Wolfram Fleischhauer

Das Meer

Roman

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Wolfram Fleischhauer

Wolfram Fleischhauer wurde 1961 in Karlsruhe geboren. Bei Droemer erschienen seine vier Romane über die Künste (Die Purpurlinie, Die Frau mit den Regenhänden, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Das Buch, in dem die Welt verschwand) mit bis heute ungebrochenem Bestsellererfolg. In seinen neuesten Romanen Torso, Schweigend steht der Wald und Das Meer verbindet Wolfram Fleischhauer aktuelle gesellschaftliche Themen mit rasantem Thrill.

Impressum

Dies ist ein Roman und somit ein Werk der Phantasie. Da die Phantasie nicht im luftleeren Raum operieren kann, sind Ähnlichkeiten mit realen Vorgängen, Personen und Institutionen nicht zu vermeiden, werden hier jedoch fiktiv, sinnbildlich und nicht dokumentarisch verwendet. Die von den Figuren vorgetragenen und vertretenen Standpunkte geben nicht die Meinung des Autors wieder, sondern spiegeln die Ansichten und Überzeugungen der Romanfiguren, deren Sichtweisen der Autor nur porträtiert und kontrastiert, ohne selbst dazu Stellung zu beziehen; dies bleibt die Aufgabe des Publikums. Es wurden nur öffentlich zugängliche Quellen verwendet, und es versteht sich von selbst, dass keine der im Roman geschilderten Handlungen zur Nachahmung empfohlen wird.

 

© 2018 der eBook-Ausgabe Droemer eBook

© 2018 Droemer Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Ein Projekt der AVA International GmbH Autoren- und Verlagsagentur

www.ava-international.de

Gedicht in Kapitel 12: Viktor Hoffmann, »Kleines Zimmer«. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Jürgen Ghebrezgiabiher

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: plainpicture/Mischa Keijser

ISBN 978-3-426-45160-1

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.


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Prolog

Als sie die Augen öffnete, war alles schwarz. Sie spürte, dass sie schweißnass war. Zugleich hatte sie nur ein vages Körpergefühl. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Kein Unterschied. Sie versuchte, ihre Beine zu bewegen, ihre Arme, aber ihre Gliedmaßen gehorchten ihr nicht. Dann war da ein Vibrieren, das sich über ihre Haut zog. Alles um sie herum hob und senkte sich leicht. Sie versuchte erneut, ihre Arme zu bewegen, und diesmal war da etwas. Ein Widerstand zunächst und dann ein jäher Schmerz, der sie sofort wieder erstarren ließ. Ganz ruhig, dachte sie. Es ist nichts. Deine Arme sind eingeschlafen. Das Blut beginnt wieder zu zirkulieren. Das ist alles.

Aber das war nicht alles. Weit davon entfernt! Sie wartete und lauschte, gleichzeitig bemüht, in der vollständigen Dunkelheit irgendetwas auszumachen. Was war mit ihr geschehen? Woher rührte dieses Brummen, diese Vibration? Plötzlich gab es einen Schlag, und ohne die geringste Vorwarnung begann ein Kreischen – der langgezogene Schrei eines übernatürlichen Wesens. Sie zuckte zusammen und schrie auf, denn nun raste ein Schmerz durch ihre Glieder, den sie nicht kannte, nicht einordnen konnte. Sie atmete schwer, versuchte nun zaghafter, vorsichtiger, ihre Arme und Beine zumindest ein wenig zu bewegen. Aber die Fesselung war unerbittlich, schnitt ihr bei jeder Bewegung ins Fleisch, staute ihr Blut und gab ihr das Gefühl, als würden ihre Arme und Beine von Nadeln durchstochen.

Das Abendessen in der Messe! Es war das Letzte, woran sie sich noch erinnerte. Wie lange war das her? Ein zweiter harter Schlag gegen die Wand ließ den Raum, in dem sie lag, erzittern. Wumm! Ihr Magen zog sich instinktiv zusammen, um das Heben und Senken ihres Körpers in der Dunkelheit auszugleichen. Wumm. Wumm. Die Stahlwand hinter ihrem Kopf dröhnte. Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, versuchte sie sich aufzurichten, hob den Kopf, so weit sie es trotz der Fesselung irgendwie vermochte. Allmählich wurde ihr klar, wo sie sich befand. Sie war in ihrer Kabine im Schiffsrumpf. Gedämpft drangen gebrüllte Befehle an ihr Ohr. Dann hörte sie das Stampfen und Dröhnen einer Schiffsmaschine. Ein zweites Schiff, durchfuhr es sie. Sie laden um. Natürlich. Bevor sie weiter nachdenken konnte, legte sich plötzlich alles schief. Scheppernd fiel in ihrer Kabine irgendetwas um. Die Rufe draußen wurden lauter. Erneut stieß etwas krachend gegen den Rumpf. Sie zuckte zusammen. Durch die Schieflage des Schiffes wäre sie unter normalen Umständen längst aus der Koje gerollt, doch ihre Fesseln hielten sie fest, schnürten ihr erneut das Blut ab und schnitten wie ein stumpfes Messer in ihre Haut. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass nun etwas Kratziges über ihren Oberkörper glitt. Erst begriff sie es nicht. Doch als die Decke, die auf ihr gelegen hatte, Zentimeter für Zentimeter von ihr herunterrutschte und sie die Luft auf ihrer nackten Haut spüren konnte, weiteten sich ihre Augen. Sie war völlig nackt! Panisch versuchte sie, sich loszureißen, und schrie vor Schmerz, den jede Bewegung auslöste. Aber ihr Schreien ging unter in einem erneuten grellen Kreischen, das sie jetzt klar zuordnen konnte. Es war das zornige Aufjaulen von Metall, das sich an Metall rieb.

Ihr Atem ging stoßweise, und ihr war kalt. Sie versuchte sich zu beruhigen, sich nicht zu bewegen, ihre Erinnerungen zu sortieren. Sie hatte mit ihnen zu Abend gegessen. Das wusste sie noch. Natürlich hatte sie die Feindseligkeit der Mannschaft gespürt. Die Blicke. Die Bemerkungen. Aber daran war sie gewöhnt. Das kannte sie von früheren Einsätzen. Sie hatte sich wie immer verhalten, auf keine der Provokationen reagiert, ihre Mahlzeit zu sich genommen und sich in ihre Kabine zurückgezogen, um ihre Proben zu ordnen und ihre Eintragungen vorzunehmen. Doch was war dann geschehen? Ihre Benommenheit konnte nur eines bedeuten: Man hatte sie betäubt! Und dann? Ihr wurde übel. Sie schaute an sich herunter. Sie konnte absolut nichts sehen. Aber mit jeder Sekunde, die verging, bohrte sich die Gewissheit tiefer in sie hinein. Sie spürte, dass sie seit Minuten instinktiv die Schenkel gegeneinandergepresst hielt. Als ob das jetzt noch etwas ändern würde. Ein Würgereiz stieg in ihr auf. Die Gesichter der Matrosen zogen an ihr vorüber. Verzweifelt warf sie den Kopf hin und her, als könnte sie diese Bilder abschütteln. Wie lange hatte es wohl gedauert, bis sie das Bewusstsein verloren hatte? Die Fratzen dieser Kerle! Was hatten sie ihr angetan? Sie? Mehrere? Oder nur einer? Nur!

War sie Stunden oder gar Tage betäubt gewesen? Sie hatte keinerlei Zeitgefühl. Ihre Kehle war ausgetrocknet, und ihr war speiübel. Sie lag in einer fensterlosen Kabine an Bord eines Trawlers, zwei Meter unterhalb der Wasserlinie irgendwo im Nordatlantik. Das war alles, was sie mit Sicherheit wusste.

Ihre Schenkel begannen sich zu verkrampfen. Sie versuchte, sie zu entspannen und einen klaren Gedanken zu fassen. Aber es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren. Ein Stöhnen entfuhr ihr. Ein verzweifeltes, wütendes Stöhnen, fremd und ungewohnt, so dass sie fast selbst darüber erschrak. Gleich darauf ergriff sie erneut Panik. Die Ampullen! Obwohl es sinnlos war, stierte sie in die Dunkelheit und versuchte, die Gegenstände auf dem kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Kabinenwand zu erkennen. Der Abstand war gering, etwas mehr als ein Meter trennte das Bett, auf dem sie lag, von der Arbeitsfläche. Doch sie konnte nichts sehen. Ihre Zähne schlugen gegeneinander. Die Kälte kroch über ihren nackten Körper, und der Umstand, dass sie unter der kratzigen Decke zuvor geschwitzt hatte, ließ sie jetzt nur umso schneller auskühlen.

Allmählich fielen ihr weitere Einzelheiten ein. Das merkwürdige Gefühl, das sie auf dem Rückweg in die Kabine überkommen hatte. Das war keine normale Müdigkeit gewesen. Sie dachte an all das, was man ihr während ihrer Ausbildung immer wieder eingeschärft hatte. »Sie lassen eure Laptops verschwinden«, hatte man sie gewarnt. »Sie vernichten eure Unterlagen, wenn sie können. Sie lassen auch Proben über Bord gehen und vergesst nie: Ihr seid der einzige Polizist an Bord, und niemand, aber wirklich niemand, will euch dort haben. Es ist sogar schon vorgekommen, dass sie Beobachter betäuben. Oder noch schlimmer.«

Ihr Atem beschleunigte sich. Und wenn sie die Ampullen gefunden und mitgenommen hatten? War sie überhaupt noch selbständig in ihre Kabine gelangt oder vorher zusammengebrochen? Sie wusste es einfach nicht.

»Heey!«, schrie sie. Ihre Stimme war rauh und brach rasch ab. Sie schluckte und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Ihre Kehle brannte. Sie sammelte Speichel, schluckte, atmete tief ein und setzte erneut an. »HEEY

Der Lärm draußen hielt unvermindert an. Waren das Schritte an Deck? Ein Motor ratterte, vermutlich eine Seilwinde. Aber vor ihrer Tür rührte sich nichts. Sie wollte erneut schreien, besann sich jedoch eines Besseren. Wer immer hereinkäme, würde sie so sehen. Nackt. Geschändet. Sie bäumte sich auf, bis der Schmerz in ihren Gliedmaßen ihr fast die Besinnung raubte. Kälte, Schmerz, Hilflosigkeit und Erniedrigung lähmten sie. Denk nach, denk nach! Du musst hier raus, bevor sie zurückkommen. Du MUSST.

Eine Winde ratterte. Schreie und Rufe gingen hin und her. Die Dünung musste enorm sein, denn das Schiff hob und senkte sich unablässig. Raus, dachte sie erneut. Und dann wieder: Die Ampullen. Sind die Ampullen in Sicherheit?

Sie versuchte, mit dem Mittelfinger die Art ihrer Fessel zu ertasten. Zweimal ließ sie davon ab, weil der Schmerz zu stark wurde. Doch schließlich stieß ihre Fingerspitze gegen etwas Hartes, einen schmalen Riemen, der tief in ihre Haut schnitt. Er war leicht geriffelt. Sie strich mehrmals darüber und ließ dann resigniert davon ab. Aussichtslos. Kabelbinder. Sie hatte keine Chance. Ohne Hilfe würde sie sich niemals befreien können.

Mit angstgeweiteten Augen lauschte sie in die undurchdringliche Dunkelheit. Aber vor ihrem inneren Auge sah sie von Minute zu Minute klarer, was sich an Deck abspielte. Die Finsternis schärfte ihre Sinne. Diese Geräusche kannte sie. Das regelmäßig wiederkehrende Poltern, gepaart mit feinen Erschütterungen, die sie am ganzen Körper spürte, konnte nur eines bedeuten: Das Schiff nahm Ladung auf. Von wem? Warum hier? Bei diesem Seegang? Dann hörte sie Schritte. Obwohl sie genau wusste, dass sie allein völlig hilflos war, wurde ihr nun himmelangst. Sie hörte, wie ein Riegel zurückgeschoben wurde. Dann schwang die schwere Metalltür auf. Sie konnte nichts sehen. Eine Taschenlampe, die ihr direkt ins Gesicht leuchtete, blendete sie.

»Wer ist da?«, rief sie und wollte mutig klingen. Aber ihre Stimme zitterte. Der Lichtschein wanderte langsam über sie hinweg. »Du Schwein!«, schrie sie. »Zeig dich wenigstens, du feiges Dreckschwein!«

Wer immer in der Tür stand und sie ausleuchtete wie ein Vieh auf der Schlachtbank, schwieg. Tränen traten ihr in die Augen. Was kam jetzt? Würde einer dieser perversen Hunde über sie herfallen? Wechselten sie sich ab und war nun der nächste an der Reihe?

»Komm doch her, du Memme«, schrie sie. »Und dann stell dir vor, ich wäre deine Schwester oder deine Mutter. Ja, dann macht es dir vielleicht richtig Spaß, du Abschaum. Los, worauf wartest du?«

Sie wusste selbst nicht, woher sie kamen, aber etwas in ihr würgte diese Worte der Verzweiflung und Verachtung aus ihr heraus. Der Lichtschein fiel wieder auf ihr Gesicht und kam dann plötzlich rasch näher. »Gute Nacht, du Schlampe«, hörte sie auf Spanisch.

Im nächsten Augenblick stach sie etwas in ihren linken Oberschenkel. Der Lichtschein war unverändert auf sie gerichtet und blendete sie, bis ihre Lider nach einigen Sekunden schwerer und schwerer wurden und sich allmählich herabsenkten.

Ein schwerer Wellenschlag erschütterte das Schiff, aber das spürte sie bereits nicht mehr.

* * *

Die Mayday-Nachricht ging um 04:37 bei der Seenotleitstelle von Falmouth ein. Der Kapitän hatte die Vermisstenmeldung über DSC-Funk abgesetzt, und sie war über Satellit an die zuständige Koordinierungsstelle in Südengland weitergeleitet worden.

Die Valladolid, ein unter spanischer Flagge fahrender Gefriertrawler vom Typ Atlantik 333, befand sich zum Zeitpunkt des Notrufs auf Position 52° 10’ Nord, 23° 48’ West. Die Hörwache nahm sofort Kontakt mit dem Kapitän auf und registrierte alle durchgegebenen Daten. Ein weibliches Besatzungsmitglied wurde vermisst. Der genaue Zeitpunkt des Verschwindens war nicht bekannt, ihr Fehlen erst eine halbe Stunde zuvor bemerkt worden. Die Vermisste war dreiunddreißig Jahre alt und in gutem gesundheitlichem Zustand. Ob sie einen Überlebensanzug oder eine Schwimmweste getragen hatte, war nicht bekannt, jedoch unwahrscheinlich, da keine Westen fehlten und an Bord kein Fangbetrieb geherrscht hatte. Sie war nach dem Abendessen zwischen 19 und 20 Uhr das letzte Mal in Freizeitkleidung in der Nähe ihrer Kabine gesehen worden. Kurz nach vier Uhr morgens wurde das Schlagen ihrer unverschlossenen Kabinentür bemerkt. Die Kabine war leer, das Deckenlicht eingeschaltet. Eine Suche unter Deck verlief erfolglos. Nach Meldung an die Brücke und sofort durchgeführtem Zählappell wurde das Schiff komplett durchsucht, ohne dass die vermisste Person gefunden wurde. Es stand zu befürchten, dass sie über Bord gegangen war.

Nach Eingabe aller verfügbaren Daten begann die Berechnung des theoretischen Suchgebiets. Unter Berücksichtigung des Kurses der Valladolid während der letzten Stunden, ihrer Geschwindigkeit, Position zum Zeitpunkt des Notrufs, der Windstärke, der Drift- und Strömungsverhältnisse in diesem Sektor entsprach das Suchgebiet in etwa der Größe Luxemburgs. Anhand der Berechnungen wurde eine Liste aller derzeit im betroffenen Sektor befindlichen Schiffe erstellt und der Notruf an diese mit der Aufforderung weitergeleitet, sich für eine Seenotrettung zur Verfügung zu stellen. Kurz darauf lagen die Antworten und voraussichtlichen Ankunftszeiten von vierzehn Schiffen im Zielgebiet vor.

Die Leitstelle in Falmouth übertrug die Koordinierung vor Ort an einen kanadischen Frachter, der als erster an Ort und Stelle eintreffen würde und ausreichend Personal zur Verfügung stellen konnte. Er erreichte das Zielgebiet um 07:12. Im Laufe der Morgenstunden eilten weitere Schiffe zu Hilfe, unter anderem ein Passagierschiff, ein Tanker, ein Frachter, zwei zuvor noch nicht klassifizierte Schiffe, die sich als französische Militärschiffe herausstellten, sowie zwei Fischereischiffe. Bis zum Abend suchten sie systematisch das betroffene Gebiet ab.

Der Kapitän der Valladolid informierte seine Reederei in Vigo, die es auf sich nahm, die Angehörigen der vermissten portugiesischen Fischereibeobachterin unverzüglich über den Zwischenfall zu unterrichten. Die Organisation für die Fischerei im Nordwestatlantik NAFO, in deren Auftrag die junge Frau im Einsatz gewesen war, erstattete noch am selben Tag bei der Staatsanwaltschaft Pontevedra Anzeige gegen unbekannt. Die Valladolid wurde von ihrer Reederei angewiesen, ihren Fangeinsatz unverzüglich abzubrechen und ihren Heimathafen Vigo anzulaufen. Das spanische Amt für die Untersuchung von Unfällen und Vorkommnissen auf See CIAIM wurde mit der Angelegenheit betraut.

Bei Einbruch der Dunkelheit war trotz intensiver Suche keine Schiffbrüchige gesichtet worden. Um neunzehn Uhr wurde die Suche eingestellt.

1. Render

Die Kapelle Nossa Senhora da Luz in Carvalhais war ein einfaches, kleines, weißes Haus mit einem blau gestrichenen Sockel, einer backsteinroten Tür und drei bleiverglasten Fenstern. Ein steinernes Kreuz ragte über dem Giebel auf. Die rechte Seite der Kapelle hatte man etwas breiter gebaut, so dass auf Höhe der Dachrinne ein Mauervorsprung entstanden war, auf dem ein kleiner Glockenturm stand. Es hing auch eine kleine Glocke darin, aber sie wurde nicht mehr genutzt. Stattdessen hatte man am Glockenturm zusätzlich eine senkrecht aufragende Stange angebracht, an dem drei Megafonlautsprecher hingen.

Aus diesen erschallte seit kurzem zu Laudes, Sext und Vesper Angelusgeläut, aber das wusste Johann Render nicht. Er nahm überhaupt eher wenig von seiner Umgebung wahr. Er war soeben erst mit einem Polo, den er am Flughafen von Lissabon gemietet hatte, in Carvalhais angekommen. Auf dem Dorfplatz hatte er nach der Kapelle gefragt und sie dann problemlos gefunden, obwohl er von der Wegbeschreibung bis auf die Handzeichen absolut gar nichts verstanden hatte.

Er parkte vor der Kapelle, stieg aus und ging direkt auf die rote Tür zu. Sie war geschlossen, aber nicht verriegelt. Er drückte die Klinke herunter. Die Tür gab leise quietschend nach und schwang nach innen zurück. Er trat über die Schwelle. Die Luft war stickig, und er entdeckte auch gleich den Grund dafür: eine stattliche Ansammlung von Kerzen, die auf einem kleinen Seitenaltar zu seiner Linken unter einem Madonnenbild standen. Die meisten Kerzen waren bereits weit heruntergebrannt. Durch den Luftstrom beim Öffnen der Tür flackerten sie kurz. Aus der Ferne war gedämpft der Stundenschlag der Dorfkirche zu vernehmen. Ansonsten war es völlig still in dem winzigen Gotteshaus. Er war allein, den Blick auf den Altar gerichtet, und atmete schwer.

Niemand wusste von seinem Kommen. Er war spontan aufgebrochen. Das zermürbende Warten auf Nachrichten und die mit jedem verstreichenden Tag wahrscheinlicher werdende Gewissheit, dass alle Hoffnung vergeblich war, hatten es ihm unmöglich gemacht, noch länger untätig am Schreibtisch zu sitzen und nur zu hoffen und zu beten, was er tatsächlich bereits zweimal getan hatte. Und möglicherweise würde er es gleich wieder tun. Langsam, als könnte er sich verbrennen, trat er näher an den kleinen Altar heran. Ihr Foto stand da. Sie lächelte. Das Bild musste während des Studiums entstanden sein. Ihr langes Haar verbarg eine Wollmütze, und man sah nur ihr schönes, junges Gesicht. Sie stand am Bug eines auf der Seite liegenden großen Holzbootes und blickte versonnen in die Welt irgendwo hinter der Kamera. Sein Magen verkrampfte sich. Aber er schaute nicht weg, sondern zwang sich, alles genau zu betrachten. Frische und bereits verwelkte Blumen lagen da, die offenbar niemand zu entfernen wagte.

Wie lange würde das hier so bleiben, fragte er sich. Bei auf See Vermissten wartete man keine zehn Jahre, bis man sie für tot erklärte. Sechs Monate vielleicht, maximal. Teresa stammte aus einer Fischerfamilie. Die Menschen hier wussten sehr gut, dass kaum einer jemals wieder auftauchte, der bei der Rückkehr zum Hafen nicht mit an Bord war.

Ein Kondolenzbuch mit nur noch wenigen unbeschriebenen Seiten lag neben dem Foto. Er blätterte und las. Render sprach kein Portugiesisch, aber der Sinn der meisten Trauerbotschaften erschloss sich ihm auch so. Jemand hatte ein weinendes Gesicht gezeichnet und ein kurzes Gedicht darunter geklebt. Er schlug die erste Seite auf, die Eintragung war in unregelmäßiger, ungeübter Handschrift vorgenommen: »Mein Herz ist bei Dir, in Deinem kalten, nassen Grab und wärmt Dich mit all meiner Liebe. Mamã.«

Die krakeligen Buchstaben verschwammen ihm vor den Augen. Er setzte sich auf eine der Holzbänke, holte ein Taschentuch heraus, hielt es dann jedoch einfach nur in der Hand und ließ seinen Tränen freien Lauf. Was hätte er geschrieben, wenn er dazu überhaupt in der Lage gewesen wäre? Sie war nicht mehr. Und damit war auch er nicht mehr. Vor knapp zwei Jahren hatte ihm das Leben ein unfassliches Geschenk gemacht. Nun war es ihm wieder genommen worden.

* * *

Der Anruf hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Die Stimme der Anruferin war absolut ruhig geblieben. Viertel vor sechs. Er sah nur den Namen auf dem Display und ahnte sofort, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste.

»Vivian?«

»John.«

»Yes?«

Allein die Art, wie sie seinen Namen gesagt hatte!

»What happened«, fragte er mit einer Mischung aus Ungeduld und Furcht. »Warum rufst du mich in aller Herrgottsfrühe an?«

»Du weißt es also noch nicht?«

»Was denn, verdammt noch mal? Was ist los, Vivian?«

Die Stimme zögerte sicher nur einen Sekundenbruchteil. Oder lag es an der aufsteigenden Panik, dass sich alles um ihn herum verlangsamte?

»Teresa wird vermisst.«

Er war mit einem Schlag hellwach.

»Was?«, stammelte er.

»Ich habe die Meldung gerade erst bekommen«, hörte er wie durch ein Rauschen. »Es ist irgendwann heute Nacht passiert. Es wird gerade eine Suchflotte zusammengezogen. Sobald sie Tageslicht haben, werden sie das Gebiet durchkämmen.«

Das Atmen fiel ihm auf einmal unendlich schwer. Er wollte etwas sagen, aber es gelang ihm nicht. Er saß einfach da, das Telefon am Ohr, und starrte fassungslos in das Zwielicht seines Schlafzimmers.

»Ich fahre jetzt sofort ins Büro«, sagte sie.

Er vermochte nicht, zu antworten.

»John?«

»Ja«, keuchte er.

»Noch wissen wir nichts Genaues. Teresa ist eine erfahrene Beobachterin. Ich stehe mit allen Stellen in Kontakt und informiere dich sofort, sobald ich etwas erfahre. Du weißt, wo du mich findest.«

»Ja«, wiederholte er kaum hörbar. »Danke.«

»Bis nachher.«

Sie hatte aufgelegt. Er ließ die Hand sinken. Das Telefon fiel mit einem Knall auf den Holzfußboden. So musste es sein, wenn man einen Arm oder ein Bein verlor. In den ersten Sekunden spürt man keinen Schmerz. Nur eine dumpfe elementare Panik. Als er aufstehen wollte, begann er zu zittern. Er spürte etwas Warmes zwischen seinen Oberschenkeln. Er hastete ins Bad, schaffte es auf die Toilette, doch kaum saß er dort, wurde das Zittern noch schlimmer. Ein Kälteschauer nach dem anderen jagte ihm über den Rücken. Er keuchte. Sein Herz raste. Seine Brust hob und senkte sich wie fremdgesteuert, als schlage jemand wie wild darauf ein. Teresa vermisst! Im Nordatlantik! Er stürzte zum Waschbecken und erbrach sich.

Irgendwie schaffte er es, zu duschen und sich anzuziehen. Ein Gefühl von Taubheit und Unwirklichkeit umgab ihn. Alles schien beschlagen, gedämpft, unwahr. Er stand in der Küche, völlig durcheinander, ratlos. Ins Büro, dachte er. Ich muss sofort ins Büro fahren.

Er taumelte ins Wohnzimmer und ließ sich auf der Couch nieder. Das Ungeheuerliche, Unfassbare war geschehen. Teresa vermisst. Er weinte. Die Minuten verstrichen. Allmählich wurde es hell. Ein grauer Novembertag. Das Rauschen des Brüsseler Berufsverkehrs drang gedämpft durch die Fenster. Er musste ins Büro. Vielleicht war die Meldung falsch?

Er zog seinen Mantel an, griff nach seiner Aktentasche, verschloss die Wohnungstür. Alles schien wie immer. Für den Bruchteil einer Sekunde bildete er sich ein, nur geträumt zu haben. Aber als er in der Tiefgarage im Wagen saß, begann das Zittern erneut. Er fuhr vorsichtig die Rampe hinauf, wartete, bis das Rolltor scheppernd in der Decke verschwunden war, und fädelte sich in den Verkehr auf der Avenue Louise ein.

Auf seiner Etage war alles still. Kaum jemand erschien hier vor neun Uhr, und es war gerade einmal kurz nach acht. Er ging den verwaisten Flur entlang, öffnete seine Bürotür, wusste jedoch plötzlich nicht mehr, was er hier sollte. Mechanisch machte er Licht und startete den Computer. Draußen hörte er plötzlich Schritte. Die Tür ging auf. Vivian Blackwood stand vor ihm. Seine Chefin war blass. Sekundenlang fiel kein Wort. Er wollte etwas sagen, aber seine Lippen zitterten zu sehr.

Vivian schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.

»Es gibt noch keinerlei Gewissheit. Eine halbe Armada ist dort draußen und sucht nach ihr. Es …«

»Wie viele Stunden, Vivian?«, unterbrach er sie. »Wie viele?«

Sie erwiderte nichts.

»Sechs? Sieben?«, beantwortete er seine Frage selbst. »Du weißt so gut wie ich, dass es nur Minuten dauert.«

»Wir werden jeden Stein umdrehen, John. Wir werden …«

Er hob die Hand und unterbrach sie erneut.

»Danke, Vivian. Aber was immer wir tun, es wird sie nicht zurückbringen. Und was wir nicht getan haben …«

Die Stimme versagte ihm. Vivians Handy piepte zweimal, aber sie reagierte nicht.

»Ich muss nach oben, John«, sagte sie dann. »Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um alle Informationen zu bekommen. Ich verspreche dir, es wird alles getan werden. Alles.«

»Danke.«

Sie ging zu ihm und umarmte ihn. Der Duft ihres Parfüms hüllte ihn ein. Ihre Wange, die sich kurz gegen die seine presste, fühlte sich unnatürlich kühl an. Sie löste sich wieder von ihm, ihre Hand suchte seine und drückte sie. Er ließ es geschehen. Vivian hatte ihn noch nie umarmt. Sie war ihm überhaupt noch nie näher gekommen als auf Schreibtischdistanz. Und jetzt hielt sie seine Hand.

Würde es den ganzen Morgen über so weitergehen, wenn die anderen kamen und hörten, was geschehen war? Teresa, seine Freundin, vermisst. Vermutlich im Atlantik ertrunken. Bald würde sich die Nachricht im ganzen Hause verbreiten. Er starrte auf seinen Computer, auf dem sich schon jetzt ständig kleine Fenster eingehender E-Mails öffneten. Der Header war immer der gleiche: An Johann RENDER Section C/2 GD MARE Fisheries conservation and control – Atlantic and Outermost Regions. Alle schrieben ihm. Neil von der APFO, Gregg von der NAFO, sogar Viktor Bach von Interpol. Er öffnete die ersten Mails und überflog deren Inhalt. Sie ähnelten einander, brachten Fassungslosigkeit und Mitgefühl zum Ausdruck, gleichzeitig die Entschlossenheit, dem Vorfall auf den Grund zu gehen und lückenlose Aufklärung zu fordern. Render schloss das Mailprogramm und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Postkarten hingen dort. Und jede Menge dumme Sprüche. Von zwei Dingen sollte man nie wissen wollen, wie sie gemacht werden: Politik und Würste.

Er verließ das Büro, schaltete sein Telefon aus und ging in die Tiefgarage. Da er antizyklisch unterwegs war und der allmorgendliche Megastau sich nach Brüssel hinein quälte, gelangte er durch die Tunnels rasch auf die E40. Er fuhr in Richtung Gent. Die Sonne brach durch die Wolken und schien hell auf die Felder und Wälder links und rechts der Autobahn. Die gegenüberliegende Fahrbahn war bis Ternat hoffnungslos verstopft. Hinter Gent bog er auf die Landstraße ab und folgte ihr an die Küste. In Breskens parkte er auf einem verlassenen Parkplatz am Deich. Das Wasser erstreckte sich bleigrau bis zum Horizont, wo die Welt in einem schmutzig weißgrauen Nebel aufzuhören schien. Den ganzen Vormittag lief er den Dünenweg entlang. In Cadzand aß er spät zu Mittag, ließ die Hälfte des Essens jedoch stehen und trank nur den Weißwein, der ihn angenehm betäubte. Auf der Rückfahrt hatte sich das Gehupe und Geschiebe der Pendler auf die Gegenspur verlagert, und er kam wieder gut durch, was indessen nichts daran änderte, dass seine Gedanken immer verzweifelter, immer finsterer wurden. Er schaltete sein Telefon wieder ein, aber die Nachrichten bestätigten nur, dass alles so war, wie es war. Einen Tag lang hatte man nach ihr gesucht. Um neunzehn Uhr würden alle Suchmaßnahmen eingestellt werden. In den nationalen und internationalen Medien fand der Zwischenfall keine Erwähnung. Allein im Internet wurde spekuliert, aber er brach die Lektüre nach wenigen Absätzen ab. Vivian textete ihm: Er sei für den Rest der Woche freigestellt, und falls sie irgendetwas für ihn tun könne, so möge er sich bitte melden.

Tun? Ja, was denn?! Zurück in Brüssel, ging er vor lauter Verzweiflung ins Kino. Aber es funktionierte nicht. Ganz gleichgültig, was auf der Leinwand geschah, er sah immer dasselbe Gesicht. Eine halbe Stunde später verließ er das Kino wieder. Unschlüssig machte er ein paar Schritte in Richtung Porte de Namur, verwarf aber einen Kneipenbesuch und trottete stattdessen zur Tiefgarage, wo sein Wagen stand.

Wie sollte er sich ablenken, nicht verrückt werden? Ein Kloß im Hals nahm ihm fast die Luft. Er hatte Mühe, die Parkkarte in den Schlitz des Automaten zu stecken, so sehr zitterte seine Hand. Irgendwann fand er sein Auto, setzte sich hinein, blieb jedoch untätig sitzen. Vor ihm breitete sich die geisterhafte Umgebung aus leeren Wagen, Betonpfeilern und trüber Beleuchtung aus. Er war schuld, hämmerte es in seinem Kopf. Er war schuld an ihrem Tod! Ganz gleich, was alle anderen sagten.

Render umklammerte sein Lenkrad, drückte zu, bis seine Knöchel weiß wurden, und wartete, dass der Kloß in seiner Kehle sich allmählich löste. Irgendwann startete er den alten BMW und kroch die enge, schneckenförmige Auffahrt hinauf. Vor ein paar Wochen hatte sie noch hier neben ihm im Wagen gesessen. Sie hatten in einem kleinen Restaurant in der Rue de la Régence zu Abend gegessen und waren dann am Petit Sablon vorbei auf der Rue de Namur zum Parkhaus zurückgelaufen. Sie hatte sich bei ihm untergehakt. Er erinnerte sich an den Duft ihres Parfüms. Sie trug ihr Haar offen, und manchmal blies der Wind eine ihrer langen Strähnen in sein Gesicht. Die Erinnerung war unerträglich. Er beschleunigte, streifte dabei leicht die stark gekrümmte Wand der Auffahrt, bremste abrupt und fuhr dann im Schritttempo bis zur Schranke. Ohne den Schaden an seinem Kotflügel zu beachten, steckte er das Parkticket in den Automaten und reihte sich in den Abendverkehr ein.

Weit war es nicht. Seine Wohnung lag in einem der modernen Mietshäuser aus den dreißiger Jahren am unteren Ende der Avenue Louise. Sie war nicht besonders schön, aber sie lag im vierten Stock mit Blick auf den Square du Jardin du Roi und hatte Dreifachverglasung, so dass der Lärm der vierspurigen Brüsseler Prachtstraße nur gedämpft zu ihm heraufdrang, solange er die Fenster geschlossen ließ. Sein Leben spielte sich vor allem im hinteren Teil der Wohnung ab, wo sich Bad und Küche, sein Arbeitszimmer und sein Schlafzimmer befanden. Wohn- und Esszimmer benutzte er so gut wie nie. Die Zeiten, als er noch Dinnerpartys gegeben hatte, waren lange vorbei. Sie hatten eher selten auf seine Initiative hin stattgefunden, sondern waren fast immer von den beiden Ehefrauen organisiert worden, mit denen er zunächst sechzehn und dann zwei Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Er hatte drei Kinder aus erster Ehe. Seine zwei Töchter lebten mit ihrer Mutter in den Niederlanden, sein Sohn und Ältester studierte in den USA. Mit seiner zweiten Frau, einer österreichischen Juristin, die er bei einer Konferenz in Wien kennengelernt hatte, war schon nach zwei Ehejahren alles wieder zu Ende gewesen. Wenigstens hatte er mit ihr keine Kinder mehr gehabt. So unbegreiflich es ihm heute auch erschien, er hatte nach jeder Hochzeit sofort ein Haus gekauft und sich in monatelange Renovierungsarbeiten gestürzt. Nach jeder Scheidung hatte er sofort wieder verkauft, das erste Mal mit Gewinn, das zweite Mal mit einem derartigen Verlust, dass der Gewinn aus der ersten Transaktion gleich mit verlorenging. Inzwischen empfand er jede Form von Besitz nur noch als lästig. Er wollte an gar nichts mehr gebunden sein. Am liebsten hätte er sogar seine Kleider nur noch gemietet. Seine Zeit in Brüssel war so gut wie vorüber. Im Gegensatz zu manchen Kollegen, die sich am Ende ihrer Karriere lukrative Beraterverträge angelten, um ihre saftigen Pensionen noch saftiger zu machen, indem sie weiterhin mehr oder weniger das Gleiche taten wie zuvor, würde er unter seinen Einsatz für Europa dann endgültig einen Schlussstrich ziehen.

Wohin er gehen würde, war ihm lange schleierhaft gewesen. In Deutschland kannte er niemanden mehr. Er hatte immer mit den USA geliebäugelt, erwogen, in die Nähe seines Sohnes zu ziehen, mit dem er sich von den drei Kindern am besten verstand. Oder Amsterdam. Aber die Beziehung zu seinen beiden Töchtern war schwierig. Sie waren in jungen Jahren massiv dem Gift ausgesetzt gewesen, das seine erste Frau nach der Scheidung über Jahre hinweg abgesondert hatte. Sie weigerten sich inzwischen sogar, Deutsch mit ihm zu sprechen, eine Absurdität, denn sein Niederländisch war zwar ganz passabel, aber er sah einfach nicht ein, mit seinen eigenen Kindern fremdsprachig kommunizieren zu müssen. Seit fast dreißig Jahren war er gezwungen, tagaus, tagein Französisch oder Englisch zu sprechen. Es hing ihm inzwischen manchmal einfach zum Hals heraus. Wie so vieles.

»Du bist auslandsmüde«, hatte Teresa zu ihm gesagt. Sie hatte das so klar und simpel ausgedrückt, als hätte sein Arzt ihm eröffnet, er habe Diabetes. Keine lebensbedrohende Krankheit, aber ein das gesamte Leben beeinträchtigender Zustand. »Du musst nach Hause«, erklärte sie. »In deine Sprache. In deine Welt. Du lebst hier wie auf einer Mondstation. Man kann nicht nur Europäer sein. Das ist zu abstrakt. Man muss es auch sein. Aber wer nur Europäer ist, ist gar nichts. Da fällst du irgendwann ins Nichts.«

Er betrat die dunkle Wohnung, schloss die Tür und spürte, wie ihn eine unendliche Leere überkam. Nach Hause? Wo sollte das jetzt noch sein? Mit ihr, so hatte er gedacht, würde alles eine ganz neue Wendung nehmen. Mit Teresa war die Zukunft plötzlich wieder weit offen gewesen. Vielleicht hätte er sich in Lissabon niedergelassen. Oder er wäre mit ihr in der Welt herumgereist und hätte sie bei ihren Projekten unterstützt. Das hatte er sich manchmal so ausgemalt. Aber jetzt? Vorbei! Auf See vermisst. Über Bord gegangen. Keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.

Render ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Rotwein aus einer halbvollen Flasche ein und steckte sein Mobiltelefon auf ein Dock neben der Mikrowelle. Nach ein paar Sekunden erfüllte Bill Evans’ Klaviermusik den Raum. Render lauschte. Dann stellte er das Glas ab und erwog ernsthaft, mit ausreichend Anlauf ins Wohnzimmer zu laufen und durch eine der großen Scheiben zu springen.

Wenn sie ihn in Brüssel besuchte, hatte sie oft dort am Fenster gestanden und auf die Straße hinuntergeschaut. Im Mantel. In Jeans. Auch einmal fast nackt, nur mit einer Decke um die Schultern geworfen. Sie hatte diesen Blick auf die Brüsseler Variante der Champs Elysées gemocht. Der Vergleich mit Paris hielt natürlich nicht stand, abgesehen vielleicht vom dreistündigen Dauerstau jeden Morgen oder den edelmarkenbewussten Shoppern, die den Rest des Tages dominierten. Spätestens nach Ladenschluss verödete die Gegend. Nach zweiundzwanzig Uhr kamen die Prostituierten.

Er setzte sich wieder und vergrub seinen Kopf in den Händen. Er fühlte sich, als habe er ein großes, unsichtbares Loch in der Brust, durch das der Wind strich. Er musste ständig ohne jeden Grund schlucken. Wie sollte das nur weitergehen? Warum sollte überhaupt irgendetwas weitergehen? Sein Büro in der Rue Joseph II erwartete ihn morgen nicht. Er würde sich nicht über die Avenue Louise quälen, durch die Tunnel bis zur Rue Belliard, wie tausendmal zuvor. Keine Akten. Keine Sitzungen. Um elf Uhr würde irgendein anderer Kollege Vivian in den Haushaltsausschuss begleiten. Der Termin beim Verbraucherschutz? Das Treffen mit dem Berichterstatter des Fischereiausschusses des Europaparlaments? Alles auf nächste Woche verschoben. Nächste Woche!

Er war aufgestanden und in sein Arbeitszimmer gegangen. Der Monitor des Computers schaltete sich ein, sobald er die Maus berührte, und mit einem leisen Summen startete die Back-up-Festplatte. Drei Minuten später hatte er die schnellste Verbindung nach Carvalhais gefunden. Er buchte den frühesten Flug nach Lissabon und reservierte einen Mietwagen. Dann packte er einen kleinen Koffer, bestellte für sechs Uhr ein Taxi zum Flughafen, nahm eine Schlaftablette und ging zu Bett.

So hatte sich seine Schockstarre plötzlich in blinden Aktionismus verwandelt. Es hatte ihm gar nicht schnell genug gehen können. Die Frühmaschine war um elf Uhr in Portela gelandet, eine halbe Stunde später saß er in seinem Mietwagen. Die Strecke nahm keine zwei Stunden in Anspruch, und jetzt stand er in der Kapelle des Ortes, wo sie zur Welt gekommen und aufgewachsen war. Und nun? Was sollte er jetzt tun? Weiter warten? Aber worauf? Auf Trost? Auf irgendein Zeichen, dass sie durch einen unvorstellbaren Zufall lange genug im Wasser überlebt hatte und von einem anderen Schiff gerettet worden war?

Er zwang sich, wieder aufzustehen, trat erneut an den Altar und musterte die hilflosen Zeichen von Anteilnahme, Trauer und Verzweiflung. Ihre Geburtsanzeige lag da, eine kleine Karte mit dem Foto eines Babys. Teresa Maria da Carvalho. 14. April 1989. Ein flaumiges Bündel Kinderhaar war darunter festgeklebt. Daneben lag ein goldenes Kettchen mit einem Kreuz.

Wie musste es erst für ihre Mutter sein, dachte er. Für ihren Vater. Ihre Brüder und Schwestern. Er kannte sie nicht. Nur aus Erzählungen. Niemand aus ihrer Familie hatte ihn kontaktiert. Sie wussten nichts von ihm. Er nahm eine frische Kerze aus einem Blechbehälter, der neben dem Kondolenzbuch stand, zündete sie an einer der fast niedergebrannten Kerzen an und drückte sie auf den erlöschenden Docht in das flüssige Wachs. Nach einigen Sekunden ließ er los, prüfte kurz, ob sie stehen blieb, und wandte sich ab.

Als er wieder vor die Kapelle trat, war weit und breit niemand zu sehen. Der Himmel lag strahlend blau über ihm, die Luft war mild und zugleich frisch. Er atmete tief ein, setzte sich ans Steuer seines Wagens und wartete. Nach einer Weile kamen ein paar Gestalten langsam zu Fuß vom Dorf her. Zwei Frauen in Schwarz und ein junger Mann in dunkelbraunen Cordhosen, kariertem Flanellhemd und einer abgewetzten Lederjacke. Render rührte sich nicht. Sie gingen direkt an seinem Wagen vorbei, aber sie beachteten ihn nicht. Er sah ihre Gesichter. Die Frauen waren alt, ihre Gesichter völlig ausdruckslos und leer. Der Mann wirkte erheblich jünger. Sein Schritt war fest. Er hatte volles, schwarzes Haar und dunkle, ernste, suchende Augen. Ihr Bruder, fragte er sich. Aber er brachte es nicht über sich, auszusteigen und sie anzusprechen. Sie betraten die Kapelle, die Tür schloss sich hinter ihnen, und alles war wie zuvor. Der Himmel lag leer über ihm. Der Wind strich über die umliegenden Felder und ließ das hoch stehende Gras hin- und herwogen. Schwalben schossen geräuschlos über ihn hinweg. Er startete den Motor und fuhr davon.

2. Teresa

From: Teresa.Carvalho@lusoweb.pt

To: John.Render1412@hotmail.com

Sent: Sunday, November 08, 2015 16:34 PM

Subject: Valladolid

 

My love,

seit vorgestern bin ich auf der Valladolid. Mein Gott, welch ein Unterschied zur Ariana! Schon das Übersetzen war eine Katastrophe, enormer Seegang, und der Kapitän tat alles, um mir einen unmissverständlichen Empfang zu bereiten, drehte ständig in den Wind wegen angeblicher Manövrierprobleme.

Ich mache mir keine Illusionen. Die zwei Wochen auf der Valladolid werden schwierig. Ich fühle mich wie ein unbewaffneter Hilfssheriff in der Bronx, umgeben von zwielichtigen Figuren, die mir unmissverständliche Blicke zuwerfen. Glücklicherweise habe ich ausnahmsweise eine abschließbare Kabine und die Gewissheit, dass viele offizielle Augen auf dieses Schiff gerichtet sind. Sie werden es also nicht wagen, mir irgendetwas anzutun. Aber einen angenehmen Arbeitsplatz stelle ich mir anders vor.

Die Stimmung an Bord und in der Mannschaft ist schlecht, was aber sicher nicht nur daran liegt, dass man ihnen einen Kontrolleur aufs Schiff geschickt hat. Und dazu auch noch eine Frau. Seeleute sind abergläubisch, wie Du weißt. Und wer nicht bei Windstärke fünf über eine Reling pinkeln kann, hat an Bord nichts verloren. Auf der Brücke habe ich tatsächlich zwei alte, verstaubte Scheren hinter der Steuerkonsole herumliegen sehen, was ja bekanntlich gegen Hexerei helfen soll. Tja, jetzt haben sie leider eine Hexe mit einem Doktortitel in Meeresbiologie an Bord. Da werden ihnen ihre Scheren nicht viel nützen.

Die Laune des Fischerei-Kapitäns wäre auch ohne meine Anwesenheit hier vermutlich nicht besser. Sie sind seit fünf Tagen unterwegs und die Fänge sind miserabel, 40% unter Soll, was mich wundert, denn sie verfügen über ein Arsenal an technischer Ausrüstung wie ein Flugzeugträger für elektronische Kriegsführung. Das Schiff ist recht alt, aber gut gepflegt, ein 60 Meter langer Gefriertrawler mit siebenunddreißig Mann Besatzung. Die Gesamtkapazität liegt bei fast 250 Tonnen. Sie haben eine Fischmehlanlage, die zehn bis zwölf Tonnen pro Tag schafft, und eine Leberölanlage, die es auf vier Tonnen bringt. Eine hocheffiziente schwimmende Fischvernichtungsmaschine also. Ich habe in den Laderäumen Proben gezogen und geschlechtsreife Jungfische gefunden. Die Katastrophenspirale dreht sich weiter abwärts, und Mutter Natur dreht durch. Manche Arten schaffen es nicht einmal mehr, den Nachwuchs bis zur normalen Geschlechtsreife durchzubringen, weil wir überall zu früh abfischen. Die Natur gibt das Notsignal und greift zum allerletzten Mittel der Arterhaltung: fortpflanzungsfähige Kinder! Vielleicht einer Erwähnung wert im nächsten Fischereirat, bevor die Herren und Damen Minister aus den Mitgliedstaaten das nächste Fischquotenmassaker genehmigen.

Beim gegenwärtigen Stand der Dinge wäre die Valladolid übrigens rentabler, wenn man sie einfach nur verschrotten würde. Das Schiff verbraucht acht Tonnen Schweröl am Tag, beim Schleppen neun. Trotz der Subventionen für Schiffsdiesel übersteigen nach meiner Rechnung schon die Treibstoffkosten den Fangertrag. Dazu die Löhne, die miserabel genug sind. Solange die Netze voll sind, rechnet es sich gerade noch so, auch für die Arbeiter, die ja am Fangerlös beteiligt sind. Von vollen Netzen kann hier aber keine Rede mehr sein, und entsprechend mies ist die Stimmung. Der Kapitän hat offenbar bereits Weisung, an allem zu sparen, was nur geht: Essen, Alkohol, Zigaretten. You get the picture: frustrierte Seeleute unter extremem ökonomischem Druck, zusammengepfercht auf einem knapp über eine Million Euro teuren Schiff im Nordatlantik, das sein Netz kreuz und quer über ein bereits weitgehend verwüstetes Seebett schleppt und kaum etwas fängt. Und Deine Teresa mitten unter ihnen.

Das Schicksal dieser Totengräber unseres Planeten kümmert mich nicht sehr, lediglich die Deckarbeiter tun mir leid, diese armen Hunde aus Burma, Vietnam, Kambodscha oder wo sie alle herkommen. Was können sie dafür, dass eine durchgedrehte Fischereiindustrie einen irreversiblen Biozid betreibt? Bei sich zu Hause finden sie keine Arbeit oder Nahrung mehr, weil unsere Megatrawler ihre Fischgründe einfach leer saugen. Also heuern sie auf unseren Riesenstaubsaugern an und vollenden die Katastrophe, was sie vielleicht noch ein paar Jahre in Lohn und Brot halten wird, ihre Kinder jedoch gewiss nicht mehr.

Wenn ich sie sehe, muss ich an meinen Vater denken. Ich habe Dir ja erzählt, dass er in den sechziger und siebziger Jahren wie so viele Portugiesen auf euren Gefrierschiffen gefahren ist und im Akkord Fische geschlachtet, zerlegt und eingefroren hat. Inzwischen überlasst ihr das ja anderen. Habe ich Dir eigentlich gesagt, dass er am Ende sogar in der DDR angeheuert hat, weil ihm die Arbeitsbedingungen im Westen zu unmenschlich geworden waren? Schade, ich hätte mir gewünscht, dass Du ihn kennenlernst. Obwohl, wenn er erfahren hätte, dass ich mich mit einem zweimal geschiedenen sechsundfünfzigjährigen Deutschen eingelassen habe, hm …?!?

Ich habe ein ziemliches Programm vor mir. In vier Tagen muss ich meinen nächsten Bericht absenden, dann müssen sie mich wieder in den Funkraum lassen, und ich kann Dir eine Mail schicken. So lange musst Du nun leider auf Nachrichten von mir warten. Es fällt mir schwer, Dich so lange nicht zu sehen. Ich zähle die Tage.

Wir fahren gerade ein neues Gebiet an, und es ist bereits dunkel, so dass ich nicht viel tun kann. Das Fanggerät schaue ich mir nach dem ersten Fang an. Nachher mache ich noch einmal einen Rundgang unter Deck, damit ich mit den Wegen und Örtlichkeiten besser vertraut bin und morgen nicht ständig allen im Weg stehe. Vielleicht kann ich mich auch ein wenig nützlich machen. Auf der Ariana kam es ganz gut an, dass ich mit angepackt habe. Je mehr sie vergessen, warum ich eigentlich hier bin, desto besser.

Meine Karteikarten und die Probengläschen für meine Otolithen warten auf mich. Ich kann es kaum erwarten, Dich wiederzusehen. Wünsche mir, dass uns keine Delphine oder Seehunde ins Netz gehen. Es bricht mir immer das Herz, sie schreien zu hören. Eine Seehundschnauze abschneiden und auskochen zu müssen, um die Zähne sicherzustellen, ist so ziemlich das Letzte, was ich mir wünsche.

Ich küsse und umarme Dich. Teresa.

3. Di Melo

Die junge Frau strich sich die hellbraunen Haare aus dem Gesicht und schien konzentriert etwas zu lesen, das vor ihr auf dem Tisch lag. In ihrer linken Hand glomm eine Zigarette. Rauch schlängelte sich durch die windstille Luft nach oben. Sie saß allein am Tisch, aber es standen zwei Gläser da. Offenbar war sie in Begleitung.

Alessandro Di Melo schluckte. Die Person auf der Aufnahme war fast unwirklich real. Es sollte ihn eigentlich nicht wundern. Jedes bessere Handy schoss heutzutage derartige Bilder. Um was für eine Örtlichkeit es sich handelte, war schwer zu sagen. Ein Restaurant? Ein Café? Ein Hotel? Beim nächsten Foto blickte die junge Frau direkt in die Kamera und lächelte. Di Melo versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Er spürte Ignacio Buzuals eisigen Blick und schaute kurz zu ihm hin. Der Mann saß ihm gegenüber am anderen Ende des Konferenztisches. Sein Sohn Ibai war neben ihm über den Laptop gebeugt und steuerte den Beamer, der an der Decke hing. Außer ihnen war niemand im Raum.

Di Melo konzentrierte sich wieder auf die Leinwand. Weitere Fotos folgten. Ein Mann saß nun mit am Tisch der jungen Frau. Eine rasche Folge von Aufnahmen zeigte die beiden aus unterschiedlichen Richtungen. Vielleicht Mitte dreißig, schätzte Di Melo. Typ Seewolf. Krauses, braunes Haar. Ebensolcher Vollbart. Gleichmäßige, ansprechende Gesichtszüge, die man jedoch sofort wieder vergaß. Nur seine Tochter offenbar nicht. Auf einem der Bilder hatte sie ihre Hand auf seine gelegt und sagte etwas zu ihm, das Di Melo nie erfahren würde.

»Steve Riess«, hörte er Ignacios Stimme. »Kanadier. Ist zweimal bei diesem Watson mitgefahren und inzwischen bei Interpol auf der Liste. Wenigstens nach Europa und in die USA kann er nicht einreisen, ohne verhaftet zu werden. Leider lassen die Australier ihn unbehelligt, und er kann dort kommen und gehen, wie er will.«

Di Melo antwortete nicht. Na und? Was änderte das? Was interessierte ihn irgendein Steve Riess? Und vor allem: Woher um alles in der Welt hatte Buzual diese Aufnahmen?

»Es ist also deine Tochter?«, fuhr Ignacio nach einer Pause fort.

Di Melo nickte nur stumm. Natürlich war sie es. Er hatte Ragna seit fünf Jahren nicht gesehen und kein Lebenszeichen von ihr erhalten. Aber erkannt hatte er sie sofort. Ohne jeden Zweifel. Er war noch nicht in der Lage zu überschauen, was das für ihn bedeutete. Er dachte gerne nach. Dafür bezahlte man ihn schließlich. Und sogar sehr gut. Nur nicht unter Zeitdruck. Er war ein guter Stratege. Aber das hier war ein Alptraum.

Gerade lächelte eine schwarzhaarige junge Frau in die Kamera. Offenbar war sie mit Ragna befreundet, denn auf dem nächsten Foto standen sie Arm in Arm vor irgendeinem asiatischen Tempel. Eine Urlaubsreise?

»Woher sind die Aufnahmen?«, fragte er. Er hatte die Frage schon einmal gestellt, aber Buzual beantwortete sie auch jetzt nicht. »Nachher, Alessandro. Ibai wird dir alles erklären. Die Dunkle hier war auf unserem Schiff. Portugiesin. Teresa Carvalho. War das alles, Ibai?«

Der Angesprochene nickte nur und schaute Di Melo misstrauisch und feindselig an.

»Ich muss kurz telefonieren«, sagte der Senior und erhob sich. »Ich bin gleich zurück.«