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Das Buch

Aleister Lanoe und seine Crew haben einen fulminanten Sieg über die feindliche Alien-Armada errungen, die den Planeten Niraya bedrohte. Dennoch ist Lanoes Mission noch nicht zu Ende, denn diese Armada war eine von unzähligen Flotten, die auf der Suche nach fremden Zivilisationen die Galaxis durchstreifen. Lanoe kennt daher nur ein Ziel: Er muss unbedingt den Heimatplaneten der Aliens mit dem selben Namen Blau-Blau-Weiß finden, um den Angriffen ein für allemal ein Ende zu bereiten und zu zerstören. Doch gerade, als Lanoe von unverhoffter Seite Unterstützung erfährt, werden seine Pläne durchkreuzt, und das Schicksal der Erde selbst, der Wiege der Menschheit, steht plötzlich auf Messers Schneide …

Erster Roman: Der verratene Planet

Zweiter Roman: Die vergessenen Welten



Der Autor

Hinter dem Pseudonym D. Nolan Clark verbirgt sich der Bestsellerautor David Wellington.

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D. NOLAN CLARK

DIE
VERGESSENEN
WELTEN

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Julian Haefs

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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Titel der Originalausgabe
FORGOTTEN WORLDS – THE SILENCE 2



Deutsche Erstausgabe 5/2018
Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer
Copyright © 2017 by David Wellington
Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München, unter Verwendung von Motiven von Nixx Photography/Shutterstock und tsuneomp/Shutterstock
Satz: Fotosatz Amann, Memmingen

ISBN: 978-3-641-20208-8
V001

www.diezukunft.de

Für Fred

I

ZIRKUMBINÄR

1Jenseits der Mauern des Alls erstreckte sich das Netzwerk der Wurmlöcher, die alle Sterne miteinander verbanden. Ein furchterregend trostloses Labyrinth von Tunneln, die selbst an den breitesten Stellen nur wenige Hundert Meter durchmaßen. Die Wände waren von einem ständigen und geisterhaften Leuchten erfüllt, dem lumineszierenden Rauch kollidierender Teilchen. Das spukhafte Licht verbreitete ein wenig Helligkeit, jedoch kaum Wärme.

Auch wenn die Menschheit seit weit über einem Jahrhundert regen Gebrauch von diesem Geflecht verborgener Passagen machte, um Personen und Güter von Stern zu Stern zu transportieren, war dieser Irrgarten jenseits der Raumzeit so komplex und verwinkelt, dass Schiffe einander in den stillen Röhren nur selten begegneten. Noch seltener kam es vor, dachte sich Aleister Lanoe, auf gleich vier Kataphrakt-Jäger zu treffen, die einem den Weg versperrten. Selten genug, dass es sich unmöglich um einen Zufall handeln konnte.

»Die gehören nicht zur Flotte«, sagte Valk, Lanoes Kopilot, der sich gegenwärtig in der Beobachtungskuppel an der Unterseite des Schiffs befand. »Da, die Sechsecke auf der Verkleidung. Definitiv CentroCor-Miliz.«

Lanoe hatte sofort erkannt, um welche Sorte Jäger es sich handelte – die Yk.64er waren billige Kopien besserer Flottenmodelle mit großen rundlichen Cockpits. Er war schon einer Menge Schiffe dieser Machart begegnet und wusste, dass sie zwar mit teureren Modellen nicht mithalten konnten, man sie aber dennoch keineswegs unterschätzen durfte.

»Hmm«, sagte er.

Sie waren noch mehrere Stunden von ihrem Ziel entfernt. Natürlich konnten sie versuchen, die Formation zu durchbrechen und Reißaus zu nehmen, aber leider war ihr Z.VII-Aufklärer langsamer als die Yk.64er. Sie würden eine lange, unschöne Verfolgungsjagd vor sich haben, die mit ziemlicher Sicherheit kein gutes Ende nähme. Auch Kämpfen war keine aussichtsreiche Alternative. Zwar war die Z.VII mit zwei Partikelstrahl-Geschützen ausgestattet, die der Bewaffnung der CentroCor-Schiffe in nichts nachstanden, dafür waren deren Vektorfelder stärker. Die Yk.64er würden den Großteil des PSG-Feuers einfach schlucken. Eine direkte Konfrontation würden sie kaum überleben.

Lanoe versuchte, die Jäger zu kontaktieren. »CentroCor-Schiffe, wir brauchen ein bisschen mehr Platz. Was dagegen, wenn wir uns an euch vorbeiquetschen?« Als wäre es bloß eine zufällige Begegnung auf einer vielbeflogenen Handelsroute. »Ich wiederhole: CentroCor-Schiffe …«

»Lanoe«, unterbrach Valk ihn, »sie fahren die Waffen hoch.«

Er hatte kaum mit etwas anderem gerechnet.

Vier zu eins unterlegen. Ihr Gegner war schneller und besser bewaffnet. Keine Hilfe in Rufweite. Nun gut, wenn sie schon kämpfen mussten, hatten sie wenigstens einen Vorteil. Die Piloten der Yk.64er waren Milizionäre. Söldner von CentroCor – einem der MegaKons, der großen Monopolisten, die bis auf die Erde sämtliche von Menschen besiedelten Planeten unter sich aufgeteilt hatten. Diese Piloten waren von einem Unternehmen ausgebildet worden. Lanoe war einer der besten Piloten, die je in der Flotte der Erde gedient hatten.

»Festhalten«, sagte er zu Valk. Er riss den Steuerknüppel herum und zündete die seitlichen Manövrierdüsen. Sofort trudelte ihr Schiff in einer wilden Schraube der Wand des Wurmlochs entgegen.

*

Die Trägheitsdämpfer des Langstrecken-Aufklärers drückten Valk fest in den Sitz. Ihm war, als habe sich plötzlich jemand auf seinen Brustkorb gesetzt. Ein unschönes, aber vertrautes Gefühl – ohne Trägheitsdämpfer würde jeder Pilot, der ein solches Manöver vollführte, unweigerlich als violetter Schleim an den Wänden des eigenen Cockpits enden.

Leider erschwerte es die Bedienung der Feuerleitkonsole erheblich. Valk grunzte und stach mit dem Finger auf die virtuelle Tastatur ein. Das Geschütz fuhr sich hoch. Automatisch drehte der Bordcomputer die Beobachtungskuppel um die eigene Achse, um ihm den bestmöglichen Schusswinkel auf die gegnerischen Jäger zu ermöglichen. Somit flog er nun rückwärts, was auch bedeutete, dass er die dräuende Tunnelwand nicht mehr sehen konnte. Das war ihm ganz recht so. Sollten sie die Wand dieser in sich verdrehten Röhre durch die Raumzeit auch nur streifen, würde sich der Langstrecken-Aufklärer im selben Augenblick auflösen, bis nicht einmal Atome, sondern nur noch Quarks zurückblieben.

Valk verließ sich darauf, dass Lanoe dies zu verhindern wusste.

»Feindbeschuss oberhalb sieben Uhr«, rief Valk und drückte eine weitere Taste, um ein virtuelles Zielkreuz aufzurufen. Das feine Raster bündelte sich auf dem Kuppeldach und zeigte ihm an, wo seine Treffer am ehesten landen würden. Es hüpfte wild hin und her, während der Bordrechner vergeblich versuchte, Lanoes Schleuderflug und die Bewegungen der vier feindlichen Jäger sinnvoll auszuwerten. Valk verfluchte das blöde Gerät und schaltete es wieder ab. Er würde doch per Hand zielen müssen. »Ich glaube, die sind sauer«, sagte er.

Wie winzige brennende Kometen jagten gegnerische Partikelstrahlen über die Triebwerksdüsen des Aufklärers. Lanoe ließ das Schiff mit den Positionsdüsen so weit rotieren, dass die meisten Schüsse vorbeizogen. Nur ein paar Streifschüsse schlugen Funken im Vektorfeld.

»Das war ein Warnschuss«, sagte Lanoe. »Glaubst du, die wollen uns lebend zu fassen kriegen?«

»Halt doch kurz an und frag mal«, sagte Valk. Lanoe kicherte.

Knapp vor der Tunnelwand zog er das Schiff hart nach oben und verfiel in einen schlingernden Zickzackkurs, während sie weiterhin feindliches Feuer auf sich zogen. Jetzt begriff Valk auch, warum Lanoe die Wand angesteuert hatte – auf diese Weise konnte ihnen keiner der Jäger in den Rücken fallen. Die Oberseite des Aufklärers war vergleichsweise schwach gepanzert, also wollte Lanoe auch diese vom Feindbeschuss fernhalten. Was natürlich hieß, dass Valk in seiner Beobachtungskuppel direkt in der Schusslinie hing.

War ja nicht das erste Mal. Er fuhr herum, visierte die nächste Yk.64 an und feuerte. Der Partikelstrahl riss eine der Tragflächen ab; allerdings benötigte dieser Bastard sie hier überhaupt nicht – im Vakuum der Wurmlöcher waren Tragflächen verzichtbar. Valk setzte gerade zum nächsten Schuss an, als sein Blickfeld herumwirbelte und er plötzlich keine Gegner mehr vor sich hatte. Lanoe musste das nächste raffinierte Manöver geflogen haben, ohne ihn vorzuwarnen.

»Gib mir wenigstens irgendwas zum Schießen«, rief er.

»Keine Sorge«, sagte Lanoe. »Du kriegst schon noch was zu tun.«

*

Lanoe saß in seinem Cockpit am Bug des Aufklärers und bediente die Kontrollen mit einer Hand, während die andere fest um den Steuerknüppel gekrallt blieb. Auf seinem Zweitdisplay sah er die dreidimensionale Karte der vier Miliz-Jäger, deren prognostizierte Bahnen wie Bänder aus Glas vor ihnen durch das Wurmloch schwebten. Alle vier rauschten ein gutes Stück hinter ihm weiter oberhalb dahin, immer noch aufgereiht in einer Formation wie aus dem Lehrbuch. So hatten sie ihn aus einer Entfernung eingekesselt, die ihnen nicht erlauben würde, nahe genug heranzukommen, um einen wirklich gefährlichen Schuss abzugeben. Trotzdem war es eine grundsolide Taktik – sie blieben auf Abstand, weil sie genau wussten, dass sie mehr als genug Zeit hatten. Sie konnten es sich leisten, den Aufklärer so lange mit Fernschüssen zu überziehen, bis sie einen Glückstreffer erzielten.

Er konnte sie nicht abschütteln. Und wenn er versuchte, sich zurückfallen zu lassen, würden sie lediglich die Lücke schließen und ihn auseinandernehmen oder schlicht gegen die Tunnelwand abdrängen. Keine schönen Aussichten.

Im Allgemeinen gaben Milizionäre keine besonders talentierten Piloten ab. Viele von ihnen waren ehemalige Kadetten der Flottenakademie, die nach ihrem vorzeitigen Rausschmiss nur noch für einen der Konzerne fliegen konnten. Andere wurden direkt aus der Zivilbevölkerung rekrutiert, kaum zehn Stunden in einen Flugsimulator gesteckt und dann ausgeschickt, um irgendwie klarzukommen. Dieses Grüppchen hier war allerdings ganz offensichtlich eine Ecke besser – umsichtig, anpassungsfähig. Und geduldig.

Er wünschte inständig, zu wissen, wer sie geschickt hatte. Und warum man ihn so dringend einfangen wollte.

Wollten sie dieser Falle entkommen, musste er sich etwas Waghalsiges einfallen lassen. »Valk«, rief er. »Ich weiß, dass du gerne knauserig mit deiner Munition umgehst. Ich muss dich bitten, jetzt gleich geradezu verschwenderisch auszuteilen. Für meinen nächsten Trick hältst du bitte den Abzug so lange durchgedrückt, bis die Waffe überhitzt, alles klar?«

»Moment mal«, sagte Valk. »Was hast du vor?«

Lanoe verschwendete keine Zeit mit einer Antwort, sondern programmierte eine komplizierte Sequenz schneller Zündungen ins Triebwerk, zog den Steuerknüppel hart an sich und öffnete im selben Moment die Drosselklappe.

Grundsätzlich war die Z.VII zur Langstrecken-Aufklärung konstruiert worden. Sie bot ein beachtliches Rundum-Paket moderner Sensoren und ein äußerst energieeffizientes Fusionstriebwerk. Leider machte die Menge der verbauten Ausrüstung das Schiff relativ klobig und verringerte die Reaktionszeit merklich. Für diese Art Kampf auf engem Raum war es nicht geschaffen, von Lanoes artistischen Einlagen ganz zu schweigen. Bei der komplexen Abfolge schneller Manöver, die er gerade initiiert hatte, konnte er froh sein, wenn sich der Rumpf nicht rettungslos verknotete. Das Schiff drehte sich einmal um die Längsachse, und Lanoe hörte den Rahmen bedenklich ächzen. Sofort wurden die Geräusche noch schlimmer, als Dutzende von Miniaturdüsen an Bug und Flanken in die vieltönige Kaskade einstimmten. Mit etwas Pech hätten sich bei dieser Belastung etliche der kleinen Antriebseinheiten direkt aus der Verankerung reißen können.

Stattdessen hatte er – wie so oft – das Glück auf seiner Seite. Alles hielt. Für den Gegner musste es aussehen, als habe er vollkommen die Kontrolle verloren und das Schiff zu einer wilden vertikalen Schleuderbewegung verdammt.

Die Z.VII trudelte kopfüber, kopfunter der Flugbahn der vier Milizionäre entgegen. Lanoe musste ihnen zugutehalten, dass sie solide Piloten waren und sofort reagierten, die Formation lösten und einer drohenden Kollision problemlos entgingen. Solide, aber nicht gut genug. In einem großen Funkenregen miteinander ringender Vektorfelder touchierte einer von ihnen den Flügelmann. Der dritte wich zurück und versuchte, Lanoes wirbelndes Schiff ins Visier zu nehmen. Auf die Entfernung hätte er kaum vorbeischießen können, und der Treffer wäre fraglos direkt durch ihr Vektorfeld gefahren und hätte den Aufklärer sauber zerteilt.

Wenn Valk zu diesem Zeitpunkt nicht schon den Abzug durchgedrückt hätte. Er hatte Lanoes Anweisung Folge geleistet und deckte so den Nahraum mit einem Feuerwerk aus Partikelstrahlen ein, das sich auch über das Kanzeldach der Yk.64 ergoss. Wahrscheinlich hatte der Pilot nicht einmal Zeit zu schreien. Der Treffer riss die Yk.64 in Stücke, und die drei verbliebenen Jäger mussten hastig ausweichen, um der Wolke sonnenheißer Trümmerteile zu entgehen.

Lanoe riss den Aufklärer aus der Kreiselbewegung und ging kaum zehn Meter vor der Tunnelwand wieder auf einen geraden Kurs. Noch war die Sache nicht überstanden. Er drehte den Antrieb ganz auf und jagte mit maximaler Beschleunigung in die falsche Richtung davon.

2Valk ließ die Beobachtungskuppel um hundertachtzig Grad rotieren. Durch den Feuerdunst ihres Triebwerks sah er die drei Jäger hart beidrehen und neu formiert die Verfolgung aufnehmen.

»Du weißt schon, dass es zur Admiralität in die andere Richtung geht, oder?«, fragte er.

»Die werden uns nicht zur Admiralität durchlassen«, sagte Lanoe. »Das wird heute nichts.«

Valk schaltete die Sprechanlage aus, damit Lanoe ihn nicht fluchen hörte. Er versuchte, sich auf die Verfolger zu konzentrieren und einen Fernschuss anzubringen, aber es hatte keinen Zweck. Er schaltete die Sprechanlage wieder ein. »Lanoe, du hast es mir versprochen. Du hast gesagt, wir fliegen zur Admiralität, laden das ganze Zeug aus meinem Kopf runter, und dann kann ich …«

»Habe ich nicht vergessen«, sagte Lanoe.

Valk wusste, dass die Diskussion überflüssig war. Er sah schließlich selbst, wie die Dinge standen. Sie waren nur so nah dran gewesen – so nah. »Ich hab nichts gesagt«, sagte er. »Gibt’s einen neuen Plan?«

»Ja, und zwar heil hier rauszukommen. Falls möglich. Hör mal, wir haben uns etwa fünfzehn Sekunden Vorsprung verschafft. Wir können sie aber auf keinen Fall abhängen. Du musst sie unbedingt aus der Ruhe bringen – heiz ihnen ein, sobald sie zu nah rankommen, sorg dafür, dass sie uns nicht anständig in die Zange nehmen können. Alles klar?«

»Jap«, sagte Valk. Er aktivierte die Feuerleitkonsole. Das PSG hatte noch mehr als genug Munition. Er überprüfte die restlichen Anzeigen und nickte. »Was dagegen, wenn ich mich kreativ austobe? Ich hätte da vielleicht die eine oder andere Überraschung für unsere Freunde parat.«

»Meinen Segen hast du«, sagte Lanoe.

Valk machte sich über seine virtuelle Tastatur her. Das würde durchaus interessant werden, dachte er sich. Falls sie lange genug am Leben blieben, um das Resultat genießen zu können.

*

Das Wurmloch breitete sich vor Lanoe aus, schlängelte sich hierhin und dorthin, die Wände von geisterhaftem Feuer erfüllt. Er legte sich einen Bildschirm ins Sichtfeld, der die Aufnahmen der Heckkamera zeigte. Die gegnerischen Piloten waren von seinem verrückten Manöver sichtlich überrumpelt worden und hatten sich noch immer nicht vollständig sortiert.

Trotzdem blieb ihnen nur wenig Zeit. Schon hatte einer der Piloten einen perfekten Halbkreis hingelegt – ein Manöver, das im Vakuum wesentlich schwerer zu vollziehen war als innerhalb einer Atmosphäre. Die anderen beiden drehten sich ein und wendeten – etwas langsamer, dafür aber ungefährlicher. Hinter ihnen flackerten immer wieder kurze Blitze auf, als die Trümmer des vierten Jägers auf die Wände des Wurmlochs trafen. Selbst solche kleinen Kollisionen setzten eine Menge Gammastrahlung frei, und dennoch war die Hoffnung vergebens, einer der Gegner könnte von einem Blitz geröstet werden.

Die vorderste Yk.64 war sofort auf Höchstbeschleunigung gegangen, und Lanoe konnte die breite Ionenspur hinter ihrem Triebwerk sehen, als stünde der Jäger zu Häupten einer Flammensäule. Valk gab ein paar hilflose Schüsse auf Bug und Tragflächen ab, aber der Gegner gab sich keine Mühe, auszuweichen.

Schnell verringerte das kräftige Triebwerk des Jägers die Distanz. In wenigen Sekunden würde der Milizionär wieder nah genug sein, um Lanoes zentrale Triebwerkdüse wunderbar ins Visier nehmen zu können – ein Treffer genügte. Lanoe ging verschiedene trickreiche Ausweichmanöver im Kopf durch; allerdings würde jede Abweichung die Z.VII zusätzlich verlangsamen, und er hatte noch an die beiden anderen Verfolger zu denken. Sie waren nicht viel weiter weg.

»Valk«, rief er, »falls du dir was überlegt hast …«

»Mach die Augen zu«, sagte Valk.

»Ich muss unsere Mühle fliegen«, sagte Lanoe mit Nachdruck.

Valk streckte die Hand nach seinem Sensor-Display aus. Sein Finger verharrte über einer virtuellen Taste.

»Zum Teufel, Lanoe – mach die Augen zu, verdammt.«

Er hieb auf die Taste.

Die Z.VII hatte eine Menge ausgefeilter Sensorik und Kommunikationstechnik an Bord. Teil des Gesamtpakets waren einige Hundert Mikrodrohnen – im Grunde nichts als einfache, daumengroße Satelliten. Sie bestanden aus einer Kamera, einer Antenne und einem simplen Triebwerk, für alles andere war kein Platz. Normalerweise wurden sie wie eine Spur aus Brotkrumen nacheinander ausgesetzt, während der Aufklärer seine Langstrecken-Patrouille durch ein Schlachtfeld oder ein System absolvierte. Gemeinsam bildeten sie ein dezentrales Kommunikations- und Bildverarbeitungsnetzwerk, das die umfassende Beobachtung eines ausladenden Bereichs des Alls ermöglichte.

Valk setzte sie alle auf einmal frei. Sie schossen aus der Verschalung des Aufklärers hervor und jagten mit kleinen Stichflammen in sämtliche Richtungen davon, eine ganze Wolke zuckender Täuschkörper. Für einen kurzen Moment würden sie die Zielerfassung der Verfolger durcheinanderbringen, bis die gegnerischen Bordcomputer die Situation ausgewertet hatten. Aber darum ging es Valk gar nicht.

Er hegte auch nicht die Hoffnung, ihr Verfolger würde die Mikrodrohnen rammen. Dafür gaben sie viel zu lausige Projektile ab – sie waren zu klein und zu langsam, um wirklichen Schaden zu verursachen, das Vektorfeld würde sie mühelos aus dem Weg räumen.

Nein, Valk hatte die Drohnen aus einem anderen Grund starten lassen. Er hatte ihre Standardprogrammierung abgeschaltet, genauer gesagt die Algorithmen zur Kollisionsvermeidung. In großer Zahl strebten sie aus der Z.VII direkt den Tunnelwänden entgegen.

Sie wurden auf der Stelle vernichtet, zerfetzt und in reine Energie umgewandelt. Hunderte von Entladungen in unter einer halben Sekunde, von denen jede einzelne so viel Helligkeit und Strahlung erzeugte wie eine kleine Kernwaffe.

»Was zur Hölle!«, schrie Lanoe. Seine Formulierung entsprach auf jeden Fall dem Anblick, ob er das nun so gemeint hatte oder nicht. »Valk – das war auch mit geschlossenen Augen deutlich zu sehen. Was hast du gemacht?«

Anders als Lanoe hatte der vorderste gegnerische Pilot keine Vorwarnung bekommen, die Augen zu schließen.

Aber die Yk.64 war eine intelligente Maschine. Eine Mikrosekunde nach der ersten Kollision hatte sich das Cockpit polarisiert, war vollkommen undurchlässig geworden und hatte all das schreckliche Licht ferngehalten.

Schwer zu sagen, ob die Reaktionszeit gereicht hatte, um den Piloten nicht permanent erblinden zu lassen. Eine theoretische Frage – mit verdunkeltem Cockpit konnte er so oder so nichts sehen. Auf jeden Fall aber würde er fast neun Zehntel einer Sekunde lang blind fliegen müssen.

Mehr als genug Zeit für Valk, um selbst auf diese Distanz einen satten Treffer zu erzielen. Natürlich hatte er direkt in Richtung der Kollisionen gesehen, nur benötigte er anders als Lanoe oder ihre Gegner keine Augen für die folgende Aktion. Er griff direkt in den nackten Programmcode der Sensorik und formulierte die Einsen und Nullen zu einer makellosen Feuerleitlösung. Er musste seine Hand nicht sehen, um den Abzug zu drücken.

Der Partikelstrahl traf die Yk.64 direkt in den Bug und durchschlug das Vektorfeld. Der Jäger wurde in Stücke gerissen, Tragflächen und Waffensysteme und Triebwerk trudelten in unterschiedliche Richtungen davon.

»Hab noch einen erwischt«, sagte Valk.

»Sobald ich durch die ganzen Punkte wieder was sehen kann«, sagte Lanoe, »würde ich zu gerne wissen, was du da angestellt hast. Starke Nummer.«

»Tja«, sagte Valk, »zu schade, dass ich sie nur einmal abziehen kann.«

*

Lanoe blinzelte und zwinkerte und schüttelte den Kopf, um die Tränen loszuwerden. Der Tunnel vor ihm wand sich wie ein knorriger alter Baum, und sie jagten mit maximaler Beschleunigung hindurch. Wenn er nicht extrem achtgab, würden sie eine Wand berühren und ihren Verfolgern die Arbeit abnehmen.

Nicht, dass diese die Hilfe wirklich nötig hatten. Die beiden verbleibenden Jäger kamen rasch näher. Bis jetzt hatten sie Glück gehabt – na ja, Lanoe hatte das Glück gehabt, dass Valk am Bordgeschütz saß –, aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung war ihnen ebenso schnell auf den Fersen wie die zwei Jäger, die jetzt blind das Feuer eröffnet hatten und eine Menge Distanzschüsse abgaben. Sie hatten kaum Gelegenheit, die Z.VII in den Windungen des Wurmlochs zu erfassen, aber irgendwann mussten sie einen Zufallstreffer landen.

»Ein Stück weiter hinten gab es eine Abzweigung«, sagte Lanoe. »Erinnerst du dich?«

»Nein«, sagte Valk.

Lanoe lachte. »Na gut, ändert nichts an der Tatsache. Keine Ahnung, wohin die führt, aber wenn wir irgendwie zurück in den freien Realraum kommen, können wir wenigstens etwas besser manövrieren. Ich drehe gleich hart bei. Könnte ein bisschen wehtun.«

»Ich werd’s überleben«, sagte Valk.

Lanoe nickte. Da hatte der große Kerl zweifellos recht. Valk konnte schließlich bedeutend mehr Andruck verkraften als er selbst.

Trotzdem würde es unangenehm werden.

Die meisten Leute stellten sich das Netzwerk der Wurmlöcher als eine Art Autobahnsystem vor, ein Straßennetz, das alle Sterne der menschlichen Einflusssphäre miteinander verband. Jeder Pilot wusste es besser. Das ganze Geflecht war so chaotisch wie das Wurzelwerk eines gewaltigen Baums oder das Höhlensystem eines Bodenwühlers – Wurmlöcher bildeten zahllose Kreuzungen, spalteten Sackgassen ab oder lange Schleifen, die letztlich wieder am gleichen Ort endeten. Um alles noch schlimmer zu machen, gab es auch kein verlässliches Kartenwerk des kompletten Netzes, denn es war in ständigem Wandel begriffen – nur die breitesten, meistbeflogenen Routen blieben über längere Zeit konstant, und selbst diese verknoteten und verzogen sich, sobald gerade niemand hinsah.

Man kam andauernd an Kreuzungen und neuen Tunneln vorbei. Jedem Piloten wurde eingebläut, nicht auf eigene Faust Erkundungen anzustellen, um nicht in Sackgassen oder – schlimmer noch – Seitengängen zu enden, die sich immer weiter verjüngten, bis selbst für einen Jäger wie die Z.VII kein Platz mehr war.

Natürlich musste man manchmal einfach etwas riskieren.

Die beiden Yk.64er hatten sie fast eingeholt. Valk entfesselte Salve um Salve, aber die Angreifer konnten mit ihrer Geschwindigkeit haushalten – sie vollführten genug Tänze und Schleifen, um keine einfachen Ziele abzugeben. Lanoe starrte in den Tunnel und suchte nach der Abzweigung, an die er sich noch vage erinnerte. Falls sie doch weiter zurücklag, als er glaubte …

Nein. Da war sie. Der gespenstische Nebel aus den Tunnelwänden wurde dichter, bildete fast eine Wolke. Das untrügliche Zeichen einer Kreuzung. Lanoe rief das Antriebsdisplay auf und ging das Menü für die Gyroskopie-Einstellungen durch. Er musste zweimal bestätigen, dass er die Kompensatoren des Rotationstriebwerks wirklich ausschalten wollte.

Ja, wollte er.

»Festhalten!«, rief er und hieb auf die Taste.

Innerhalb weniger Millisekunden wurde der Aufklärer um neunzig Grad herumgerissen. Der Rumpf stöhnte auf, als sich das Triebwerk aus der eigenen Verankerung brechen wollte. Es gab überaus gute Gründe dafür, ein solches Manöver zweimal bestätigen zu müssen – die Möglichkeit war durchaus gegeben, das Schiff damit in Stücke zu reißen.

Viel schlimmer war die potenzielle Auswirkung auf einen weichen menschlichen Körper. Wie von einem großen Hammer wurde Lanoe von den Trägheitsdämpfern krachend in den Sitz geschmettert. Er konnte nicht mehr atmen. Die Blutzirkulation setzte aus, und für einen kurzen Augenblick stand sein Herz still. Selbst seine Sehkraft erstarb zu einer grauen Suppe, als die Augäpfel in den Höhlen platt gedrückt wurden.

Dann griffen die Kompensatoren. Das Cockpit füllte sich mit gellenden Warnsignalen, sein Herzschlag setzte donnernd wieder ein. Mit einem schrecklich röchelnden Keuchen blies sich die Lunge wieder auf.

Lanoe sah die Abzweigung direkt vor sich. Sie war nicht allzu lang. Er zündete den Hauptantrieb, und die Z.VII jagte in den Seitentunnel hinein. Um Haaresbreite wich er mehreren Biegungen aus.

»Valk, alles klar da hinten?«, rief er.

Keine Antwort.

Direkt hinter ihnen kopierten die beiden Yk.64er das Manöver fehlerfrei. Sie schlugen nicht einmal merklich zur Seite aus, sondern nahmen sofort wieder die Verfolgung auf.

Mistkerle.

Um Valk würde er sich später Gedanken machen müssen. Im Moment konnte er nicht mehr tun, als so schnell wie möglich zu fliegen. Damit kannte er sich immerhin bestens aus.

Ein Stück weiter vorne endete der Tunnel in einer Linse aus reiner Raumzeit. Sie sah aus wie eine Glaskugel, hinter der nichts als Schwärze lag. Ein Wurmloch-Schlund – ein Ausgang aus dem Labyrinth. Lanoe hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie jenseits der Öffnung erwartete. Vielleicht ein Stern mit ein paar netten Planeten, hinter denen man sich verstecken konnte, vielleicht verlorene Einöde im interstellaren Leerraum, Lichtjahre entfernt von – allem. Oder der Schlund endete im Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs.

Er würde es einfach wagen müssen. Der Aufklärer durchstach die Linse – und wurde in blauweißes Licht gehüllt. Seine Augen passten sich an, und er sah Sterne, überall Sterne. Weiße Flecken auf echtem, schwarzem Hintergrund.

Normaler, realer Weltraum, aus dem der Großteil des Universums bestand. Die Leere.

Freier Flug durch die Weite des Alls war für einen Kampfpiloten wie Lanoe das, was einem Gefühl von Zuhause am nächsten kam.

Nur war er noch nicht in Sicherheit. Direkt hinter ihm schossen die beiden Yk.64er Seite an Seite aus dem Schlund. Auf dem Infrarotschirm waren ihre Waffensysteme noch immer als glühende Punkte zu sehen. In einem klassischen Zangenmanöver kamen sie von zwei Seiten näher und …

Ließen urplötzlich von ihm ab. Eine Sekunde lang hingen sie einfach regungslos im All, kurz davor, ihn in Stücke zu schießen. Dann wandten sie sich ab und jagten durch den Schlund ins Wurmloch zurück.

Eine weitere Sekunde verging, bis Lanoe den Grund dafür erkannte. In seinem Augenwinkel tauchte die grüne Perle auf, über die sein Anzug ihm mitteilte, dass er angefunkt wurde.

»Langstrecken-Aufklärer, bitte identifizieren Sie sich. Dies ist eine Einrichtung der Flotte, Zugang für Unbefugte verboten. Wiederhole, Langstrecken-Aufklärer, bitte identifizieren Sie sich. Dies ist …«

Einige der funkelnden Lichter waren doch keine Sterne. Lanoes Bildschirm vergrößerte und zeigte Dutzende von Militärschiffen – Patrouillenboote, Kommandoschiffe, Zerstörer, Kreuzer. Dazwischen glitzerten eine Menge Kataphrakte, jeder einzelne mit dem dreiköpfigen Adler der Flotte versehen. Wer auch immer die Verfolger gewesen sein mochten, sie hatten offensichtlich nicht vor, sich mit einer derartigen Übermacht anzulegen.

Lanoe konnte sich nicht entsinnen, wann er sich das letzte Mal so überschwänglich über den Anblick seiner Leute gefreut hatte.