Penelope

Penelope

Wolfsköder

Theresa Sperling

Für meine Schwestern

Anne und Caroline

Inhalt

Vorwort

Prolog

1. Verletzung

2. Der Tod und das Mädchen

3. Vermisst und zuhause

4. Niemals sicher

5. Stammgäste und Lügen

6. The Fast and the Curious

7. Liebeskummer und Psychopathen

8. Der erste Auftrag

9. Töten und getötet werden

10. Das Lamm und der Schlachter

11. Vor dem letzten Atemzug

12. Versagt

13. Baseballschläger und Liebesbriefe

14. Eine neue Vergangenheit

15. Im Keller

16. Der erste Schultag

17. Verdächtige

18. Entdeckung

19. Kameraaufzeichnungen

20. Maik und Elisa

21. Tote Mädchen

22. Leichenentsorgung

23. Gerechtigkeit

Die Postkarten des Vaters

Dr. Arends’ Leitfaden zum Aufbau einer festen Freundschaft – das Laff-Programm

Mein herzlicher Dank geht an

Über den Autor

Bücher von Theresa Sperling

Vorwort

Pierres Landhaus, Kamils Dönerladen, Penelopes Schule, ›The Fast and the Curious‹ und das GJK sind wie alles andere in diesem Roman kleine fiktive Puzzleteile einer semirealen Welt.

Aber irgendwo da draußen in der Wirklichkeit existiert ein Mädchen wie Penelope. Es gibt sie. Ich weiß es.

Denn in der Realität ist einiges anders, als wir denken. Dort existiert so manches, von dem wir nichts zu wissen glauben.

Prolog

»Mama, darf ich mal raus in die Nacht

»Das geht nicht, Penelope-Schneefee«, sagt die Mutter lächelnd und schiebt das Mädchen sanft ins Bett.

»Wann darf ich denn nachts mal raus

»Das werden wir sehen. Und jetzt mach die Augen zu

»Was ist denn da draußen, Mama

Die Mutter sieht ihre Tochter nachdenklich an und zieht ihr die Bettdecke bis zum Kinn. »Nichts

»Kann es hier reinkommen

»Nein!«, erwidert die Mutter, aber sie hat zu lange gezögert. Da draußen ist etwas. Ganz bestimmt.

Die Mutter löscht das Licht, verlässt das Zimmer und zieht leise die Tür hinter sich zu, so als würde ihr Kind schon schlafen.

Vorsichtig schlüpft die Kleine aus dem Bett, krabbelt zum Fenster und zieht die Jalousien gerade so weit hoch, dass sie durch den Spalt in die Dunkelheit hinaussehen kann.

»Was machst du da?«, schreit ihre Mutter. Sie muss sich lautlos ins Kinderzimmer zurückgeschlichen haben. »Du weißt doch, wie gefährlich das ist

Mit einem wütenden Ruck lässt sie die Jalousien hinuntersausen.

Penelope erschrickt über die laute Wut ihrer Mutter, weint und weiß nun ganz sicher, dass da draußen in der Dunkelheit des alten Waldes, der das Haus umgibt, etwas ist.


Das Undefinierbare dieser dunklen Gefahr wächst in ihrer Vorstellung zu einer ganzen Armee von Gefahren heran.


Hinter den alten Bäumen lauert ein gigantisches Monster mit riesigen Zähnen, grünen Augen und giftigem Atem. Eine Schar von Vampiren und Zombies bewegt sich jede Nacht auf das Haus zu, kreist es ein, schlägt gegen die Fenster und Türen, wenn der Herbstwind weht.

Als sie größer wird und ihre Vernunft ihr sagt, dass Monster, Vampire und Zombies nur in Büchern und Filmen existieren, dämmert ihr langsam, was wirklich draußen in der Nacht auf sie wartet: Da steht ein Mensch. Ein böser, kranker Mann. Der Mörder all dieser Mädchen auf den Ölbildern ihrer Mutter.

Sie muss gegen ihn gewappnet sein. Das ist das Einzige, was ihr hilft, ihre Angst zu kontrollieren. Sie will eine Überlebende sein und keine Leiche auf einer riesigen Leinwand. Also beginnt sie damit, sich auf die Begegnung mit dem bösen Mann vorzubereiten.

Sie läuft am Fluss entlang bis ins nächste Dorf und dann wieder zurück bis zu ihrem Haus im Wald. In ihrem Nacken spürt sie die Blicke des unsichtbaren Jägers. Deswegen läuft sie immer schneller, als sie eigentlich kann. Sie läuft, bis sie kotzen muss oder halb erstickt ist oder ihre Milz so sticht wie ein Blinddarmdurchbruch.

Doch wer sollte da draußen schon sein und sie verfolgen? Wer sollte ihr etwas Böses wollen? Ihre ängstlichen Fragen dringen in ihre Träume und aus den Laubwäldern vor ihrem Fenster werden finstere Fichten in der alles umfassenden Nacht und aus der Nacht wird ein kalter Raum. Und in der Kälte dieses Raumes sitzt ein kleines Mädchen, das darauf wartet zu sterben, weil es nicht mehr davonlaufen kann. Sie weiß, wie unglaublich krank das ist. Deshalb erzählt sie niemandem von ihren Träumen und davon, was sie wirklich antreibt, und ihre Einsamkeit beginnt.

Kapitel 1

Verletzung

Ich öffne die Augen und sehe nichts als die undurchdringliche Finsternis meines Kinderzimmers. Amigo ruht auf meinen Beinen. Jetzt hebt er den Kopf und winselt leise.

Heute ist mein letzter Tag. Mein letzter Tag in Kalle. Mein letzter Tag mit meiner Mutter und Pierre. Mein letzter Tag mit Amigo. Morgen muss ich zurück nach Berlin. Zurück in ein gefährliches Leben.

Ich schlüpfe aus dem Bett, ziehe meine Sportsachen über. Dann hole ich mein Messer unter dem Kopfkissen hervor und lasse es in die Hosentasche gleiten. Auf leisen Sohlen schleiche ich mit Amigo durch die schwarze Dunkelheit des Hauses. Pierre schläft noch, aber im Atelier meiner Mutter brennt ein kleines Licht. Wahrscheinlich arbeitet sie schon seit vier Uhr morgens und hat vergessen, dass Sommer ist oder dass es tagsüber draußen hell wird.

Vorsichtig klopfe ich an die Tür des Ateliers. Sie hört mich nicht, denn sie ist bereits in ihrer Welt versunken. Es ist eine traurige Welt, in die sich kein normaler Mensch freiwillig jeden Tag aufs Neue begeben würde. Aber meine Mutter ist nicht normal. Im Gegenteil.

Ohne ihre Erlaubnis abzuwarten, betrete ich das Atelier.

»Gleich!«, flüstere ich dem enttäuscht winselnden Amigo zu und schließe die Tür vor seiner Schnauze. Er ist zwar schon fünf Jahre alt, aber er führt sich auf wie ein tollpatschiger Welpe. Sein freudiges Herumgeschnupper und Schwanzgewedel stört meine Mutter bei der Arbeit.

Ich trete direkt hinter meine Mutter, die nur noch ein paar Zentimeter größer ist als ich. Bald habe ich sie eingeholt. Auf mein leises Räuspern reagiert sie nicht. Wie zu Stein erstarrt steht sie vor der monströsen, nur spärlich beleuchteten Leinwand, die Augen zusammengekniffen, den Pinsel in der rechten Hand wie ein Messer auf das imposante Ölbild gerichtet. Es wirkt so realistisch, dass es aussieht wie ein perfekt belichtetes Foto in Lebensgröße: Auf einer dunkelgrünen Wiese liegt ein Mädchen. Noch vor einigen Tagen hatte dieses Mädchen einen makellosen, wunderschön weiblichen Körper mit cremeweißer Haut. Doch meine Mutter hat den Verwesungsprozess einsetzen lassen und ihr Pinsel hat bereits große Teile des Gesichts und des nackten Körpers zerfressen. Man kann nicht mehr erkennen, woran das Mädchen gestorben ist. Nichts scheint auf eine Verletzung hinzuweisen und dennoch drängt sich dem Betrachter des Bildes die Vermutung auf, dass das Mädchen einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Wie alle verbrannten, verhungerten, aufgedunsenen, massakrierten Mädchenleichen, die meine Mutter jemals gemalt hat.

Auch ihre zahllosen Bilder, auf denen man nichts Konkretes erkennen kann als ineinander verkrampfte Linien, Striche und strudelähnliche Gebilde, verraten durch ihre Namen, was tatsächlich auf ihnen abgebildet ist: Man blickt in die hundertausendfach vergrößerte ›Pupille einer Toten‹ oder ›Blutstropfen‹ oder in den ›Rachen einer Gequälten‹, in die ›Lunge einer Ertrunkenen‹.

Wie oft habe ich befremdet vor diesen Bildern gestanden und meine Mutter gefragt, warum sie so etwas malt? Aber sie hat nie geantwortet. Sie schweigt und malt weiter Farbstriche und Frauenleichen.

»Weißt du noch?«, sage ich in die Stille hinein. »Damals in deinem Atelier in der Stadt

Meine Mutter zuckt zusammen und sieht mich erschrocken an. Dann wendet sie sich mit zusammengekniffenen Augen und dem in blau-graue Verwesungsfarbe getauchten Pinsel wieder dem Bild zu und überlegt, welchen Teil der Leiche sie als Nächstes dem Verfall widmen wird.

»Ich stand vor diesem in kaminrotes Blut getauchten Mädchen«, fahre ich unbeirrt fort. »Sie sah aus, als wäre sie gerade erst gestorben, als könnte man ihren Tod noch rückgängig machen. Ich habe den Pinsel von der Ablage der Staffelei genommen und ihn in die ockerfarbene Ölpaste getunkt

Ohne ihren Blick von der Leinwand zu lösen, sagt meine Mutter mit ihrer hellen, leisen Stimme: »Du hast eine furchtbar fette Frau daraus gemacht

»Ja«, nicke ich. »Ich habe das ganze Blut mit einer dicken, nackten, lebendigen Frau übermalt. Als du in das Atelier kamst, fiel dir der Kaffeebecher aus der Hand

»Ja. So war das wohl«, erwidert meine Mutter nachdenklich. Während sie sich wieder in ihr Bild vertieft, gleite ich in die Vergangenheit und die Szene im Atelier spielt sich noch einmal wie der Ausschnitt eines Schwarz-Weiß-Films in meiner Erinnerung ab.

»Was hast du gemacht?«, flüstert meine Mutter entsetzt.

»Ich hab sie wieder heil gemacht«, antworte ich kleinlaut.

»Aber«, meine Mutter schüttelt verständnislos den Kopf, »sie ist nicht heil, Penelope. Sie ist tot

»DU hast sie doch totgemacht! DU hast sie totgemacht«, schreie ich trotzig und renne an meiner Mutter vorbei in Richtung Tür. Da packt sie mich an den Schultern und gibt mir eine halbherzige Ohrfeige. Die erste und einzige in meinem Leben. Dann beugt sie sich so weit zu mir herunter, dass ich direkt in ihre großen braunen Augen sehen kann.

»Sie ist erst gestorben, dann habe ich sie gemalt

»Du kannst sie in deinem Bild wieder lebendig machen!«, schluchze ich leise.

»Niemand kann sie lebendig machen. Wir müssen alle irgendwann sterben, Penelope-Schneefee

Ich reiße mich los und meine Stimme überschlägt sich, als ich schreie: »Ich nicht! Ich muss nicht sterben

Wütend springe ich mit beiden Füßen in die Kaffeepfütze auf dem Holzfußboden, sodass der Kaffee in alle Richtungen spritzt. Dann renne ich hinaus auf die Straße.


Ich glaube, Kinder sind manchmal so, wenn sie Dinge erfahren, die sie nicht ertragen können.

»Du hast mir eine Ohrfeige gegeben«, sage ich abschließend in die Stille des Ateliers hinein.

Meine Mutter sieht mich verwundert an. »Daran erinnere ich mich nicht

So ist sie. An die Dinge, die sie belasten oder die sie nicht wahrhaben möchte, erinnert sie sich einfach nicht.

»Es hat nicht besonders wehgetan«, füge ich zu ihrer Beruhigung hinzu. Ich will nett zu ihr sein. Abschiede machen mich fertig. Sie fühlen sich an, als hätte jemand mir einen Berg aus Backsteinen auf den Brustkorb gestapelt. Ich kann kaum atmen, aber ich reiße mich zusammen.

Schließlich deute ich auf die Leinwand und frage in der Hoffnung, doch eines Tages eine Antwort zu bekommen: »Wer ist das Mädchen

Meine Mutter mustert mich lange, so als würde sie darüber nachdenken, ob man mir ein Geheimnis anvertrauen kann. Dann murmelt sie: »Darüber solltest du dir keine Gedanken machen

Aber dieses eine Mal lasse ich nicht locker. »Gibt es dieses Mädchen wirklich oder hast du es erfunden

Meine Mutter zögert. »Ich vermute mal, es ist eine Mischung

»Bin ich dieses Mädchen?«, frage ich, obwohl zwischen mir und dem Leichnam auf der Leinwand keinerlei Ähnlichkeit besteht. Das Mädchen ist groß, blond, sehr weiblich und hat einen skandinavischen Touch. Ich sehe mit meinen in alle Richtung stehenden dunkelbraunen Haaren und meinem dünnen, allzeit quirligen Körper eher aus wie ein sportlich gekleideter Wischmopp auf Speed.

»Nein! Um Gottes willen«, ruft meine Mutter entsetzt aus. »Wie kommst du denn darauf

Ratlos zucke ich die Schultern. Keine Ahnung, wie ich darauf komme. Meine Mutter schmeißt den Pinsel auf die Ablage der Staffelei, geht zum Tisch neben der Ateliertür und durchforstet zielstrebig den Stapel von angelesenen Tageszeitungen und Kunstzeitschriften. Endlich zieht sie eine einzelne Zeitungsseite hervor und hält sie mir vor das Gesicht.

In der Mitte der Seite prangt das Foto eines Mädchens, das etwas jünger wirkt als das tote Mädchen auf der Leinwand, ihm aber insgesamt doch sehr ähnlich sieht. Beide haben lange blonde Haare, ein hübsches, etwas rundliches Gesicht, hohe Wangenknochen und große, leicht schräg stehende graublaue Augen. Neugierig lese ich den dazugehörigen Artikel:


Nachdem im Mai dieses Jahres bereits die 15-jährige Schönebergerin Janine S. spurlos verschwand, gilt nun ein zweites Schöneberger Mädchen als vermisst: Die Berlinerin Anna M. (16) verließ am 12. August 2017 gegen 15.00 Uhr das Haus ihrer Eltern unter dem Vorwand, sich mit einer Freundin im Volkspark zu treffen, und kehrte nicht mehr zurück. Laut Aussage der Freundin hatten die beiden Mädchen an diesem Tag keine Verabredung. Die Ermittlungen der Polizei führten bisher zu keinem Ergebnis, eine Verbindung zum Fall Janine S. kann derzeit noch nicht ausgeschlossen werden. Es wird vermutet, dass Anna sich am Nachmittag des 12. August mit einem Unbekannten traf und einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Wer Anna M. gesehen hat oder Hinweise auf ihren Aufenthaltsort geben kann, wendet sich bitte an die nächste Polizeidienststelle.


»Sie ist doch nur vermisst gemeldet. Vielleicht ist sie gar nicht tot, sondern einfach nur abgehauen«, überlege ich.

Meine Mutter streicht mir kurz mit dem ausgestreckten Finger über die Wange. Mit zusammengekniffenen Augen. So als wäre ich ein Bild. »Sie ist seit über einer Woche verschwunden. Nicht einmal ihre beste Freundin weiß, wo sie ist

»Vielleicht ist sie mit dem Freund ihrer Freundin durchgebrannt.« Im Grunde genommen glaube ich selbst nicht, was ich da sage.

»Und diese Janine? Ist die auch nur mit dem Freund ihrer besten Freundin durchgebrannt? Ich glaube, du weißt es besser, Penelope-Schneefee«, seufzt meine Mutter. »Ich mag dieses Bild. Vielleicht nenne ich es Verletzung

Verletzung? Verwesung wäre wohl der passendere Titel. Ich bin kein Kind mehr und inzwischen habe ich das Konzept vom menschlichen Ableben ganz gut verstanden. Vermutlich habe ich vom Sterben eine konkretere Vorstellung als die meisten Menschen in meinem Alter, denn in den letzten Monaten war ich dem Tod einige Male beängstigend nahe. Deshalb übermale ich die verwesende Leiche auf der Leinwand dieses Mal nicht mit einer lachenden dicken Frau und springe nicht wütend in eine Kaffeepfütze. Stattdessen betätige ich den Knopf für die schweren grauen Rollläden des Ateliers und ziehe die blickdichten Jalousien auf der Innenseite der Fenster hoch.

Der gleißend helle Morgen ergießt sich in das Atelier und taucht es langsam von unten bis oben in helles Sommerlicht.

»Oh!«, sagt meine Mutter. »Es ist ja schon hell draußen

»Es ist schon neun. Ich lasse eben Amigo durch das Atelier. Wir gehen joggen


Die Sonne steht noch nicht besonders hoch am Himmel, aber sie hat die Temperaturen schon wieder auf über 20 Grad steigen lassen, denn die Nacht war zu kurz, um die Luft zu kühlen, und der letzte Regen liegt Wochen zurück.

Amigo hüpft in drolligen Schlenkern auf den Wald zu und ich folge ihm lächelnd. Für ihn ist ein morgendlicher Sprint das größte Glück dieser Welt. Wir durchqueren den kleinen Wald, laufen den Schleichweg am Acker entlang und über die Wiese bis an die Vechte. Langsam spüre ich die Kraft in mir hochsteigen, sie sammelt sich in meinen Beinen, in meinem Bauch, wandert meinen Rücken hinauf, weitet meine Lunge, steigt mir zu Kopf. Sie lässt mich ruhig vorwärtsgleiten wie das Wasser des Flusses neben mir. Bis zum nächsten Dorf und wieder zurück sind es vierzehn Kilometer. Vierzehn Kilometer ultimativer Ruhe, meine Schritte im Einklang mit meiner Atmung, mein Herzschlag im Einklang mit mir selbst. Zielstrebig verfolge ich meinen Weg, während Amigo aufgeregt hechelnd und völlig planlos um mich herumtollt. Wenn Amigo bei mir ist, bekommt das Lauftraining eine andere Bedeutung. Es ist kein krankes Weglaufen mehr, sondern das erhabene Gefühl von vollkommener Kontrolle über meinen Körper.

Auf halbem Weg bleibt Amigo bellend zurück. Er scheint etwas entdeckt zu haben. Ich schlage mich querfeldein zu der Stelle, an der er nervös hin und her läuft. Jetzt sehe ich es: Vor ihm auf der Erde liegt ein Eichhörnchen. Es kann nicht mehr laufen und blutet stark an beiden Hinterbeinen. Wehrlos und schwer atmend liegt es da und starrt Amigo mit großen Augen an. Vielleicht ist es vom Baum gefallen. Es wird sterben, das ist nur eine Frage der Zeit. Eine Frage nach dem Jetzt-Sofort oder nach stundenlanger Qual. Ich zücke mein Messer, halte das Eichhörnchen mit der linken Hand fest und setze einen gezielten Stich in seine Brust. Sein Blick wird leer und der geschundene Körper erschlafft. Dann reibe ich die blutige Klinge im Gras sauber. Amigo winselt und will das Eichhörnchen im Maul mitnehmen.

»Aus, Amigo! Lass es liegen«, sage ich »Es wäre sowieso gestorben. Jetzt muss es nicht mehr kämpfen

Nach einer halben Stunde bin ich kurz vor der Brücke. Ein Stückchen weiter oben auf dem Feldweg parkt ein abgewrackter schwarzer Kleinwagen. Fahrer und Beifahrer haben die Füße auf die Konsole gelegt und rauchen. Das Auto ist voller Qualm und der süßliche Geruch dringt bis hinunter zu mir an den Fluss. Bestimmt haben die beiden sich gerade im nächsten niederländischen Coffeeshop frisches Dope geholt und kiffen sich jetzt früh am Morgen schon die Birne weg. Ich ignoriere die Insassen des Autos und bringe die erste Hälfte meiner Strecke zu Ende, indem ich zur Brücke laufe und den Pfeiler berühre. Sieben Kilometer.

In diesem Moment höre ich die Autotüren klappen. Meine Nackenhaare stellen sich auf, meine Rückenmuskulatur spannt sich an. Schnell schnappe ich mir einen Stock und werfe ihn möglichst weit unter die Brücke. »Fass!«, rufe ich Amigo zu. Er soll ganz weit weg sein, wenn jetzt etwas passiert. Früher fühlte ich mich mit dem großen Amigo an meiner Seite sicher und geborgen, weil der Irish Wolfhound meiner Meinung nach jedem Angreifer zwangsweise Angst und Schrecken einjagen musste, aber inzwischen weiß ich, dass der treudoofe teddybärbraune Familienhund keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Ich bin froh darüber, ich will das nicht. Amigo soll niemanden angreifen, niemanden beißen oder töten. Er soll unschuldig bleiben. Ich kann mich selbst verteidigen. Und wenn es darauf ankommt, kann ich mehr als das. Amigo hetzt dem Stock hinterher. Natürlich wird er den Stock nicht zurückbringen, der dumme Hund, sondern kaputt kauen. Er ist also in Sicherheit.

Hinter mir ertönt unangenehmes Gelächter. Aggressiv aufgeladen. Ich dachte, Kiffen macht friedlich, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht oder die Männer haben sich noch etwas anderes eingeworfen.

Langsam drehe ich mich um und analysiere die Situation. Die beiden Typen stehen nur noch etwa fünf oder sechs Meter von mir entfernt und versperren mir den Rückweg. Der eine ist über zwanzig. Er trägt ein ausgewaschenes schwarzes Heavy Metal-Shirt und zerrissene Jeans. Sein rechtes Ohr ist voller Piercings. Der langhaarige Beifahrer ist maximal sechzehn Jahre alt und seine engen Lederhosen und das schlabberige Rippshirt betonen seinen schmächtigen Körperbau. Er sieht etwas eingeschüchtert aus. Nervös blinzelt er zu mir herüber und macht fahrige Bewegungen mit seinen Händen, als wolle er seinen Kumpel zurückhalten.

»Na, Süße?«, sagt der Gepiercte spöttisch und spuckt vor mir aus. Langsam kommt er auf mich zu und drängt mich unter die Brücke. Dort werden uns die vorbeifahrenden Autofahrer nicht sehen.

Ich spare mir eine Antwort und sammele mich. Der Typ ist sehr groß, schätzungsweise ein Meter neunzig, und muskulös, aber völlig zugedröhnt. Der Beifahrer ist schwach und unentschlossen, doch das kann schnell kippen und dann wären sie zu zweit.

»Kannst du nicht sprechen?«, fragt der Ältere und seine Gesichtszüge verhärten sich.

Ich schweige und warte weiter ab.

»Was meinst du?«, fragt er den Beifahrer. »Kann sie dafür was anderes

»Sie ist flach wie ein Brett!«, erwidert der Kleinere und versucht, abfällig zu lachen. »Die ist nichts für mich. Kein Arsch in der Hose und nichts

Ich höre die Autos über die Brücke fahren, das Wasser neben mir fließen, Amigo weit genug weg an einem Stock kauen, mein Blut durch meine Adern rauschen, mein Herz klopfen. Keine Panik, Penelope. Bleib ruhig. Du hast alles unter Kontrolle.

»Willst du mal ziehen?«, fragt der Fahrer. »Das entspannt dich ein bisschen.« Er hält mir den Joint so nah vor das Gesicht, dass der Qualm in meinen Augen brennt.

Ich drehe mein Gesicht weg, aber er greift meinen Nacken mit der einen Hand und drückt mir mit der anderen Hand den Joint an den Mund. Ich presse die Lippen fest aufeinander und halte meinen Körper unter Kontrolle, der sich gerade instinktiv auf Verteidigung einstellt. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, meine Kiefer drohen meine Zähne zu zermalmen und meine Nackenmuskulatur verhärtet sich schmerzhaft unter der Handfläche meines Angreifers. Meine Gedanken kreisen um das Messer in meiner Hosentasche, ohne das ich das Haus nicht mehr verlasse.

»Lass sie doch!«, höre ich den Jüngeren besänftigend sagen. »Was willst du denn mit der

»Ein bisschen Spaß!«, ruft der Ältere, doch seine Stimme klingt bedrohlich und seine Hand in meinem Nacken greift jetzt so fest zu, dass es schmerzt.

Alarmiert stelle ich noch eine andere Veränderung fest. Ein Geräusch unmittelbar hinter mir. Amigo. Er kaut nicht mehr hinter der Brücke auf dem Stock, sondern er knurrt. Es ist ein lautes, aggressives Knurren. Ein Laut, der noch nie zuvor aus Amigos Kehle gedrungen ist.

»Amigo!«, presse ich hervor. »Bei Fuß!« Ich will nicht, dass er mich verteidigt, dass er angreift, dass er zubeißt. Amigo reagiert sofort und stellt sich hechelnd neben mich.

»Sebi, hol die Knarre aus dem Auto!«, befiehlt der Gepiercte leise. »Der Köter stresst

Es ist so weit. Ich schalte meinen Verstand ab und verlasse mich auf das, was ich gelernt habe. Den Rest überlasse ich meinem Instinkt. Meine Hand schnellt vor und schlägt den Joint des Gepiercten ins Gras. Ich bücke mich nach vorne und drehe mich unter der Hand in meinem Nacken weg. Den Bruchteil einer Sekunde später landet meine linke Faust mit einem dumpfen Schlag in der Magengrube meines Angreifers und meine rechte Faust prallt hart gegen seinen linken Wangenknochen. Er schreit auf, strauchelt rückwärts und hält sich ungläubig beide Hände vor die linke Gesichtshälfte. Dann krümmt er sich zusammen, erbricht einen übel riechenden Schwall orangegelber Kotze und besudelt damit seine Hände, seine Jeans und seine Schuhe.

Der Jüngere, der das Geschehen mit offenem Mund und erhobenen Händen beobachtet hat, stolpert langsam rückwärts zum Auto und stammelt hilflos: »Ich wollte das nicht. Ehrlich. Ich wollte das nicht

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Amigo bellend auf ihn zuschießt und mit gebleckten Zähnen zum Sprung ansetzt. Ich weiß, was kommt. Dieses Bild kenne ich. Es hat sich in meine Seele eingebrannt und wird dort niemals aufhören zu glühen.

»Aus!«, schreie ich. Amigo winselt und hält kurz vor dem Sprung inne.

»Sitz!«, meine Stimme überschlägt sich. Zu meiner Verwunderung folgt Amigo ein zweites Mal aufs Wort. Er sitzt vor dem Beifahrer und winselt leise. Wie ein großer Teddybär.

Der Junge hat sich in die Hose gepinkelt. Ein dunkler Fleck breitet sich langsam auf seiner Hose aus und wandert nach unten bis zum rechten Knie.

Ich pfeife nach Amigo und renne los. Als ich mich noch einmal umsehe, lehnt der Ältere nach vorne gekrümmt am Brückenpfeiler und würgt. Der Jüngere steht etwas abseits und sein Blick folgt Amigo und mir, bis der Fluss eine Rechtsbiegung macht und wir hinter der Böschung aus seinem Blickfeld verschwinden. Sobald wir außer Sichtweite sind, laufe ich zum Fluss hinunter und wasche mir die Hände im kalten Wasser der Vechte. Dieses Mal klebt nur wenig Blut an meinen Händen und das, was ich getan habe, war richtig. Trotzdem. Es ekelt mich vor dem Menschen, den ich berührt habe, also schrubbe ich an der Haut meiner Hände herum, bis die Erinnerung an die Berührung sich im kühlen Nass auflöst und den Fluss hinuntertreibt.


Pierre sitzt mit einem Milchkaffee auf der Terrasse und winkt mir von Weitem mit der Zeitung zu. Das Gebäude hinter ihm ist schon lange keine alte, baufällige Scheune mehr, sondern ein Landhaus mit riesengroßen Fenstern, das aussieht wie der Wirklichkeit gewordene Traum einer exklusiven Wohnzeitschrift.

Mit einem leisen Pfiff ruft Pierre Amigo zu sich. Ohne zu zögern, setzt Amigo zum Sprint an, macht neben Pierre Sitz und sieht ihn ergeben hechelnd an. Ich schlucke. Es fühlt sich nicht richtig an, dass Pierre sich mehr um Amigo kümmert als ich. Aber ich sollte dankbar sein.

»Morgen, Penelope!«, ruft Pierre. »Frühstück für die beiden Damen

»Bei Mama im Atelier, ja?«, rufe ich zurück. Mit einem Blick auf meine Hände versichere ich mich, dass man nicht sieht, was mir unter der Brücke passiert ist.

Pierre runzelt die Stirn und fragt: »Hast du dir wehgetan

Seinem scharfen Blick entgeht nichts.

»Nein. Alles in Ordnung!«, rufe ich. Es geht schon wieder. Ich will nicht, dass er sich Sorgen um mich macht. Er soll für meine Mutter da sein und von mir aus auch für Amigo, nicht für mich.

Bevor er noch weitere Fragen stellen kann, laufe ich um die Scheune herum und betrete das Atelier durch die Glastür.

»Frühstück?«, frage ich. Meine Mutter nickt und beendet ihren Pinselstrich. Bald ist nichts mehr von dem armen Mädchen auf der Leinwand übrig.

Wenige Minuten später stellt Pierre zwei Tassen Milchkaffee und zwei Schüsseln Müsli mit aufgeschnittenem Obst auf den weiß lasierten Tisch neben der Tür.

»Danke«, flüstere ich, weil wir im Atelier meiner Mutter immer flüstern, um sie nicht zu stören, selbst wenn sie nicht malt.

Ich setze mich auf einen der beiden alten braunen Ledersessel neben dem Tisch, der vollgepackt ist mit neuen, angebrochenen und leeren Farbtuben, angelesenen Zeitungen und einer Kaffeetasse mit leicht schimmeligen Milchkaffeeresten. Dazwischen steht ein vierzig Jahre altes Telefon mit Wahlscheibe. Meine Mutter hat leider tiefe Aversionen gegen jede Art von Elektronik. Deswegen kommuniziert sie mit der Außenwelt ausschließlich über dieses Gerät. Handys hält sie für krebserregende Abhörgeräte und Computer mit Internetzugang sind für sie gleichbedeutend mit offenen Haustüren in der Nacht. Pierre hat sich – wie in allen anderen Punkten – meiner Mutter angepasst und verzichtet ihr zuliebe auch auf Handy, Computer und Internet. Als ich vor zwei Jahren nach Berlin geholt wurde, um dort die Sportschule Pankow zu besuchen, hat Pierre die Wand vom Flur zum Atelier durchbohrt, das Telefonkabel durchgezogen und das Telefon ins Atelier verlegt, damit ich meine Mutter besser erreichen kann. Genau genommen ist das umsonst gewesen, weil meine Mutter das Klingeln des Telefons ohnehin nicht hört, wenn sie in eines ihrer Bilder vertieft ist. Es dringt einfach nicht zu ihr durch.

»Komm jetzt, Mama, sonst wird dein Kaffee kalt«, rufe ich ungeduldig. Nachdem sie sich hingesetzt hat, beginne ich sofort das Gespräch, denn man muss mit meiner Mutter alle wichtigen Dinge in den wenigen Momenten besprechen, in denen sie nicht malt. »Ich fahre morgen direkt in meine neue Wohnung in Schöneberg

»Warum bist du eigentlich schon wieder umgezogen?«, fragt sie. Das ist gut, denn es heißt, sie ist aus ihrem Bild erwacht und bereit, Informationen aufzunehmen.

»Die Wohnung liegt in der Nähe meiner neuen Schule

»Wie heißt diese Schule noch mal

»Ilse-Aichinger-Gymnasium. Das liegt direkt am Viktoria-Luise-Platz

»Ach ja, genau! Dann ist ja gut. Brauchst du Geld?« Meine Mutter stellt die Kaffeetasse ab und betrachtet mich besorgt.

»Nein, lass mal. Ich kann meinen Job als Fahrradkurierin behalten und das Geld vom Kurierdienst reicht mir

»Oh, das ist gut.« Ihr Gesicht hellt sich sofort wieder auf. »Aber arbeite nicht zu viel, Schatz. Sag Bescheid, wenn du doch etwas brauchst

»Mach ich

Pierre ruft aus dem Wohnzimmer: »Deine Mutter hat recht, Penelope. Wenn du zu viel arbeitest, fallen deine Leistungen in der Schule ab

»Ich habe einen Notendurchschnitt von 1,8. Ihr müsst euch also keine Sorgen machen. In drei Jahren habe ich mein Abitur in der Tasche, das verspreche ich euch

»Das klingt gut, Penelope-Schneefee.« Meine Mutter legt den Kopf schief und sieht mich weiter prüfend an, dann stellt sie erstaunt fest. »Du hast dir die Haare wachsen lassen

Es ist einfach unglaublich. Ich bin schon fast zwei Wochen hier und es ist ihr erst jetzt aufgefallen. Sieht sie mich denn gar nicht richtig an?

»Warum?«, fragt sie erstaunt.

»Ich wollte ein bisschen weiblicher aussehen«, erwidere ich und es ist nicht ganz gelogen. Ich musste mir die Haare wachsen lassen, denn für meinen Job darf ich nicht aussehen wie ein kleiner stacheliger Igel, sondern

»Und wann besuchst du uns wieder?«, fragt meine Mutter und sorgt dafür, dass ich den beängstigenden Gedanken nicht zu Ende führen kann.

Und wann besuchst du mich?, frage ich in Gedanken, aber ich weiß natürlich, dass es besser ist, wenn sie in Kalle bleibt und von meinem Berliner Leben möglichst wenig erfährt.

»In den Weihnachtsferien

»Oh«, sagt meine Mutter enttäuscht. »Das ist ja fast ein halbes Jahr

»Es geht nicht anders, Mama

»Ich weiß. Dafür können wir Weihnachten, deinen Geburtstag und Silvester gemeinsam feiern«, stellt sie etwas zu fröhlich fest.

Sie hat recht. Glücklicherweise kann ich in den Weihnachtsferien alle drei wichtigen Feiern des Jahres im Kreise meiner winzigen Restfamilie hinter mich bringen. Dann wäre das schon mal erledigt.

»Und wenn wir Glück haben, bekommen wir eine weiße Weihnacht und an deinem Geburtstag liegt jede Menge Schnee!« Mit diesen Worten wendet sich meine Mutter wieder der Leinwand in der Mitte des Raumes zu und ihrem abwesenden Blick nach zu urteilen, ist sie gedanklich schon wieder in das blutige Farbszenario des Bildes eingetaucht.

Wie so oft hätte ich mir ein paar weitere Fragen gewünscht, ein bisschen Wut darüber, dass ich meine Mutter grundsätzlich vor vollendete Tatsachen stelle, etwas deutlichere Anzeichen von mütterlicher Sorge. Aber es gibt Dinge, die lassen sich nicht ändern. Also frühstücke ich schweigend weiter, betrachte die Hand, die meinen Löffel hält, und spüre Übelkeit in mir aufsteigen. Natürlich. Ich weiß, dass man Dinge nicht einfach von sich abwaschen kann, Dinge wie Blut, Ekel und Schuld. Im Gegenteil, sie kleben an mir wie zähflüssiger Teer. Sie fliegen schwarzfedrig durch die hintersten Winkel meiner Erinnerungen und verdunkeln meine Träume. Träume von Fichtenwäldern und einsamen Räumen, in denen die Kälte das Leben zerfrisst. Nachts und auch am helllichten Tag, wenn ich meinen Körper zu einem Mittagsschlaf zwinge.

Ich werde noch den ganzen Tag daran denken müssen, was am Morgen unter der Brücke passiert ist oder anders hätte laufen können. Vielleicht hätte der Jüngere den Älteren noch davon abgehalten, mir richtig wehzutun. Vielleicht wäre dem Älteren einfach schlecht geworden von dem Joint und er hätte von mir abgelassen, um sich zu übergeben. Vielleicht hätte ich nicht zuschlagen dürfen. Vielleicht sind nicht die beiden zugedröhnten Idioten gefährlich, sondern ich. Vielleicht hätte ich fast mein Messer gezogen.

Nach dem Frühstück nehme ich ein heißes Bad und starre auf die riesigen dunkelbraunen Deckenbalken der Scheune. Vielleicht hatten die beiden tatsächlich eine Pistole im Auto und hätten damit erst auf Amigo geschossen und später auf mich. Vielleicht wäre aber auch an einem anderen Morgen ein anderes Mädchen am Fluss entlanggejoggt. Eines, das auch dem Beifahrer gefallen hätte, eines, das sich nicht hätte wehren können. Eines wie Anna oder Janine, die vermissten Mädchen in der Zeitung.

Amigo liegt neben der Badewanne und lässt mich nicht aus den Augen. Gleich werde ich meine Tasche packen. Es ist Zeit zu gehen.

Kapitel 2

Der Tod und das Mädchen

Inzwischen hat der Abend von meiner Mutter Besitz ergriffen. Bevor es dunkel geworden ist, hat sie die riesigen Fenster geschlossen, die Rollläden und Jalousien heruntergelassen und die Türen zugesperrt. Niemand von uns darf das Haus bei Dunkelheit verlassen. Als Kind dachte ich, das würde eines Tages aufhören und wenn ich nur groß genug wäre, dann würde ich nach Einbruch der Dunkelheit hinausgehen und in die Nacht lauschen dürfen. Aber bis heute sperrt meine Mutter mich ins Haus, sobald die Abenddämmerung sich wie eine blasslila Decke über das Dorf legt.

Also sitzen Mama, Pierre, Amigo und ich an diesem letzten gemeinsamen Abend auf der riesigen weißen Wohnzimmercouch. Ich fühle mich eingesperrt. Doch ich werde mich am letzten Abend nicht über Dinge streiten, die man nicht ändern kann.

Pierre hat uns ein traditionelles Feiertagsbüfett bereitet, das für jeden von uns etwas bereithält. Er selbst bekommt Fleisch, meine Mutter Meeresfrüchte, Amigo magere Pute und ich italienische Bruschetta. Wir hören die alten Schallplatten meines Vaters, sehen uns Kunstbände und Wohnzeitschriften an und nippen an einem Glas Sekt. Es ist gemütlich und traurig und total krank, denn es ist die einfachste Art, nicht über die Dinge zu sprechen, die uns berühren.

»Drehst du die Platte um, Penelope-Schneefee?«, fragt meine Mutter in die Stille hinein, die das Streichquartett von Schubert in uns und um uns herum hinterlassen hat, nachdem der Arm des Plattenspielers die letzte Rille erreicht hat.

»Och, nee«, protestiere ich.

»Ich habe sie aufgelegt, du bist dran!«, ermahnt mich Pierre.

Seufzend und träge rutsche ich von der Couch und krabbele auf allen vieren zum Plattenspieler. Vorsichtig nehme ich die Platte vom Teller, drehe sie um und lasse den Arm mit der feinen Nadel auf die erste Rille sinken. Zum ersten Mal in meinem Leben lese ich den Aufdruck auf der Plattenmitte. Zum ersten Mal erfahre ich, wie das feierliche Stück heißt, das, seit ich denken kann, am Ende jedes Weihnachtsfestes, jedes Silvesterabends, jedes Geburtstags und überhaupt jedes Feiertages aus unseren großen schwarzen Lautsprechern erklingt.

»Der Tod und das Mädchen?«, frage ich vorwurfsvoll.

Pierre und meine Mutter blicken gleichzeitig von ihren Kunstbänden auf.

»Was stört dich daran?«, fragt meine Mutter irritiert.

»Na ja«, antworte ich schnippisch. »Ich ziehe mir praktisch seit meiner Geburt deine farbenfrohen Mädchenleichen rein und stelle gerade fest, dass wir an jedem Feiertag des Jahres auch noch ein passendes Musikstück zu deinen Horrorvisionen hören

»Madita und Penelope«, ermahnt uns Pierre, um den sich anbahnenden Streit im Keim zu ersticken. »Das ist unser letzter Abend

»Es ist doch ein wunderschönes Musikstück«, verteidigt sich meine Mutter und sieht dabei abwechselnd zu Pierre und zu mir. »Man kann sich ja auch ganz andere Dinge vorstellen, während man es hört

»Sicher«, zische ich. »Man kann ja auch ganz andere Dinge mit deinen riesigen Farbflecken assoziieren oder mit dem, was du gerade mit deiner neuen Muse anstellst.« Ich zeige aufgebracht in Richtung Atelier.

»Ja, genau!«, ruft meine Mutter mit einem gekünstelten Lachen. »Das ist doch kein Problem

»Kein Problem?«, frage ich so laut, dass Amigo erschrocken aufspringt und mich geduckt von unten ansieht. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Die ganze Scheißwut auf diese dreckigen Kerle von heute Morgen, auf die Bilder meiner Mutter, auf die ausgesperrten Nächte, auf das unsichtbare Blut, das sich nicht mehr von meinem Messer waschen lässt, übermannt mich und raubt mir die Beherrschung. Wutentbrannt renne ich zum Schalter neben der Fensterfront des Wohnzimmers und lasse die Rollläden nach oben fahren.

»Penelope«, sagt meine Mutter in strengem Ton. »Was soll das

Aber meine Mutter kann mich mal. Ich habe meine Hände schon an der Schnur, um auch die Innenjalousien hochzuziehen.

»Ich möchte die Nacht sehen!«, schreie ich wütend. »Das ist doch kein Problem, oder? Kein Problem

Gebannt beobachtet meine Mutter, wie die hinaufgleitenden Rollläden langsam den Blick in die Dunkelheit freigeben. Wie eine gigantische, schwarz bezogene Leinwand lehnt die sternenlose Nacht hinter den Glasscheiben. Als die Rollläden mit einem leisen Knarren in ihrer Endposition einrasten, dreht meine Mutter sich wortlos um und flieht in ihr Atelier.

»Musste das sein?«, fragt Pierre mich vorwurfsvoll und eilt meiner Mutter hinterher.

Ich aber höre an Amigo gekuschelt »Der Tod und das Mädchen«. Zusammen sehen wir hinaus in die alles umfassende Nacht, die sich wie ein riesiges schwarzes Maul über unser Haus gestülpt hat. Was ist dort draußen? Wovor hat meine Mutter Angst? Sie glaubt, dass da draußen etwas auf uns lauert, und ich weiß nicht, was es ist.

Wie damals, als meine Mutter mir den winzigen Baby-Amigo aus dem Tierheim mitbrachte, schlinge ich meine Arme um ihn und flüstere ihm ins Ohr: »Kleiner Amigo. Du bist mein Freund und ich werde dich beschützen. Du brauchst keine Angst zu haben. Alles wird gut

Die Platte ist zu Ende und hinterlässt ein Gefühl von Traurigkeit, das sich langsam in der Stille des Raumes auflöst. Ich lege meinen Kopf auf Amigos Bauch, grabe meine Nase in sein Fell und lausche mit ihm in die dunkle Nacht hinaus. Auch er will nach draußen, das spüre ich, aber wir dürfen nicht.

Irgendwann lasse ich die Rollläden wieder hinunter, lösche das Licht, verziehe mich mit Amigo in mein Zimmer und ziehe meine Erinnerungskiste aus dem Schrank. Amigo beobachtet jeden meiner Handgriffe, während ich die Kiste durchstöbere: meine alten Lieblingsbücher, die Spieluhr, die meine Oma mir zur Geburt geschenkt hat, mein Teddybär, ein altes Spielzeughandy aus rotem Plastik mit riesigen Tasten (das letzte Geschenk meines Vaters) und eine Auswahl meiner besten selbst gemalten Bilder. Ich muss schmunzeln, als ich eins nach dem anderen betrachte. Das Talent meiner Mutter habe ich definitiv nicht geerbt. Den Schuhkarton voller Familienfotos lasse ich heute Nacht geschlossen. Ich bin schon traurig genug.

Bevor mir die Augen zufallen, krabble ich in mein Bett. Amigo kauert sich neben mir zusammen, haart zum Leidwesen meiner Mutter ein letztes Mal den Bezug meiner Bettdecke voll und beschützt mich wie ein riesiger herzensguter Teddybär. Doch auch in ihm steckt etwas, das ihn gefährlich macht. Das ist mir heute bewusst geworden. Wahrscheinlich lauert in jedem von uns ein wütender, scharfzähniger Wolf.


Am nächsten Morgen um halb sieben hieve ich meine Sporttasche in den Kofferraum unseres Volvos und verabschiede mich von Pierre. Meine Mutter wird mich zum Bahnhof fahren. Der Streit von gestern ist vergessen, der Abschied drückt tonnenschwer auf unsere Gemüter.

Amigo winselt, jault und leckt mir die Hände ab. Es ist nicht möglich, die Autotüren zu öffnen, ohne dass er versucht, mit einem Satz hineinzuspringen. Pierre muss ihn mit aller Kraft am Halsband festhalten, damit meine Mutter und ich überhaupt einsteigen können.

»Wir kümmern uns um ihn, Pen«, ruft Pierre, »du brauchst dir keine Sorgen zu machen

Ich nicke, steige ins Auto und schlage die Tür zu.

Durch das Heckfenster des Autos beobachte ich, wie Amigo laut bellend am Halsband reißt und dabei stetig kleiner wird. Ihn in Kalle zurückzulassen, fühlt sich jedes Mal an, als würde ich meinen einzigen Freund im Stich lassen.

Ich frage mich, ob ich in den nächsten Jahren einem Menschen begegnen werde, der so bedingungslos treu und gutmütig ist wie Amigo und der mir gleichzeitig das Gefühl geben kann, in Sicherheit zu sein. Auch wenn ich vermutlich niemals wirklich in Sicherheit sein werde. Meine Mutter hat Pierre, aber ich habe niemanden.