zweite Makel war Aidans Maskerade als Freigeborener, die falsche Identität, die er für seinen zweiten Test angenommen hatte. Auch nachdem er seine wahre Identität offenbart hatte, blieb das Stigma des Freigeborenen an ihm hängen. Der dritte dunkle Punkt seiner Laufbahn war, dass er es gewagt hatte, sich trotz seiner Vorgeschichte um einen Blutnamen zu bewerben. Nur einen Tag vor den Blutrechtskämpfen war er gezwungen gewesen, einen Widerspruchstest durchzustehen, weil der Clan ihm das Recht zur Teilnahme an den Blutnamenskämpfen verweigert hatte. Der Sieg bei diesem Gefecht war die einzige Möglichkeit gewesen, die Entscheidung des Clans umzustoßen. Er hatte den Widerspruchstest durch eine Kombination von Intelligenz und Können gewonnen, aber den Makel der gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen hatte er nie abstreifen können. Und als letzter, aber keineswegs geringster Punkt hatte Aidan seinen Blutnamen durch ein verzweifeltes Manöver in letzter Sekunde gewonnen, dem niemand eine Erfolgschance gegeben hatte. Bis zum letzten Augenblick hatte es so ausgesehen, als ob Aidans Gegner ihn zermalmen würde.

Aber trotz allem hatte Aidan den Kampf gewonnen und sein Gegner hatte den Tod gefunden. Er erinnerte sich gut an die Zeit unmittelbar nach seinem Sieg. Er war ohnmächtig von Rhea, dem Mond des Planeten Ironhold, gerettet worden, auf dem der letzte Blutrechtskampf stattgefunden hatte. Als er erwacht war, hatte er erwartet, mit seinem Sieg auch den Respekt seiner Mitkrieger gewonnen zu haben. Aber stattdessen hatten sie ihn noch misstrauischer betrachtet als zuvor. Selbst die offiziellen Zeremonien waren durch ein Gefühl der Oberflächlichkeit gekennzeichnet gewesen, wie es bei den üblichen würdevollen Clanritualen unbekannt war. Möglicherweise würde sein Leben nie wieder frei von Skandalen sein, gleichgültig, wie viele Prüfungen oder Schlachten er gewann oder verlor.

Selbst mit einem Blutnamen waren seine Aufgaben kaum ehrenvoller gewesen als die, mit denen er als ›freigeborener‹ MechKrieger abgespeist worden war. Im Laufe der Jahre schien er so ziemlich alle Hinterwäldlerstützpunkte abgeklappert zu haben, die es im gesamten Kugelsternhaufen des Clanimperiums gab.

»Du brütest wieder düstere Gedanken aus«, stellte Hengst fest und trat neben ihn. Aidan hatte sich bei seinem zweiten Kriegertest zusammen mit Hengst qualifiziert und mit drei kurzen Unterbrechungen hatten die beiden seitdem zusammen gedient. Diesmal hatte Aidan Hengst speziell für seine neue Einheit angefordert. Viele seiner wahrgeborenen Offiziere murrten insgeheim darüber, weil Hengst ein Freigeborener war. Wahrgeborene arbeiteten nur ungern mit Freigeborenen zusammen, schon gar nicht in einem Stern.

»Ich bin berühmt dafür, dass man meine Gedanken nicht lesen kann, Hengst. Woher kennst du sie?«

Hengst strich sich über den Vollbart, den er seit kurzem trug. Freigeborene wählten Kleidung und Aussehen häufig in direktem Gegensatz zu dem von Wahrgeborenen bevorzugten Stil. Wahrgeborene Krieger waren in der Regel glattrasiert und wenn sie sich entschlossen, einen Bart zu tragen, war dieser meist sehr kurz. Hengsts Bart dagegen breitete sich dicht und buschig über beide Wangen aus.

»Ich kenn dich schon lang. Du bist wie›n offnes Buch für mich, eins, dass ich schon oft geles‘n habe.«

Aidan war es inzwischen so gewöhnt, Hengst sprechen zu hören, dass ihn dessen übertriebener Gebrauch von Kontraktionen und das Verschlucken von Buchstaben kaum noch störten — obwohl es selbst für einen Freigeborenen übertrieben war, der seine Sprache häufig als Geste des Widerspruchs verkommen ließ.

»Wie viele Bücher hast du schon oft gelesen?«

»Mehr als du, besonders, seit du Sterncolonel geworden bist.«

Hengst hatte Recht. In letzter Zeit hatte Aidan kaum noch Zeit für seine geheime Bibliothek gehabt, deren Papierbücher er vor langer Zeit in einem Briandepot entdeckt hatte. Er hatte sie versteckt und unbemerkt auf sämtliche Posten mitgenommen. Jetzt als Sterncolonel konnte er sie ganz offen lesen, nur hatte er keine Zeit mehr dazu.

»Nun, was machst du jetzt?« fragte Hengst und deutete auf Aidans am Boden liegenden BattleMech. »Wir haben keine Summoner mehr.«

Aidan hatte während seiner militärischen Laufbahn fast ausschließlich mit einer Summoner gekämpft. Er mochte ihre Tonnage, die verschiedenen möglichen Konfigurationen und ihre Sprungfähigkeit. Manche Krieger nannten ihn wegen der waghalsigen Sprünge, die er mit seinem Mech im Kampf vollführte, ›Jojo‹. Aber es gab nur wenige MechKrieger, die aus einer steilen Flugbahn heraus so gekonnt angreifen konnten wie Aidan Pryde.

»Ich nehme MechKriegerin Carmens Timber Wolf.«

»Den Timber Wolf?« Hengst riss überrascht die Augen auf. »Das ist‘n Killer.«

»So etwas solltest du nicht sagen.«

»Gefällt dir Sarg besser? So nennen ihn die Elementare.«

»Unsere Elementare haben einen morbiden Sinn für Humor. Den hatten sie schon immer. Aber es ist falsch, einem BattleMech Eigenschaften zuzuschreiben. Die Tatsache, dass ein paar Krieger beim Führen dieses speziellen ...«

»Ein paar? Der Sarg hat schon mehr Piloten auf dem Gewissen als ...«

»Hör auf, Hengst! Du brauchst mir keine Statistiken vorzubeten. Ich kenne sie ebenso gut wie du. Und eine Menge Piloten haben diesen Timber Wolf überlebt.«

»Die meisten verkrüppelt oder wahnsinnig.«

»Jetzt übertreibst du. Auf jeden Fall werde ich den Timber Wolf nehmen und damit ist die Sache erledigt.«

Die beiden verstummten und beobachteten die Techs, die um die Summoner schwärmten. Der Anblick erinnerte Aidan an eine Geschichte aus seiner geheimen Sammlung. In dem Buch landete ein Mann in einem fremden Land, dessen Bewohner so winzig waren, dass sie wie Ameisen über den gestürzten Körper des Fremdlings krabbeln konnten. Die Techs waren im Verhältnis zu dem Mechrumpf größer als die Liliputaner der Geschichte, aber der Effekt war ähnlich.

»Oh«, stieß Hengst plötzlich aus und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart. »Beinahe hätte ich vergessen, warum ich überhaupt gekommen bin. Die Verstärkungen, die wir angefordert haben, sind im System und werden heute bei Sonnenaufgang eintreffen. Gerade rechtzeitig, um nach der Schlacht aufzuräumen. Willst du sie begrüß‘n und einweisen, wenn sie erst mal alle unten sind?«

Aidan fühlte sich matt und zerschlagen, die typischen Folgen eines harten Gefechts. Er wollte nichts sehnlicher als sich ausstrecken wie seine Summoner und zwei Tage durchschlafen. Aber er legte höchsten Wert auf Pflichterfüllung, selbst wenn es nur um eine Routineaufgabe wie die Inspektion eines neuen Kriegerkontingents ging.

»Also gut«, sagte er, zog die Schultern zurück und hob stolz den Kopf. »Weck mich zwei Stunden vor ihrer Ankunft. Soll ich die ›Lasst alle Hoffnung fahren‹-Rede halten?«

»Wirklich nicht. Das mag zu deiner Lektüre passen, aber es wäre definitiv unclanmäßig.«

»Ja, das wäre es wohl. Gibt es irgendetwas, was ich über diese Verstärkungen wissen sollte?« Aidan stockte verwirrt. »Warum starrst du mich so an?«

»Manchmal bist du mir unheimlich. Das ist nicht das erste Mal, dass du meine Gedanken zu lesen scheinst. Ja, da gibt es einiges, was du wissen solltest. Zunächst mal sind ‚ne ganze Reihe Freigeborene bei dieser Lieferung.«

Aidan zuckte die Achseln. »Das ist kein Problem. Wir zwei sind Experten für Freigeborene.«

»Du redest von mir, als wäre ich auch wahrgeboren.«

»Verzeihung, manchmal vergesse ich es.«

»Jedenfalls bedeuten diese Freigeborenen Ärger. In unserem Sternhaufen hat sich eine gehörige Antipathie gegen Freigeborene entwickelt und das kann Streitereien und Zweikämpfe zur Folge haben. In einer Gefechtszone können wir es uns nicht leisten, Personal durch pure Dummheit zu verlieren.«

Aidan nickte. »Und wenn ich den Eindruck erwecke, die Freigeborenen zu unterstützen, habe ich die Wahrgeborenen gegen mich. Unterstütze ich hingegen die Wahrgeborenen, habe ich nicht nur die Freigeborenen, sondern auch dich gegen mich. Das ist eine Zwickmühle, aber ich werde es schon schaffen.«

»Bestimmt«, kommentierte Hengst trocken. »Ich bin mir nicht so sicher, ob du meine zweite Information verdaust.«

Aidan sagte eine Weile nichts, sondern ließ den Blick über die einstmals grüne Landschaft Quarells gleiten, die jetzt eine einzige Szene der Verwüstung bot, gezeichnet von verkohlten Baumstümpfen und langen, tiefen Schneisen im Boden. Dann wandte er sich wieder zu Hengst um. »Nämlich?« fragte er endlich.

»Anscheinend gehört zu diesen Verstärkungen auch ein Sterncommander. Es ist, nun ja, es ist eine alte Kriegerin. Sie war bei der Falkengarde, die uns auf Twycross Schande gemacht hat. Um genau zu sein, sie ist eine der wenigen Überlebenden dieses Debakels.«

»Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass du großes Interesse an Abstraktionen wie der Ehre des Clans hast.«

»Hab ich auch nicht. Ich stelle die Lage nur so dar, wie sie die meisten deiner müllgeborenen Krieger sehen werden. Die Niederlage auf Twycross war eine furchtbare Schande für die Jadefalken. Und diese Dezgra lastet auf dem Sterncommander. Sie war ursprünglich Sterncaptain, aber sie wurde erneut geprüft und zum Sterncommander zurückgestuft.«

»Ah. Hengst, ich beginne zu verstehen. Diese Dezgra-Kriegerin ist niemand anders als unsere alte Bekannte Joanna, frapos?«

»Pos.«

Aidan runzelte die Stirn und die Falten formten seine Miene zu einer fremdartigen Grimasse. Der Sterncolonel zeigte so selten irgendeine Gefühlsregung, dass selbst ein Stirnrunzeln auf seinem Gesicht seltsam exotisch wirkte.

»Das ist eine üble Nachricht, Hengst. Eine sehr üble Nachricht.«

2

Wie immer, wenn sie in den Kampf zog, stellte Diana sich ihrem Gegner mit einem ebenso grimmigen wie drohenden Blick. Es war eine Haltung, die sie schon vor langer Zeit entwickelt hatte, noch bevor sie eine Kriegerin geworden war. Sie hatte diese Miene bereits in frühen Kindertagen aufgesetzt, wenn sie versuchte, die Geschichten ihrer Mutter über ihren Kriegervater nachzuspielen. Diana hatte immer die Rolle ihres Vaters übernommen und Töpfe und andere Gerätschaften als Teile eines BattleMechs gesehen. Dann hatte sie sich mit entsprechendem Kampfgeschrei auf die übrigen Dorfkinder gestürzt. Diana hatte immer gewonnen, denn die meisten Kinder hatten weder ihren Ehrgeiz noch ihre Verbissenheit.

Diese Kinderspiele hatten wichtige Resultate gezeitigt. Diana wusste, dass sie nie in einer Kaste unterhalb der der Krieger Zufriedenheit finden konnte. Obwohl keine Wahrgeborene, wusste sie, dass es ihre Bestimmung war, eine ClanKriegerin zu werden. Diese tiefe Gewissheit hatte sie durch die Ausbildung und die ersten Dienstjahre getragen. Im Gegensatz zu vielen anderen Freigeborenen akzeptierte sie ihre Zweitklassigkeit in der Clangesellschaft und hatte keine Schwierigkeiten, die ätzenden Bemerkungen zu ignorieren, mit denen die Wahren sie häufig bedachten. Die Bezeichnung ›Freigeburt‹, unter Kriegern eine tödliche Beleidigung, war für sie kein Grund zur sofortigen Vergeltung.

Sie hatte zwei Ziele in ihrem Leben: eine gute Kriegerin zu werden und ihren Vater zu finden. Ihre Fähigkeit, das erste dieser Ziele zu erreichen, hatte sie bereits häufig genug unter Beweis gestellt. Und was das zweite anging, war Diana sicher, dass die Zeit für sie arbeitete.

Jetzt stand sie in einem improvisierten Kreis der Gleichen an Bord des Landungsschiffes ausgerechnet einem anderen überzeugten freigeborenen Krieger gegenüber. Die wenigen Wahrgeborenen, die sich zu den Beobachtern am Rand des Kreises gesellt hatten, schienen vom Anblick des Kampfes zwischen zwei Freien amüsiert. Sie ermutigten mal den einen, mal den anderen und würzten ihre Rufe mit Beleidigungen. Wie üblich bemerkte Diana die Herablassung, ignorierte sie jedoch. Wenn sie eine Wahrgeborene gewesen wäre, die außerhalb des Kreises stand, hätte sie dieselben Beleidigungen gebrüllt.

Ihr Gegner, ein stämmiger, muskulöser Krieger namens Kaufmann (ein Spitzname, der sich von seiner Herkunft als Sohn eines Händlers ableitete), knurrte sie auf die traditionelle Weise eines Ehrenduells an. Seine Herausforderung bezog sich auf das Recht, den Warhawk zu steuern, der frei geworden war, als dessen Pilot bei der interstellaren Reise in den Jadefalken-Korridor der Invasion erkrankt war. Normalerweise wäre der Mech Diana zugesprochen worden, weil die neue Kommandeurin des Sterns ihren Timber Wolf für sich beansprucht hatte.

Nach Verkündung der Einteilung war Kaufmann vorgetreten und hatte erklärt, seine Seniorität und längere Kampferfahrung machten ihn besser geeignet, den Warhawk zu führen. Bei sich gab Diana zu, dass Kaufmanns Leistungen beneidenswert waren, aber als ClanKriegerin war es ihr unmöglich, einfach zurückzustecken. Nein, die beiden mussten um den Mech kämpfen.

Die neue Kommandeurin hatte darauf bestanden, dass die Bewerber um den Kreis der Gleichen boten, aber Diana hatte das Batchall mit ihrem Angebot, sich Kaufmann bis auf Handschuhe unbewaffnet zu stellen, im Keim erstickt. Das Gebot hatte einige Aufmerksamkeit erregt, denn die großgewachsene, schlanke Diana schien keine Gegnerin für den kleineren, aber erheblich muskulöseren Kaufmann zu sein.

Beim Startzeichen stieß Kaufmann einen lauten Schrei aus, der von den Wänden des Landungsschiffes widerzuhallen schien, dann stürmte er wie ein Eber auf Diana zu. Er landete die beiden ersten Treffer, einen in Dianas Magengrube, der ihr die Luft aus den Lungen trieb und einen brutalen rechten Haken in ihr Gesicht. Er riss ihr die Haut auf und trieb sie nach hinten. Ihr schwacher Tritt ging in die Leere. Wenn er überhaupt etwas bewirkte, war es Heiterkeit.

Joanna beobachtete den Zweikampf zwischen den beiden freigeborenen Mitgliedern ihres neuen Sterns mit einiger Genugtuung. Sie hasste diese neue Aufgabe, aber über die Jahre war sie ruhiger geworden und konnte sie leichter akzeptieren, als es ihr früher möglich gewesen wäre. Trotzdem, die Degradierung zum Sterncommander war ein Dorn in ihrem Fleisch. Sie war wie die schwarze Schärpe, jenes besondere Kennzeichen von Schande der ClanKriegerkultur. Die Degradierung war eine Art ewiger schwarzer Schärpe, denn im Gegensatz zu jener Strafe nahm diese Schande nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Ende. Ihre Chancen, je wieder die Rangleiter hinaufzuklettern, waren praktisch gleich Null. Ihre Chancen, irgendwann wieder Sterncaptain zu werden, waren mikroskopisch. Sterncolonel zu werden, war sozusagen unmöglich.

Was also konnte Joanna noch tun, außer die ihr zugeteilte Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen? Zumindest konnte sie noch einen gewissen Dienst erfüllen, insbesondere, indem sie einen undisziplinierten Haufen wie diesen Stern, den man ihr jetzt angehängt hatte, zurechtstutzte. Wie alle ClanKrieger war Joanna ganz und gar den Zielen der Invasion verpflichtet, insbesondere dem Wiederaufbau des Sternenbundes. Es war das beinahe heilige Vermächtnis der Clans, dass sie die korrupten und dekadenten Herrscher besiegen und ersetzen würden, die Jahrhunderte zuvor den Sternenbund vernichtet hatten. Das waren die Worte der großen Kerenskys und das war gut genug für Joanna und fast den gesamten Rest der Invasionsstreitmacht.

Irgendetwas an dieser Diana zwang ihr Bewunderung ab. Vielleicht war es der Stolz im Blick dieser jungen Kriegerin, ihre selbstbewusste Haltung oder ihre Wildheit. Joanna war sich nicht sicher. Es war ungewöhnlich für sie, von einer jüngeren Kriegerin nicht ganz und gar angewidert zu sein.

Soweit es ClanKrieger betraf, war Diana ein beeindruckendes Exemplar. In älteren Kulturen, die sich um solchen Schwachsinn kümmerten, hätte man sie schön nennen können. Die olivfarbene Haut der jungen Frau war gerade dunkel genug, um ihr etwas Geheimnisvolles zu verleihen, während die dunklen Augen unter den stark gebogenen Brauen erkennen ließen, dass dieses Geheimnis ungelöst bleiben musste. Auf ihrem schwarzen Haar tanzten rote Glanzlichter, ein Effekt, der nicht minder subtil war als das dunkle Rot ihrer Lippen. Ein kleiner ›Fehler‹, ein Höcker auf ihrer ansonsten edel geformten Nase, schien die Faszination ihres schmalen Gesichts noch zu verstärken.

Joanna war enttäuscht, als ihr Gegner, ein typisch abstoßender Freigeborener namens Kaufmann, sofort die Oberhand gewann. Er schlug hart auf Diana ein und stieß sie einmal beinahe über den Rand des Kreises, was seinen Sieg bedeutet hätte. Diana schaffte es, aufrecht und innerhalb des Kreises zu bleiben, aber ihre linken Geraden zeigten keinerlei Wirkung.

Joanna wollte ihr schon zurufen, sie solle die Rechte einsetzen oder zumindest einen härteren Schlag versuchen. Stattdessen drehte Diana sich aus der Richtung von Kaufmanns nächstem Angriff und rannte zurück in die Mitte des Kreises, wo sie sich dem heranstürmenden, mordlüsternen Kaufmann stellte. Als er mit wirbelnden Fäusten näherkam, brachte Diana ihn mit einer harten Geraden auf die Nasenwurzel aus dem Gleichgewicht.

Während er um seine Balance kämpfte, schlug sie zum ersten Mal mit der Rechten zu. Ein Lichtblitz zuckte durch den Kreis. Irgendetwas an dem rechten Handschuh hatte das Licht gefangen.

Es war ein guter Schlag, dachte Joanna, aber kein wirklich schwerer Treffer. Trotzdem flatterten Kaufmanns Lider. Dann schlossen sie sich und er kippte vornüber aufs Gesicht. Diana blieb die erforderliche Zeit über ihm stehen, dann erklärte sie sich zur Siegerin und schlenderte hinüber zu Joanna an den Rand des Kreises. In diesem Augenblick wurde Joanna klar, was der Lichtblitz im Moment des entscheidenden Schlages bedeutet hatte und ihre Miene verwandelte sich vom Ausdruck relativer Ruhe zu dem heftiger Wut.

Diana streifte beiläufig die Handschuhe ab, als sie aus dem Kreis trat und vor Joanna stehenblieb, bereit, den Warhawk zu übernehmen. Anstatt die rituellen Worte zu sprechen, riss Joanna die Handschuhe aus Dianas Händen. Die jüngere Kriegerin reagierte nicht einmal mit einem Blinzeln auf die Handlungsweise ihrer Kommandeurin.

Joanna untersuchte die Handschuhe. »Wie ich mir gedacht habe«, stellte sie fest und hielt den rechten Handschuh hoch. Die Krieger in ihrer Nähe konnten sehen, dass er fünf Beschlagnägel trug, die in der Mitte der Knöchellinie in einem sternförmigen Muster angeordnet waren. Jetzt erinnerte sich Joanna auch, dass Diana nicht einfach auf Kaufmanns Gesicht eingeschlagen hatte — sie hatte die Nägel noch zusätzlich in sein Gesicht gegraben, um den Schaden zu erhöhen. Kein Wunder, dass er das Bewusstsein verloren hatte.

Joanna deutete stumm auf die Verzierung des Handschuhs und Diana zuckte die Schultern. »Ich habe Handschuhe geboten«, stellte sie fest. »Es wurden keinerlei nähere Angaben zu den Handschuhen gemacht und es wurde auch nicht spezifiziert, dass ich nur meine eigenen Handschuhe benutzen durfte.«

»Aber diese Handschuhe hast du mir gestohlen, Freigeburt!«

Wieder reagierte Diana mit keiner Miene auf die Beleidigung. »Ich gebe sie dir jetzt zurück, wie ich es von Beginn an geplant hatte. Ob ich sie gestohlen habe oder nicht, mögen andere entscheiden.«

»Du erwartest, mit einer Trinärsternbestrafung davonzukommen?«

»Unter den herrschenden Umständen erscheint es angemessen, Sterncommander Joanna.«

»Ja, das tut es, aber ich mache von meinem Befehlsrecht Gebrauch und lege die Bestrafung hier und jetzt fest. Wir beide werden in den Kreis zurückkehren und du wirst gegen mich antreten, MechKriegerin Diana. Wie bei deinem Gebot, unbewaffnet. Auch ohne Handschuhe. Mit bloßen Fäusten. Und wir verzichten auf die Regel, dass jede Kriegerin, die den Kreis verlässt, automatisch verliert. Die Siegerin in unserem Kampf ist diejenige, die zuletzt noch steht. Einverstanden, MechKriegerin Diana?«

»Gut gehandelt und akzeptiert, Sterncommander.«

Als Joanna der graziösen, scheinbar ungerührten Kriegerin in den Kreis der Gleichen folgte, fragte sie sich einen Augenblick, ob es so intelligent von einer alten, möglicherweise auf dem absteigenden Ast befindlichen Kriegerin war, eine starke junge Kriegerin, die kaum die Kadettenzeit hinter sich hatte, zu einem Ehrenduell herauszufordern.

3

Zum ersten Mal, solange Joanna sich zurückerinnern konnte, wurde ihr das Kodaxarmband um ihr rechtes Handgelenk schwer. Es war, als hätte das vereinte Gewicht all ihrer Jahre im Kampf und im Cockpit eines Mechs sich in diesem kleinen Reif konzentriert, in dem eine Abfolge von Eidmeistern ihre Erfolge ebenso festgehalten hatte wie ihre Niederlagen, zum Beispiel die Schande der Falkengarde auf Twycross. Eine Schande, die sie mittrug, obwohl sie zu jenem Zeitpunkt erst seit vierundzwanzig Stunden ein Mitglied der Einheit gewesen war und nicht einmal ein eigenes Kommando gehabt hatte. Vielleicht war es sogar nur das Gewicht von Twycross, das ihr das Gefühl gab, das Armband bestünde aus purem Blei.

Die Krieger rings um den Kreis murmelten aufgeregt. Es geschah selten, dass ein kommandierender Offizier mit einem Neuling in den Kreis der Gleichen trat. Es waren die üblichen Zuschauer der hier ausgetragenen Kämpfe, verstärkt durch ein paar neugierige Offiziere, die kühl neben dem Kreis standen und darauf achteten, dass die Kämpfer die Regeln einhielten.

Aber dieses Duell zwischen Offizierin und MechKriegerin war etwas Besonderes. Der Sterncommander war gerade erst zu ihnen gestoßen und die Tatsache, dass sie wegen Twycross degradiert worden war, machte sie zu einer unbekannten Größe. Würde sie die Wildheit an den Tag legen, die ihr Ruf vermuten ließ? Oder hatte Twycross ihre Selbstsicherheit erschüttert — die bekannte Auswirkung einer Niederlage? In ihren Augen war dieses Duell ebenso sehr eine Prüfung für Joanna wie für Diana. Ein paar von ihnen gaben sich Handzeichen, die diskrete Wetten über das Ergebnis abschlossen. Hätte Joanna sich die Mühe gemacht, die Wetten zu verfolgen, hätte sie festgestellt, dass sie mit zwei zu eins als Favoritin gehandelt wurde. Aber es war besser, dass sie nicht darauf achtete. Die bloße Tatsache, dass man dieser unerfahrenen Kriegerin überhaupt eine Chance einräumte, sie zu besiegen, wäre eine Beleidigung für Joanna gewesen.

»Bist du bereit, MechKriegerin Diana?«

»Ja.«

»Du willst kein Surkai leisten?«

»Neg.«

»Gut. Dann mach dich bereit, extreme Schmerzen zu erleiden.«

Noch während sie den Satz beendete, sprang Joanna schon auf Diana zu. Diana, die gewohnt war, dass ihr Gegner mit den Füßen scharrte, eine Finte versuchte, sie anstarrte oder irgendeine andere kleinere Aktion ausführte, bevor er zum Angriff überging, wurde vollkommen überrascht. Joanna umklammerte ihren Hals, nahm ihr für einen Augenblick die Luft, dann ließ sie mit einem verächtlichen Schnauben los und schleuderte sie zur Seite. Diana landete auf einem Arm. Wie der Sterncommander angekündigt hatte, schossen ihr beim Aufprall furchtbare Schmerzen durch den Körper. Sie war schnell wieder auf den Beinen, aber Diana fühlte ihre Schulter pochen. Die Schmerzen waren fürchterlich, aber das wollte sie sich vor der arroganten Offizierin nicht anmerken lassen.

Diana hatte nicht viel Zeit, sich über die Schmerzen Gedanken zu machen, denn Joanna setzte sofort nach. Diesmal griff sie aus der Hocke an, packte die jüngere Kriegerin um die Taille und warf sie zu Boden. Als sie nach hinten fiel, machte Diana sich klar, dass Joanna typische Ringkampfmanöver anwandte, Griffe, wie sie in den ersten Trainingswochen gelehrt wurden. Aber wieso konnte sie diese Griffe so erfolgreich einsetzen? Kampfzüge, die Diana bei einem anderen jungen Krieger mit Leichtigkeit hätte abwehren können, wurden bei dieser alten Vettel plötzlich gefährlich.

Das einzig Gute an ihrer momentanen Lage war, dass die Schmerzen in ihrer Magengrube die in ihrer Schulter etwas zu lindern schienen, oder kam ihr das nur so vor, weil sie ihre Konzentration auf beide Verletzungen verteilte?

Joanna hielt Diana an den Schultern am Boden und starrte ihr in die Augen. Sie hätte mit Leichtigkeit ihren Sieg erklären können. Die junge Kriegerin war außer Gefecht, ihre Beine strampelten wirkungslos hinter Joannas Rücken.

Aber bevor Joanna etwas sagen konnte, bemerkte sie im Blick der sich windenden Kriegerin etwas Vertrautes. Zuerst war es nur ein Aufblitzen, ein Hinweis, dass Diana niemals kapitulieren würde, dann sah Joanna ein anderes Gesicht, das eines anderen jungen Kriegers aus einer anderen Zeit. Etwas davon lag in den Augen dieser jungen Frau und jetzt, als Joanna danach suchte, fand sie es auch in deren Gesichtszügen. Diese Diana, diese Freigeburt, hatte eine unheimliche Ähnlichkeit mit dem Krieger, den Joanna am ersten Tag seiner Ausbildung besiegt hatte und dessen Leben immer wieder in entscheidenden Momenten mit dem ihren in Berührung gekommen war. Damals war er Kadett Aidan gewesen. Heute war er Sterncolonel Aidan Pryde.

Verblüfft stand Joanna auf und gab Diana frei, aber dann legte sie die Hände zusammen und schlug sie in einem harten Schwinger gegen Dianas Schläfe. Sie traf ihr Opfer voll, und Diana kippte benommen nach hinten.

Joanna sah sich unter den Zuschauern am Kreis um. Sie versuchten sich auf Clannerart unbeteiligt zu zeigen, aber es war offensichtlich, wie schockiert zumindest einige von ihnen über Joannas plötzlichen brutalen Schlag waren.

Joanna blickte auf die am Boden liegende Kriegerin hinab. Ihre Augen waren geschlossen. Abgesehen von den zarteren Gesichtszügen, hätte es Aidan sein können.

Diana deutete ihren Angriff mit keiner noch so winzigen Bewegung an. Sie trat aus, erwischte Joanna zwischen den Beinen. Die Wucht des Trittes hob die alte Kriegerin vom Boden. Diana hastete aus dem Weg der Offizierin, die sich mit einem wilden Knurren auf sie stürzte. Diesmal war Joannas Timing nicht perfekt und sie schlug mit dem Kopf auf den harten Metallboden des Landungsschiffes statt in das weiche Fleisch ihrer Gegnerin. Bevor sie aufstehen konnte, war Diana schon auf ihrem Rücken und drückte sie wieder nach unten. Erneut knallte Joannas Kopf auf den Boden und beinahe hätte das resultierende Schwindelgefühl sie übermannt.

Dann hatte die Kriegerin sie erreicht und stieß sie nachhinten. Joannas Taumeln, als sie das Gleichgewicht zu halten versuchte, wirkte auf eine Reihe der Zuschauer komisch. Das Gelächter trieb sie zur Weißglut.

Sie stieß Diana fort und Aidan reagierte mit einem kleinen, stolpernden Tanz. Sie schüttelte den Kopf, um ihre Benommenheit abzuschütteln, dann stürmte sie auf Aidan los. Aber es war Diana, die ihr auswich. Joanna reagierte schnell auf Dianas Manöver, packte Aidans Arm und riss ihn herum. Sie packte den Kopf — sie war sich nicht sicher, wessen Kopf es war — und drehte ihn brutal herum. Es war nicht weit genug, um zu töten, aber weit genug, um lang anhaltende Schmerzen zu bereiten.

Weit genug.

Ihr Gegner stürzte, diesmal endgültig außer Gefecht.

Als sie auf die gefallene Kriegerin hinabblickte, sah Joanna wieder wie in einer Doppelbelichtung Diana, Aidan, Diana, wieder Aidan. Sie schaffte es gerade noch, ohne zu stolpern den Kreis der Gleichen zu verlassen. Gerade noch, aber sie verließ ihn, vorbei an all den Kriegern, die jetzt wussten, dass ihre neue Kommandeurin, so alt sie war, noch immer die Besten von ihnen im Zweikampf besiegen konnte.