Buch
Am Gipfel eines verschneiten Berges gelegen, inmitten einer todbringenden Einöde, liegt die Höllenfeste – ein unmenschliches Gefängnis, in dem die schlimmsten Verbrecher der Welt in lebenslanger Haft eingekerkert sind. Doch es sind nicht die Wachen, die die Macht über das Gefängnis in den Händen halten. Es ist der geheimnisvolle Höllenkönig, der die rivalisierenden Häftlinge kontrolliert. Was niemand weiß: Höllenkönig Xavir ist der einzige Verbrecher, der sich freiwillig in Ketten legen ließ. Welches entsetzliche Geheimnis hütet er – und was steht in der geheimen Botschaft, die den Höllenkönig plötzlich seine Ketten sprengen lässt?
Autor
James Abbott ist das Pseudonym eines erfolgreichen englischen Autors, der 1981 geboren wurde. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium arbeitete er als Buchhändler und Verlagslektor, bis er seinen ersten Roman bei einem großen Verlag unterbrachte. Er lebt und arbeitet in Nottingham.
James Abbott
Höllenkönig
Roman
Deutsch von
Ole Johan Christiansen

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel » The Never King« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, a division of Macmillan Publishers International Limited, London.
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1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © James Abbott 2017
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Friedel Wahren
Umschlaggestaltung und -illustration: Max Meinzold, München unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com (Volodymyr Tverdokhlib)
BL · Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-21873-7
V001
www.penhaligon.de
Für Tobias
INHALT
Das Neunte Zeitalter
126. Jahr
Das Neunte Zeitalter
131. Jahr
Die Tore der Hölle
Der Höllenkönig
Das Schmieden eines Friedens
Jarratox
Ein dunkles Gesicht
Elysia
Landrils Maskerade
Landril
Die Hexen
Sonderbare Geräusche
Die Rast
Das tote Tier
Die Wolfskönigin
Ein königliches Treffen
Der lange Marsch
Alte Haut
Die Speisen des Waldes
Nachtkampf
Aufbruch von Jarratox
Das Bluthaus
Eine weitere Nacht voller Träume
Der Stille See
Das Gefolge
Flüchtlinge
Schreie
Keine Zeit für Güte
Erdformen
Der Scheiterhaufen
Erinnerungen
Die Entschlüsselung
Eine zweite Flucht
Sonnenaufgang
Zeit für den Angriff
Albträume
Das Hauptquartier
Ein taktisches Manöver
Die Straße zur Golaxbastei
Ein Abend in der Taverne
Verblassende Träume
Zurück auf der Straße
Die Meuchelkunst
Im Stillen Falken
Ein Fest
Zerschlagene Magie
Das große Schmieden
Die Ankunft
Nachgang
Fragen
Das Warten ist vorüber
Der Geruch
Die Flut des Krieges
Die Speerspitze
Im Untergrund
Kriegslärm
Die Wahl
Die Erlösung
Eine unerledigte Aufgabe
Getümmel
Zurück in der Wirklichkeit
Danksagungen
PROLOG
DAS NEUNTE ZEITALTER
126. JAHR
Kleidet euch wie Tiere! Verhaltet euch wie Tiere! Beim Donner der Göttin, dachte Jorund. Redet sogar wie Tiere! Nur mit Barbarei ließ sich Barbarei bekämpfen.
So hatten die Befehle eines Boten von König Cedius gelautet. Benehmt euch wie Barbaren, bis die Legion des Königs eintrifft, um den Grenzlanden beizustehen! Vor gerade einmal drei Monaten war Jorund in diese Siedlung verlegt worden und musste sich erst noch beweisen. Er war jedoch ein schlauer Wachmann und dachte nicht daran, einen Befehl von Cedius dem Weisen höchstpersönlich zu missachten, obwohl er nicht einsah, was an solchen Taktiken klug sein sollte.
In den beengten Verhältnissen seines Wachhauses strich sich Jorund Waid ins Gesicht und dachte über seine düstere Lage nach. Wer zu jung oder zu alt war, um an der bevorstehenden Schlacht teilzunehmen, wurde in die nahe gelegenen Höhlen gebracht – darunter auch Carmissa, Jorunds schwangere junge Frau. Wer zurückblieb, war ein entschlossener Kämpfer und zur Verteidigung seiner Heimat bereit.
In der gesamten Ortschaft wurden Clanabzeichen heruntergerissen und an ihrer Stelle rohe Tiertotems errichtet. Und der Grund für diese Täuschungsmanöver? Eine finstere Flut von Barbarenstämmen aus dem Norden näherte sich und fiel in die Mica-Ebene ein. Von dort strömten ihre Streitkräfte in die nördlichen Ausläufer von Stravimon. Dies bot dem König Anlass zur Sorge. Wenn die Stämme sich zu Tausenden zusammenfänden, würden sie ein grässliches Gemetzel in den Ortschaften und Städten noch weit jenseits von Baradiumsfall anrichten.
Deshalb hatten die nördlichsten Siedlungen die seltsame Anweisung erhalten, sich als Barbarendörfer zu tarnen. Man hoffte, die eindringenden Heere würden diese Orte für das Territorium ihres Volkes halten und sie einfach umgehen, um anderswo nach reicherer Beute zu suchen. Jorund wertete dies als Wunschdenken, obwohl die gleiche Maßnahme vor zwei Jahrzehnten schon einmal Erfolg gezeigt hatte. Trotzdem hoffte er, dass der Plan erneut aufging oder den Dörflern zumindest ausreichend Zeit bot, bis ihre Retter eintrafen. Cedius’ Erster Legion eilten die besten Krieger des Königreichs voraus – die Sonnenkohorte. Leibhaftige Legenden würden an diesen Ort kommen. Jorunds Herz pochte schon wild beim bloßen Gedanken an große Namen wie Xavir, Dimarius, Felyos und Gatrok.
Jorund warf sich seine Felle über, packte seine Axt und trat in die nebelige, kalte Luft hinaus. Von der obersten Stufe der Wachhaustreppe aus spähte er die breite Straße entlang. Über das Lärmen der Dörfler hinweg hörte er das Getöse der Baradiumsfälle und nahm trotz des Waids, der ihm auf dem Gesicht trocknete, ihren stechenden Geruch wahr. Mehr als tausend wilde Krieger blickten ihm erwartungsvoll entgegen.
Ein Grinsen stahl sich auf Jorunds Lippen. Es wird gelingen. »Nun gut. Macht Lärm, ihr hässlichen Gestalten! Ihr sollt doch Wilde sein.«
Da brüllten die Männer von Baradiumsfall auf wie die Kreaturen der Wälder.
Hunderte von Dörflern, die sich als gänzlich andere ausgaben, stapften durch die ersten Baumreihen jenseits von Baradiumsfall. Belgrosia, die nächste Siedlung zwei Meilen im Osten, hatte angeblich sogar eine doppelt so große Heerschar ausgehoben. Eine lange Nacht lag vor ihnen. Mit etwas Glück würde die List aufgehen …
Blauer Nebel leuchtete zart im Licht des Dreiviertelmondes.
In der Düsternis wirkten die Menschen wie Geister. Männer und Frauen, Jung und Alt waren mit Schlamm, Waid und Fellen bedeckt. Kaum einen von ihnen erkannte Jorund wieder.
Um herauszufinden, wo die Nordbarbaren zuzuschlagen gedachten, hatte er Späher ausgesandt. Beim ersten Anzeichen von Ärger sollten sie Meldung erstatten. Der Marsch der Krieger ging in einen Trott über. Jorund wurde immer angespannter. In bleichen Schwaden stieg der Atem vor ihm auf. Irgendetwas stimmte nicht. Die Späher waren noch nicht zurückgekehrt, und das beunruhigte ihn. In der Ferne heulte ein Wolf.
Wölfe wagen sich doch nicht so weit nach Westen, dachte er. Dann grollte plötzlich lauter Donner durch den Wald, und der Boden erbebte sichtbar. Eilig nahmen die Kämpfer aus Baradiumsfall Aufstellung und schlugen mit den flachen Klingen gegen ihre Rüstungen, ganz so, wie ihre barbarischen Feinde es getan hätten. So würden sie für deren eigene Krieger gehalten werden. Zumindest hofften sie, diesen Eindruck zu erwecken. Hastig untersuchte Jorund die Baumstämme auf irgendwelche Hinweise, dass der Feind bis zu ihnen in den Wald vorgedrungen war. Schreie erhoben sich in einiger Entfernung über die Baumwipfel hinweg. Ihm pochte das Herz.
»Reiter!«, schrie jemand in der Finsternis.
»Die Männer des Königs!«
»Die Sonnenkohorte!«
Der Göttin sei Dank, dachte Jorund. Wenn sie nun angegriffen wurden, war Hilfe nicht mehr fern.
Etwas heulte auf wie der Schrei einer Todesfee, und in der Ferne erlosch das Licht eines Fackelträgers.
Dort musste sich der Feind aufhalten. Mit einem lauten Ruf befahl Jorund seinen Truppen den Sturmangriff. Mit hocherhobenem Langschwert schritt er durch das Farnkraut zwischen den turmhoch aufragenden Eichen. Mondlicht fiel auf eine Lichtung und erhellte den Boden vor ihm. Als er auf die Fläche hinaustrat, sah er nur aufgeschlitzte Leiber im Morast liegen. Leiber von Männern, die er aus Baradiumsfall kannte.
Wo sind die Angreifer? Barbaren legen keine Hinterhalte – ihnen fehlt schlicht der Feinsinn dafür. Auch mit den Wunden stimmte etwas nicht. Sie waren zu sauber, von geübter Hand zugefügt …
»Wachmann!«, schrie jemand. »Da, jenseits der Lichtung …«
»Beeilt euch!«, schrie Jorund.
Er erkannte nur Schemen, die von ihren Pferden stiegen, und war verwirrt über diese weitere Unstimmigkeit. Seit wann reiten Barbaren auf Pferden? Er konnte sich einfach nicht zusammenreimen, wer diese Krieger waren. Sechs Gestalten in Schwarz schnitten wie Dämonen aus einer anderen Welt eine Schneise zwischen den Bewohnern von Baradiumsfall hindurch. Die Schreie waren ohrenbetäubend. Jorund warf sich nach vorn in Richtung der Schlachtenreihe, doch dann hielt er voller Grauen inne. Auf den schwarzen Wappenröcken der Krieger prangten zinnenbewehrte Türme und eine aufgehende Sonne. Die Sonnenkohorte.
Das kann nicht sein.
»Hört auf!«, schrie er. »Wir sind Stravirer! Wir stehen auf der gleichen Seite!«
Doch im Wahnsinn des Gemetzels wurde seine Stimme vom Kampfeslärm erstickt.
Aufblitzende Klingen zerschnitten die Luft, während sie Gliedmaßen und Köpfe abtrennten. Binnen weniger kurzer Augenblicke wurden Hunderte dahingemetzelt. Von nur sechs Streitern, wahrlich leibhaftigen Legenden. Jorund fiel auf die Knie, als die Angreifer drohend näher rückten. Das Schwert glitt ihm aus den Händen. Eilig streifte er seine Felle ab, riss sich die Knochenketten und Stammestotems vom Leib und deutete auf die einfache Lederbrustplatte mit dem Wachturm, die er darunter trug.
»Ich bin ein Stravirer!«, schluchzte er und starrte voller Pein auf die unschuldigen Dörfler ringsum, die ein derartig grausiges Ende gefunden hatten. »Wir sind alle Stravirer …«
Elegant steckte einer der Krieger zwei gewaltige Krummschwerter in die Scheiden auf seinen breiten Schultern und schritt über die Leichen hinweg auf ihn zu. Sein schmales Gesicht glänzte im Mondlicht vor Blut.
»Sprich, Mann!«
»Wir sind Stravirer. Wir alle. Wir sind keine Nordländer. Wir sind keine Barbaren.« Er wies auf die Toten. »Sie stammten aus Baradiumsfall.«
Der Hochgewachsene blickte rasch zu den anderen hinüber. »Dimarius?«
Mit verwirrtem Gesichtsausdruck trat eine blonde Gestalt heran. »Warum habt ihr euch als Barbaren verkleidet?«
»Es war ein Befehl des Königs«, murmelte Jorund.
Dimarius schüttelte den Kopf und verneigte sich leicht vor dem hochgewachsenen Krieger, der die Toten ringsum voller Grauen und Trauer anstarrte.
Jorund fuhr zusammen, als er sah, wie Wut und Scham das Antlitz des Soldaten verzerrten. »Was haben wir getan?«, fragte jener voller Bitterkeit.
Niemand hatte eine Antwort für ihn. Der Blick des Wachmanns war voller Tränen. In der Nähe schrie jemand vor Trauer laut auf.
DAS NEUNTE ZEITALTER
131. JAHR
Die Tore der Hölle
»Falls ihr Glück habt, werdet ihr hier sterben.«
Ein Windstoß fegte über den breiten Innenhof und blies Landril die Schneeflocken aus den Bergen ins Gesicht. Damit er sich so richtig elend fühlte, schien sich wie alles andere auch das Wetter gegen ihn verschworen zu haben.
Die Eiseskälte und Landrils Lage waren schon schlimm genug, doch auf ihrem Weg über die schmutzverkrusteten Steinplatten wurden die Gefangenen auf Schritt und Tritt auch noch unerbittlich gequält. Die Wächter verspotteten die Neuankömmlinge, spuckten ihnen ins Gesicht oder griffen sie tätlich an. Landril fragte sich, welch widernatürliches Vergnügen die Halunken an solchem Verhalten fanden. Wie armselig ihr Treiben auch sein mochte, die Gefangenen fühlten sich dadurch noch elender als ohnehin schon, nachdem das Schicksal sie an diesen Ort verschlagen hatte.
»Setzt euch in Bewegung, ihr Missgeburten!«, grunzte ein Wächter und stieß heftig mit dem Speer in Richtung all jener, die seiner Meinung nach nicht schnell genug über den Hof marschierten. »Eure Mütter müssen es mit Yaks getrieben haben, damit sie solche Lahmärsche wie euch gebären konnten.«
Der alte Mann mit Halbglatze vor Landril zuckte vor Schmerz zusammen und spuckte seinem Quälgeist trotzig vor die Füße.
Narr. Genau das wollen sie doch.
Eine Regung. Einen Anlass. Eine Gelegenheit, ihr kindisches Spiel in blutigen Ernst zu verwandeln.
Der Wärter näherte sich rasch und schleuderte den Alten zu Boden, während Landril jeden noch so leisen Anflug von Hilfsbereitschaft in sich niederrang. Die übrigen Häftlinge sahen tatenlos zu, äußerlich völlig ungerührt. Hier kämpfte jeder nur für sich. Die Wächter schlugen den Mann, schleiften ihn über den Stein und zurück in die weiße Weite. Es eilte ihnen offenbar nicht, ihre Taten zu Ende zu bringen, und sie stellten ihre Gewalt ungerührt zur Schau. Vielleicht als Warnung an die Zuschauer.
Landril behielt den Kopf unten und konnte daher nur verstohlen beobachten, wie die vier Wächter immer wieder auf den zusammengekauerten Häftling eintraten. Ein letzter grober Tritt ins Gesicht des Mannes schleuderte dessen Kopf mit einem Knirschen nach hinten. Blut spritzte, und Zähne schlugen auf Stein. Das Opfer brach im Schnee zusammen, während die Kerle sich lachend auf die Schultern klopften. Den Alten ließen sie einfach liegen. Landril war sich nicht sicher, ob er tot war oder noch lebte. Einen Moment lang konnte er den Blick nicht von dem zusammengesunkenen Leib lösen. Sollte dies auch sein Schicksal werden? Er nahm seine Umgebung näher in Augenschein. Wände aus gewaltigen Granitplatten und eine Reihe von Toren, die mehrere Innenhöfe unterteilten, eigens dazu angelegt, das Vorankommen aufständischer Häftlinge zu behindern. Habe ich das Richtige getan?, fragte er sich.
»Willkommen in der Höllenfeste!«, feixte einer der Wächter und winkte die Neuankömmlinge durch.
Kopf nach unten! Niemandem in die Augen sehen!
Die Höllenfeste. Ein passender Name. Viel passender als die offizielle Bezeichnung Zitadelle sechsunddreißig. Die hohen grauen Wände im Stil einer Festung waren auf dem dritthöchsten Gipfel der Seidenspitzberge errichtet worden, sechshundert Schritt über den vor Langem aufgegebenen Handelsrouten aus den Ostkönigreichen. Fernab der heimeligen Annehmlichkeiten von Stravimon. Dies war ein Ort, an dem die abgebrühtesten und schlimmsten Verbrecher verwahrt wurden. Alle jene, die zu gefährlich waren, um in ein gewöhnliches Gefängnis gesteckt zu werden, zugleich aber so wichtig oder gar nützlich, dass sie nicht hingerichtet wurden. Niemand war je von hier entkommen.
Weniger das Maß an Sicherheit machte die Anlage so unverwundbar als vielmehr ihre Lage – die Eiseskälte der Berghänge und die mangelnde Sicht durch den Schnee. Windumtoste, felsige und rutschige Pfade, die man ins dornige Gestrüpp gehauen hatte. Und die Hexen am Fuß des Berges.
Prüfend betrachtete Landril die fünfzehn stravirischen Soldaten in purpurnen Uniformen samt Bronzehelmen, die als Begleitung dienten. Es gab vier Dutzend weitere Männer im eigentlichen Gefängnis, die wahrscheinlich an Kohlefeuern hockten und ihr Pech verfluchten, an den Arsch der Welt versetzt worden zu sein. Sie waren hier genauso gefangen wie die Häftlinge.
Als sein Trupp in den innersten Teil des Gefängnisses eskortiert wurde, drang ihm der Gestank von Scheiße und ungewaschenen Leibern in die Nase. Ob des widerlichen Geruchs musste er fast würgen, war er doch eher an Weihrauch, Raumdüfte und das luxuriöse Stadtleben gewöhnt.
Der Ruf eines Horns hallte von den Wänden wider, und das gigantische Eisentor vor ihnen kreischte dämonisch, während es sich öffnete. Landril warf einen letzten zögernden Blick auf die Freiheit, bevor er mit den anderen Gefangenen durch das Tor zur Hölle gestoßen wurde.
Bei der Gnade der Göttin! Dieser Mistkerl ist hoffentlich noch am Leben, denn sonst bin ich verloren …
Durch Geflüster, durch Blicke und verborgene Gesten konnte jemand mit Landrils Erfahrung rasch nützliches Wissen sammeln. Nach nur wenigen Stunden in Gefangenschaft hatte er einen verschlagen aussehenden Mann von etwa fünfzig Sommern aufgetrieben, der sich äußerst dankbar für ein Päckchen von Landrils eingeschmuggelten Kräutern zeigte.
Sein Name lautete Krund, ein drahtiger Kerl mit ungepflegtem Bart und fettigem grauem Haar, das ihm auf die Schultern herabhing. Er war einer von drei Gefangenen, mit denen sich Landril die Zelle teilen musste. Alle Männer trugen die gleiche Kleidung, dicke graue Tuniken, die kratzten und juckten wie der Ausschlag einer Hafenhure.
»Eins verstehe ich nicht«, sagte Landril und gab den ahnungslosen Neuling.
»Was meinst du?«, seufzte Krund.
»Warum töten sie uns nicht und lassen es damit gut sein?«
»Tja, hier landen nur ganz bestimmte Männer«, raunte Krund. »Einem Dieb wird die Hand abgeschlagen. Ein gewöhnlicher Mörder wird geköpft. Aber wir? Wir sind irgendwem dort draußen noch etwas wert. Also spart man sich unseren Tod auf.«
»Gibt es hier denn auch Berühmtheiten? Bekannte Namen vom Hof?«
Krund warf ihm einen listigen Blick zu. »Woher soll ich das wissen? Hier drinnen ist jeder ein Niemand.«
Mit Mühe hielt Landril seine Enttäuschung im Zaum. Um sicherzugehen, würde er das Gesicht jedes einzelnen Insassen betrachten müssen. Und irgendwann würde er in die kalten, harten Augen des Mannes starren, den er suchte – den Helden der Zwölf Täler, der Qualebene und so gut wie sämtlicher Feldzüge unter der Herrschaft des alten Cedius.
»Wie bist du hier gelandet?«, fragte Krund mit kaum verhohlener Gleichgültigkeit. »Du hast keinen Akzent. Du siehst nicht aus wie einer, der sich mit dem Führen von Klingen auskennt.«
Wissen war Macht, das wusste Landril besser als jeder andere. Er lächelte geheimnisvoll.
»Es handelte sich … sagen wir mal … um eine politische Angelegenheit.«
Krund gluckste, und seine Züge wurden weicher. Sein Hauptaugenmerk galt jedoch noch immer dem Kräuterpäckchen, das Landril ihm gegeben hatte.
»Und du? Was hat dich hierher verschlagen, Krund?«
»Ich war Anwalt in den Diensten eines stravirischen Herzogs. Belassen wir es dabei, dass ich in Vorgänge verwickelt wurde, in die ich nicht hätte verwickelt sein sollen. Doch das Leben ist grausam. Deshalb zu grollen lohnt sich kaum, stimmt’s? Ich habe mich mit meinem Los abgefunden. Und ich lebe noch, nicht wahr? Aber nun bin ich müde, Fremder. Ich könnte etwas Ruhe und Zeit mit deiner milden Gabe gebrauchen.«
Landril ließ Krund in seiner Ecke sitzen und wusste, dass der Mann ihm zur rechten Zeit noch als nützlicher Informant dienen würde. Er sah zu, wie die Tür seiner Zelle mit jäher Endgültigkeit verriegelt wurde. Wenig später erfolgte ein hallendes Gerumpel nach dem anderen, als die übrigen Insassen in ihre Zellen eingeschlossen wurden, die eher an Grüfte erinnerten. Der schmale Lichtstreifen, der durch eine Ritze im Stein hindurchfiel, erhellte den Raum nur wenig. Steinerne Liegen mit schmutzigen Decken, die kaum Wärme boten. Irgendjemand hatte behauptet, die Decken seien Spenden eines benachbarten Klosters. Landril konnte nur hoffen, dass sie noch nicht völlig flohverseucht waren. Ansonsten gab es in diesem Raum nichts als bekritzelte klamme Wände, einen Eimer für die Notdurft und die Gesellschaft elender, hoffnungsloser Gestalten.
Das war es dann also. Landril Devallios, Meisterspion, verreckt hier neben einem Eimer voller Pisse.
Er richtete seine Gedanken auf die vor ihm liegende Aufgabe. Morgen würde er mit der Suche nach dem Mann beginnen, der ihn aus diesem Verlies befreien konnte, und ihm eine Nachricht überbringen. Einige Tage später wären sie nicht mehr hier, falls die Gerüchte zutrafen, die über jenen Mann kursierten. Falls nicht, blieb er bis ans Ende seiner Tage in diesem grässlichen Rattenloch eingekerkert. Dann war der Tod die deutlich bessere Wahl.
Selbst bei einem Mann wie Landril, der sonst gern auf Zeit spielte, sorgten die Bedingungen in der Höllenfeste für Anspannung und Ungeduld. Sie ließen sich mit nichts vergleichen, was ihm je widerfahren war. Und von seiner Beute fehlte noch immer jede Spur. Ein Tag verlief wie der andere.
Sein Leben bemaß sich nur noch in kleinen Qualen – den Rückenschmerzen von den harten Steinplatten, der ständigen Kälte, dem ungenießbaren Fraß, den er zu jeder Mahlzeit mühsam hinunterwürgte. Seine Suche wurde immer verzweifelter. Man ließ die Insassen nur einmal am Tag aus ihren Zellen, sodass Landril nur ein kleines Zeitfenster blieb, um sein Ziel zu finden. Doch die finster dreinblickenden Häftlinge sahen alle gleich aus, unrasiert und verwahrlost. Vielleicht konnte die Körperform als erster Hinweis dienen. Manche Männer waren hager und hatten kaum Fleisch auf den Knochen, wohingegen andere trotz ihres Aufenthalts in dieser Hölle irgendwie ihre Muskeln behalten hatten. Ob der Mann, dessentwegen er hier war, noch genauso stark war wie früher? Er war zwar schon seit Jahren verschwunden, doch zumindest sollte er nicht geschrumpft sein. In den nächsten Tagen schlenderte Landril von Häftling zu Häftling, sorgsam darauf bedacht, seine Suche nicht allzu auffällig zu gestalten. Allzu große Neugier konnte sich in dieser Umgebung als tödlich erweisen. Geschickt horchte er Krund über die anderen Häftlinge aus, doch sein Zellenkamerad wusste kaum etwas über die anderen Gefangenen. Keiner sprach über seine Vergangenheit.
Landril belauschte Gespräche und knüpfte rasch ein Netz aus Insassen, die ihm allesamt Meldung erstatteten. Ironischerweise unterschied sich der Aufbau des Zusammenlebens in diesem Gefängnis nicht sonderlich stark von den höfischen Ränken, wie er sie kannte. Die von ihm eingeschmuggelten Drogen erkauften ihm Augen und Ohren in den dunkleren Ecken des Kerkers, ganz so wie vor einem Jahr, als er noch rings um den Seufzerhof von Stravimon auf der Jagd nach Mördern gewesen war. Doch die Berichte in diesen Kerkern verrieten ihm nichts, was er nicht mit eigenen Augen sehen konnte – finstere Kerle, die gelangweilt und doch stets gewaltbereit herumlungerten. Das übliche Verhalten in einem Gefängnis.
Wie überall sonst existierte auch hier eine Hierarchie. Banden hatten sich gebildet, ganz so, als ob selbst abgebrühteste Kerle eine gewisse Struktur brauchten, die ihnen Halt und Sicherheit bot. Seine Informanten erzählten Landril vom Höllenkönig, den Blutspielern und den Kettenleichen. Die Banden hatten das Gefängnis unter sich aufgeteilt und sorgten dafür, dass für alle genügend verbotene Geschäfte und fragwürdige Gefälligkeiten abfielen, ohne dass sie sich gegenseitig ins Gehege kamen. Landril gelangte zu folgender Erkenntnis: Wenn er überhaupt irgendetwas über den gesuchten Mann herausfinden wollte, hatte er womöglich keine andere Wahl, als sich einer dieser Banden anzuschließen.
Landrils Einschätzung nach stellten die Schergen des Höllenkönigs die mächtigste Fraktion. Wie er hörte, war ihr Anführer ein nachdenklicher, ernster Mann, der im gleichen Maß Strafen und Gnade walten ließ, meist mit raschen und oft blutigen Folgen. Sein Ruf war beängstigend, vermutlich wohl auch deshalb, weil ihn kaum einer je zu Gesicht bekam. Kein Informant aus seinem in aller Eile gespannten Netz konnte Landril eine genaue Beschreibung des Mannes liefern oder beim Hofgang gar verstohlen auf ihn deuten. Es schien fast so, als sei der Höllenkönig alles andere als leicht zu finden. Leider galt dies umgekehrt nicht für Landril.
Der Höllenkönig
Zwei Tage lang hatte der hochgewachsene Häftling den verschlagenen kleinen Neuankömmling beobachtet wie ein hungriger Adler das nichts ahnende Kaninchen. Anfangs hielt er ihn nur für einen weiteren gedungenen Mörder, dem man seinen wahren Namen genannt hatte und der ihm nun unbedingt den Garaus machen wollte. Wie schon bei den gescheiterten Versuchen zuvor fände auch dieser Möchtegernmeuchler ohne jeden Zweifel ein trauriges Ende.
Doch dann erkannte er ihn aus längst vergangenen Tagen wieder. Und er fragte sich, warum er hier gelandet war. Fernab jenes ausschweifenden Lebensstils, den sie beide früher genossen hatten. Weit entfernt von der Stadt. Weit entfernt von allem. Nach der langen Zeit in diesem Gefängnis konnte er sich kaum noch an seine Ankunft erinnern. In ihrer Gleichförmigkeit flossen die Tage ineinander, und seinem eigenen Gedächtnis traute er längst nicht mehr. Jene Erinnerungen jedoch, denen er tatsächlich trauen konnte, gefielen ihm nicht.
Nachdem er damals im Gefängnis angekommen war, hatte er seinen Namen nicht genannt und auch mit niemandem gesprochen. Er hatte sich nicht um die Machtspielchen der Banden geschert und wollte auch in keiner Weise an ihnen beteiligt sein. Doch man ließ ihm keine Wahl – Mollos war schon seit Jahren der Anführer einer der Banden gewesen. Der ehemalige Soldat hatte seinen Tätowierungen am Hals zufolge eine recht beachtliche Dienstzeit hinter sich gebracht und wollte nur seine Dominanz gegenüber dem Neuling unter Beweis stellen. Sie beide waren ähnlich groß und muskelbepackt unter den weiten grauen Tuniken. Die Jahre im Feld hatten ihre Körper bis zur Vervollkommnung gestählt, und sie trugen ausreichend Narben, um zu beweisen, dass sie sich in einem Kampf zu behaupten wussten. Als der bärtige Bandenführer schließlich ein scharfes Stück Feuerstein zog und es dem Neuankömmling in die Schulter rammen wollte, sah dieser den Stoß kommen. Er beobachtete, wie die Wächter nickten und damit zu verstehen gaben, dass sie nicht einzugreifen gedachten. Er beobachtete, wie die anderen zur Seite wichen, um Mollos in dem engen Steinkorridor Platz zu machen. In einer blitzschnellen Bewegung packte er Mollos’ Handgelenk und drosch es so hart gegen den Fels, dass der Feuerstein klirrend zu Boden fiel. Dann versetzte er seinem Angreifer einen Kopfstoß und rammte ihm anschließend das Gesicht gegen die Wand. Mollos sank in sich zusammen, und der Neuankömmling packte ihn mit einer Hand an der Kehle.
Er hätte Mollos’ Leben auf der Stelle ein Ende bereiten können. Beide wussten das, und die grölenden Zuschauer wussten es auch. Doch er entschied sich dagegen. Im Lauf seines Lebens hatte er schon viel zu viel Blut gesehen und stieß Mollos einfach weg. Ehrfürchtig verstummten alle, denn niemand hatte Mollos im Kampf bisher besiegen können. Dieser Neuankömmling hatte dafür nur wenige Herzschläge gebraucht. An jenem Tag hatte er einen Namen erhalten: Höllenkönig. So begann seine Herrschaft in der Höllenfeste.
Letzten Endes beschloss der Höllenkönig, lieber selbst mit dem Spion zu sprechen, bevor dieser noch einem anderen in die Hände fiel. Er befahl seinen Männern, auf der anderen Seite des Hofs für Ablenkung zu sorgen. Und während sie die Aufmerksamkeit der Wächter auf sich lenkten, trat er an den Meisterspion heran.
»Landril«, murmelte der Höllenkönig. »Du bist fernab der Heimat. Und wenn du nicht achtgibst, beendet ein Messer deine Neugier in einer dunklen Ecke.« Er nickte in Richtung einer Gruppe von Blutspielern, die die beiden beäugten.
Landril starrte sein Gegenüber zunächst überrascht an, doch seine Verblüffung wich rasch offener Erleichterung, die er allerdings gleich zu zügeln wusste. »Xavir Argentum. Der Göttin sei Dank. Du bist wirklich noch am Leben.«
»Du hast ein Händchen dafür, das Offensichtliche zu bemerken, Spion.« Sie sprachen mit gesenkten Stimmen. Xavir war sich bewusst, dass man sie dennoch beobachtete und belauschte. Nicht einmal seine eigenen Anhänger ahnten etwas von seiner Vergangenheit, und so sollte es auch bleiben. »Hier drinnen lautet mein Name Höllenkönig«, fuhr er fort. »Am besten benutzt du keinen anderen.«
Landril lächelte. »Ich bin gekommen, um dich zu finden.«
»Das ist dir gelungen«, erwiderte Xavir. »Warum?«
»Ich muss mit dir über eine dringende Angelegenheit sprechen.«
»Mit der Welt dort draußen habe ich nichts mehr zu schaffen.«
»Tja, aber verdammt! Sie will durchaus etwas mit dir zu tun haben.«
Xavir funkelte Landril an. »Der Mann, der ich war, ist dort draußen gestorben. Schon vor Jahren. Meine Schwerter wurden mir genommen. An meinen Händen klebt das Blut Unschuldiger. Deswegen hat man mich hergeschickt, und das war nur rechtens. Für meine Taten gibt es keine Vergebung.«
»Da irrst du dich.« Landrils Worte mochten mutig klingen, doch seine Stimme bebte vor Angst. »Du warst Teil der Sonnenkohorte. Und jetzt lebst du unter Tieren.«
»Es sind ganz gewöhnliche Leute, Spion. Genau wie du. Manche waren früher einmal gute Männer.«
»Es sind Gefängnisratten«, knurrte Landril abschätzig. »Die Niedrigsten der Niedrigen.«
»Das glaubst du nicht ernsthaft. Viele der Häftlinge stammen aus guten Familien. Ein Mann deines Formats dürfte das an ihrem Zungenschlag bemerken. Und du bist schließlich auch hier, oder etwa nicht?«
»Ach ja«, erwiderte Landril. »Allerdings habe ich kein Verbrechen begangen.«
Xavir lächelte kalt und straffte die Schultern. »Alle hier würden etwas ganz Ähnliches behaupten.«
»Aber bei mir verhält es sich anders.«
»Natürlich. Hör zu, Spion! Wer immer du dort draußen warst …« Xavir deutete mit dem Finger gen Westen. »… hier drinnen bist du einen Hundedreck wert.«
»Genau genommen heißt es … Meisterspion. Wie dem auch sei. Du sollst erfahren, was ich zu sagen habe. Du bist nun schon über fünf Jahre hier, Xavir. In dieser Zeit hat sich vieles verändert.«
»Dass die Welt sich ändert, dürfte wohl das einzig Unveränderliche an ihr sein. Bist du hergekommen, um mir Laienphilosophie schmackhaft zu machen?«
Verkrampft rang Landril die Hände. »Lass mich ausreden, verdammt! Vor fünf Jahren hat er dich hier wegsperren lassen. Mardonius und seine Spießgesellen.«
Xavir gab keine Antwort.
»Ein Jahr später wurde er König, musst du wissen«, fuhr Landril fort. »Sobald Cedius verfault war.«
»Dann ist er also tatsächlich tot«, entgegnete Xavir. »Ich hatte das Gerücht gehört, aber glauben mochte ich es nicht.«
»So ist es leider«, bestätigte Landril. »Der Alte war ohne dich und die Sechserlegion nicht mehr derselbe. Dann begann Mardonius mit seiner Kriegstreiberei. Er weitete die Clansgebiete immer mehr aus, und die Herzogtümer wuchsen und wuchsen. Das Volk war glücklich. Die Metallhändler waren glücklich. Die Städte und die Dörfer an den Grenzen verleibte man sich ein, und Stravimon ist heute größer als damals, als du sein Heer geführt hast.«
»Länder sind wie Lungen, Meisterspion. Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Daran ist nichts neu, insbesondere dann nicht, wenn es um die Clans geht. Wir sind ein Volk, das zum Kämpfen geboren wurde. Aber du willst mir wohl kaum erzählen, wie prächtig die Welt ist.«
»Nein, das habe ich nicht vor«, räumte Landril ein. »Mardonius führt einen Feldzug, um unser Land von jenen zu säubern, die die Göttin und andere Götter verehren.«
»Ich bin kein frommer Mann.«
Landril schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nicht. Er begeht einen Völkermord. Tausende unserer eigenen Leute wurden schon getötet. Gute Stravirer wurden ausgelöscht.«
»Wie kann das sein?«
»Ganz einfach! Erst verlangte er höhere Steuern von allen Clans, die sich der Göttin zugehörig fühlten, und danach von jenen, die Göttern wie Balax, Jarinus, Kalladorium und dem Großen Auge huldigten. Plötzlich verfolgte man von den Stützpunkten der königlichen Legion aus die Anhänger sämtlicher Glaubensrichtungen. Wer die Göttin anbetete, den traf es am härtesten, und ihre Verehrer wurden wie Abschaum behandelt. Einige wenige Familien verbargen ihren Glauben, aber der Großteil – viele Zehntausende – bekannte sich weiterhin dazu. Als die Menschen sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen, wurden immer mehr Truppen in ihrer Nähe zusammengezogen, und dann verschwanden die Familien nach und nach. Von den dreißig Clans ist nur noch die Hälfte übrig – und von denen stehen fast alle auf seiner Seite.«
Xavir bedachte die Worte des Meisterspions. »Wie lange ist das her?«
»Die grausamsten Säuberungen begannen im letzten Sommer – während der Erntefeste und der Opferungen für die Göttin, doch die Saat wurde schon lange davor ausgebracht.«
»Die Gläubigen an ihren Feiertagen zu töten ist ein uraltes Vorgehen.«
»Dies ist nur ein Teil meiner Neuigkeiten, Xavir. Die Burgen deiner Familie an der Ostgrenze der Herzogtümer wurden gebrandschatzt. Nur die Festung in Gol Parrak ist erhalten geblieben, aber niemand steht an ihrer Seite.«
»Warum nicht?« Xavir ballte die Fäuste.
Landril trat vorsichtig einen Schritt zurück. »Weil die Clans rings um Gol Parrak während der letzten fünf Jahre bestochen wurden. Sie kämpfen inzwischen für ihn.«
»Hat meine Familie überlebt?« Seit Jahren hatte Xavir nicht an seinen Vater und seine Schwester gedacht. Für zu groß hielt er die Schande, dass er sich in diesem Gefängnis aufhielt.
Landrils Miene verfinsterte sich. »Dein Vater starb bei der Verteidigung Gol Parraks zusammen mit einer Reihe deiner anderen Verwandten. Deine Schwester konnte mit ihren Kindern entkommen.«
Landril wandte sich zu den drei Wächtern um, die an ihnen vorbeimarschierten, ohne dass einer von ihnen Xavir in die Augen geblickt hätte.
»Um mir davon zu berichten, hast du also den weiten Weg zurückgelegt«, murmelte Xavir. »Hast dein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und musstest dich wahrscheinlich auch brandmarken lassen, oder?«
Ein sanftes Nicken. Landril zog den Ärmel hoch und zeigte ein erhabenes X auf dem Oberarm. Das dauerhafte Mal eines Häftlings.
»Du hast Mut, Meisterspion. Das gestehe ich dir gern zu.«
»Zugegebenermaßen habe ich ein Elixier zu mir genommen, bevor man mir das Eisen auf die Haut drückte«, räumte Landril mit einem schiefen Lächeln ein. »Ich habe nichts gespürt, aber ich konnte verdammt noch mal riechen, wie mein eigenes Fleisch gebraten wurde.«
Xavir schüttelte den Kopf. »Warum hast du das alles auf dich genommen? Warum bist du gekommen?«
»Habe ich es denn nicht schon mehrmals gesagt?«, fragte Landril leicht verzweifelt.
»Warum wolltest du mich finden, Spion? Du arbeitest doch stets im Auftrag anderer. Also – wer hat dich geschickt?«, wollte Xavir wissen.
Ein Windstoß fuhr heulend an den Mauern der Festung entlang, und Landril erschauerte.
»Lupara. Die Wolfskönigin.«
Das Schmieden eines Friedens
Davlor, ein lästiger Kerl von zwanzig Sommern mit schütterem braunem Haar, rattenhaften Zügen und kleinen Augen, schlurfte in der abgedunkelten Zelle auf Xavir zu. Der lag auf jener kahlen Steinplatte, die ihm als Bett diente. Auch wenn das Kloster erst an diesem Tag Decken gespendet hatte, achtete Xavir darauf, solche Bequemlichkeiten stets erst als Letzter zu bekommen.
Er war schon eine Weile wach, nachdem ihn ein Albtraum geplagt hatte. Eine Erinnerung. Je härter sich der Stein unter ihm anfühlte, desto schneller konnte er aus dem Schlaf in die Wirklichkeit zurückkehren. Wenn er in diesen Tagen überhaupt Schlaf fand …
Davlor stand mit blutiger Nase neben ihm und wartete.
»Was ist geschehen?«, fragte Xavir.
»Irgendjemand meinte, ein Hexenstein sei hereingeschmuggelt worden, und ich wollte ihn mir holen.«
»Und wozu sollte der dienen?«, erkundigte sich Xavir. »Ein Hexenstein unter lauter Männern?«
Davlor hob die Schultern. »Ich dachte mir, er könnte irgendwie hilfreich sein, Herr.«
Verglichen mit den Neuigkeiten, die Landril über die Verbrechen in der weiten Welt jenseits der Kerkermauern mitgebracht hatte, hörte sich diese Aussage nur umso belangloser und lächerlicher an.
Xavir seufzte. »Und wer ist verantwortlich für den Stein und deine Nase?«
»Gallus von den Kettenleichen«, knurrte Davlor.
»Valderons Männer. Wie üblich. Ich treffe mich mit ihm.«
»Keine Rache?«, fragte Davlor überrascht.
»Nein, Junge.« Xavir ächzte. »Keine Rache. Sie sind immer noch stinkwütend, weil Jedral vor zehn Tagen Fellir die Augen aus den Höhlen gequetscht hat.«
»Aber … meine Nase …«, murmelte Davlor.
»Sieht viel besser aus als vorher«, unterbrach ihn Xavir ruhig. »Du solltest keinen Streit wegen unnötiger Kleinigkeiten anfangen.«
»Trotzdem sollte einer dem Gallus die Nase brechen!«
»Spar dir deinen Eifer für echte Kämpfe auf, Davlor! Du bist erst wenige Monate hier, und nicht nur deine Nase kann noch verstümmelt werden. Gewöhn dich also lieber an die Umstände oder reiß dich am Riemen! Sei immer schön wachsam und halt die Klappe, es sei denn, es geht nicht anders. Befindest du dich in einer Zelle mit Kerlen, denen du nicht über den Weg traust, dann konzentrierst du dich. Hörst zu. Erspürst die Bewegungen. Aber du hältst deine verdammte Klappe. Beherrschst deine Wut. Setzt sie taktisch ein. Falls du immer noch Zeit zu verschwenden hast, dann lauschst du Tylos’ Gedichten.«
In der Nähe lachte jemand laut auf. Es mochte sogar Tylos gewesen sein.
»Du redest immer wie ein Krieger, nie wie ein Häftling.« Davlor musterte Xavir mit beinahe schon kindlicher Begeisterung für den vermeintlichen Ruhm des Soldatenlebens.
Xavir verscheuchte ihn mit einem Wink.
In ihrer gemeinsamen Zelle waren fünf Männer untergebracht, und trotzdem war sie noch geräumig. Im Austausch für diesen ganz besonderen Aufenthaltsort hatte Xavir eine kleine Vereinbarung mit einem der Wärter getroffen.
Er hörte Davlor immer noch Flüche über Gallus murmeln. Als verhältnismäßig neuer Insasse konnte Davlor nicht einmal erahnen, welche Anstrengungen es kostete, den Frieden zwischen den Banden ansatzweise zu bewahren. Andernfalls wäre jeden Tag Blut geflossen.
Politik.
Wie ironisch, dass es auch hier Hierarchien, Verhandlungen und Absprachen gab! Wäre es in der Welt dort draußen anders gewesen?, fragte sich Xavir. Dies war nun sein Königreich, während ihm früher einmal fast ein anderes gehört hatte. Aber auch dort hätte es Politik gegeben. Nur wäre sie eben in feinerer Kleidung gemacht worden.
Das Gespräch mit Landril hatte einen alten Funken in Xavir neu angefacht. In ihm loderte eine Glut, die er so lange unterdrückt hatte, bis sie ihm erst zur Gewohnheit und dann zu einem Teil seines innersten Wesens geworden war. Nach dem ersten Jahr war ihm kein einziges Mal der Gedanke gekommen, die Höllenfeste verlassen zu wollen. Er hatte eine eigene Umgangsform mit seiner Lage gefunden und empfand eine persönliche Befriedigung, wenn er andere verlorene Männer vor dem völligen Absturz bewahrte. Seine Bande war zu einem Ersatz für seinen Clan geworden, und das gefiel ihm gut.
Aber … nun da Landril ihm eine neue Vision vorgegeben hatte, lagen die Dinge anders. Die Welt dort draußen – die Herzogtümer und Stravimon – steckte in einer Krise. Die Menschen starben. Ausgerechnet Lupara war in Landrils Ränke verstrickt. Das deutete auf wirklich schlimme Zeiten hin. In gewisser Weise war die Höllenfeste keine Strafe mehr, sondern eher eine sichere Zuflucht vor dem wütenden Sturm.
Bei dem Gedanken lachte Xavir unwillkürlich auf.
»Was ist denn so lustig, Herr?«, rief Davlor aus der Finsternis.
»Die Welt bricht in sich zusammen«, murmelte Xavir. »Und wir sind am sichersten Ort, der sich nur vorstellen lässt.«
»Hört ihr das? Mir scheint fast, als weile er schon nicht mehr gänzlich unter uns«, stellte Tylos mit einem Lächeln fest. Wie gewohnt klang der geschliffene Tonfall des Schwarzen eher nach einem Kompliment als nach einer Beleidigung. Tylos saß im Kerker, weil er ein Dieb mit teurem Geschmack war. Xavir schätzte seine Gesellschaft und seine südländische Philosophie.
»Der Wichser war schon immer irre«, sagte Jedral. »Das geht schließlich jedem von uns irgendwann so.« Der wild aussehende Glatzkopf scherzte gern darüber, dass er seine Eltern wegen seines Erbes umgebracht hatte. Aber er war ein notorischer Lügner, und die Gründe für seine Inhaftierung wurden mit jeder neuen Erzählung ungeheuerlicher. Doch Jedral hatte Xavir schon mehr als einmal den Rücken gestärkt, und das genügte dem Höllenkönig.
Die anderen glucksten düster, ein Geräusch das bald vom heulenden Wind in den alten Steinfluren verdrängt wurde.
»Dann haltet ihr mich mit Sicherheit für verrückt, sobald ihr erfahren habt, was ich euch vorschlage«, verkündete Xavir.