Peggy Patzschke
Das Muschelprinzip
Eine außergewöhnliche Reise zu den Schätzen in dir
FISCHER E-Books

Peggy Patzschke, geboren 1970 in Leipzig, ist ausgebildete Journalistin und Drehbuchautorin und arbeitet seit über 25 Jahren erfolgreich als Fernseh- und Rundfunkmoderatorin. Über ein Jahrzehnt war sie die bekannteste Radiostimme Mitteldeutschlands. Im Fernsehen moderierte sie u.a. »Der Papst in Deutschland«, »Länderzeit«, »MDR aktuell« und »MDR vor Ort«. Zudem arbeitet sie als Coach, Veranstalterin und Trainerin. Peggy Patzschke ist Mutter eines erwachsenen Sohnes und lebt in Leipzig.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Perlmuscheln entwickeln aus Verletzungen, Schmerz und schwierigen Umständen einen neuen Schatz: eine Perle. Die erfolgreiche Fernseh- und Radiomoderatorin Peggy Patzschke ist überzeugt: Auch wir können uns diese Fähigkeit zu Nutze machen. Vor allem Frauen in der Lebensmitte kennen dieses Gefühl: Viel erreicht, vielem verpflichtet, im Leben eingerichtet – aber irgendwie schmeckt der Alltag schal. »Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!« Wir stecken in festgefahrenen Mustern und Pflichten fest und scheuen uns, die Komfortzone zu verlassen.
Peggy Patzschke hat den Aufbruch gewagt und unterwegs Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen gefunden: Wie gehe ich mit meiner Sehnsucht nach Veränderung um? Wie aktiviert man die Kräfte, die in einem stecken? Wie schaffe ich es, aus Rückschlagen neue Kraft zu schöpfen? Wie gelingt es, sich noch einmal neu zu erfinden? Welche Perlen schlummern (noch) in uns?
Auf ihrer Reise begegnet sie Machern aus Politik, Medien und Musik und erzählt, was sie aus diesen Begegnungen gelernt und an Neustart-Tipps für ihr eigenes Leben mitgenommen hat. Zu ihren Inspiratoren gehören u.a. Walter Kohl, Jenny Jürgens, Udo Lindenberg, Sebastian Krumbiegel, Maren Kroymann, Pierre Frankh, Dietrich Grönemeyer, die in ihrem Leben immer wieder alles gewagt haben.
Ein inspirierendes Buch für alle, die es noch einmal wissen wollen.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung und -abbildung: www.buerosued.de
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490562-4
Für Frieda, meine Familie, Freunde SSW
und jeden, der sich auf den Weg macht
Mit Perlengrüßen an Célia von Barchewitz
»Sei so
glücklich,
wie du nur kannst.
Time is honey.«
Das Leben aber hätte ich manchmal lieber mit einem ordentlichen Schwapp Milch. Geht nur nicht immer. Manchmal verlaufen die Dinge nicht nach Plan. Zumindest nicht nach unserem.
Als ich damals dort auf meinem Wohnzimmerteppich lag und aus dem Fenster starrte, hatte ich keine Ahnung davon, welches Abenteuer in Kürze vor mir liegen würde. An diesem Abend konnte ich mir so gut wie gar nichts mehr vorstellen. Vor allem nicht, wie jemals wieder Spaß in mein Leben kommen sollte. Der Action-Faktor meines Alltags ähnelte mittlerweile dem eines biederen Bausparers, obwohl ich von außen betrachtet nicht meckern konnte. Ich hatte eine warme Wohnung, einen Traumjob in den Medien, ein gesundes Kind und genügend Geld in der Tasche. Jedenfalls so viel, dass ich uns jederzeit ein leckeres Menü vom Japaner um die Ecke holen konnte, ein neues Autorennspiel für Junior oder diese tolle Schlafzimmerlampe für mich selbst.
Trotzdem wollte mir damals kein Licht aufgehen.
Ich lag dort seit Stunden und beobachtete die Welt hinter der Scheibe, als wäre ich nicht mehr Teil von ihr. Ich erwartete meinen vierundvierzigsten Geburtstag. Allerdings ohne den geringsten Appetit auf das, was vor mir lag. Plötzlich schmeckte mein Leben schal. Gerade noch kräftig Gas gegeben und jetzt die Vollbremsung. Irgendeine entscheidende Glückszutat musste ich unterwegs verloren haben. Vielleicht brauchte ich auch nur ein Update? Irgendeine neue Software, um mein gewohntes Power-Programm am Laufen zu halten? Keine Ahnung. Dabei besaß ich die Lösung schon damals. Hatte mir mal ein schlauer Kollege aus der IT-Abteilung verraten, als er meinen Computer reparierte:
»Der Fehler, meine Liebe, sitzt meistens vor dem Gerät. Kaum macht man es richtig, schon geht’s.«
Guter Rat. Nur leider hatte ich ihn zu dem Zeitpunkt vergessen, und so sollte es noch eine Weile dauern, bis ich mich der Realität der nahenden Lebensmitte stellte, und die hieß in meinem Fall: »Willkommen in Pubertät Nummer zwei.« Leider sollte ich sie genau parallel zur ersten meines Kindes durchleben – Sorry, Großer –, aber Gott sei Dank hatte ich sie. Heute schicke ich Dankgebete gen Himmel, denn ohne die dann folgenden Begegnungen und diesen entscheidenden Spaziergang am Meer hätte ich vielleicht nie mehr hinter den Horizont meines Lebens geschaut. Meine Fundstücke auf dieser Reise zu neuen Ufern teile ich gern mit Ihnen.
Aber lassen Sie uns am besten von vorn beginnen: Am Tag nach meiner Wohnzimmerteppich-Depression hatte ich mich wieder ein wenig eingekriegt. Es war ein normaler Start. So wie immer in letzter Zeit. Sie wissen schon, keine Morgenstunden, die an einen weichen Pfirsich erinnern – samtig, saftig und süß – mit dieser haltlosen Lust auf mehr! Jener Morgen war bloß der Anfang eines weiteren Tages, an dem nichts Außergewöhnliches zu erwarten war. Ja, wenn ich die Augen schließe, ist alles wieder da …
Meine Schussfahrt in Pubertät Nummer zwei
Mein Blick wandert vom Kaffeebecher hinüber zum Kühlschrankmagneten.
»Das Leben ist schön«, steht dort. Ja, denke ich, und die Erde eine Scheibe. Kurz nach halb sieben. Ich muss mich beeilen. Kind abfertigen und dann ins Büro. Ich flitze ins Bad. Beim Kämmen betrachte ich mich im Spiegel. Im Kopfstand würden meine Mundwinkel richtig fröhlich aussehen. Wenn bloß nicht das Ziehen in der Magengegend wäre.
»Mama, mir geht’s heute nicht gut. Ich kann nicht in die Schule!«, kräht es aus dem Zimmer nebenan. Das ist es. Das Signal. Junior ist wach, und für mich beginnt die erste Schicht.
Dem Jungen gut zureden, Schlappen an, runter zur Bäckerschlange, dann den Frühstückstisch decken, Jungen ermahnen, ihn drängeln, endlich das Bett zu verlassen, ihm helfen, im Schrankdschungel das neue Lieblingsshirt ausfindig zu machen, seine Socken vom Vortag aus dem Weg schubsen, Kaffee anstellen, mich selbst zurechtmachen, Jungen weiter antreiben, ihn ermutigen, wenigstens etwas zu essen, selbst einen Bissen verschlingen, Jungen aus der Tür schieben, schnell das dreckige Geschirr in den Spüler, Junge kommt noch mal zurück, sucht Schlüssel und Füller, Belehrungen runterschlucken, erneut beim Suchen helfen, nervös werden, weil es der Junge nun nicht mehr pünktlich zur ersten Stunde schafft, Füller gefunden, Jungen erneut aus der Tür schieben, Pausenbrot hinterherreichen, die eigene Tasche packen, Junge tobt draußen im Hausflur, weil er nun auch gemerkt hat, dass er spät dran ist, Junge donnert mit Faust gegen die Fahrstuhlwand, Erkenntnis »Ach ja, Kind befindet sich längst in der Pubertät«, kurzes Herzrasen, Situation trotzdem entspannen wollen, weil der Junge ja gleich diese entscheidende Mathearbeit schreibt, in die Küche zurückflitzen, sich den neuen Schnellkochtopf über den Kopf stülpen, diesen glänzenden aus Silber, dabei noch im Bademantel dem Jungen ins Treppenhaus folgen, den überraschten Nachbar grüßen, der ebenfalls gerade in den Fahrstuhl steigt, seinen Blick ignorieren, auch den von meinem Jungen, diesem auf seine stumme Frage »Mama! Was machst du hier im rosa Frotteebademantel mit dem Kochtopf auf dem Kopf?« in möglichst selbstverständlichem Ton Antwort erteilen:
»Sorry, aber ich muss mich ja irgendwie vor deinen schlechten Schwingungen schützen. Hab’ selbst noch einen langen Tag. Viel Spaß in der Schule. Tschühüüs!«
Mein Junge prustet los, als sich endlich die Fahrstuhltür hinter ihm schließt. Ich höre ihn noch im Erdgeschoss darüber kichern. Gott sei Dank, ich habe ihn zum Lachen gebracht! Nun aber schnell mich selbst fertig anziehen und schleunigst rauf auf die Autobahn. Wenn kein Stau kommt, packe ich es noch.
Geschafft. Schicht Nummer eins ist im Kasten.
Der Wagen rollt, das Radio läuft. Erst nach einer halben Stunde nehme ich wahr, dass heute die Sonne scheint. Tatsächlich, keine Wolke am Himmel. Herrlich. Ich atme durch und versuche noch ein wenig abzuschalten, bevor ich den Firmenparkplatz erreiche.
Ich denke an vorhin im Bad, meinen Blick in den Spiegel. Nein, nicht diese erste Linie über der Nasenwurzel ist es, die mir Angst macht. Eher das Stechen im Bauch und die Übelkeit, die mich morgens immer öfter überkommt. Wenn ich nach Schicht eins das Büro erreiche, steigt der seltsame Druck manchmal hoch bis zum Brustkorb, und in dem Moment, in dem ich die Bürotür hinter mir schließe und den Computer hochfahre, verwandelt er sich neuerdings in ein Brennen. Es begleitet mich manchmal durch den ganzen Tag, bis ich meist gegen 18 Uhr den PC wieder herunterfahre. Anschließend geht es zurück in den Feierabendstau. Schnell noch den Einkauf, etwas Abendbrot machen, die Küche putzen, den Jungen ins Bett bitten, und am nächsten Morgen geht’s wieder los …
Ich höre auf den Song im Autoradio. Sarah Connor singt gerade: »Wie geht glücklich?«
Ja, denke ich, gute Frage, wie eigentlich? Muss ich mal googeln. Drehe die Musik aber besser erst mal leiser. Was für ein Luxusgedanke am Morgen eines vollgepackten Tages. Anhalten auf offener Strecke ist nicht drin. Gleich beginnt die Morgenkonferenz.
Ich trete aufs Gas. Ein Blitzer. Mist.
»Hast du das gestern mitbekommen mit der Neuen?«, überfällt mich Grit aus der anderen Abteilung, noch bevor ich meine Tasche in der Redaktion abstellen kann. »Nee, was war denn mit ihr?«, frage ich und versuche ein Lächeln. Bin aber zu müde. Grit hingegen ist in ihrem Element: »Na, das war ja wohl nichts mit der schnellen Karriere!«, beginnt sie zu schimpfen. »Erst drängelte sie sich unbedingt in dieses Casting, und dann geht sie vorher noch mit dem Sendungsgast essen. Ha, aber jetzt diese Quote! Hast du die Sendung gesehen?«
Ich schüttle den Kopf. »Wie war denn die Quote?«, frage ich nach. Grit ist auf 180. »2,4 Prozent, lächerlich. Ich würde sagen, das hat sich schon wieder erledigt mit diesem Fräulein. Soll sie doch erst mal diese Ausbildung zu Ende bringen.« Grit ist immer klar und zackig. Heute Morgen ist das allerdings zu viel Energie für mich. Früher hätte ich stundenlang mitdiskutieren können. Alles ausgewertet, was unsere Branche betrifft. Castings, Gästeauswahl, die Topthemen der Woche, neue Kollegen, Flurgerüchte, Kantinenallianzen, Quoten, veränderte Formate oder schräge Ideen der privaten Konkurrenz. Momentan aber lockt mich das nicht hinter dem Ofen vor. Seltsam. Allerdings könnte ich auch nicht sagen, wofür ich mich derzeit überhaupt interessiere. In mir fühlt sich alles so taub an. Beinah so ähnlich wie bei einem Koch, der über Nacht seine Geschmacksnerven verloren hat. Ich habe den totalen Luststau.
Irgendwas stimmt nicht mit mir.
Jetzt erscheint Hartmut im Nebenzimmer. Punkt 9.30 Uhr, wie immer, setzt er sich an den Schreibtisch und fährt seinen Computer hoch. Er muss sich beeilen. Noch das Interview von gestern fertigmachen und die Sitzung für den Nachmittag vorbereiten. Er hatte sich einen neuen Talk ausgedacht, und nun wurde der erste Ausstrahlungstermin vorgezogen. Ein guter Journalist. Ich arbeite gern mit ihm. Heute sieht er allerdings blass aus. »Bist du okay?«, frage ich, noch im Türrahmen stehend. Er lächelt mich an. »Ach herrlich, wenigstens ein Mensch, der sich heute für mich interessiert. Ja, danke, Peggy, mir geht es gut.« Dann lehnt er sich für einen Moment zurück. »Haben sie dir auch gleich die Sache mit der Neuen erzählt?« Er krempelt die Ärmel hoch. »Also, heute habe ich keinen Nerv dafür. Ich muss meinen eigenen Kram fertigbekommen.« Ich nicke und trete ein Stück näher. »Ja, ich weiß. Sag, wenn ich dir etwas helfen kann.«
Hochkonzentriert tippt Hartmut seine Texte ins System. Sein Atem ist schwer. Dann stoppt er und sieht noch einmal zu mir auf. »Das mache ich seit Jahren so. Immer sitze ich hier in der falschen Haltung. Mein Rücken tut so weh. Schon seit Tagen.« Wieder nicke ich. »Meinst du«, fragt er nach einer kleinen Pause, »ich schaffe irgendwann sogar diesen Hauptsendeplatz? Das wäre genial. Dafür bin ich nämlich gerade zehn Stunden täglich im Einsatz. Meine Frau bekommt mich kaum noch zu sehen. Aber wenn ich ehrlich bin –«, wieder eine Pause, »irgendwie glaube ich nicht dran. Die Konkurrenz ist groß.« Jetzt sieht er noch blasser aus als zuvor, und ich lächle ihm aufmunternd zu. »Na klar, schaffst du das. Du bist gut!« Hartmut legt seine Stirn in Falten. »Ich und gut?« Jetzt ziehe ich die Augenbrauen hoch. »Na klar. Aber das weißt du doch auch! Du bist einer unserer Besten. Deine Berichte sind genial.« Hartmut zuckt mit den Schultern. »Vielleicht. Lieb, dass du das so siehst.« Er tippt weiter, bis zur nächsten Denkpause. »Ob wir zwei Hübschen das auch die nächsten zehn, fünfzehn Jahre so machen? Immer emsig in unsere Computer hineintippen und dabei diese Rückenschmerzen?« Dann ein Seufzer von ihm. So kenne ich ihn gar nicht. »Das wäre schon traurig«, schiebt er noch nach.
Ich entscheide mich dafür, Hartmuts Frage nicht zu beantworten und das beunruhigende Thema, das er damit aufwirft, wie eine Erwachsene anzugehen.
Es komplett zu ignorieren.
Eine Woche später ist er da. Mein vierundvierzigster Geburtstag. Ich organisiere mir zwei Tage Auszeit bei Freunden am Meer, und da hocke ich nun. Am schönsten Fleck der Erde, den Blick in die Ferne gerichtet, und bedauere mich selbst.
An Geburtstagen und Silvester neige ich ohnehin zu Melancholie. Diesmal aber ist es besonders schlimm. Nicht die Hitze ist es, die mich so fertigmacht, sondern die Bewegungslosigkeit meiner Tage. Anfang vierzig, kreist es schon wieder in mir, und nicht mal in der Lage, halbwegs glücklich zu sein. Ich denke an den Kühlschrankspruch zu Hause und beschließe, ihn demnächst zu erneuern. Klar ist das Leben schön. Aber warum wird es einem so schwergemacht, sich seine Träume zu erfüllen? Je älter man wird, desto mehr scheint dazwischenzukommen. Zumindest bei mir. Ich laufe ein paar Meter, spüre den Sand zwischen den Zehen und versuche noch einmal zu ordnen, was mich an meinem Alltag neuerdings so stört.
Auf jeden Fall gibt es deutlich reizvollere Phasen im Leben als dieses »Mittelalter« mit all seinen Pflichten der Sandwichposition. Überall muss man gleichzeitig sein. Ich flitze, schaffe, pendle, kämpfe. Entscheide alles allein. Nur irgendwie scheint mit einem Mal die Luft raus zu sein. Irgendwann muss ich, ohne hingeschaut zu haben, über eine Linie gelaufen sein, und seitdem bin ich nicht mehr im eigenen Leben. Ziele hatte ich immer reichlich, klar. Nur, mittlerweile scheinen es die von vorgestern zu sein, und neue zu finden fällt plötzlich so schwer. Warum eigentlich? Ich überlege. Entweder habe ich keine Zeit, um in Ruhe darüber nachzudenken, oder ich komme nicht auf die richtigen Ideen. Ich schaue auf die Wellen. Ja, denke ich, das Leben und das Meer, sie haben viel gemeinsam. Bei beiden liegen die Phasen mit Sturm oder Flaute eng beieinander. Gerade noch rasieren einem heftige Böen den Kopf ab, und schon sehnt man sich nach wenigstens einer Bewegung im Einerlei seiner Tage. Chaos oder Langeweile, Sturm oder Flaute, ein jedes Übermaß kann tödlich sein.
»Alles nur nervig!«, fluche ich laut vor mich hin. Am liebsten möchte ich wie ein Kleinkind die Finger in die Ohren stecken und laut »La-la-la-la« rufen, um alles um mich herum auszublenden.
Autsch! – Was ist das?
Ich hebe den Fuß, um zu schauen, woran ich mich geschnitten habe. Aber da ist kein Schnitt, kein Blut. Nur eine Muschel, auf die ich getreten bin. Ich bücke mich. Hübsch ist sie, denke ich. Viel Weiß, etwas Schwarz und nicht mal kaputt. Ohne Perle, natürlich. Macht sie aber nicht weniger wertvoll. Irgendwie, finde ich, schafft es jede Muschel sofort, gute Laune zu verbreiten. Schließlich sieht man sie im Alltag viel zu selten, jedenfalls bei mir in der Stadt. Und sie haben etwas Magisches! Ich liebe es, sie mit geschlossenen Augen ans Ohr zu halten und den Wellen in ihnen zu lauschen. Vielleicht ist es aber auch die geduldige Art, mit der diese Lebewesen alles um sich herum zu überstehen scheinen, die mir Bewunderung abringt. Ich lächle und fahre mit dem Finger über die feste Schale in meiner Hand. Denke an die ewigen Meeresströmungen, die so ein kleines schwarzweißes Ding unentwegt hin und her schubsen, schleifen oder aussetzen an fremden Sandstränden. Eine Muschel erträgt das einfach.
Respekt.
Ich hocke mich wieder hin und versuche das Gedankenkarussell endgültig zu verlassen. Der Sand ist schön weich. Noch spüre ich das Brennen am Fuß. Dort an der Stelle, wo ich gerade in die Schale aus Perlmutt getreten bin. Dann schließe ich die Augen. Das gleichförmige Rauschen des Wassers entspannt mich. Plötzlich erfasst mich ein Gedanke:
Was wäre, wenn es sich hier bei meinem angestrengten inneren Kampf lediglich um die Calziumcarbonat-Phase meines Lebens handelt?
Also diese kostbare, lang andauernde Etappe, in der eine erfahrene Muschel auf einer in ihr heranwachsenden Perle kostbar schillerndes Perlmutt anlegt. Schicht für Schicht. Eine, noch eine und noch eine … Ein Prozess, der seine Zeit braucht, und eine Mühe, für die später, je nach Perfektion und Ausdauer, betuchte Kunden bereitwillig Tausende Euro hinblättern.
Ja, warum sollte nicht gerade die zweite Lebenshälfte – die, in der wir gestählt sind durch jede Menge Erfahrung – das Potential in sich tragen, den vielleicht wertvollsten Schatz unseres Lebens hervorzubringen? Den kompletten Reichtum im Inneren zu veredeln und schließlich sichtbar zu machen? Vielleicht muss ich nur darauf vertrauen, dass unter der Schale der Unzufriedenheit und Routine meines derzeitigen Alltags gerade noch mal etwas sehr Wertvolles heranreift? Auch wenn es noch niemand erkennen kann. Nicht einmal ich selbst.
Ich halte den Gedanken fest, denn die Erklärung gefällt mir.
Genauso wie die Philosophie, die Muscheln seit jeher verkörpern. Störungen nutzen sie klug. Verletzt sie zum Beispiel ein Sandkorn und können sie den Eindringling nicht mehr loswerden, ist das nicht zwangsläufig ihr Ende. Erwachsene Muscheln leisten keinen Widerstand. Sie denken um und nutzen Schwierigkeiten zu ihrem Vorteil. Ummanteln den Störenfried mit selbsterzeugten Sekreten, verwenden somit Altes als Ausgangsmaterial für etwas Neues. Die künftige Perle eben. Herrlich, denke ich. Alte Erfahrungen, Schmerzen oder vermeintliche Störungen als bewusste Basis für einen neuen Schatz.
Warum mache ich das eigentlich nicht genauso?
Ich springe auf und formuliere die Idee noch einmal laut vor mich hin:
»Mein nächster Erfolg – also die noch unentdeckte Perle – durchläuft in der lebendigen, zu alles fähigen Muschel – das bin ich – nur gerade einen nächsten, langen und notwendigen Reifeprozess, um sich später in neuem Glanz zu zeigen.« Ich strahle. »Ja, Geduld, Peggy, G-e-d-u-l-d!«, bete ich als Mantra vor mich hin, denn ich weiß: Das ist des Pudels Kern. Ich mag viele liebenswerte Eigenschaften besitzen. Geduld gehörte bisher nicht dazu. Dann konzentriere ich mich wieder auf die soeben gefasste Erkenntnis:
Dinge, die in meinem Leben plötzlich ganz anders laufen als gedacht, muss ich nur mit anderen Augen sehen und auf einen sinnvollen Ausgang vertrauen. Selbst dann, ja gerade dann, wenn mir scheinbar die Zeit davonläuft. Perlmuscheln praktizieren das schon immer so und haben großen Erfolg damit. Außerdem wissen sie, dass Wunder immer im Inneren entstehen. Sobald wir Menschen dasselbe Prinzip anwenden, ist keine Erfahrung im Leben umsonst. Nicht mal die schmerzhafteste. Im Gegenteil. Plötzliche Krisen sind dann der Wink mit dem Zaunpfahl. Der nötige Tritt in den Hintern und eine erstklassige Chance, um den selbigen endlich wieder hochzukriegen.
Diese Sichtweise hat etwas Beruhigendes. Frischluft fürs Hirn, danke.
Ich lasse die Augen geschlossen und freue mich noch eine Weile an dem Perlmutt-Gedanken. Dann umschließe ich das kleine Strandgut fest mit den Fingern und lasse mich endgültig zurückfallen in den Sand.
Heute warten keine Termine.
Mein Schlaf in der darauffolgenden Nacht ist unruhig. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens trägt er mich zurück an den Strand. Selbst im Traum hat das Rauschen der Wellen etwas Entspannendes.
»Hatte es sich wirklich noch nicht zu dir herumgesprochen?«, sagt der Mann, der mit einem Mal neben mir steht und mich ungläubig anschaut. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Er trägt einen altmodischen Bart, und sogar im Traum wundere ich mich darüber, dass er mich einfach so duzt. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Doch erst als er sich vorstellt, macht es klick bei mir:
»Darwin, Charles Robert Darwin«, sagt der Bärtige klar und deutlich. Er reicht mir seine Hand und deutet mit dem Kopf einen Gruß an. Keine Frage. Ich schlafe! Trotzdem fühlt sich alles so echt an. Ich stehe wieder am Strand. Dieses Mal ist es windiger. Die Welle, die mir über die Zehen läuft, ist kalt, und unter den Fußsohlen kann ich den grobkörnigen Sand spüren. Okay, also mit Charles Darwin am Strand, irgendwo bei … ich habe keine Ahnung, wo ich hier in meinem Traumland bin. Einfach nur weit weg, aus Raum und Zeit gefallen.
»Ich gebe es ja nicht gern zu«, beginnt der Alte, »aber sie ist falsch, meine Evolutionstheorie.« Er schüttelt den Kopf über sich selbst und sieht bedeutungsschwer in die Ferne. »Dabei war ich immer so stolz auf meine Arbeit. Ich war geehrt, wie lange sie an Schulen und Universitäten gelehrt wurde, und in wie vielen Büchern und Bibliotheken sie bis heute nachzuschlagen ist!«
Er kratzt sich am Kopf und wendet sich wieder mir zu. »Aber was soll’s! Als Wissenschaftler bin ich der Wahrheit verpflichtet, und die hat nun mal größere Bedeutung als der Stolz eines alten Sturkopfs.«
Hier will ich etwas entgegnen, finde aber in meinem Traum keine Stimme. Ich öffne den Mund. Doch es kommt kein Ton heraus. Den Alten neben mir scheint das überhaupt nicht zu stören. Er versteht meine Frage auch so und nickt: »Ja, zugegeben: Dass Menschen und Affen von denselben Vorfahren abstammen und viel gemeinsam haben, das klingt schon plausibel. Ich habe ja zahlreiche Beweise in meiner Arbeit dazu erarbeitet. Ist aber falsch! Heute weiß ich, dass meinen Forschungen zur Entstehung der Korallenriffe eine wesentlich größere Bedeutung zukommt. Wir Menschen sind nämlich mit einer anderen Artenfamilie verwandt. Mit diesen Lebewesen verbindet uns in unserem Alltag deutlich mehr, und wenn du mich fragst, können wir uns von ihnen in einigen Punkten wirklich noch eine Scheibe abschneiden. Ich halte sie jedenfalls für ein ausgesprochen großes Vorbild in Sachen Lebenserfolg! Vorausgesetzt natürlich …«, lacht er in seinen Bart hinein, »man schaut genauer hin.«
Umständlich beugt sich der Alte hinunter und sammelt etwas aus dem Sand auf. Dann richtet er sich schniefend wieder auf, wartet eine Sekunde und zwinkert mir geheimnisvoll zu. Doch gerade als er seine Hand öffnen will, um mir den Schatz darin zu zeigen, schrecke ich auf.
Straßenlärm hat mich aus dem Traum gerissen. Ich reibe mir die Augen, setze mich langsam auf und fühle mich wie erschlagen. Noch habe ich ihn innerlich vor mir, diesen alten Darwin am Strand.
Was er in seiner Hand hielt, hatte ich nicht mehr sehen können.
Aber ich ahne ja, was es war.
Neue Woche, neues Glück.
Der erste Teil unserer Konferenz ist beendet. Ich renne zur Toilette. Will mich kurz frisch machen. Habe immer noch Sehnsucht. Weiß nur nicht wonach? Ich stelle mich vor den Spiegel und untersuche die Stirnfalte, die kürzlich dazukam.
»Hallo, Glück, hier bin ich!«, rufe ich der Frau im Spiegel zu und erinnere mich an die Frage, die mir mein Sohn heute Morgen stellte: »Warum guckst du denn so traurig, Mama?« Es traf mich wie ein Schlag. Denn es war genau derselbe Satz in genau demselben Ton, den ich vor Jahren zu meiner Mutter gesagt hatte, als sie in der Mitte ihres Lebens stand. Damals hatte ich mir geschworen, später nie so müde und traurig auszusehen. – Und jetzt?
Einfach die Stopptaste drücken?
Ausbruch, Aufbruch, Umbruch Ü40? Klingt nach zweiter Pubertät, und genauso fühlt es sich auch an. Nur, dass die Personen, gegen die ich diesmal rebelliere, nicht Mutter, Vater oder Lehrer heißen. Diesmal scheine ich selbst der Feind zu sein, oder sagen wir besser: Mein »altes Ich«. Die schal gewordene Kopie der einstigen Abenteuerin, zu der ich durch all die Routine geworden war. Also mal überlegen, wie macht man das noch mal: sich vom Leben »tragen lassen« und nicht ständig neue Aufgüsse produzieren?
Die Person im Spiegel verzieht das Gesicht. So, als wollte sie sagen: Na toll, dass du dich das jetzt schon fragst, nachdem das Bandmaß deiner Lebenszeit um die Hälfte geschrumpft ist! Ich lasse eine Ladung kaltes Wasser in die Handflächen laufen und werfe sie mir ins Gesicht. Was ist mit mir passiert? Es scheint, als läge das Glück direkt vor meinen Füßen. Ich müsste mich nur bücken und es aufheben. Doch irgendwie kann ich es nicht mehr. Wie bei einer Fata Morgana laufe ich darauf zu. Aber sobald ich mich annähere, verschwindet die Oase vor meinen Augen. Ich muss herausfinden, wo hier der Fehler liegt. Entweder befinde ich mich tatsächlich in der Wüste, oder es liegt an meinem Blick auf die Dinge, und in dem Fall gibt es nur zwei Lösungsmöglichkeiten. Variante eins: Ich muss etwas an meiner inneren Einstellung ändern, oder, Variante zwei: Ich muss dringend zum Augenarzt.
Ein Würgen. Ausfallschritt rüber zur Toilette. Mir ist schlecht. Bin im Panikmodus. Irgendwann der nächste Gedanke: »Okay, ich kann nicht verhindern, dass ich älter werde. Aber dass ich mich dabei derart besch… fühle!« Da ist er also, mit dem Kopf über der Kloschüssel, der Punkt in meiner Vita, an dem es keine Ausrede mehr gibt. Es muss sich etwas ändern. Beschlossene Sache.
Bloß wie?
Keine Ahnung. Ich betätige die Spülung und gehe zurück zur Sitzung. Meine Kollegen brüten über dem letzten Interview für die Sondersendung. Bevor ich mit einsteige, notiere ich im Kalender noch etwas für meine private Lebenspolitik: eine Liste gutgemeinter Ratschläge an mich selbst.
12 Tipps, die ich beim Neustart gleich weglassen kann
Abwarten und Tee trinken. Wird schon werden.
Mir selbst jeden Tag laut und tapfer die Vorteile der derzeitigen Situation aufzählen. Zum Beispiel mein Auskommen, meine Freunde oder die Absehbarkeit eines Lebens, in dem alles seinen gewohnten Gang geht.
Mich komplett auf schöne Ablenkungen konzentrieren: Restaurantbesuche, Partys, nette Filme.
Mir besonders kostspieligen Urlaub leisten. Ablenkung durch Luxus funktioniert – allerdings nur für ein bis zwei Wochen. Danach ist die Erholung wieder futsch.
»Auf Arztattest« machen, um innerlich aufzutanken. Doch auch die längste Krankschreibung der Welt würde irgendwann zu Ende gehen.
In Alkohol oder Zigaretten flüchten. Ist teuer und geht auf die Nerven! Im wahrsten Sinne des Wortes.
Darauf vertrauen, dass ich von jemandem gerettet werde.
Darauf vertrauen, dass Glauben, Weisheit und innere Ruhe mit dem Alter automatisch kommen oder nach Beherzigung von Punkt 1.
Mich an denen orientieren, die das Bandmaß bis zur Rente einfach weiter abschneiden und auf Durchzug schalten.
Ein und denselben Kampf gegen die »Umstände« auf ein und dieselbe Weise wieder und wieder ausfechten.
Im Kopf den idealen Plan für eine logische, risikoarme Veränderung so lange entwickeln, bis er perfekt klingt. Bis dahin Punkt 1.
Wünsche beim Universum anmelden. (Nicht, dass ich die Technik grundsätzlich für Humbug erkläre. Nur hält mich, wenn ich sie konsequent zu Ende denke, mit einer derart miesen Ausstrahlung doch noch nicht einmal das Universum für sexy genug, um mir meine Wünsche von den Augen ablesen zu wollen, oder?)
Trotz der Liste, trotz ausgetauschter Kühlschranksprüche und kleiner Erleuchtungen zwischendurch passiert es zwei Wochen später: Ich nehme ein nächstes zusätzliches Angebot in der Firma an, obwohl es nicht zu mir passt. Hauptsache, etwas Neues! Und schwupp, schon ist sie da: Diagnose Sackgasse. Unsere Firma ist groß, man hatte gerade einige Abteilungen umstrukturiert. Dabei eine Schaltstelle zwischen technischem Support und redaktioneller Planung gebildet, und ich hatte mich umgehend gemeldet.
Aber warum eigentlich?
Gut, 150 Euro netto sind nun jeden Monat zusätzlich auf dem Konto. Aber dafür gibt es ein anderes Minus. Noch nie war ich inhaltlich weiter entfernt von meinem Traumjob und meinen eigentlichen Stärken als jetzt. Nah an den Menschen, mit spannenden Fragen und Mikrophon.
»Kommen Sie mit?«, stupst mich ein neuer Kollege von der Seite an. »Mit, wohin?«, frage ich. Er lächelt. »Na, zur zweiten Runde? Nach der 9.00-Uhr-Sitzung haben wir 10.30 Uhr immer die zweite Abstimmung.«
»Die zweite?« Wie wenig entspannt ich rüberkomme, fällt mir erst auf, als die Bemerkung bereits raus ist. Was ist bloß los mit mir? Früher war ich mal fröhlich und cool. Jetzt nur noch ernst und getrieben. Unlocker eben und mit so vielen Fragezeichen im Bauch. Ich laufe mit.
Kurz darauf stehen wir im Konferenzraum. »Ah, Frau Patzschke, herzlich willkommen! Schön, dass Sie unser Team verstärken. Als erfahrene Redakteurin würde ich Sie bitten, sich gleich der Übersetzung aller technischen Bezeichnungen für die Nichtingenieure anzunehmen, die dann alle Programmmacher im Haus erhalten. Bitte schreiben Sie dabei doch auch gleich ein neues Manual. Die Fachbegriffe sollten mit Blick auf die Zielgruppe relativ kurz gehalten und für jeden verständlich sein. Ich nicke und setze mich in die Runde. Mir ist heiß, obwohl das Fenster hinter mir sperrangelweit offen steht.
Manual, Technik, Fachbegriffe, denke ich während der nächsten Minuten, kann ich das? Bin ich das? Warum hatte ich das gleich noch mal so entschieden? Wahrscheinlich, um mich abzulenken oder die eigentlichen, die mutigen Entscheidungen aufzuschieben? Ja, aufschieben kann schön sein. Manchmal zumindest. Das kann, wie ein lieber Freund von mir sagt, jeder bestätigen, der schon einmal zum Tode verurteilt war. Für mich aber entpuppt sich die Methode als unpassend. Bin weder ein Technik- noch ein Verwaltungstalent. Will mir Themen ausdenken, verständlich darstellen, Menschen interviewen, erspüren, was sie bewegt, und so anderen einen Mehrwert bringen. Jetzt aber, ich ahne es, wird abgerechnet. Entscheidungen, die ich weiter so mit sturem Kopf treffe, werde ich immer teurer bezahlen müssen. Mit bleierner Müdigkeit, Migräne oder Kopfschütteln über mich selbst. Innerlich schimpfe ich wie ein Rohrspatz. Mal auf die Umstände, mal auf andere, meist auf mich selbst. Wirkt natürlich wie Schattenboxen. Man kann heftig zuschlagen. Tut sich aber am Ende bloß selber weh. Außerdem mache ich eine weitere Beobachtung. Neuerdings scheint mein Gehirn aus Watte zu bestehen. Durch das innerliche Chaos werde ich fahrig und unkonzentriert. Es geht rückwärts.
Für Perfektionisten wie mich eine bittere Pille.
Später, auf der Heimfahrt, versuche ich einen alten Trick. Den, dass man sich auch ohne Grund einfach zwanzig Sekunden selbst anlächelt, um wieder gute Laune zu bekommen. Hatte ich mal von einem Neurologen gehört und schon oft als zuverlässiges Placebo eingesetzt. Aber nicht mal darauf habe ich heute Lust. Da kommt mir ein Laster in auffälligem Orange und einer riesigen Aufschrift entgegen. »Schade« steht dort. Wahrscheinlich der Name eines Fuhrunternehmens und gleichzeitig der passende Kommentar zu dem, was ich gerade in meinem Leben verzapft hatte. Ich zwinkere verschwörerisch hinauf zum Himmel und sage laut hinter meinem Steuer:
»Ich hab’s ja verstanden! Künftig werde ich vorher auf deine Zeichen achten und auch gern auf jeden deiner mitteilungsbedürftigen Laster, die meinen Weg kreuzen. Wenn du ihn dann bitte auch in Zukunft weiter in knalligem Orange halten und etwas eher losschicken könntest? Dann müsste selbst ich das mitbekommen. Danke!«
Zum Glück kommt manchmal ein Anstoß von außen, der unser Leben verändert. Bei mir ist es, wie sollte es anders sein, eine Fernsehsendung.
Irgendwie habe ich die erste Woche in der ungewohnten Aufgabe bewältigt und mich ins Wochenende gerettet. Gerade noch mit genügend Energie, um aufs Sofa zu kriechen und den Fernseher einzuschalten. Eine Talkshow läuft, aber ich bekomme nichts davon mit. Bin noch immer mit meinem eigenen Film beschäftigt. Hole mir einen Wein aus der Küche und nehme mich beim ersten Glas noch mal so richtig selbst auseinander. Jetzt fällt mir auch wieder der Spruch unseres IT-Spezialisten ein. Ja, mittlerweile habe ich das Gefühl, total falsch programmiert zu sein oder zumindest mit einer Software von vorgestern dazustehen.
Mein Blick fällt auf den Tisch vor mir. Wie unordentlich ich meine letzte Lektüre abgelegt habe! Sofort springe ich auf und ändere das mit ein paar Handgriffen, denn Ordnung muss sein. Als ich mich wieder setze, schüttle ich den Kopf über mich. Wahnsinn, denke ich, jetzt ordne ich schon irgendwelche Buchrücken, die zu quer auf dem Couchtisch liegen. An einem freien Freitagabend. Ich knabbere an einer Salzstange und schaue aus dem Fenster. Heute hängt der Mond als Schaukel am Himmel. Wie gern würde ich mich da jetzt hineinsetzen und die Welt vergessen. In zwei Tagen müsste ich allerdings wieder zurück sein, um dieses Manual für »Nichttechniker« zu schreiben.
Vielleicht sollte ich alles komplett über Bord werfen? So wie diese Aussteiger in den Fernsehdokumentationen? Aus Verzweiflung gleich das ganze Umfeld erneuern. Umziehen, andere Leute kennenlernen.
Oder vielleicht doch etwas bei mir selbst verändern?
Ich müsste wieder kreativ werden. Vor allem diese Müdigkeit loswerden! Die, die man nicht von zu vielen Aufgaben bekommt, sondern von den falschen. Von Plänen, die nicht mehr zu einem passen. Gut, dann also alle Optionen durchspielen: Wie komme ich wieder an stimmige neue Ziele? Ich überlege und überlege. Aber mir wird himmelangst, denn mir fällt nichts ein.
Es sind immer nur alte Fragen, die auftauchen:
Warum bin ich mir selbst gegenüber eigentlich so streng und unnachgiebig, während ich mich bei anderen stets hineinfühle?
Warum hatte ich damals dieses eine berufliche Angebot ausgeschlagen?
Warum hatte ich mich eigentlich gegen diese eine Beziehung entschieden?
Wäre ich heute längst getrennt oder glücklicher als jetzt?
Warum glaube ich ständig, den Wettbewerb im Kümmern gewinnen zu müssen?
Und vor allem: Will ich so, wie ich momentan meine Tage abarbeite, die nächsten zwanzig Jahre weitermachen?
Bei dem Gedanken schmerzt mein Herz. Aber als Erwachsene hat man nun mal kein Baumhaus mehr, in das man sich in solchen Momenten zurückziehen und schmollend abwarten kann, bis alles wieder gut ist und einem jemand eine dampfende Tasse Kakao mit Keksen bringt, sobald man irgendwann die Nase herausstreckt.
»Da musste dieser Mann erst vierundvierzig Jahre alt werden, um endlich aus dem Schatten seines großen Vaters zu treten. Herzlich willkommen, Walter Kohl!«, sagt die Moderatorin im Fernseher ihren nächsten Gast an, und ich werde hellhörig. Greife zur Fernbedienung und stelle lauter. Wurde hier nicht gerade noch über Leibgerichte von Prominenten gesprochen? Zurück aus meinen Gedanken, hallen die letzten Sätze des Fernsehtalks in mir nach.
»Nun, für mich ist es Saumagen. Serviert mit ganz trockenem Riesling, dann fängt der Himmel an zu leuchten«, meint der Gast mit großem Namen, und alle in der Runde lachen. Schnell aber kommt man zum Eingemachten. Der einsamen Jugend im Schatten des Kanzlervaters. »Wann haben Sie denn Ihren Vater Helmut Kohl das letzte Mal getroffen?«, fragt die Moderatorin schon bald. Danach spricht Walter Kohl über den frühen Tod seiner Mutter, die Vorbereitung seines Suizidversuchs in der Krise seines Lebens und über Versöhnung. »Das Leben ist voller Überraschungen. Alles kann sich ändern. Immer wieder.«
Wirklich? denke ich.
Ich glaube nicht mehr daran. Mittlerweile scheint mir vieles in meiner Welt so zementiert. Da sind Wunder kaum vorstellbar. Sicher, mein Vater ist Ingenieur und kein Kanzler. Er und Mama sind noch am Leben. Gott sei Dank. Aber die Worte des Mannes dort im Fernsehen scheinen trotzdem irgendetwas mit mir zu tun zu haben.
»Wissen Sie, Versöhnung«, erklärt er, »geht sogar mit jemandem, der tot ist. Mit Leuten und Situationen, die wir also nicht mehr körperlich erreichen können. Denn Versöhnung bedeutet zunächst einmal, den Frieden mit sich selbst zu finden, und wenn ich den hinbekomme, dann läuft es auch mit den anderen Menschen besser.« – »Also erst einmal den eigenen Rucksack anschauen und leeren?«, lässt auch die Moderatorin den Gedanken auf sich wirken. »Ja«, nickt Walter Kohl, »und wenn man das nicht angeht, wird der eigene Rucksack immer schwerer und schwerer.«
Ich stelle mein Weinglas ab und den Fernseher noch lauter. Ja, genauso fühlt es sich für mich gerade an. Zwar schleppe ich in meinem Rucksack keinen prominenten Vater und keine Kindheit ohne Freunde mit mir herum. Auch hatten wir früher daheim nicht das Familien-Mantra der Kohls: »Du musst stehen!« Aber wir hatten andere Sätze, die oft fielen: »Das Leben ist Kampf«, »Wir denken nicht an uns. Sondern erst einmal an die anderen.« Oder, gern mit Nachdruck von meiner Mutter formuliert, wenn sie sich Sorgen um mein Wohlergehen machte: »Du brauchst keine Ehe. Du stehst allein besser da!«
Und da bin ich jetzt, mitten in einem Leben, das ich mir nach diesen Vorgaben geschaffen habe. Klar, der Mann hat recht. Nur wie soll ich das jetzt ändern?
»Ich habe ein Zentrum für eigene Lebensgestaltung gegründet und möchte Menschen zusammenbringen, die diese Idee der Versöhnung leben und mithelfen, sie weiter unter die Leute zu bringen. Ich freue mich dabei über jede Unterstützung«, sagt der Mann, dessen Stimme und Gesten manchmal sehr an seinen Vater erinnern, der dennoch irgendwie anders ist. Er wirkt echt und sensibel auf mich. Ich mag ihn und seinen Einsatz für Menschen. Dann kommt mir ein Gedanke. Ich kenne viele Leute, kann schreiben, Pressemitteilungen erstellen, organisieren. Damit könnte ich ihn doch in meiner Freizeit unterstützen? Ja, das würde mir Spaß machen und mich ein wenig ablenken.
Ich freue mich über die Idee.
Dass es eigentlich viel mehr ist, nämlich der Beginn einer abenteuerlichen Reise – der Weg zurück zu mir –, das kann ich in dem Moment, hier auf der Couch, noch nicht ahnen.
Zwei Tage später klingelt mein Handy. 069… Die Vorwahl kenne ich nicht. Wer ist das?, denke ich. Irgendwer im Frankfurter Raum.
»Peggy Patzschke«, sage ich mit fester Stimme.
»Walter Kohl«, entgegnet mir die Stimme am anderen Ende in einem Ton, der noch tougher ist. Da ist jemand, der oft telefoniert und auch kein Problem mit schwierigen Gesprächen hat. Das merkt man sofort. Die Mail, die ich ihm nach der Talkshow geschrieben hatte, um meine Unterstützung für sein Zentrum für eigene Lebensgestaltung anzubieten, war demnach angekommen, und nun nimmt er sich auch gleich die Zeit, um die Absenderin besser kennenzulernen.
»Ihre Zeilen waren so herzlich verfasst, Frau Patzschke. Sie haben mich sehr berührt, und da wollte ich mich so schnell wie möglich melden«, sagt die Stimme am anderen Ende jetzt in einem warmen Ton. Ich freue mich, so schnell mit ihm reden zu können, und plaudere gleich los.
Dass ich mir sofort nach der Sendung sein Buch geholt habe, was es mir gegeben hat, wie persönlich und ehrlich er über seine eigene Lebenskrise schreibt, dass ich ihm gern helfen möchte bei seinem Einsatz für andere, dass es mir einfach ein Bedürfnis ist und so weiter und so fort …
Er bedankt sich für mein Angebot und Engagement, und dabei fällt mir auf, dass er mindestens drei Längen langsamer spricht als ich. Er lässt mehr Zwischenräume zwischen seinen Gedanken und den Worten, die er daraus formt. Dadurch wirken seine Sätze kraftvoller und nachdrücklicher. Wer war hier noch mal der Moderator? Verdiente nicht ich mein Geld mit der Wahl von Worten? Ja, auf der Bühne bin ich sehr auf Wirkung und Rhythmus bedacht. Privat aber scheine ich mir immer seltener Zeit für die Dinge zu lassen. Sogar beim Sprechen! So viel muss in die vierundzwanzig Stunden meiner Tage passen. Dadurch wirke ich neuerdings gehetzt. Lasse mich kaum noch zu Pausen hinreißen. Nicht mal zwischen den Gedanken. Interessanter Aspekt. Muss ich mir merken.
Auch mein Gegenüber scheint gerade zu überlegen.
»Was halten Sie davon«, sagt er schließlich, »wenn Sie versuchen, mir zu helfen, Veranstaltungen in Ihrer Region zu organisieren? Nicht viel, nichts Großes. Ein paar Lesungen zu meinem neuen Buch vielleicht. Darin gibt es viele Tipps und Gedanken, um auch andere dabei zu unterstützen, den Weg aus der Krise zu finden. Ich coache ja auch in vielen Einzelfällen, halte Vorträge und Seminare in großen Unternehmen, und glauben Sie mir, es ist so toll zu erleben, wie Menschen wieder zu ihrer Kraft zurückfinden. Wie sie sichtbar ihr Leben verändern. Also, was meinen Sie? Zwei, drei Orte und Termine in Ihrer Stadt oder woanders, und dann überlegen wir, was wir vielleicht noch alles gemeinsam bei dem Thema tun können?«
Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Ich bin begeistert. Eine schöne Ergänzung zu diesem Manual, an dem ich gerade sitze.
»Sehr gern!«, rufe ich ins Handy. »Na wunderbar«, kommt es zurück. »Dann verbleiben wir so, und Sie geben mir ein Zeichen, wenn Sie erste Terminvorschläge haben. Ich freue mich darauf und danke, dass Sie auf mich zugekommen sind.«
Dieser Walter Kohl ist ein Mann der schnellen Entschlüsse, und ich freue mich auf das, was ich mir für ihn überlegen werde. Dafür müsste ich etwas anderes weglassen. Ein paar private Verpflichtungen vielleicht und auch sonst mal keine Extra-Aufgabe annehmen. Dafür kurz einen Schritt zurücktreten, um anschließend einen nächsten nach vorn machen zu können. Meinen Klammergriff an Altbekanntem lösen, um die Hände und den Kopf freizubekommen und mir neue Routen zu überlegen. Überhaupt mal wieder zurückgehen ans Steuerrad meines Lebens. Ja, genau so! Wie aufregend.
Ohne mir in dem Augenblick schon Genaueres vorstellen zu können, sagt mir etwas im Inneren: Das hier ist ein Beginn. Der Zauber eines Anfangs.
Und mal ehrlich, wie lange hatte ich den schon nicht mehr gespürt?
Meine Inspiratoren und ich