Fußnoten

Eine der ersten Entdeckungen, die ich in meinem neuen Beruf machte, war die Tatsache, dass fast jeder Politiker von der Sorge verfolgt wird, man könne seinen Namen falsch schreiben. Kaum war (an Bord und später in Addis Abeba) bekannt geworden, dass ich Journalist war, wurde ich wiederholt von diversen Amtspersonen angesprochen, die mir ihre Visitenkarten überreichten, auf denen Name und korrekter Titel eingraviert waren.

Der Maria-Theresien-Taler, in anderen Teilen Afrikas ersetzt durch die magere Rupie oder den East African Shilling, ist nach wie vor die wichtigste Währungseinheit in Abessinien. Er ist nicht das praktischste Zahlungsmittel. Sein Wert schwankt, je nach dem aktuellen Preis von Silber, und bietet Gelegenheit für viel unschöne Spekulation. Geldscheine werden von der Bank von Abessinien gegen Silber ausgegeben. Selbst in Dire Dawa, zwei Bahnstationen von Addis Abeba entfernt, zieht die lokale Bankfiliale beim Einlösen von Geldscheinen drei Prozent ab, so dass Papiergeld, außer in der Hauptstadt oder bei der Eisenbahn, praktisch wertlos ist. Ich habe eine kleine Karawane gesehen, die für drei Monate in das Landesinnere zog und zur Deckung der laufenden Kosten zwei Maultierladungen Maria-Theresien-Taler mitführte. Dies ist das Geldstück, das den meisten Leuten vertraut ist und auf dem sie bestehen. Der Menelik-Taler wurde aus dem Verkehr gezogen, weil niemand ihn haben wollte. Halbe und Vierteltaler werden nach umständlicher Prüfung akzeptiert. Es gibt zwei Ausführungen – mit einem geraden und einem eingerollten Löwenschwanz. Beide sind aus reinem Silber, aber die zweite Version wird meist nicht angenommen, nicht einmal als Trinkgeld. Vor hundert Jahren war der Maria-Theresien-Taler das gebräuchliche Zahlungsmittel arabischer Kauf‌leute zwischen Tanger und der Mandschurei. Heute ist er nur noch in Arabien und Äthiopien in Gebrauch. Er wird noch heute in Wien geprägt, in der ursprünglichen Form von 1780, ein würdevolles Relikt, aber eine sehr irreführende Einführung in äthiopische Sitten.

Häufig gestohlen wird auch Telegraphendraht, der zu den beliebten Arm- und Fußreifen verarbeitet wird. Kurz vor der Krönung wurden, den Pressereportern zuliebe, mehrere Männer verhaftet, die bei einer solchen Aktion möglicherweise beteiligt gewesen waren. Man schlug ihnen eine Hand und einen Fuß ab und stellte auf jedem Bahnhof entlang der Strecke nach Addis Abeba jeweils einen dieser Männer aus. Dies hatte gewiss positive Auswirkungen, aber auf die Telegraphenverbindung war trotzdem kein Verlass.

Ein anderer Ras Gugsa, der mit diesem Rebellen nichts zu tun hat und noch am Leben ist, fungierte während der Krönungsfeierlichkeiten als Gastgeber der amerikanischen Delegation.

Es sind dies lange Stöcke mit runden Griffen; die Abessinier werfen sich häufig zu Boden, knien aber während des Betens nicht. Vielmehr stehen sie, wobei sie die Hände auf den Stock und die Stirn auf die Hände legen.

Die Kirchensprache, geschrieben in Amharisch, wird von Laien und den meisten Priestern nicht mehr verstanden.

silberne Rasseln

Kat ist eine Pflanze mit leicht berauschender Wirkung, die bei Arabern und den mohammedanischen Völkern Ostafrikas außerordentlich beliebt ist. Kurzfristig kann der Genuss durchaus anregend sein, auf die Dauer stumpft er ab. Gewohnheitsmäßige Kat-Esser sollen gute Arbeiter, jedoch weniger gute Ehemänner sein. Kat schmeckt bitter, fast wie Sauerampfer. Ich habe ein paar Blätter gegessen, ohne eine Wirkung an mir festzustellen. Wirklich Süchtige konsumieren schon morgens große Portionen.

Bei den Harari, wie bei den Somalis und den meisten Galla, ist Infibulation gebräuchlich.

Der Zeppelin R 101 sollte England an die Spitze der Luftschiffentwicklung bringen. Am 4. Oktober 1930 stürzte er auf dem Jungfernflug nach Indien ab. (Anm. d. Übers.)

Sir Stewart Symes verließ Aden wenige Wochen nach meinem Besuch, um das Amt des Gouverneurs von Tanganjika zu übernehmen.

Im Vertrag von 1839 zwischen der Company und dem Sultan von Lahedsch verpf‌lichtete sich die Company, die bislang vom Sultan an die Fadli, Yafai, Haushabi und Amiri geleisteten Zahlungen zu übernehmen.

Mitte April wurde mir der Betrag schließlich in London zurückerstattet.

Kenya White Paper, 1923. Sinngemäß: »Ausschlaggebend sein«.

Außerdem ein Araber sowie ein nominierter Missionar als Interessenvertreter der Eingeborenen.

Auch eine Alkoholsteuer kommt (proportional aufgeteilt) Bildungseinrichtungen der beiden Gemeinschaften zugute.

Kenya White Paper.

Da Finanzen ein wichtiger Teil des Reisens sind, mag der Hinweis interessieren, dass sich die Kosten meiner Reise (von der Abreise im Oktober 1930 bis zur Rückkehr im März 1931) insgesamt auf knapp fünfhundert Pfund beliefen, einschließlich verschiedener Einkäufe von Tropenkleidung, lokalen Kunstwerken usw. sowie aller Verluste bei Karten- und Glücksspiel.

Sie tanzten noch immer, als die Azay le Rideau am 19. Oktober 1930 kurz vor Morgengrauen in Dschibuti einlief. Die Kapelle, ein bedauernswert leidenschaftliches Quartett im Alpaka-Smoking, hatte schon längst die Instrumente eingepackt und sich in ihre abgelegene und stickige Kabine zurückgezogen. Ein annamitischer Schiffsjunge schrubbte das Deck und stopf‌te Unmengen von durchnässten Papierschlangen in die Speigatts. Zwei, drei Stewards nahmen die Fähnchen und bunten Lichtergirlanden ab, mit denen das Schiff geschmückt worden war. Ein Paar blieb.

Die junge Frau, eine Passagierin der zweiten Klasse, unterwegs nach Mauritius und erkennbar ein Mischling, trug ein Tirolerkostüm, das sie für den Abend beim Schiffsfriseur ausgeliehen hatte. Ihr Partner, ein Offizier der französischen Fremdenlegion, trug eine schlechtsitzende weiße Uniform mit offenem Kragen. Er war ziemlich jung, hatte ein bläulich schimmerndes Kinn und etwas Bauch und war um einiges kleiner als sie. Langsam bewegten sich die beiden über die nassen Planken zur Musik eines tragbaren Grammophons; hin und wieder blieben sie stehen und lösten sich voneinander, um das Grammophon aufzuziehen und die andere Seite der Schallplatte aufzulegen.

Zwei heiße Tage lang war auf dem Schiff gefeiert worden.

Eine ziemlich bunte Gesellschaft hatte sich zusammengefunden. An meinem Tisch saß ein rothaariger Amerikaner, der nach Saigon fuhr, um dort landwirtschaftliche Maschinen zu verkaufen. Auf seiner Uhrkette prangten Freimaurerzeichen, er trug einen Ring mit den verschlungenen Initialen einer weiteren Geheimgesellschaft, Manschettenknöpfe von Froth Blowers und im Knopf‌loch ein Rotarierrad. Zweifellos brauchte er als Geschäftsmann derlei Beweise seiner Vertrauenswürdigkeit, denn er sprach kein Wort Französisch. Die Speisekarte musste er sich von seinem Nachbarn übersetzen lassen, einem Italiener, dem das drittbeste Hotel in Madras gehörte. Es gab ein englisches Mädchen, das grüne Sandalen trug, und seine Mutter, die überallhin ein kleines, aber aufdringliches Schoßhündchen mitnahm, das Anlass

Neben diesen normalen Passagieren waren noch etwa zwanzig andere Personen mit Ziel Dschibuti an Bord, die zur Kaiserkrönung nach Abessinien reisen wollten. Dass auch ich dorthin fuhr, bedarf einer Erklärung. Sechs Wochen zuvor war mir der Name Ras Tafari kein Begriff gewesen. In Irland, in einem Haus, wo Chinoiserien und viktorianische Gotik um die Herrschaft über georgianische Architektur konkurrieren, hatten wir in der Bibliothek gesessen und, über den Atlas gebeugt, über eine Reise nach China und Japan gesprochen, die ich unternehmen wollte. Wir kamen auf andere Ziele zu sprechen, so auch Abessinien. Einer der Anwesenden war auf Urlaub aus Kairo gekommen. Er kannte sich in der abessinischen Politik einigermaßen aus und wusste von der bevorstehenden Krönung. Weitere Informationen gab es aus weniger zuverlässigen Quellen. Dass die abessinische Kirche Pontius Pilatus heiliggesprochen hatte und ihre Bischöfe durch Spucken auf den Kopf geweiht wurden, dass der wahre Thronerbe in den Bergen versteckt war, an Ketten aus purem Gold gefesselt; dass die Bevölkerung sich von rohem Fleisch und Met ernährte; wir schlugen im Gotha nach, was dort über das Königshaus stand, und stellten fest, dass die Familie auf Salomon und die Königin von Saba zurückging. In einem Geschichtsbuch lasen wir: »Die ältesten gesicherten Kenntnisse, die wir von der Geschichte Äthiopiens haben, beginnen mit Kusch, dem

An Schlaf war schon seit einiger Zeit nicht mehr zu denken gewesen, nachdem die Bediensteten der ägyptischen Delegation damit begonnen hatten, das Gepäck ihrer Herrschaft genau gegenüber meiner Kabine in den Korridor zu schaffen. Unter lauten militärischen Befehlen eines

Drei weitere Delegationen waren an Bord: aus Frankreich, Holland und Polen. Eine vierte, die japanische, erwartete uns in Dschibuti. Wenn sie nicht gerade feierlich Visitenkarten austauschten1 oder an Deck eilig auf und ab gingen, saßen die Gesandten über ihren eleganten Mappen und widmeten sich dem Verfassen, Tippen und Ausarbeiten ihrer Glückwunschadressen.

Dieses plötzliche Zusammentreffen der Abgesandten der zivilisierten Welt in Abessinien mutet auf den ersten Blick ein wenig überraschend an, und ich glaube, die Abessinier waren nicht minder überrascht. Nachdem Kaiserin Zauditu

Wozu dieser ganze Aufwand? Diese Frage stellten sich viele, selbst die unmittelbar Beteiligten. Die einfachen Abessinier erblickten darin einen angemessenen Tribut an abessinische Größe: Die Könige der Welt erwiesen ihnen die Ehre. Andere, etwas erfahrener in der internationalen Politik, sahen darin einen Anschlag auf die Integrität Abessiniens – der Farangi war gekommen, um das Land auszuspionieren. Ehrliche Siedler in ganz Afrika sprachen von absurder Reverenz gegenüber einem schlichten Eingeborenen. In den Gesandtschaften selbst herrschte eine gewisse Unruhe. Die Aufgabe, den Abessiniern ihre wahre Bedeutungslosigkeit in der Welt vor Augen zu führen, würde nach alldem noch schwieriger werden. Doch was konnte man tun? Wenn einige Mächte beschlossen, Herzöge und Fürsten, Szepter und Flugzeuge zu schicken, blieb den anderen nur, diesem Vorbild nach besten Kräften zu folgen. Wer hatte mit dem Ansturm begonnen? Und die abessinische Regierung mag sich besorgt gefragt haben, wie sie all diese illustren Gäste unterbringen und die Kosten der Gastfreundschaft aus einem ungeordneten Staatshaushalt und einer schwachen Währung bestreiten sollte. Warum also dieser ganze Aufwand?

Wer eine plausible Erklärung haben will, muss nicht nach gewichtigen politischen Motiven suchen. Addis Abeba ist kein Ort, wo sich Diplomaten rasch einen Namen machen, und die Potentaten im Foreign Off‌ice verfolgen nicht mit aufmerksamen Blicken, wie sich ihre Kadetten in dieser großen Höhe machen. Als Diplomat dorthin entsandt zu werden mag für einen fleißigen Generalkonsul ein

Und kann es überraschen, dass Staaten, die Afrika sehr fern sind – schlittenfahrende Polacken und blonde Schweden –, ebenfalls an der Party teilnehmen wollen? Wenn mich die Pracht Abessiniens aus einem vergleichsweise bunten und freien Leben anlockte, warum nicht all jene in ihren grauen Kanzleien? Die Jagdgewehre neben den Uniformkoffern demonstrierten, dass diese Leute das Beste aus dieser Unternehmung machen wollten, und ich weiß, dass manch einer für seine Schiffspassage selbst aufgekommen war. »Nous avons quatre citoyens ici, mais deux sont juifs«, erklärte ein Attaché und zeigte mir die Gerätschaften, mit denen er während seines Aufenthalts in Afrika seine umfangreiche Schmetterlingssammlung zu erweitern hoffte.

 

Wir lagen weit draußen in der Bucht. Zwischen uns und der Reede lag das Wrack eines großen Frachters, flach auf der Seite, völlig leergeräumt und verwittert. Armandy erwähnt das Schiff in La Désagréable Partie de Campagne.

Bald setzte Regen ein.

Niemand wusste genau, wie und wann es nach Addis Abeba weitergehen würde. Der Zahlmeister hatte uns beruhigt. Er habe der Station die Zahl der Passagiere telegraphisch mitgeteilt. Ein Sonderzug werde noch am selben Tag für uns bereitstehen. Doch es kursierten widersprüchliche Gerüchte. Diejenigen, die schon einige Erfahrungen mit Abessinien hatten, wiesen darauf hin, dass es nie und nimmer so unkompliziert sein werde. Angeblich stand ein Sonderzug bereit, aber nur für die Delegationen. Anderen Berichten zufolge würden zwei Züge fahren, einer am Morgen für die Delegationen, einer am Abend für die inoffiziellen Passagiere. Eine Schiffsladung Passagiere werde an diesem Tag an Bord eines P.&O.-Dampfers aus Aden eintreffen, so

Wir warteten, bis wir an der Reihe waren, an Land zu gehen. Die Kulis lungerten auf den Planken herum, die Jungen im Wasser bettelten um Geld oder erschienen frierend an Deck mit dem Angebot, uns mit einem Sprung ins Wasser zu unterhalten, an Land wurde jedes Mal laut Salut geschossen, wenn die Barkasse des Gouverneurs eine Delegation abholte und auslud. Unablässig fiel warmer Regen.

Schließlich durf‌ten auch wir an Land gehen. Es gab noch einen zweiten Engländer, ein älterer Herr, der privat nach Addis Abeba wollte. Unterwegs hatte er die ganze Zeit in einem Buch über Tropenhygiene gelesen und mir viele beunruhigende Dinge über Malaria und Schwarzwasserfieber, Cholera und Elefantiasis mitgeteilt. Abends bei einer Zigarre hatte er mir erklärt, wie sich Hakenwürmer von den Fußsohlen in die inneren Organe vorarbeiten, wie Sandflöhe ihre Eier unter den Zehennägeln legen und wie die Symptome langsamer Lähmung aussehen, die von Zecken übertragen wird.

Gemeinsam vertrauten wir unser Gepäck dem französischsprechenden Träger des Hôtel des Arcades an und gingen zum englischen Vizekonsul – einem liebenswürdigen jungen Reedereiagenten, der uns mitteilte, dass am Abend tatsächlich zwei Züge abfahren sollten, beide allerdings für die Delegationen reserviert seien. Der nächste Zug würde drei Tage später gehen – reserviert für den Herzog von

Das war ein zweigeschossiges Haus mit Arkadengang und einer kümmerlichen Stuckfassade. Auf der Rückseite führte eine Holztreppe zu zwei breiten Veranden, von denen die wenigen Zimmer abgingen. Im Hof stand ein Zitronenbaum, der einem misanthropischen schwarzen Affen als Quartier diente. Das Hotel gehörte einer hübschen Französin von großer geschäftsmäßiger Freundlichkeit. Sie gab uns warmes Wasser und ein Zimmer zum Umkleiden und lachte über unsere Schwierigkeiten. Sie profitiert von den Unzulänglichkeiten der Französisch-Äthiopischen Eisenbahn, denn niemand bleibt freiwillig lange in Dschibuti.

»Sie sehen aus, als würden sie jeden Moment einstürzen«, bemerkte mein Begleiter, als wir an einem besonders trostlosen Bürohaus vorbeifuhren, und während wir noch hinschauten, passierte das auch tatsächlich. Ganze Stuckfladen lösten sich von der Fassade, ein, zwei Ziegelsteine fielen auf die Erde. Einige indische Büroangestellte stürzten erschrocken ins Freie, ein hemdsärmeliger Grieche trat aus dem Haus gegenüber, eine Gruppe halbnackter Eingeborener erhob sich von der Erde, die Zähne noch immer mit Holzstäbchen scheuernd, und schaute sich nervös um. Unser Kutscher wies aufgeregt mit seiner Peitsche auf die Szene und setzte uns auf Somali ins Bild. Es war ein Erdbeben, das wir in unserem rumpelnden Gefährt nicht bemerkt hatten.

Wir fuhren an einer weißgetünchten Moschee vorbei zum Kamelmarkt und dem Eingeborenenviertel. Die Somalis sind eine Rasse von außergewöhnlicher Schönheit, sehr schlank und aufrecht, mit feinen Gesichtszügen und eindrucksvollen, weit auseinanderstehenden Augen. Die meisten von ihnen tragen einen Lendenschurz und mehrere Ringe aus Kupferdraht um Hand- und Fußgelenke. Der Kopf ist entweder

Am Abend, und weil wir wussten, dass unsere Abreise unmittelbar bevorstand, wurde Dschibuti plötzlich sehr viel erträglicher. Wir besuchten die Geschäfte, kauf‌ten einen französischen Roman mit einem aufreizenden Umschlag, einige Burma-Zigarren und wechselten etwas Geld. Für unsere abgegriffenen und dreckigen Banknoten der Banque d’Indo-Chine bekamen wir massive Silberdollar.2

In der Dunkelheit fuhren wir durch die unerträgliche Ödnis von Französisch-Somaliland – nichts als Wüste und Steine, ohne jede Spur von Leben – und kamen am nächsten Morgen in Dire Dawa an. Diese ordentliche kleine Stadt entstand während des Baus der Eisenbahn auf dem Land, das der französischen Gesellschaft überlassen worden war, und lebt seit dieser Zeit von der Bahn, bei tendenziell sinkendem Wohlstand. Es gibt dort zwei Hotels, ein Café und einen Billardsalon, ein paar Geschäfte und Büros, eine Bank, eine Mühle, einige Villen und die Residenz des abessinischen Gouverneurs. Bougainvilleen und Robinien säumen die Straßen. Zweimal wöchentlich sorgt die Ankunft eines

Doch dies war keine gewöhnliche Woche. Seit 1916 – dem vorletzten Bürgerkrieg, als die mohammedanischen Anhänger von Lij Iyasu im Bergland von Harar massakriert worden waren – hatte Dire Dawa nicht mehr solch radikal verwirrende Ereignisse erlebt wie diese vielen Sonderzüge, welche die Besucher zur Krönung des Kaisers brachten. Auf den Hauptstraßen standen Fahnenmasten in den abessinischen Farben, zwischen denen gelbe, rote und grüne Wimpel hingen. Aus der Hauptstadt hatte man per Güterzug (außerhalb von Dire Dawa gibt es keine Straßen) Automobile herbeigeschafft, in denen die Delegierten zum Frühstück gefahren wurden. Die irregulären Truppen der gesamten Provinz waren mobilisiert und säumten nun den ganzen Weg.

Es war ein grandioses, verblüffendes Spektakel. Mein Reisegefährte und ich blieben noch einige Minuten in unserem Waggon, bis die offizielle Begrüßung beendet war und die Delegierten den Bahnhof verlassen hatten. Dann gingen wir über den Perron auf den Platz. Er war ganz leer und ganz still. Auf drei Seiten standen die abessinischen Soldaten; vorn, wo der Boulevard zur Residenz des Gouverneurs führte, verschwand gerade das letzte Automobil. So weit der Blick reichte, weißgewandete Stammesangehörige,

Wir frühstückten im Hotel und rauchten auf der Terrasse eine Pfeife, wir warteten auf die Rückkehr der Delegierten. Bald mussten die Soldaten, die auf dem Boden gehockt hatten, wieder Aufstellung nehmen, als die Automobile mit den Diplomaten, die sich bei Porridge, Räucherhering,

Bis Awash, wo wir bei Sonnenuntergang eintrafen, ging es nun durch endlos ödes Buschland – Dornengestrüpp, Steine, kleine, bräunliche Mimosenbäume und Sand, Ameisenhaufen, einige Geier, hin und wieder ein ausgetrockneter Wasserlauf oder Felsen, sonst nichts, stundenlang. Immer wieder hielten wir an Bahnhöfen, nicht mehr als einzelne Schuppen in einem stacheldrahtumzäunten Areal, um uns mit Wasser zu versorgen. Jedes Mal begrüßten uns dort ein Posten, zwei, drei uniformierte Bahnpolizisten und der lokale Stammeshäuptling mit zehn, manchmal auch fünfzig Mann. Mittags nahmen wir an einem Ort namens Afdem in einem Zelt den Lunch ein, der aus vier verschieden zubereiteten Fleischgerichten bestand. In Awash warteten wir vier Stunden, von sechs bis zehn, während Mechaniker sich an der Zugbeleuchtung zu schaffen machten. Vor jeder Waggontür hockte ein bewaffneter Posten. In Awash gibt es mehrere Schuppen, zwei, drei Bungalows von Bahnangestellten, einen zementierten Perron und ein Gasthaus. Nach dem Abendessen saßen wir im Hof des Gasthauses auf kleinen harten Stühlen oder gingen auf dem Bahnsteig auf und ab oder stolperten zwischen den Eisenschwellen. Es gab kein Dorf, keine Straße. Es war besser, sich im Freien aufzuhalten, da es dort nicht so viele Moskitos gab. Die Zugbeleuchtung flackerte unruhig. Bald erschien ein Trupp zerlumpter Galla und begann zu tanzen. Zwei Männer tanzten, die anderen standen im Kreis um sie herum, sangen, stampf‌ten mit den Füßen und klatschten in die Hände. Sie führten die Pantomime einer

Schließlich war die Beleuchtung repariert, und wir fuhren weiter. Awash liegt am Fuß des Hochlands; während der ganzen Nacht ging es unablässig bergan. Jedes Mal, wenn wir aus dem Schlaf gerissen wurden, stellten wir fest, dass die Luft frischer und kühler war, und am frühen Morgen hatten wir uns in Decken und Mäntel gewickelt. Wir frühstückten vor Sonnenaufgang in einem Ort namens Mojo und setzten unsere Reise im ersten Licht des Tages fort. Nun sahen wir, wie sehr sich die Landschaft verändert hatte: Verschwunden waren Busch und Ebene, statt dessen ein hügeliges Land, blaue Berge am Horizont. Allenthalben sah man reiche kleine Bauernhöfe, Gruppen strohgedeckter Rundhütten, umgeben von hohen Palisaden, schöne Rinderherden auf endlosen Weiden, Getreide- und Maisfelder, auf denen ganze Familien arbeiteten. Auf dem Weg neben dem Gleis schaukelten Kamelkarawanen entlang, beladen mit Futter und Brennstoff. Die Bahnstrecke ging noch immer bergan, und zwischen neun und zehn sahen wir vor uns in der Ferne die Eukalyptuswälder von Addis Abeba. Hier, an einer Station mit Namen Akaki, wo ein indischer Händler ein großes Lagerhaus unterhält und ein Ras den größten Teil eines geplanten Hotels errichtet hatte, wurde abermals gehalten, um den Delegierten Gelegenheit zu geben, sich

Der Bahnhof ist ein großer, zweigeschossiger Betonbau mit überdachtem Bahnsteig. Ein roter Teppich war ausgerollt, vor dem Soldaten eines ganz anderen Schlages standen als diejenigen, denen wir unterwegs begegnet waren. Dies hier waren untersetzte, pechschwarze Burschen von der sudanesischen Grenze. Sie trugen nagelneue, gutgeschnittene Khakiuniformen, der Löwe von Juda prangte messingglänzend auf Mützen und Knöpfen; moderne Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett. Mit Ausnahme der nackten Füße unter den Gamaschen hätte dies die Kadettenformation einer englischen Internatsschule sein können. Vor ihnen, mit gezogenem Schwert, stand ein europäischer Offizier. Dies war eine Abteilung der Leibwache Tafaris. Das Blut in Gugsas verstümmelter Leiche war kaum erstarrt, und die trauernde Kaiserin ihrem Kälteschock erlegen, da war dieses Corps bereits aufgestellt worden. Diese Männer, dem Thron treu ergeben, waren in Tafaris verstreuten Provinzen rekrutiert worden. Binnen sechs Monaten stand ein ganzes Regiment, der Kern einer organisierten nationalen Armee.

Schließlich verschwindet auch die letzte Delegation. Die Töchter des britischen Gesandten sind zur Begrüßung des Zuges gekommen. Auf ihre Frage, wo ich untergebracht sei, sage ich, meines Wissens nirgendwo. Betroffenheit. Sie sagen, dass die Stadt komplett belegt sei. Jetzt noch ein Zimmer zu finden sei unmöglich. Vielleicht gibt es irgendwo in der Gesandtschaft ein Zelt. Möglich, dass ich es in einem der Hotels im Hof aufstellen darf. Wir steigen ins Auto und fahren hinauf in die Stadt. Auf halbem Weg kommen wir am Hôtel de France vorbei. Vor dem Eingang steht die eindrucksvolle Figur von Irene Ravensdale im Reitkostüm. Wir halten an, um sie zu begrüßen. Ich laufe hinein und frage den Hoteldirektor, ob es ein freies Zimmer gibt. Aber ja, natürlich. In einem Nebengebäude hinter dem Hotel, kein sehr gutes Zimmer. Aber wenn ich wollte, könnte ich es haben,

Tatsächlich muss ich immer wieder an Alice im Wunderland denken, wenn ich nach einer historischen Parallele für die Verhältnisse in Addis Abeba suche. Es gibt noch andere: Israel unter König Saul, das Schottland des Shakespeare’schen Macbeth, die Hohe Pforte, wie sie in den diplomatischen Depeschen des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts erscheint, doch nur in Alice findet man jene besondere Atmosphäre einer galvanisierten und verfremdeten Realität, wo Tiere Uhren in den Westentaschen tragen, Majestäten auf dem Krocket-Rasen neben dem Scharfrichter einherschreiten und eine Gerichtsverhandlung damit endet, dass plötzlich ein Kartenspiel durch die Luft segelt. Wie kann man den verrückten Zauber dieser äthiopischen Tage erzählen, lebendig werden lassen?

Zunächst einmal möchte ich ein Bild der Szenerie vermitteln. Addis Abeba ist eine neue Stadt, so neu, dass nichts an ihr wirklich fertig aussieht. Vor vierzig Jahren erwählte Menelik der Große dieses Feldlager im Hochland und nannte den Ort »Neue Blume«. Bis dahin hatte die Regierung je nach Versorgungslage zwischen den alten, von Priestern beherrschten Städten des Nordens gependelt, doch das spirituelle Zentrum war immer Axum, so wie sich die französischen Könige an Reims orientiert hatten. Menelik

In Addis Abeba, inmitten seines eigenen Volkes, fand er das neue Zentrum seiner Besitzungen, noch im Hochland gelegen, aber an dessen äußerstem Rand; unmittelbar am Fuß des Hochlands liegt das Gebiet der elenden Guraghi, jenes verachteten Volkes, das Bauarbeiter und Straßenkehrer stellt; Awash ist das Land der Galla. Addis Abeba ist der strategische Ort der Herrschaft über diese auseinanderstrebenden Besitztümer. Lij Iyasu zog eine noch radikalere Veränderung in Betracht. Sein Ziel oder das seiner Berater war es offenbar, das Reich von Harar aus umzugestalten und eine große mohammedanische Macht zu errichten, die im Falle eines Sieges über die großen europäischen Mächte die gesamte somalische Küste einschließen würde – eine über die Maßen ehrgeizige Vorstellung, die auch ohne europäische Intervention scheiterte. Die genauen Umstände seines Endes werden vielleicht nie bekannt werden, ebenso wenig, inwieweit seine Pläne überhaupt klar formuliert waren. Fest steht, dass er mit dem »verrückten Mullah«

Gleichwohl musste er um seinen Thron kämpfen. Im Frühjahr 1930 rebellierte ein mächtiger Aristokrat namens Ras Gugsa.4 Er war der Ehemann der Kaiserin. Sie waren geschieden, unterhielten aber freundschaftliche und intime Beziehungen. Tafaris Armee warf den Aufstand nieder, und Gugsa selbst fand in den blutigen Auseinandersetzungen den Tod. Tags darauf starb plötzlich die Kaiserin, und Tafari rief sich, mit Zustimmung der anderen Fürsten, zum Kaiser aus. Als Tag der Krönung wurde der frühestmögliche Termin festgesetzt, bis zu dem alle nötigen Vorbereitungen getroffen werden konnten. Die Krönungsfeierlichkeiten waren also der letzte Schritt in einer langen, gutgeplanten Strategie. Tafari, der weiterhin an seiner klugen Taktik festhielt – das heimische Publikum mit seinen außenpolitischen Erfolgen zu beeindrucken, das Ausland mit seinen innenpolitischen –, bezweckte mit dieser Zurschaustellung