Eva Ashinze
Tod in Winterthur
Moira van der Meer ermittelt

Eva Ashinze

Tod in Winterthur

Moira van der Meer ermittelt

Kriminalroman

orte Verlag

Einmal ritt die Schlange auf ihrem Pferd, im Sattel zusammengerollt, wie es ihre Art war. Als sie an der Spinne vorbeikam, die die Strasse entlanglief, sagte diese: «Entschuldigung, Herr, aber so reitet man nicht.» «Nicht?», fragte die Schlange. «Kannst du mir dann zeigen, wie man reitet?» «Mit Freuden», sagte die Spinne.

Die Schlange glitt an der Flanke des Pferdes herab aus dem Sattel zu Boden. Die Spinne sprang in den Sattel, sass ganz gerade und galoppierte höchst elegant die Strasse hinauf und hinunter. «So reitet man richtig», sagte sie. «Sehr gut», sagte die Schlange, «wirklich sehr gut. Steig bitte ab.»

Die Spinne sprang herab, und die Schlange glitt an der Flanke des Pferdes wieder hinauf in den Sattel, in dem sie sich wie zuvor zusammenrollte. Dann schaute sie auf die Spinne hinab und sagte: «Wissen ist sehr gut, aber Haben ist besser. Was nutzt einem reiterisches Können ohne Pferd?» Und ritt davon.

Märchen der Haussa, Nigeria

1

«Sie wollen was?» Ich glaubte, mich verhört zu haben.

«Ich möchte, dass Sie meine Eizellen finden.» Die Frau mir gegenüber sah mich gelassen an. So, als sprächen wir über das Wetter. Über Klatsch und Tratsch aus den europäischen Königshäusern. Über irgendetwas Alltägliches. Aber sicher nicht über Eizellen. Verschwundene Eizellen. Sie schien zu spüren, dass ich der Angelegenheit skeptisch gegenüberstand.

«Hören Sie sich unsere Geschichte erst einmal an», sagte sie. Sie beugte sich vor, und ihr runder Bauch stiess beinahe an die Tischkante. «Bitte. Und danach entscheiden Sie, ob Sie den Auftrag übernehmen wollen.»

Claire Corazolla hatte per Mail um einen Termin bei mir in der Kanzlei ersucht. Sie hatte geschrieben, es handle sich um eine delikate Angelegenheit, die sie und ihr Mann gerne persönlich mit mir besprechen würden. Claire war eine feingliedrige, elegante und offensichtlich schwangere Blondine um die Vierzig. Sie trug dezente, aber teure Kleidung, am Ringfinger ihrer schmalen Hand funkelte ein grosser Diamant und entsprechende Pendants zierten die Ohrläppchen. Ihr Mann, ein grosser schlanker Mittfünfziger, war ebenso gediegen gekleidet, und sein Teint liess darauf schliessen, dass er zahllose Stunden draussen verbrachte, vermutlich auf dem Golfplatz. Herr und Frau Corazolla mussten sich verlaufen haben. Solche Klienten waren üblicherweise in den grossen Anwaltskanzleien auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs von Winterthur zu finden. Auf der sonnigen Seite. In meinen Räumlichkeiten gingen mittellose Alleinerziehende ein und aus, die um Alimente kämpften, Kleinkriminelle und auch grössere Kriminelle in der Hoffnung, ich könnte sie vor dem Gefängnis bewahren, und Asylanten, die abgeschoben werden sollten. Meine Kanzlei war die letzte Anlaufstelle für die mittellosen Hoffnungslosen. Mandanten wie die Corazollas, Mandanten mit Geld, die waren hier äusserst rar gesät.

«Sie wurden uns wärmstens empfohlen, Frau van der Meer», fuhr Claire Corazolla fort. «Man hat uns gesagt, Sie seien die Beste. Niemand würde so für seine Mandanten kämpfen wie Sie.» Sie sah mich hoffnungsvoll an.

Obwohl ich dagegen anging, liessen Claires Worte etwas wie Stolz in mir aufkeimen. Ich war die Beste. Behauptete zumindest jemand. «Na, dann schiessen Sie mal los», hörte ich mich sagen.

Das liess sich Claire nicht zweimal sagen. Sie sah ihren Mann an. «Willst du?», fragte sie.

Er verneinte.

Also begann Claire zu erzählen. Claire und Manfredo lernten sich kennen und schnell lieben. Sie wünschte sich sehnlichst ein Kind, er wollte sie glücklich sehen, also wünschte er sich auch eines. Es klappte nicht. Nach einem Jahr erfolgloser Zeugungsversuche wandte sich das Paar an eine Fertilitätsklinik, die namhafte «Wunschkinder-Klinik». Bescheuerter Name, wenn man mich fragt. Auf jeden Fall war die Ursache schnell gefunden, es lag an Manfredo. Die Chance auf eine natürliche Schwangerschaft sei verschwindend klein, sagte man ihnen und schlug eine Befruchtung im Reagenzglas vor. Claire musste Hormone spritzen, dann entnahm man ihr reife Eizellen, siebzehn insgesamt. Diese Eizellen wurden von Hand befruchtet. Zwei der befruchteten Eizellen wurden daraufhin in Claires Gebärmutter eingesetzt. Claire und Manfredo hatten Glück, gleich beim ersten Mal wurde Claire schwanger. Das Baby sollte in gut drei Monaten zur Welt kommen.

«Und»? fragte ich ungeduldig. «Wo liegt das Problem? Hat man Ihnen eine falsche Eizelle eingepflanzt? Die Eizelle einer anderen Frau?» Das war schon vorgekommen und wurde in den Boulevardmedien entsprechend ausgeschlachtet: «Eizelle verwechselt: Weisse Frau bringt schwarzes Kind zur Welt» oder «Chaos-Klinik in Italien: Mehrere Eizellen vertauscht und den falschen Frauen eingepflanzt».

Claire und Manfredo sahen sich an.

«Nein», ergriff Manfredo das Wort. Es war das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte. Er hatte eine angenehme Stimme, die nun aber aufgewühlt klang. «Nein. Umgekehrt. Wir vermuten, dass unsere Eizellen einer anderen Frau eingesetzt worden sind.»

Ich war verblüfft.

Manfredo sprach weiter. «Von den siebzehn Eizellen, die man meiner Frau entnommen hat, wurden zehn befruchtet. Das hat die Biologin uns so gesagt. Die restlichen sieben waren defekt. Zwei Eizellen wurden Claire eingesetzt. Bleiben also acht.»

Ich nickte. So viel Kopfrechnen lag noch drin.

«Diese acht befruchteten Eizellen haben wir einfrieren lassen. Falls es beim ersten Mal nicht geklappt hätte, hätte Claire nicht die ganze Prozedur mit der Eizellenentnahme nochmals über sich ergehen lassen müssen. Es wären einfach zwei Eizellen aufgetaut und eingesetzt worden, verstehen Sie?» Manfredo sah mich fragend an.

Ich nickte wieder. Das war mir alles klar. Nicht klar war mir, worauf Manfredo hinaus wollte.

«Nun gut.» Claire übernahm. «Auf jeden Fall haben wir vor einer Woche das hier erhalten.» Sie streckte mir ein Papier entgegen. Ich nahm es und sah es mir an. Es war eine Rechnung der Fertilitätsklinik. Kryokonservierung von fünf Zygoten, Kostenpunkt CHF 400.

«Fünf Zygoten. Nicht acht. Was ist aus den restlichen dreien geworden?» Claire strich sich nervös eine Haarsträhne hinter das Ohr. «Ich habe natürlich gleich in der Klinik angerufen. Man hat mich abgewimmelt. Ich hätte mich geirrt, haben sie gesagt. Es habe nie zehn befruchtete Eizellen gegeben. Lediglich sieben.»

Ich wollte etwas sagen, doch Manfredo kam mir zuvor.

«Sie zweifeln, ich sehe es Ihnen an. Aber ich war dabei. Es waren zehn befruchtete Eizellen. Wir hatten extra nachgefragt und uns über die grosse Anzahl gefreut. Es waren definitiv zehn.» Claire und Manfredo sahen mich erwartungsvoll an. «Glauben Sie uns nun?»

«Ich glaube Ihnen. Ich glaube Ihnen, dass es ursprünglich zehn befruchtete Eizellen gegeben hat. Nun gut, jemand hat nachlässig gearbeitet, drei Eizellen sind zerstört worden. Wurden aus Versehen weggeworfen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber dass sie einer anderen Frau eingesetzt wurden, das erscheint mir doch etwas abwegig.» Ich zuckte die Schultern. «Weshalb sollte die Klinik ein solches Risiko eingehen?»

«Siehst du?» Manfredo wandte sich an seine Frau. «Sie hält uns auch für Phantasten. Ich habe es dir ja gesagt.» Er sammelte die Papiere ein und erhob sich halb von seinem Stuhl.

«Warte.» Claire hielt ihn zurück. Sie sah mich an. «Ich bin nochmals in die Klinik gegangen. Ich wollte mich persönlich mit unserem Arzt unterhalten.»

«Und?», fragte ich ungeduldig.

«Doktor Brock war nicht da, nur seine Vertretung, eine Frau Doktor Altmann. Wieder hat man mich abgewimmelt. Alles sei korrekt abgelaufen, hiess es. Man könne nichts für mich tun, hiess es. Aber danach, ich war bereits wieder am Gehen, hat die Biologin auf dem Flur meinen Weg gekreuzt. Sie wollte schnell an mir vorbei, aber dann ist sie doch stehengeblieben. ‹Es tut mir leid›, hat sie mir zugeflüstert.» Claire starrte vor sich hin, in Gedanken versunken. Dann hob sie den Blick, sah mich direkt an. «Was war das, wenn kein indirektes Schuldeingeständnis? Weswegen sollte sie mich bedauern, Mitleid mit mir haben? Die Behandlung war ja offensichtlich erfolgreich.» Claire deutete auf ihren dicken Bauch. «Da ist doch irgendetwas faul.»

«Selbst wenn etwas faul sein sollte», erwiderte ich. Was ich bezweifle, fügte ich im Stillen hinzu. «Selbst wenn, so wären Sie bei der Staatsanwaltschaft besser aufgehoben. Ich kann die Klinik anschreiben, allenfalls diesen Doktor Brock um ein Treffen bitten. Erstatten Sie Anzeige. Die Staatsanwaltschaft kann dann ein Verfahren eröffnen.» Ich überlegte kurz. «Natürlich könnte ich die Anzeige für Sie verfassen. Mehr kann ich nicht tun.»

Manfredo winkte ab. «Eine Anzeige wegen Diebstahls oder was? Wir haben keine Beweise, keine Zeugen. Machen Sie sich nicht lächerlich. Die Staatsanwaltschaft würde keine zwei Minuten für so etwas verschwenden.»

Claire stiess ihm den Ellbogen in die Seite.

Ich wollte aufbegehren und ihn zurechtweisen, obwohl er Recht hatte: Mit einer Anzeige wegen mutmasslich entwendeter Eizellen würden die Corazollas bei der Staatsanwaltschaft ins Leere laufen. Bevor ich aber etwas sagen konnte, läutete mein Handy. Ich sah kurz auf die Nummer. Es war Béjart, mein Bekannter bei der Polizei. Ich würde ihn später zurückrufen. Ich sah auf und direkt in Claires veilchenblaue, mit Tränen gefüllte Augen.

Sie griff nach meinen Händen. «Helfen Sie uns. Bitte.» Mit einer Hand wischte sie eine Träne weg. «Wenn Sie herausfinden, dass die drei Eizellen weggeworfen wurden, in Ordnung. Dass sie unsachgemäss behandelt wurden und nicht mehr zu gebrauchen waren, ebenfalls in Ordnung. Damit kann ich, damit können wir leben. Aber mit dem Gedanken, dass vielleicht irgendwo ein Kind von Manfredo und mir zur Welt kommt, ausgetragen von einer anderen Frau, dass dieses Kind in eine andere Familie geboren wird, von Fremden aufgezogen wird, damit kann ich nicht leben.»

Ich wollte etwas erwidern, aber Claire ergriff bereits wieder das Wort. «Stellen Sie sich vor, in zwanzig Jahren ist da eine junge Frau. Sie findet heraus, dass sie mit ihrer Familie nicht blutsverwandt ist, dass sie die Folge einer Unregelmässigkeit in einer IVF-Klinik ist.» Claire schlug sich die Hand vor den Mund. Sie rang nach Fassung. Dann fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht, setzte sich gerade hin. «Gehen Sie der Sache nach. Wir zahlen Ihnen einen Stundenansatz von 400 Franken.» Claire sah mir in die Augen.

Ich horchte auf. Das war beinahe das Doppelte meines üblichen Honorars.

«Ausserdem», fuhr Claire fort, «ausserdem möchten wir Ihnen einen Vorschuss überweisen. Wir hatten an 10 000 Franken gedacht.»

Mir stockte der Atem.

«Wir wissen, dass Sie das wert sind.» Claires Stimme war leise, aber bestimmt.

Mein Handy gab einen Summton von sich. Eine SMS war eingegangen. Das kam mir gelegen, ich brauchte etwas Zeit, um mich zu sammeln. Um zu überlegen, ob ich den Vorschuss annehmen sollte. Ob ich den Auftrag annehmen sollte. Ich griff nach dem Telefon und sah mir die SMS an.

«Moira, ruf mich zurück», stand da. «Es ist jemand gestorben.»

2

Ich lernte Jan in einer regnerischen Freitagnacht kennen. Ich war mit einer Studienkollegin quer durch Zürichs Ausgehlokale gezogen, und schliesslich landeten wir in einer kleinen Bar am Kreuzplatz, unweit von meiner damaligen Studentenbude, einer wenig heimeligen Einzimmerwohnung an der Asylstrasse. Die Bar gibt es schon längst nicht mehr, das ganze Gebäude ist abgerissen worden. Damals war sie mein zweites, gemütlicheres Zuhause. In dieser Freitagnacht, es musste kurz vor Mitternacht gewesen sein, war die Bar spärlich besucht. Ich sass mit meiner Freundin an einem Tisch in der Mitte, Jan mit zwei Bekannten am Tisch vor unserem. Er warf mir immer wieder verstohlene Blicke zu, aber wenn ich ihn dabei ertappte, schaute er schnell woanders hin. So was passierte mir damals oft. Es war keine Seltenheit, dass mir ein Wildfremder in einem schummrigen Lokal verstohlene Blicke zuwarf. Meine Haut mit der Farbe von Milchkaffee, meine langen Beine und meine grünen Augen schienen die Männern unwiderstehlich anzuziehen. Trotzdem war es diesmal anders. Es war besonders. Vielleicht lag es an seinen stahlblauen Augen, die in seltsamem Kontrast zu seinem schmächtigen Körper standen. Vielleicht lag es an seinem flüchtigen, schüchternen Lächeln.

Irgendwann fasste er sich ein Herz und prostete mir mit seinem Bierglas zu. Ich sah, welche Überwindung ihn dies kostete. Das musste belohnt werden. Ich sagte zu meiner Freundin, ich sei gleich wieder da, stand auf und ging auf ihn zu. Seine Augen weiteten sich ungläubig.

«Ich bin Moira», sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen.

«Ich bin Jan», sagte er und schüttelte meine Hand. Er sah mich lange an. «Du bist schön», sagte er.

«Ich weiss», antwortete ich. Dann setzte ich mich neben ihn. Wir unterhielten uns. Wir sprachen über das Studium – er studierte Kunstgeschichte, ich Rechtswissenschaften. Wir sprachen über Kunst, über Bücher und vor allem über uns selbst. Jan war klug. Irgendwann verabschiedete sich meine Kollegin und auch seine Bekannten gingen ihres Weges. Irgendwann kam der Inhaber der Bar und kündigte die Schliessung an.

Für den Weg von der Bar zu mir nach Hause benötigten wir über eine Stunde. Wir waren klatschnass vom Regen, spürten aber weder Nässe noch Kälte. Danach waren Jan und ich für ein paar Monate zusammen.

Dann brach ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine Zelte in Zürich ab. Ich verfrachtete meinen ganzen Krempel in das Haus meiner Mutter an der Seidenstrasse in Winterthur und bereiste für einige Monate die USA. Ich lebte in San Francisco und arbeitete illegal in einer Sandwichbude, Seite an Seite mit chinesischen Immigranten. Es zog mich nach Las Vegas und schliesslich ins Death Valley. Ich schien nach etwas zu suchen, was ich verloren hatte. Etwas, von dem ich selbst nicht wusste, was es war. Natürlich fand ich es nicht. Ich fand nicht einmal zu mir selbst. Meine Reise war vergeblich gewesen. Es schien, als hätte sie einem einzigen Zweck gedient: Jan zu entkommen. Jans Liebe zu entkommen. Liebe kann sanft sein und erbauend. Liebe kann dem Liebenden aber auch den freien Willen nehmen. Ihm das Gefühl geben, im freien Fall zu sein ohne Aussicht auf eine sanfte Landung. Ich schien Liebe nicht gut zu ertragen. Vielleicht, weil ich sie nicht gewohnt war.

Ich hätte Jan im Voraus informieren können. Ich hätte ihn anrufen können. Oder ihm einen Brief schreiben. Ich tat nichts davon. Als ich irgendwann in die Schweiz zurückkehrte und mein Studium wieder aufnahm, war Jan neu liiert. Ich gönnte es ihm. Ich freute mich für ihn. Ehrlich. Ich zog in eine Wohngemeinschaft in Winterthur und fuhr da fort, wo ich vor Jan aufgehört hatte: Ich arbeitete daran, mich Stück für Stück in meine Einzelteile zu zerlegen. Wobei Alkohol keine unerhebliche Rolle spielte. Das war vor fünfzehn Jahren. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt.

Ein paar Jahre später traf ich Jan zufällig im Salzhaus. Er trug noch immer enge Jeans und ein weisses Hemd, wie ehedem. Wir waren beide gekommen, um eine Band zu sehen, Element of Crime. Vor Beginn des Konzerts standen wir an der Bar und unterhielten uns über Belanglosigkeiten. Unser Gespräch war angestrengt, die frühere Vertrautheit war uns abhandengekommen. Jan hatte mir das abrupte Ende unserer Beziehung noch immer nicht verziehen. Nach wenigen Minuten betrat Norah das Salzhaus. Ich kannte sie von früher, sie war eine Freundin meiner Schwester gewesen. Sie kam vom Eingang her auf uns zu, gross und schlank und blond, ein Hingucker.

«Moira», sagte sie und nahm meine Hand. «Ich habe dich von Weitem erkannt. Es ist eine Ewigkeit her.» Sie musterte mich. «Wie geht es dir, Moira?»

«Gut», sagte ich. «Es geht mir gut, Norah.» Dann stellte ich ihr Jan vor. Ich konnte es in ihren Gesichtern, in ihren Blicken sehen, bevor sie selbst es wussten. Ich liess die beiden allein. Ein Jahr später waren sie verheiratet. Seither habe ich die beiden kaum noch getroffen.

3

Claire und Manfredo Corazolla verliessen meine Kanzlei. Bald würden sie um 10 000 Franken ärmer sein. Ich hatte den Auftrag angenommen und sie in aller Eile entsprechende Formulare ausfüllen lassen. Wie ich genau vorzugehen gedachte im Fall der verschwundenen Eizellen, das wollte ich mir später überlegen. Ich wollte im Moment nur eines: Béjart zurückrufen. Es war kurz nach elf Uhr, als ich endlich seine Nummer wählte. Er ging sofort ran.

«Guido? Was ist los?» Meine Stimme klang belegt, mir war beklommen zumute, und mein Herz schien nur mehr unregelmässig zu schlagen.

«Es tut mir leid», sagte Béjart. «Ich habe schlechte Nachrichten.»

«Wer?»

«Jan Krüger. Ich glaube, du kanntest ihn.»

Ich blieb seltsam ruhig. So, als hätte ich Bescheid gewusst.

«Moira? Moira?»

«Ich bin noch da», sagte ich.

«Ist alles in Ordnung?»

«Mir geht es gut.»

Béjart schwieg einen kurzen Moment. «Komm hierher. Komm zu Jans Haus. Seine Frau … Sie hat gesagt, ich soll dich anrufen.»

«Norah», unterbrach ich ihn.

«Ja, Norah Krüger. Norah könnte deine Unterstützung gebrauchen.»

Nun schwieg ich. «Ich komme», sagte ich dann.

«Gut», antwortete Béjart. «Und, Moira, das Haus ist auch der Tatort.»

Keine halbe Stunde später traf ich bei Jan und Norah ein. Sie bewohnten ein Haus mit grossem Garten und Swimmingpool, obwohl sie kinderlos waren. Aber das war vielleicht anders geplant gewesen, damals, als sie das Haus kauften. Anfangs der 1970er-Jahre war es von einem namhaften Architekten erbaut worden; nun galt es als Designklassiker. Nicht hässlich anzusehen, aber nicht mein Geschmack. Zu massiv, zu sehr für die Ewigkeit gebaut. Nichts ist für immer. Panta rhei. Alles fliesst. Davon hatte der Architekt mit Sicherheit nichts wissen wollen.

Béjart und sein Kollege rauchten gerade vor dem Haus, als ich vorfuhr. Gute Idee. Ich würde mich ihnen anschliessen. Ich stieg aus und nickte den beiden grüssend zu, während ich mir eine Zigarette anzündete.

«Gut, dass du da bist», sagte Béjart.

Ich trat zu ihm und streckte ihm die Hand entgegen.

Wir verzichteten darauf, unsere Freundschaft in Polizeikreisen gross publik zu machen. Wie eng unsere Bekanntschaft war, ging nur uns beide etwas an. Obwohl wir uns selbst nicht schlüssig darüber waren.

«Becker, das ist Moira van der Meer, die Anwältin. Moira, das ist mein Kollege Daniel Becker.» Wir schüttelten ebenfalls die Hände. Dann war der Höflichkeiten genug getan.

«Na?», fragte ich und stiess gleichzeitig den Rauch aus.

«Was ist passiert?»

«Sieht nach Raubmord aus», sagte Becker.

«Ach ja? Hier im Brühlbergquartier?» Ich deutete mit der Zigarette auf die idyllische Umgebung, die schmucken Häuser, die gepflegten Gärten. «Dann sind das wohl die berüchtigten Bloods and Crips des Viertels?» Wieder deutete ich mit der Zigarette, diesmal auf ein paar kleine Jungs, die in einer Einfahrt Ball spielten. Meine Ironie perlte an Decker ab wie Wasser an einem Gummistiefel.

«Winterthur hat sich verändert», sagte er gleichmütig. «Und gerade in dieser Gegend haben in letzter Zeit einige Einbrüche stattgefunden.»

Einbrüche vielleicht, aber wohl ohne Mordopfer. Das hier war schliesslich nicht Caracas. Ich hatte eine harsche Entgegnung auf der Zunge, doch ein Blick von Béjart liess mich innehalten. Besser, ich zerbrach nicht gleich am Anfang zu viel Porzellan. Ich nahm einen letzten Zug von meiner Zigarette und schnippte den Stummel weit von mir. Kein Wunder, dachte ich, kein Wunder brauchte Norah Unterstützung.

«Wo ist Norah?», fragte ich.

Béjart deutete mit dem Daumen Richtung Garten. Nach einigem Suchen konnte ich in einer Ecke eine Gestalt ausmachen, die in einem von grünen Ranken überwucherten Pavillon sass.

«Steht sie unter Verdacht?», fragte ich.

«Die Ehefrau steht immer unter Verdacht», antwortete Becker. Wohl war.

«Aber sie scheint ein ziemlich wasserdichtes Alibi zu haben. Schmauchspuren sind ebenfalls negativ, wie ich gehört habe.» Béjart nickte mit dem Kinn zum Haus, in dem sich die Kriminaltechniker tummelten.

«Todeszeitpunkt?», fragte ich.

Becker sah Béjart warnend an. Der ignorierte den Blick.

«Vor mehr als sechs und weniger als zwölf Stunden.» Béjart zuckte mit den Schultern. «Genauer geht es im Moment nicht.»

Es war kurz nach elf Uhr vormittags. Das hiess, Jan war nach Mitternacht erschossen worden. Irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden.

«Keine weiteren Details», sagte Becker mit fester Stimme. «Immerhin steht die Ermittlung noch ganz am Anfang.» Hinter seinem Rücken schnitt ich ihm eine Grimasse, Béjart grinste mich an.

«Hat sie ihn gefunden?», fragte ich.

«Ja. Sie hat die Nacht auswärts verbracht und ist heute Morgen nach Hause gekommen. Schon an der Tür hat sie gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Im Wohnzimmer hat sie dann ihren Ehemann aufgefunden. Tot. Erschossen mit mehreren Schüssen. Diverse Sachen sind weggekommen. Es scheint sich vor allem um Schmuck zu handeln und um ein paar kleinere Kunstgegenstände. Wir sind mit der Frau durchs Haus gegangen und haben sie eine möglichst genaue Liste erstellen lassen, aber sie … Sie war natürlich vollkommen durcheinander. Du weisst schon.»

Jan war ein Kunstbeschaffer, sofern es diesen Begriff überhaupt gibt. Nach dem Studium hatte er sich bald selbstständig gemacht. Er hatte viele namhafte Klienten, die sich für Kunst interessierten. Wenn deren Herz ein Kunstobjekt begehrte, von dem sie gehört oder gelesen hatten, machte Jan sich auf die Suche danach oder zumindest nach etwas Vergleichbarem. Er musste gut Geld verdient haben mit dieser Tätigkeit. Nebenbei machte er Expertisen und Schätzungen. Vor einiger Zeit hatte ich anlässlich einer Scheidung kurz beruflich mit ihm zu tun gehabt. Das war das erste und einzige Mal seit unserer Lovestory, dass wir uns länger als zehn Minuten am Stück unterhalten hatten. Es war interessant gewesen. Jan war ein spannender Mann gewesen.

«Wo hat Norah die Nacht verbracht?»

«Sie war an einem Treffen in Zürich. Hat in einem Hotel übernachtet.» Béjart sah mich an.

So wasserdicht klang das Alibi in meinen Ohren nicht.

«Es gibt offenbar viele Zeugen, die das bestätigen können», mischte sich Becker ein. Er schien meine Zweifel gespürt zu haben.

Ich nickte, sagte nichts. Dann zündete ich mir eine weitere Zigarette an. Ich überlegte. «Mehrere Schüsse, ja?», hakte ich nach.

Becker und Béjart nickten unisono.

Nicht gut, dachte ich. Mehrere Schüsse hiess meistens, es war etwas Persönliches. Es hiess, jemand war wütend. «Wie ist der Täter ins Haus gekommen?», fragte ich.

«Durch die Hintertür, die direkt in den Garten führt.» Becker wies mit dem Kinn die Richtung.

«Aufgebrochen?»

Becker schüttelte den Kopf. «Es hat Werkzeugspuren am Rahmen. Aber dann hat der Einbrecher gemerkt, dass er die Tür auf ganz normale Art und Weise öffnen kann.»

«Sie war nicht abgeschlossen?» Ich sah ihn ungläubig an.

Wieder schüttelte er den Kopf. «Er hat wohl immer erst abgeschlossen, wenn er zu Bett gegangen ist.»

«Zufällig war die Tür offen», sagte ich. «Zufällig wusste der Einbrecher, dass da viel zu holen war. Zufällig hatte er eine Waffe in der Tasche. Ein bisschen viele Zufälle für meinen Geschmack.» Ich wartete nicht ab, ob einer der beiden etwas darauf erwidern wollte, sondern wandte mich ab. «Ich werde dann mal zu Norah gehen.»

4

Ich ging quer über den Rasen auf den Pavillon zu. Das Gras war saftig grün, in den Lavendelbüschen summten die Bienen, und da und dort flatterte ein bunter Schmetterling durch die Gegend. Ein idyllischer Spätsommermorgen für den Betrachter, der das Blutbad im Inneren des Hauses nicht sehen konnte.

Die Kriminaltechniker waren an der Arbeit, Jan war bereits abtransportiert worden. Die Blutspuren auf Teppich, Sofa und Holzdielen sprachen ihre eigene Sprache. Eine Sprache der Gewalt. Der Sinnlosigkeit.

Ich hoffte, Norah war tatsächlich unschuldig. Das hoffte ich vor allem um meinetwillen. Norah hatte meine Schwester Maria gekannt und gemocht. Mein Leben mit Maria hatte vor vierundzwanzig Jahren abrupt geendet. Erinnerungen waren das einzige, was ich hatte. So gesehen bedeutete Norah mir viel, auch wenn ich sie kaum kannte. Jan hatte mir auch viel bedeutet. Ich versuchte, all diese Gedanken abzuschütteln. Sie waren im Moment nicht hilfreich. Sie verwirrten mich.

Ich hatte den Pavillon erreicht. Bevor ich Norah gegenübertrat, sammelte ich mich. Dann ging ich zu ihr unter das Blätterdach. Norah sass auf der halbrunden, schmiedeeisernen Bank und schaute zu Boden. Sie weinte nicht. Sie schien noch immer unter Schock zu stehen, ihr Gesicht war fahl und angespannt. Ich ging zu ihr und setzte mich neben sie. Norah sah weiter zu Boden.

«Norah», sagte ich sanft und legte ihr meine Hand auf die Schulter. «Norah, ich bin jetzt hier. Alles wird gut.» Es war eine Floskel, nicht mehr. Ich wusste, dass nichts mehr gut werden würde. Ein Mensch war tot.

«Nichts wird gut.» Norah durchschaute den billigen Trick. Sie hob den Kopf und sah mich an. Im diffusen Licht im Pavillon schienen ihre Augen nicht mehr blau, sondern nachtschwarz zu sein. Nachtschwarz und voller Verzweiflung. «Nichts wird gut», wiederholte sie. Dann fing sie endlich an zu weinen. Erst lautlos, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und ihr Mund war verzerrt. Sie begann zu schluchzen, und das Geräusch steigerte und steigerte sich, bis Norah vor Kummer und Gram erstickte Schreie von sich gab. Wortlose Schreie, die mich umso mehr ins Mark trafen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Béjart sich dem Pavillon näherte. Seine Miene war besorgt, und ich konnte ein lautloses «Brauchst du Hilfe?» von seinen Lippen ablesen. Unauffällig winkte ich ab. Norah sollte ihrer Trauer freien Lauf lassen. Vielleicht half es. Vielleicht auch nicht.

Irgendwann verstummte Norah. Sie schniefte noch ein paar Mal, dann kramte sie ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich.

«Willst du reden?», fragte ich sie.

Sie schüttelte den Kopf.

«In Ordnung», sagte ich. «Wir müssen nicht reden. Nicht jetzt.» Ich wollte noch etwas sagen, überlegte es mir aber anders.

Norah hob den Kopf und sah mich an. «Danke», sagte sie. «Du verstehst. Du hast das auch erlebt. Mit Maria.»

Wieder wollte ich etwas sagen. «Nein», wollte ich sagen. «Ich habe das nicht erlebt. Jan ist tot. Ermordet. Maria ist nur verschwunden.» Ich sagte nichts. In diesem Moment spielte es keine Rolle. Nicht für Norah.

«Komm mit», sagte ich stattdessen. «Wir gehen nach Hause.» Norah konnte nicht hier bleiben. Sie konnte nicht zurück in dieses Haus gehen; das musste ich ihr ersparen. Und sowieso durfte sie in den nächsten Tagen nicht hinein. Nicht, solange die kriminaltechnischen Ermittlungen nicht abgeschlossen waren. Ich half Norah beim Aufstehen. Erst jetzt nahm ich sie als Ganzes wahr. Sie war noch immer gross und schlank. Sie trug eine schmal geschnittene schwarze Hose und ein ebenfalls schwarzes Oberteil. Die blonden Haare fielen ihr lang und glatt über den Rücken. Die Füsse steckten in hochhackigen Pumps, die Fingernägel waren rot lackiert. Alles war perfekt. Norah war perfekt. Eine schöne, perfekte Frau. Eine unglückliche Frau.

Ich legte Norah den Arm um die Hüfte und führte sie durch den Garten zur Einfahrt. Becker trat mir in den Weg.

«Wir müssen sie vernehmen», sagte er.

«Nicht mehr heute», antwortete ich.

Becker wollte etwas erwidern, aber ich schnitt ihm das Wort ab. «Sie ist nicht verdächtig. Also lassen Sie uns gehen.» Ohne seine Entgegnung abzuwarten, ging ich mit Norah zu meinem Auto. Meist war ich mit dem Fahrrad unterwegs, aber heute Morgen hatte ich intuitiv dem Auto den Vorzug gegeben, als ich mich auf den Weg ins Büro gemacht hatte. Als hätte ich geahnt, dass ich es brauchen würde. Ich seufzte leise. Der Morgen schien ewig lange her zu sein.

Béjart sah mir in die Augen.

Ich konnte seinen Blick nicht deuten. Es konnte Missbilligung sein. Oder Bewunderung. Auf jeden Fall machte er keine Anstalten, uns aufzuhalten. Ich setzte Norah auf den Beifahrersitz, schnallte sie an und schloss die Tür. Dann fuhr ich los. Ich würde sie zu mir nach Hause fahren, ihr die Treppe hinauf und in mein Bett helfen. Ich würde Norah ein Beruhigungsmittel verabreichen – ich hortete ein paar Temesta für Notfälle. Dann würde ich zusehen, wie sie einschlief. Schlaf war heilsam. Und dann würde ich ihren Schlaf bewachen.

5

Ich beobachtete Norah eine Weile, während sie schlief. Sie lag reglos auf der Seite, die Knie angezogen und die Hände nahe am Gesicht. Embryonalstellung. Ihr Gesicht war verquollen und verriet die Qualen der letzten Stunden. Ansonsten sah sie ruhig und friedlich aus, ihr Atem klang gleichmässig. Dieses Bild war trügerisch. Norah würde lange keinen Frieden finden. Sie würde nie mehr die alte sein. Sie war jetzt schon eine andere Frau.

Ich ging in die Küche, zündete mir eine Zigarette an und öffnete das Fenster. Die Mittagssonne strahlte heiss vom Himmel. Der Sommer ist nicht meine Jahreszeit. Da liegt zu viel Fröhlichkeit in der Luft. Zu viel Glückseligkeit. Ich wünschte mir, dunkle Wolken würden aufziehen, ein starker Regen einsetzen.

Ich kochte mir einen starken Kaffee und rauchte eine weitere Zigarette. Ich rekonstruierte für mich den Ablauf der Tat: In der Tatnacht war das Opfer alleine zu Hause gewesen. Offensichtlich war Jan lange aufgeblieben. Vielleicht hatte er gearbeitet. Ein Glas Wein getrunken. Irgendwann war der Einbrecher zur Hintertür hereinmarschiert, hatte Jan überrascht, ihn mit mehreren Schüssen niedergestreckt und anschliessend die Wertgegenstände mitgehen lassen. Die Schüsse waren unbemerkt geblieben. Kein Nachbar hatte die Polizei gerufen. Am Morgen kam Norah nach Hause und fand Jans Leiche. Die Polizei kam. Die Kriminaltechnik kam. Später stiess ich dazu.

Ich nahm einen langen Zug und hielt eine Weile den Atem an, bevor ich den Rauch wieder ausstiess. Ich sah in den strahlend blauen Himmel hinauf. Das Diebesgut. Die offene Tür. Die Waffe. Die Schüsse. Jan, tot. Norah, schlafend in meinem Bett. Etwas fehlte. Aber was? Ich rauchte zu Ende, drückte die Zigarette aus. Ich versuchte zu glauben, dass ich es mit einem ganz normalen Fall zu tun hatte. Es gelang mir nicht wirklich.

Mein Telefon läutete. Ich erkannte die Nummer, zögerte kurz und nahm dann ab.

«Moira», sagte mein Vater. «Ich hatte einen Traum. Ich habe geträumt, du brauchst meine Hilfe.»

Ich hatte vierundzwanzig Jahre lang keinen Kontakt zu meinem Vater gehabt. Er war nach Nigeria, in seine Heimat abgehauen, als ich fünfzehn war und meine kleine Schwester Maria dreizehn. Seither hatte ich jeglichen Versuch einer Kontaktaufnahme von seiner Seite abgewehrt. Ignoriert. Bis vor ein paar Monaten. Ich hatte den Tod eines jungen Mädchens untersuchen müssen. Dabei war meine eigene, relativ erfolgreich verdrängte Vergangenheit wieder aufgekocht. Meine verschwundene Schwester. Meine dysfunktionale Mutter. Der abwesende Vater. Schliesslich hatte ich zum Telefon gegriffen und ihn angerufen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte ich wieder die Stimme meines Vaters gehört. Seither standen wir sporadisch in Kontakt. Nicht, dass wir jetzt die besten Freunde wären. Dass die Vergangenheit überwunden und die Verletzungen geheilt wären. Aber wir befanden uns in einem Prozess der Annäherung.

«Vielleicht», antwortete ich meinem Vater, «vielleicht brauche ich tatsächlich Hilfe.» Ich erzählte ihm von meinem neusten Fall. Nicht der Fall der verschwundenen Eizellen. Der andere. Der Fall der vielen Zufälle. Ich erzählte ihm vom ermordeten Jan.

«Was soll ich tun?», fragte ich seufzend.

«Tu, was du immer tust», antwortete mein Vater. «Geh den guten Weg.»

Tja, was sollte ich sagen? Das half mir nicht wirklich weiter.

«Das ist dein Name, weisst du? Mmesoma. Der gute Weg.»

Ich verstand nur Bahnhof.

«Der Name findet einen. Nicht umgekehrt», fuhr mein Vater fort.

«Ich verstehe nicht», sagte ich. «Mein Name ist Moira.»

«Moira ist der Name, den deine Mutter dir gegeben hat. Er bedeutet Schicksal. Mmesoma ist der Name, den deine Ahnen für dich ausgesucht haben. Der gute Weg.»

Ich schwieg eine Weile. Ich musste das Gehörte erst einordnen. «Ich wusste nicht, dass ich einen zweiten Vornamen habe», sagte ich schliesslich.

«Nein. Deine Mutter wollte es so. Eine Erwähnung dieses Namens, und sie ist explodiert. Du kennst sie ja.» Ein glucksendes Lachen war zu hören.

Ich konnte das nicht lustig finden. Meine Mutter ist Alkoholikerin. Ein Glas zu viel oder zu wenig, ein Wort zu viel oder zu wenig hat einen Wutanfall zur Folge. Das war schon immer so. Deswegen war mein Vater wohl auch abgehauen und hatte mich und meine Schwester Maria mit Mutter allein gelassen. Aber das war eine andere Geschichte.

Moira und Mmesoma. Schicksal und der gute Weg. Vielleicht konnte ich irgendwann etwas damit anfangen. «Und Maria?», fragte ich.

«Was ist mit ihr?», erwiderte mein Vater die Frage.

«Welchen Namen haben ihr die Ahnen gegeben?»

«Ngozi. Gesegnet.»

Nun musste ich ein Lachen unterdrücken. Ein zynisches Lachen. «Da haben sie aber schön danebengegriffen», sagte ich.

Mein Vater schwieg eine Weile. «Deine Schwester ist an einem gesegneten Ort», sagte er. «Wo immer sie auch ist, es geht ihr gut.»

«Woher willst du das wissen?», fragte ich einigermassen aggressiv.

«Ich weiss es. Ich fühle es.»

Ich sagte nichts. Ich sagte nicht, dass ich keinen Deut auf solche Gefühle gab. Das waren Hirngespinste. Wunschdenken.

«Du glaubst mir nicht.» Mein Vater war nicht dumm. «Noch nicht. Aber es wird die Zeit kommen, wo du selbst die Dinge spürst.»

Bald nach dieser rätselhaften Aussage beendeten wir unser Telefonat. Ich war nicht klüger als zuvor. Aber ich war um einen Namen reicher. Mmesoma. Ich sagte ihn leise vor mich hin. Er klang gar nicht mal so übel.