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Das Glück in den Baumkronen

Schon als kleiner Junge war James Aldred fasziniert von der majestätischen Schönheit der Bäume, und nichts konnte ihn am Boden halten. Aus seiner Leidenschaft hat der Abenteurer einen Beruf gemacht: Er erklettert als Fotograf und Filmemacher die höchsten Baumwipfel der Welt und verbringt manche Nacht in einer Hängematte in schwindelnden Höhen – auf würgenden Feigenbäumen in Borneo, Brüllaffenbäumen in Costa Rica, monumentalen Moabibäumen im Kongo und auf kolossalen australischen Königs-Eukalyptus-Bäumen. Eine faszinierende Reise um die Welt und zugleich ein zutiefst persönliches Bekenntnis: über die Liebe zur Natur und den Zauber, den Boden der Tatsachen zu verlassen und emporzusteigen in eine grüne Welt zwischen Himmel und Erde …

JAMES ALDRED

DER MANN,

DER AUF

BÄUME KLETTERT

Einblicke in einen verborgenen Kosmos

zwischen Himmel und Erde

Aus dem Englischen von

Sabine Lohmann und Andreas Gressmann

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel The Man Who Climbs Trees bei WH Allan, einem Imprint von Random House Group Limited, 20 Vauxhall Bridge Road, London.

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Copyright 2017 © by James Aldred

First published as The Man Who Climbs Trees by WH Allan, an imprint of Ebury. Ebury is part of the Penguin Random House group of companies.

© der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Ludwig Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Bertram, Gelsenkirchen

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München

Umschlagsfoto: © James Aldred

Fotos Kapitelaufmachung: © James Aldred

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-22720-3
V001

www.ludwig-verlag.de

Für dich, Yogita

Mera pehla, mera aakhiree,

mera sachcha pyaar

Noch nie war er sich so plötzlich und so deutlich bewusst geworden, wie sich die Haut eines Baumes anfühlte und wie viel Leben in ihm steckte. Eine Wonne überkam ihn beim Anblick und Berühren des Holzes, nicht wie sie ein Förster oder Zimmermann empfunden hätte; es war die Wonne des lebendigen Baumes selbst.

J. R. R. TOLKIEN, DER HERR DER RINGE

Bäume sind Gedichte, die die Erde auf den Himmel schreibt.

KHALIL GIBRAN, SAND UND SCHAUM

PROLOG

Anfänge

1988

Der Morast saugte sich an meinem linken Stiefel fest, brachte mich aus dem Gleichgewicht. Ich spürte, wie die morastige Suppe durch die Schnürlöcher eindrang. Vor mir entdeckte ich ein festes Grasbüschel und wälzte mich darauf. Ich griff nach einem über mir hängenden Zweig und zog mein Bein aus dem Sumpf, rappelte mich auf und krabbelte auf festen Boden. Knochentrockene Laubbrösel klebten auf den schwarzen Schlammspuren an meinen Hosenbeinen.

Trügerische Moore sind eine echte Spezialität des New Forest in Südengland. Am selben Tag hatte ich schon einmal einen Fuß auf scheinbar festen Boden gesetzt, der aber sofort zu schwanken und zu federn begann wie die dünne Haut eines Schlauchboots. Wenn man durch die Decke aus Moos und Gräsern auf der Oberfläche eines Regenmoores bricht, kann man innerhalb von Sekunden bis zum Hals drinstecken. Ich hatte schon eine Menge grünbemooste Tierknochen gesehen, die aus solchen Sümpfen ragten – eine schauerliche Mahnung, einen weiten Bogen darum zu machen. Doch als 13-Jähriger musste ich noch lernen, wie man eine Landschaft liest, und manchmal gewann meine Ungeduld die Oberhand über die Vorsicht. Ich atmete tief durch und wischte mir die Hände ab. Beim nächsten Mal würde ich lieber einen Umweg von zehn Minuten in Kauf nehmen und den Sumpf umgehen, so viel war sicher.

Ich zog meine Karte hervor: Stinking Edge Wood, stinkender Waldrand. Das passte. Als ich mich setzte, um mit einer Socke den Dreck zwischen meinen Zehen zu entfernen, hallte in der Ferne dumpfes Getrappel und das scharfe Knacken von Ästen durch den Wald. Ich war einem Rudel von Damhirschen gefolgt, doch diese Geräusche waren zu heftig und zu laut, als dass sie von ihnen herrühren konnten. Ich zog meinen Stiefel wieder an und bewegte mich langsam zwischen den Bäumen voran. Der Boden war übersät von großen toten Ästen, abgeworfen aus den dichten Baumkronen über mir. Die Nachmittagssonne strömte in den offenen Raum zwischen den Bäumen, und ein staubiger Dunst hing in der Luft.

Die Hufschläge kamen näher, und ich vernahm ein Wiehern. Ein tiefes Trommeln erschütterte den Boden, dann brach eine Herde Ponys zwischen den Bäumen hervor und hielt direkt auf mich zu. Ein Dutzend Stuten, mit geblähten Nüstern und wilden Mähnen, in denen sich Farne und Ranken verfangen hatten.

Eine fieberhafte Erregung ging von ihnen aus, eine gefährliche Energie lag in der Luft. Sie galoppierten in einer Spirale mit den Köpfen nach innen gerichtet, und hinter ihnen erblickte ich zwei weiße Hengste, die in einem wilden Sturm von Zähnen, Hufen und Geifer umeinander wirbelten. Verdrehte Augen, aufgeblähte rosa Nüstern, gebleckte Zähne. Sie bockten, schlugen aus und wandten sich die Kehrseite zu, um einander heftige Tritte mit den Hinterbeinen zu verpassen. Die Stuten schrien fast vor Erregung, stießen ein lang gezogenes Wiehern aus. Wieder erbebte der Boden, und mir wurde plötzlich bewusst, dass die ganze Herde trotz der großen Nähe meine Anwesenheit noch gar nicht bemerkt hatte. Die Luft war erfüllt von ihrem scharfen Geruch, und es bestand die reale Gefahr, dass ich in das Getümmel hineingeriet, niedergetrampelt und überrannt wurde. Mit einem Mal bekam ich Panik, als mir klar wurde, dass mir nur wenige Augenblicke blieben, um Schutz zu finden.

Die Stuten setzten sich wieder in Bewegung, sie umkreisten in wilder Hatz die beiden Hengste und kamen bedrohlich näher. Rennend konnte ich ihnen nicht entkommen. Ich trat zurück und spürte einen Baumstamm hinter meinem Rücken. Eine dicke Eiche, doch es waren zu viele Ponys, als dass sie mir echten Schutz hätte bieten können. Die untersten Äste saßen hoch über mir außer Reichweite am Stamm. Mir schlug das Herz bis zum Hals, und meine Beine fingen an zu zittern. Als ich mit den Händen verzweifelt über die Rinde fuhr, spürte ich einen alten Eisenhaken, der aus dem Stamm hervorstand. Er steckte schon so lange dort, dass der Baum ihn fast überwuchert hatte, ragte jedoch gerade genug hervor, um als Stütze zu dienen. Über ihm fand ich einen zweiten, dann einen dritten, vierten und fünften – und im Handumdrehen lag ich bäuchlings auf einem breiten Ast und blickte hinunter auf die muskulösen Rücken der Hengste, die zwei Meter unterhalb von mir umeinander wirbelten. Die Eiche stand im Mittelpunkt einer wogenden Masse außer Rand und Band geratener Ponys.

Die Luft war von Staub und Lärm erfüllt, und ich klammerte mich fest an die knorrige Rinde, in meinem Kopf drehte sich alles, mein Puls raste, das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Einer der Hengste stob davon, worauf die ganze Herde ihm nachsetzte und zwischen den Bäumen verschwand. Ich lauschte auf das sich entfernende Getrommel der Hufe auf dem trockenen Boden und atmete tief durch, dankbar, dass mir das Schicksal zur rechten Zeit diese Zuflucht geschenkt hatte. Im Wald kehrte wieder Frieden ein, und nach und nach legte sich der Staub.

Erst jetzt betrachtete ich meine Umgebung und stellte fest, dass ich auf einer alten Kopfeiche saß. Die Eisenhaken zeugten davon, dass jemand, vielleicht ein Forstaufseher oder auch ein Wilderer, den Baum vor vielen Jahren regelmäßig benutzt hatte. Vielleicht als Ausguck oder auch als Versteck, lange bevor ich selbst auf ihm Zuflucht gesucht hatte.

Die breiten Äste dehnten sich von der Mitte waagerecht aus und bogen sich an den Enden nach oben, wie die Finger einer riesigen, gekrümmten Hand. Ich rutschte zurück in das Zentrum dieser schutzbietenden Handfläche und wartete, bis mein Puls sich beruhigte. Nach einer Weile tauchte zwischen den Bäumen die kleine Damwildherde auf, der ich gefolgt war, suchte sich sorgfältig einen Weg durch das aufgewirbelte Laub und zog auf den Spuren der Ponys unter mir vorbei. Die Tiere waren die ganze Zeit über in der Nähe gewesen, und es verblüffte mich, dass offenbar kein einziges mich gesehen oder gewittert hatte, obwohl ich direkt über ihnen in den Armen der Eiche kauerte.

Einmal in den Ästen dieses Baumes, hatte ich eine riesige Erleichterung verspürt. Ich wusste sofort, dass ich mich in Sicherheit vor dem Kampfgetümmel unter mir befand, und das Schauspiel der vorbeiziehenden Damhirsche hatte das Gefühl noch verstärkt, mich an einem entrückten Zufluchtsort zu befinden. Darüber hinaus fühlte ich eine uralte Verbundenheit mit demjenigen, der irgendwann diese Eisenhaken eingeschlagen und auf denselben Ästen gesessen hatte, auf denen ich jetzt saß, als sei die seither verflossene Zeit vollständig eingedampft.

Ich habe diese Eiche am Rande des Stinking Edge Wood später noch viele Male aufgesucht. Diese Eisenhaken sind eine greifbare Erinnerung daran, dass Bäume einem anderen Zeitmaßstab folgen, dass das Leben eines Baumes ohne Weiteres Dutzende von menschlichen Generationen umfassen kann. Wenn ich auf seine Riesenarme klettere, entsinne ich mich jedes Mal jenes aufregenden Tages im Jahr 1988, als ich als 13-jähriger Junge zum ersten Mal entdeckte, dass Bäume Zufluchtsorte sind und neue Aussichtspunkte bieten, von deren Warte aus man auf unsere Welt hinabblicken kann. Auch heute noch, fast 30 Jahre später, grüble ich zuweilen darüber nach, wie es sich fügen konnte, dass er einfach dort für mich bereitstand. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit, als ich ihn am dringendsten benötigte.

EINLEITUNG

Wie ich zu meinem Beruf kam

Ein plötzlicher Luftzug, der meine Hängematte sanft zum Schwingen brachte, hatte mich geweckt. Auf der Seite liegend starrte ich in schlaftrunkener Verwunderung auf den prähistorisch aussehenden Vogel, der soeben in meiner Nähe gelandet war. Ich befand mich in 60 Metern Höhe über dem Erdboden im Wipfel eines Baumes auf Borneo, und ich hatte noch nie einen Rhinozerosvogel aus so großer Nähe gesehen. Er hatte mich noch nicht bemerkt und war damit beschäftigt, sein Brustgefieder mit seinem langen Schnabel zu putzen. Auf seinem Scheitel saß ein feuriger, nach oben gebogener Helm, wie ein knallbunter türkischer Pantoffel – grelle Rot- und Gelbtöne, die im Halbdunkel der Dämmerung aufleuchteten. Ich war wie verzaubert.

Ein paar Sekunden später erstarrte er, dann hob er seinen Flugsaurierkopf, musterte mich mit einem rubinroten Auge, um sich gleich darauf von seinem Ast gleiten zu lassen. Riesige schwarze Flügel entfalteten sich, um sein Gewicht aufzufangen, und im nächsten Augenblick war er verschwunden, vom dichten Morgennebel verschluckt.

Ich rollte mich wieder auf den Rücken und starrte hinauf in das ungeheure Astwerk. Eine lange Nacht lag hinter mir. Der Schweiß vom gestrigen Klettern war schon längst zu einer klebrigen Schmiere geronnen, die meinen ganzen Körper bedeckte. Meine Kleidung war feucht, sandig und aufgerissen, und beißende Ameisen krabbelten über meine Haut. Irgendetwas hatte einen brennenden Ausschlag auf meiner Brust verursacht, und um Mitternacht herum war ich zweimal von einer nachtaktiven Wespe im Gesicht gestochen worden. Aber das war es mir wert. Eine solche Begegnung mit einem Rhinozerosvogel – das war es, wonach ich im Grunde genommen suchte. Mit einem Mal fühlte ich mich in meine ureigene Traumwelt aus wabernden Nebelschwaden und märchenhaften Geschöpfen versetzt. Es gab keinen Ort, an dem ich lieber gewesen wäre.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Borneo war mir kalt, eine angenehme Abwechslung zu der in diesen Regenwäldern normalerweise herrschenden drückenden Hitze. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufging, doch einstweilen genoss ich den Zustand, auf dem Rücken zu liegen und zu beobachten, wie die einzelnen Wassertröpfchen vorbeischwebten. Sie wirbelten in den sichtbaren Luftströmen umher und kondensierten auf dem Metall meiner Kletterausrüstung zu glänzenden Perlen. Ich hatte in meinem Klettergurt geschlafen, der an einem Seil befestigt war, meine einzige direkte Verbindung zu der anderen Welt weit unter mir.

* * *

Der gestrige Kletterakt hatte schon fast etwas von einer Mission gehabt. Borneo ist von dem größten tropischen Regenwald dieser Erde bedeckt, und viele der hiesigen Laubbäume sind weit über 70 Meter hoch, mit Stämmen, an denen erst in fast 50 Metern Höhe die ersten Äste entspringen. Hohe gerade Pfeiler aus Holz, die in großer Höhe umfangreiche Schirme aus Ästen tragen. Ein Seil dort oben anzubringen war oft schier unmöglich.

Aus Erfahrung wusste ich, dass mein Katapult einen 200-Gramm-Wurfbeutel in eine Höhe von etwa 50 Metern befördern konnte. Doch immer wieder verfehlte der Beutel den angepeilten Ast, und die an ihm befestigte dünne Schnur trudelte erneut abwärts und blieb schlaff und leblos im Unterwuchs hängen. Der Ast war offensichtlich deutlich höher als ich angenommen hatte. Entnervt befestigte ich schließlich das Katapult an einer drei Meter langen Stange und zog unter Einsatz meines Körpergewichts das ächzende Gummiband bis zum Boden hinunter. Meine Muskeln zitterten, als ich in die Hocke ging und auf den Ast hoch über mir zielte. Als ich losließ, schnalzte das Gummi wie eine Peitsche und zog sich zu einer schlaffen Schlaufe zusammen. Ich ließ die Stange zu Boden fallen. Der Beutel schoss durch die Lücke im dichten Unterwuchs und erreichte den angepeilten Ast, den er nur um Zentimeter überflog. Dann sauste er wieder abwärts, die Schnur zischte mit einem hohen Pfeifton hinterher, bevor der Beutel sich schließlich mit einem dumpfen Schlag in das am Boden verstreute Laub bohrte. Danach kehrte wieder Stille ein. Mit dem beschlagenen Feldstecher versuchte ich den Verlauf der dünnen Schnur gegen den hellen tropischen Himmel über mir zu verfolgen. Endlich doch noch ein gelungener Versuch.

Mit Hilfe der Schnur zog ich mein Kletterseil zu dem Ast empor und wieder zurück zum Boden, wo ich es um den Fuß eines benachbarten Baumes schlang und festknotete.

Der Beginn einer Kletterpartie in die Krone eines solchen Baumriesen ist immer eine langsame und mühselige Sache. Die meiste Energie wird von der Elastizität eines derartig langen Seils aufgesaugt. An die 120 Meter Seil waren im vorliegenden Fall im Einsatz, daher hüpfte ich unfreiwillig auf und nieder, wenn sich das Nylon dehnte und wieder zusammenzog. Immer wieder stolperte ich zwischen die riesigen Brettwurzeln, und erst als ich schon ein gutes Stück weit hinaufgekommen war, konnte ich beide Füße gegen den Stamm stemmen und einen festeren Halt gewinnen. Mit Hilfe von zwei Steigklemmen, einer Technik, die unter Kletterern auch »Jümarn« genannt wird, arbeitete ich mich Stück für Stück an dem dünnen Nylonseil nach oben. Rhythmus ist beim Klettern entscheidend, und dabei lohnt es sich, die eigenen Bewegungen mit dem natürlichen Auf- und Abschwingen des Seils zu synchronisieren. Dennoch stand mir ein langer Aufstieg am freien Seil bevor. Meine Arme waren bereits erschöpft von dem Kraftakt, den es mich gekostet hatte, den Wurfbeutel in die Höhe zu katapultieren, daher stemmte ich mich, um meine Armmuskeln zu entlasten, in erster Linie mit Hilfe meiner Beine aufwärts.

Die nächste Herausforderung bestand darin, sich durch das Gestrüpp des Unterwuchses nach oben zu arbeiten. Ranken umschlangen mich wie Tentakel, Blätter wischten mir über das verschwitzte Gesicht, hinterließen Staub und Algen in Augen und Ohren. Die ungeheure Menge an biologischem Abfall, auf die man in diesen unteren Bereichen stößt, ist unglaublich. Aufgefangen von einem Netz aus Blätterwerk, stauen sich dort die Ablagerungen von Jahrzehnten, tote Äste und verrottende Pflanzenteile, und warten nur darauf, befreit zu werden. Die ersten 15 Meter waren ein Kampf mit dem Dreck. Pflanzlicher Abfall fiel in Minilawinen auf mich herunter, um sich an meinen schweißnassen Kleidern festzusetzen, und bei jedem Ruck des Seils regnete feiner schwarzer Kompost auf mich herab. Aber es gab nur diesen einen Weg nach oben: die vorgegebene Linie des gespannten Seils über mir. Als ich endlich in den offenen Raum oberhalb des Unterwuchses vorstieß, war ich über und über mit Schmutz bedeckt.

Obwohl es spät am Nachmittag war, traf mich die tropische Sonne mit voller Wucht, als ich mit dem Kopf aus dem Unterwuchs auftauchte. Auf den folgenden 30 Metern gab es nichts als den offenen Raum und den monolithischen Baumstamm neben mir. Diese astlose Region ist ein merkwürdiges Zwischenreich, in der ein Kletterer vollkommen der gefährlichen Situation ausgesetzt ist, in großer Höhe über dem Erdboden an einem Nylonfaden zu baumeln. Indem ich mich ganz auf die braune schuppige Borke vor meinen Augen konzentrierte, arbeitete ich mich Stück für Stück weiter hinauf zur Baumkrone, die Sicherheit verhieß.

Zehn Stockwerke über dem Erdboden, befand ich mich jetzt auf halbem Weg nach oben, und der Baumstamm hatte immer noch einen Durchmesser von eineinhalb Metern. Diese Laubbäume auf Borneo sind, was ihre Dimensionen betrifft, mit keinen Laubhölzern der Welt vergleichbar. Ich hielt inne und schwang mich herum, um die Aussicht zu genießen. Ich hatte mir diesen Augenblick bis zu dem Zeitpunkt aufgespart, an dem ich schon ein gutes Stück über den Unterwuchs hinausgelangt war, damit es sich auch lohnte. Doch während des Kletterns hatte ich die ganze Zeit ihre Präsenz hinter meinem Rücken gespürt. Eine fast greifbare, brütende Wachsamkeit, als bohrten sich Tausende verborgener Augenpaare aus dem umliegenden Dschungel in mich.

Langsam kreiste ich an meinem Seil und wurde von einer der atemberaubendsten Aussichten begrüßt, die ich je gesehen hatte. Dichter Regenwald breitete sich vor mir aus, fiel steil von der Bergkante ab, um in der Tiefe in eine reizvolle Landschaft aus Baumriesen überzugehen. Gegen den Horizont, viele Meilen entfernt, stieg der Wald wieder an und überwucherte eine Kette von hohen, zerklüfteten Hügeln. Ein weiter Ozean von unerforschtem, jungfräulichem Dschungel. Welche Wunder warteten in jenen Bäumen dort drüben auf ihre Entdeckung?

Ich war jetzt an meinem Seil der brennenden Sonne voll ausgesetzt und spürte, wie mir der Schweiß zwischen den Schulterblättern den Rücken hinunterlief. Die Luft war von Feuchtigkeit gesättigt, und in der Ferne hörte ich Donnergrollen. Als ich die Arme ausstreckte, um den nächsten Klimmzug in Angriff zu nehmen, war mein Hemd bereits durchnässt und klebte mir wie Frischhaltefolie am Körper. Ich stemmte mich weiter hinauf in den gesprenkelten Schatten der Baumkrone über mir. Bald erreichte ich meinen Ast, 60 Meter über dem Boden, und nachdem ich mich keuchend hinaufgeschwungen hatte, nahm ich den Helm ab, um die überschüssige Körperwärme zu verringern.

Die folgenden 20 Minuten verbrachte ich damit, meine Hängematte zwischen zwei waagerechten Ästen aufzuspannen. Als ich mich schließlich hineinrollen ließ und mein erschöpfter Körper zu einem Bündel Knochen und Fleisch zusammensackte, schwand bereits das Tageslicht. Die Donnerschläge, weit entfernt zunächst, wurden immer lauter und folgten immer dichter aufeinander. Nicht lange danach öffneten sich die Himmelsschleusen, und süßer, schwerer Regen fiel in meine hohlen Hände, als ich mir den Schmutz aus dem Gesicht wusch. Das Wasser schmeckte metallisch und prickelnd. Fast elektrisch, so rein und frisch war es. Der Regen dauerte nur etwa eine halbe Stunde an, doch bis er aufhörte, hatten sich einige Zentimeter Wasser in der Hängematte angesammelt. Daher wälzte ich mich auf eine Seite und kippte es über die Kante auf den Waldboden weit unter mir. Noch bevor es gänzlich dunkel wurde, sank ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Abgesehen von dem Zwischenfall mit den Wespen um Mitternacht, hatte ich gut geschlafen. Der Nebel löste sich allmählich auf, und weit über mir entdeckte ich die ersten Anzeichen von Blau. Ein klarer Sonnenaufgang kündigte sich an. Ich kam mir dekadent vor, wie ich einfach so dalag und nichts anderes zu tun hatte, als auf den langsamen Beginn eines neuen Tages zu warten. Eingekapselt in meiner nebligen Umgebung, fragte ich mich, warum ich dieses tiefe Bedürfnis verspürt hatte, unbedingt eine Nacht in diesem Baum verbringen zu müssen.

Komfortabel und gemütlich war es nun wirklich nicht. Ich hatte in meinem Klettergurtzeug geschlafen und schon vor einer Ewigkeit meinen gesamten Proviant verspeist, sodass ich jetzt hungrig war wie ein Wolf. Außerdem war ich von so vielen Insekten gestochen und gebissen worden, dass mein Körper sich wie ein großer Klumpen Histamin anfühlte. Und dennoch war ich mit mir im Reinen. Vollständig mit mir und der Welt um mich herum im Reinen. Doch warum? Was war es, was das Klettern auf Bäume so anziehend machte und eine so starke Wirkung auf mich ausübte? Und wie hatte ich es bloß geschafft, mir meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen?

* * *

Ich war nach Borneo gereist, um Wissenschaftlern beizubringen, wie man auf Bäume klettert, sie in den Gebrauch der Seile und Klettergeräte einzuweisen und ihre ersten Übungen zu begleiten, bis sie sicher in eigener Regie klettern konnten. Sie waren hier draußen, um die Beziehung zwischen unserem Planeten und seiner Atmosphäre zu untersuchen, eine ungemein wertvolle Tätigkeit, bei der sie Daten gewannen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Ihre Forschungsarbeit war anregend und wichtig.

Doch obwohl ich sie gern unterrichtete, war ich nicht in erster Linie deswegen in Borneo. Eigentlich brauchte ich keinen Anlass, um hierherzukommen und zu klettern. Meine Leidenschaft für das Baumklettern ist mehr als nur beruflich bedingt, sie gründet sich auf etwas, das ich zum ersten Mal gespürt habe, als ich als Junge in die Krone jener Eiche im New Forest kletterte. Bäume haben einfach etwas an sich, das mich fesselt und mich immer wieder dazu bringt, ihre Nähe zu suchen und mich in ihnen aufzuhalten.

In vielerlei Hinsicht verkörpern sie für mich das wahre Wesen der Natur. Sie verschaffen uns eine lebendige Verbindung zu unserem Planeten, überbrücken gewissermaßen die Kluft zwischen unserer eigenen Vergänglichkeit und der Welt, die uns umgibt. Ich habe das Gefühl, einen flüchtigen Blick auf eine uralte, halb vergessene Welt zu erhaschen, wenn ich sie erklettere, und aus irgendeinem Grund gibt mir das ein gutes Gefühl. Es hilft mir dabei, mich daran zu erinnern, welcher Platz mir im Getriebe der Welt zukommt.

In erster Linie jedoch entspringt mein Glücksgefühl einem tief verwurzelten Glauben, dass jeder Baum eine einzigartige Persönlichkeit besitzt, die zum Kletterer spricht, sofern dieser gewillt ist, ihr zuzuhören. Sei es das sanft schimmernde Leuchten einer Buchenkrone im Frühling oder das umfangreiche, von der Sonne gesengte Blätterdach eines tropischen Riesen, jeder Baum hat einen einzigartigen Charakter, und es ist das beglückende Gefühl, sie ein wenig besser kennenzulernen – sich physisch mit ihnen zu verbinden, wenn auch nur für kurze Zeit –, das mich immer wieder auf ihre Äste hinauftreibt. Als lebende Botschafter der Vergangenheit verdienen sie meiner Meinung nach unseren tiefen, bleibenden Respekt, und ich möchte wetten, dass die meisten von uns irgendwann in ihrem Leben eine emotionale Bindung zu ihnen entwickelt haben.

* * *

Meine Leidenschaft für das Baumklettern entsprang auch dem heftigen Wunsch, die wunderbaren Dinge zu entdecken, die sich in ihrem Geäst verbergen. Schon in der Krone des kleinsten Baumes sind ganze Welten enthalten, und dies gilt natürlich erst recht für die gewaltige Krone eines Waldgiganten wie demjenigen, auf dem ich mich gerade befand. Die Baumkronenregion beherbergt Myriaden von Lebewesen, die niemals den Erdboden berühren, ihr gesamtes Leben dort oben verbringen. Jagen, Nahrung suchen, sich fortpflanzen, leben und sterben in einem unerforschten Reich unter den Baumwipfeln. Eingebettet in einen endlosen Kreislauf aus verborgenen Dramen, die sich seit Millionen von Jahren immer wieder abgespielt haben.

Eine Begegnung Auge in Auge mit einem Orang-Utan 20 Stockwerke über dem Boden des Regenwaldes ist ein bewegendes Erlebnis. Doch auch von den heimatlichen Bäumen geht für mich noch immer dieselbe Faszination aus wie ehedem. Ich erinnere mich noch lebhaft an das zarte, durchscheinende Grün der ersten Laubheuschrecke, die ich in den Baumkronen des New Forest gesehen habe, und an die Art, wie sie von einem Blatt hüpfte, durch die Lüfte segelte und dabei ihre unglaublich langen Fühler ausbreitete wie ein winziger Fallschirmspringer.

Es war der Wunsch, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen und meinen Beitrag zur Erschließung dieser unbekannten Welt der Baumkronen zu leisten, der mich zum Naturfilm geführt hat. Fotografie und Baumklettern gingen Hand in Hand, und so war ich mit 16 Jahren fest entschlossen, Tierfilmer zu werden.

Doch als ich schließlich College und Universität verließ, wurde mir schnell klar, dass ein Diplom keinen Ersatz für praktische Kameraerfahrung war und ich noch eine Menge zu lernen hatte. Daher nahm ich jeden Job als Kameraassistent an, der mir angeboten wurde, und arbeitete ohne Bezahlung, nur um Erfahrungen zu sammeln. Ich schob Nachtschichten in Fabriken und machte alles Mögliche andere, um über die Runden zu kommen. Es gibt kaum einen trostloseren Job als vom Winde verwehten Müll im Umkreis einer Deponie von den Zäunen zu pflücken, daher war ich extrem erleichtert, als man mir schließlich meinen ersten bezahlten Assistentenjob bei einer Produktion in Marokko anbot. Einige Jahre später hatte ich genug Geld gespart, um versuchsweise nach Bristol – dem Standort der naturwissenschaftlichen Abteilung der BBC – zu ziehen, wo meine Fähigkeiten als Baumkletterer und Assistent allmählich nachgefragt wurden. Es sollte noch lange dauern – ungefähr zehn Jahre –, bis ich schließlich vom Assistenten zum Kameramann aufstieg, doch es war ein unglaublicher Weg, und ich habe jeden Schritt genossen.

Und obschon für mich heute nicht mehr ganz nachvollziehbar ist, wie ich es letztlich dahin gebracht habe, wo ich heute stehe, empfinde ich unter dem Strich tiefe Dankbarkeit und kann mir einfach nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Und immer wenn ich einen Anflug von mürrischer Laune verspüre, wenn ich gerade von Insekten gestochen und gebissen werde, während ich im Dschungel 30 Meter über dem Boden aus einem Kameraversteck heraus filme, sehe ich es als meine Pflicht an, mir eine metaphorische Ohrfeige zu verpassen, nur für den Fall, dass ich in Versuchung gerate, selbstzufrieden zu werden und alles für selbstverständlich zu halten.

So sehr ich die Arbeit mit der Kamera liebe, die Basis von allem ist nach wie vor meine ungeschmälerte Leidenschaft für Bäume. Und selbst wenn ich einen ganz anderen Beruf gewählt hätte, würde ich heute, dessen bin ich mir ganz sicher, immer noch auf Bäume klettern, um ihnen so nahe wie möglich zu sein.

Meinen ersten großen Baum habe ich mit Seilen erklommen, als ich 16 war. Die Jahre dazwischen sind in einem Durcheinander aus Ästen und Laub vorbeigerast, und mittlerweile dürfte ich auf genug Bäume geklettert sein, um einen ganzen Wald damit zu füllen. Doch obwohl ich mich an viele nicht mehr deutlich erinnern kann, gibt es einzelne, die aus dem Nebel der Erinnerung herausragen – besondere Bäume, die ich so deutlich vor mir sehe, als hätte ich erst gestern in ihrer Krone gesessen. Wie sich ihre Rinde anfühlte, wie ihr Holz roch, wie ihre Äste geformt waren, ganz zu schweigen von den wunderbaren Tieren und Menschen, denen ich in ihren Kronen begegnet bin.

* * *

Zurück nach Borneo, wo sich die Luft mit den ersten Sonnenstrahlen erwärmt hatte und der Nebel im Verlauf von wenigen Minuten nach unten ins Tal gedrückt wurde, wo er einen weiten Ozean von Weiß bildete. Zu meiner Rechten war die Sonne gerade über die Hügel aufgestiegen und ließ das Tal in Flammen aufgehen. Der Dunst begann sofort in zarten Schlieren aufzusteigen, die für einen kurzen Augenblick rosa, orange und golden aufleuchteten, bevor sie sich vollständig auflösten.

Binnen einer Viertelstunde stand die Sonne an einem klaren tropischen Himmel und Segler sausten über das Blätterdach, auf der Jagd nach Insekten. Der neue Tag war angebrochen, und ich machte mich bereit, wieder zur Erde hinabzusteigen, hinunter in das Dunkel des Waldbodens, wo noch die Nacht verweilte.