cover image

Mendele Moicher Sforim

Die Fahrten Binjamins des Dritten

Ein Schelmenroman

Mendele Moicher Sforim

Die Fahrten Binjamins des Dritten

Ein Schelmenroman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
Übersetzung: Efraim Frisch
1. Auflage, ISBN 978-3-962810-50-4

null-papier.de/476

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Wer Bin­ja­min ist, wo­her er stammt und wie ihn die Rei­se­lust über­kom­men hat

Wie Bin­ja­min ein »Op­fer« und Sel­de eine »ewig Ver­las­se­ne« wird

Bin­ja­min tut sich mit Sen­derl, ge­nannt das »Weib«, zu­sam­men

Bin­ja­min und Sen­derl ver­las­sen Tu­ne­ja­dow­ka

Was un­se­ren Hel­den bei ih­rem ers­ten Schritt in die Welt wi­der­fährt

Un­se­re Hel­den ge­ra­ten nach Te­te­rew­ka, wo Bin­ja­min eine Ohr­fei­ge ein­steckt

Bin­ja­min be­wirkt eine Um­wäl­zung in der Po­li­tik

Das Ver­dienst der Vä­ter er­weist sich an un­se­ren Hel­den

Hur­ra, Rote Ju­den!

Wun­der über Wun­der auf der Pja­tigni­low­ka

Un­se­re Wan­de­rer wer­den ins Bad ge­lei­tet

Ende gut, al­les gut

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie sich für ein E-Book aus mei­nem Ver­lag ent­schie­den ha­ben.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

 

Ihr
Jür­gen Schul­ze

Newslet­ter abon­nie­ren

Der Newslet­ter in­for­miert Sie über:

htt­ps://null-pa­pier.de/newslet­ter

Wer Binjamin ist, woher er stammt und wie ihn die Reiselust überkommen hat

Alle mei­ne Tage – so er­zählt uns Bin­ja­min der Drit­te sel­ber –, näm­lich bis zu mei­ner großen Rei­se, habe ich in Tu­ne­ja­dow­ka ver­bracht. Dort bin ich ge­bo­ren, dort bin ich er­zo­gen wor­den und dort habe ich mein from­mes Weib, die Frau Sel­de, sie soll le­ben, ge­hei­ra­tet. Das Städt­chen Tu­ne­ja­dow­ka ist ein ver­lo­re­nes Nest, ab­seits von der Post­stra­ße und von der Welt der­ma­ßen ab­ge­schnit­ten, dass, wenn es sich ein­mal er­eig­net und ei­ner kommt dort­hin an­ge­reist, sich Tü­ren und Fens­ter öff­nen, um den An­kömm­ling zu be­stau­nen. Die Nach­barn be­fra­gen ein­an­der dann, zum Fens­ter hin­aus­ge­beugt: Ha, wer mag das wohl sein? Wo­her ist der so plötz­lich aus hei­ler Haut hier auf­ge­taucht? Was mag so ei­ner hier su­chen? Steckt nicht ir­gend­ei­ne Ab­sicht da­hin­ter? Es kann doch nicht sein, dass man ein­fach sich auf­macht und hier­her reist! Si­cher­lich ist et­was da­bei, das er­grün­det wer­den muss. Je­der will da­bei sei­ne Weis­heit, sei­ne Welt­läu­fig­keit er­wei­sen, un­zäh­li­ge aus der Tie­fe des Ge­müts ge­schöpf­te Ver­mu­tun­gen las­sen sich ver­neh­men; alte Leu­te er­zäh­len Ge­schich­ten und Fa­beln von Rei­sen­den, die in dem und dem Jahr an­ge­kom­men wa­ren, Witz­bol­de ma­chen dar­über nicht eben an­stän­di­ge Spä­ße, die Män­ner strei­cheln ihre Bär­te und lä­cheln dazu, die al­ten Wei­ber wei­sen sie schein­bar zu­recht, in­dem sie sie an­schrei­en und zu­gleich la­chen, jun­ge Frau­en ent­sen­den einen schalk­haf­ten Blick aus ge­senk­ten Au­gen, hal­ten die Hand vor den Mund und er­sti­cken fast vor ver­stoh­le­nem La­chen. Das Ge­spräch über die­se An­ge­le­gen­heit rollt von Haus zu Haus, wie ein Schnee­ball, der im Wäl­zen im­mer grö­ßer und grö­ßer wird, bis er ins Bet­haus beim Ofen an­langt, an den Ort, wo alle Un­ter­hal­tun­gen über alle Din­ge schließ­lich lan­den, so­wohl über Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­se als auch über Po­li­tik, Stam­bul be­tref­fend, den Tür­ken und den Ös­ter­rei­cher; so­wohl über Geld­ge­schäf­te, zum Bei­spiel über Roth­schilds Ver­mö­gen im Ver­gleich mit dem der großen Guts­be­sit­zer und an­de­rer Ma­gna­ten, als auch Gerüch­te über Ver­fol­gun­gen, etwa über die sa­gen­haf­ten »Ro­ten Ju­den« und der­glei­chen. Das al­les wird der Rei­he nach von ei­nem be­son­dern Ko­mi­tee ehr­wür­di­ger, ernst­haf­ter Män­ner durch­ge­nom­men, die den gan­zen Tag bis spät in die Nacht sich dort auf­hal­ten, die Weib und Kin­der dar­über preis­ge­ben und mit al­len die­sen Ge­schäf­ten sich treu­lich be­fas­sen, der Sa­che ganz um ih­rer selbst wil­len hin­ge­ge­ben, ohne für ihre Mühe und Pla­ge auch nur einen zer­bro­che­nen Hel­ler zu emp­fan­gen. Von die­sem Ko­mi­tee ge­lan­gen die An­ge­le­gen­hei­ten oft ins Dampf­bad und auf die obers­te Bank und wer­den dort in ei­nem Ple­num städ­ti­scher Haus­vä­ter end­gül­tig ent­schie­den; da­mit ist al­les fest­ge­legt und be­sie­gelt, so dass hin­ter­her alle Kö­ni­ge des Mor­gen- und des Abend­lan­des sich auf den Kopf stel­len könn­ten, sie wür­den nichts mehr da­ge­gen aus­rich­ten. Der Tür­ke ist mehr als ein­mal schon in ei­nem sol­chen Ple­num auf der obers­ten Bank fast ins Un­glück ge­stürzt wor­den, und wer weiß, was aus ihm ge­wor­den wäre, wenn nicht ei­ni­ge auf­rech­te Haus­vä­ter ihm zu Hil­fe ge­eilt wä­ren. Auch Roth­schild, der Ärms­te, hat dort ein­mal fast zehn bis fünf­zehn Mil­lio­nen ver­lo­ren, da­für hat ihm ei­ni­ge Wo­chen dar­auf Gott ge­hol­fen: man war da oben in bes­ter Stim­mung, die Bir­ken­be­sen wur­den ge­schwun­gen und un­ter ih­rem wohl­tä­ti­gen Ein­fluss ge­währ­te man Roth­schild einen Pro­fit von un­ge­fähr hun­dert­fünf­zig Mil­lio­nen Ru­bel.

Die Be­woh­ner von Tu­ne­ja­dow­ka sind zwar fast alle, nicht euch ge­sagt, große Ha­be­nicht­se und arme Schlu­cker, aber man muss ge­ste­hen, dass sie lus­ti­ge Ha­be­nicht­se, fröh­li­che Bett­ler sind, von be­geis­ter­tem Gott­ver­trau­en er­füllt. Frag­te man einen Be­woh­ner von Tu­ne­ja­dow­ka etwa, von wel­chem Ein­kom­men und wie er sich er­nährt, so wür­de er zu­erst ver­wirrt da­ste­hen und kei­ne Ant­wort dar­auf wis­sen. Bald aber wird er zu sich kom­men und in al­ler Un­schuld er­wi­dern: »Ich, so arm ich auch lebe, ich, ach es gibt einen Gott, sag ich Euch, der sei­ne Ge­schöp­fe nicht ver­lässt, er schickt ei­nem zu und wird ge­wiss auch wei­ter zu­schi­cken, sag ich Euch!« – »Den­noch, was treibt Ihr? Habt Ihr ein Hand­werk oder sonst einen Be­ruf?« – »Ge­lobt sei Gott, ich hab, Er sei ge­prie­sen, so wie Ihr mich da seht, eine Gabe von Sei­nem lie­ben Na­men, ein köst­li­ches In­stru­ment, eine Sing­stim­me und bete an den ho­hen Fei­er­ta­gen ›Mus­saf‹ in der Um­ge­bung. Ich bin auch ein Be­schnei­der und ein Maz­zot-Räd­ler, wie es kaum noch einen gibt. Manch­mal brin­ge ich auch eine Hei­ratspar­tie zu­stan­de. So wie Ihr mich da seht, habe ich einen an­ge­stamm­ten Sitz in der Schul, au­ßer­dem un­ter­hal­te ich, un­ter uns, einen klei­nen Aus­schank, der et­was ab­wirft. Ich be­sit­ze eine Zie­ge – möge sie der böse Blick ver­scho­nen –, die reich­lich Milch gibt, und nicht weit von hier wohnt mir ein rei­cher Ver­wand­ter, der in schlim­men Zei­ten sich auch et­was mel­ken lässt. Jetzt, ab­ge­se­hen von al­le­dem, sage ich Euch, ist ja Gott ein Va­ter und sei­ne Kin­der Is­rael sind barm­her­zi­ge Kin­der von Barm­her­zi­gen. Ihr seht ja – man darf sich nicht ver­sün­di­gen.«

Man muss den Be­woh­nern von Tu­ne­ja­dow­ka auch das Lob zu­bil­li­gen, dass sie mit dem, was Gott gibt, zu­frie­den sind und, was Klei­dung und Nah­rung an­langt, nicht sehr an­spruchs­voll sind. Ist die Sab­bat-Ka­po­te zer­schlitzt, zer­ris­sen, am Rand mit Kot be­spritzt und auch sonst nicht sehr sau­ber, so hat das nichts auf sich; ist sie ja doch aus At­las und glänzt. Sieht stel­len­wei­se, wie durch ein Sieb, die nack­te Haut hin­durch – wer regt sich dar­über auf, wer sieht hin? Wie ist es denn zum Bei­spiel mit der Fer­se? Ist das schlim­mer als eine nack­te Fer­se, ist die Fer­se nicht Leib? Ein Stück Brot mit Kar­tof­fel­sup­pe, wenn es das nur gibt, ist ein sehr gu­tes Mit­ta­ges­sen, und wie erst eine Sem­mel und ein Stück Sup­pen­fleisch! Am Frei­tag, wer es nur hat, ist das ja ge­ra­de­zu ein kö­nig­li­ches Es­sen, et­was Bes­se­res gibt es über­haupt nicht auf der Welt, soll­te man mei­nen. Er­zähl­te man ih­nen von an­de­ren Ge­rich­ten als Fisch­sup­pe, Ge­bra­te­nem und Zu­ge­mü­se aus gel­ben Rü­ben oder Pas­tina­ke, wür­de es ih­nen so selt­sam und merk­wür­dig vor­kom­men, dass sie sich dar­über lus­tig mach­ten und in lau­tes La­chen aus­brä­chen, wie über et­was Ver­rück­tes, Sinn­lo­ses, das man ih­nen da auf­bin­den wol­le, ge­nau so als woll­te man ei­nem weis­ma­chen, er sei schwan­ger oder eine Kuh sei übers Dach ge­flo­gen und hät­te ein Ei ge­legt. Ein Stück Jo­han­nis­brot am fünf­zehn­ten Sch’wat ist eine herz­er­qui­cken­de Frucht, blickt man dar­auf, so er­in­nert man sich an das Hei­li­ge Land, man starrt dar­auf, und der Brust ent­ringt sich ein Seuf­zer: »Ach lieb­her­zi­ger Va­ter, führ uns auf­recht, ja, wahr­haft sieg­reich in un­ser Land, wo die Zie­gen Jo­han­nis­brot es­sen.« Zu­fäl­lig hat je­mand ein­mal eine Dat­tel ins Städt­chen ge­bracht – ihr hät­tet se­hen sol­len, wie die Leu­te zu­sam­men­lie­fen, um das Wun­der zu be­stau­nen! Man schlug die Hei­li­ge Schrift auf und be­wies, dass Ta­mar – die Dat­tel im Fünf­buch steht. Man den­ke, die Dat­tel, die­se Dat­tel stammt aus Erez Is­rael. Wäh­rend sie auf die Dat­tel starr­ten, sa­hen sie das Hei­li­ge Land vor Au­gen – bald kommt man über den Jor­dan, hier ist die Dop­pel­höh­le, wo die Erz­vä­ter ru­hen, hier Mut­ter Ra­hels Grab, da die West­wand des Tem­pels – die Kla­ge­mau­er. Bald wird man in den Was­sern von Ti­be­ri­as ba­den, den Öl­berg hin­auf­stei­gen, man wird sich mit Jo­han­nis­brot und mit Dat­teln volles­sen und die Ta­schen mit Erde des Hei­li­gen Lan­des fül­len. Ach! seufz­ten sie, und die Au­gen stan­den ih­nen vol­ler Trä­nen.

Da­mals – so be­rich­tet Bin­ja­min – fühl­te sich ganz Tu­ne­ja­dow­ka, so groß es ist, ins Hei­li­ge Land ver­setzt, es wur­de eif­rig vom Mes­si­as ge­re­det – bald, bald kommt Got­tes Gro­ßer Frei­tagnach­mit­tag. Der neue Po­li­zei­ge­wal­ti­ge, der kurz zu­vor dort­hin ver­setzt wor­den war, re­gier­te da­zu­mal das Städt­chen mit star­ker Hand, ei­ni­gen Ju­den hat­te er die Samt­kap­pen vom Kopf ge­ris­sen, ei­nem die Schlä­fen­lo­cken ab­ge­schnit­ten, an­de­re spät in der Nacht in ei­nem Sei­ten­gäss­chen ohne Päs­se er­wi­scht, wie­der bei an­dern eine Zie­ge be­schlag­nahmt, die ein neu­es Stroh­dach ab­ge­fres­sen hat­te – so dass un­ser Ko­mi­tee am Ofen sich hef­tig mit dem Tür­ken aus­ein­an­der­setz­te: Wie lan­ge noch wird der Schutz­en­gel Is­ma­els die Ober­hand be­hal­ten? Da­bei kam die üb­li­che Un­ter­hal­tung über die ver­schol­le­nen Zehn Stäm­me aufs Ta­pet, wie glück­lich sie in den welt­fer­nen Ge­gen­den le­ben, in Macht, Reich­tum und Ehren, dann wur­den die sa­gen­haf­ten ›Ro­ten Ju­den‹ her­vor­ge­holt, die ›Mo­sessöh­ne‹ und Ge­schich­ten von ih­ren fa­bel­haf­ten Hel­den­ta­ten und der­glei­chen er­zählt; auch Eldad der Da­nit tanz­te in die­sem Rei­gen mit, ver­steht sich. »Den Ein­drücken aus je­ner Zeit ver­dan­ke ich am meis­ten mei­ne spä­te­ren Rei­sen.«

Vor­her war Bin­ja­min wie ein Kücken, das noch nicht aus dem Ei ge­schlüpft ist, oder wie eine Made im Ret­tich, er glaub­te, jen­seits von Tu­ne­ja­dow­ka habe die Welt ein Ende und ein bes­se­res, schö­ne­res Le­ben als dort sei nicht denk­bar. »Ich habe ge­meint«, heißt es an ei­ner Stel­le sei­ner Schrif­ten, »nie­mand kön­ne rei­cher sein als ei­ner un­se­rer Gut­späch­ter. Welch ein Haus, und erst sei­ne Ein­rich­tung – man den­ke, vier Paar Mes­sing­leuch­ter, ein sechs­ar­mi­ger Hän­ge­leuch­ter mit ei­nem Ad­ler dar­auf, zwei kup­fer­ne Töp­fe für Es­sen, das we­der von Milch noch von Fleisch ist, fünf kup­fer­ne Pfan­nen, ein Bord vol­ler Zinn­tel­ler und si­cher­lich fast ein Dut­zend neu­sil­ber­ner Löf­fel, zwei sil­ber­ne Be­cher, eine sil­ber­ne Ge­würz­büch­se, ein eben­sol­cher Chan­ne­ke­leuch­ter, eine Zwie­bel­uhr mit dop­pel­tem De­ckel und ei­ner di­cken Ket­te aus schwar­zen Samt­per­len, nicht mehr und nicht we­ni­ger als zwei Kühe und ein Kalb zum Auf­zie­hen, zwei Sab­bat­ge­wän­der und noch und noch sol­chen Gu­tes. Ich dach­te in Wahr­heit, ein Wei­ser sei ein­zig Reb Ai­sik-Do­wid Reb Aaron Joss­eis. Man den­ke, über ihn war das Gerücht ver­brei­tet, er habe in sei­ner Ju­gend mit Brü­chen zu rech­nen ver­stan­den! Er hät­te bei et­was mehr Glück Mi­nis­ter wer­den kön­nen. Wer noch, dach­te ich, hat ein so ma­je­stä­ti­sches Aus­se­hen, eine so ein­eh­men­de Un­ter­hal­tung wie un­ser Chai­kel der Stot­te­rer? Oder wer noch ist so ein Meis­ter, so ein Heil­künst­ler, der Tote ins Le­ben zu­rück­führt, wie un­ser Feld­scher, der, wie es heißt, die Heil­kunst bei ei­nem Zi­geu­ner von den Ma­gi­ern Ägyp­tens ge­lernt hat?«

Kurz, das Le­ben in sei­nem Städt­chen er­schi­en Bin­ja­min wun­der­schön und voll­kom­men. Zwar leb­te er in großer Not, sein Weib und sei­ne Kin­der gin­gen in Lum­pen, aber hat­ten denn Adam und Eva im Pa­ra­dies sich ge­schämt, weil sie nackt und bar­fuß wa­ren? Doch die wun­der­sa­men Ge­schich­ten von den »Ro­ten Ju­den« und den Zehn Stäm­men dran­gen tief in sein Ge­müt, und seit­dem wur­de es ihm eng zu Hau­se, es zog ihn dort­hin, nach den fer­nen Län­dern. Sei­ne See­le sehn­te sich da­nach, wie klei­ne Kin­der die Händ­chen seh­nend nach dem Mond aus­stre­cken. Auf den ers­ten Blick fragt man sich, was kann wohl eine Dat­tel, ein Po­li­zei­ge­wal­ti­ger, ein Samt­käpp­chen, eine Schlä­fen­lo­cke oder ein in ei­nem Sei­ten­gäss­chen spät in der Nacht ohne Pass er­wi­sch­ter Jude, was eine Zie­ge und ein neu­es Stroh­dach da­mit zu tun ha­ben? Aber eben das hat so tie­fe Ver­än­de­run­gen in ihm be­wirkt und dazu ge­führt, dass er die Welt mit sei­ner be­rühm­ten Rei­se be­glücken soll­te. Oft ge­nug macht man die Er­fah­rung, dass klei­ne Ur­sa­chen große, weit­tra­gen­de Fol­gen ha­ben: der Bau­er hat sei­nen Wei­zen und sei­nen Rog­gen ge­sät, der Mül­ler hat es ge­mah­len, da­von kam ein Teil in die Bren­ne­rei und wur­de zu Brannt­wein, ein an­de­rer Teil des Mehls ge­riet in die Hän­de Gi­tels, der Schank­wir­tin, sie hat es ge­säu­ert, ge­k­ne­tet, ge­wälzt und Pas­te­ten dar­aus ge­macht – nimmt man dazu, dass die Phö­ni­zier vor ei­ni­gen tau­send Jah­ren das Glas er­fun­den ha­ben, wo­durch Be­cher und Schnaps­glä­ser in die Welt ka­men – aus al­len die­sen klei­nen Ur­sa­chen sind bei uns in vie­len Städ­ten jene wüs­ten Ge­mein­de-Ge­wal­ti­gen, jene be­rüch­tig­ten »Ma­cher« ent­sprun­gen.

Mög­lich auch, dass in Bin­ja­min der Fun­ke ei­nes Welt­rei­sen­den glomm, aber die­ser Fun­ke wäre er­stickt, hät­ten die Um­stän­de und die Er­zäh­lun­gen von al­ten Zei­ten ihn nicht ent­facht; selbst wenn man an­neh­men woll­te, der Fun­ke wäre nicht ganz er­lo­schen, so hät­te er ge­ra­de noch ge­reicht, um aus Bin­ja­min einen Was­ser­füh­rer, bes­ten­falls einen Fuhr­mann zu ma­chen. Ich bin in mei­nem Le­ben sehr vie­len Fuhr­leu­ten und Aus­tei­lern von Peit­schen­hie­ben be­geg­net, die, ich schwö­re es, fä­hig ge­we­sen wä­ren, ge­nau sol­che Rei­sen­de zu wer­den, wie vie­le, die heut­zu­ta­ge un­ter Ju­den her­um­zie­hen. Doch blei­ben wir bei der Sa­che.

Seit­dem pfleg­te Bin­ja­min mit größ­ter Hin­ga­be sich in die Rei­sen Rab­ba Bar Bar Cha­nas übers Meer und durch die Wüs­te zu ver­tie­fen. Spä­ter ge­riet ihm das Buch »Eldad der Da­nit« in die Hand, eben­so »Die Rei­sen Bin­ja­mins«, der vor sie­ben­hun­dert Jah­ren auf sei­nen Fahr­ten bis ans Ende der Welt ge­langt war; fer­ner das Buch »Das Lob Je­ru­sa­lems«, durch Zu­ga­ben ver­mehrt, und die Schrift »Schat­ten der Welt«, die auf dem knap­pen Raum von sie­ben klein­for­ma­ti­gen Sei­ten alle sie­ben Wis­sen­schaf­ten um­fasst und wun­der­ba­re und er­staun­li­che Din­ge von der gan­zen Welt und ih­ren selt­sa­men wil­den Ge­schöp­fen zu er­zäh­len weiß. Die­se Schrif­ten öff­ne­ten ihm die Au­gen und ver­wan­del­ten ihn ein­fach in einen an­dern Men­schen. »Die­se wun­der­ba­ren Er­zäh­lun­gen«, so äu­ßert sich Bin­ja­min in sei­nem Buch, »mach­ten mir den tiefs­ten Ein­druck. Ach, ach, habe ich oft ge­nug vor Be­geis­te­rung auf­ge­schri­en, wenn mir doch Gott ver­gönn­te, ein Hun­derts­tel we­nigs­tens da­von mit mei­nen ei­ge­nen Au­gen zu se­hen! Mein Sinn war in wei­te, wei­te Fer­nen ent­rückt.«

Seit­dem wur­de ihm des­halb Tu­ne­ja­dow­ka in Wahr­heit zu eng. Er be­schloss, mit al­ler Ge­walt von dort sich los­zu­rei­ßen, wie das Kücken, das mit sei­nem Schna­bel die Scha­le zu durch­bre­chen be­ginnt, um aus dem Ei in die hel­le Welt hin­aus­zu­schlüp­fen.

Wie Binjamin ein »Opfer« und Selde eine »ewig Verlassene« wird

Von Na­tur war un­ser Welt­rei­sen­der Bin­ja­min ein tol­ler Ha­sen­fuß. So hat­te er Angst, bei Nacht auf die Stra­ße hin­aus­zu­ge­hen, und er hät­te um kein Geld in der Welt al­lein in ei­nem Zim­mer ge­schla­fen. Über die Stadt­gren­ze sich hin­aus­zu­wa­gen, schi­en ihm mit Le­bens­ge­fahr ver­bun­den – weiß man denn, was al­les ei­nem ge­sche­hen kann! Der kleins­te Kö­ter flö­ßte ihm To­des­schre­cken ein. »Ein­mal« – so er­zählt Bin­ja­min selbst –, »ich er­in­ne­re mich dar­an, als wäre es heu­te, es war an ei­nem schreck­lich hei­ßen Tag im Mo­nat Tam­mes, und un­ser Ruuw be­gab sich in Beglei­tung ei­nes sei­ner Leu­te an den Bach, der in der Nähe des Städt­chens vor­bei­fließt, um zu ba­den. Ich und mit mir ei­ni­ge Jun­gens, mei­ne Ka­me­ra­den, folg­ten in ge­zie­men­der Ent­fer­nung hin­ter­her, dar­auf po­chend, dass durch die An­we­sen­heit des Ruuw uns jede böse Be­geg­nung er­spart blei­ben und wir, so Gott will, in Frie­den nach Hau­se zu­rück­keh­ren wür­den. Man den­ke, der Ruuw, vor dem eine Welt Re­spekt hat, über den es kei­nen Hö­he­ren gibt! Ein Mann, des­sen Ti­tel al­lein eine gan­ze ge­schrie­be­ne Sei­te um­fasst. Der Ruuw, un­ser Be­schüt­zer, schritt wür­dig aus­la­dend ein gu­tes Stück vor­aus. Als er an­fing sich aus­zu­klei­den, kam ein christ­li­cher Bur­sche vor­bei und hetz­te sei­nen Hund auf ihn. Un­ser Be­schüt­zer er­griff halb­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­