Cover

Das Buch

Die Welt sieht sich einem so erschreckenden faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.

Die Autoren

Stephen King ist Autor von über fünfzig Büchern, die alle weltweit Bestseller wurde. Er gilt als der große Chronist des amerikanischen Alltags. Von Barack Obama wurde ihm 2014 die »National Medal of Arts« verliehen. Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag, zuletzt der Spiegel-Bestseller Mind Control.

Owen King ist der jüngere Sohn von Stephen und Tabitha King. Für seine Kurzgeschichten, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen, wurde er mehrfach ausgezeichnet.

STEPHEN KING

OWEN KING

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Bernhard Kleinschmidt

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
SLEEPING BEAUTIES bei Scribner, New York

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Copyright © 2017 by Stephen King und Owen King

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Lothar Strüh

Umschlaggestaltung und Motiv:
Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-21947-5
V004

Zur Erinnerung an Sandra Bland

PERSONEN

Stadt Dooling, Verwaltungssitz von Dooling County

Truman »Trume« Mayweather (26), Meth-Koch

Tiffany Jones (28), Trumans Cousine

Linnette Mars (40), Leitstellendisponentin beim Dooling Police Department

Sheriff Lila Norcross (45), Polizeichefin

Jared Norcross (16), Schüler an der Highschool, Sohn von Lila und Clinton Norcross

Anton Dubcek (26), Eigentümer und Betreiber von »Anton the Pool Guy Limited«

Magda Dubcek (56), Antons Mutter

Frank Geary (38), Tierüberwachungsbeamter von Dooling County

Elaine Geary (35), ehrenamtliche Mitarbeiterin im Gebrauchtwarenladen und Ehefrau von Frank

Nana Geary (11), Schülerin der sechsten Klasse der Dooling Middle School

Die alte Essie (60), Obdachlose

Terry Coombs (45) vom Dooling Police Department

Rita Coombs (42), Terrys Ehefrau

Roger Elway (28) vom Dooling Police Department

Jessica Elway (28), Rogers Ehefrau

Platinum Elway (8 Monate), Tochter von Roger und Jessica

Reed Barrows (31) vom Dooling Police Department

Leanne Barrows (32), Reeds Ehefrau

Gary Barrows (2), Sohn von Reed und Leanne

Vern Rangle (48) vom Dooling Police Department

Elmore Pearl (38) vom Dooling Police Department

Rupe Wittstock (26) vom Dooling Police Department

Will Wittstock (27) vom Dooling Police Department

Dan »Treater« Treat (27) vom Dooling Police Department

Jack Albertson (61) vom Dooling Police Department (pensioniert)

Mick Napolitano (58) vom Dooling Police Department (pensioniert)

Nate McGee (60) vom Dooling Police Department (pensioniert)

Carson »Country Strong« Struthers (32), ehemaliger Amateurboxer

Coach JT Wittstock (64), Trainer des Footballteams an der Highschool von Dooling

Dr. Garth Flickinger (52), Plastischer Chirurg

Fritz Meshaum (37), Mechaniker

Barry Holden (47), Pflichtverteidiger

Oscar Silver (83), Richter

Mary Pak (16), Schülerin an der Highschool

Eric Blass (17), Schüler an der Highschool

Curt McLeod (17), Schüler an der Highschool

Kent Daley (17), Schüler an der Highschool

Willy Burke (75), ehrenamtlicher Straßenbetreuer

Dorothy Harper (80), Rentnerin

Margaret O’Donnell (72), Schwester von Gail Collins, Rentnerin

Gail Collins (68), Schwester von Margaret O’Donnell, Sprechstundenhilfe in einer Zahnarztpraxis

Mrs. Ransom (77), Bäckerin

Molly Ransom (10), Enkelin von Mrs. Ransom

Johnny Lee Kronsky (41), Privatdetektiv

Jaime Howland (44), Professor für Geschichte

Eva Black (dem Anschein nach etwa 30 Jahre alt), eine Fremde

Frauenhaftanstalt Dooling

Janice Coates (57), Direktorin des Frauengefängnisses

Lawrence »Lore« Hicks (50), Vizedirektor des Frauengefängnisses

Rand Quigley (30), Aufseher im Frauengefängnis

Vanessa Lampley (42), Aufseherin im Frauengefängnis; 2010 und 2011 Siegerin bei der Armwrestling-Meisterschaft an der Ohio Valley University, Altersgruppe 35 bis 45 Jahre

Millie Olson (29), Aufseherin im Frauengefängnis

Don Peters (35), Aufseher im Frauengefängnis

Tig Murphy (45), Aufseher im Frauengefängnis

Billy Wettermore (23), Aufseher im Frauengefängnis

Scott Hughes (19), Aufseher im Frauengefängnis

Blanche McIntyre (65), Sekretärin im Frauengefängnis

Dr. Clinton Norcross (48), Leitender Psychiater im Frauengefängnis und Ehemann von Lila

Jeanette Sorley (36), Häftling Nr. 4582511-1 im Frauengefängnis

Reese Marie Dempster (24), Häftling Nr. 4602597-2 im Frauengefängnis

Kitty McDavid (29), Häftling Nr. 4603241-2 im Frauengefängnis

Angel Fitzroy (27), Häftling Nr. 4601959-3 im Frauengefängnis

Maura Dunbarton (64), Häftling Nr. 4028200-1 im Frauengefängnis

Kayleigh Rawlings (40), Häftling Nr. 4521131-2 im Frauengefängnis

Nell Seeger (37), Häftling Nr. 4609198-1 im Frauengefängnis

Celia Frode (30), Häftling Nr. 4633978-2 im Frauengefängnis

Claudia »Dynamite Body-A« Stephenson (38), Häftling Nr. 4659873-1 im Frauengefängnis

Weitere

Lowell »Little Low« Griner (35), Berufsverbrecher

Maynard Griner (35), Berufsverbrecher

Michaela Morgan vorm. Coates (26), Journalistin bei NewsAmerica

Kinsman Brightleaf (Scott David Winstead Jr., 60), religiöser Führer der »Erhellten«

ein Rotfuchs (4 bis 6 Jahre alt)

It makes no difference if you’re rich or poor

Or if you’re smart or dumb.

A woman’s place in this old world

Is under some man’s thumb,

And if you’re born a woman

You’re born to be hurt.

You’re born to be stepped on,

Lied to,

Cheated on,

And treated like dirt.

Sandy Posey, »Born a Woman«
(Text: Martha Sharp)

»Und ich sag, du kannst dich nicht nicht um
’nen Lichtfleck kümmern.«

Reese Marie Dempster, Häftling Nr. 4602597-2
im Frauengefängnis von Dooling

»Trotz Warnung und geduldiger Erklärung
hat sie einfach keine Ruhe gegeben.«

Senator Addison »Mitch« McConnell
über Senatorin Elizabeth Warren

Der Falter bringt Evie zum Lachen. Er landet auf ihrem nackten Unterarm, worauf sie mit dem Zeigefinger leicht über die braunen und grauen Wellen streicht, die seine Flügel schmücken. »Hallo, mein Hübscher«, sagt sie zu dem Falter, bevor er wieder abhebt. Höher, immer höher steigt er in die Luft, bis er von einem Spalt Sonnenlicht zwischen den glänzenden grünen Blättern verschluckt wird, sechs Meter über der Stelle, an der Evie zwischen Wurzeln auf dem Boden hockt.

Ein kupferrotes Seil ragt aus der schwarzen Höhlung in der Mitte des Baumstamms und windet sich zwischen den Rindenschollen hindurch. Natürlich traut Evie der Schlange nicht. Mit der hatte sie früher schon Scherereien.

Ihr Falter und zehntausend weitere Motten stieben in einer knisternden, graubraunen Wolke aus dem Baumwipfel. Der Schwarm wälzt sich durch den Himmel auf die kümmerlichen Tannen zu, die auf der anderen Seite der Wiese stehen. Evie erhebt sich und folgt ihm. Unter ihren Schritten knirschen trockene Stängel, das hüfthohe Gras kratzt an ihrer nackten Haut. Während sie zu dem traurigen, weitgehend abgeholzten Wald hinübergeht, nimmt sie die ersten chemischen Gerüche wahr – Ammoniak, Benzol, Petroleum und so vieles andere, zehntausend winzige Wunden auf einem einzigen Fleck Haut –, und da gibt sie die Hoffnung auf, deren sie sich gar nicht bewusst gewesen war.

Aus ihren Fußspuren quellen Spinnweben hervor und glitzern im Morgenlicht.

TEIL EINS

DIE ALTE TRIANGEL

In the women’s prison

there are seventy women

and I wish it was with them

that I did dwell.

Then that auld triangle could go jingle-jangle

all along the banks of the Royal Canal.

Im Frauenknast

sind an die siebzig Frauen.

Käm ich bei denen unter,

dann tönte die alte Triangel

ordentlich bimmel-bammel,

den Royal Canal rauf und runter.

Brendan Behan, The Auld Triangle

KAPITEL 1

1

Ree fragte Jeanette, ob sie schon mal das Rechteck aus Licht beobachtet habe, das durchs Fenster falle. Noch nicht, sagte Jeanette. Ree belegte die obere Etage des Stockbetts, Jeanette die untere. Beide warteten darauf, dass die Zellen zum Frühstück aufgeschlossen wurden. Es war ein Morgen von vielen.

Offenbar hatte Jeanettes Zellengenossin das Rechteck genau studiert. Ree erklärte, zuerst sei es an der Wand gegenüber dem Fenster gewesen, bevor es sich nach unten geschoben habe, immer weiter nach unten, um dann über den Tisch zu wandern und sich schließlich auf dem Boden festzusetzen. Wie Jeanette sehen konnte, befand es sich gerade tatsächlich mitten auf dem Boden, unglaublich hell.

»Ree«, sagte Jeanette. »Ich kann mich doch nicht um ’nen Lichtfleck kümmern.«

»Und ich sag, du kannst dich nicht nicht um ’nen Lichtfleck kümmern.« Ree gab das trompetende Geräusch von sich, mit dem sie für gewöhnlich ihr Amüsement ausdrückte.

»Alles klar«, sagte Jeanette. »Was immer das heißen soll.« Worauf ihre Zellengenossin nur noch einmal trompetete.

Ree war ganz in Ordnung, aber die Stille machte sie immer zappelig wie ein Kleinkind. Sie saß für Kreditbetrug, Urkundenfälschung und versuchten Drogenhandel ein. Nichts davon hatte sie besonders geschickt angestellt, weshalb sie auch hier gelandet war.

Jeanette saß für Totschlag ein; an einem Winterabend im Jahr 2005 hatte sie ihrem Mann Damian einen Kreuzschlitzschraubenzieher in die Weichteile gerammt, und weil er high gewesen war, war er einfach in seinem Sessel sitzen geblieben und verblutet. Sie selbst war natürlich auch high gewesen.

»Ich hab auf die Uhr geschaut und die Zeit gemessen«, sagte Ree. »Es dauert zweiundzwanzig Minuten, bis das Licht vom Fenster zu der Stelle da auf dem Boden wandert.«

»Das solltest du dem Guinnessbuch melden«, sagte Jeanette.

»Heute Nacht hab ich geträumt, ich esse mit Michelle Obama Schokoladenkuchen, und sie war stinksauer auf mich. ›Das macht dich bloß fett, Ree‹, hat sie gesagt. Aber den Kuchen hat sie trotzdem auch gegessen.« Ree trompetete. »Nee, stimmt nicht. Hab ich mir ausgedacht. Eigentlich hab ich von einer Lehrerin geträumt, die ich mal hatte. Die hat mir ständig gesagt, ich bin nicht im richtigen Klassenzimmer, und ich hab immer erklärt, doch, bin ich, worauf sie ›na gut‹ gesagt und kurz mit dem Unterricht weitergemacht hat, aber dann hat sie mir wieder gesagt, ich bin nicht im richtigen Raum, und ich hab gesagt, doch, das bin ich, und so ging das immer weiter. War hauptsächlich nervig. Was hast du geträumt, Jeanette?«

»Äh …« Jeanette versuchte, sich zu erinnern, was ihr aber nicht gelang. Ihre neuen Medikamente verdichteten ihren Schlaf irgendwie. Vorher hatte sie manchmal Albträume von Damian gehabt. Darin hatte er meistens so ausgesehen wie am Morgen danach, wo er schon tot war, die Haut schlierig blau wie feuchte Tinte.

Jeanette hatte Dr. Norcross gefragt, ob die Träume seiner Meinung nach mit Schuldgefühlen zu tun hätten. Daraufhin hatte der Arzt sie mit zusammengekniffenen Augen angesehen, als wollte er sie fragen, ob sie das wirklich ernst meine. Früher hatte der Blick sie auf die Palme getrieben, aber inzwischen war sie es gewöhnt. Dann hatte er gefragt, ob Häschen ihrer Meinung nach wohl Schlappohren hätten. Ah ja, okay. Schon kapiert. Jedenfalls vermisste Jeanette die Träume nicht.

»Tut mir leid, Ree. Hab nichts zu berichten. Was immer ich geträumt hab, ist auf und davon.«

Irgendwo auf dem Flur der oberen Etage von Trakt B schlappte jemand über den Betonboden. Einer vom Personal machte einen letzten Rundgang, bevor die Türen geöffnet wurden.

Jeanette schloss die Augen, um sich einen Traum auszudenken. Darin war das Gefängnis eine Ruine. An den Zellenwänden kletterten üppige Ranken empor und schwankten im sanften Frühlingswind. Die Decke war zur Hälfte verschwunden, von der Zeit weggenagt, sodass nur noch ein Überhang am Rand vorhanden war. Winzige Eidechsen huschten über die rostigen Trümmer. In der Luft taumelten Schmetterlinge. Der intensiv würzige Geruch nach Erde und Laub erfüllte die Überreste der Zelle. Bobby, der neben ihr vor einem Loch in der Wand stand und hineinblickte, war bass erstaunt. Seine Mutter war ja eine richtige Archäologin, dass sie den Ort hier entdeckt hatte!

»Meinst du, man kann an einer Quizshow teilnehmen, wenn man vorbestraft ist?«

Die Vision fiel in sich zusammen. Jeanette stöhnte auf. Na, immerhin war es ganz nett gewesen. Mit den neuen Pillen lief das Leben eindeutig besser. Da gab es einen ruhigen, angenehmen Ort, den sie aufsuchen konnte. Der Doc verstand sein Handwerk, das musste man ihm lassen. Jeanette machte die Augen wieder auf.

Ree glotzte Jeanette an. Im Knast zu sein mochte keine besonderen Vorzüge haben, aber eine Frau wie Ree war hier vielleicht am besten aufgehoben. Draußen in der Welt würde sie womöglich einfach über die Straße latschen, ohne sich umzuschauen. Oder einem Drogenfahnder, dem man den Drogenfahnder an der Nasenspitze ansah, Drogen verticken. Was sie bekanntlich getan hatte.

»Was ist denn?«, sagte Ree.

»Nichts. Ich war bloß im Paradies, sonst nichts, und dein Gequassel hat alles kaputt gemacht.«

»Hä?«

»Schon gut. Tja, ich finde, es sollte eine Quizshow geben, wo überhaupt nur Leute mit ’ner Vorstrafe zugelassen werden. Die könnte man ja Lügen kriegen große Preise nennen.«

»Tolle Idee! Und wie soll die dann ablaufen?«

Jeanette setzte sich gähnend auf und zuckte die Achseln. »Da muss ich noch drüber nachdenken. Also die Regeln und so«

Das Quartier der beiden war so, wie es immer gewesen war und immer sein würde, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Eine zehn Schritt lange Zelle mit vier Schritten zwischen dem Stockbett und der Tür. Die Wände waren aus glattem, hellbeige Zement. Die sich an den Kanten einrollenden Fotos und Postkarten der beiden – nicht dass je jemand sie sich anschaute – waren mit Klümpchen aus grüner Klebemasse auf der einzigen dafür genehmigten Fläche befestigt. An der einen Wand stand der schmale Metalltisch, an der gegenüber das kurze Metallregal. Links neben der Tür war die Stahltoilette angebracht, wobei beide immer, wenn die andere mal musste, den Blick abwandten, um eine gewisse Illusion von Privatsphäre zu schaffen. Durch die Zellentür, deren doppelt verglastes Fenster sich auf Augenhöhe befand, konnte man in den kurzen Flur blicken, der durch Trakt B führte. Jeder Zentimeter und jeder Gegenstand in der Zelle waren mit den allgegenwärtigen Gerüchen des Gefängnisses getränkt: Schweiß, Schimmel, Lysol.

Gegen Jeanettes Willen wurde ihre Aufmerksamkeit schließlich doch auf das sonnige Rechteck auf dem Boden gelenkt. Es reichte fast bis zur Tür – aber weiter würde es nicht kommen, oder doch? Falls nicht ein Aufseher einen Schlüssel ins Schloss steckte oder man die Zelle von der Wachstation aus öffnete, war es hier drin genauso gefangen wie sie beide.

»Und wer macht den Quizmaster?«, sagte Ree. »Jede Quizshow braucht einen. Außerdem – was für Preise soll es geben? Die müssen nämlich gut sein. Details! Wir müssen das alles genauestens planen, Jeanette.«

Ree hatte den Kopf in die Hand gestützt und wühlte mit den Fingern in ihren gebleichten, dichten Locken, während sie Jeanette betrachtete. Oben an Rees Stirn war ein Fleck vernarbte Haut, der wie das Symbol für einen Grill aussah, drei tiefe, parallele Linien. Jeanette wusste zwar nicht, was die Narben verursacht hatte, aber sie konnte sich denken, wer dafür verantwortlich war: ein Mann. Vielleicht Rees Vater, vielleicht ihr Bruder, vielleicht ein Lover, vielleicht ein Typ, den sie nie zuvor gesehen hatte und auch nie wiedersehen würde. Die Insassinnen des Frauengefängnisses von Dooling hatten – gelinde ausgedrückt – nur sehr wenige Geschichten über gewonnene Preise zu erzählen. Dafür umso mehr Geschichten über üble Typen.

Was konnte man da machen? Man konnte in Selbstmitleid zerfließen. Man konnte sich selbst oder alle anderen hassen. Man konnte sich zudröhnen, indem man Reinigungsmittel schnüffelte. Man konnte tun, was man wollte (im Rahmen zugegebenermaßen eingeschränkter Möglichkeiten), aber das änderte nichts an der Lage. Die nächste Chance, das große, glänzende Glücksrad zu drehen, kam erst wieder bei der nächsten Anhörung vor dem Bewährungsausschuss. Jeanette wollte sich dabei so viel Mühe wie möglich geben. Schließlich musste sie an ihren Sohn denken.

Ein hallender Schlag ertönte. Der Beamte in der Wachstation hatte die vierundsechzig Schlösser aufschnappen lassen. Es war halb sieben. Alle raus aus den Zellen zum Durchzählen.

»Mir fällt erst mal nichts ein, Ree«, sagte Jeanette. »Denk selbst drüber nach, ich tu das auch, und später tauschen wir uns aus.« Sie schwang die Beine aus dem Bett und stand auf.

2

Einige Meilen vom Gefängnis entfernt, auf der Terrasse der Familie Norcross, war der Pooljunge Anton damit beschäftigt, totes Ungeziefer aus dem Bassin zu keschern. Den Swimmingpool hatte Dr. Clinton Norcross seiner Frau Lila zum zehnten Hochzeitstag geschenkt. Wenn Clint den Pooljungen zu Gesicht bekam, fragte er sich oft, ob das ein kluges Geschenk gewesen war. Heute Morgen war es wieder so weit.

Anton trug seinen nackten Oberkörper zur Schau, und zwar aus zwei guten Gründen. Erstens sollte es heute ein heißer Tag werden. Zweitens war sein Bauch hart wie ein Brett. Er hatte einen Sixpack, wie er im Buche stand; er sah damit aus wie ein Modellathlet auf dem Cover eines Liebesromans. Wenn man auf Antons Bauch feuerte, dann empfahl es sich, das von der Seite her zu tun, damit man nicht von Abprallern getroffen wurde. Wovon der Kerl sich wohl ernährte? Von bergeweise reinem Protein? Und worin bestand sein Trainingsprogramm? Im Ausmisten des Augiasstalls?

Anton hob den Blick und lächelte unter den dunkel schimmernden Gläsern seiner Wayfarer hindurch. Mit der freien Hand winkte er Clint zu, der ihn vom Badezimmerfenster im Obergeschoss aus beobachtete.

»Lieber Herrgott«, sagte Clint leise zu sich selbst. Er winkte zurück. »Hab Erbarmen!«

Clint stahl sich vom Fenster weg. Im Spiegel der geschlossenen Badezimmertür tauchte ein achtundvierzigjähriger Mann mit weißer Hautfarbe auf, Bachelor von der Cornell University, Medizinstudium an der NYU, kleiner Rettungsring von zu viel Grande Mocha bei Starbucks. Sein grau melierter Bart erinnerte weniger an einen maskulinen Holzfäller als an einen struppigen, einbeinigen Schiffskapitän.

Dass ihn sein Alter und sein allmählich schlaffer werdender Körper überraschten, kam Clint ziemlich komisch vor. Er hatte nie etwas für männliche Eitelkeit übriggehabt, vor allem nicht wenn sie im mittleren Alter auftrat, und seine angesammelte Berufserfahrung hatte diese Abneigung noch verstärkt. Was Clint als großen Wendepunkt seiner medizinischen Laufbahn betrachtete, hatte sich 1999 ereignet, vor achtzehn Jahren, wo ein zukünftiger Patient namens Paul Montpelier ihn als jungen Arzt wegen einer »Krise seiner sexuellen Ambitionen« konsultiert hatte.

»Was meinen Sie denn mit dem Ausdruck sexuelle Ambitionen?«, hatte er Montpelier gefragt. Wenn man ambitioniert war, hatte man es normalerweise auf eine Beförderung abgesehen, aber Leiter der Sexabteilung konnte man eigentlich nicht werden. Merkwürdige Umschreibung.

»Ich meine …« Montpelier wog offenbar verschiedene Erklärungen ab. Schließlich räusperte er sich und entschied sich. »Ich will es noch bringen. Will noch ran an den Speck.«

»Das kommt mir nicht ungewöhnlich ambitioniert vor«, sagte Clint. »Eher ganz normal.«

Clint hatte gerade erst seine psychiatrische Facharztausbildung abgeschlossen, weshalb er sich die Hörner noch nicht abgestoßen hatte. Das war sein zweiter Tag in der Praxis, und Montpelier war erst sein zweiter Patient.

(Sein erster Patient war eine junge Dame mit Angstgefühlen gewesen. Sie fürchtete, ihre Aufnahmeanträge für verschiedene Colleges könnten abgewiesen werden. Allerdings stellte sich ziemlich schnell heraus, dass sie ausgezeichnete Noten vorweisen konnte. Nachdem Clint sie darauf hingewiesen hatte, bestand keine Notwendigkeit für eine Behandlung oder auch nur einen weiteren Termin bei ihm mehr. Geheilt! Das hatte er unten auf den gelben Notizblock mit seinen Aufzeichnungen gekritzelt.)

An jenem Tag hatte Paul Montpelier, der Clint gegenüber auf dem Kunstledersessel saß, einen weißen Pullunder und Hosen mit Bügelfalte getragen. Vornübergebeugt hockte er da, ein Bein breit über das andere geschlagen, und hielt sich mit einer Hand an seinem Anzugschuh fest. Clint hatte beobachtet, wie er auf dem Parkplatz vor dem niedrigen Bürogebäude seinen knallroten Sportwagen abgestellt hatte. Den hatte ihm seine Position als Topmanager in der Kohlenindustrie ermöglicht, obwohl Clint das hagere, sorgenvolle Gesicht eher an einen der Panzerknacker erinnerte, die in den alten Comics immer Onkel Dagobert auf die Pelle rückten.

»Meine Frau sagt – na ja, eigentlich sagt sie es nicht, aber, Sie wissen schon, es ist klar, was sie meint. Die, äh, unterschwellige Botschaft. Sie will, dass ich mich davon löse. Von meinen sexuellen Ambitionen, meine ich.« Er hob ruckhaft das Kinn.

Clint folgte seinem Blick. An der Decke drehte sich der Ventilator. Wenn Montpelier seine sexuellen Ambitionen dorthin sandte, wurden sie abgesäbelt.

»Unterfüttern wir das doch ein wenig, Paul. Wie ist das Thema zwischen Ihnen und Ihrer Frau überhaupt zur Sprache gekommen? Womit hat es angefangen?«

»Ich hatte eine Affäre. Das war der Auslöser. Und Rhoda – meine Frau – hat mich rausgeschmissen! Ich habe ihr erklärt, es wäre nicht wegen ihr, sondern wegen … Na ja, ich hatte halt das Bedürfnis. Männer haben eben Bedürfnisse, die Frauen nicht immer verstehen.« Montpelier ließ den Kopf kreisen und stieß ein frustriertes Zischen aus. »Ich will mich nicht scheiden lassen! Irgendwas in mir hat das Gefühl, dass sie diejenige ist, die damit zurechtkommen muss. Mit mir, meine ich.«

Unter Montpeliers Augen wölbten sich tiefe purpurrote Falten, und unter der Nase war ein kleiner roter Strich, wo er sich geschnitten hatte, vielleicht mit einem billigen Einmalrasierer, den er sich hatte besorgen müssen, weil seine Frau ihn ohne sein richtiges Rasierzeug aus dem Haus geworfen hatte. Seine Traurigkeit und Verzweiflung waren echt, und Clint konnte sich vorstellen, welchen Schmerz dem Mann seine plötzliche Vertreibung bereitete – schließlich lebte er nun in einem Hotel aus dem Koffer und verzehrte in irgendeinem Imbiss einsam und allein verwässerte Speisen. Um eine klinische Depression handelte es sich zwar nicht, aber sein Zustand war so heikel, dass er Respekt und Fürsorge verdiente, auch wenn er sich selbst in diese Lage gebracht hatte.

Montpelier beugte sich über sein Altersbäuchlein. »Seien wir ehrlich. Ich bin bald fünfzig, Dr. Norcross. Was Sex angeht, sind meine besten Tage schon vorüber. Die habe ich für meine Frau hingegeben. Habe sie ihr geopfert. Ich habe Windeln gewechselt. Habe die Kinder zu sämtlichen Sportveranstaltungen und Wettbewerben gefahren, habe Geld für die Studiengebühren angespart. Ich habe alles geleistet, was man von einem Ehemann erwarten kann. Wieso können wir da jetzt nicht zu irgendeiner Einigung kommen? Wieso muss alles so furchtbar zerstritten sein?«

Clint hatte nichts erwidert und einfach abgewartet.

»Letzte Woche war ich bei Miranda. Das ist die Frau, mit der ich geschlafen habe. Wir haben es in der Küche getrieben. Wir haben es in ihrem Schlafzimmer getrieben. Fast hätten wir es noch ein drittes Mal unter der Dusche gemacht. Ich war glücklich wie ein Fisch im Wasser! Endorphine! Dann bin ich nach Hause gefahren, wir haben nett mit den Kindern zu Abend gegessen und abschließend Scrabble gespielt, und alle anderen waren ebenfalls froh und glücklich! Wo liegt das Problem? Das Problem ist selbst gemacht, finde ich. Wieso steht mir denn nicht ein bisschen Freiheit zu? Ist das zu viel verlangt? Ist das denn so frevelhaft?«

Einige Sekunden sagte keiner der beiden etwas. Montpelier beäugte Clint. In dessen Kopf flitzten die Worte herum wie Kaulquappen. Sie wären leicht zu fangen gewesen, aber er hielt sich weiterhin zurück.

Hinter seinem Besucher lehnte ein gerahmtes Bild an der Wand, ein Druck von Hockney, den Clint von Lila bekommen hatte, »damit das Büro gemütlicher ist«. Er hatte vor, ihn später aufzuhängen. Neben dem Bild standen halb ausgepackte Kartons mit seinen medizinischen Fachbüchern.

Jemand muss dem Mann helfen, dachte der junge Arzt unwillkürlich, und das sollte man durchaus in dem hübschen, ruhigen Zimmer hier mit dem an der Wand lehnenden Hockney-Druck tun. Aber musste es sich bei der helfenden Person tatsächlich um Dr. med. Clinton R. Norcross handeln?

Schließlich hatte er extrem hart gearbeitet, um Arzt zu werden, und ihm hatten seine Eltern nicht die Studiengebühren finanziert. Er war in schwierigen Umständen aufgewachsen und hatte alles selbst bezahlt, teilweise nicht nur mit Geld. Um durchzukommen, hatte er Dinge getan, von denen er seiner Frau nie etwas erzählt hatte, wobei es auch bleiben würde. Hatte er all die Dinge für so etwas getan? Um jemand wie den sexuell ambitionierten Paul Montpelier zu behandeln?

Montpeliers breites Gesicht verzog sich zu einer Verständnis heischenden Grimasse. »Oje. Mist. Ich gebe keine gute Figur ab, was?«

»Aber nicht doch«, sagte Clint und schob seine Zweifel für die nächste halbe Stunde beiseite. Gemeinsam walzten sie das Problem aus und betrachteten es von allen Seiten; sie debattierten über den Unterschied zwischen Begierde und Bedürfnis; sie sprachen über Mrs. Montpelier und deren (nach Meinung ihres Gatten) dröge sexuelle Vorlieben; sie machten sogar einen erstaunlich aufrichtigen Abstecher zu Paul Montpeliers frühester sexueller Erfahrung in der Pubertät, wo er mit dem Maul des Plüschkrokodils von seinem kleinen Bruder onaniert hatte.

Um seiner beruflichen Verpflichtung Genüge zu tun, erkundigte Clint sich, ob Montpelier je überlegt habe, sich etwas anzutun. (Nein.) Wie Montpelier sich wohl bei vertauschten Rollen gefühlt hätte? (Angeblich hatte er seiner Frau gesagt, sie könne tun und lassen, wie ihr der Sinn stehe.) In welcher Lage Montpelier sich wohl in fünf Jahren sehe? (Worauf der Mann in dem weißen Pullunder zu weinen anfing.)

Am Ende der Sitzung sagte Montpelier, er freue sich schon auf die nächste, aber sobald er gegangen war, rief Clint bei dem Telefonservice an, wo man seine Sprechstunden betreute. Man solle alle Anrufe für ihn an einen bestimmten Kollegen in Maylock, dem Nachbarort, weiterleiten. Die Frau am anderen Ende erkundigte sich, wie lange das geschehen solle.

»Bis es in der Hölle zu schneien anfängt«, sagte Clint. Durchs Fenster beobachtete er, wie Montpelier seinen knallroten Sportwagen rückwärts aus der Parkbucht lenkte und auf Nimmerwiedersehen davonfuhr.

Anschließend rief er Lila an.

»Hallo, Dr. Norcross.« Ihre Stimme vermittelte ihm das, was andere Leute meinten – oder meinen sollten –, wenn sie sagten, ihnen werde warm ums Herz. Sie fragte, wie es ihm an seinem zweiten Tag so gehe.

»Gerade hat mich der am wenigsten selbstkritische Mensch Amerikas aufgesucht«, sagte er.

»Ach? Mein Vater war bei dir? Bestimmt hat ihn der Hockney verwirrt.«

Sie war schlagfertig, seine Frau, so schlagfertig wie warmherzig, und auch ebenso tough. Lila liebte ihn, ließ aber nicht nach, ihn zurechtzustutzen. Wahrscheinlich brauchte er das. Wie die meisten Männer.

»Ha, ha«, sagte Clint. »Hör mal, du hast doch erzählt, dass im Gefängnis bald eine Stelle frei sein soll. Weißt du da was Neues?«

Ein, zwei Sekunden lang herrschte Schweigen, während seine Frau offenkundig über die möglichen Konsequenzen der Frage nachdachte. Dann antwortete sie mit einer Gegenfrage: »Clint, hast du mir etwas zu beichten?«

Clint hatte nicht einmal in Betracht gezogen, dass sie von seiner Entscheidung enttäuscht sein könnte, die Privatpraxis zugunsten einer Anstellung im öffentlichen Dienst aufzugeben. Er war fest davon ausgegangen, dass sie es nicht sein würde.

Lila war eben ein Geschenk des Himmels.

3

Um mit dem Elektrorasierer an die grauen Stoppeln unter der Nasenspitze zu kommen, musste Clint das Gesicht so verziehen, dass er wie Quasimodo aussah. Aus dem linken Nasenloch ragte ein schneeweißes Haar. Anton konnte so viel mit seinen Hanteln jonglieren, wie er wollte, weiße Härchen in der Nase erwarteten jeden Mann, genau wie jene, die aus den Ohren sprossen. Es gelang Clint, das Exemplar mit dem Rasierer zu beseitigen.

Er war nie so muskulös gewesen wie Anton, nicht einmal in seinem letzten Jahr auf der Highschool, als ihm vom Familiengericht die Unabhängigkeit geschenkt worden war, er daraufhin allein lebte und Zeit hatte, sich der Leichtathletik zu widmen. Clint war damals eher schlaksig und hager gewesen; er hatte einen straffen, aber flachen Bauch gehabt wie sein Sohn Jared heute. Soweit er sich erinnerte, war Paul Montpelier fleischiger gewesen als das Spiegelbild, das er am heutigen Morgen sah. Dennoch ähnelte er weniger Anton als Montpelier. Was wohl aus dem geworden war? Hatte er seine Krise überwinden können? Wahrscheinlich. Die Zeit heilte schließlich alle Wunden. Allerdings verwundete sie, wie ein alter Scherzbold bemerkt hatte, auch alles, was heil war.

Clint hatte nur eine völlig normale – also gesunde, ihm völlig bewusste und im Bereich der Fantasie verbleibende – Sehnsucht fremdzugehen. Im Gegensatz zu Paul Montpelier damals befand er sich in keiner krisenhaften Lage. Sein Leben war das, was er unter normal verstand: ein zweiter Blick auf ein hübsches Mädchen, das ihm auf der Straße begegnete; eine instinktive Kopfdrehung, wenn eine Frau in einem kurzen Rock aus dem Wagen stieg; eine beinahe unterbewusste Lüsternheit auf eines der Models, die zur Dekoration von Der Preis ist heiß dienten. Es war melancholisch und vielleicht auch ein bisschen seltsam, wie der eigene Körper sich beim Älterwerden immer weiter von dem Aussehen entfernte, das man am liebsten gehabt hätte, während die alten Instinkte (nicht Ambitionen, Gott behüte!) übrig blieben wie Kochgeruch, lange nachdem das Essen verzehrt worden war. Verglich er alle Männer mit sich selbst? Nein. Er war nur eines der Stammesmitglieder, das war alles. Das echte Rätsel stellten ohnehin die Frauen dar.

Clint lächelte sich im Spiegel an. Inzwischen war er glatt rasiert. Er stand im Leben. Er war etwa so alt, wie Paul Montpelier es 1999 gewesen war.

»He, Anton«, sagte er zum Spiegel. »Du kannst mich mal!« Die angeberische Pose war zwar nur vorgetäuscht, aber er hatte sich zumindest Mühe gegeben.

Im Schlafzimmer jenseits der Badezimmertür hörte er ein Schloss klicken. Eine Schublade ging auf, und es polterte, wie wenn Lila dort wie üblich ihre Dienstwaffe deponierte. Die Schublade wurde zugeschoben und wieder verschlossen. Es folgten ein Seufzer und ein Gähnen.

Um Lila nicht zu stören, falls sie sofort einschlafen wollte, zog Clint sich wortlos an und nahm seine Schuhe in die Hand, um sie nach unten zu tragen, statt sie auf der Bettkante sitzend anzuziehen.

Lila räusperte sich. »Ist schon in Ordnung. Ich bin noch wach.«

Clint war sich nicht sicher, ob das auch stimmte. Lila hatte es gerade einmal geschafft, den obersten Knopf der Uniformhose zu lösen, da musste sie schon aufs Bett geplumpst sein. Sie hatte nicht einmal die Decke übergezogen.

»Du bist bestimmt total erschöpft«, sagte er. »Ich bin gleich weg. Ist die Sache auf der Mountain Rest Road bereinigt?«

Am Abend hatte sie ihm per SMS mitgeteilt, dass es dort einen Unfall gegeben habe, und geschrieben: Geh lieber schlafen. So etwas war zwar schon vorgekommen, aber doch ungewöhnlich. Daraufhin hatte er mit Jared auf der Veranda Steaks gegrillt und ein paar Dosen Anchor Steam geleert.

»Ein Auflieger hat sich abgekoppelt. Von einem Laster, der für so eine Tierfutterfirma unterwegs war, weiß nicht mehr, wie die hieß. Ist umgekippt und hat die ganze Straße blockiert. Überall Katzenstreu und Hundefutter. Wir mussten einen Bulldozer anfordern, damit der das Zeug aus dem Weg räumt.«

»Klingt nach ’nem ganz schönen Schlamassel.« Er bückte sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Hör mal – wie wär’s, wenn wir anfangen, zusammen joggen zu gehen?« Die Idee war ihm gerade gekommen und hatte ihn sofort aufgemuntert. Man konnte den eigenen Körper zwar nicht daran hindern, schlappzumachen und fett zu werden, aber ein bisschen Widerstand konnte man doch leisten.

Lila öffnete das rechte Auge. Im trüben Licht des mit Vorhängen abgedunkelten Zimmers hatte es eine blassgrüne Färbung. »Heute Morgen nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Clint. Er blieb einen Moment in seiner gebückten Haltung, weil er dachte, sie würde seinen Kuss erwidern. Sie wünschte ihm jedoch nur einen schönen Tag und sagte, er solle dafür sorgen, dass Jared die Mülltonnen an die Straße stelle. Dann sank das Augenlid wieder herab. Ein grünes Funkeln … weg war es.

4

Der Geruch im Schuppen war unerträglich.

Evies nackte Haut kribbelte; sie musste gegen einen Würgereiz ankämpfen. Der Gestank war eine Mischung aus verbrannten Chemikalien, schalem Marihuanarauch und verdorbenem Essen.

Einer der Falter hatte sich in ihren Haaren verfangen, wo er beruhigend an der Kopfhaut pulsierte. Während sie sich umblickte, atmete sie so flach wie möglich.

Der aus Fertigbauteilen errichtete Schuppen war als Drogenküche ausgestattet. In der Mitte stand ein Gasherd, von dem vergilbte Schläuche zu zwei weißen Propanflaschen führten. Ein an der Wand stehendes Regal enthielt Tabletts, Wasserkanister, eine offene Packung Druckverschlussbeutel, Reagenzgläser, Korkstückchen, zahllose abgebrannte Streichhölzer, ein Pfeifchen aus verkohltem Glas und einen Waschtrog, von dem ein Schlauch nach draußen führte, direkt unter dem Netz hindurch, das Evie beim Hereinkommen zur Seite gezogen hatte. Der Boden war mit leeren Flaschen und verbeulten Getränkedosen übersät. Außerdem stand da ein wacklig aussehender Gartenstuhl, dessen Lehne mit dem Logo von Dale Earnhardt Jr. bedruckt war. In einer Ecke lag zusammengeknüllt ein grau kariertes Hemd.

Evie schüttelte die Steifheit und zumindest einen Teil des Drecks aus dem Hemd, bevor sie es anzog. Die Zipfel hingen ihr bis über den Hintern und die Oberschenkel. Bis vor Kurzem hatte das Kleidungsstück eindeutig jemand Ekelhaftes gehört. Ein eindrucksvoller, den Umrissen von Kalifornien entsprechender Fleck im Brustbereich wies darauf hin, dass der ekelhafte Typ Mayonnaise mochte.

Sie hockte sich neben die Gasflaschen und riss die vergilbten Schläuche heraus. Dann drehte sie die Regler an den Flaschen jeweils einen knappen Zentimeter weit auf.

Nachdem Evie den Schuppen verlassen und das Netz hinter sich wieder zugezogen hatte, blieb sie stehen, um tief die frischere Luft einzuatmen.

Etwa hundert Schritte weiter stand auf der bewaldeten Böschung ein Trailer, vor dem auf einer Kiesfläche ein Pick-up und zwei Personenwagen geparkt waren. An einer Wäscheleine hingen neben einigen verblichenen Slips und einer Jeansjacke drei ausgeweidete Kaninchen, von denen eines noch tropfte. Aus dem Schornstein des Mobilheims quoll der Rauch von Holzfeuer.

Jenseits des lichten Waldes und der Wiese stand der gewaltige Baum, von dem Evie gekommen war, doch von hier aus war er nicht mehr sichtbar. Trotzdem war sie nicht allein: Das Dach des Schuppens war mit einem Pelz aus Motten bedeckt, die hin und her flatterten.

Evie ging die Böschung hinab. Dürre Zweige stachen ihr in die Füße, ein Steinbrocken schnitt ihr die Ferse auf. Trotzdem verlangsamte sie ihre Schritte nicht, ihre Wunden heilten immer schnell. An der Wäscheleine blieb sie stehen und lauschte. Sie hörte einen Mann lachen, einen Fernseher und das Geräusch zahlloser Würmer, die in dem kleinen Garten um sie herum das Erdreich durchwühlten.

Das noch blutende Kaninchen wandte ihr seine trüben Augen zu. Sie erkundige sich bei ihm, was sie zu erwarten habe.

»Drei Männer, eine Frau«, sagte das Kaninchen. Von den zerfetzten schwarzen Lippen erhob sich eine einzelne Fliege. Sie flog ein paar Kreise und verschwand in der Höhlung des schlaffen Ohrs. Im Innern hörte Evie die Fliege herumsummen. Das nahm sie der Fliege nicht übel – die tat, wozu Fliegen geschaffen waren –, aber sie trauerte um das Kaninchen, das so ein erbärmliches Schicksal nicht verdient hatte. Zwar liebte Evie alle Tiere, aber besonders die kleineren, die durch die Wiesen krochen und über die ausgelegten Fallen hüpften, die mit den zarten Flügeln und die mit den Hoppelbeinchen.

Sie legte die hohle Hand an den Hinterkopf des sterbenden Kaninchens und brachte dessen verkrusteten schwarzen Mund sanft an ihren. »Danke«, flüsterte Evie, dann ließ sie es in Frieden.