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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2018

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ISBN Printausgabe 978-3-498-06553-9 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-00140-4

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-00140-4

Antoine de Saint-Exupéry, «Die Stadt in der Wüste»

Nime ich aber nû, daz begrìfet in im alle zît.

Meister Eckhart

Es steckt in der Sprache etwas, das drückt und drängt. Etwas, das sie buchtet und beult, weil es hinauswill wie ein gefangenes Tier. Für immer entkommen. Ist es etwa das Zusammengepferchte von Unding, Abgrund, Numen und Werg, das in Gestalt eines Wühlers durch unsere Sprache buckelt und findet den Ausgang nicht mehr?

Männer, Frauen haben: «Nichtswürdiger!» mir zugerufen, mir, einem birnengelben Lindenblatt! Kreiselnd unter Schmährufen, tanzt’ ich, schaukelte herab, solange der Herbst den Atem anhielt.

Nur weil du keine Wolken verschieben kannst, willst du Mäuse zählen?

Der Lapsus spricht: Ich bin ein Wesen des Entgleitens, ich entgleite, das ist meine einzige Beweglichkeit. Wie ein Gedanke dem zerstreuten Denker, wie ein Teller morgens müden Händen und wie das Verstehen selbst, das in ein Versehen schwindet, wie’s denn die meisten brauchen, um sich zu verlieben. So entgleite ich Zug um Zug auch dir, wenn du mich umklammerst und gewaltsam richtig stellst.

«Mihi» findet sich in alten Exlibris. Mir gehört’s. Mihi ist auch des anderen Gesicht: mir gegenüber, mir zugewandt, es wird mir gezeigt. Es gilt mir, ja es besteht nur aus Mir, mir gehört’s und ist nicht das meine. Mihi. Nicht-Meins.

Die einer den anderen in der Ferne sahen, sprachen später in der Nähe, einander gegenüber, nur von den «Glücklichen», die sich in der Ferne sahen und nicht identifizieren konnten.

Ich habe nicht den Eindruck, daß den Empfehlungen, die uns die Eiche zuflüstert, der Hauch ausgegangen wäre.

Er bezahlt ihn und zahlt noch eins drauf. Und noch eins. Der Hausherr gewährt seinem Hausmeister ein fließendes Zahlen. Er vergibt, weil für ihn nichts mehr seinen Preis hat. Alles hat seinen Preis an den Sinn verloren.

Ohne Sonne wäre Gold wertlos. Das Symbol bestimmt seinen Wert, Vorkommen und Börse seinen Preis.

Den Traum über die Schwelle des Tags balancieren wie eine zerfließende Vase.

Was bedeutet es, bei der Rückkehr zum Haus die eigenen Schritte im Schnee mit der Schuhspitze heimwärts gerichtet zu finden? Man muß wohl rücklings ausgegangen sein.

Ein Zimmer Licht, unverwüstliches, Rückstand der «unendlichen Räume» nach ihrem Insichgehen.

Wenn alle Türen offenstehen, werden die göttlichen Gesichtszüge des Herdsassen von den göttlichen Gesichtszügen des Diebs nicht zu unterscheiden sein.

Frühmorgens beim Blick in den Spiegel sagte er: «Ach du bist es, Mutter!» Der Übernächtigte verschwand in seiner Ahnin Ähnlichkeit.

Immer mehr gutaussehende Männer werden in Dinge verbannt. Da rollten zwei Fahrräder unbesetzt über den Uferdamm, und in den Speichen erschienen bei heftiger Drehung die Veloplasmen zweier philosophischer Freunde, zweier ausgesprochener Beaus, die sich über «Die Apotheose der Bodenlosigkeit» von Schestow unterhielten.

Ist nicht alles wie nie?

Unter Leuten auf engstem Raum, in unruhiger, zerstreuter Gemeinschaft, wo sich dies und das ebenso schnell noch sagen ließ, wie es langanhaltenden Schaden verursachte. Wo sich dies und das ebenso schnell hervortat, wie es wieder abtauchte. Wo man dies und das nochmals zu verkasematuckeln hatte. Nochmals vertilgen, verschlingen, erläutern, erklärt bekommen mußte. Wieviel Einbußen, Zurückweisungen, vergebliche

Die menschliche Bewegungsfreiheit beschränkte sich auf ein rastloses Auf-und-ab-Trippeln im engen Pulk. Läufer, die sich aus dem Vogelnetz ihrer Zurufe nicht mehr befreien konnten, stießen ganz unwillkürlich Auskünfte in die Luft hinaus, ohne daß sie jemand Bestimmtem gegolten hätten. Ihre Verlautbarungen rührten ausschließlich von einem Sich-Lösen der Zunge beim Gehen.

Der Geist, einmal unter dem Vogelnetz der Zurufe gefangen, blieb erst ein wenig unschlüssig, war dann aber vorschnell bei der Sache.

So jemand im Eifer den Faden verlor, hing dieser ihm als ein loses Ende aus dem Mund und konnte ebensogut der Anfang einer Zündschnur sein, die nach kurzem Brand die Sprengung der Zunge auslöste.

Um sein Lückenbüßerdasein zu rechtfertigen, ergänzt man eines Früheren fallen gelassenen Gedanken hier, eines Zeitgenossen kopflos begonnenen dort. Mehr Raumfüllung bleibt einem letztlich nicht.

Die Ansprache des Unbekannten Führers erfolgte von einem Fenster der Schloßfassade bei herabgelassenem Rollo, das im unteren Teil ein wenig abstand, ein wenig aufgekippt war, so daß

Nach drei Jahren unbeschränkter Herrschaft stand der Volksredner abermals am selben, jedoch nun offenen Fenster und sprach ohne Verstärker zum Volk auf dem Hofplatz. Da sauste plötzlich der Rolladen herunter, und unerwünscht sperrte er ihn ab von seinem Publikum. Der Rolladen, der zuvor den Unbekannten Führer mit Absicht verdeckte, schlug nun dem sattsam Bekannten auf die Gelenkknochen. Doch die Hände drängten sich vor und setzten mit ungeschicktem Ausdruck die Rede fort.

Und das ist Ihr Reisekoffer?

Nicht unbedingt. Eher ein Zimmerkoffer. Ein ausgesprochener Stubenhocker.

Aber er reist mit Ihnen?

Ungern. Man muß ihn zur Tür schubsen.

Gegen das Reisen sträubt er sich?

Gewiß. Weil er sich eben zweckentfremdet fühlt.

Sie meinen: nicht standesgemäß behandelt?

Sehr richtig. Seinem Stand entspricht das Stehen.

Ein Künstler trug vom baren Eindruck, den ein altes Meisterwerk auf ihn machte, eine so tiefe Delle davon, daß er, an Leib und Seele gemuldet, buchstäblich eine menschliche Bucht geworden war. Nie wieder würde er die Brust vorwölben oder sich gar in die Brust werfen können.

Geh! Geh endlich weg! Ein Mann sucht einen zweiten daran zu hindern, die Bühne zu betreten. Verschwinde! …

Das ist das ganze Drama. Der eine will hinaus auf die Bühne, der andere, draußen allein auf weiter Bühne, sucht ihn zu verscheuchen, jagt ihn zurück vor den Auftritt.

Ich will gar nicht reden, sagt der Abgedrängte,ich will nur ein einziges Mal platzgreifend da draußen sein!

Das ist es ja! Daher das gute Zureden. Sie bewegen sich unablässig in einem Halbrund von Halbheiten, Halbwahrheiten, halben Sachen und halben Stunden.

Was immer Sie festigt, woran immer Sie glauben mögen – glauben Sie einmal zwei Stunden lang nicht daran.

Es folgen Sätze, die jede Aussage verweigern. Wie der Beschuldigte, der vor Gericht sich nicht selbst belasten will. Für die Sätze, die folgen, heißt das im Vergleich: Sie wollen nicht in den Verdacht geraten, Beziehungen zu Erzählkartellen zu unterhalten.

Unbestechliche Empfindung für die Vergangenheit alles Seienden.

Abgewandelter Gorgias von Leontinoi. Er lehrte, daß Seiendes nicht ist; selbst wenn es wäre, vermöge der Mensch es nicht zu erkennen; aber selbst wenn er es erkennte, wär’s für ihn nicht auszusprechen und mitzuteilen.

Demnach lautet die neue Lehre:

Nichts ist. Alles war. Und so, wie’s war, kann’s keiner fassen. Und selbst wenn er’s von fern noch empfände, wär’s ihm nicht aussprechbar.

Nie werden wir’s fassen können, das wilde Land, in dem wir einst waren, von dem nur der Schmerz noch weiß. Indem er aufbegehrt, erfahren wir allein durch ihn von der frühen Zeit – von einem jedes Jetzt durchbohrenden Einst.

Niemand lebt jetzt, jeder versteht oder mißversteht, was gegen – ihn – wärtig geschieht, stets aus bereits Erlebtem und erfahrungsgemäß. Nach dem Rezept einer bestandenen Gegenwart.

Das plötzliche Stehenbleiben als Austragungsort erbitterter Flügelkämpfe eines Mannes, der mit sich geteilter Meinung ist. Der nächtliche Alptraum als Ritterschlag, der den bis dahin Furchtlosen in den Adelsstand ewigen Grauens erhebt. Das Zittern am ganzen Leib, die Hände flach auf die Ohren gepreßt bei abstehenden Ellenbogen, mit beiden Füßen auf die Erde trommelnd, weil es nicht auszuhalten ist.

Auf einem nassen Weg fiel er in den Matsch – an derselben Stelle wie sein kleiner Sohn vor vielen, vielen Jahren. Ein Junge aus dem Nachbarhaus kam gerannt und sah verwundert auf den alten Mann im Matsch, der sich nicht mehr rührte in seiner sohnesgleichen Lage.

So verursacht sich alles um. Man gräbt sich in den

Auch ein guter Denker ist in seinem Höhenflug nicht, was er als Kriechender sein könnte.

Grille und Geist – beide reglos vor dem jähen Sprung. Ungewiß, wer zuerst ihn tut.

Plötzlich ist die Summe der Stille, das Meiste seiner Tage, aus ihm hervorgetreten: Wenn sich der Mund öffnet, quillt eine graue Aster hervor. Aus langer Verschlossenheit geht ihm eine faustgroße Blüte auf genau dort, wo Mund und Stimme waren. Die Sonne, die Weide, die Hecke, Liguster, Ahorn und Fuchs, all das Erbauliche nennt er noch dumpf mit blumenerstickter Stimme. Ach! Er kann nicht mehr durch die Blume sprechen! Die Vögel, das Licht, die vergnügten Wenden der Wege, er hält sie zu nennen vorsorglich bereit hinter dem Blütenknebel.

Wer ist vorübergegangen? Wir oder an uns ein Leben? Fahren wir, oder fährt der Zug auf dem anderen Gleis?

Auf dem Heimweg einige Fundstücke aus den Tagen des Aufbruchs … Sei gegrüßt, Vergessenes. Erhebe dich, Liegengebliebenes!

Der Platz auf dem Brunnenrand, den ein Mann so lange bewahrt, bis sein Bild im Wasser versunken ist.

Hörst du es? Ein Tor nach dem anderen fällt ins Schloß. Wie grausam! Bald ist alles Innen zu. Das Innen weltweit zugesperrt.

Das nicht mehr vorsagende, den Klippschüler der Tagvernunft nicht spicken lassende Träumen.

Das unheilvolle Licht streift als ein Suchscheinwerfer über die Erde. Ohne Unterschied treffen das schlimme Versehen, der sengende Zufall die dafür Auserwählten.

Doch viele sind auf Reisen, sind überall – aber auch dort trifft sie das umstoßende Licht.

Es sind die unzureichend gedeckten ebenso wie die längst abgeräumten Tische, an die sich die Gäste setzen oder an denen sie sitzen bleiben – so oder so im Nacken das kalte Grausen. Am Ende will niemand mehr aufstehen, obgleich die Teller alle leer gegessen sind und kein letzter Gang mehr folgen wird.

Der Wächter liebt den Bewachten. Liebt er aber auch den Gefangenen? Daß du gefangen bist, ist nichts. Aber daß ich dich bewache, ist alles.

Und schließlich erlebte man den großen Rückzug der Displays. Die Bildschirmdämmerung begann. Von allen Zeigeflächen weltweit und zugleich schwand der helle Schein, niemand besaß Auge genug, das schattenhaft noch Angezeigte eindeutig zu entziffern. Jedes Mittel einer technischen Verstärkung versagte. Und das schwache Leuchten der Displays zog in seine Schwäche hinüber das helle Auge.

Menschen, die zu allem ein gesundes Urteil haben, ahnen gar nicht, wie ein Urteil beschaffen sein muß, um Bestand zu haben: daß es nämlich zuerst unter Zähneklappern, zitternd und fiebernd durch den Eiswald der Sachverhalte irren muß, um zu sich zu finden.

Ich bin – das heißt, ich überlebe in einer Luftblase wie der Bergmann in der gefluteten Grube.

Während ihre Fingerspitzen den Ärmel des Begleiters berührten, vielleicht um im letzten Moment noch festen Halt zu fassen, begann ihr Leib am Rand der Kluft sich zu winden und sich dem tobenden Abgrund zu prostituieren. Es war

Sein Tasten an allen Dingen, das sichernde, zwanghafte Bedürfnis, beständig etwas Geformtes, Gebogenes, Geprägtes zu berühren, hatte ihn mehr Unterschiede an den Oberflächen gelehrt, als sie das Auge je entdeckt hätte. Und darunter entstand von seinen nimmermüden Fingern, die dem Blinden nachzueifern schienen, mit der Zeit ein gleichmäßiges Dunkel in ihm, das ihm weder angeboren noch vom Unfall zugefügt worden war; allein sein weltfahrendes Tasten hatte es erzeugt.

Morgens über die Piazza schleppen sich Frauen, es sind gehende Türen. Es sind die Portam-portare-Frauen, so ihr neumythischer und ihr uralter Name. Die Gefangenen der Schwelle, sie bleiben Tag und Nacht in ihre Türrahmen gestreckt und eingesperrt. Die Schwelle liegt ihnen wie der Pflock, wie ein Jochbalken schließt die Schwelle

Was für ein Leben, das Leben als gehende Tür! Und das waren einmal die Unterdrückerinnen aller Unterdrücker.

Das Natürlichste von der Welt. Eine Kindheit endet, eine Ehe zerbricht, ein Zeitalter vergeht. Das Natürlichste von der Welt. Alles übrige: politics, Zutaten, Beschäftigungen … Dazu die derben Späße. Abschied ist die natürlichste Erfahrung des Menschen. Wo sie nicht tief genug reicht, fehlen die Wunden und die Fragen.

Man fühlt weniger, was in der Stunde, an die man sich erinnert, geschah, man fühlt zuvörderst und über allem longue durée.