Nr. 2968

 

Die Schweigsamen Werften

 

Eine Terranerin und ein Gataser im Einsatz – an Bord eines mysteriösen Raumers

 

Michael Marcus Thurner

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Tag 1

2. Tag 2

3. Tag 3

4. Die Administratorin

5. Tag 4

6. Tag 5

7. Perry Rhodan

8. Immer noch Tag 5

9. Tag 6

Report

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

 

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodan hat nach wie vor die Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben.

Unterschwellig herrschen zwar Konflikte zwischen den großen Sternenreichen, aber man arbeitet zusammen. Das gilt nicht nur für die von Menschen bewohnten Planeten und Monde. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, Besucher aus anderen Galaxien suchen Kontakt zu den Menschen und ihren Verbündeten.

Nicht immer erfolgt dieser Kontakt zur Freude aller: So versteht kaum jemand die Beweggründe der Gemeni, die angeblich den Frieden im Auftrag einer Superintelligenz namens GESHOD wahren wollen, aber dabei Dinge tun, die von den meisten bestenfalls als ungewöhnlich oder undiplomatisch bezeichnet würden. Andere sehen darin fast den Grund für eine Kriegserklärung. Was bewegt GESHOD und seine Gesandten tatsächlich?

Die Sorgen wegen der Gemeni wiegen allerdings wenig, seit jenes Volk sich wieder in der Milchstraße breitmacht, das einst als Lieblingsvolk von ES galt und dann wegen seiner Handlungsweise von ES verbannt wurde: die Thoogondu. Plötzlich tauchen ihre mächtigen Raumschiffe überall in der Milchstraße auf, wo sie jahrtausendelang verborgen ruhten. Doch nun verlassen sie DIE SCHWEIGSAMEN WERFTEN ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Antua Tapper – Als Diplomatin fühlt sie sich unwohl.

Yüs Ghysar – Der Blue empfindet mehr für Positroniken als für Diplomatie.

Hoppatoon – Der Roboter sammelt Erfahrungen.

Paula Katasser – Die Administratorin zeigt wenig sympathische Züge.

Perry Rhodan – Der Terraner ist zunächst nicht willkommen.

1.

Tag 1

 

Meine Arbeit ist wichtig. Mein Leben hat einen Sinn ...

Antua Tapper würde an diesem Tag eine Entscheidung treffen müssen. Sollte sie, oder sollte sie nicht ...?

Sie betrachtete die glitzernde, bernsteinfarbene Kugel in ihrer Rechten und schluckte sie kurzerhand.

Verschieben wir dieses Thema auf morgen, dachte sie und konzentrierte sich auf die Stadt unter ihr. Auf Saüzürd.

Warum dieses Durcheinander hässlicher Gebäude den Beinamen »Blaue Stadt« bekommen hatte, würde Tapper nie verstehen. Grellgelbe Zweckbauten verschmolzen in Saüzürd mit dunkelgrünen Würfelboxen. An der Außenfront eines arkonidischen Trichterbaus waren gewagte Konstruktionen angebracht, die weit auskragende Wohneinheiten fixierten. Die Rundbauten leuchteten in der frühmorgendlichen Sonne.

Zwischen gewaltigen Masten spannten sich auf mehreren Ebenen fragil wirkende Gespinste, in die eiförmige Wohnungen eingesponnen waren, und in offen stehenden, wannenähnlichen Schüsseln drängten sich schlafende Blues – pardon: Jülziish, wie sie sich selbst nannten – dicht an dicht. Sie gehörten der gatasischen Sekte der Freischläfer an.

Tapper näherte sich dem Stadtzentrum. In ungepflegt wirkenden Grünanlagen hatten die Bewohner der Blauen Stadt gewaltige Erdhügel aufgeschüttet. Diese ähnelten überdimensionierten Maulwurfsbauten, aus denen in unregelmäßigen Abständen Rauchwolken entwichen.

Gewiss herrschte im Inneren der Anlagen Hektik. In den Geburtsstätten der Jülziish herrschte immer große Hektik.

»Heilige Krätze!« Tapper wich mit hastigen Manövern einigen Mobilhäusern aus, die viel zu hoch gestiegen waren. Der Autopilot war wieder einmal ausgefallen.

Sie hasste das Chaos in Saüzürd. Und die Blaue Stadt hatte nichts anderes als Chaos zu bieten.

Unter ihr zogen sich die Bänder der Üglüy-Süt dahin, eine der Hauptverkehrsverbindungen. Die Gataser der Blauen Stadt hatten ein Faible für bodengetriebene Fahrzeuge entwickelt. Monstren mit sechs oder acht Rädern rasten kreuz und quer über die Spuren, sodass es Tapper allein beim Zusehen schwindlig wurde.

Sie nahm Kontakt mit einem Verkehrslotsen auf und bat um Zuweisung eines Landesplatzes. Der plapperte mit viel zu hoher Stimme unsinnige Anweisungen vor sich hin, wie immer. Entnervt gab Tapper auf und ließ ihren Gleiter unkontrolliert in die Tiefe fallen. So, wie es fast alle Bewohner Saüzürds taten, wenn sie landen wollten. Die Sicherheitspraller der Gefährte funktionierten hoffentlich und würden Zusammenstöße verhindern.

Womöglich.

Natürlich wurde es ruppig und laut, als Tappers Gleiter durch die hoch frequentierten Gleiter-Verbindungsebenen über der Üglüy-Süt stürzte. Doch sie hatte das Gefühl, dass das Geläute und Gebimmel all dieser unterschiedlichen Alarmsignale eher gelangweilter Routine entsprang als tatsächlichem Ärger.

Tapper seufzte, als sie sich selbst beim mehrmaligen Betätigen der Außenhupe ertappte. Sie konnte es nicht länger verleugnen: Sie passte sich den Lebensumständen in Saüzürd an.

Kein Wunder. Schließlich arbeite und lebe ich seit bald einem Jahr in dieser Stadthölle.

Tapper glitt knapp über der Üglüy-Süt dahin und zog den Gleiter erst nach rechts, als sie das korkenzieherförmige Gebilde der Lülülü ausmachte, des beliebtesten Medienhauses auf Frobisher. Sie flog in die Dünübrau-Süt ein, benannt nach einem der ersten gatasischen Händler ihrer Heimatwelt. In diesem mondänen Teil der Stadt herrschte weniger Betrieb als in anderen. Erleichtert atmete sie durch, als der Parkplatz des Kontaktbüros ins Blickfeld geriet und sie ihr Ziel erreicht hatte.

Der Gleiter heulte ein letztes Mal auf und schüttelte sich. In einer der besten und bekanntesten Reparaturwerkstätten der Stadt hatte man ihr für den Gleiter ein »alles so weit in Ordnung« bescheinigt. Und: »Erst, wenn die Dämpfer so ausgeleiert sind, dass das Ding aus einem halben Meter Höhe auf das Parkfeld stürzt, wird es heikel. Tausenddreihundert Galax bitte, und hundert Galax Gutfreundgeld für die Behörden.«

Gutfreundgeld. Ein besonderes Merkmal der allgegenwärtigen Bestechungskultur in Saüzürd. Ohne Gutfreundgeld kam man in der Blauen Stadt nicht weit.

Tapper stieg aus ihrem Gleiter, wollte den Zugang versiegeln – und erinnerte sich, dass die Sicherungsvorrichtung seit Wochen defekt war. Sie raffte also ihre Habseligkeiten an sich und ging auf den Antigrav zu. Nachdem sie dessen Funktionstüchtigkeit mit ausgestrecktem Arm überprüft hatte, ließ sie sich in die Tiefe fallen.

Nach einer schlampigen Kontrolle durch gatasische Sicherheitskräfte und einer pedantisch genauen durch terranischstämmige Bewohner der Stadt gelangte sie ins Innerste des Kontaktbüros.

»Nein, ich habe keine Vorurteile«, sagte sie leise, und gleich noch einmal: »Nein, ich habe keine Vorurteile.«

»Wie bitte?«

Tapper zuckte zusammen und drehte sich um. »Ghysar! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich nicht an mich heranschleichen sollst!«

»Habe ich nicht, bei der Bitterrot Getupften Kreatur der Halbwahrheit.« Yüs Ghysar neigte seinen Tellerkopf leicht zur Seite, sodass der grüne Schminkstrich entlang der Tellerkopfkante stärker zur Geltung kam. »Ich bin dir gefolgt, um dich zu beobachten. Du weißt ja, dass ich eure Art der Fortbewegung studiere. Sie ist höchst effektiv. Ich wäre froh, wenn wir Gataser so lange Beine hätten wie ihr Terraner.«

Tapper ging schneller, in dem verzweifelten Versuch, Ghysar zu entkommen. Sie musste ihn ohnedies während der meisten Zeit des Tages ertragen. Aber nicht gleich am frühen Morgen, bevor sie ihre erste Halblitertasse Grautee intus hatte!

Der Gataser quatschte und piepste, während er ihr nacheilte. In seiner Aufregung fiel er mit seiner Stimme immer wieder in den Ultraschallbereich und wurde unverständlich.

Sie erreichte ihr Büro, desaktivierte das Sicherheitsschloss, schlüpfte ins Innere, warf die Tür hinter sich zu und lehnte sich erleichtert dagegen.

Sie mochte diesen Kerl ganz und gar nicht. Er war lästig und vertrat gesellschaftspolitische Ansichten, mit denen sie rein gar nichts anzufangen wusste. Tag für Tag stritten sie über das eine oder andere Thema zur Blauen Stadt, dieses riesigen Molochs. Die Arbeit in Saüzürd war weit davon entfernt, ihr Spaß zu machen.

Sie brachte die Teepresse mit einem Fingerschnippen zum Funktionieren. Graubrauner Sud tröpfelte in ihre Lieblingswärmtasse und erhitzte sich auf eine angenehme Temperatur. Tapper nahm einen Schluck, setzte sich hinter ihren Schreibtisch und schloss für einige Sekunden die Augen.

Sie verbannte alle trüben Gedanken aus ihrem Kopf und konzentrierte sich auf die Stunden, die vor ihr lagen. Es gelang ihr nur mangelhaft.

Es war acht Uhr morgens. In einer halben Stunde stand die erste Besprechung mit Delegierten aus Saüzürd-Nebel an, einem Außenbezirk der Blauen Stadt. Es ging um Erweiterungen, um Fördermittel, um Unterstützung bei der Infrastruktur.

Und natürlich um Gutfreundgeld.

Sie nippte am Grautee. Allmählich setzte seine wärmende, beruhigende Wirkung ein. Die Teeblätter stammten vom subtropisch geprägten Südkontinent der Welt. Sie waren einer der wichtigsten Exportartikel Frobishers.

Es war so weit. Sie musste sich den Widernissen des Tages stellen. Ächzend stand sie auf, packte Datenkristalle, einige Schreibfolien und Gutfreundgeschenke zusammen, öffnete die Tür ihres Büros ...

... und prallte gegen Yüs Ghysar.

»Hast du etwa auf mich gewartet?«, fragte sie und versuchte den grauenhaften Körpergeruch des Gatasers zu ignorieren.

»Selbstverständlich. Wir haben einen Termin.«

»Aber ... aber du kannst doch nicht zwanzig Minuten lang einfach nur dastehen und nichts tun!«

»Ich habe gearbeitet. Ich habe über Lösungsansätze der teleologischen Spaltung positronisch-fraktaler Rechnerpakete nachgedacht.«

»Du weißt genau, dass du auf diesem Weg keine Lösungen finden wirst.«

»Oh doch. Ich bin ein Genie.«

Tapper machte eine abwertende Handbewegung. »Nein, bist du nicht. Niemand interessiert sich für deine hanebüchenen Theorien. – Aber lass uns später darüber reden. Du bist auf die Besprechung mit den Delegierten von Saüzürd-Nebel vorbereitet?«

»Nein. Das wäre reine Zeitverschwendung. Wir beide wissen, dass diese Verhandlungen ausschließlich eine Sache des Geldes sind. Die kreaturfeindlichen Bürokraten wollen weitere Grünflächen der Außenbezirke in Bauland umwidmen lassen, um Wohnraum für junge, aufstrebende Familien zu schaffen. Wir bieten jedem von ihnen eine Gutfreundsumme von fünf- bis zehntausend Galax, damit sie diese Idee rasch wieder vergessen. Die Delegierten werden im Chor die Glattschwarze Kreatur der Empörung beschwören und nach einer Weile auf die Goldene Kreatur der Zufriedenheit umschwenken. Dazwischen liegen drei Stunden öder Unterhaltungen, Beleidigungen und Beschwörungen anderer mythischer Kreaturen. Worauf, so frage ich dich, soll ich mich also vorbereiten?«

»Ich will mich nicht damit abfinden, dass die Blaue Stadt einzig nach den Kriterien der Bestechlichkeit funktioniert!«

»Ist Wasser nass? Sind Flammen heiß? Ist der Flaum am Halsmund struppig? – Du wirst Saüzürd nicht ändern können. Schon gar nicht du, eine Terranischstämmige.«

Da war sie, die Überheblichkeit der Jülziish. Ihre unerträgliche Art, mit der sie eine echte Zusammenarbeit zwischen den Völkern erschwerten. An der nicht zuletzt auch das Forum Raglund einst zugrunde gegangen war.

»Lass uns gehen«, sagte sie und wartete geduldig, bis der Gataser seinen Schritt gefunden hatte. Mit den kurzen Beinen hatte er Mühe, ihr zu folgen.

Hin zum Konferenzsaal, vor dessen Toren bereits aufgeregt zwitschernde Blues versammelt waren. Sie trugen kunterbunte Capes, die in einem Kode, den Tapper noch nicht durchschaut hatte, auf gesellschaftliche Stellung und familiäre Verhältnisse hinwiesen.

Tapper begrüßte die Delegierten und bat sie in den großzügig ausgestatteten Raum. Sie wartete geduldig, bis die Reihenfolge beim Eintreten ausgestritten war, und begann anschließend mit den Verhandlungen.

Ghysar sollte recht behalten: Es ging um die Höhe des Gutfreundgeldes. Niemand scherte sich um ihre Statistiken zu infrastrukturellen Verfehlungen, illegal errichtete Gebäude in Saüzürd-Nebel und ihre Bitte um verstärkte Geburtenkontrolle.

 

*

 

»Willst du mir nicht endlich erzählen, warum du zur Kontakterin in gatasisch-terranischen Angelegenheiten degradiert wurdest?«, fragte Ghysar.

»Es war keine Degradierung«, widersprach Tapper so ruhig wie möglich.

»Wem willst du etwas vormachen, Kurzhälsin? Du warst bis vor einem Jahr die Stellvertretende Kommandantin der Raumflotte von Frobishers Stern. Du hattest einen direkten Draht zur planetaren Administratorin, Paula Katasser. Du hattest Macht und Einfluss, deine Entscheidungen waren wichtig und weitreichend.

Nun bist du bloß noch eine Marionette. Nichts von dem, was du sagst oder wünschst, hat irgendwelche Auswirkungen. In Wahrheit bestimmt allein Katasser über Angelegenheiten, die die Blaue Stadt betreffen, gemeinsam mit unserer Bürgermeisterin.«

»Dennoch ist meine Arbeit wichtig«, beharrte Tapper trotzig. »Es wäre längst ein Bürgerkrieg zwischen Gatasern und Terranern ausgebrochen, wenn wir beide nicht als Kontakter auftreten würden.«

»Wem willst du etwas weismachen, Kurzhälsin? Ich bin wesentlich länger als du im Kontaktbüro angestellt. Ich weiß, dass ich nichts bewirken kann. Ich wurde hierher versetzt, weil meine Arbeiten die Kollegen von der Forschungsakademie irritierten und ich nicht in der Lage war, ausreichend Gutfreundgeld an deren Direktoren zu verteilen. Also sorgten sie dafür, dass ich hier landete: in einem staubigen Büro und ohne Möglichkeit, jemals wieder im Bereich der Positronik-Wirtschaftswissenschaft Fuß zu fassen. Wir stehen beide auf einem Abstellgleis.«

Tapper wollte aufbrausen. Wollte Ghysar mit scharfen Worten widersprechen. Aber sie ließ es bleiben. Denn sie wusste, dass der Gataser recht hatte.

Sie hatte eine einzige schlechte Entscheidung getroffen. Hatte in ihrem Überehrgeiz einen fatalen Befehl erteilt. Während einer Flottenübung im Orbit des sechsten Systemplaneten, Stormy Norman.

Ihre Anweisung zu einem riskanten Manöver hatte zwei Kadetten in einer Space-Jet das Leben gekostet – und sie, Tapper, den Posten als Stellvertretende Kommandantin der Flotte.

»Diese Diskussionen sind müßig«, sagte sie müde. »Wir haben Besichtigungen zu planen und müssen einen Arbeitsbericht zum Budget Saüzürd-Komans ausarbeiten.«

»Hast du immer noch nicht verstanden, dass alles vergebens ist? Niemand hört auf uns, Antua!«

»Ich habe sehr wohl verstanden. Aber ich weigere mich aufzugeben.«

Meine Arbeit ist wichtig. Mein Leben hat einen Sinn ...

Ghysar gab einen Ton von sich, den er schmerzlich hoch ansetzte und der dann überraschend tief in den menschlichen Hörbereich hineinglitt. Es war das gatasische Pendant zu einem Seufzer.

»Muss ich es denn aussprechen, Antua? Du weißt, dass es meine Aufgabe ist, dich zu kontrollieren. Selbiges wird umgekehrt von dir erwartet. Wir sollen uns gegenseitig neutralisieren. Weil wir lästig sind. Weil wir zu viel Unruhe ins Gefüge gebracht haben. Ich mit meinen Postulaten zur idealen, positronisch gesteuerten Regierungsform, du mit deinem strategischen Ungestüm. Wir sind den Mächtigen auf die Füße getreten. Das rächt sich nun.«

»Du hast bis jetzt nie darüber gesprochen, was der Auslöser für deine Versetzung ins Kontaktbüro war. Waren es Meinungsverschiedenheiten, oder steckt mehr dahinter?«

»Die Farblose Kreatur Unendlicher Weisheit inspiriert mich nur selten dazu, offen über dieses Thema zu reden, Kurzhälsin. Schon gar nicht mit dir. Dazu sind wir uns einfach zu fern, zu fremd.

Und nun guten Tag, Antua. Ich werde den Rest des Tages in meinem Büro verbringen. Solltest du mich brauchen – melde dich bitte nicht. Ich werde keinesfalls öffnen. Du solltest ja wissen, wie es ist, wenn man sich in seinen eigenen vier Wänden einsperrt.«

Mühsam beherrscht sagte Tapper: »Du musst einige Dokumente unterschreiben und den Bericht über Saüzürd-Koman beglaubigen ...«

»Du hast einige DNS-Proben von mir herumliegen. Sie reichen, um die Beglaubigungen auszustellen.«

Yüs Ghysar ging davon. Die Augen auf seinem Hinterkopf blinzelten und schlossen sich langsam.

Das heißt so viel wie: Du bist mir nicht einmal einen Augen-Blick wert. Der Gataser verachtet mich zutiefst – und er lässt es mich wissen.

 

*

 

Tapper nippte an ihrem Grautee und starrte auf die Stadt hinab. Der Schafsmond stand ein gutes Stück weit im Himmel. Die Scheibe des etwas dunkleren, aber größeren Wolfsmondes schob sich erst jetzt hinter dem Horizont hervor. Er würde den kleineren Mond übers Firmament jagen, wie er es immer tat, Nacht für Nacht.

Der Arbeitstag war ereignislos zu Ende gegangen. Tapper war froh gewesen, sich in ihre Wohnung am Rand des städtischen Molochs zurückziehen zu können. Ghysar hatte sein Versprechen wahr gemacht und sich während des ganzen Tages nicht mehr blicken lassen.

Sei zufrieden mit dem, was du tust, wiederholte Tapper den Rat ihres Therapeuten. Blick stets nach vorne!

Sie stellte die leere Tasse an der Sitzbrüstung ihres Balkons ab und hockte sich daneben. Ein Prallfeld schützte sie davor, das Gleichgewicht zu verlieren und mehr als dreihundert Meter in die Tiefe zu stürzen. Der Wohnturm war einer der höchsten der Blauen Stadt.

Wenn ihr Leben bloß ein wenig mehr Sinn ergäbe! Sie litt unter ihrer Bedeutungslosigkeit. Darunter, keine tonangebende Rolle mehr zu spielen. So sehr hatte sie gehofft, eines Tages das Flottenkommando Frobishers übernehmen zu können und, wenn sie ihre Arbeit gut erledigte, ins Ephelegonsystem berufen zu werden. Ins politische, wirtschaftliche und militärische Herz der Opral-Union, einem ordentlichen Mitglied der Liga Freier Galaktiker.

Sie steckte in einer Sackgasse. Frobisher war eine Kolonie am Rande der Bedeutungslosigkeit, wenn man die galaktopolitischen Machtblöcke als Maßstab heranzog. Auf dem vierten von elf Planeten im System von Frobishers Stern lebten etwa hundertfünfzig Millionen Menschen – und eine wachsende Zahl von Gatasern, allein 23 Millionen in dieser einen Stadt: Saüzürd. Aus einer schlichten Handelsmission hervorgegangen, die Opral-Terraner und Tellerköpfe gemeinsam gegründet hatten, war im Lauf der Jahrzehnte ein immer größer und hungriger werdender Stadtmoloch geworden. Das gesellschaftliche Gleichgewicht zwischen Jülziish und Menschen geriet in Gefahr, und keiner schien sich für das Problem der Überbevölkerung zu interessieren.

Irgendwo im Norden der Stadt wurde ein altmodisches Feuerwerk abgeschossen. Man feierte vermutlich die Kooperation zweier Gatas-Sippen. Was bedeutete, dass viele neue Partnerschaften geschlossen und in den unterirdischen Hegestätten noch mehr Kinder zur Welt kommen würden.

Tapper hüpfte von der Brüstung und nahm einen letzten Schluck vom Grautee. Er schmeckte schal und fad.

Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Hoffentlich hatte der kommende Tag mehr zu bieten als der gerade zu Ende gehende. Andernfalls ...

Andernfalls.

2.

Tag 2

 

Ein Summen weckte sie. War die Nacht etwa vorüber?

Tapper streckte die Rechte aus und tippte wie gewohnt auf die übliche Stelle, um die Weckautomatik ihrer Wohneinheit abzuschalten. Die Positronik würde ihr weitere zehn Minuten Schlaf gewähren und sie dann umso energischer aus den Federn jagen.

Aber diesmal wollte der Summton kein Ende nehmen.

Verärgert richtete sich Tapper auf.

»Was soll das?«, rief sie und blickte auf die Uhrzeit, die die Hauspositronik auf die gegenüberliegende Wand projizierte. »Drei Uhr dreißig in der Früh? Bist du völlig übergeschnappt?«

Tapper hielt inne. Der Signalton war gar nicht jener der Weckautomatik. Er stammte vom Trivid-Empfänger.

Tapper hievte sich aus dem Bett und tapste auf das Gerät zu. Es dauerte einige Sekunden, bis sie es aktiviert hatte. Grelles Licht blendete sie, dann erschien das Gesicht Paula Katassers.

»Warum dauert das so lange?«, fragte die Administratorin grußlos.

»Schaust du ab und zu mal auf die Uhr? Es ist mitten in der Nacht«, antwortete Tapper und nickte der mächtigsten Frau des Systems zu.

»Ach ja. Die Blaue Stadt liegt derzeit in der Dunkelzone. – Nun, ich kann es nicht ändern. Reib dir den Schlaf aus den Augen und mach dich zum Aufbruch bereit, Antua.«

»Wie bitte?«

»Du hast richtig gehört. Ich benötige deine Dienste.«

»Was hat eine Kontakterin der Blauen Stadt um diese Uhrzeit so Dringendes zu erledigen?«

»Du bist hiermit deiner Position in Saüzürd enthoben. Willkommen zurück bei der Flotte.«

»Ist das ein Scherz?«

»Hast du mich jemals scherzen sehen?«, fuhr die Administratorin sie an. Ruhiger fuhr Katasser fort: »Ich brauche dich. Dein Geschick ist hier dringend vonnöten.«

»Wo ist dieses hier und wozu benötigt ihr mich ausgerechnet jetzt? Und nein, ich nehme keine Befehle einfach so entgegen.«

»Spiel nicht mit mir, Antua. Ich habe dich deines Postens enthoben, weil du einen schrecklichen Fehler begangen hast, der zwei junge Terraner das Leben kostete. Nun biete ich dir die Chance, dich zu rehabilitieren – und du versuchst tatsächlich, mit mir zu pokern? Bist du dir deiner Situation eigentlich bewusst?«

Tapper war immer noch nicht ganz bei sich. Doch ihr Verstand begann zu funktionieren. Sie zog erste Schlüsse, sie schätzte die Lage ein.

»Ich denke jeden Tag und jede Nacht an die Leben, die mein Fehler gekostet hat, Administratorin. Aber ich erinnere mich auch daran, dass du die Anweisungen gegeben hast, die Flottenübung mit allem Nachdruck durchführen zu lassen. Du hast Druck ausgeübt, du wolltest die bestfunktionierende Flotte der Opral-Union präsentieren.«

»Denk nach, mit wem du gerade redest.« Katasser sprach gefährlich leise. »Ich habe dich geschützt und deinen Fall abgefedert. Nur mir hast du es zu verdanken, dass du als Kontakter aufgenommen wurdest.«

Es hatte keinen Sinn, mit der Administratorin über dieses Thema zu diskutieren. Sie war knallhart, stets auf ihre eigenen Vorteile bedacht. Eine Karrieristin, wie Tapper selbst einmal eine gewesen war. Diese Frau würde niemals verstehen, wie sehr sich Tapper seit ihrer Entlassung aus dem Militärdienst geändert hatte.

»Lassen wir das«, sagte sie müde. »Sag mir, was du von mir willst.«

»Das geht nicht. Nicht über Trivid.« Katasser blickte zur Seite. »Ein Gleiter wird in acht Minuten auf dem Dach deines Wohnturms landen und dich aufnehmen. Er wird dich in die Flottenzentrale bringen und dann mit einer Space-Jet hoch zu mir. Pack deine Militärausrüstung zusammen! So, wie ich dich kenne, hältst du sie irgendwo in deiner Wohnung griffbereit. Bekleidung, Hygieneartikel und der ganze Krimskrams werden dir von der Flotte zur Verfügung gestellt.«

Das Bild der Administratorin erlosch, es wurde dunkel im Raum. Tapper stand wie vom Donner gerührt da und versuchte zu verstehen, was eben vor sich gegangen war.

Hatte sie soeben ihren alten Posten zurückerhalten?

Nein. Katasser hatte mit keinem Wort ihre frühere Position als Stellvertretende Flottenkommandantin erwähnt. Sie hatte bloß Befehle erteilt und sich wichtiggemacht. Wie immer.

Tapper zog bequeme Kleidung über, machte eine Katzenwäsche und kramte ihren Schweberucksack hinter Kisten mit persönlichen Gegenständen hervor. Sie aktivierte den Antigrav, der Rucksack glitt leise neben ihr her, während sie zu Fuß die drei Stockwerke hoch zum Dach des Wohnturms stieg.

Tapper ärgerte sich über Katasser. Weil die Administratorin sie viel zu gut kannte und gewusst hatte, dass sie ihre Ausrüstungsgegenstände beisammengehalten hatte.

Sie lebte in der vagen Hoffnung, dass ihre Arbeit im Kontaktbüro bloß eine Episode in ihrem Leben sein würde und dass sie irgendwann wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren durfte.

Nun schien die Chance dazu gegeben.