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Zum Buch

Wie zwei Magneten ziehen sie sich an: Jokum Jokumsen, Student der Literaturwissenschaft, Jazzliebhaber und – zu seinem Leidwesen – über zwei Meter groß. Und Synne Sager, Studentin der Kunstgeschichte, Vegetarierin und Besitzerin von Hubert, einem Hamster, der illegalerweise bei ihr wohnt. Ein Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren. Hier lernen sie sich kennen und lieben. Im Laufe ihres Lebens zieht es die beiden nach San Francisco, wo Jokum sich der Fotografie widmet. Auf seinen Bildern zeigt er das Schöne und die Melancholie des Gewöhnlichen. Er fühlt sich wohl auf der Straße, im Alltäglichen, wo er nicht auffällt. Wohler als in Galerien oder Museen. Synne hingegen ist Kuratorin. Und möchte bekannt werden. Das Besondere leben. Eben gerade nicht gewöhnlich sein. So ungleich sie auch sein mögen, so groß ist doch die Liebe zwischen ihnen. Eine magnetische Liebe. Mit Plus- und Minuspol. Mit Anziehungs- und Abstoßungskraft …

Zum Autor

LARS SAABYE CHRISTENSEN, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman »Der Halbbruder«, für den er den »Nordischen Literaturpreis« erhielt, feierte er in ganz Europa und den USA Triumphe. Der Autor lebt in Oslo.

LARS SAABYE CHRISTENSEN

MAGNET

ROMAN

Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt

PROLOG

Dieser Roman beginnt nicht so:

Ich war niemals in Amerika.

Einige werden sicher einwenden, es handele sich eigentlich um zwei Romane und jeder solle für sich stehen. Denen möchte ich zuvorkommen: Dieser Meinung bin ich nicht. Es muss so sein. Das Leben selbst, wenn ich so große Worte benutzen darf, brach mit solcher Kraft und Präzision in die Arbeit ein, dass jeglicher Widerstand unmöglich war. Es gibt Entscheidungen, die außerhalb aller Kritikfelder liegen. Im Laufe der Lektüre wird der Leser das verstehen. Aber zumindest ist es jetzt gesagt.

Und auch das kann ich noch sagen:

Fotografieren bedeutet, etwas wegzulassen. Schreiben bedeutet, etwas hinzuzufügen.

Wer nach Material über Jokum Jokumsens fotografische Technik sucht, den möchte ich auf Artikel in diversen Zeitschriften und Katalogen verweisen, u. a. Moma Annual, Louisiana Revy, Popular Photography und 54. Venice Biennale. Ich bin mehr interessiert an dem Handwerk, das ich als Bindeglied zwischen Technik und Kunst ansehe.

Meine eigene Schriftstellertätigkeit, die in alle Richtungen sprießt, habe ich hintangestellt und alles lieber in einer einzigen Ausgabe zusammengefügt, nämlich in dem Roman, den ich schon immer schreiben wollte, Magnet.

An einigen Stellen habe ich beträchtlich gebremst, in anderen Bereichen habe ich übertrieben und bin vielleicht sogar zu weit gegangen, je nachdem, wie die Laune es gerade befahl. Ich schreibe, weil ich keinen Schwanz habe, mit dem ich wedeln oder den ich mir zwischen die Beine klemmen kann. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass ich den Grundton des Romans getroffen und gehalten habe: Letztendlich geht es darum, die Zeit verstreichen zu lassen.

Was bedeutet, dass es sowohl feste Knoten als auch lose Fäden gibt.

Bei einzelnen Charakteren war ich nicht imstande, ihnen bis ins Ziel zu folgen, einfach weil ich sie aus den Augen verloren habe, wie beispielsweise Dr. Q., aber Gerüchte besagen, dass er seine Tage im Gram-Parsons-Zimmer im Joshua-Tree-Nationalpark nahe der Wüste von Mojave beschlossen hat. Ich hätte auch gern gewusst, wer hinter der Bombendrohung gegen das Chateau Neuf stand, als Leonard Cohen dort im Mai 1976 sein Konzert gab. Aber die festen Knoten sind zweifellos in der Mehrzahl. Es sollte kein Zweifel daran herrschen, dass Jokum Jokumsen und Synne Sager die Hauptpersonen sind und ich ihnen gefolgt bin, solange es möglich war. Ich bringe in diesen Roman ein ziemlich schweres Päckchen ein, nämlich den einzigen Wunsch, er möge leicht zu lesen sein. Mit anderen Worten: Der Leser hat nichts zu befürchten.

Es wird schon gut gehen.

Ich erinnere mich an einen Spruch aus der Volksschule: in die Blockflöte spucken. Das sagte man, wenn es in dem Instrument gurgelte und aus dem Mundstück Speichel statt Töne tropfte.

Auch hier gibt es Spucke in der Blockflöte, doch das gehört zu meinem Orchester.

Übrigens hatte ich das große Vergnügen, wenn ich so sagen darf, die beiden Hauptpersonen bei zwei Gelegenheiten zu treffen, das erste Mal in Sogn Studentby, im Herbstsemester 1976, und später unter weniger angenehmen Umständen in Dänemark 2001, im Løkke Sanatorium, das im Volksmund Das Haus auf halber Strecke genannt wird, wo sowohl Jokum als auch ich eingewiesen wurden und wo ich außerdem die Gelegenheit hatte, seine Träume zu teilen, bis wir zum Schluss gemeinsam wieder die Freiheit erlangten, dort, wo sie hingehört, nämlich auf dem Grund. Deshalb bin ich nicht seiner Meinung, wenn er denkt, direkt vor seiner halsbrecherischen Untat, dass wir ganz unten alle gleich niedrig sind. Es ist umgekehrt, möchte ich behaupten: Ganz unten sind wir alle gleich groß. Dennoch lege ich Wert darauf zu betonen, dass ich mich nach bestem Wissen und Gewissen im Hintergrund gehalten habe, obwohl ich hin und wieder verstohlen bei einigen ihrer Treffen aufgetaucht bin. Ein einziges Mal habe ich auch der Versuchung nicht widerstehen können, die Fenster der Erzählung zu öffnen und zu sagen, was ich meine. Betrachten Sie das bitte nicht als ein literarisches Stilmittel, sondern vielmehr als die plötzliche Redseligkeit des Einsamen. Ein wenig Vergnügen muss auch mir vergönnt sein.

Ich habe es mir nicht zum Ziel gesetzt, sämtliche Fotos von Jokum Jokumsen zu erwähnen. Wer mehr wissen will, der kann das aus anderen Quellen erfahren, einige davon sind eingangs bereits erwähnt worden. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich dennoch seine wesentlichen Arbeiten mit einbezogen habe, auch wenn ich gern Platz für die Serien aus seiner Studienzeit mit Synne in Kopenhagen gehabt hätte, aber sie passten leider gerade nicht dazu. Ein anderes Bild, dem ich gern größere Aufmerksamkeit gewidmet hätte, ist Norwegian Halleluja, fotografiert in der Norwegischen Seemannskirche in San Francisco, wahrscheinlich 1985, in meinen Augen ein Höhepunkt seines Schaffens. Jokum sah es eher als eine Art Witz an, einen Kommentar. Da bin ich nicht seiner Meinung. Was die Selbstporträts betrifft, die Jokum im Laufe der Zeit gemacht hat, so habe ich diese beiseitegelassen und möchte sie lieber in meiner Schilderung seiner Person durchscheinen lassen.

Der barocke dänische Dichter und Metzgersohn Robert Storm Pedersen (Storm P.), der laut Woels Danske Litteraturhistorie die sogenannte knock-out-form kreiert hat und den Lauritz Jokumsen, Jokums Vater, zu jeder Gelegenheit zitierte, schrieb übrigens: Drüben in San Francisco sterben jeden Tag fünfhundert Menschen vor Lachen – und was ist das für ein Lachen – ich habe einen Mann gekannt, der lachte eine ganze Stunde – in fünf Minuten.

Und ich möchte ihn noch einmal zitieren: Die Blätter des Herbstes fielen, wie die Tage von einem Kalender fallen.

Hätte ich die Energie gehabt, ich hätte mehr über Jens Olesens Weltuhr in Kopenhagen geschrieben, vor allem von der Zeit, als Jokum gemeinsam mit seinen Eltern in den Sommerferien in Hillerød war und sich aussuchen durfte, ob er lieber in den Zoo oder zur Weltuhr fahren wollte. Später erklärte er, er bereue seine Entscheidung.

Und ganz besonders gern hätte ich Alfhild Jokumsen gesehen, Jokums Mutter, wie sie kerzengerade auf ihrem schwarzen Damenfahrrad mit Lebensmitteln, Wollknäueln und Nähgarn im Korb vorn am Lenker durch Skillebekk radelte.

Ich bin, wie man wohl bemerken wird, von der Reihenfolge besessen. Etwas muss zuerst kommen, und etwas muss darauf folgen. Das betrifft Mahlzeiten, Musik, Arbeit, Reisen, Sport, Kleidung, Kunst, Liebe, Krankheit, den Geschlechtsverkehr und Romane. Doch selbst wenn die Reihenfolge meiner Aufzählung zufällig ist, die Summe bleibt die gleiche: Das Leben ist eine Reihenfolge.

Zufälle sind ein Teil dieser Reihenfolge.

Ich möchte Synne Sager danken, dass ich Die Wege, die verschwinden anhängen durfte, es ist ein Teil ihrer Doktorarbeit über Edward Hopper. Ebenso möchte ich mich dafür bedanken, dass ich in ihren Studienunterlagen blättern durfte, wobei mich besonders die Sekundärliteratur interessierte, u.a. Professor Norbert Schneiders Die Realität und die Symbolik der Dinge.

Außerdem möchte ich Arve Storviks Ehefrau Ruth Storvik danken, dass sie es mir gestattet hat, seine Texte zu verwenden. Wer die Melodie dazu lernen möchte, muss die Schallplatten kaufen.

Dieser Roman könnte folgendermaßen anfangen:

Um zu zeigen, dass die Zeit vergangen ist, muss man mindestens zwei Bilder haben.

Doch auch das war nicht ganz richtig.

Vielleicht ist es das Einzige, was mir klar geworden ist.

Sollte mich jemand ausnahmsweise einmal wiedererkennen, werde ich meistens gefragt, aus Verblüffung darüber, dass ich überhaupt am Leben bin, was ich seitdem getan habe. Dann antwortete ich: Ich? Ich habe das Silber geputzt.

Und die Fliegen auf Abstand gehalten.

STUDENTENVIERTEL