Julia Sommer sät aus

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Inhaltsverzeichnis

Im Anhang finden Sie sämtliche Begriffe, die im Lauf des ›Menschliche-Regungen‹-Projekts mit Leben gefüllt werden sollen. Alle Begriffe, die in diesem Band und den bisher erschienenen Bänden der Serie bereits eine Geschichte bekamen, wurden gefettet.

Eigentlich hatte Julia Sommer nicht vorgehabt, bis Mitternacht aufzubleiben. Doch dann hatte sie sich im Bad vertrödelt – mit lackierten Zehennägeln das neue Jahr zu beginnen, schien ihr plötzlich ein eleganter Ausweg, um die ungeputzte Wohnung wettzumachen, außerdem war es dort am wärmsten –, und danach führte eines zum anderen: Fersenpeeling, Beinwachs, Achsel- und Intimrasur. Zweimal wurde sie weggerufen, weil im Hof Jugendliche Böller in die Müllcontainer warfen und Mona davon wach wurde, zudem sandte ihre Mutter eine SMS – nicht um einen guten Rutsch zu wünschen, sondern um sie daran zu erinnern, dass Mona Ersatzwäsche brauchte, wenn Julia sie ihr am nächsten Morgen wie verabredet zum Schlittenfahren brachte.

Und schon war es zwölf Uhr. Julia schlich ins Zimmer und küsste ihr schlafendes Kind auf die Stirn. Dann stellte sie sich ans Fenster, malte sich aus, wie Moritz Schneuwly, der Student aus dem zweiten Stock, auf irgendeiner Party ausgelassen mit dieser Mary tanzen mochte, die über die Feiertage bei ihm zu Besuch war, und tröstete sich damit, dass sie sich in Erinnerung rief, was sie im vergangenen Jahr alles geleistet hatte. Dieses Jahr, nahm sie sich vor, würde sie sich ab und zu einfach mal zurücklehnen und durchatmen. Obwohl sie keine

Sie hätte ihn gern darauf aufmerksam gemacht, dass sie unterm Bademantel nichts anhatte, stattdessen fragte sie: »Wo ist Mary?«

»Sitzt in der Badewanne«, sagte er, »seit einer Stunde. Wir waren in der Semper-Sternwarte. Am Himmel gab es nicht viel zu sehen, aber Mary hat sich auch vor allem für das alte Zeiss-Teleskop interessiert. Allerdings war sie viel zu leicht angezogen und kam völlig durchfroren nach Hause. Um Mitternacht habe ich in der Küche gestanden und ihr Punsch gekocht, danach habe ich auf dem Klodeckel gesessen und ihr Horoskope vorgelesen. In meinem stand etwas wie: ›Suchen Sie nicht zu weit, und vor allem: hören Sie auf Kinder.‹ Daraufhin hat Mary gesagt: ›Geh und sieh nach, ob bei Julia und Mona Licht brennt. Wir müssen unbedingt noch hoch.‹«

»Warum?«, wollte Julia wissen.

»Keine Ahnung«, sagte Moritz. »So ist sie eben.«

Julia setzte Teewasser auf, zog Unterwäsche und warme Socken an, und dann stand Mary schon in der Tür, rotwangig vom Bad, in einem bezaubernden, afrikanisch anmutenden Wollkleid und nach Moritz’ Aftershave duftend. Sie umarmte Julia und sagte: »Heute in der Sternwarte dachte ich die ganze Zeit: Es ist falsch, dass die beiden nicht dabei sind.«

»Wir sind nie irgendwo dabei«, sagte Julia. »Mona geht um acht Uhr ins Bett. Wobei der Plan heute nicht ganz aufgegangen ist.« Mona hatte nämlich gerade einen

Über diesem Handel war es neun Uhr geworden. Danach war Mona eingefallen, dass sie ja Moritz hatte anrufen wollen, und als der nicht abgenommen hatte, hatte sie dafür auf dem Spieltelefon mit Friedel Fertig, einem ihrer unsichtbaren Freunde, telefoniert, der ihr stets die sonderbarsten Witze verriet, die Mona anschließend einen nach dem anderen Julia erzählte, obwohl sie sie oft selbst nicht lustig fand. »Immerhin ging über alldem die Flasche Kindersekt vergessen«, sagte Julia schließlich zu Mary und Moritz, »die können wir jetzt köpfen.«

Und da der Plastikkorken knallte wie ein echter, war damit auch Mona wieder wach. Als sie hörte, dass es ein

»Ich habe kein Blei«, sagte Julia und holte ihr ein Strickjäckchen. »Außerdem gießt du morgen bei Oma schon Blei.«

»Ich will aber jetzt«, beharrte Mona, »und Moritz hat bestimmt Blei.«

Moritz hatte ebenfalls keines. Doch Julia hatte inzwischen ein paar Teelichter angezündet, und Mary sagte: »Man kann genauso gut Wachs gießen. Wir müssen nur warten, bis die Kerzen in den Töpfchen geschmolzen sind.«

So lange spielten sie ein Spiel, von dem Mona behauptete, Friedel Fertig habe es ihr beigebracht. »Jeder sagt einen Satz, und das ergibt dann eine Geschichte«, verkündete sie. »Der, bei dem die Geschichte fertig ist, hat verloren.« Sie fing gleich an: »Mama hat sonst nie rote Zehennägel.«

Darauf fiel so schnell keinem etwas ein.

»Hurra, ihr habt alle verloren und müsst mir etwas geben«, rief sie.

»Moment«, bremste Julia. »Mama hat sonst nie rote Zehennägel, aber ein altes Sprichwort sagt: ›Rote Nägel im neuen Jahr geben Kraft für Seele und Haar.‹«

»Ganz so, wie, wer die Wimpern tuscht«, fuhr Moritz fort, »beschwingter durch den Winter huscht.«

Damit war das Spiel sofort wieder vergessen, Mona klatschte in die Hände, rannte ins Bad und brachte Julias Schminke, um Moritz anzumalen. Mary half ihr erst dabei, danach schminkte sie Mona als Glücksfee.

Inzwischen war das Kerzenwachs flüssig, Julia stellte

»Oje«, sagte sie und drehte sie zwischen den Fingern. »Das sieht aus wie ein Engerling.«

»Was ist ein Engerling?«, fragte Mona.

»Daraus schlüpfen Maikäfer«, erklärte ihr Moritz.

Das gefiel Mona. »Maikäfer flieg«, sang sie, und Moritz und Julia sangen mit.

»Nicht dieses Lied, mich macht das traurig«, bat Mary, deren Eltern gerade in Trennung lebten.

»Aber fliegen ist doch schön«, rief Mona. »Ich wäre jedenfalls gern ein Maikäfer.« Dann goss sie selbst, das heißt, Moritz hielt das heiße Schälchen, sie hielt seine Hand und kippte sie über dem Becken. »Ich habe keinen Engerling, aber einen Engeling«, rief sie, noch ehe sie das Wachs aus dem Wasser gefischt hatte.

»Sieh es dir doch erst an«, schlug Julia vor.

»Muss ich nicht, Mama«, entgegnete sie. »Ich war doch im Krippenspiel ein Engel. Ich weiß genau, daraus schlüpft wieder einer. Jetzt du.«

Julia goss etwas Größeres, das einem Keimling glich, und mehrere Kügelchen, in denen sie Samenkörner sah. »Ich werde definitiv gärtnern«, sagte sie mit leiser Enttäuschung. »Allerdings braucht man dazu keine lackierten Nägel.«

»Kommt darauf an«, sagte Mary. »Ich als Engerling ließe mich jedenfalls lieber von einem schön gepflegten Fuß zertreten als von einem Gummistiefel.«

Julia lachte und stellte fest: »Ich werde von nun an sowieso keine Engerlinge mehr zertreten können.«

»Außerdem hast du die Nägel für Seele und Haar bemalt«, erinnerte sie Moritz, »und zumindest Seele kann

»Was ist schon wieder ein Embryo?«, fragte Mona.

»Ein ungeborenes Kind«, sagte er.

»Zeig her«, bat Mona, nahm ihm das Figürchen ab und musterte es ebenfalls sehr lange. »Ich sehe noch etwas anderes«, sagte sie schließlich. »Das Kind hat etwas in der Hand. Friedel Fertig sagt, es ist ein Mixer. Ich glaube aber, es ist eine Trompete. Vielleicht ist dein Kind ja auch ein Engel, Moritz, dann fliegen wir zu dritt, wie Schmetterlinge. Und Mama ist unser Gärtchen.«

»Ganz so, wie, wer die Wimpern tuscht, beschwingter durch den Winter huscht«, zitierte Mary und grinste.

»Darauf müssen wir unbedingt anstoßen«, erklärte Mona in einem Ton, als wäre sie Oma Lisbeth, und stieg auf den Stuhl, um den Rest Kindersekt auf die Gläser zu verteilen. Dabei sagte sie: »Das wird ein richtig schönes Jahr.«

Als Moritz am nächsten Morgen Julia und Mona an der Tramhaltestelle nicht weit vom Haus begegnete, hatten sie ihren pinkfarbenen Bobschlitten dabei, und Julia erklärte Mona gerade, dass es ein Fehler von ihr, Julia, gewesen war, die Nachbarin unter ihnen, Efgenia Costa, eine dumme Kuh zu nennen.

»Aber ist sie denn keine?«, fragte Mona, während sie Moritz’ Bein umarmte.

Julia zögerte, dann sagte sie ausweichend: »Menschen sind Menschen, und Kühe sind Kühe, also können Menschen keine Kühe sein.«

»Was hat sie denn getan?«, wollte Moritz wissen.

»Sie hat uns angeschnauzt, und zwar für nichts«, erzählte Julia. »Im Keller war eine Pfütze, und als sie uns mit dem Bob sah, schrie sie gleich los, dass Kinder immer Schweinereien machen müssen und Schnee und Matsch reinschleppen.«

»Dabei war ich noch gar nicht schlittenfahren, ich gehe erst«, fügte Mona hinzu.

»Das haben wir ihr auch gesagt, worauf sie aber nur meinte, irgendwoher müsse diese Pfütze schließlich kommen«, erzählte Julia, »und als ich wissen wollte, ob sie damit etwa sagen wolle, dass wir lügen, gab die dumme Kuh doch echt zur Antwort: ›Von dir will ich das

»Jetzt hast du es schon wieder gesagt«, rief Mona und hüpfte vor Freude.

»Ja, so was regt mich eben auf«, antwortete Julia.

»Aber ich lüge wirklich manchmal, oder jedenfalls schwindle ich«, sagte Mona treuherzig.

»Ja und, ich auch«, sagte Julia. »Aber Kinder lügen erstens nicht immer, sie lügen vielleicht manchmal, und zweitens weiß ich von dir, dass du nur lügst, wenn es gar nicht anders geht.«

»Also darf man lügen, wenn es gar nicht anders geht?«, fragte Mona.

»Nein«, sagte Julia. »Genauso wenig, wie ich diese dumme Kuh eine dumme Kuh nennen darf.«

»Auch nicht, wenn man so gute Gründe hat wie du?«, fragte Moritz.

»Nein, gute Gründe machen es vielleicht verzeihlich, richtig wird es aber dadurch nicht«, antwortete sie. »Genauso wenig wie das Lügen.«

»Das mit der Pfütze war übrigens ich«, erzählte er. »Ich wollte heute früh schnell mit dem Fahrrad zum Bahnhof, um Brötchen zu holen.«

»Bei dem Schnee?«, rief Julia.

»Ja, das war ein Fehler«, gestand er. »Immerhin bin ich weich gefallen. Aber ich hatte danach keine Lust, noch den Schnee vom Rad zu klopfen. Jedenfalls werde ich bei Costas vorbeigehen und die Sache klären.«

»Danke«, sagte Julia. »Hast du dir wehgetan?«

»Das Schienbein ist ein bisschen lila«, sagte er, »aber gebrochen ist nichts.«

»Du musst Olivenpaste drauftun«, riet ihm Mona.

»Nicht nötig«, meinte Moritz aber, und dann kam schon Julias und Monas Tram.

Beim Einsteigen fragte Julia wieder: »Wo ist Mary? Ist sie schon abgereist?«

»Nein, sie trifft nur eine Freundin«, sagte Moritz. »Sie bequatschen Frauendinge.«

»Nicht so despektierlich«, lachte Julia. »Sei lieber froh, dass du sie dir nicht anhören musst.«

Er grinste, dann ging er heim in die Röntgenstrasse und gleich als Erstes in den dritten Stock zu Efgenia Costa.

»Ja?«, sagte die nur, als sie öffnete. Sie trug Trainingshosen und ein Top mit Spaghettiträgern, das so ausgeleiert war, dass er die Brüste sah.

»Ich war das mit der Pfütze, und es tut mir leid«, sagte er. »Ich war mit dem Rad draußen.«

Sie starrte ihn kurz an, als wüsste sie nicht, wovon er sprach, dann sagte sie mehr erklärend als entschuldigend: »Bei dieser Kälte meldet sich der Rücken wieder. Und mein Mann ist nicht da.«

»Kann ich irgendwie helfen?«, erkundigte er sich.

Sie überlegte. »Hast du Kaffee im Haus? Meiner ist ausgegangen. Ein Espresso würde mir guttun.«

»Den koche ich dir, komm mit«, schlug er vor.

»Ich ziehe mir noch etwas über«, sagte sie und verschwand in der Wohnung. Als sie nachkam, trug sie ein Sweatshirt mit einem rosa Mäusekopf darauf und hatte das Haar hochgesteckt. »Darf man bei dir rauchen?«, fragte sie als Erstes.

»Du ja«, sagte Moritz.

»Hier«, sagte sie zwischen zwei Schlucken und legte eine große Murmel auf den Tisch. »Die ist dem Mädchen im Sommer vom Balkon gefallen und hat uns eine Delle in den Tisch geschlagen. Gib sie ihr wieder.« Es war eine klare Glasmurmel mit eingeschlossenem Kätzchen.

»Mache ich«, versprach er. »Mona ist übrigens kein Kind, das lügt.«

»Kann sein«, sagte Efgenia. »Ich habe nicht viel Erfahrung mit Kindern. Die meiner Schwester sind die Pest und lügen wie gedruckt.«

»Warum habt ihr keine?«, fragte Moritz so direkt, wie es seine Art war.

Sie schien nichts dabei zu finden. »Wir können keine haben«, sagte sie offen.

»Aber es gibt doch immer Wege, ein Kind zu bekommen, wenn man eines möchte«, wandte er ein.

Und plötzlich wurde ihr Blick wach. Sie musterte ihn interessiert und mit leichtem Spott, dann fragte sie: »Machst du mir da gerade ein Angebot?«

Moritz lachte. »Daran hatte ich gar nicht gedacht«, gestand er. »Aber ich mag deinen Mann.«

»Ja, ich mag ihn auch«, antwortete Efgenia Costa und ging zur Tür. »Außerdem sollte man nicht gleich am ersten Tag des Jahres seine Vorsätze brechen.«

Das erinnerte Moritz daran, dass er seine Eltern anrufen und ein frohes neues Jahr wünschen wollte, und sobald Efgenia die Tür zugezogen hatte, griff er nach dem Telefon. Eigentlich hatte er vorgehabt, sie in Biel zu besuchen, denn seine Schwester Celine kam ebenfalls nicht

Dort blieb er jedoch nicht lange, denn eher als erwartet kam Mary wieder. »Uff«, rief sie und ließ sich aufs Bett fallen. »Meine Freundin Gisela ist bei Scientology gelandet, was sagt man dazu?«

»Die Backweltmeisterin?«, fragte Moritz. »Oh. Willst du einen Schnaps?«

Sie mochte lieber Tee, und so wechselten sie in die Küche. Während er Wasser aufsetzte, spielte sie mit der Murmel, roch an ihr und sagte: »Die stinkt, diese Murmel. Die stinkt bestialisch nach Möse. Woher hast du sie?« Dann stand sie auf und wusch sich die Hände.

»Wasch die Murmel gleich mit«, bat er.

Stattdessen setzte sie ein zweites Töpfchen Wasser auf, versetzte es mit Essig und legte die Murmel hinein. »Vielleicht springt sie«, sagte sie. »Aber anders kriegst du sie nicht keimfrei.«

»Sie gehört nicht mir«, antwortete er und überlegte, was er preisgeben durfte. »Sie war mal Monas«, sagte er schließlich nur, »jemand hat sie sich geliehen und mich gebeten, sie ihr wiederzugeben.«

Mary fragte nicht nach, sondern sah ihn nur mit einer Mischung aus Amüsement und Ekel an und sagte: »Bekanntschaften hast du!« Dann wechselte sie das Thema: »Jedenfalls will Gisela nach Amerika oder besser gesagt

»Was hast du ihr darauf gesagt?«, wollte Moritz wissen.

»Was hättest du gesagt?«, fragte sie zurück.

»Dass die Scientologen Hirnwäsche betreiben«, antwortete Moritz, ohne zu zögern. »Dass sie Leute bis auf die Unterwäsche plündern und in den Selbstmord treiben. Dass sie eine Herrenrassen-Ideologie betreiben und wie die Nazis Straflager unterhalten. Es gibt noch andere Parallelen zu den Nazis.«

Mary sah ihn traurig an. »Wirklich?«, fragte sie. »Das wusste ich alles gar nicht. Ich wusste nur, dass es eine Sekte ist. Und ich habe gar nicht viel gesagt, ich habe Gisela umarmt und ihr alles Gute gewünscht. Dann habe ich ihr die Nummer von Shirley gegeben, der Anwältin, für die ich in New York gearbeitet habe, und wir haben noch kurz über 9/11 gesprochen. Shirley geht es übrigens gut, sie hat jetzt ihr Büro in Upper Manhattan. Danach hatten Gisela und ich nicht mehr viel zu reden.« Sie drehte kurz stumm die Tasse in den Händen. »Ich bin es gewohnt, darauf zu vertrauen, dass die Menschen wissen, was sie tun«, sagte sie schließlich, »ich würde nicht wollen, dass jemand mir in meine Pläne hineinredet. Aber glaubst du, es gibt da eine Grenze? Was, wenn jemand nicht bei Verstand ist? Betrunken oder alt oder einfach verwirrt? Wann kommt der Punkt, an dem man einschreiten muss?«

Moritz dachte nach, dann sagte er: »Ich glaube, nie. Einschreiten nie. Die Meinung sagen, ja, das muss man

Den letzten Satz verpasste Mary, sie schoss plötzlich hoch und rannte zum Herd. »Das ganze Wasser ist schon verdampft«, sagte sie, und als sie den Topf zur Seite schob, glühte die Platte. »Ich fürchte, ich habe den Topf ruiniert«, sagte sie.

»Bloß nicht abschrecken«, riet Moritz. »Sonst zerspringt die Murmel.«

»Weiß ich doch«, sagte Mary leicht gereizt und hob sie mit einem Geschirrtuch heraus. »Immerhin, die Keime müssten dahin sein.«

Es war die blanke Gier, die Efgenia Costa getrieben hatte, Adamo nach St. Moritz zu schicken. Als Frau Wichmann vom Zürichberg, der er nicht nur den Garten pflegte, sondern deren Hund er auch in den letzten Tagen gefüttert hatte, ihn zu Silvester spätnachmittags anrief, bereitete Efgenia eben in der Küche Häppchen zu, denn sie planten, die ganze Nacht lang John-Travolta-Filme zu sehen. Deshalb bekam sie vom Anruf zunächst gar nichts mit. Erst als Adamo in Jacke und Schuhen in der Küchentür erschien, sagte: »Ich gehe noch mal den Hund füttern«, und Efgenia fragte: »Ja, sind denn die Nachbarn noch immer nicht zurück?«, erfuhr sie, dass jene Nachbarn, die eigentlich Frau Wichmanns Hund hätten hüten sollen, sich im Skiurlaub eine Grippe geholt hatten und Frau Wichmann Adamo eigentlich angerufen hatte, um ihn zu bitten, Mister zu ihr zu bringen, weil sie ihn vermisste und befürchtete, das oft recht üppige Silvesterfeuerwerk am Zürichberg werde ihn panisch machen. »Wenn sie in Zürich bleibt, fährt sie sonst extra mit ihm aus und verbringt den Jahreswechsel irgendwo abgeschieden im Wald«, erzählte er. »Aber ich habe ihr gesagt, wir bereiten gerade eine kleine Feier vor.«

»Natürlich bringst du ihr den Hund«, rief sie, denn sie dachte an den Testamentsentwurf mit seinem

Adamo zögerte. »Ich glaube kaum, dass sie allein nach St. Moritz gefahren ist. Und überhaupt – sie ist nicht, wie du denkst.«

»Ich denke überhaupt nichts«, sagte Efgenia. »Ich will nur, dass du dich so nett aufführst, dass sie dich wieder in ihr Testament aufnimmt.«

Also warf er sich in Schale, holte Mister ab und brachte ihn ins Engadin, während sie den Silvesterabend mit drei Flaschen Bier vor dem Fernseher verbrachte. »Du brauchst mich um Mitternacht übrigens nicht anzurufen«, hatte sie beim Abschied gesagt, dennoch kränkte es sie etwas, dass er nur um zehn Uhr eine SMS schrieb: »Gehen mit Mister auf Schneeschuhwanderung. Werde keinen Empfang haben. Denke an dich.«

»Guten Rutsch«, schrieb sie zurück, und gleich hinterher: »Bitte nicht wörtlich nehmen«, was sie recht witzig fand. Doch Adamo reagierte schon nicht mehr.

Trotzdem brachte Efgenia den Jahreswechsel mit Anstand hinter sich. Sie telefonierte mit ihren Eltern, dadurch verschob sich ihr Ärger, denn die planten, Efgenias nimmersatter Schwester Eleni von ihrer Rente einen Minivan zu spendieren. Kurz nach ein Uhr ging sie zu Bett und schlief auch nicht schlecht. Allerdings erwachte sie früh und trauerte dem geplanten Katerfrühstück mit Adamo nach, das sie im Bett hatte servieren wollen. Für

»Weißt du was, ich nehme den nächsten Zug«, sagte er gutmütig, »und wir machen uns noch einen richtig schönen Tag.«

»Nein, ich will dich hier gar nicht haben«, sagte sie, obwohl das so nicht stimmte. »Wenn wir schon Silvester opfern, sollst du auch das Maximum herausholen. Außerdem würden wir uns sowieso nur streiten. Ich gehe nachher spazieren, das wird mich beruhigen.«

Und er widersprach ihr auch nicht, sondern sagte: »Meinetwegen, dann werde ich noch mit Frau Wichmann frühstücken. Sie ist übrigens tatsächlich allein hier. Aber alles ist ganz harmlos, wir unterhalten uns nur.«

»Worüber?«, fragte sie misstrauisch.

»Es sind philosophische Gespräche«, sagte er, und das brachte sie dann beide zum Lachen.

Nachdem sie gesaugt und sogar gebügelt hatte, zog sie sich dick an, denn die Kälte war weiterhin schneidend, fuhr zum Zoo hoch und wollte eigentlich durch den Wald spazieren. Doch sehr bald stand sie vor Frau Wichmanns Haus. Und da Adamo bei jener Fütterung einige Tage zuvor keine Anstalten gemacht hatte, das Schlüsselversteck geheim zu halten, trat sie auch ein.

Es sollte ihre kleine Revanche dafür sein, dass die

Und in dieser Laune schien es ihr plötzlich völlig unbedenklich, dass Adamo bei dieser Wichmann war. Mochten sie sich doch amüsieren, mochten sie sogar miteinander schlafen. Was bedeutete das schon? Das Leben war schwierig genug, es gab wirklich keinen Grund, einander ein bisschen Vergnügen zu neiden. Aus dieser Anwandlung heraus schrieb sie ihm: »Ich genieße das neue Jahr, tu du das bitte auch.« Diesmal schrieb er gleich zurück, allerdings die falschen Worte: »Ich liebe dich.« Sie konnte es sich nicht verkneifen nachzufragen, ob er ein schlechtes Gewissen habe, daraufhin rief er an und sagte: »Ich habe in einer besseren Besenkammer in Pontresina geschlafen, sonst war nichts mehr frei. Und die musste ich bereits räumen. Nun sitze ich am See. Die Landschaft ist bezaubernd, allerdings wimmelt es hier von Menschen. Ich vermisse dich.«

»Was macht ihr denn jetzt?«, fragte sie.

»Was ist auf dem Bild?«, fragte sie, um nicht gleich wieder auflegen zu müssen.

»Eigentlich sind es zwei, über die wir geredet haben, auf einem muss eine Azalee sein, auf dem anderen ein Kind, das ein Wegkreuz küsst, wenn ich das richtig verstanden habe.«

Das berührte sie wieder, und ehe sie das Gespräch beendeten, bat sie: »Grüß diese Frau von mir und sag ihr danke.«

»Danke wofür?«

»Einfach danke«, sagte sie und legte auf. Inzwischen war die Schallplatte abgelaufen. Um sie zu wenden, musste sie aufstehen, und da sie schon einmal stand, beschloss sie, durchs Haus zu gehen. Sie wäre dieser Wichmann nun gern näher gewesen und wollte nach Spuren suchen, aber dann öffnete sie doch als Erstes den Sekretär, um einen neuen Anlauf zu machen, die gestrichene Passage auf dem Testamentsentwurf mit Adamos Namen zu entziffern. Das war zwecklos, dafür entdeckte sie, dass Frau Wichmann mit Vornamen Galatea hieß und fand auch das sonderbar bewegend – obwohl sie von der Sage um Acis und Galatea, die sie im Mittelschulunterricht gelesen hatten, nur erinnerte, dass Galatea ›milchweiß‹ hieß und dass einer dummen Eifersucht wegen Blut geflossen war.

Und gleich war die Sehnsucht wieder da, dieser Galatea nah zu sein. Sie ging hoch ins Schlafzimmer, legte sich aufs Bett und roch an den Kissen, dann ließ sie den Kopf sinken, betrachtete die Zimmerdecke und versuchte, das

Das dachte sie inzwischen ganz ohne Eifersucht, eher fühlte sie Trauer. Denn diese Flüchtigkeit einer wahrhaft großen Vereinigung hielt sie in ihrer momentanen Gefühlslage für so grundlegend für das menschliche Empfinden, dass sie sich und Galatea Wichmann überhaupt nicht mehr als getrennte Wesen sah, sondern ihr war – und das hatte wieder etwas fast Wollüstiges –, alles Weibliche sei irgendwie über Raum und Zeit miteinander verbunden, und die Trennung in Einzelne, alle Eifersucht und Rivalität, sei nur einer ärgerlichen und oberflächlichen Mode oder Konvention geschuldet.

Efgenia hatte eine ganze Weile so gelegen (die Platte war längst abgelaufen), als sie sich mit einem Seufzer erhob, der sie für einen Augenblick wie eine Prinzessin oder eben eine Lady Chatterley fühlen ließ, dann nahm sie ein Buch zur Hand, das aufgeschlagen auf dem Nachttisch lag.

Galatea, entdeckte sie, las mit Bleistift und Lineal (einem nur fingerlangen Elfenbeinstäbchen, auch der

Efgenia wunderte sich nicht einmal, dass sie genau das gefühlt hatte, noch ehe sie das Buch in die Hand genommen hatte, jene Verbundenheit über Zeit und Raum hinweg, die im Grunde der natürliche Zustand der Menschen war. Sie dachte nur, wie sehr sie sich darauf freute, diese Erkenntnis mit Adamo zu teilen, und dass sie jetzt zu dritt waren, sie, Adamo und Lady Chatterley. Sie stellte sich vor, wie sie zu dritt auf der Chaiselongue sitzen und über jene neue, alte Dimension des Daseins und der Ewigkeit des Lebens sinnieren würden, während

Eigentlich hatte Frank König in Solothurn Selinas Silvestervorstellung von Mutter Courage und danach den Theater-Ball besuchen wollen, doch dann rief er an und sagte: »Zum einen kann ich mit meinem Fuß kaum noch gehen, überhaupt nicht Auto fahren und schon gar nicht tanzen. Zum anderen wollen Chris und Vladi unbedingt bis Mitternacht aufbleiben, mein Vater hat Feuerwerk im großen Stil eingekauft. Da kann ich nicht fehlen.«

Das leuchtete ihr ein und betrübte sie zwar etwas, aber sie fand seine Entscheidung zugleich natürlich und richtig. Unruhig wurde sie erst, als er sagte: »Die Jungs wollen dich übrigens kennenlernen. Seit sie wissen, dass es dich gibt, löchern sie mich mit Fragen.«

»Du wolltest ihnen doch gar nicht von mir erzählen«, erinnerte sie ihn. »Es war ja auch nur Sex.«

»Nein, es war nicht nur Sex«, erwiderte er, und das wusste sie genauso gut wie er. »Und nicht ich habe ihnen von dir erzählt, sondern meine Mutter. Nach dem Telefonat im Hotelzimmer vor drei Tagen hat sie zu meinem Vater gesagt: ›Kaum ist Joëlle aus dem Haus, geht er fremd‹, und Chris hat das gehört. Er wusste nicht genau, was ›fremdgehen‹ bedeutet, aber er hat so lange gebohrt, bis offenkundig war, dass eine zweite Frau im Spiel ist.«

Nach dieser Nachricht war Selina nicht mehr in

Auf der Fahrt döste sie ein und träumte von ihrem Fuchs- oder Frettchengeist, vielleicht war es diesmal auch ein Otter, denn es wühlte sich erst durch angeschwemmtes Gehölz, dann – und in einer abstoßenden Gier – durch Matsch und Sand und womöglich gar Fleisch. Offenbar suchte es etwas und wurde nicht fündig. Selina verließ nach dem Erwachen das Gefühl nicht mehr, der Traum sei ein schlechtes Omen, sie blieb aufgewühlt und fand, als sie zu Hause in der Röntgenstrasse in ihrem Bett lag, die ganze Nacht lang nicht richtig in den Schlaf, sondern dämmerte nur so vor sich hin. Als sie gegen zehn Uhr aufstand, fühlte sie sich, als hätte sie die Nacht durchgemacht, und gönnte sich ein Vollbad und ein ausgedehntes Frühstück mit Toast und Lachs, um wieder halbwegs zu sich zu finden.

Denn schon um halb eins wurde sie in Aarau erwartet, Franks Vater Theo holte sie am Bahnhof ab. Sie kannten sich von der Premiere von Franks Erstling her, in dem Selina eine der Hauptrollen gespielt hatte. Vierzehn Jahre war das her, und doch erkannte sie ihn gleich wieder. Frank glich ihm aber auch sehr. Theo König plauderte mit ihr, als wären sie gute Bekannte, und ließ sie nicht fühlen, wie pikant die Lage war – immerhin hatte sie seine Schwiegertochter betrogen. Er erzählte von seinen vier Enkeln, die, wie er fand, unterschiedlicher nicht hätten sein können.

»Rosemaries zwei, ein Junge und ein Mädchen, sind kuschelig und verschmust, sie haben zwei

Das klang nun doch wie eine Warnung, und Selina fragte ihn, ob es eine sei.

»Um Himmels willen, nein«, sagte Theo. »Ihre Art war nur gerade Thema bei uns, weil Silvia, meine Frau, es mit Wahrheit und Genauigkeit oft nicht allzu genau nimmt. Frank hält sie für eine Polemikerin, ich glaube, sie ist einfach nur etwas bequem. Jedenfalls geraten sie und Frank deshalb oft aneinander, und inzwischen auch Chris und Vladi. Vor allem Chris, Vladi ist mehr der stille Knobler.«

Frank hatte sich noch nicht aus dem Sessel hochgestemmt, um Selina zu begrüßen – der Fuß, mit dem er, nachdem Joëlle ihn und die Jungen verlassen hatte, mit aller Wucht gegen einen Baum getreten hatte, war inzwischen bandagiert –, als die Jungen sie schon an den Esstisch führten, um sie ins Verhör zu nehmen.

»Du setzt dich hierhin«, ordnete Chris an, der im Stimmbruch war, und wies ihr den Platz am Tischende zu, dann setzten er und Vladi sich links und rechts von ihr. Als Vladi seinen Stuhl zurückzog, sagte er: »Hier sitzt sonst Mama, und ich sitze dort, wo du sitzt. Aber ich will nicht, dass du an Mamas Platz sitzt.«

»Ich auch nicht«, sagte Selina. »Hat sie euch schon ein frohes neues Jahr gewünscht?«

»Klar«, sagte Chris. »Sie hat um Mitternacht angerufen, und heute früh haben wir sie angerufen.«

»Sie hat mir gewünscht, dass ich immer gut einschlafe und keine schwierigen Träume mehr habe«, erzählte Vladi.

Vladi wollte darauf etwas sagen, aber Chris war schneller. »Hast du mit Papa geschlafen?«, fragte er geradeheraus.

Gleich kam Franks Mutter aus der Küche. »Ihr wisst sehr wohl, dass euch das nichts angeht«, wies sie ihn zurecht und gab Selina die Hand.

»Mama, misch dich nicht ein«, rief Frank gereizt aus seinem Sessel heraus, und sie sagte spitz: »Du brauchst mich vor deiner neuen Freundin nicht zu maßregeln, Frank.«

»›Neue Freundin‹ – das ist ihre Art, die Dinge aus einem rauszukitzeln«, erklärte er Selina. »Sie erwartet jetzt eine Richtigstellung, dann weiß sie Bescheid. Aber den Gefallen werde ich ihr nicht tun.« Stattdessen sagte er zu seiner Mutter: »Mische dich einfach kurz nicht ein, ja?«

»Ich wollte nur helfen«, antwortete Silvia beleidigt, während sie die Gedecke auf dem Tisch zurechtrückte, dann ging sie in die Küche zurück.

»Danke«, sagte Selina zu ihr, dann wandte sie sich wieder den Jungen zu. »Eure Mutter und ich kennen euren Vater ziemlich genau gleich lange, wir haben damals beide an seinem Abschlussfilm gearbeitet, sie als Kamerafrau, ich als Schauspielerin. Ich war damals in euren Vater sehr verliebt, aber die beiden waren es auch und wurden schnell ein Paar. Deshalb kam es nie dazu, dass wir miteinander geschlafen hätten, obwohl ich nichts dagegen gehabt hätte.«

»Ich meine nicht damals, ich meine jetzt«, präzisierte Chris.

»Warum sagst du das?«, wollte Chris wissen.

»Warum sage ich was?«, fragte sie verwirrt zurück.

»Ich meine, willst du uns beruhigen?«, fragte er. »Wenn es zwischen Mama und Papa auseinandergeht, dann hat das sowieso nichts mit dir zu tun. Du bist nur … eine Gelegenheit«, sagte er, nachdem er kurz nach dem richtigen Wort gesucht hatte.

Selina zuckte innerlich zusammen. »Kann sein«, sagte sie dennoch. »Und womit, glaubst du, hat es zu tun?«

»Ich würde jetzt gern das Essen servieren«, sagte Franks Mutter, »der Braten wird mir sonst trocken.«

»Wir essen auch einen trockenen Braten«, entgegnete Frank nüchtern, und nachdem in der Küche auch Theo etwas gesagt hatte, das Selina nicht verstand, schloss sich die Küchentür.

»Womit, glaubt ihr, hat es zu tun?«, fragte sie nochmals.

Diesmal antwortete Vladi. »Zwei Jungen großzuziehen ist sehr anstrengend, hat Mama uns gesagt. Weil sie und Papa manchmal davon so erschöpft waren, haben sie beide Dinge gesagt, die wehtaten, und diese Dinge gehen nicht wieder weg. Das ist wie schlecht träumen, nur wacht man nach einem Traum wieder auf, und alles ist gut, und Mama würde auch gern wieder aufwachen. Aber dazu musste sie eben weg.«

»Und ich werde niemals aufhören, euer Vater zu sein«, sagte Frank.

»Du sowieso nicht, du würdest aber auch nicht weggehen«, antwortete Chris.

Auch diese Bemerkung gab Selina einen kleinen Stich, gleichzeitig musste sie lächeln, so schön fand sie das Vertrauen von Chris in seinen Vater.

»Nein, das würde ich wirklich nie«, sagte Frank.

»Aber wenn nun Mama wegbleibt und du mit uns allein bist, heißt das, du schläfst dann weiter mit Selina?«, fragte ihn Chris.

Frank zögerte. »Ich weiß es nicht«, sagte er dann offen.

»Ihr werdet bald nach Berlin zurückkehren«, sagte Selina, »ich wohne in Zürich, das ist doch ein rechtes Stück auseinander.«

»Vielleicht wohnen wir ja nicht immer in Berlin«, sagte Chris – und plötzlich klang es gar nicht mehr, als wollte er ihr Nein. »Ich glaube, wir sind vor allem Mamas wegen dort«, fuhr er fort. »Wir könnten auch nach Aarau ziehen, oder nach Lausanne.«

»Dort leben Joëlles Eltern«, erklärte Frank.

»Hast du denn auch Kinder, Selina?«, fragte Vladi.

»Oder einen Mann?«, fragte Chris.

»Nein, weder noch«, sagte Selina. »Ich glaube, dazu war ich nie genug verliebt.«

»Außer in Papa«, erinnerte sie Vladi.

»Das ist Ewigkeiten her«, stellte Chris etwas herablassend fest. »Jetzt sind sie nur noch Freunde, das hast du doch gehört.«

»Da hat er schon recht«, sagte Selina. »Mit eurem Vater hätte ich gern Kinder gehabt. Vielleicht aber auch nur, weil er schon vergeben war, das kann man nicht wissen.«

»Wieso kann man das nicht wissen?«, hakte Chris nach.

»Weil ich ihn nun mal nur so kenne«, erläuterte sie. »Er war immer vergeben. Ich kann nicht ehrlich sagen, ob ich mich in ihn verliebt hätte, wenn er frei gewesen wäre.«

»Aber falls Mama nicht wiederkommt …«, setzte Chris an.

»Ich bin sicher, sie kommt wieder«, unterbrach ihn Selina – und nicht nur deshalb, weil sie sah, dass Vladi nahe dran war, in Tränen auszubrechen.

»Ich auch«, sagte Frank, stemmte sich endlich aus dem Sessel hoch und kam an den Tisch. Kurz legte er Selina die Hand auf die Schulter, dann setzte er sich ihr gegenüber.

Doch Chris war noch nicht fertig. »Warum sagst du das, Papa?«, erkundigte er sich. »Willst du bloß nicht, dass Vladi losheult, oder glaubst du es wirklich?«

Frank zögerte kurz. »Ich wünschte es mir«, sagte er – und hatte nun selbst Tränen in den Augen. »Ob ich es glaube, weiß ich nicht. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass eure Mutter gemeinsam mit mir, mit uns, glücklich wird.«

Chris dachte nach, dann fragte er: »Hast du sie überhaupt schon glücklich erlebt?«

Darüber musste nun wieder Frank nachdenken. »Keine Ahnung«, sagte er schließlich. »Vielleicht, als ihr ganz klein wart. Nein, selbst da nicht. Oder doch, aber nur für Momente.«

»Nein, mit euch war ich immer glücklich«, antwortete Frank ohne zu zögern. »Mit eurer Mama nicht immer, aber immer wieder.«

Chris wandte sich triumphierend Vladi zu und sagte: »Siehst du, ich habe es doch gesagt!«

»Was?«, fragte Frank.

Doch sie überhörten ihn. Vladi hatte sich wieder gefasst und war ganz fröhlich, als er sagte: »Ich weiß schon, was wir tun werden. Wir ziehen alle nach Norderney, wir drei und Selina und vielleicht sogar Oma und Opa. Dann ist Mama dort, wo sie glücklich sein kann, und wir sind es alle auch.«

»Hm«, sagte Chris aber nur. »Erst sollten wir uns dieses Norderney mal ansehen.«

Das war für Vladi schon zu viel. »Du begreifst gar nichts«, schrie er los, sprang auf und warf dabei den Stuhl um. Dann rannte er ins Zimmer und schlug die Tür zu.

»Ich meine, Norderney klingt irgendwie affig«, fuhr Chris ungerührt fort. »Und Opa sagt, da wohnen gerade mal fünftausend Nasen.«

»Immerhin kann man dort im Meer angeln«, sagte Frank, »das wolltest du doch immer.«

»Sag bloß, du willst nach Norderney«, sagte Chris.

Frank dachte nach. »Für euch ziehe ich sogar nach Norderney«, sagte er. »Ich habe nur keine Ahnung, wie ich da mein Geld verdienen soll.«