Zum Buch
New York, 1968. Die 16-jährige Yuki Oyama ist gefangen zwischen zwei Kulturen. Sie fühlt sich nicht als Japanerin, nicht als Amerikanerin. Ihre Eltern gehen zurück in ihre Heimat. Doch sie möchte New York nicht verlassen. Sie will bleiben, die richtigen Worte finden, Freundschaften schließen, eigenständig werden, lieben und ihre Kunst leben.
Berlin, 2016. Galeriebesitzer Jay ist gerade Vater geworden. Dies nimmt er zum Anlass, seine Mutter, seine Vergangenheit, seine Wurzeln zu suchen. Er weiß nichts von ihr, außer dass sie ihn verließ, als er erst zwei Jahre alt war. Und dass ihr Name Yuki Oyama ist.
Zur Autorin
ROWAN HISAYO BUCHANAN ist eine japanisch-britisch-chinesisch-amerikanische Schriftstellerin. »In ihrer Erinnerung war Japan eine Mischung aus Rosa und Grün« ist ihr Debütroman. Derzeit arbeitet sie an ihrer Doktorarbeit an der University of East Anglia in Norwich, England.
Rowan Hisayo Buchanan
In ihrer Erinnerung war Japan eine Mischung aus Rosa und Grün
Roman
Aus dem Englischen
von Astrid Mania

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Harmless like you« bei Sceptre, einem Imprint von Hodder & Stoughton, London.
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Das Zitat von Ezra Pound entstammt folgender Ausgabe:
Ezra Pound, Canto LXXX, aus: Ders., Pisaner Cantos © der deutschen Ausgabe: 1956, 1969, 1985, 2002 by Arche Literatur Verlag AG, Zürich–Hamburg. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung September 2018
Copyright © 2016 by Rowan Hisayo Buchanan
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: Semper Smile
Covermotiv: © Pauly Pholwises/Trevillion Images; Shutterstock/Vector Tradition SM
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
AH · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-19970-8
V001
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Meiner Mutter und allen, die bleiben.
Prolog, Berlin
Das kleine, weibliche Oval stand im Schatten der Haustür. Dort, wo ich stand, bestrich das Sonnenlicht den Bürgersteig mit einem Buttergelb; die Frau jedoch war winterlich gekleidet. Gleich drei Schals schlangen sich um ihren Hals – in Rostrot, Kardinalrot und in Weiß, mit scharlachrotem Rentiermuster.
»Guten Morgen.« Es war das erste Mal, dass ein japanischer Mund vor meinen Augen deutsche Konsonanten formte. Meine Deutschkenntnisse waren zu schlecht, ich konnte nicht sagen, ob in ihrem Akzent noch ein Rest Connecticut lag. Strömte der Saugatuck River durch ihre Vokale? Oder sprach sie, als ob sie immer schon inmitten Berlins unruhiger Historie gelebt hätte?
»Yukiko Oyama?« Meine halb erhobene Hand sank zurück an ihren Platz. »Wir sind verabredet. Ich komme in der Erbangelegenheit Ihres Ehemanns.«
»Kommen Sie herein«, sagte meine Mutter. Ihr war nicht anzusehen, ob sie mein Gesicht erkannt hatte. Sie ging langsam, hielt sich am Geländer fest, und mir drängte sich die abwegige Frage auf, wie eine derart zierliche Person meine Mutter sein konnte. Die kleine Hand, die den eisernen Handlauf umklammerte, war von kindlicher Unschuld. Aber der Körper schwillt ja nicht von Missetaten an. Impulsiv streckte ich den Arm aus. Ihr Kopf war von mir fortgewandt. Einen Augenblick nur erlaubte ich meinen Fingerspitzen, an die nachsichtige Wolle ihres Rentierschals zu fassen. Sie war so weich. Eilig wich die Hand zurück.
An der Wohnungstür zog meine Mutter ihre Hausschuhe aus und entblößte mehrere Lagen Socken. Sie wirkte älter als ihre sechzig Jahre. Ausgezehrt. Das Haar, das sich durch ihre Schals hindurchwebte, war weiß gesträhnt. Ich hatte mich früher oft gefragt, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte sie mich mitgenommen. Auf ihrem Tisch, dort, wo der Platz für einen Blumenstrauß gewesen wäre, stand ein Glas mit Teppichmessern. Die Möbel waren voller Farbflecken. Ein Heizkörper pochte.
»Tee – wie wäre es mit einem Tee?«
Ich nickte. In einem großen Spülbecken aus Keramik stapelten sich leere Tassen. Sie stellte einen Topf auf eine Heizplatte. Sie hustete; eine Hand drückte unten an den Hals, die andere legte sich auf ihren Mund. Eine ganze Minute lang knisterte es, als ob jemand in trockenes Laub gesprungen wäre. »Krank. Sprechen fällt schwer. Verzeihung.« Ihre Stimme klang aufgeraut, die Worte endeten in einem Kratzen.
Als ich mich setzte, ächzte der Plastik-Klappstuhl unter mir. Sie reichte mir eine Tasse. Ich schloss die Hände darum. Sie hatte grünen Tee gemacht, im Beutel, eine von den billigen Sorten, die immer etwas bitter schmeckten. Trotzdem war mir die Wärme, die der Tee in dieser Kälte bot, sehr willkommen. Dafür hatte uns meine Mutter also verlassen. Für diese schäbige Behausung?
»Wie bereits erwähnt, ich bin in der Erbangelegenheit von Mr Eaves hier.«
Sie blickte nach unten; in ihren Augen klebten gelbe Schlafkörnchen. Ihre Finger zupften an den Schals, als wäre sie ein Schulmädchen, das eine Strafpredigt über sich ergehen lassen muss.
»Sie waren mit ihm verheiratet. Richtig? Er ist kürzlich verstorben.«
Ich wartete auf die Frage, woran. Sie hob die Tasse und rieb sie über ihre Wange. Um sich zu wärmen, nahm ich an.
»Er hat Ihnen das Haus hinterlassen, in dem Sie früher gelebt haben.« Ich zog die Papiere hervor und schob sie über den farbbefleckten Tisch. »Sie müssen nur den Eintrag ins Grundbuch unterschreiben. Haben Sie einen Stift? Erbschaftssteuer fällt natürlich auch an.« Das hatte ich mit dem Rechtsanwalt aus dem Büro meines Vaters besprochen. »Aber die können Sie aus dem Verkauf des Hauses begleichen. Wenn Sie also hier und hier unterzeichnen würden.«
Sie griff in ihre Jackentasche, und hervor kam ein schwarzer Wachspastellstift. Sie richtete die Papiere aus und musterte das Kleingedruckte. Langsam schrieb sie ihren Namen. Ihre Signatur war gerade, kantig, säuberlich. Sie gab mir das erste Papier zurück und unterschrieb das zweite, dann hielt sie inne; der Stift drückte sich noch in das Blatt. Sie sah auf ihren Namen.
»Und mein Sohn?«
Ja. Ja. Ja.
»Wo ist er?«
Yuki