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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2018

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Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Umschlagillustration Simon Prades/Début Art

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ISBN Printausgabe 978-3-7371-0024-3 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-10044-2

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-10044-2

Als fünftes Rad am Massengrab

Ich weiß nicht. Ob ich auch zu Viktors Beerdigung gekommen wäre, wenn ich geahnt hätte, dass das eine Kette von Ereignissen in Gang setzen würde, an deren Ende ich tot daliegen würde? Ich hatte sowieso keine Lust, wie Falschgeld auf dem Friedhof rumzustehen und mir Reden auf jemanden anzuhören, mit dem mich schon lange nichts mehr verband. Inzwischen wussten jedoch viele in der Stadt, dass ich wieder da war, und so konnte ich mich schlecht drücken. Das war der eigentliche Grund, weshalb ich an diesem April-Sonntag einen schwarzen Anzug trug, neben meinem Bruder Frank im Regen stand und versuchte, betrübt dreinzukucken.

Natürlich regnete es, ich hätte damit rechnen müssen. Die ganze Kindheit hatte es geregnet. Hier am Südhang mussten die Wolken einfach abregnen, die vom Meer herüberkamen. Das hatten wir schon in der Schule gelernt. Frau Schlottmann. Heimatkunde. Dritte Klasse. Volksschule war das noch, nicht Grundschule. Eigentlich hätte man in der Stadt zweitausend Worte für Regnen haben müssen. Wir hatten aber nur ein paar: plästern, pladdern, prasseln. Schnüre regnen. Bindfäden auch. Nieseln. Tröpfeln. Fisseln. Meine Mutter sagte immer: «Wenn es fisselt, pissen die Ameisen im Himmel.»

Als ich die Mail mit der Todesnachricht erhielt, erschrak ich doch wirklich etwas. Normalerweise erfüllen mich Todesnachrichten mit einer gewissen Befriedigung. Diese Reaktion war mir immer etwas unangenehm. Ich würde auch lieber Trauer empfinden, so wie es – glaube ich zumindest – andere Leute tun. Aber das hat bei mir nie funktioniert. Immer wenn ich von einem Todesfall erfuhr, jubilierte in mir etwas: Wie schön, den hast du jetzt auch überlebt. Und was für ein Glück, dass nicht du es bist, durch dessen Körper jetzt weiße Maden ihre Bahnen ziehen. Für einen kurzen Moment vergaß ich meine ganzen Probleme und freute mich: über das schöne Wetter, ein lustiges Kind, das vorbeitrottenden Hunden auf der Straße ein Bein stellte, oder wie gut doch gerade die Nudeln mit billiger Dosentomatensoße schmeckten.

Dass ich es bei Viktor anders empfand, lag sicher auch daran, dass er zwei Jahre jünger gewesen war als ich. Und außerdem war er eben der große Viktor. Ich hatte nie gedacht, dass er einmal sterben könnte. Jedenfalls nicht vor mir. Deshalb

Solche Gedanken hatte ich in Hongkong nie gehabt. Jedenfalls solange das mit Sandy gutging. Die kluge Sandy, geboren in Mongkok, erzogen in den USA, mit vierundzwanzig zurückgekehrt in die duftende Hafenstadt, wo sie zu meiner Rechten saß. Erlöserin von all meinen Übeln. Ach, Quatsch, aber ich hatte mit Sandy einfach so in den Tag hineingelebt, ohne Gedanken an irgendeine Zukunft. Natürlich hatten wir unsere Probleme, wer hat die nicht? Kaum war ich aber dann in Deutschland gelandet, verfinsterte sich alles. Als Erstes erreichte mich die Nachricht von Viktors Tod. Und so stand ich also zum ersten Mal seit der Beerdigung meines Großvaters vor fünfundzwanzig Jahren auf einem Friedhof und sah dabei zu, wie man einen Menschen unter die Erde brachte.

Ich wunderte mich über den Aufwand, der betrieben worden war. Die ganzen Gebinde, Sträuße und Kränze. Als wir noch befreundet gewesen waren, hatte mir Viktor mal erzählt, dass seine Beerdigung eine große Party werden sollte, mit Alkohol und Drogen. Dabei sollten wir seine Asche in die Joints bröseln, sodass er von den Partygästen mit dem Rauch aufgenommen werden würde. So eine typische Siebziger-Jahre-Quatschidee eben.

Nun ja, ich sehe ein, das wäre schlecht gegangen. Aber Viktor wäre sicher der Typ für einen Ruhehain gewesen, wo alles der Natur überlassen wird, ohne Grabstein und ohne Grabpflege. Walter Neumann hatte man in so etwas begraben, Neumann, den sie alle nur Paul genannt hatten, wegen … na, wohl klar. Eine ziemlich große Nummer damals in der Szene. Er hatte sich erschossen, nachdem er sich ein ganzes Leben lang hatte tätowieren lassen. Erst die Arme, dann den Rücken,

Ich hatte mich mit Frank bewusst etwas abseits der Beerdigungsgesellschaft gestellt. Schließlich konnte ich schlecht kondolieren. Was sollte man auch sagen? «Es tut mir so furchtbar leid»? Tat es doch gar nicht. Und dann ist Sterben an sich ja auch keine besondere Leistung. Selbst wenn einer ziemlich unbedarft ist, am Ende kann er es auch. Außerdem beobachte ich die Dinge gern aus der Distanz.

So fiel mir ziemlich bald auf, dass sich die von außen so einheitlich wirkende Beerdigungsgesellschaft in zwei ganz unterschiedliche Gruppen teilte. Die erste konnte sich gar nicht dicht genug um das dunkle Loch versammeln, in das gleich Viktors Sarg gesenkt werden würde. Die Friedhofsgärtner hatten ringsherum einen kleinen Damm aufgeworfen, damit es nicht voll Wasser lief. Direkt an dieser Grenze drängte sich die Gruppe. Es mussten Viktors Verwandte und engeren Bekannte sein, denn mitten unter ihnen erkannte ich eine Frau mit schwarzen Haaren und Marlene-Dietrich-artigen Wangenknochen. Ich war mir sicher, dass das Viktors Witwe Agnieszka war, von der ich schon einiges gehört hatte. Sie war allerdings nicht mit Viktor verheiratet gewesen, sodass ich mich fragte, ob Witwe in diesem Fall die angemessene Bezeichnung war. Mit ihrem schwarzen Gazeschleier sah sie allerdings sehr witwenhaft aus und starrte mit wahrscheinlich verweinten Augen in eine imaginäre Ferne.

Ich kannte niemanden von diesen Leuten und wunderte mich, dass Viktor so viele durchschnittliche Gestalten um sich geduldet hatte. Früher hätte er solchen Typen gleich ins Gesicht gespuckt. Okay, das nicht gerade, aber er hätte sie so lange seine Verachtung spüren lassen, bis sie sich aus seinem Umkreis entfernt hätten. Aber gut: Das letzte Mal, dass ich etwas mit Viktor zu tun gehabt hatte, war dreißig Jahre her. Das war noch zur Zeit der Huelsenbecks. Dreißig? Mein Gott, es würden bald vierzig sein.

Die zweite Gruppe auf dem Friedhof kannte ich besser. Die Leute stammten alle direkt aus meiner Vergangenheit. Schon durch ihre billigere Kleidung unterschieden sie sich von der Kamelhaargruppe. Ich wollte sie gerade etwas genauer inspizieren, da baute sich ein Trauerredner am Grab auf und sah sich aufmerksamkeitsheischend um. Der untersetzte runde Mann ohne Kopfbehaarung hatte über dem Nacken eine kleine glänzende Ausbuchtung, als wäre er als Kind einmal trepaniert worden, an der falschen Stelle allerdings. Seine Lippe war zu dick, er lispelte und betonte jedes dritte Wort

Die wirklich interessanten Dinge erzählte er natürlich nicht. Die Huelsenbecks zum Beispiel erwähnte er mit keinem Wort. Er verriet auch nicht, wie Viktor zu seinem neuen Bekanntenkreis gekommen war. Nichts über Agnieszka, zu der die Lippe ab und zu rüberglubschte. Je länger Lippe redete, desto mehr regte ich mich auf. Dieses Gequatsche, dachte es in mir, hast du doch aus dem Netz zusammenkopiert, bei trauerspruch.de oder meinbeileid.com, und erst ganz am Ende hast du dann den Namen eingesetzt, du dummer, dicker Simpel.

Da waren sie wieder, die bösen Gedanken, die ich nicht loswerden konnte. Ich würde diesem Mann höchstens fünfzehn Minuten zuhören müssen und danach nie wieder. Wieso konnte er mir nicht einfach egal sein? Ich zwang mich, wieder runterzukommen, atmete mehrmals tief ein und langsam wieder aus – und bekam dann doch noch ein paar aufschlussreiche Details mit. Viktor war offenbar an einem Herzinfarkt gestorben – «sein Herz hörte plötzlich auf zu schlagen» –, und das nicht in Deutschland, sondern – ein leises Raunen ging durch die Runde – in Israel nahe dem Gipfel des Berges Tabor.

Tabor. Ein Haus erschien vor meinen Augen, ein Haus in der Anstalt, das diesen Namen trug. Ein großer Klotz aus grauen Feldsteinen und roten Ziegeln, in dem Epileptikerinnen untergebracht waren, mildere Fälle, zum größten Teil älter, mit bunten Kopftüchern über ihren Schutzhelmen. Lippe

Ich blendete den Mann wieder aus. Beziehungsweise war das nicht ich, sondern mein Rücken. Er fing an zu schmerzen, dieser Wirbel direkt über dem Steißbein. Es fühlte sich an, als würde da einer ganz langsam einen Meißel reintreiben. Das musste am nasskalten Wetter liegen, denn seit ich in Deutschland war, bekam ich laufend solche Schübe. Ich hatte das Gefühl, in den wenigen Wochen, die ich seit meiner Landung hier verbracht hatte, um Jahre gealtert zu sein, und überlegte, gleich mit der nächsten Maschine nach Hongkong zurückzufliegen, bis mir wieder einfiel, dass das nicht ging. Damals, auf der Beerdigung, das kommt mir jetzt erst in den Sinn, war mir das offenbar noch klar.

Um mich von dem Schmerz abzulenken, konzentrierte ich mich auf die Leute in der zweiten Gruppe. Sie standen wie Frank und ich etwas abseits, in der Nähe eines kleinen Kiefernwäldchens. Eine Frau, die mich schon zur Begrüßung breit angegrinst hatte, strahlte immer noch wie ein Honigkuchenpferd. Sie war füllig und trug einen Schirm, auf dem Karikaturen dicker, nackter Männer mit Knollnasen abgebildet waren und auf dem It’s raining men! Hallelujah! stand. Überhaupt hob sich die zweite Gruppe von der ersten auch dadurch ab, dass hier alle unter verschiedenfarbigen Regenschirmen standen, während die Kamelhaarmantelleute einheitlich schwarze Regenschirme hielten. Ich wusste, dass ich

Ich überflog die restlichen Gesichter der Gruppe, und mir wurde klar, dass ich eigentlich zu jedem irgendwann mal eine – wie sagt man? – persönliche Beziehung gehabt hatte. Doch mit den meisten ging es mir so wie mit der Dicken. Einige Namen lagen mir auf der Zunge, doch sosehr ich mich auch konzentrierte, ich kam einfach nicht auf sie. Stattdessen tauchten Erinnerungsfetzen auf. Verschwommene, ausgeblichene Bilder, kurze Sequenzen. Zu einer Frau mit faltigem Gesicht und einer Art lila Turban fiel mir ein, dass sie invertierte Brustwarzen hatte, die sich nur bei Erregung nach außen stülpten. Ich hatte das selbst mal erlebt, in meinem Bett, obwohl sie eigentlich mit einem Graphikdesigner zusammen war, der Helmut oder Herbert oder vielleicht auch ganz anders hieß.

Bei einem krank und zerstört aussehenden Mann kam nach langem Kopfzerbrechen wenigstens der Spitzname wieder: der «Leider». Der Typ hatte immer an allem demonstrativ gelitten, der Welt, den Frauen, dem Wetter, diversen Krankheiten der Regierung. Seine Leiden waren offenbar nicht geringer geworden; ich hätte ihn sofort für eine Endzeitserie besetzt oder für einen düsteren Krimi, der im Mississippi-Delta spielt. Neben ihm stand ein Mensch mit aufgeschwemmtem Gesicht, der alle zehn Sekunden nach Luft schnappte. Nie hatte ich verstanden, weshalb er nur «der Frosch» genannt worden war, jetzt begriff ich es. Wenn man ihn genau ansah, hatte er sogar etwas Grünliches im Gesicht. Damals glaubte der Frosch, einen revolutionären Pizzaofen entwickelt zu haben, womit er den Durchbruch schaffen wollte. Das aber hatte nie geklappt. Aufgrund der vielen Verkaufsgespräche, die er nachts in Kneipen geführt hatte, war

Ich war erleichtert, als ich Bea in der Menge entdeckte und sofort ihren richtigen Namen wusste. Bea war aber auch schlecht zu vergessen. Dieses blasse, schöne Modemagazin-Gesicht. Wenn sie ihre Augen zu kleinen Schlitzen zusammenkniff, weil sie mal wieder ohne Brille ausgegangen war, sah sie gleich doppelt so gut aus. Ich hatte Beas Schönheit immer nur aus der Ferne bewundert, weil ich etwas Angst vor ihr gehabt hatte. Anfang der Achtziger war sie mit einer Meute von Punks herumgelaufen, in schwarzem Leder, was sehr gut zu ihren rußschwarzen Haaren passte. Männern, die Bea doof kamen, kippte sie ein Glas Bier ins Gesicht oder trat ihnen zwischen die Beine.

Bea hatte mal was mit Viktor gehabt. War etwa auch das kleine blasse Mädchen, das sie an der Hand hielt, von ihm? Es mag ungefähr acht, neun Jahre alt gewesen sein und kniff die Augen immer wieder zusammen, als würde es gerade Zwiebeln schneiden. Eigentlich war sie zu jung, um Viktors Tochter zu sein. Bea und er hatten sich schon vor fünfundzwanzig Jahren getrennt. Aber was wusste ich schon, ich war ja praktisch aus der Welt gewesen.

Die Frau hatte etwas in meinem Kopf freigeschossen, denn jetzt fielen mir immer mehr Namen ein. Sich an die alten Außenseiter unserer Szene zu erinnern war allerdings auch nicht allzu schwer: Mäxchen mit den weißblonden Haaren und dem Totenkopfgesicht, Hugo, der kleingewachsene, kugelige Großdealer mit dem unsicheren Danny-DeVito-Lächeln, das sich über die Jahre nicht verändert hatte, und der transsexuelle Erbser, über den früher nur getuschelt wurde, weil Transsexuelle damals noch Zwitter hießen. Um die drei herum hatten sich längst im Erinnerungsdschungel

Ich war überrascht, ihn hier zu treffen. Dass sich Viktor und Horsti bis aufs Blut verabscheut hatten, wusste jeder in der Stadt, zumindest jeder über fünfzig. Spätestens seit Horsti eines Nachts aus unbekannten Gründen mit einem Vorschlaghammer den antiken Citroën DS von Viktor zerlegt hatte, war der Riss zwischen den beiden nicht mehr zu kitten gewesen. «Dieses Null-Gehirn steht an der Spitze der Top Ten der Menschen, von denen ich in diesem Leben nichts mehr hören will», hatte Viktor danach jedem gesagt, der ihn auf Horsti ansprach. Was wollte Horsti bloß auf dieser Beerdigung? Zeigen, dass er sich freute?

So ging ich einen nach dem anderem in der Kiefernwäldchengruppe durch, bis ich meinen Rücken wieder spürte. Gleichzeitig merkte ich, dass das Regenwasser, was mir den Nacken hinunterlief, inzwischen beim Gürtel angekommen war. Ich fror, aber Lippe redete immer noch. Herrje, wie lange ging das denn schon? Wurde der Mann nach Zeit bezahlt?

Vielleicht täuschte ich mich aber auch. Stoned dehnt sich die Zeit ja manchmal ins Unendliche. Deshalb dauert ein Kifferleben subjektiv auch viel länger als das eines Nichtkiffers, selbst wenn der Kiffer früher stirbt. Betrachtete man es so, war Viktor gar nicht mit achtundfünfzig Jahren gestorben, sondern mit irgendetwas über hundert. Allerdings wusste ich gar nicht, ob er das Kiffen in den letzten Jahren nicht doch aufgegeben hatte.

Die Leute, die direkt an seinem Grab standen, sahen jedenfalls mehr nach Koks aus als nach Dope. Furchtbare Leute. «Alles soll leben», brummte ich Frank leise zu, «alles soll

Ich starrte zu Boden. Trotz des Regens krabbelten hier Tausende von Ameisen im Mulch herum. Sie bewegten sich auf einer Straße, die sich von einem Grab zum nächsten erstreckte. Einige schleppten sich mit schweren Fichtennadeln ab, andere liefen ohne ersichtlichen Grund durch die Gegend. Je länger ich sie anstarrte, desto größer schienen sie zu werden. Mit ihren goldenen Härchen und ihren Scheren an den Mäulern erinnerten sie mich an Säugetiere: außerirdische Löwen, die dabei waren, sich die Erde untertan zu machen.

Plötzlich hatte ich Lust, die Ameisen zu zertreten. Ich stellte mir vor, wie sich nach meinem Angriff die überlebenden Insekten ebenfalls um kleine Löcher versammeln würden, an denen Kreuze stünden, die Beerdigungsameisen aus den Fichtennadeln gebastelt hätten. Eine Ameisenlippe würde natürlich auch kommen und stundenlanges Blech von sich geben. Ameisenklageweiber würden Trauer simulieren, und ganz am Rande der Gesellschaft würde eine schwarze, böse Ameise stehen, die schlecht über den ganzen Ameisenrest denken würde.

Ich wollte gerade zutreten, da puffte mich mein Bruder in die Seite. Mit einer Kopfbewegung wies er auf einen Mann neben Bea, der dort eben noch nicht gestanden hatte. Ronny. Dieselben langen Zappa-schwarzen Haare wie immer, in die sich nur wenige graue Strähnen mischten. Ich war also doch nicht der einzige Huelsenbeck. Im gleichen Moment kam Lippe überraschend zum Schluss: «Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig, und die, die es sind,

Die Träger nahmen den Sarg vom Wagen und ließen ihn in das Loch hinab. Gleichzeitig stellte ein Hagerer mit buschigen Augenbrauen aus der Kamelhaarmantelgruppe eine knallgelbe IKEA-Plastiktüte neben das Grab. Darin war ein iPod mit Boxen. Der Mann fummelte ein bisschen an der Apparatur herum, und dann erklang Johnny Cashs «Ain’t no grave». Furchtbar. Nicht der Song, sondern die unappetitliche Idee, ihn hier zu spielen.

Als Erstes trat Agnieszka an den Rand des Grabs. In ihrem schwarzen Kostüm und mit den langen Handschuhen sah sie ein bisschen aus wie Jackie Kennedy bei der Beerdigung ihres Mannes. Sie nahm einen kleinen Spaten und schaufelte etwas Sand ins Grab. So vornübergebeugt sah sie unglaublich gut aus. Ich stellte mir vor, wie sie es mit Viktor getrieben hatte, auf dem Küchentisch oder unter der Dusche. Obwohl mir inzwischen das Regenwasser in die Poritze lief, bekam ich eine leichte Erektion. Und jetzt, so dachte es in mir, lag Viktor dort in diesem Loch, und sein Schwanz würde nie mehr hart werden. Das Bild eines verwesenden Penis tauchte auf, mit schwarzen und grünblauen Stellen. Je stärker ich mir das Bild verbot, desto deutlicher wurde es.

Erst als ich bemerkte, dass Bewegung in die Gruppe hinter Agnieszka kam, löste sich das Kiffgespinst auf. Ich erkannte Ronny, der sich ziemlich rüde seinen Weg durch den Pulk der Bessergekleideten bahnte. Genau hinter der Witwe blieb er stehen. Er konnte schlecht verbergen, dass er nervös war. Für ein paar Sekunden trat er von einem Bein aufs andere.

Die Witwe schaufelte weiter Sand ins Grab, da begann ein Kind zu plärren, das direkt neben Ronny stand. Seine platinblonde Mutter hatte ihm gerade das Handy weggenommen, offenbar, damit es am Grab nicht mehr spielen konnte. Bei dem ersten Plärrton zuckte Ronny zusammen. Dann hielt er es nicht mehr aus. Er trat einen großen Schritt nach vorne, schob die Witwe einfach zur Seite und warf einen Gegenstand ins Grab. Dazu rief er mit lauter, etwas vibrierender Stimme: «Versprochen ist versprochen.»

Ein paar Sekunden später ertönte aus dem Grab ein meckerndes Gelächter. Die Kamelhaargruppe erstarrte. Das Kind, das eben noch geweint hatte, stand jetzt mit vor Überraschung geweiteten Augen da. Ich war keineswegs schockiert, denn ich kannte dieses Lachen gut. Zum ersten Mal hatte ich es Anfang der siebziger Jahre bei Karstadt gehört, in der Spielzeugabteilung im fünften Stock. Hier war ein halbes Regal mit Lachsäcken vollgepackt, ein paar Meter von der Zooabteilung mit den lustigen Kapuzineräffchen entfernt. Der Lachsack war damals der große Renner. Nicht, dass er eine technologische Innovation gewesen wäre. Das Lachen wurde auf einer kleinen Schallplatte aufgezeichnet, wie bei Sprechpuppen, die «Mama» oder «Hab mich lieb» sagen konnten. Es war das ansteckendste Lachen, das da auf der Platte gespeichert war. Später las ich, dass es einem Finanzbeamten aus Nürnberg gehörte, der vom Lachsackproduzenten eintausend Mark dafür bekommen hatte, dass er ihm seine Lache überließ.

Wem das Lachen zum ersten Mal vorgespielt wurde, der musste mitlachen, ob er wollte oder nicht. Trotzdem konnte man sich dabei nicht wohl fühlen. Wer es öfter abspielte

Genau dieses Lachen erscholl jetzt aus dem Grab. Dabei war der Sack von Ronny so manipuliert worden, dass er ohne Unterbrechung weiterlachte. Die Lachwellen, die Todesangstgänse und das erstickende Kind wiederholten sich in einer Endlosschleife. Der Sack musste flach auf dem Sarg gelandet sein, wodurch dieser wie ein Resonanzkörper wirkte. So mischte sich das Lachsacklachen in die Stimme von Johnny Cash: «There ain’t haaaaaaaaahhaaaaaaa no grave hahahahaaaaahaaaaaa can hold haaaaaaaaahhaaaaaaa my body hääääääääähähähähähä down.» Es war, als würde Viktor seine eigene Beerdigung kommentieren.

Die Witwe starrte Ronny voller Hass an. Dann kam Bewegung in sie. Sie holte mit dem rechten Arm weit aus und versuchte, ihm eine zu knallen. Ronny wehrte den Schlag ab und gab einen leichten Stoß zurück. Agnieszka taumelte und wäre um ein Haar ins Grab gefallen. Das war das Signal für den Mann mit den buschigen Augenbrauen. Er und ein Typ mit Stiernacken lösten sich aus dem Kamelhaarpulk und stürzten sich auf Ronny. So begann die Schlägerei. Sie eskalierte innerhalb weniger Sekunden. Ein paar Kamelhaarmäntel sprinteten mit dem Ruf «Kommt her, ihr Scheiß-Asozialen» zur völlig perplex dastehenden Kiefernwäldchengruppe und teilten sofort aus. Andere, darunter Frauen und Kinder, sammelten Steine und Lehmbrocken vom Boden und begannen,

Die Kiefernwäldler stoben auseinander. Nur manche versuchten, sich zu wehren. Besonders die alten Außenseiter ließen sich nichts gefallen. Allerdings waren auch sie nicht mehr dieselben wie früher. Ich sah, wie Mäxchens Kopf gegen einen neumodischen Grabstein knallte, der die Form eines USB-Sticks hatte und in den das Wort «Leben» eingemeißelt war. Ich musste kurz in mich hineinlachen. Andere verblüffte der Angriff so sehr, dass sie regungslos verharrten – wie Biber im Taschenlampenkegel. Der dicke Frosch zum Beispiel war von den Kamelhaarleuten einfach umgerannt worden und lag im Schlamm. Die Mehrheit aber tat das einzig Richtige und floh stolpernd über die Gräber in Richtung Ausgang.

Ein Vorteil der Schlacht war, dass ich jetzt auch Leute zu Gesicht bekam, die in der dritten, vierten oder fünften Reihe gestanden hatten. Zum Beispiel die einst gertenschlanken Geschwister Düsselmann: Ulli, Anni und ihr Bruder Speedy. Die Mädchen waren für Heroin auf den Strich gegangen, und mit diesen beiden hatte ich den einzigen Dreier meines Lebens gehabt. Wir waren zusammen vollkommen betrunken auf einer fremden Matratze eingeschlafen und dann mitten in der Nacht aufgewacht. Alles Weitere hatte sich im Halbschlaf ergeben. Niemals hatten wir darüber geredet, und irgendwann hatte ich alles vergessen. Erst als die drei Düsselmanns unter den harten Schlägen zweier Kamelhaarmänner über den Friedhof flohen, fiel mir alles wieder ein.

Hinter den drei Geschwistern kamen die kleine Penny und ihr Freund zum Vorschein, Thomy Helpup, der ewige Punk. Mit ihm hatte ich zum ersten Mal Speed genommen und war dann zwei Nächte durch die Stadt gelaufen, erst durch die

Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass die Leute aus dem Witwentross überlegen waren. Sie hatten nicht nur das Überraschungsmoment für sich. Sie waren auch jünger und kräftiger als die Kiefernwäldchengruppe. Selbst Horsti war nicht mehr der Alte. Zwei Endzwanziger hatten ihn zu Boden gerungen, wo sie ihn mit harten Hieben bearbeiteten. «Schlagen, schlagen», hörte ich ihn aus der Ferne jammern, «das ist alles, was ihr könnt.» Dass ich einmal ausgerechnet Horsti, der als Türsteher und Bodyguard gearbeitet hatte und in seinem Leben wohl Hunderten von Menschen körperlich zu nahe getreten war, so reden hören würde, hätte ich nicht gedacht.

Ronny schlug sich zunächst recht wacker. Direkt am Grab wurde er von drei Leuten festgehalten, während zwei weitere auf ihn einschlugen. Trotzdem konnte er sich losreißen und ein paar anständige Hiebe verteilen. Schließlich versetzte ihm aber der Stiernackige mit einem Spatenstiel einen Schlag in die Kniekehlen, und Ronny ging zu Boden.

Ein großer Vogel flog torkelnd und sehr niedrig über das Getümmel und setzte sich am anderen Ende des Friedhofs auf den Kopf eines großen, oxidierten Bronzeengels. Ein Eichelhäher, wie ich gleich erkannte. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für Vögel interessiert, seitdem mir meine Eltern zu meinem achten Geburtstag den großen Kosmos-Vogelführer geschenkt hatten, und die Häher habe ich immer sehr gemocht. Genau unter dem Kopf des Engels, auf dem der Vogel saß und sein schillerndes Gefieder putzte, stand eine junge Frau mit einem Pferdeschwanz, fünfundzwanzig vielleicht oder jünger, der das Prügelschauspiel mindestens so gut zu gefallen schien wie mir. Als sie bemerkte, dass sich mein Blick an ihr festfraß, hob sie die Augen und lächelte mich an.

Ich sah unwillkürlich weg, so wie man sich von einem zu grellen Licht abwendet. Dann schaute ich vorsichtig wieder hin. Das sanft gekerbte Kinn, die Stupsnase, die selbst auf die Entfernung immer noch leuchtenden blaugrünen Augen, die an die Schmuckfedern des Hähers erinnerten, überhaupt die blendende Offenheit ihres Gesichts: Kein Zweifel, ich kannte diese Frau. Nur hatte ich nicht den leisesten Schimmer, wer sie war. Ich wusste nur – was heißt wusste? –, ich ahnte, dass sie einmal wichtig für mich gewesen war. Gleichzeitig schien das ausgeschlossen: Denn dafür, dass wir eine gemeinsame Geschichte hatten, war sie viel zu jung.

In der Erinnerung sehe ich diese Szene immer aus der Vogelperspektive. Ich schwebe über der blau schimmernden Kuppel der Friedhofskapelle, dem offenen Grab und dem Kampfgetümmel. Dann schwenkt mein Blick hinüber zu der etwas abseits stehenden Frau unter dem Bronzeengel. Ich sehe mich auch selbst dort stehen, und zwischen der Frau und mir eine feine, leuchtende Spur wie von diesen Lasern, mit denen die Nippes-Verkäufer abends am Strand von Repulse Bay Kunden anzulocken versuchen. Was ich aber nicht sehe, ist ein Gegenstand, der durch die Luft fliegt und mich hart am Kopf trifft.

Ich wunderte mich nur über einen plötzlichen Schmerz an der Schläfe und ging langsam in die Knie. Dann rappelte ich mich erstaunlicherweise noch einmal auf und betrachtete das Wurfgeschoss: Es schien ein Stein zu sein, mit Hochglanzpapier umwickelt.

Ich weiß noch, dass ich das Papier entfernte und darunter ein großer, grüner Kiesel zum Vorschein kam. Auf dem

Der Tod ist ein Märchen für Kinder

Ich glaube, bevor ich diesen Bericht fortsetze, muss ich etwas erklären. Die zwölf Jahre in Hongkong sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Unter anderem habe ich mich dort mit Sandys Geisterglauben infiziert – jedenfalls ein bisschen. Das ist ja auch kein Wunder. Jedes Jahr waren wir an Qingming zu ihren Großeltern auf den Pok-Fu-Lam-Friedhof gepilgert. Wir hatten hier Schnaps und Obst vor ihre Grabsteine gestellt, Räucherstäbchen angezündet und Totengeld verbrannt. Auch zu Hungry Ghost verbrannten wir Totengeld, meistens am Strand der Sea-Ranch-Siedlung, nicht weit von unserem Apartment. So gewöhnt man sich an die Gegenwart von Geistern.

Auch die Geschichte, die Sandy immer wieder erzählte, wenn einer in unserem Bekanntenkreis gestorben war, hatte ich verinnerlicht. Ihr zufolge kehrt der Geist des gerade Gestorbenen sieben Tage nach seinem Tod in das Haus zurück, in dem er gewohnt hat. Er überprüft, ob sich auch wirklich alle zu seinem Gedächtnis versammelt haben, und sieht sich noch einmal das ganze Haus an, um es sich einzuprägen. Erst danach zieht er sich endgültig in die Unterwelt zurück. So war ich erst einmal nicht übermäßig erstaunt, als Viktor nach

Aber ich greife vor. Erst einmal fehlten mir nach meinem Zusammenbruch auf dem Friedhof gut fünf Stunden meines Lebens. Mein Bruder hat mir nur grob davon berichtet, was in der Zwischenzeit passiert war. Erst hatte er mich aus der Kampfzone geschleppt und dann am Nordtor des Friedhofs einen Krankenwagen gerufen. Zu Franks Überraschung fuhr der mich in das Allgemeinkrankenhaus der Anstalt. Der Fahrer meinte, dass es das nächstgelegene Klinikum sei, obwohl das definitiv nicht stimmte. So landete ich im «Sinai». Ich kannte es sehr gut. Dort war ich geboren und in einem Haus, das keine fünfhundert Meter entfernt stand, aufgewachsen. Der Sinai ist ja der Berg, auf dem Moses Gott in einem brennenden Dornbusch sah und dann die Zehn Gebote empfing. Schon im Kindergottesdienst hatte man uns das eingetrichtert, genauso wie die Geschichten zu den anderen Häusern der Anstalt. Alle trugen sie biblische Namen: «Enon» war eine Stelle am Jordan, an der Johannes der Täufer getauft hatte. In «Arafna» hatte König David einen Altar errichten lassen, und «Mara» war eine bittere Quelle in der Wüste Schur. Jeden Sonntag lernten wir das, und wer es beim nächsten Kirchgang nicht mehr wusste, wurde von den Kindergottesdiensthelfern verspottet und fertiggemacht.

Als ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, saß Frank neben meinem Bett und spielte mit dem Handy. Ich hatte keinen Schimmer, wo ich war und weshalb es hier so stank. Ich fragte mich auch gar nicht, wieso mein Bruder auf dem Stuhl hockte. Mich interessierten nur zwei Sachen.

«Hast du gesehen, wer den Stein geworfen hat?», fragte ich als Erstes.

«Wer?»

«Die Typen, die mit der Prügelei angefangen haben.»

«Und die Frau?»

«Wer?»

«Na, diese junge, gutaussehende. So viele gab’s ja nicht. Die unter dem Engel stand.»

«Welcher Engel?»

«Was hast du überhaupt gesehen?»

«Einen großen Vogel. Eine Krähe oder so was. Flog sehr tief und irgendwie komisch. Und dann bist du umgefallen.»

Auch der Zettel, in den der Stein gewickelt gewesen war, schien verschwunden zu sein.

«Bin ich Altpapiersammler?», hatte Frank nur gefragt. Ich hätte noch einmal fünf Stunden meines Lebens gegeben, um zu erfahren, was auf dem Papier gestanden hatte. Dabei hatte ich den Zettel doch gelesen, bevor ich zusammengebrochen war. Auch im Koma wusste ich den Text noch. Aber nach dem Aufwachen: bumm, alles weg. Fast alles. Ich erinnerte mich noch an ein großes «C» und ein großes «T». Und obwohl mir nicht mehr einfiel, bereiteten mir diese beiden Buchstaben Unbehagen.

Und genau als dieses Unbehagen einsetzte, passierte es: Viktor begann zu lächeln. Ich sah ihn einfach überall. Sein wie bescheuert lächelndes Gesicht legte sich auf alle Dinge: auf den Lilienstrauß neben meinem Bett, auf die Sonnenblumen des Van-Gogh-Drucks an der Wand, auf den Paravent, der mein Bett von dem meines Nachbarn abschirmte, ja sogar über den Duschkopf in der stinkenden Nasszelle. Mir fiel ein, dass Viktor für sein Lächeln schon zu Lebzeiten berühmt gewesen war. Jeder, mit dem ich je über ihn geredet habe,

Vier Tage später lächelte Viktor immer noch. Da saß ich bereits im ICE nach Berlin, auf dem Weg in mein Kabuff – eine Einzimmerwohnung mit einer winzigen Küche und Dusche im Prenzlauer Berg. Ich hatte sie von meinem letzten Geld gekauft, damals Anfang der nuller Jahre, als Wohnungen in Berlin noch nichts kosteten. Solange ich in Hongkong großzügig auf der Sea Ranch residierte, hatte ich den Verschlag kaum genutzt. Jetzt aber war er das letzte Refugium, das mir noch geblieben war.

Viktor lächelte also, und ich dachte daran, wie ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte, im Sommer 1978 – nein, Quatsch, 1977 war das –, am Fuß der Akropolis in Athen. Es war eines dieser Treffen, wie sie damals in den großen Ferien üblich waren. Man trampte durch die Gegend oder fuhr mit Interrail, hatte sich aber schon vor der Abreise verabredet: an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort. Auch wenn das heute unbegreiflich ist, klappten diese Treffen immer. Ich weiß gar nicht mehr, mit wem ich verabredet gewesen war. Aber plötzlich stand da auch Viktor. Er war der Einzige von den acht oder neun Leuten, der alleine heruntergekommen war, nur mit einem dünnen Schlafsack und einer Zahnbürste im Gepäck. Viktor war

Bereits bei diesem ersten Treffen überstrahlte Viktor alle anderen. Ich war beeindruckt, wie man wohl nur in diesem Alter von jemandem beeindruckt sein kann. Ich glaube, gerade das Flackernde, Unbestimmte war es, das mich anzog. Das Treffen in Athen hatte nur ein paar Stunden gedauert, ich hatte es schon fast vergessen. Doch als ich wieder zu Hause war, passierte das absolut Unwahrscheinliche: Viktor, dieser Mythos, wurde Teil unserer Familie.

«Mein Vater ist völlig ausgerastet, als er erfahren hat, dass ich die Schule geschmissen habe», hatte er mir erzählt und hinzugefügt: «Es geht nicht mehr. Ich sterbe zu Hause.»

So etwas hatte ich von dem großen Viktor noch nie gehört. Er schien völlig am Ende. Dabei habe ich bis heute nicht herausgefunden, ob die Geschichte überhaupt stimmte. Ich fragte trotzdem meine Eltern, ob Viktor nicht bei uns wohnen könne.

«Nur vorübergehend natürlich.»

Meine Eltern hatten keine Einwände. Auch das ist heute wahrscheinlich unbegreiflich. Aber es waren die Siebziger, da galten andere Gesetze. Außerdem waren wir Christen: nicht irgendwelche Christen, sondern Anstaltschristen. Bei uns galt: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Und in diesem Fall hieß der Nächste Viktor.

Er durfte also in den alten Kohlenkeller ziehen. Der war für Frank zum Schlagzeugspielen umgebaut worden, nachdem in unserem Haus die Ofenheizungen durch Stadtgas ersetzt worden waren. Der Keller sah halbwegs wohnlich

«Wenn der größer ist», sagte er zu mir, «werden wir ihn gemeinsam essen. Ich habe gelesen, dass man dann wirklich fliegen kann. Ein paar Meter nur. Aber es soll funktionieren.»

Immer noch leicht belämmert von der Ohnmacht und dem Krankenhaus saß ich in meinem ICE-Sessel und staunte, wie gut ich mich plötzlich wieder an diese ganzen Einzelheiten erinnern konnte. Mein Gedächtnis war zeit meines Lebens ein Sieb gewesen, meine Kindheit und Jugend eigentlich komplett ausradiert. Ich hatte das darauf geschoben, dass meine frühen Jahre eben einfach völlig normal und uninteressant gewesen waren. Außerdem hatte ich wohl zu lange in Hongkong gewohnt. Die ganzen Erfahrungen, die ich dort machte, die neuen Freunde und Bekannten, mein Leben mit Sandy, das alles hatte sich wie eine dicke Kruste über meine deutsche Vergangenheit gelegt.

Ich holte das neue Notizbuch aus der Manteltasche und schrieb hastig ein paar Stichworte hinein: «Erinnerungsflash. Viktor in Griechenland. Der Kohlenkeller. Rosa Raufaser. Peyote.» Das Notizbuch war Teil eines Deals, den ich mit Dr. Taessler, dem Arzt im «Sinai», geschlossen hatte. Nach vier Tagen im Bett hatte ich darauf bestanden, entlassen zu

«Wir haben zwar im MRT nichts Außergewöhnliches feststellen können. Aber bei einem Schädel-Hirn-Trauma weiß man nie.»

Ich hatte ihm geantwortet, dass es mir ausgezeichnet ginge und ich unbedingt rausmüsste.

«Dann kaufen Sie sich so’n Moleskine und schreiben alles rein, was Ihnen auffällig vorkommt. Wenigstens in den nächsten Wochen. Sollte es doch noch zu Komplikationen kommen, findet Ihr behandelnder Arzt vielleicht in Ihren Aufzeichnungen einen Hinweis.»

Um meine Entlassung nicht zu gefährden, hatte ich Taessler nichts von Viktors omnipräsentem Dauerlächeln erzählt. Das trug ich jetzt im Notizbuch nach. Ich schrieb: «Viktors Lächeln. Permanent. Scheußlich. Wird aber schwächer.» Tatsächlich sah ich Viktors Lächelballon jetzt nur noch selten verschwommen aufglimmen. Stattdessen wurden die Erinnerungsbilder immer deutlicher. Ich sah, wie Viktor an einem sonnendurchstrahlten Herbsttag Ronny mit zum Essen brachte und meine Mutter ein zusätzliches Gedeck auf den Tisch stellte. Eine Woche später saß auch Ben bei uns am Mittagstisch, ein Abiturient, der noch auf das Gymnasium ging, das Viktor gerade verlassen hatte. Auch er wurde durch den berühmten Mann angelockt. Jetzt hockten wir zu viert bei Viktor im Keller, manchmal bis in die Nacht, immer um die Wasserpfeife herum, die Viktor nie ausgehen ließ. Während Ronny, Ben und ich fast die ganze Zeit bekifftes Zeug quatschten, blieb Viktor ganz ruhig. Nur ab und zu mal sagte er einen kurzen Satz, und in dem ging es immer um das Gleiche: «Wir müssen etwas Großes tun.» – «Wir brauchen eine Idee.» – «Wir müssen besser sein als die Wichser.»

«Die Dinge müssen sich stoßen: Es geht noch lange nicht grausam genug zu.»

Viktor hatte den Satz extra albern betont, wahrscheinlich um mich und meine Entdeckung vorzuführen, doch schon während er las, hellte sich seine Miene auf.

«Das ist gut. Das ist sogar sehr gut», sagte er. Damit hatte ich freie Bahn. Ich schlug vor, unsere kleine Gruppe «Die Huelsenbecks» zu nennen, nach dem Autor des soeben vorgelesenen Satzes. Viktor war gleich einverstanden, und damit auch Ronny und Ben.

Von nun an machten wir im Keller Pläne. Als Erstes beschlossen wir, dass die Huelsenbecks ein angemessenes Outfit brauchen. Eine Art coole Uniform. Wir fanden sie in der «Brosamensammlung» der Anstalt, wo gespendete Klamotten und anderer Trödel für ein paar Mark verkauft wurden. Hier suchten wir uns die Pelzmäntel aus, die zu unserem Erkennungszeichen wurden. Viktor kaufte einen alten silbergrauen Nerz, der ihm fast bis zu den Füßen reichte, Ronny einen Mantel, der mit Waschbärenfell gefüttert war, und ich eine Seehundjacke mit Persianerbesatz. Dazu holten wir uns schwarze Stiefel, die wir im Keller auf Hochglanz polierten, und weiße Oberhemden mit steifen Kragen.

In der «Brosa» fiel uns Michi auf. Er hatte sich bereits so

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