
Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.
Erste Auflage September 2017
Lektorat: Rainer Hörmann
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale
unter Verwendung eines Fotos des Autors
ISBN 978-3-89656-641-6
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There must be something wrong with me.
Seasick Steve
AZ 1612-BE/77 II/Dokument 2/1:
Internetforum, Verfasst: Di., 4. Feb. 2014, 3:37, Autor: The Great Pretender
Hilfe, ich weiß nicht, was mit mir passiert.
Es hat gerade erst wieder angefangen, dass ich diese Gedanken habe, die letzten paar Nächte. Sie waren lange verschüttet, aber jetzt kommen sie zurück. Mir ist wieder eingefallen, dass ich schon davon fantasiert habe, als ich noch ein Kind war. Die letzten Nächte konnte ich nicht einschlafen. Ich dachte immer daran. Der rationale Teil meines Gehirns schreckt natürlich davor zurück, aber ich kann die Gedanken und die Bilder in meinem Kopf nicht stoppen.
Wenn ich versuche, meine Gedanken zu durchbrechen, sie abzutöten, dann träume ich davon. Ich stelle mir vor, wie ich es tue. Wie ich es wirklich tue.
Es fing alles mit diesem Bein an, das wir gefunden haben.
Dessen Fund uns zugetragen worden war. Ich meine, ich laufe ja nicht selbst durch die Gegend und finde Beine.
Es war so ein bisschen angegammelt. Es hatte im Wasser gelegen. Es war, könnte man sagen, ganz schön eklig.
Streng genommen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollkommen klar, ob das überhaupt ein Fall für uns werden würde, ob wir es mit einem Tötungsdelikt zu tun hatten. Das musste ja nicht unbedingt sein. Und für Körperverletzung und so Pillepalle sind wir ja nicht zuständig. Genau genommen war ja keine Leiche gefunden worden.
Andererseits, irgendwie … so ein Bein, ich meine … Es machte schon Sinn, den Fall uns zu geben.
Auch wenn es natürlich ein verdammter Haufen Arbeit werden würde.
Was ich mochte, war der Fundort. Der Wannsee. Hatte viel Zeit hier verbracht und würde das wieder tun, wenn das Arbeitspensum es zuließe. Wenn die Stahlkralle des Verbrechens, die unsere failed city im Griff hatte, die Berlin ausquetschte wie einen nassen, verschimmelten Schwamm, mir wieder ein wenig Zeit lassen würde.
Wir gingen die Treppen runter. Hochsommer, und was für einer. Mitte Juli 2015, knackig heiß. Keine Wolke am Himmel. Zu unseren Füßen lag das einzige Bauwerk der Welt, an dem man den Schwarzen Freitag ablesen kann, wie mir mal wer erzählt hat, der behauptete, sich auszukennen. Vielleicht stimmt es nicht, aber es klingt gut, wer will also wissen, ob es stimmt? Genau an diesem Tag im Jahre 1929, dem Schwarzen Freitag, so erzählt die Legende, wurde aufgehört, das Strandbad weiterzubauen. Und so ist es bis heute nur zum Teil fertig.
Schon 1907 war begonnen worden, das Ufer des Wannsees zu einem Strandbad umzubauen, und ab 1909 hatten sich hier Clubs gegründet, unter anderen der „Club fideler Sonnenbrüder“. Nach meiner Erfahrung gibt es diesen Club bis heute – wenn auch in vielleicht etwas abgewandelter Form, ohne den Namen und eine allzu feste Struktur. Aber fidel sind sie, die Brüder, das kann ich bezeugen.
1982 wurde der Wannsee in dem Lied Sommersprossen von UKW ein Teil der Neuen Deutschen Welle, besonders wichtig natürlich die Zeile: „Auf den Terrassen, obendrauf, trifft Helmut seinen schönen Klaus.“ Und auch Praunheim hat dem Strandbad in seinem großen Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt einen gewissen Raum gegeben.
Wir schritten also die Treppen hinab. Vor uns breitete sich der See aus. Unten angekommen wendeten wir uns nach rechts und gingen den Gang unter den besungenen Terrassen entlang. Es war die Hitze des frühen Nachmittags. Heute Abend würde das Gebäude wieder kupfern in der Abendsonne leuchten. Aus irgendwelchen Gründen, die sich mir bis heute nicht gänzlich erschlossen haben, schließt das Strandbad viel zu früh, schon um 20 Uhr. An manchen Tagen aber sind die Oberen gnädig, so dass sie es länger, hin und wieder bis 22 Uhr, offen lassen.
Große Abende, das.
Wir gingen also weiter – Klawitter schritt voran. Andrea und ich einen halben Schritt rechts und links hinter ihm, und ganz links, einen weiteren halben Schritt zurück, Kollegin Monika. Wir gingen zügig, weil wir aussehen wollten wie in einer amerikanischen Fernsehserie oder einem Film. Wo die Bullen so ganz cool auflaufen, in einer Formation mit einer Spitze vorne, Entschlossenheit ausstrahlend, Kompetenz, Sicherheit, Dynamik – und vor allem natürlich Wichtigkeit, besser: Bedeutung.
Wir kamen unter dem Schild durch.
Zur Orientierung: Rechts von uns ist das Gebäude des Strandbades, Umkleiden, Duschen, Toiletten, Imbissstände, über uns die Terrassen, links trennt uns nur ein Geländer vom Sandstrand und dann vom See.
Wir kamen gerade an die Stelle, an der der Strand geteilt ist, wir verließen den Textil-Bereich und betraten die FKK-Zone. Über uns prangte besagtes Schild, in erhabenen, goldenen Lettern auf rotem Grund, massiv, ehrwürdig, respekteinflößend: „Traditional Gay Fucking Since 1909“.
Okay, ich gebe zu, dieses Schild gibt es nicht. Ich sehe es nur immer vor meinem geistigen Auge.
Es stellt die Dinge in einen größeren Zusammenhang, es gibt Gewicht.
Links neben uns am Strand erst noch die nackten Heteros, die ältere – eigentlich kann man sagen: alte – Frau, die unter ihrer pergamentenen Haut nur Knochen zu haben scheint, ein paar Familien mit dicken Papis, die auf die Schwulen schielen und die später gelegentlich, weiter hinten, zufällig über den Homostrand spazieren, sich vollkommen verlaufen haben, Mensch, wie komme ich nur hierher und was macht dieses dicke Ding in meinem Mund?
Ich war heute vollkommen bekleidet, sogar Schuhe hatte ich an! Es ist eine Schande, beschuhten Fußes über die Holzbohlen zu laufen, nicht den feinen Sand zu spüren. Aber so im Job, mit Klawitter und den anderen im Schlepptau: Was will man tun?
Klawitter ist mein Chef. Er ist Mitte fünfzig, glaube ich, aber wir sprechen nicht darüber. Kollegin Andrea ist, nach meiner Vermutung … also: darüber sprechen wir noch viel weniger. Ich könnte mir vorstellen, dass der erste Buchstabe ihrer Altersangabe ein „V“ ist – aber das würde ich nie in ihrer Anwesenheit erwähnen. Meine liebe Monika, Kollegin Nr. 3 – und was meine persönliche Sympathie betrifft: Kollegin Nr. 1 –, ist 26. Sie ist die Einzige von uns, auf deren alljährlichem Geburtstagskuchen eine Zahl zu finden ist.
Über mein Alter redet man sowieso nicht, also bitte. Es ändert sich ja auch ständig.
Wir schritten weiter dynamisch voran und sprachen kein Wort. Diese stille, wortlose Entschlossenheit unterstrich unsere Bedeutung.
Langsam begann man zu spüren, dass etwas anders war. Nervosität lag in der Luft. Der See war zwar bereits auf der ganzen Breite des Strandes gesperrt gewesen, bei den Heteros und den sonst stets fröhlich planschenden Türken am anderen Ende genauso wie hier, aber während man sich vorne noch keinen rechten Reim darauf machen konnte, vielleicht auch nicht wollte, man meckerte mehr so allgemein über die da oben, „Ich hab doch Eintritt gezahlt und jetzt darf ich nicht ins Wasser“, während also Unkenntnis herrschte, kamen wir langsam und, ich wiederhole mich: spürbar, in eine Zone, in der besorgte Blicke vorherrschten, ausgetauscht wurden, sich eine gewisse Ruhe verbreitet hatte, Gespräche, wenn überhaupt, dann leise geführt wurden, Gäste, die vielleicht noch nicht alle wussten, was genau passiert war, aber doch, dass es etwas Ernstes war.
Und schließlich kamen wir in den Bereich, in dem die Nachricht sich bereits rumgesprochen hatte: Da ist ein Bein zu viel unterwegs. Leute standen in kleinen Gruppen zusammen und redeten, manche bedrückt, manche scherzend. Wir waren ganz am Ende des Ganges, wo es keine Hetero-Männer mehr gibt, nur gelegentlich junge Frauen, mit teilweise, man muss das einfach sagen, schlicht atemberaubenden Körpern, die sich unter den Schwulen splitterfasernackt zu Recht vollkommen wohlfühlten, unter Heteros würden sie im Minutentakt angebaggert werden.
Schon eklig, diese Heteros.
Rechts ist der Kiosk mit dem freundlichen älteren Verkäufer, der mir mal ein paar seiner privaten Zigaretten geschenkt hat, weil es in dem ganzen Kack-Strandbad keine zu kaufen gibt! Und mit dem ich mal gequatscht hatte, an irgendeinem Tag, so um 17:30 Uhr, dass jetzt wohl keiner mehr kommen würde, wegen der Öffnungszeiten, siehe oben, und der daraufhin gesagt hatte, er hoffe doch, dass schon viele gekommen wären.
Jaja.
Der schwule Sex ist hier kein großes Geheimnis.
Ich erinnere mich lebhaft an eine Szene, als hier mal etwas Kriminelles passiert war, ich war nur Badegast, inkognito, und habe es nur am Rande mitbekommen, wie alle anderen auch. Sicherheitsleute in Uniform standen genau vor diesem Kiosk, neben dem eine Treppe zu den Terrassen hochführt, und fünf angezogene Männer, die auch ein Taubblinder als Zivilpolizisten erkannt hätte, waren mit ihnen im Gespräch. Ich hatte gehört, wie die Sicherheitsleute den Bullen über das Geschehene berichteten: „Also der eine Typ steht da oben an der Treppe und holt sich einen runter.“ Worauf einer der Bullen grinste. Und ich dachte, oje, jetzt gibt’s Probleme wegen „öffentlichem Ärgernis“ oder so ’nem Käse, aber der Sicherheitsmann fuhr einfach fort: „Und sein Handy lag hinter ihm auf der Mauer und das hat der andere dann geklaut.“
Und das war das Ding. Es ging um diesen Diebstahl. Dass der Typ in aller Öffentlichkeit onanierte, war nur die Situationsbeschreibung gewesen, völlig unspektakulärer Hintergrund, es störte die Sicherheitsleute genauso wenig wie die Polizisten. Fehlte nur noch, dass sie zu dem Mann gesagt hätten: „Bitte entschuldigen Sie, wenn wir Sie beim Wichsen gestört haben sollten.“
Beziehungsweise: Vielleicht haben sie das ja auch gesagt.
Das Einzige, was hier nicht geduldet wird, ist, seine Hose anzubehalten. Ich erzähle nur, wie es ist. Ein lieber italienischer Freund von mir spricht immer von der Nackt-Polizei, die ihn dort für immer vertrieben hat – sein Katholizismus sitzt tief. Aber das hier ist ein FKK-Strand und hier hat man nackt zu sein oder man muss rüber zu Textil! Das vertreten die Damen und Herren in Uniform mit bleiernem Ernst und äußerster Entschlossenheit. Sie ziehen jeden Tag beruflich Männern und Frauen die Badehosen aus.
Aber ich musste ja Polizist werden.
Besonders mag ich die junge deutsch-türkische Mitarbeiterin der Nackt-Polizei, die schon mal ausruft: „Blank ziehen, Alter!“, wenn sie Durchsetzungsschwierigkeiten hat. Schade nur, dass sie kein Kopftuch trägt, auch keine Burka, es würde so gut mit ihrem beruflichen Auftrag kontrastieren. Aber die meisten Mitarbeiter sind Männer, oft bierernst und nichts für mich, einige wenige aber, mindestens einer, doch so ansprechend, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele, meine Hose wieder anzuziehen, wenn er kommt, nur damit er mich zwingt, mich vor seinen Augen zu entblößen.
Ah, das fiese, lüsterne Schwein.
Hier jedenfalls, direkt hinter dem Kiosk, endet der Gang und der Strand öffnet sich auf ganzer Breite, bis er nach vielleicht hundert oder hundertfünfzig Metern ausläuft. Rechts hinten, zum Hang hin, sind die Seenot-Retter, von denen ich mir vorstellen konnte, dass sie schon eine ganze Weile lang nervös auf und ab hüpften. Denn so ein verschimmeltes Bein kann man ja nicht wiederbeleben. Davon abgesehen – ich hatte es noch nicht gesehen, aber die Schilderungen waren deutlich gewesen – war es schon ein wenig verwest, so dass ziemlich klar war, dass es nicht erst vor wenigen Minuten durch eine Schiffsschraube jemandem abgetrennt worden war, der dann jetzt hilflos im See geschwommen und möglicherweise noch zu retten gewesen wäre, nein, es lag offensichtlich schon lange im Wasser. Trieb.
Nein, es gab für die Sanitäter eigentlich nichts zu tun, andererseits aber, und da bin ich völlig sicher, fühlten sie bestimmt ein beklemmendes Gefühl von Zuständigkeit. Ich meine, es ist ein menschliches Bein. Wir müssen doch irgendwas tun!
Links, am Wasser, gegen Ende des Strandes, steht die Mutter aller Sandburgen, an der hingebungsvollst gebaut wird, ein Kunstwerk, fraglos, mit Nachbildungen von Gebäuden aus Berlin und anderen Städten, es ist eigentlich keine Burg, sondern eine Miniaturstadt. Dahinter wiederum die Trauerweiden, der wenige, heißumkämpfte Schatten, in dem ich so oft den Arsch des Geschäftsführers massiert hatte, bevor er das geworden war: Geschäftsführer. Zu der Zeit, zu der diese Ereignisse spielen, 2015, war er arbeitslos. Erst später hat er sich zum Geschäftsführer aufgeschwungen – oder was ich so nenne. Ich will da nicht zu präzise sein. Damals jedenfalls bat er mich in der Regel, seinen Rücken einzuschmieren, aber wie es so war, als er dazu auf dem Bauch lag, stellten wir fest, an seinen runden, muskulösen Hintern kommt er eigentlich auch nicht ran, unmöglich, also half ich ihm auch hier, und wie ich ihn so einschmierte, spannte er seine Muskeln an, woraufhin ich dachte, ich müsste ihn massieren, verspannt, wie er war, und tatsächlich ließ der Geschäftsführer irgendwann locker, aber auch jetzt waren noch die Muskelstränge unter seiner Haut zu spüren, achtundzwanzigjährige Muskeln, stabil und fest. Ah, to be young again.
Hier jedenfalls herrschte Aufruhr.
Das Bein lag direkt an der Sandburg, umringt von einigen nackten Männern, die es teils interessiert betrachteten, sich teils halb abgewandt aneinander festhielten.
Das Bein hatte eine grünlich-bläuliche Farbe, es sah ungesund aus, das ließ sich mit Gewissheit sagen. Ich versuchte, nicht zu genau hinzusehen, andererseits musste ich es beruflich natürlich doch. Dann wiederum würde ich ja den Bericht der Gerichtsmedizin bekommen, Buchstaben auf Papier. Ich bin zwar nicht unbedingt ein Aktenfresser, aber wenn es um tote Körperteile geht oder Leichen in ihrer vollständigen Pracht, begegne ich ihnen lieber auf Papier als physisch.
Andrea war beziehungsweise ist da anders gestrickt. Was sah sie wieder gut aus. Sie hatte ihre dunklen Locken in dem tiefsitzenden Pferdeschwanz am unteren Hinterkopf zusammengeknotet, wie sie das immer tut, wenn sie Leichen betrachtet. Sie trug ihre knallroten Pumps heute in den Händen, da sie sonst im Sand eingesunken wäre, eine knackig-enge Sommerhose und eine leichte Bluse. Sie war natürlich die Erste von uns, die das Absperrband überquert hatte, welches das Bein in einem gewissen Abstand umgab.
Die Art und Weise, wie wir vier um das Absperrband herumkamen, sagt einiges über uns aus. Andrea war, wie erwähnt, darübergestiegen. Sie hatte keinen Blick von dem Bein gelassen, die Umgebung praktisch nicht zur Kenntnis genommen, war direkt auf das Bein zugegangen und hockte jetzt davor, auf den Zehenspitzen wippend, völlig konzentriert, wie ich sie so oft gesehen hatte. Wenn auch selten im Sand. Sie war – sie ist, wie gesagt – eine Frau, über deren Alter man genauso wenig spricht wie über meins. Sie hat bestimmt noch nicht allzu viele magische Jahreszahlen überschritten, und wenn, dann nur mit einem spöttischen Grinsen ob deren Bedeutungslosigkeit.
Monika war unter dem Band durchgetaucht. Sie hatte es angehoben, ihre zarten, unschuldigen Rehaugen waren dabei mit nicht zu großem Interesse über die nackten Männerkörper geglitten, die die Kulisse bildeten, wir sind an einem FKK-Strand, nicht zu vergessen, und sie hatte freundlich die zugehörigen Gesichter gegrüßt. Sie wirkt immer schüchtern, was sich auch in ihrem Kleidungsstil spiegelt: Sie trägt dunkle, erdige Farben, gut geschnitten und modern, aber nie besonders auffällig, und ich glaube, auch nie wirklich teuer. Kann auch mal secondhand sein. Sie will nicht auf sich aufmerksam machen, sondern sie will gefunden werden, von Männern mit Wahrnehmungskraft. Wer sie nicht sieht, hat sie auch nicht verdient. So, glaube ich, ist es. Es funktioniert sehr gut. Wenn man, zum Beispiel, mit ihr auf eine Party oder in einen Club geht, was ich gelegentlich tue, ich bin ja hetero-friendly, und sie nach einer Orientierungsrunde sagt, für welchen der Anwesenden sie sich interessiert, kann man sicher sein, dass sie nach wenigen Stunden vier von fünf der Ausgewählten kennengelernt haben wird. Obwohl sie nur sehr selten jemanden anspricht. Sie steht einfach zufällig am richtigen Ort und das willige Schlachtvieh kommt angetrabt.
Diese Eigenschaft kann andere, weniger glückliche, Hetero-Frauen zum Wahnsinn treiben.
Klawitter sah das Band und das Bein und fing an, vor sich hin zu schimpfen. Klawitter hat mittlerweile ein kleines Bäuchlein entwickelt, es lässt sich nicht mehr leugnen. Er ist immer schlampig und nachlässig angezogen, mit formlosen Hemden und knitterigen Hosen. Er grummelte Unverständliches, so was in der Art: „Unglaublich, wirklich wahr! All der Sand, da kann man ja nicht … da kommt man doch gar nicht, ich meine, können die denn nicht mal!“ und dergleichen mehr. Dann zog er seine Schuhe und Socken aus und krempelte seine Hosenbeine bis zu den Knien hoch und ging hinten durch das seichte Wasser an dem Absperrband vorbei. Der Kollege, der das Band aufgestellt hatte, hatte hier eine Lücke gelassen, entweder, weil er dachte, von hier geht sowieso keiner durch, oder, wahrscheinlicher, weil er das Band zu kurz abgeschnitten hatte und zu faul war, ein neues Stück dranzuknoten.
Es war ja sowieso symbolisch. Physisch für jeden zu überwinden, ob mit Lücke oder ohne.
Ich war übrigens schon ein wenig beeindruckt, dass Klawitter durch das Wasser ging, in dem ja noch irgendwelche Restpartikel des Beines treiben mussten. Also mir wär’s zu eklig gewesen. Aber mein Chef ist halt ein anderes Kaliber.
Wahrscheinlich machte er es natürlich genau deshalb: Er wollte uns zeigen – und am Rande auch den Zuschauern, aber vor allem uns –, was für ein harter Kerl er war, der mit nackten Füßen durch Leichensuppe lief, nur um letztlich der Gerechtigkeit, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen.
Ja, das ist mein Chef. Ach, was bin ich stolz, ihm zu dienen.
Im konkreten Fall allerdings blieb moi – ganz Bescheidenheit – außerhalb des Bandes stehen. Wie gesagt, Leichen, ganz oder in Teilen, sind eine feine Sache, aber ich schätze dann doch die Distanz. Ich hoffe jedesmal, dass meine Kollegen dieses Vermeidungsverhalten nicht allzu deutlich mitbekommen – ich meine, Monika weiß natürlich Bescheid, Monika weiß alles über mich, mehr als appetitlich ist –, aber Klawitter und Andrea … Natürlich haben sie mit den Jahren und den Fällen bestimmt bemerkt, dass ich nicht immer neben ihnen stehe, wenn es um den ersten Blick geht, aber ich hoffe, es fällt ihnen nicht zu sehr auf, wie gesagt. Ich meine, es genügt doch auch, wenn drei Bullen vor der Leiche knien, es gibt ja auch noch anderes zu tun.
Und so wandte ich mich an den nackten blonden jungen Mann, der direkt neben mir stand. Er war wohl circa dreißig, schlanke, knabenhafte Figur, zarte Haut, eine kleine lichte Stelle am Hinterkopf, die ich ignorierte. Trotz der Situation umspielte ein kleines Lächeln seine Lippen. Manche Menschen müssen immer flirten, es ist schon so, ich weiß, wovon ich spreche. Ich setzte meine Sonnenbrille ab, feuerte einen Blick in seine blauen Augen und musste auch ein wenig grinsen. Aus dem Augenwinkel oder mit so einer Art Echolot oder erweitertem Blickfeld – schwer zu sagen, wie, aber ich habe da ein Sinnesorgan mehr – nahm ich wahr oder hatte den Eindruck, dass sein eher kleiner Schwanz durch unseren Blickkontakt um einen halben Zentimeter wuchs. Ein kleiner Blutstoß.
Das ist das Ding mit den kleinen Schwänzen. Sie fangen schon an zu zucken, wenn ein großer sich noch nicht einmal räkelt.
„Haben Sie denn was beobachtet?“, fragte ich.
Er grinste.
Sie werden einfach schneller hart und das kann unpraktisch sein. Oder natürlich extrem praktisch.
Dieser Typ: Ich behaupte überhaupt nicht, dass ich so eine magische erotische Wirkung hätte, dass der eine Latte bekommt, nur weil ich angezogen vor ihm stehe, als wäre ich so eine Art Schlangenbeschwörer – das sage ich nicht und das meine ich auch nicht. Was ihm gefiel, war, angeschaut zu werden, gar nicht wichtig, von wem. Ausgeliefert zu sein. Zu einem Objekt gemacht zu werden – natürlich nur für einen Moment oder jedenfalls einen überschaubaren Zeitraum. Ich fange schon wieder an zu übertreiben, ich weiß, aber ich glaube, so was in der Art liegt da drin.
Aber, o Mann, ich bin bei der Arbeit!
Ich riss mich also am Riemen und sah zu dem toten Bein hinüber, was die kurz aufgeflackerte Erotik deutlich unterbrach.
Den Blickkontakt mit ihm vermeidend, hörte ich ihn sagen: „Naja, ich lag am Strand und dann hörte ich aufgeregtes Schreien und der Typ da drüben“, er wies mit dem Kopf auf einen etwas aus der Form gegangenen circa fünfzigjährigen Mann, „kam aufgeregt aus dem Wasser gelaufen.“
Ich wandte mich mit einem freundlich-professionellen Nicken von dem Zeugen ab und schritt zu dem erwähnten Mann, der das Bein gefunden hatte. Er stand neben dem Kioskbesitzer, den ich vorhin kurz erwähnt habe, und erzählte mir, er wäre mit den Füßen im Wasser gestanden, noch ein wenig unentschlossen, wie tief er hineingehen sollte, als das Bein angespült worden sei. Erst hatte er sich ungläubig genähert, dann hatte er erkannt, was es war; einen weiteren Moment später war bis ins formulierfähige Bewusstsein durchgedrungen, dass da ein halb vergammeltes menschliches Bein auf ihn zutrieb, an den Strand gespült wurde, und daraufhin war er laut kreischend und die Beine hochreißend, wie man im Wasser eben läuft, alles Mögliche an seinem Körper wogte und schwankte und wippte und wabbelte auf und nieder, wie in Zeitlupe, aus dem Wasser an den Strand gelaufen. Er hatte etwas geschrien, wie „Ein Bein, ein Bein“ oder so, laut genug, dass viele es hörten und aufsprangen, manche, um hinzulaufen, andere, um zu flüchten. Wer es nicht selbst hörte, dem wurde es zugetragen, schließlich auch besagtem Kioskbesitzer, der als Erstes gedacht hatte, wie er jetzt sagte: „Wenn sich dit rumspricht, können wa die Saison ja wohl vajessen.“
Während ich mit den Zeugen gesprochen hatte, hatten meine Kollegen sich das Bein angesehen und waren zu der Einschätzung gekommen, dass es wohl schon einige Wochen im Wasser gelegen war. Es handelte sich eindeutig um ein männliches Bein, ein linkes, männliches Bein. Das gute Stück war ziemlich hinüber. Es war bereits absehbar beziehungsweise stand zu befürchten, dass es selbst bei der Obduktion noch schwierig sein würde festzustellen, wie lange genau es im Wasser getrieben war. Denn die Verwesung eines Körpers findet seinen Anfang normalerweise im Bauchraum. Von den Bakterien im Verdauungstrakt ausgehend, beginnen all die Verfärbungen, die Blasenbildung, das Heraustreten von Augen und Zunge, das Ablösen von Haaren, Nägeln und Haut, das generelle Anschwellen des Körpers und schließlich das Aufplatzen – all diese Veränderungen und Entwicklungen, die so typisch für diese Phase unseres körperlichen Daseins sind. Im vorliegenden Fall allerdings ermangelte es bekanntlicherweise des Bauchraumes. Es war eben nur ein Bein. Deshalb würde es um einiges komplizierter sein festzustellen, wie lange es tot war.
Während meine Kollegen also das Bein betrachteten, hatte moi ein wenig in die Ferne gesehen, übers Wasser, leichtes Denken simulierend, so ein schwebendes, umkreisendes Denken, nicht tiefes Grübeln, sondern eher ein Surfen auf den Gedanken. Dann hatte sich Monika vom Anblick des Beines losgerissen, kurz darauf die beiden anderen und wir hatten uns zu einer ersten Besprechung zusammengefunden.
„Kinders“, sagte Klawitter zu Monika und mir, „ich will, dass ihr hier noch mal den Strand auf- und abgeht, vielleicht schwimmen ja noch andere Teile von Monsieur hier durch die Gegend. Die Spusi macht das natürlich sowieso, aber vier Augen sehen mehr als …“ Ihm war nicht ganz klar, wie viele Kollegen von der Spurensicherung da waren, und er würgte seinen Satz etwas genervt ab: „… sehen mehr.“ Außerdem war ihm wahrscheinlich bewusst geworden, dass es auf jeden Fall mehr als zwei Mitarbeiter der Spusi sein würden und damit mehr als vier Augen – und dass sein ganzer Satz sich also in Sinnlosigkeit verlief.
Ich nickte trotzdem zustimmend.
Ich wollte allerdings gerade sagen, dass Leichenteile möglicherweise auch von anderen Leuten bemerkt worden wären, so eine Hand oder auch eine Niere, aber Klawitter hatte ja recht, wir mussten das schon selbst einmal abgehen.
Und dann gibt es ja Körperteile, gerade Innereien, die nicht unbedingt sofort erkannt werden.
„Und was euch sonst so auffällt“, fügte Klawitter hinzu.
„Nachher kommen ja sowieso die Taucher, nehme ich an“, sagte Andrea zu Klawitter. Es war keine Frage, sondern eine Forderung. Alles andere wäre ja wohl noch schöner. Du wirst ja wohl ein paar Taucher für uns haben.
„Natürlich kommen nachher die Taucher“, gab Klawitter zurück, „ich habe Steffen längst gesagt, er soll das organisieren.“
„Ach?!“, entfuhr es mir. Leise, aber doch. Klawitters Satz war so unvermittelt gekommen, dass mir dieses „Ach“ rausgerutscht war, das ich natürlich vermieden hätte, wenn ich vorbereitet gewesen wäre. Ich würde ihn immer vor Andrea in Schutz nehmen.
„Haste ja wohl schon angerufen?“, schnauzte er mich an.
„Ja!“, sagte ich. „Natürlich, Mann …“
„Gut, also wir quatschen hier mal mit den Chefs“, sagte Klawitter, während Andrea bereits in deren Richtung ging, „und ihr …“ Er macht eine Kopfbewegung, die hieß, dass wir den Strand abgehen sollten.
Als Andrea außer Hörweite war, holte ich mein Handy raus, rief im Büro an und organisierte die Taucher.
Dann liefen Monika und ich den Strand entlang, um uns einen Eindruck zu machen und zu sehen, ob da noch was schwamm.
Wir fanden natürlich nichts.
Der Ort hier war für uns insgesamt so mittelinteressant. Es war ein Fundort, aber nahezu sicher kein Tatort. Ich jedenfalls hielt es für unwahrscheinlich, dass hier nachts jemand über den Zaun stieg, um eine Leiche zu zersägen. Und tagsüber? Auch wenn das Sicherheitspersonal reichlich abgebrüht war, hätte es sie wohl doch gestört, wenn so was hier bei laufendem Betrieb geschehen wäre. Dass hier nachts jemand mit einer Leiche eingeschlossen worden war? Also am Tag hätte hier jemand wen umgebracht, hätte sich mit ihm einschließen lassen und ihn dann des Nachts zerteilt. Hm – mit was? Mit einem dieser Plastikmesser aus dem Imbiss?
Säge und Axt hatte man ja beim Schwimmen eher selten dabei. Außerdem gibt es ziemlich rigide Sicherheitsvorkehrungen am Eingang. Man darf nicht mal eine Glasflasche mit hineinnehmen.
Nee, nee. Das war hier war kein Tatort.
Aber ein Fundort war ja auch eine recht feine Sache.
Monika und ich blickten auf das Wasser, über den Steg hinaus, an Schwanenwerder vorbei und dann um die Ecke Richtung Havel. Wie oft war ich hier mit dem Geschäftsführer gestanden, bevor er das war, und hatte den sanften Flaum auf der zarten Haut über den harten Muskeln seines wohlgeformten Hinterns gestreichelt.
Ich musste aufpassen, dass ich das jetzt nicht gleich ganz intuitiv bei Monika machen würde.
Ich glaube, unsere Körper haben ein Gedächtnis, und wenn wir in Situationen kommen, die sie zu kennen glauben, weil sie vergangenen Situationen ähnlich sind, fragen sie nicht lange im Bewusstsein nach, ob sie sich verhalten sollen, wie sie es gewohnt sind, sondern tun das einfach. Mir gefällt das irgendwie. Da gibt es eine Kraft. Ich sehne mich nach dieser Kraft, die stärker ist als das rationale Denken, als die Vernunft. Die Vernunft ist doch letztlich immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Und wäre es nicht erbärmlich, wenn man Entscheidungen über die Lebensführung anhand eines Kassenzettels fällen würde, einer Bilanz, mit einem Taschenrechner in der Hand?
Ich hatte früher die Angewohnheit, am Ende eines jeden Jahres stundenlang schriftliche Jahresrückblicke zu machen, um zu sehen, wo ich herkam, wo ich hinging, all dieser Krempel, wie eben alles so lief. Ein Freund von mir – und es war vielleicht kein Zufall, dass er türkische und nicht deutsche Wurzeln hatte – nannte das mal mit mildem Spott meine „Jahresendabrechnung“.
Daraufhin habe ich damit aufgehört.
Das Leben ist dann doch auch einfach Impuls.
Was natürlich auch Angst machen kann. Diese Unkontrollierbarkeit. Die mir dann aber auch wieder gefällt. Angst. Wenn ein Teil des Bodens wegbricht, spannen sich die Muskeln.
Jedenfalls gelang es mir, meine Finger von Monikas Allerwertestem fernzuhalten. Allerdings trat ich näher an sie heran, halb von hinten. Ich mag ihre Haare, die jetzt leicht im Wind wehten. Ich muss oft an diese Zeile von Max Hermann-Neiße denken: „Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, und sanfte Abende am Meer“. Ich finde diese Worte so poetisch und sie tragen mich immer ein wenig davon. Also stieß ich Monika sanft mit meiner Nase gegen ihren Hinterkopf, rieb meine Schläfe an ihr und küsste sie dann ganz leicht in die Halsbeuge.
Sie grinste und wurde ein bisschen rot. Mich hat mal eine andere Frau darauf aufmerksam gemacht: Während für viele Schwule Frauen kaum sexuelle Anziehungskraft haben, jedenfalls geht es mir so, sie haben höchstens so viel Erotik wie eine Katze, oder immerhin so viel, vielleicht sogar wie eine Wildkatze, ich finde ja besonders Panther aufregend, diese schwarz-schimmernde Eleganz – so sind Schwule für heterosexuelle Frauen natürlich doch aus der Zielgruppe, sie sind eben schlicht Männer. Ich vergesse das manchmal.
Hinter Schwanenwerder geht es in die Havel.
Monika sagte: „Wenn wer auch immer das Bein und möglicherweise den Rest des Körpers direkt in den Wannsee geworfen hat, haben wir eine gute Chance, noch mehr von unserem Gevatter zu finden. Wenn er aber weiter weg in der Havel entsorgt wurde, kann es sein, dass nur das Bein hier die Biege an den Strand gemacht hat, während der Rest einfach weitergeschwommen ist und sich irgendwo in dem Geflecht aus Flüssen und Seen, und was da noch so kommt, verloren hat.“
Womit sie recht hatte.