Catherine Aurel
Grimaldi
Der Fluch des Felsens
Historischer Roman

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Umschlaggestaltung: bürosüd
unter Verwendung einer Illustration von bürosüd
Redaktion: Lisa Wolf
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-21325-1
V002
www.penguin-verlag.de
Prolog
1357
Der kleine Raniero hatte Angst vor Geistern, seine Mutter hatte Angst vor Menschen. Nicht vor allen, aber vor den Feinden, die Monaco belagerten. Auf dem Meer kreuzten Genueser Galeeren, weitere Truppen hatten alle Wege ins Landesinnere besetzt. Raniero fürchtete diese natürlich auch, aber er wollte die heimatliche Burg trotzdem nicht verlassen, schon gar nicht nachts, wenn der Himmel schwarz, das Feuer der Fackel schwach und die Geister der Toten stark waren.
Isabella Grimaldi nahm darauf keine Rücksicht. Sie packte ihren Sohn so fest am Oberarm, dass er ihre spitzen Fingernägel spürte, und zerrte ihn aus dem schwülen Gemach seines Vaters, wo sie seit Wochen auf dessen Tod warteten. Alles dort war schwer – die heiße Luft, das dunkle Brennholz neben dem Kamin, die roten Vorhänge des Himmelbetts –, nur Carlo Grimaldi, einst ein stattlicher Mann, schien geschrumpft zu sein und kaum mehr als eine Feder zu wiegen.
»Dein Vater wird sterben, das ist Gottes Wille, wir aber, wir werden leben, denn das ist mein Wille«, erklärte Isabella. »Wenn wir jetzt nicht fliehen, fallen wir in die Hände unserer Widersacher.«
Sie sagte nicht, was dann geschehen würde, aber Raniero konnte es sich denken. Die feindlichen Genuesen würden sie als Sklaven im Morgenland verkaufen, in einen ihrer finsteren Kerker werfen oder auf grausame Weise töten. Was davon am schlimmsten war, das wusste er nicht, er wusste ja nicht einmal, wohin er seinen Blick richten sollte – ob ein letztes Mal zu seinem Vater, der seit Monaten im Bett lag, seit Wochen nicht mehr selber essen konnte und seit Tagen vor sich hin dämmerte, oder lieber in den dunklen, kalten Gang. Denn dort lauerten gewiss die Gespenster jener Sarazenen, die einst die hiesige Küste überfallen, die Menschen verschleppt oder sie gemeinsam mit Schweinen über die Klippen gestoßen hatten, weil sie die Menschen für gottlos, die Schweine für unrein hielten.
Nun ja, die Gestalt, die ihnen entgegentrat, hatte wenig mit einem Geist gemein. Bruder Filippos Leib war rundlich, seine Wangen rosig, und seine eigentliche Aufgabe lag darin, für die Seele des Vaters zu beten. Offenbar hielt er deren Weg ins Jenseits jedoch für nicht so bedrohlich wie den von Isabella und Raniero in die Freiheit.
»Ich werde euch zum Hafen bringen und so lange bei euch bleiben, bis ihr in Sicherheit seid!«, rief er.
Raniero erschauderte. Um den Hafen zu erreichen, mussten sie eine schmale Treppe nach unten nehmen. Ein falscher Schritt würde genügen, um von jenem steilen, fast senkrechten Felsen zu stürzen, auf dessen lang gestrecktem Plateau die Burg von Monaco errichtet worden war. Und nicht nur davor hatte Raniero Angst. Die kreisförmige Steilwand des Mont Agel, der gleich hinter der Burg emporragte und wegen ihrer Form auch Tête de Chien genannt wurde – Hundekopf –, war fast so gefährlich wie ein Geist. Zumindest hatte Ranieros einstige Amme erst kürzlich behauptet, dass jener Hund dann und wann erwachen, sein riesiges Maul aufreißen und alle Menschen in der Nähe verschlingen würde, auf dass auch sie versteinerten.
Als sie ins Freie traten und die kühle Nachtluft sie traf, hielt Raniero unwillkürlich den Atem an und lauschte, ob ein bedrohliches Knurren zu hören war. Doch der Berg blieb stumm, und das Einzige, was zu Stein zu werden schien, war Ranieros Herz, das schmerzhaft gegen seinen Brustkorb schlug.
»Beeil dich«, rief Isabella Grimaldi und hieb ihre Nägel noch tiefer in den Oberarm ihres Sohns, als sie ihn von der Burg weg und an einen Olivenhain entlang geradewegs zum dunklen Abgrund führte. Bald spürte er keinen Schmerz mehr. Seine Arme schienen so taub zu werden wie die Lippen, nur die Füße konnte er noch fühlen, und mit denen nahm er beharrlich Stufe für Stufe, die man einst an geheimer Stelle in den Felsen gehauen hatte. Bruder Filippo ging als Erstes, beleuchtete den Weg mit einer Fackel. Feucht vom Seewind war dieser und von einer Schicht grünlicher, stinkender Algen überzogen – ein Zeichen dafür, wie oft die Gischt die schiefen, mancherorts rissigen Stufen küsste. Obwohl seine Mutter es eilig hatte, verlangsamte sie ihren Schritt, um nicht auszurutschen. Bruder Filippo verließ sich unterdessen nicht nur auf eigene Vorsicht und Trittsicherheit, er begann zu beten.
»Heilige Devota, sei uns gnädig, heiliger Nazarius, weise uns den Weg, heiliger Celsus, lass uns nicht in die Hände der Feinde fallen!«, stieß er mit gepresster Stimme aus.
Raniero betete nicht. Devota, Nazarius und Celsus waren einen grausamen Märtyrertod gestorben, was bedeutete, dass ihre Geister noch grässlicher aussehen mussten als der sieche Leib seines sterbenden Vaters.
Die letzten zwölf Stufen waren besonders steil, deswegen legte Filippo zuvor eine kurze Pause ein.
»Warum betest du nicht auch zu Herkules?«, fragte Raniero.
Filippos Schnaufen klang so gequält wie das Zischen der Fackeln. Er hob sie etwas höher, doch obwohl in der Ferne das Knattern ihrer Segel zu hören war, konnte man von hier aus die feindlichen Galeeren nicht sehen.
»Herkules ist doch kein Heiliger, der diesen Felsen schützt.«
»Immerhin heißt der Felsen Monaco, so ähnlich wie Monoikos – der Beiname, den die Phönizier und Griechen einst dem Halbgott Herkules gaben.« Auch das hatte Raniero von seiner Amme gelernt.
»Ganz gleich, wie dieser Felsen heißt«, mischte sich seine Mutter nun ein, »mir würde es genügen, wenn der Name Grimaldi für Macht und Reichtum stünde, nicht für Tod und Niederlage …«
Bruder Filippo sah sie mitleidig an. »Solange du einen Sohn hast und dieser lebt, gibt es Hoffnung, dass aus dem nunmehr kleinen, schmutzigen Namen wieder ein angesehener, großer wird. Nun kommt!«
Mochten die tausend Augen der Nacht sie auch noch so bedrohlich anstarren – keines hatte die Macht, sie zum Stolpern zu bringen. Wenig später hatten sie es heil bis zum Hafen geschafft, und Raniero erinnerte sich an das letzte Mal, als er hier gestanden hatte – im Sonnenschein und an der Seite seines Vaters, dessen Haar noch kräftig, wenngleich bereits grau gewesen war. Damals hatte Carlo Grimaldi Richtung Westen zu Monacos Felsen gedeutet, Richtung Osten zum Cap Martin und Richtung Norden zum Fuß des Gebirgspasses von La Turbie. »Die Mauern unseres Reiches«, hatte er erklärt, »wurden nicht von Menschenhand erschaffen, sie wurden von Gott erbaut.« Und Raniero, der die ganzen sieben Jahre, die sein Leben bislang währte, ausschließlich hier verbracht hatte, hatte sich sicher gefühlt, nicht verloren wie jetzt, da aus der farbenprächtigen, glitzernden Welt ein schwarzes Loch geworden war, in dem Meer und Nachthimmel ebenso zu verschmelzen schienen wie Furcht und Hoffnung. Willenlos folgte er seiner Mutter, die auf ein Gebäude mit schiefen Wänden, löchrigem Dach und quietschender Tür zuging. Stickige, faule Luft erwartete sie dahinter. Isabella ließ ihn los, fuhr mit ihrer Hand zur Nase.
»Wird uns denn kein Schiff von hier fortbringen?«, fragte Raniero.
»Gewiss, aber hier werden wir auf dieses Schiff warten.«
Sie schloss die Tür hinter sich, deren Quietschen nunmehr wie das höhnische Lachen eines Geistes klang. Das rasselnde Atmen, das diesem Geräusch folgte, erweckte wiederum den Eindruck, als würde der Geist an diesem Lachen ersticken.
Unsinn … Geister können nicht ersticken … weder an einem Lachen noch an einer Fischgräte … sie sind ja schon tot …
Nicht tot, jedoch uralt war die Frau, die sie in der Hafenspelunke erwartete. Raniero sah sie erst, als seine Mutter ihn zu einem der Tische zog, deren Beine krumm und deren Platten verklebt waren. Während die anderen bereits erloschen waren, brannte auf ihrem Tisch noch eine letzte Kerze, und die flackernden Schatten, die sie warf, machten aus dem starren Gesicht der Alten eine zuckende Fratze. Raniero stand bereits unmittelbar vor ihr, als er erkannte, dass sie doch Augen hatte, nicht bloß schwarze Löcher, und eine kleine, wohlgeformte Nase, nicht den Rüssel eines Schweins. Nur die Wangen waren auch im weichen Licht noch zerklüfteter als die Küste rund um Monaco.
»Er … er wird doch kommen, um uns zu retten?«, rief Isabella grußlos.
Auch die Alte grüßte sie nicht. Sie atmete weiterhin rasselnd, verkündete schließlich heiser: »Aber natürlich.«
»Warum ist er dann noch nicht hier?«
»Er muss erst einen Weg finden, um an Boccanegras Galeeren vorbeizukommen.«
»Und wenn ihm das nicht gelingt?«
Die Alte zuckte die Schultern. »Ich fürchte, diese Angst kann ich dir nicht nehmen. Solange du lebst, wirst du Angst haben, desgleichen wie sich eine Kerze im kalten Wind windet, solange sie brennt. Nur der Rauchfaden, der emporsteigt, wenn sie erloschen ist, zittert nicht.«
An der Alten selbst zitterte lediglich die Stimme, ansonsten schien sie nicht einfach nur dazuhocken, sondern fest mit der Bank verwurzelt zu sein.
Ranieros Mutter ließ sich nicht weit von ihr entfernt ebenfalls auf eine Bank fallen, obwohl auf dieser keine Seidenkissen lagen wie auf der Burg, nur Staubflocken, Muschelschalen und abgenagte Knochen. Bruder Filippo setzte sich nicht, er ging auf und ab, betete wieder zu allen Heiligen Liguriens und verfluchte dann und wann Simone Boccanegra, den Dogen von Genua und Erzfeind von Carlo Grimaldi, der sie in diese schreckliche Lage gebracht hatte.
Raniero lugte scheu zur Alten.
»Komm näher, Junge«, sagte sie, und ihr Kichern klang rasselnd wie der Atem, »ich beiße doch nicht, ich habe viel zu wenig Zähne dafür. Schon die Schale eines Apfels wäre mir zu dick.«
Nun, ihre gelblichen, spitzen Fingernägel waren gewiss scharf genug, eine Apfelschale zu durchdringen, doch ihre Hände lagen ruhig auf der Tischplatte, und als sich ihre Augen weiteten, erkannte Raniero, dass sie von einem warmen Haselnussbraun waren. Der Blick, wach und neugierig, war das Einzige, was an dem Weib jung zu sein schien.
»Wer wird kommen, um uns zu retten?«, fragte er. »Und wer bist du?«
Wieder dieses Kichern. »Ich gebe dir einen guten Rat, Junge. Einem alten Menschen solltest du nie zwei Fragen auf einmal stellen, wenn du dir zumindest eine Antwort erhoffst.«
Raniero überlegte, welche Antwort ihm wichtiger war, und dabei fiel ihm eine noch dringlichere Frage ein: »Heute Morgen habe ich eine Magd belauscht. Sie sagte, dass die Grimaldi verflucht wären, dass nur deswegen die Feinde hier sind und meinem Vater alles zu nehmen drohen, was er erkämpft hat. Ist das wahr?«
In den braunen Augen blitzte es – jedoch zu kurz, um Spott oder Schmerz zu verraten. Danach beugte sich die Alte tief über die Flamme, als gelte es, eine Maske zum Schmelzen zu bringen.
»Einst hat ein Grimaldi – dein Großvater, dessen Namen du trägst – eine schreckliche Sünde begangen«, murmelte sie, »und es heißt, dass die Grimaldi seitdem kein Glück in der Liebe finden würden. Aber ist das Glück, das die Liebe schenkt, nicht für jedermann flüchtig? Und ist es womöglich kein Fluch, vielmehr Gnade, nicht lieben zu können? Ach herrje. Ich bin so alt – und verstehe so wenig von der Liebe wie du.«
»Er versteht auch nichts vom Tod«, mischte sich Isabella ein, »und dennoch fürchtet er ihn. Wann … wann kommt er denn endlich?«
»Wenn diese Kerze heruntergebrannt ist.«
Die Kerze war lang, aber dünn. Tränen aus Wachs perlten auf die Tischplatte, verschmolzen mit den Flecken, die andere hinterlassen hatten, und bezeugten, wie viele Nächte die Alte hier gesessen und einer Kerze beim Flackern zugesehen haben musste. Raniero war plötzlich so müde, dass er den Schmutz nicht länger scheute. Während sich seine Mutter erhob, unruhig wie der Mönch die Spelunke durchquerte und abwechselnd betete und fluchte, ließ er sich auf die Bank fallen.
»Du setzt dich, das ist gut«, sagte die Alte. »Du wolltest schließlich wissen, wer ich bin … auf wen wir warten … ob die Grimaldi verflucht sind … Nun, ich heiße Giuditta, aber um auf die anderen Fragen eine Antwort zu geben, muss ich eine lange Geschichte erzählen, eine sehr lange. Ob ich damit fertig bin, bis die Kerze heruntergebrannt ist, kann ich dir nicht sagen, aber wenn ich gar nicht erst zu erzählen beginne, werden wir das nie herausfinden.«
Raniero stützte seinen Kopf auf die Hände. Es war quälend, ihrer rauen Stimme zu lauschen, aber in gewisser Weise auch beruhigend, denn Giuditta lockte die Geister der Vergangenheit zwar herbei, zähmte sie aber zugleich. Um das milde Kerzenlicht versammelten sich keine furchterregenden Gestalten, die heulten und mit den Zähnen klapperten – nur stumme Seelen, die dankbar waren, dass ihnen jemand eine Stimme gab.
I.
Kampf um Genua
1283–1296