Die Söldnerin
Historischer Roman
Gerhard Krug
Copyright © 2017 Gerhard Krug
Cover Design Juan Avellanosa
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 978-3-96111-350-7
Über den Autor
Gerhard Krug hat bereits sein Zweitstudium als Ghostwriter für den Rundfunk finanziert und das Schreiben hat ihn seither nicht mehr losgelassen.
So schreibt er bis heute immer wieder neben Fachartikeln auch Bücher zum Thema Projekt- und Prozessmanagement. Erschienen sind bisher das Überlebensbuch im Projektmanagement: Tarnen, Tricksen, Täuschen und ein Videobuch zu Microsoft Project©.
Zum Thema Dreißigjähriger Krieg kam der Autor über eine Dokumentation. Mit den Gedanken, was Menschen in einer solchen Situation treibt, begann er die verfügbare Fachliteratur zum Thema zu sichten und vertieft zu lesen.
Am Ende, nach fünf Jahren des Lesens, standen dann die Originalquellen aus dem 17. Jahrhundert, rund 20 000 gelesene Seiten zum Thema und dieser Roman, der diese Zeit wieder aufleben lässt.
Gerhard Krug hält zu diesem Themenkreis immer wieder Vorträge bei Bildungsträgern mit dem Thema »Das Leben der kleinen Leute im Dreißigjährigen Krieg«. Die Inhalte und Termine finden Sie immer aktuell auf seiner Facebookseite.
Vorwort
Der Dreißigjährige Krieg war der zentrale Bruch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Deutschland verlor in diesen 30 Jahren circa ein Drittel der Bevölkerung und es dauerte rund 100 Jahre, bis sich die betroffenen Gebiete wieder einigermaßen von den Kriegsfolgen erholt hatten.
Zum besseren Verständnis der Handlungen im Roman ist es manchmal hilfreich, einige Zusatzinformationen zu haben, die nicht in den Fußnoten Platz hatten. Um solche Inhalte zu erläutern, hat Viktoria, die junge Frau und Söldnerin, eine eigene Homepage erhalten:
www.soeldnerin.de
Darin werden Fakten zu verschiedenen Textstellen aus dem Roman, oder einfach nur als Ergänzung, näher erklärt. Diese Seiten werden immer wieder bearbeitet und erweitert.
Stöbern Sie einfach in den Zusatzinformationen, wenn Sie noch mehr über das Denken, Leben und die Kriegstechniken während des Dreißigjährigen Krieges erfahren möchten.
Gerhard Krug im Sommer 2017
Inhaltsverzeichnis
Die Flucht
Die Verwandlung
Die Herberge
Der Landsknecht
Ins Lager
Der Verhau
Im Dorf
Die Zuflucht
Nach Bistritz
Im Lager
Gen Neuhaus
Die Abrichtung
Der Überfall
Das Spiel
Der Zug
Das Treffen
Die Brücke
Die Gefangenschaft
Lager Prag
Die Seuche
Das Scharmützel
Der Zeltgenosse
Pilsen fällt
Der Eschenhofbäuerin steht schon der Schreck im Gesicht, bevor sie ihren Sohn wirklich heranstürmen sieht. So schnell wie er rennt, ist etwas nicht in Ordnung. Auch die Reiter und Knechte in der Ferne, die auf den Hof zukommen, verheißen nichts Gutes.
Die Bäuerin verlässt den Garten mit einer Schüssel Ackerbohnen im Arm, das Messer noch in der Hand, und blickt ihrem Sohn entgegen.
»Mama, Mama, sie wollen die Viktoria holen. Die Leute haben gesagt, sie ist eine Hexe und muss brennen«, hört die Mutter nun Anton, ihren Zwölfjährigen, atemlos rufen, während er auf den Hof rennt, seiner Mutter, die ihn schon sorgenvoll erwartet hat, direkt in die Arme.
Als er ihr so abrupt in den Arm fliegt, rutscht ihr fast die Schüssel aus der Hand. Sie kann diese gerade noch festhalten und auf die Seite stellen. Im Gesicht der Bäuerin hat sich der Schreck nun in Überraschung und Angst gewandelt.
Sie hält den Jungen an beiden Armen fest und beugt sich zu ihm herunter.
»Woher weißt du denn das? Wer hat das gesagt?«, bohrt die Bäuerin besorgt nach.
»Da kommen sie schon!«, ruft Anton, anstatt ihr zu antworten, und zeigt auf den Weg, der zum Eschenhof führt.
Tatsächlich sind die drei Reiter bereits gut zu sehen, wie sie auf den Hof zusteuern.
Zwei Hunde sind dabei und zwei Knechte zu Fuß. Diese haben ihre Hellebarden geschultert und gehen hinter den Reitern.
»Ich war mit Karl im Flecken1, weil ich für Vater die Trense vom Schuster holen sollte. Da sagten sie, dass der Pfarrer geschworen habe, dass die Viktoria vom Eschenhof zu Hause mit der Axt mehrfach die Kühe vom Nachbarn gemolken habe. Und er habe bei ihr auch ein Teufelsmal am Hals erkannt. Die Völlnerin habe es auch gesehen.«
In diesem Augenblick kommt Viktoria um die Ecke des Bauernhofs, ebenfalls mit einer Schüssel. Sie sieht die erschrockenen Gesichter der Mutter und des kleinen Anton. »Was ist los?«, fragt sie besorgt.
»Die Schergen des Vogts wollen dich holen. Du wärst eine Hexe! Mein Gott Kind, was hast du gemacht?«
Viktoria wird bleich.
»Lauf schnell zu Tante Agathe und bleib dort. Sag ihr, sie muss dich irgendwo verstecken und darf niemand sagen, dass du bei ihr bist, bis ich vorbeikomme und dich wieder hole. Lauf. Schnell. Schnell. Lauf!«
Noch während die Bäuerin diese Worte ruft, stößt sie Viktoria in Richtung Sommeracker, der hinter dem Hof in Richtung Wald und der Tante liegt. Die irdene Schüssel, die Viktoria dabeihatte, rutscht ihr dabei aus der Hand und zerbricht klirrend auf dem groben Schotter des Hofes.
»Lauf so schnell du kannst und bleib nicht stehen, bis du bei Agathe bist.«
Viktoria ist bei diesen Worten schon losgelaufen. Sie hat zwar noch nichts verstanden, aber sie läuft in Richtung des Hofes der Tante auf der anderen Seite der Anhöhe.
Viktoria hört auch schon die Hunde bellen, die ihre Häscher dabeihaben, und die sich jetzt nicht mehr weit vom Hof befinden.
Sie dreht sich kurz um und sieht gerade noch, wie einer der Reiter auf sie zeigt und dem Pferd die Sporen gibt. Nochmals schießt ihr die Angst in die Brust, und Viktoria beginnt noch schneller zu laufen. Dabei hält sie direkt auf den Hang zu.
In wilder Panik jagen ihr Gedanken an Folter und Tod durch den Kopf, während sie den hier noch flachen Hang, hinter dem Hof zum alten Kieshang, hochrennt. Vor ihr liegt die steile Böschung der alten Kiesgrube. Da muss sie hinauf.
Der Reiter war ihr sofort nach dem Fingerzeig gefolgt, durch den Hof gestürmt und ist nun nur noch wenige Meter hinter ihr. Da das Gelände hier aber rasch ansteigt, und das Pferd den steilen Hang nicht hochkommt, springt er ab und folgt ihr zu Fuß.
Mit einem kleinen Hechtsprung versucht er sie am Fuß zu fassen. Aber während er nach ihr greifen will, rutscht er mit seinen schweren, glatten Reiterstiefeln ab. Er muss sich rasch mit beiden Händen abstützen, um nicht mit dem Kopf auf dem Boden aufzuschlagen.
In diesem kurzen Moment ist Viktoria bereits zwei Schritte weiter nach oben gehastet.
Ihr Häscher sieht, dass er sie jetzt zu Fuß nicht mehr erwischen kann. Er flucht, lässt von ihr ab und rutscht zurück zu seinem Pferd. Er springt auf und reitet, das Pferd heftig antreibend, ein Stück zurück und dann weiter nach links vorn, wo der Hang flacher ist, um dann Viktoria oben über das Feld nachzusetzen.
Währenddessen ist Viktoria weiter nach oben gehastet. Dabei gräbt sie ihre nackten Zehen in den Hang und zieht sich mit beiden Händen wechselweise am Gras hoch. Nun am oberen Rand angekommen, schiebt sie sich auf die Kante der Grube, richtet sich auf und hastet weiter Richtung Wald. Sie weiß, dass nicht viel Zeit bleibt, bis ihr Verfolger wieder hinter ihr sein wird.
Noch hat Viktoria einige Sekunden Vorsprung auf ihren Jäger. Aber das Feld ist breit und der Reiter schneller. Sie hastet bereits dem Ende des Ackers entgegen, als das Pferd wieder hinter ihr zu hören ist.
Gleichzeitig betet sie. »Lieber Gott, schlage meinen Verfolger vom Pferd. Oder lass ihn gleich direkt in die Hölle fahren. Tu irgendetwas, was ihn aufhält. Egal was, aber hilf mir Gott«, schreit es in ihr, während sie so schnell läuft, wie sie kann! Zu einem wirklichen Aufschrei hat sie aber bereits keine Luft mehr.
Hinter sich hört sie die Hufe des Pferdes im Galopp rhythmisch auf dem trockenen, harten Ackerboden aufschlagen. Und der Klang dieser Aufschläge kommt nun rasch näher.
Ihre Füße schmerzen, ihre Lunge schmerzt, sie hat Seitenstechen. Die Stoppeln auf dem abgeernteten Acker bohren sich zwischen ihre Zehen und in die Fußsohlen. Die ganzen Füße brennen.
Zum Glück ist sie es jetzt im August gewohnt, barfuß zu laufen, sodass ihre Fußsohlen zwar wehtun, aber die Hornhaut nicht wirklich verletzt wird. Und die Hexe läuft so schnell sie kann weiter in Richtung Wald.
Dieser ist nun schon ganz nah, gleichzeitig aber werden die Aufschläge der Hufe immer lauter. Viktoria sieht schon das Brombeergebüsch, in das sie sich retten will.
Ihre Mutter und sie waren vor einigen Wochen noch dort gewesen und hatten sich wieder, wie jedes Jahr, einen kleinen Pfad in das Innere des Gestrüpps zurechtgetreten, auf das Viktoria nun zurennt.
Und während Viktoria so läuft, steht das Bild vor ihr, wie sie beide zusammen die Beeren pflückten, über dies und das redeten und die warmen, aber nicht heißen Sommertage beim Arbeiten genossen hatten.
Und nun, als Viktoria sich kurz umdreht, ist das schöne Bild schlagartig weg und es überkommt sie erneut Panik!
Ihr Häscher ist bereits viel näher als vermutet, und Viktoria beschleunigt nochmals ihre Schritte. Zumindest will sie das und glaubt auch, dass sie schneller wird.
Viktoria ist nun kurz vor dem Wald, springt über den kleinen Graben, der direkt am Waldrand entlangfließt. Dann läuft sie weiter in das Brombeergebüsch und auf dem kleinen Trampelpfad ihrer Beerensuche in das Innere des Dornengebüschs.
Viktoria rennt, statt auf dem kleinen ausgetretenen Pfad, der nun etwas nach links führt, weiter gerade aus.
Dabei bleibt sie mit dem Fuß an einer Brombeerranke hängen und fällt kopfüber mitten in das dornige Gebüsch aus Baum- und Beerensträuchern vor ihr. Sie reißt ihre nackten Arme nach vorn und versucht sich abzufangen.
Noch während des Falls hört Viktoria hinter sich das Pferd wiehern und kurz danach den Reiter schimpfen und fluchen. Als sie sich nach dem Aufprall kurz zum Reiter umdreht, sieht sie den Kopf des Pferdes weit oben über den Büschen, während es sich aufbäumt.
Es scheut vor dem Brombeergebüsch und weigert sich, in das Gebüsch einzudringen. Der Reiter kann gerade noch seinen Abwurf verhindern. Dann versucht er das Pferd erneut anzutreiben und es in das Gebüsch zu zwingen.
Währenddessen liegt sie mehr auf als zwischen den Dornen und gräbt sich hastig unter das Gewirr der Ranken und kurzen Sträucher, die sich wie eine wuchernde Decke über der Waldweide ausbreiten.
Überall bleibt sie hängen und alles tut ihr weh. Aber sie schiebt sich weiter. Ihr Atem pfeift und das Herz rast, während sie sich immer tiefer in das Gebüsch vorarbeitet.
Mehr schlängelnd als kriechend sucht sie das dichteste Gewirr von Ranken und buschigen Sträuchern vor ihr, unter das man sich schieben kann. Ihr Gesicht ist zerkratzt, ihre nackten Arme ebenso, der Leinenrock und die Bluse sind mehrfach durch die Dornen zerrissen und sie blutet an Armen, Beinen und im Gesicht.
Aber das hat Viktoria noch gar nicht wirklich wahrgenommen. Die Todesangst überdeckt alles und treibt sie weiter vorwärts.
Hinter sich hört sie den Reiter immer wieder auf das scheuende Pferd einschlagen, dabei fluchen und alle Heiligen und Teufel vom Himmel und aus der Hölle herbeizitieren.
Dann hört Viktoria, wie er abspringt und die Tritte seiner Stiefel durch das Gebüsch näher kommen.
Hatte er eine Reiterpistole dabei oder nur einen Degen? Viktoria hatte zwar, bevor sie losrannte, den Reiter gesehen, aber nicht darauf geachtet, welche Waffen er bei sich trug.
Was tun? Die Häscher hatten Hunde dabei. Sie hatte aber vorhin keinen hinter sich gesehen.
Also waren die Hunde bei den anderen Verfolgern auf dem Hof geblieben, und man wartet ab, ob ihr Verfolger erfolgreich sein wird. Aber vielleicht kommen sie nun doch nach und bringen sie mit?
Wieder Panik, die ihr die Brust zuschnürt und das Gefühl gibt, alles sei umsonst gewesen.
Nun hört sie, wie er irgendwo beginnt, das Gebüsch mit dem Degen zu zertrennen und sich eine Schneise zu schlagen. Er hat, während er sein scheuendes Pferd wieder unter Kontrolle brachte, offensichtlich nicht gesehen, wohin genau Viktoria verschwunden war. Sie schiebt sich noch weiter nach hinten neben einen dichten Busch und bleibt still liegen.
Die Lunge brennt wie Feuer, und Viktoria muss husten. Sie presst den Mund in den Boden, hustet und atmet in das dichte, trockene Gras unter dem Beerenbusch. Der Reiter bleibt plötzlich stehen und hört auf, wie wild auf das Gebüsch einzuschlagen.
Hat er etwas gehört? Auch sie bewegt sich nicht und hält die Luft an, zumindest will sie das. Die ganze Szene wirkt wie ein gemaltes Stillleben. Keine Bewegung der beiden, kein Lüftchen, kein Laut eines Tieres unterbricht die Stille. Sekundenlange, unwirkliche und völlige Stille.
»Komm raus du Metze. Du Hure. Du verdammtes Weibsstück. Wir kriegen dich, und wenn ich dich jeden Tag suchen muss! Wir wissen, dass du eine Hexe bist.
Gleich kommen die Kameraden und zünden den Wald an. Mal sehen, ob du dann immer noch still hier drinbleiben willst oder gleich mit dem Feuer in die Hölle fährst. Dann kannst du elende Hexe gleich verbrennen. Dann müssen wir es nicht tun.
Also komm raus, wenn du nicht gebraten werden willst, du verfluchte …« Und dann folgen wieder die wütenden Flüche und Beschimpfungen. Und alle Teufel, die er benennen kann, sollen nun helfen, sie zu finden. Und das sind nicht wenige.
Die ganze Enttäuschung, dass sie ihm entwischt ist, entlädt sich in einem wütenden Schwall von gepressten und gezischten Halbsätzen. Mehr laut als zusammenhängend. Mehr grunzend als gesprochen. Viktoria kann nichts verstehen von all dem, was er von sich gibt. Immer wieder fällt ihr Name und dass sie die Kühe des Nachbarn heimlich gemolken habe, eine Hexe sei und brennen müsse.
Plötzlich fängt er wieder an, mit dem Stecher2 wild auf das Gebüsch einzuprügeln und sich einen Weg tiefer in das Brombeergewirr zu schlagen.
Nun erst bemerkt Viktoria, dass er wesentlich weiter vorn ist als sie. Offensichtlich hat er gedacht, dass die Hexe bis ganz ans Ende des Pfads gelaufen sei. Da er mit seinem Pferd beschäftigt gewesen war, hatte er nicht gesehen, dass sie gestolpert und dann in das Gebüsch seitlich weggekrochen war.
Langsam kann Viktoria wieder etwas ruhiger atmen und beginnt ganz vorsichtig damit, sich noch tiefer unter die Ranken und hinter die Büsche zu schieben.
Nun beginnen auch ihre Arme und Beine zu brennen. Überall fließen kleine rote Rinnsale entlang ihrer Haut.
Die Kratzer im Gesicht brennen und als sie sich mit der Hand über die Wange fährt, ist der Handrücken rot gefärbt von den Riefen, die ihr die Brombeerranken beigebracht haben.
Aber auch die Angst ist wieder zurück und drückt sich auf ihre Lunge. Wie ein Amboss presst sich diese wahnsinnige Angst nach oben aus ihr heraus. Und im Kopf angekommen, beginnt Viktoria zu zittern wie die Blätter der Pappeln unten am Weiher. Es will nicht aufhören.
Sie glaubt, dass er das Klappern ihrer Knochen hören müsse, und zwingt sich langsam nach vorn zu robben, ganz leise und vorsichtig. Die Ranken bleiben jedoch an ihrem Rock und an der Bluse hängen, sodass sie nicht weiterkann, ohne Gefahr zu laufen, dass er sieht, dass jemand das Gebüsch nach unten zieht.
Also bleibt sie liegen, zittert weiter und hofft, dass er bald die Lust verliert, wie ein Wahnsinniger auf die Ranken einzuschlagen, und verschwindet.
Die Wut in ihm kocht, dass er die Metze nicht erwischt hat. Und diese Wut treibt ihn immer weiter vorwärts in das Gebüsch, bis er realisiert, dass er so nicht weiterkommt, geschweige denn diese Hexe findet.
Immerhin sind seine Helfer unten am Hof mit den Hunden. Damit wird es leichter werden, sie aufzuspüren.
Also beginnt er nochmals auf die Hexe zu fluchen und fordert diese auf rauszukommen, wenn sie die Hunde nicht zerfleischen sollen. »Und ich werde zurückkommen, und du musst nicht glauben, dass du davonkommst. Hexen müssen brennen.«
Schon wieder diese furchtbare Drohung.
Sie hört, wie er zurück zum Waldrand geht, während er sich suchend umblickt.
Dann wird es plötzlich still. Schon will Viktoria den Kopf heben, um zu sehen, ob er schon weg ist, als sie gerade noch bemerkt, dass er nur wenige Meter neben ihr steht und angestrengt in das Gebüsch lauscht, ob die Hexe sich bewegt.
Zum Glück sieht er gerade auf die andere Seite. Viktoria kann den oberen Teil seines Brustharnischs3 sehen. Also bleibt sie still liegen und versucht wieder die Luft anzuhalten. Aber das geht nicht.
Ihr Herz rast immer noch und die Lunge verlangt nach Luft. Ob aus Angst oder noch von der Anstrengung, weiß sie nicht. Und ihr Atem geht schnell, trotz ihrer heftigen Bemühungen gar nicht oder wenigstens langsam zu atmen.
Also schnauft Viktoria weiter in das trockene Gras unter ihr und hofft, dass er nichts von diesem lauten Getöse hört, als das sie ihren Atem empfindet. Wenn sie ihn sehen konnte, musste er das ja auch können!
Und plötzlich hat Viktoria das Gefühl, als ob er über ihr wäre, ausholt und seinen Degen auf sie niederfahren lässt.
Gerade als sie vor Panik aufspringen will, hört sie, wie er die Hexe aus nächster Nähe als »Blödes Miststück« bezeichnet und dann weitergeht, in Richtung seines Pferdes.
Kurz darauf hört Viktoria, wie das Traben des Pferdes sich in Richtung Hof entfernt. Nun wird er die Hunde holen! Sie muss weg. So schnell es geht.
Aber Viktoria hat immer noch Angst sich zu bewegen. Vielleicht ist er gar nicht aufgesessen und wartet nur darauf, dass sie sich bemerkbar macht?
Nach gefühlten endlosen Minuten schließlich fasst sie sich ein Herz und hebt vorsichtig den Kopf. Immer noch angestrengt lauschend. Viktoria schielt den kleinen Pfad entlang, sieht aber nichts.
Auch ist nichts zu hören, außer ihr röchelnder Atem und das Pochen ihres Herzens. Dann lässt sie sich auf den Rücken fallen und stützt sich sofort wieder auf, als sich die Dornen in ihren Rücken bohren.
Nun aber atmet sie zum ersten Mal wieder frei durch. Unfähig, sich ganz zu erheben, bleibt Viktoria einfach sitzen und bemerkt, wie sie wieder zu zittern beginnt.
Die ganze Panik von vorhin kommt wieder in ihr hoch, schraubt ihr erneut den Brustkorb zusammen und endlich wieder im Kopf angekommen, beginnt sich ihr Körper erneut zu schütteln, und sie fängt an zaghaft zu weinen. Zunächst nur leise und eher wie ein Wimmern, immer noch in Sorge, ob er vielleicht doch noch da ist. Doch dann kommen die Tränen, und sie weint, sich heftig schüttelnd. Nach einigen Minuten wird es ihr leichter, und die Tränen versiegen.
Sie richtete sich nun ganz auf und sieht sich um. Es ist niemand zu sehen. Auch hinter ihr nur Brombeergebüsch und Laubsträucher. Langsam realisiert sie, dass er wirklich weg ist, und nun beginnt Viktoria erneut hemmungslos zu schluchzen, und die ganze Angst der letzten Viertelstunde fließt abermals aus ihr heraus.
Warum ich? Was hat sie getan, dass sie um ihr Leben rennen muss? Warum bin ich eine Hexe?
Viele Fragen, aber keiner antwortet.
Nach endlosen Minuten wird sie langsam ruhiger, wischt sich wieder die Tränen ab und beginnt sich aus den Ranken zu befreien. Gleichzeitig hört Viktoria das Kläffen der Hunde näher kommen. Der Schreck steht wieder in ihrem Gesicht und bleibt darin wie eine runzlige Maske stehen.
Was hatte Mutter noch gerufen, während sie bereits losgerannt war? »Lauf zu Tante Agathe.« Und das tut sie nun, schneller als jemals zuvor. Bleibt hängen, stürzt.
Sie rappelt sich wieder auf, bleibt prompt erneut an einer Ranke hängen und fällt nochmals in die dornigen Arme des Brombeergebüschs. Mühsam quält sie sich wieder aus dem Gewirr der Dornen.
Reißt sich wieder die Arme und Beine auf, zieht nun aber den Rock hoch und watet durch das Meer von Ranken und Gebüsch.
Wie damals durch den Bach unterhalb des Hofes. Das hatten sie als Kinder oft und gerne gemacht.
Nur jetzt ist es kein Bach, sondern dornige Wirklichkeit, die ihr Mal um Mal die Beine zersticht und zerkratzt.
Immer wieder bleibt Viktoria an den Büschen hängen oder an den Ranken, die kein Ende nehmen wollen. Aber sie hat keine Zeit zu verlieren. Die Meute mit den Hunden ist schon näher gekommen.
Also beginnt Viktoria, wie ein Ziegenbock über die Ranken zu springen. Damit kommt sie zwar schneller voran, reißt sich aber jedes Mal erneut die Beine auf, wenn sie wieder auf dem Boden landet. Auch graben sich die Dornen tief in ihre Fußsohlen.
Egal. Der Schmerz bleibt gleich heftig wie vorhin, und die Angst treibt sie weiter schmerzhaft voran.
Nun wird das Gebüsch langsam lichter und geht über in die Waldweide des Schwandnerhofs.
Viktoria läuft in großen Sätzen weiter in Richtung des Bauernhofs zur Tante. Dieser liegt hinter der langen, flachen Anhöhe, die sie nun hochläuft.
So bemerkt sie nicht, dass auch die großen zottigen Hunde nicht gerne in das Rankengebüsch laufen und unwillig am Rand hin und her trotten, ohne wirklich nach vorn zu drängen und Viktorias Geruch zu folgen. Zwar riechen die Hunde die Flüchtende, sie nehmen auch immer wieder Anlauf, in das Gebüsch vorzudringen, aber die Dornen in den Pfoten lassen sie immer wieder zögern und draußen unschlüssig stehen bleiben.
Nach einigen Minuten beschließen die Häscher, das Gebüsch zu umgehen und dann auf der anderen Seite nach ihr zu suchen. Entweder ist die Hexe weitergelaufen oder noch im Gebüsch. Und wenn das Weibsstück noch im Gebüsch ist, wird man sie schon finden. Man wird dann sehen, was zu tun ist.
Währenddessen ist Viktoria bereits auf dem Weg zur Tante. »Warum wollen die mich als Hexe verbrennen?«, fragt sie sich ständig. Ich habe doch nichts gemacht. Und mit ihren 16 Jahren erst recht nicht. »Natürlich gibt es Hexen, keine Frage, aber ich bin sicher keine!« Und warum hat der Pfarrer geschworen, dass sie mit der Axt im Balken die Kühe des Nachbarn gemolken habe? Warum lügt er?
Da wird ihr plötzlich klar, was los ist.
Deshalb hatte der Pfarrer bei der Sonntagsmesse von Hexen und Dämonen geredet, die alle aufrechten und christlichen Menschen bedrohen. Auch ihn hätten sie versucht zu verführen. Als junges und schönes Mädchen hätten diese es auch bei ihm versucht. Aber er sei standhaft geblieben und habe sie mit Weihwasser und Gebeten vertrieben.
Aber diese Hexe werde noch brennen und ihr wüstes Buhlen mit dem Satan werde bald beendet. Und da hatte er sie gemeint. Nicht umsonst hatte er immer wieder in ihre Richtung geblickt. Nur warum er das gesagt hatte, hatte sie nicht verstanden.
Da kommt plötzlich Wut in ihr hoch. Und gerade in dem Moment, als sie erkennt, was für ein Spiel dieser Teufel von Pfarrer mit ihr gespielt hat, ist sie auf der Lichtung oberhalb des Schwandnerhofs angekommen.
Das Gelände war wieder abgefallen und Viktoria steht am Waldrand, nur einige Hundert Schritte vom Hof entfernt, als sie die große Rauchfahne über dem Schwandnerhof sieht.
Schnell duckt sie sich und schaut mit großen, panischen Augen nach vorn.
Was dort zu sehen ist, drückt die Angst wieder in ihren Körper zurück.
Der Schwandnerhof brennt. Hoch und wütend schlagen die Flammen aus dem Giebel und um den Hof stehen etliche Reiter in sicherem Abstand. Kosaken!
Sie hat zwar noch nie welche gesehen, aber die Erwachsenen hatten sie oft und ausdauern beschrieben. Seit einigen Wochen seien sie in der Gegend, mordend und brennend. Dieses Mördergesindel.
Also war es doch wahr, was der Nachbar am Sonntag erzählt hatte.
Dass diese elenden Mörder letzte Woche in das lang gezogene Tal hinter ihrem Hof vorgedrungen waren und alles geraubt hatten, was nach Geld aussah oder irgendwie zu Geld gemacht werden konnte. Der Dampierre4 sei schuld.
Er lasse die Kosaken die ganze Gegend verheeren und kümmere sich überhaupt nicht darum, was diese Schurken anrichten würden. Und der Kaiser und Maximilian, der bayrische Tyrann, seien auch nicht besser.
Und die Tante? Von ihr, dem Onkel, auch von deren Kindern, keine Spur. Vorsichtig schiebt sie sich ein Stück zurück in den Wald und läuft nach links zu einer Stelle, an der der Wald mit großen Bäumen bestanden ist und vorn mit einer kleinen Ansammlung hoher Trauftannen.
Dort angekommen, klettert Viktoria mit sicherem Tritt auf die tiefen Äste der vorderen Tanne am Rand der kleinen Mulde und hangelt sich vor bis zum Stamm. Und dann geht es am Stamm entlang nach oben, um besser sehen zu können. Die Fußsohlen brennen. Aber es muss halt gehen, auch wenn es wehtut.
Nun steht sie auf halber Höhe, auf einem breiten Ast der Tanne, und hat einen guten Blick über das flache Tal, hin zum Schwandnerhof.
Panisch blickt sie in das leicht abfallende Tal zum Hof. Der steht nur etwa 300 Schritte von ihr entfernt beziehungsweise das, was von ihm noch übrig ist.
Das Räuberpack hat die Betten aus dem ersten Stock in den Hof geworfen. Dort liegen die Bettgestelle zerbrochen und wild übereinander.
Die Federbetten sind schon auf einem Pferd verstaut, das hinter dem Hühnerstall an einem Obstbaum angebunden ist. Aus einem Bett haben sie die Federn geschüttelt und einer liest soeben die Reste der Kücheneinrichtung zusammen, sofern sie nicht zerbrochen sind, und verstaut sie im leeren Bettbezug.
Pfannen und der große Kessel aus der Küche liegen zusammengestellt daneben. Das gesamte Vieh rennt weiter hinten in Richtung des Marktfleckens, von zwei Reitern verfolgt. Der Hühnerstall ist zerschlagen und soweit sie das sehen kann, liegen die Hühner tot davor.
Die Kosaken lachen und scherzen, trinken aus großen Krügen, was aus dem Fass neben ihnen noch zu bekommen ist.
Wahrscheinlich den Most, den sie aus dem Keller nach oben geholt haben. Gelegentlich taumelt einer etwas benommen. Sie sind schon kräftig betrunken. Das sieht Viktoria sogar von hier.
Das Feuer knistert und ein Balken kracht donnernd nach unten. Eine glühende Wolke von Funken schlägt aus dem Stall und hüllt den ganzen Hof, trotz der Sonne, in ein orangefarbenes Licht. Die Kosaken rufen laut »Feurio« und machen einige Luftsprünge. Sie genießen diesen guten Tag.
Während sie dieses Schauspiel betrachtet, hat ein Hund gebellt. Ihre Verfolger haben mit den Hunden ihre Spur gefunden und sind nun ganz in der Nähe!
Wieder kehrt die wilde Angst in Viktorias Körper zurück.
Sie will gerade hastig den Baum verlassen, da ruft plötzlich einer der Mörder im Hof dem anderen laut etwas zu und zeigt vor sich auf den Wald zu ihr. Hat er sie gesehen, oder meint er ihre Verfolger?
Sofort kommt Bewegung in den wüsten Haufen.
Die Hälfte von ihnen rennt zu den Pferden und springt auf. Noch bevor sie sich entschieden hat, was sie nun tun will, jagt die kleine Gruppe Reiter im Galopp direkt auf sie und den Wald zu. Gleichzeitig hört sie nicht weit neben sich den kurzen Ruf eines ihrer Verfolger: »Umdrehen und schnell weg.«
Aber es ist schon zu spät. Die heranstürmenden Kosaken haben die Häscher des Vogts bereits im Visier und reiten direkt in ihre Richtung. Deren Hunde werden losgelassen und stürmen auf die ankommenden Reiter zu.
Das erste der Kosakenpferde scheut und wirft den Reiter ab, als der Hund überraschend vor ihm auftaucht.
Die anderen Reiter stürmen heran und einer erschießt den dunklen Hund, der sich auf ihn stürzen will, vom Pferd aus mit seiner Reiterpistole.
Der andere Hund weicht vor dem Pferd des nachfolgenden Kosaken zurück, als dieser direkt auf den Hund zureitet. Kurz danach trifft ihn das Rapier5 des Reiters am Rücken. Der Hund überschlägt sich und windet sich im Todeskampf auf der Wiese.
Die Hexenjäger flüchten von Panik getrieben in den Wald zurück, direkt in Richtung des Brombeergebüschs, aus dem sie soeben gekommen ist.
In diesem Moment wird ihr die Absurdität dieser Flucht bewusst. Nun wollen sich die Häscher selbst, verfolgt von den Kosaken, genau in das Gebüsch flüchten, aus dem sie soeben herausgekrochen ist.
Wieder fällt ein Schuss. Jemand schreit auf. Ein anderer ruft um Gnade. Was hinter ihr im Wald geschieht, kann sie nicht sehen. Aber die Geräusche sind deutlich und brutal. Ein wilder Kampf findet statt. Ihre Häscher mit Degen und Hellebarden bewaffnet gegen die kriegserfahrenen Kosaken des Dampierre.
Sie hört, wie hinter ihr weitergekämpft wird. Rufe, Schreie von Verletzten und Sterbenden. Die Kosaken haben nicht gefragt, wer die anderen sind. Sie haben sofort den Kampf begonnen, in der Annahme, dass es sich wohl um einen Landfahnen6 handelt, der sich ihnen entgegenstellen soll.
Es ist Krieg, hier in der böhmischen Region.
Dann wird es still. Nach einer schier endlosen Zeit des Wartens hört sie wieder Pferde langsam in Richtung Schwandnerhof gehen. Die Reiter sind noch erregt und debattieren heftig miteinander.
Und sie haben Kleider hinter sich an den Sattel gebunden. Auch zwei Hellebarden werden von den Reitern gehalten. Von den Knechten ist nichts zu sehen.
Unten angekommen, geht das Gelage weiter, jedoch merklich ruhiger. Auch sind nicht alle wieder zurückgekommen. Ihr scheint, dass ein oder zwei Kosaken fehlen. Aber Pferde ohne Reiter sieht sie nicht.
Die Kosaken machen weiter, wo sie unterbrochen wurden. Und gerade als das Plünderfest wieder richtig zugange ist, springt einer der Kosaken auf und zeigt auf die Hausecke. Er ruft etwas und rennt zu seinem Pferd. Alle versuchen, auf ihre Pferde zu springen, oder ziehen Pistolen. Andere halten schon den Degen in der Hand.
Sie sieht, dass hinter dem Haus andere Reiter, mit gezogener Pistole oder einem Rapier in der Hand, heranstürmen.
Im Galopp fliegen sie auf die plündernde Horde zu, um sofort, als sie um die Mauer sind, auf die Kosaken zu schießen oder auf sie einzuschlagen.
Es knallt mehrmals, Rauchfahnen quellen aus den Reiterpistolen und einige der Kosaken fallen vom Pferd oder sinken daneben zu Boden. Aber auch einige der ankommenden schwarzen Reiter werden getroffen. Andere reiten direkt auf die Ankömmlinge zu und schlagen mit dem Degen auf diese ein.
Einer der ankommenden Kürassiere7 weicht geschickt dem Angriff des Kosaken aus und der Schlag seines Feindes, den dieser mit voller Wucht ausgeführt hat, trifft sein eigenes Pferd in der Flanke. Dieses bäumt sich auf und fällt schräg nach hinten, als die Hinterhand nachgibt.
Der Kosak wird mit dem Fuß unter dem Pferd eingeklemmt. Der ganz in einen dunklen Kürass gekleidete Angreifer springt, trotz der schweren Rüstung, elegant vom Pferd und bohrt seinen Degen in den liegenden Reiter.
Dabei übersieht er, dass ein anderer Kosak mit der Pistole schon auf ihn zielt. Mit dem lauten Knall der Pistole fällt er auch schon über das Pferd und den erstochenen Kosaken vor ihm.
Ein Dutzend andere Reiter taucht jetzt im Hof auf und hinter ihnen noch weitere. Während einige Kürassiere und Kosaken miteinander kämpfen, beginnt eine wilde Flucht der anderen Kosaken in alle Richtungen, dicht gefolgt von den neu angekommenen Reitern in ihren dunklen Rüstungen.
Auch die anderen Kosaken geben nun den Kampf auf und jagen in alle Richtungen über die Felder davon, sofern sie nicht von den Verfolgern schon während des Aufsteigens getroffen werden.
Immer wieder knallen Pistolen. Schreie und laute Befehle dringen zu ihr. Eine wilde Jagd ist entbrannt, die sich nach überall ausdehnt. Rasch verschwinden die kleinen Gruppen von Kosaken und Verfolgern in den umliegenden Waldrändern.
Die Verfolgung wird jedoch von den schwarzen Angreifern ziemlich rasch beendet, da die Kürassiere mit ihren schweren Rüstungen von den flüchtenden Kosaken rasch abgehängt werden und dann die Jagd aufgeben.
Zum Glück ist keiner direkt in ihre Richtung geflohen. Nach einigen Minuten kann sie sehen, wie die ersten schwarzen Ankömmlinge in kleinen Gruppen wieder zum Hof zurückkehren. Einige der Zurückgebliebenen sind abgestiegen und tragen die Toten im Hof zusammen. Zwei Kürassiere, scheinbar verletzt, werden im Obstgarten abgelegt und versorgt.
Einer der am Rand liegenden Kosaken scheint noch zu leben. Sie sieht, wie er versucht, sich hinter dem Brunnentrog am Rand des Hauses zu verstecken. Langsam zieht er sich hinter die Deckung. Dabei wird er von einem der Kürassiere gesehen. Dieser ist abgestiegen und läuft rasch um die Ecke des Hauses zum Brunnentrog.
Nach einer kleinen Weile kommt er mit Kleidern, Hut und Stiefeln im Arm zurück. Gemächlich schlendert er zurück zur Gruppe vor dem Haus und wirft die Kleider auf den Bettbezug mit den Küchengeräten, während er sich mit seinen Kameraden unterhält.
Auch die anderen Kosaken werden von seinen Söldnerkameraden rasch entkleidet und unter das brennende Haus geschleift. Sobald dieses zusammenstürzt, werden sie darunter begraben und verbrennen. Aber auch die eigenen Toten werden ausgezogen und zu den toten Kosaken geschleift, ganz dicht an die Balken, die noch nicht brennen.
Es sieht für Viktoria aus, als ob sie ein kurzes Gebet sprechen. Und damit ist die Beerdigung erfolgt.
Das verletzte Pferd wird abgestochen, und zwei der Söldner beginnen nun, es zu schlachten. Im Nu haben sie große Fleischteile herausgeschnitten und auf die Seite gelegt.
Ein anderer hat inzwischen aus dem Haus einige brennende Bretter herausgezogen und in einiger Entfernung auf einen Haufen geworfen. Im Nu beginnen andere die zerbrochenen Betten darüberzuwerfen, und das Feuer weiter zu entfachen. Wieder andere sind schon dabei, die Holzkrüge aus dem Fass zu füllen und reichen diese herum. Alle sind bereits wieder guter Laune, über den gelungenen Überfall auf die Kosaken und die bewiesene Tapferkeit.
Viktoria kann niemanden von der Familie sehen. Voller Angst sieht sie dem Treiben der Söldner zu. Was nun? Wenn sie den Söldnern vor ihr in die Hände fällt, dann wird ihr nichts Gutes widerfahren. Das ist sicher.
Die Leute im Dorf haben oft von den Gräueln der Soldaten erzählt und dass alle jungen Frauen geschändet werden.
Läuft sie zurück, dann fällt sie vielleicht ihren Häschern in die Hände, die sie zur peinlichen Befragung in die Stadt bringen werden. Was aus diesen, ihren Verfolgern, geworden ist, weiß sie nicht. Wahrscheinlich haben sie die Flucht ergriffen oder wurden umgebracht.
Da bellt ein Hund ganz in der Nähe. Ihre Verfolger sind also noch im Wald. Sie kann nicht zurück. Und so entscheidet sie sich, noch auf der Tanne zu bleiben. Auch wenn die Füße weiter höllisch schmerzen.
Viktoria, noch immer an den Baumstamm gelehnt, sieht, wie dort neben dem Hof die Kürassiere bereits dabei sind, das Fleisch des Pferdes zu braten.
Andere haben das Vieh, das schon Richtung Marktflecken unterwegs war, wieder zurückgetrieben auf das Feld, das zu ihr hin neben dem Wald liegt. Dort werden die Kühe langsamer und beginnen nach wenigen Minuten zu grasen. Die Kosaken, die die Kühe getrieben haben, sind verschwunden.
Andere Söldner sichten die Beute, und es beginnt ein wilder Handel, wer was bekommt. Sie kann zwar nichts Genaues verstehen, aber das wilde Gestikulieren und die Flüche, die sie zu hören glaubt, sind deutlich genug.
Alles, was die Kosaken geraubt hatten, wird nun unter den anwesenden Kürassieren verteilt. Einer hat sich Pfannen und den Kessel an den Sattel gebunden. Andere haben sich Teile auf den Rücken geschnallt, die sie nicht genau erkennen kann. Einer der Offiziere hat sich das Pferd mit den Daunenbetten geholt und neben seinem Pferd angebunden.
Alle sind weiter vom Haus in den Obstgarten gezogen, damit die Pferde, vom Feuer verängstigt, sich nicht losreißen. Wenn man nicht wüsste, dass dieser Hof ausgeraubt wurde, hätte man den Eindruck, dass hier ein gemütliches Treffen unter Freunden stattfindet.
Nur der brennende Hof zeigt die Wut der Zerstörung dieser Horden. Niemand hat nach Überlebenden der Familie gesucht oder gefragt, wo die Bauern abgeblieben sind.
Das ist ohne Bedeutung für diese Brut. Wut kommt in ihr auf. Ihr wird klar, dass diese Horde keinen Deut besser ist als die Kosaken.
Das Problem mit ihren Häschern scheint aber gelöst zu sein.
Und nun? Plötzlich wird sich Viktoria bewusst, dass die Flucht zur Tante hier geendet hat.
Zurück kann sie auch nicht. Man wird den Hof ihrer Eltern in den nächsten Wochen überraschend besuchen und noch mehrmals nach der Hexe durchsuchen.
Das hat man auch im Haus der Hexe Amalie, der alten Nachbarin im Ausgedinghaus8 hinter dem Nachbarhof, so gemacht, nachdem diese erst mal entkommen war. Also wird man bei ihnen das auch so machen.
Viktoria setzt sich auf den großen Traufast, auf dem sie gestanden hat und lehnt sich wieder an den Stamm. Während sie so auf den brennenden Hof blickt, kommen ihr langsam wieder die Tränen, und eine tiefe Verzweiflung macht sich erneut breit.
Womit hat sie das verdient. »Lieber Gott! Was habe ich getan, dass du mich so strafst.« Aber Gott gibt keine Antwort.
Auch der Wald nicht, der um sie herum still daliegt und friedlich schweigt. Einige Vögel zwitschern und scheinen zu antworten. Ansonsten regt sich nichts. Alles wirkt friedlich.
Sind die Häscher wirklich weg? Die Tränen werden größer und sie beginnt vor sich hin zu schluchzen.
Immer mehr schüttelt es sie. Ihre ganze Verzweiflung will aus ihr heraus und sich der Umgebung offenbaren.
Nach einer langen Unendlichkeit wird sie ruhiger. Die Tränen sind versiegt. Sie hat keine mehr. Nur das rhythmische Schütteln ist geblieben und das stille Weinen.
Ihr Kopf ist leer. Sie kann keinen Gedanken fassen und bleibt einfach sitzen. Ihr Blick in Richtung Hof sieht nicht, wie die Söldner ihre Beute und die verletzten Kameraden nun ganz verladen haben und mit der Viehherde abziehen.
Sie muss schon Stunden so sitzen. Die Sonne ist bereits weit vorgerückt und die Schatten der Bäume haben sich weiter in die Wiese vor ihr vorgeschoben. Am liebsten würde sie hier so sitzen bleiben und sterben. Das wäre die einfachste Lösung ihres Problems.
Das Haar hängt ihr inzwischen wirr um den Kopf. Das Dornengebüsch hat ihr das Haarband weggerissen und den geflochtenen Zopf halb geöffnet. Wenn jemand sie so sehen würde, wäre er sicher, dass dort oben auf der Tanne eine Hexe sitzt und auf ein Opfer wartet.
Bei diesem Gedanken muss sie kurz auflachen. Ein wirres und irres Kichern entflieht ihrem Mund, bevor sie wieder in ihre Verzweiflung zurückfällt.
Also da sitzt nun die Hexe auf dem Baum und wartet weder auf ihre Opfer noch auf sonst jemand.
Immer mehr wird ihre Verzweiflung Teil ihres Denkens.
Welchen Sinn hat das Ganze. Sie muss doch nicht so unschuldig sein, wie sie sich fühlt. Gott würde sie sicher nicht ohne Grund auf eine solche Prüfung stellen, wenn sie nicht etwas Unrechtes getan hätte. Aber was?
Und so beginnt sie wieder zu grübeln und über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Langsam wird sie ruhiger, aber was sie nun tun soll, das weiß sie immer noch nicht. Ihr Leben war bisher eintönig und ohne besondere Ereignisse verlaufen. Und eine Hexe ist sie auch nicht. Da ist sie sich nun ganz sicher.
Vielleicht kann ich in der Nacht zu den Eltern zurückschleichen und mir einen Rat holen. Und natürlich auch berichten, dass diese verdammten Söldner den Hof der Tante abgebrannt haben.
Was ist mit der Tante? Und dem Rest der Familie? Immer noch ist niemand von der Familie zu sehen. Sie kann auch keine Toten erkennen.
Sicher sind sie in den Wald geflohen. Der Onkel hatte letztes Mal erzählt, dass er eine kleine Hütte im Wald für diesen Fall gebaut habe.
Hinten am Waldtobel. Dort könnten sie unterschlüpfen, wenn Söldner kämen. Aber wo ist diese Hütte?
Die Kürassiere sind inzwischen vollständig abgezogen. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass die Söldner allesamt verschwunden sind.
Wo sind sie hin? Sie hatte es zwar gesehen, aber in ihrer Verzweiflung nicht wahrgenommen. Sie späht angestrengt in Richtung Hof. Dort ist aber niemand mehr zu sehen. Dann kann sie ja nachsehen, wo die Tante geblieben ist.
Schnell beginnt sie von der Tanne herabzusteigen. Aber kurz vor dem Boden kommen ihr Zweifel. Was, wenn die Kosaken oder ihre Häscher noch im Wald unterwegs sind?
Sofort sind die Schrecken dieses Tages wieder da, und sie klettert rasch wieder zurück zu ihrem Ausguck. Niemand zu sehen. Alles liegt still. Außer dem Knistern des Feuers und dem gelegentlichen Krachen der Balken des brennenden Hofes, dessen Feuer nun langsam kleiner wird, ist nichts zu hören. Nur gelegentlich zwitschert ein Vogel.
Was tun? Sie beschließt, noch einige Zeit zu warten, und lauscht angestrengt in den Wald. Nichts rührt sich. Sie will hinunter zum Hof laufen. Aber was soll sie da? Löschen? Der Gedanke macht sie wieder verzweifelt. Bittere Armut steht der Tante bevor. Jetzt im Frühherbst war die Ernte eingebracht und ist wahrscheinlich verbrannt. Das Vieh ist weg und sogar die Hühner sind tot. Bei diesem Gedanken sieht sie zum Hof und bemerkt nun, dass auch die Hühner von vorhin verschwunden sind. Verdammte Räuberbande.
Und das macht sie noch wütender. Aber helfen tut es auch nicht. Und ihre Wut ist ohne Ventil.
Alle sind sie gegen uns Bauern. Wenn sie uns nicht mit Steuern umbringen, dann verfolgen sie dich als Hexe. »Verdammtes Pack!« Wut und Zorn kommen heftig wieder in ihr hoch. Vorbei die tiefe Trauer von vorhin.
Aber was soll und kann sie tun? Der Hof ist abgebrannt. Dort kann sie sich nicht in Sicherheit bringen. »Zurück kann ich auch nicht«, hört sie sich sagen. Wieder macht sich in ihr die Verzweiflung breit, und die Gedanken kreisen wieder um dieselben Dinge, wie schon die ganzen letzten Stunden.
In diesem Moment hört sie ein Pferd schnauben. Es kann nicht weit weg sein.
Sofort ist ihr Körper wieder in Alarmstimmung, und sie bleibt völlig still auf dem Ast sitzen. Nur Ihr Herz schreit laut nach draußen, dass sie Angst hat.
Das müssen alle in weitem Umkreis hören, so laut schlägt es in ihrem Hals. »Ich bin ganz ruhig und still«, hört sie sich leise vor sich hin sagen.
Wieder hört sie das Schnauben des Pferdes hinter dem kleinen Waldvorsprung links, nicht weit von ihrer Aussichtsplattform. Dieser Vorsprung ist so breit, dass sie nicht sehen kann, was dahinter vor sich geht. Dort muss es sein.
Sie hört keinen Hufschlag. Also muss es stehen.
Nur das Schnauben des Pferdes dringt immer wieder an ihr Ohr. Wartet der Scherge nur darauf, dass jemand sich aus dem Wald traut? Oder beobachtet er wie sie, was vorn am Hof vor sich geht? Ist es einer ihrer Häscher, der sich hier versteckt hat?
Aber nichts geschieht. Sie wartet eine kleine Ewigkeit. Plötzlich ein leichter, dumpfer Auftritt. Jemand ist vom Pferd gesprungen. Aber außer dem Schnauben des Pferdes ist sonst nichts zu hören. Keine Schritte, kein Klappern von Degen oder Rüstung, die gegeneinanderschlagen. Es ist wieder still.
Das Pferd meldet sich immer wieder mit leichtem Schnauben hinter dem Waldvorsprung. Plötzlich sieht sie das Pferd. Mit Sattel, aber ohne Reiter geht es ein Stück auf die Wiese hinaus und beginnt trotz Zaumzeug zu fressen. Der Zügel hängt am Sattel fest.
Der Reiter scheint abgesessen zu sein und wird wohl am Waldrand eine Pause machen und die Umgebung beobachten. Aber warum hat er das Pferd nicht vom Zaumzeug befreit? Und wenn er die Lage beobachten will, dann ist es Unsinn, das Pferd auf die Wiese laufen zu lassen.
Warum riskiert er, dass er so bemerkt wird?
Der Reiter muss ja wissen, was hier passiert ist. Entweder ist es ein Kosak oder einer der Reiterschergen, die sie als Hexe brennen sehen wollen. Die Kürassiere sind wahrscheinlich gemeinsam weg. Dann lässt man doch sein Pferd nicht einfach laufen. Auf die Gefahr hin, dass es einen verrät oder es sogar wegläuft.
Sie beginnt sich ein Herz zu fassen und steigt vorsichtig von der Trauftanne. Immer wieder unterbricht sie ihren Abstieg und lauscht, ob sich etwas bewegt oder jemand auf sie zukommt. Aber nichts ist zu hören, außer ihr Herz, das noch immer laut trommelt.
Unten angekommen, geht sie sofort in die Hocke und sucht nach irgendwelchen Auffälligkeiten. Nichts ist zu sehen, was nicht in den Wald gehört. Keine Geräusche, die nicht zu den Waldtieren gehören, außer dem Pferd, das immer wieder durch leichtes Schnauben auf sich aufmerksam macht.
Langsam schleicht sie in Richtung des Waldvorsprungs. Immer auf der Hut, ob hinter ihr nicht einer der Schergen über sie herfallen will. Nach langen Minuten ist sie am Ende des Vorsprungs angekommen. Sie will gerade noch einen Schritt nach vorn machen, als sie entsetzt zurückweicht. Vor ihr liegt ein Kosak im Gras.
Sein breitkrempiger Hut liegt neben ihm. Die linke Hand auf der Brust, wie im Schlaf. Unter der Hand quillt ein kleines, schmales Rinnsal von Blut hervor. Nicht breit. Sein Gesicht ist vor Schmerz verzerrt und wirkt wie eine geschnitzte Larve.
Der Bart ist verdreckt und mit Gras vermischt. Wahrscheinlich ist er auf das Gesicht gefallen und hat sich danach umgedreht, sodass er jetzt auf dem Rücken liegt, vermutet sie. Seine Lippe blutet. Seine ärmellose Weste hängt, auf der linken Seite halb heruntergezogen, nur noch auf der rechten Schulter. Auf dieser Seite wird es von einem Schulterband gehalten, das schräg über den Körper läuft.
Das Hemd war früher mal weiß. Nun ist es am Kragen voller Erde, Schweiß, Blut und Gras. Die dreiviertellangen schwarzen Hosen, reich verziert mit Stickereien, sind ebenfalls mit Erde verdreckt. Aber auch Blut ist darauf zu sehen. Wie wenn er seine Hand daran abgewischt hätte.
Am Gürtel hängt ein langer, spitzer Dolch. Auch ein dicker, breiter Beutel hängt, gut befestigt, daran. Unter dem Rücken schaut der Griff eines Rapiers hervor, das vermutlich an dem Schulterband hängt, das er vorn geschnallt trägt.
Seine hohen Stiefel haben große Stulpen und schöne Sporen. Im Gegensatz zu den anderen Kleidungsstücken sind die Stiefel peinlich sauber und glänzen in der Abendsonne.
Seine Augen blicken sie groß an, also wollten sie sagen. »Du? Was machst du denn hier?« Da hebt er plötzlich seine Hand und beginnt zu röcheln. Sie erschrickt fürchterlich und prallte einige Meter zurück, stolpert und fällt rücklings gegen einen Baum. Sie schlägt sich den Kopf an, stöhnt erschreckt auf und sitzt nun völlig benommen an den Baum gelehnt.
Aber sie hört nichts von ihm, außer dem Röcheln aus seinem Mund. Seine Hand hebt sich nochmals und verschwindet dann wieder hinter dem kleinen Rain vor ihr. Sie rappelt sich auf, duckt sich aber sofort wieder. Was war das? Sie hatte ein Rascheln gehört. Aber nichts geschieht. Sie fasst wieder Mut und kriecht wieder vorsichtig nach vorn zu dem Verletzten. Sie sieht sich um, aber nichts ist zu sehen außer den Dingen des Waldes, und sie wendet sich wieder dem Verletzten zu.
Jetzt scheint er wieder bei sich zu sein. Seine linke Hand ist immer noch auf die Brust gedrückt. Er atmet schnell und flach. Bei jedem Atemzug dringt ein schleimiges Röcheln aus seinem Mund.
»Hilf mir«, glaubt sie ihn röcheln zu hören. Aber was soll sie tun?
Sie will schon näher an ihn herankriechen, als sie zurückzuckt. Was, wenn er sie packt? Er ist ein kräftiger Kerl. Nicht sehr groß, eher klein, etwa ihre Größe. Aber mit kräftigen Armen, das kann sie unter dem Hemd sehen.
Sie zieht sich wieder ein Stück zurück. In diesem Moment sieht sie die Enttäuschung in seinen Augen, und das verzweifelte Gesicht neigt sich zur Seite.
Gleichzeitig gleitet die Hand von der Brust auf die Seite und legt sich sanft ins Gras. Aus der Brustmitte quillt kein dunkles Blut mehr. Sein Atem ging vorhin noch schnell und hechelnd. Sein Brustkorb hob sich unrhythmisch und nur mit geringer Hebung.
Aber jetzt beginnt er sich plötzlich aufzubäumen, drückt den Rücken durch und fällt dann erschöpft zurück ins Gras.
Erschrocken weicht sie wieder nach hinten aus. Nun ist völlige Stille. Sie hört seinen Atem nicht mehr. Auch bewegt er sich nicht mehr, soweit sie das von hier aus sehen kann.
Auf den Knien rutscht sie wieder etwas nach vorn, um mehr sehen zu können. Aber nichts tut sich.
Sie steht nun vorsichtig auf und späht wieder hinter sich. Immer wieder ist ihr, als sei hinter ihr einer der Häscher. Sie dreht sich hastig um, aber niemand ist zu sehen.
Sie macht einen weiteren Schritt nach vorn zu dem Söldner hin und blickt auf den vor ihr liegenden Kosaken.
Er bewegt sich nicht mehr. Auch hört sie ihn nicht mehr atmen. Wieder ist es still um sie. Nur das Pferd hat sich gewendet und kommt gemächlich auf den Reiter und sie zu.
Als wolle es ihn aufwecken, stupst es den Kosaken an. Aber nichts geschieht. Als sie in die Augen des Söldners blickt, wird sie gewahr, dass er tot ist.
Diesen Blick kennt sie vom Großvater, der vor einigen Wochen gestorben ist. Auch er hatte diesen leeren Ausdruck in den Augen und sah sie ebenso vorwurfsvoll an wie der tote Söldner vor ihr. »Warum hast du mich sterben lassen?«, wollte er ihr sagen.
Was nun?
Erneut kommen die Angst und die Verzweiflung zurück und sie setzt sich an den Rand des Rains und beginnt zu weinen.
Leise, ohne einen Ton, sickern die Tränen über ihre Wangen und darunter auf ihre Knie. Sie hat den Kopf nach vorn gebeugt, die Beine umschlungen und starrt auf ihre zerkratzten Füße und Fesseln, ohne diese jedoch wirklich wahrzunehmen. Dann wieder auf den toten Kosaken.
Minutenlang sitzt sie so da. Wie gelähmt auf ihre Beine starrend, weinend und ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Und dann wieder auf den Toten.
Alle möglichen Bilder dieses Tages schießen wild durch ihren Kopf. Aber sie kann diese Bilder nicht steuern, nicht ordnen, nicht sortieren oder bändigen. Nicht begreifen. Nicht fassen. Erst nach weiteren Minuten wird sie wieder ruhiger, und die stillen Tränen versiegen erneut. Und ihre Gedanken ordnen sich wieder.