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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel «Ocean Beach» bei The Berkley Publishing Group/Penguin Group, New York.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

«Ocean Beach» Copyright © 2012 by Wendy Wax

Redaktion Heike Brillmann-Ede

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildung Sandra Cunningham/Trevillion Images; Cezary Zarebski Photography/Getty Images; Shutterstock

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN Printausgabe 978-3-499-29177-7 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-40405-2

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-40405-2

in Liebe und Dankbarkeit.

Du fehlst.

Millie konnte es nicht ertragen, ihren Mann weinen zu sehen. Er hatte wirklich nicht das Gesicht dafür. Oder die Erfahrung. Wenn man seinen Lebensunterhalt damit verdiente, die Leute zum Lachen zu bringen, waren Tränen nicht Teil des Repertoires. In all der Zeit, in der sie ihn kannte, hatte sie Max erst einmal weinen sehen. Und das war vor über fünfzig Jahren gewesen.

Sie selbst war andererseits geradezu eine Expertin für Tränen geworden. Aber sie war ebenfalls zur Expertin darin geworden, sie zu verbergen.

«Du bist zu alt, um zu weinen», sagte sie. «Und ich habe Besseres zu tun, als hier zu liegen und mich von dir volltropfen zu lassen.»

Er lächelte, wie sie es beabsichtigt hatte. «Was? Musst du irgendwohin?» Er sprach in dem übertriebenen Tonfall, den er auf der Bühne bis an die Grenze ausspielte. Dem, der sagte: Seht ihr, womit ich mich rumschlagen muss?

Sie hob die Hand und wischte ihm eine Träne von der zerfurchten Wange. Ihre Augen schlossen sich für einen Moment. Wer hätte gedacht, dass Augenlider so schwer sein konnten? «Ja, muss ich. Ich warte auf den Lichttunnel, von dem immer alle reden. Und dann bin ich hier raus.» Sie bemühte sich um einen kecken Tonfall, aber es kostete sie schon Mühe, nur die Lippen zu bewegen. «Endlich habe ich das Scheinwerferlicht mal ganz für mich allein.»

Max lächelte erneut. Es war das Lächeln, das sie für sich

«Du warst immer der Star, Millie», sagte Max. «Immer. Ich hatte nur das Glück, der Typ zu sein, der neben dir stehen durfte.» Er schluckte schwer. «Ich will hier nicht ohne dich bleiben.»

Das Gewicht des Abschieds hing über ihnen. Sie umfasste sein Gesicht mit ihren Händen, bereit zu gehen. Abgesehen von einer Sache.

«Versprich mir, dass du noch einmal nach ihm suchst, Max», sagte sie. «Heutzutage ist es leichter, jemanden zu finden. Wie im Fernsehen. Diese Frau, die 30 Jahre lang vermisst wurde.»

Sie starrte ihm in die Augen und verwandte den letzten Rest ihrer Kraft darauf, ihn zu etwas zu bringen, worüber er sich so lange geweigert hatte zu sprechen. «Versprich es mir!»

Schließlich nickte er. «Ich werde es tun, Millie.» Er nahm ihre Hand, die seitlich heruntergefallen war, und drückte sie, genauso wie er sie beim ersten Mal – und bei jedem Mal – gedrückt hatte, als sie zusammen eine Bühne betreten hatten.

«Und lass das Haus renovieren», sagte sie. «So, wie es jetzt aussieht, wird er es niemals wiedererkennen. Ich will, dass du es bereit machst. Für den Moment, wenn er nach Hause kommt.»

Sie hielt seine Hand fest, solange sie konnte, genoss ihre Wärme und ihren Trost. Hätte sie am liebsten mit sich genommen. «Versprichst du es mir, Max?»

Eine weitere Träne rann über seine Wange. Sie sah zu, wie sie fiel. Spürte, wie sie auf ihren verschränkten Händen landete.

«Ich verspreche es.»

Lass es sie nie merken, wenn du ins Schwitzen kommst.

Nicole Grant, ehemalige Dating-Guru und Partnervermittlerin der Reichen und Schönen, wusste: Es war ein schlechtes Zeichen, wenn die Philosophie, nach der man lebte, aus einer Deo-Werbung stammte. In der Welt der Sinnsprüche war dieser nicht im entferntesten so hochtrabend wie Nichts ist so erfolgreich wie Erfolg oder ganz so motivierend wie Wenn es dir beim ersten Mal nicht gelingt, versuch es wieder, und noch einmal. Doch als sie im Torbogen von Bitsy Baynards Esszimmer in Palm Beach stand und sich angestrengt untersagte, sich die schwitzigen Hände an den Seiten ihres Vintage-Valentino-Cocktailkleids abzuwischen, war dieser Spruch so ungefähr alles, woran sie sich klammern konnte.

Niemand in diesem Raum wusste oder würde jemals wissen, dass sie einen Großteil ihres restlichen Bargelds für einen Haarschnitt mit Färben ausgegeben hatte oder dass sie ihr Make-up umsonst bei Saks Fifth Avenue bekommen hatte, nachdem sie dort am Kosmetikschalter einen Aufstand gemacht und die Fluggesellschaft verwünscht hatte, die angeblich ihren Kosmetikkoffer nicht mit nach Palm Beach geflogen hatte.

Sie richtete sich auf und machte sich durch das feierlich dekorierte Esszimmer auf den Weg zu ihrem Platz. Dabei dankte sie dem Himmel für Gene, die es ihr auch mit 46 Jahren noch erlaubten, wie jemand auszusehen, die das Sagen hatte, mit einem grazilen Hals und ihren berühmten

Bitsys Tisch war für 20 Personen gedeckt. Wie versprochen, hatte sie ihre Gästeliste aus der erschreckend kleinen Anzahl von Palm-Beach-Bewohnern zusammengestellt, die kein Geld an Nicoles Bruder verloren hatten. Malcolm Dyer war vor Kurzem in ein Sicherheitsgefängnis für kriminell Unersättliche eingezogen.

Bitsy hatte ihr versichert, dass keiner der Gäste auf Malcolms Schneeballsystem zu sprechen kommen würde, das Nicole ebenso in den finanziellen Ruin getrieben hatte wie Hunderte anderer Opfer. Aber als sie ihre Plätze einnahmen, spürte Nicole ihre Blicke auf sich wie die von Autofahrern, die an einem Autowrack nicht vorüberfahren können, ohne abzubremsen und es anzustarren.

Nicole hob das Kinn und trotzte den Blicken. Jeder von ihnen war ein potenzieller Kunde oder eine künftige Referenz. Sie lächelte Bitsy dankbar an, als sie sah, welcher Platz ihr zugeteilt worden war. Es war der neben Helen Maryn, einer Geschiedenen, deren erster Mann sie für eine bekannte Jockette verlassen hatte und deren zweiter in ein tibetisches Kloster geflohen war, um sich zu finden. Es war eine solch verzehrende Suche nach sich selbst gewesen, dass er drei Jahre später immer noch damit beschäftigt gewesen war, als Helen ihn schließlich aufgespürt hatte, um sich von ihm scheiden zu lassen.

Helen Maryns Gesicht war rund und rosa und erinnerte auf unglückliche Weise an Miss Piggy. Doch während sie mit körperlichen Attributen dürftig ausgestattet schien, waren ihre Vermögenswerte ansehnlich.

«Ja», entgegnete Nicole mit freundlichem Lächeln. «Aber ohne das Vulgäre und ohne Angestellte mit verrücktem Haarschnitt.» Und ohne das Geld oder den Ruhm. Beides hatte ihr Bruder ihr gestohlen.

«Nicole hat Bertrand und mich zusammengebracht», fiel Bitsy hilfsbereit ein und strahlte ihren Ehemann an, der sich als eine mehr als lohnende Investition erwiesen hatte. «Sie hat viele prominente Ehen vermittelt. Und sie ist sehr diskret.»

Nicole warf Bitsy ein warmes und dankbares Lächeln zu. Die Partie von Bitsy und Bertrand war einer von Nicoles befriedigendsten Erfolgen. Von den Hunderten reicher und berühmter Kunden, für die sie Partner gefunden hatte, war Bitsy die Einzige, die Nicole nicht die Nase vor der Tür zugeschlagen hatte, als öffentlich bekannt wurde, in welchem Verhältnis sie zu Malcolm Dyer stand.

Eine Linie feiner Schweißperlen bildete sich über Nicoles Oberlippe, und sie musste sich erneut in Erinnerung rufen, dass sie an Malcolms Verbrechen keine Schuld trug. Sie war nicht die Aufpasserin ihres erwachsenen Bruders. Diese Aufgabe hatte jetzt die Landesregierung übernommen.

Sie lächelte weiter, während die Forelle à la russe serviert wurde, und zwang sich, das Essen zu genießen. In ihrer unmittelbaren Zukunft rechnete sie nicht mit Mahlzeiten, die von einem an Cordon bleu ausgebildeten Spitzenkoch zubereitet worden waren. Es kam nicht in Frage, sich das hier verderben zu lassen.

«Und sie macht in einer neuen Fernsehsendung auf Lifetime mit», fuhr Bitsy fort. «Darin werden Häuser wieder schick gemacht. Nicole und ihre Kostars haben Bella Flora renoviert, ein wunderschönes Haus im mediterranen Stil, das ihnen oben

«Alles Neu.» Genau das erhoffte sie sich auch selbst insgeheim von der Serie. «Die Pilotsendung wird am 1. Juli ausgestrahlt», fügte Nicole hinzu. Sie sah keine Notwendigkeit auszuführen, dass die Mitwirkung in dieser Serie für sie bedeutete, einen weiteren Sommer vor einer erbarmungslosen Kameralinse Knochenarbeit leisten zu müssen. Oder dass sie und Madeline Singer und Avery Lawford diesmal in einem Haus schuften würden, das ihnen nicht gehörte und von dem sie bislang noch nicht einmal ein Foto gesehen hatten.

Nicole griff nach ihrem Weinglas. «Wenn die Pilotsendung gut läuft, werden die Episoden aus Miami nächstes Frühjahr landesweit gezeigt.» Falls nicht, wäre Schwitzen vor Zuschauern ihr geringstes Problem.

Von der gegenüberliegenden Tischseite aus folgte eine Frau mit Adleraugen ihrem Gespräch. Sie beugte sich vor und verzog das Gesicht zu etwas, das ein Lächeln hätte werden können, wenn die plastische Chirurgie ihr die geringste Kontrolle über ihre Gesichtsmuskulatur gelassen hätte. «Es muss für Sie im Moment unmöglich sein, neue Kunden zu finden», sagte sie. «Ich meine, Ihre Firma existiert doch gar nicht mehr, oder?» Sie sprach in einem Ton, den man gemeinhin mit einer gehobenen Augenbraue unterstrich, doch diese Akzentsetzung war ihr nicht mehr möglich. Ihre beiden Brauen wölbten sich in einem ewig überraschten Ausdruck nach oben.

«Ich bin Heart, Incorporated», sagte Nicole und hob eine Augenbraue, nur um zu zeigen, dass sie es konnte. «Ich habe die Büros in New York und L.A. geschlossen, aber das waren nur Adressen. Ich biete noch immer dieselben Dienstleistungen und lege die höchsten Maßstäbe an, um einen Kunden

Immerhin hatte sie eine junge Frau angemessenen Reifegrads für den griechischen Lebensmittelmagnaten Darios T. gefunden. Für andere Kunden hatte sie Arbeitslisten erstellt, auf denen von der gewünschten Beinlänge bis zur Hirnkapazität alles aufgeführt war. Über die Jahre hatte sie gelernt, dass eine Ehe auf vielerlei basieren kann, solange das Verhältnis von Risiko und Gewinn für beide Parteien gleich vorteilhaft erscheint.

Nicole hielt das Gespräch mit Helen Maryn beim Dessert und auch später im großen Salon in Gang, einem wunderbaren Raum mit bodentiefen Fenstern an der Längsseite, die auf den in schönster Perfektion getrimmten Garten des Anwesens hinausblickten. Doch auch ohne das stümperhafte Schmunzeln der Frau mit dem gefrorenen Gesicht wusste sie, dass sie sie verloren hatte.

«Ich würde mich freuen, Sie morgen zu treffen, bevor ich nach Miami fahre», sagte Nicole trotzdem, wobei sie sorgsam darauf achtete, dass ihre Verzweiflung sich nicht in ihrer Stimme zu erkennen gab. «Wir könnten uns zu einem späten Mittagessen treffen und besprechen, wonach Sie suchen.» Auch wenn sie ihre Notfall-Kreditkarte benutzen müsste, um für das Essen zu bezahlen, würde es sich lohnen. Sie könnte einen Vorschuss einstreichen und eine prominente Kundin landen. Sie brauchte nur eine einzige, auf der sie aufbauen konnte.

Helens Augen glitten zur Seite. Die Frau mit dem gefrorenen Gesicht nickte und hob eine halbe Lippe.

Ohne mit dem Lächeln aufzuhören, zog Nicole eine Visitenkarte aus ihrer Abendtasche und reichte sie Helen. Den

«Sie ist wieder vom Haken gesprungen, oder?», fragte Bitsy, als sie die Massivholztür hinter dem letzten Gast geschlossen hatte.

Nicole nickte und brachte ein unbekümmertes Schulterzucken zustande. «Ich weiß den Abend trotzdem zu schätzen. Und das Essen war wunderbar.» Sie umarmte Bitsy. «Ich werde dir deine Mühen nicht vergessen.»

In der vornehmen Gästesuite stieg Nicole aus dem grauen Seidenkleid und hängte es sorgfältig auf einen gepolsterten Bügel. In dem vergoldeten Bad voller Spiegel drehte sie sich die Haare auf und befestigte sie mit einem Clip. Sie begutachtete den Bademantel, der an der Tür hing, und öffnete die Flasche mit dem teuren Badeschaum, die neben der löwenfüßigen Wanne stand. Sie drehte den Wasserhahn auf, und als die Wanne voll war, ließ sie sich in das dampfend heiße Wasser sinken und seufzte angesichts seiner geschmeidigen Lieblichkeit.

Mit geschlossenen Augen, umhüllt von duftender Wärme, verdrängte Nicole ihre Sorgen, entschlossen, diese letzte Nacht im Luxus zu genießen. Sie hatte keine Ahnung, was Madeline, Avery und sie selbst in Miami vorfinden würden. Oder unter welchen Bedingungen sie dort leben würden. Es reichte, sich diesen Realitäten morgen zu stellen. Ihrer aller Zukunft hing an einer ungewissen Fernsehkarriere und dem Verkauf von Bella Flora auf dem schlechtesten Immobilienmarkt seit der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren.

Nicole wühlte sich tiefer in das warme Wasser und griff nach der Schwammgurke. Morgen würde sie die Frauen wiedersehen, die so unerwartet zu Freundinnen geworden waren.

Aber bevor sie nicht sicher waren, dass die Sendung ein Hit war und die entsprechenden Einkünfte brachte, konnte sie es sich nicht leisten, Heart, Inc. nicht wiederaufzubauen. Sogar in der gegenwärtigen Wirtschaftslage wimmelte es in Miami von Celebritys und hochvermögenden Menschen.

Wenn sie Glück hatte, würde sie jemanden finden, der nie von ihrem betrügerischen Bruder gehört hatte. Jemanden, der weder las noch Englisch konnte. Oder der sich einen Flug in einem Sojus-Raumschiff geleistet hatte und gerade erst auf die Erde zurückgekehrt war.

«Auf uns!» Steve Singers Stimme frohlockte, als er Madeline sein Weinglas entgegenhielt und sie über den leinengedeckten Tisch im Bacchanalia anlächelte, einem der elegantesten Restaurants von Atlanta. «Auf 26 Jahre als Mann und Frau.»

Madeline stieß ihr Glas gegen seines und nahm einen tiefen Schluck. Das flackernde Kerzenlicht verlieh seinen grauen Augen eine metallisch silberne Schattierung und warf Schatten auf die Flächen und Kanten seines immer noch attraktiven Gesichts. Wenn sie die Augen genau richtig zusammenkniff, konnte sie Steve beinahe so sehen, wie er gewesen war, als sie sich vor 27 Jahren zum ersten Mal begegnet waren. Damals war er groß und gut gebaut gewesen, beruhigend besonnen und sicher. Einen Augenblick lang konnte Madeline beinahe ihren zu schnellen Herzschlag in der Brust spüren, wie jedes Mal, wenn sie ihn damals erblickte. Und den köstlichen Schmerz in ihrem Kiefer, der daher rührte, dass sie stundenlang ohne Unterlass geredet und gelacht hatten.

Steve ließ ihr Gesicht nicht aus den Augen, während sie tranken. Maddie schaltete in Gedanken den Film mit ihren gemeinsamen Highlights an, um nach einer besonders fabelhaften Erinnerung zu suchen, auf die sie trinken konnten.

Sie begriff erst, wie viele großartige Momente es gegeben hatte, als sie im Schnelldurchlauf in Gedanken die Jahre durchging. Sie blieb bei den Geburten ihrer Kinder Kyra und Andrew hängen und bei all den besonderen Augenblicken, die ihre 26 Jahre als Hausfrau und Mutter angefüllt hatten. Momentaufnahmen von Steves Erfolgen in der Finanzwelt mischten sich mit Bildern von Familienurlauben und Reisen.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie geschworen, dass ihr Schnelldurchlauf es mit jedem anderen aufnehmen konnte. Vielleicht hätte sie ihn sogar für den Besten Film oder das Beste Drehbuch nominiert. So vieles in ihrem Ehespielfilm verdiente Applaus. Aber die letzten anderthalb Jahre waren brutal gewesen. Sie hatten ein ganzes Leben voller Erinnerungen in neues Licht getaucht.

Der Kellner wischte die letzten störenden Krümel von der Tischdecke, verbeugte sich knapp und entschwand mit dem Versprechen von Kaffee und Dessert.

Maddie versuchte noch einmal den Trick mit den zusammengekniffenen Augen. Doch es gelang ihr nicht mehr, das Bild von Steve auf dem Sofa auszublenden, wo er gelegen hatte, nachdem er seinen Job, ihre gemeinsamen Ersparnisse und zuletzt sein Rückgrat verloren hatte.

Irgendwie hatten sie die Kernexplosion überlebt, die ihr Leben in Stücke gerissen hatte. In mancherlei Hinsicht sahen

Sie blickte in ihr leeres Glas und lächelte, als ihr die Zeile «Abgesehen davon, Mrs. Lincoln, wie hat Ihnen das Stück gefallen?» durch den Kopf ging.

«Mad? Maddie?»

Madeline blinzelte und richtete ihren Blick erneut auf Steve. Sie sah direkt in seine Augen, die die Farbe eines stürmischen Himmels hatten, gesprenkelt mit Wolken, die sie als Verletzungen erkannte. «Entschuldige», sagte sie, «was hast du gesagt?»

«Ich sagte, ich habe jetzt einen Job. Du musst nicht nach Miami und in diesem Haus Sklavenarbeit verrichten.» Er klang überaus rational. «Die Fernsehserie ist Trash – vielleicht wird nicht mal was daraus. Und für so einen großen Sender zahlen sie einen Hungerlohn.»

Das zumindest stimmte. Aber wenn Madeline im Zuge ihrer Kernschmelze eins gelernt hatte, dann dies: Es war besser zu handeln, als andere für sich handeln zu lassen. Hätte sie den letzten Sommer nicht mit Avery und Nicole in St. Petersburg verbracht und sich bemüht, die verfallene Bella Flora wieder ins Leben zurückzuholen, dann besäßen sie jetzt nicht einmal diesen potenziellen Vermögenswert. Und Maddie hätte nicht die Möglichkeit, mit ihrer Tochter und den Fremden, die zu Madelines Freundinnen geworden waren, eine Fernsehsendung zu drehen.

«Alles Neu ist eine große Chance für uns alle, und besonders für Kyra», sagte Madeline. «Ihre Doku unserer Arbeit an Bella Flora hat alles in Gang gesetzt. Sie verdient es, die Früchte zu ernten, die daraus erwachsen sind.» Sie schüttelte den Kopf,

Steve griff nach Maddies Hand. «Dann lass Kyra hinfahren. Sie filmt, Avery leitet die Bauarbeiten, Averys Mutter kann sich um die Raumgestaltung kümmern. Nicole macht, was immer es ist, das sie macht.» Er lächelte gewinnend. «Ich weiß, du bemutterst gern – und du bist wirklich großartig darin, aber sie werden auch ohne dich überleben.»

Madeline erstarrte. «Also glaubst du nicht, dass ich für das Team ein Gewinn bin?»

«Das habe ich nicht gesagt.»

Nein, das hatte er nicht. Nicht wortwörtlich. Gleichzeitig brauchte man, wenn man schon länger verheiratet als unverheiratet war, keinen Übersetzer mehr für Dinge, die ungesagt blieben. Sie zog ihre Hand zurück.

Vor nicht allzu langer Zeit, als Andrew ausgezogen und aufs College gegangen und ihr Nest erstmals leer gewesen war, hatte sie von einem eigenen Werkraum geträumt und von langen Phasen des Müßiggangs. Aber diese Person war nicht mehr sie. Nun kamen ihr all diese Nichtigkeiten vor wie … zu wenig.

«Wir sind verheiratet», sagte Steve. «Ich liebe dich und will dich bei mir haben. Wo du hingehörst.»

«Ich liebe dich auch», sagte sie. Sie musste ihren Schnelldurchlauf nicht noch einmal abspielen, um das zu wissen. «Darum geht es nicht. Ich kann Kyra einfach nicht allein nach Miami fahren und das vielleicht wichtigste Projekt ihres Lebens abwickeln lassen, während sie sich nebenbei noch allein um unseren sechs Monate alten Enkel kümmern soll.»

Und sie wollte es auch nicht.

Die Mousse au Chocolat und der Kaffee wurden serviert.

«Ich dachte, du wärst damit einverstanden», sagte Maddie. Er hatte ihr dabei geholfen, den Kleinbus für die Fahrt morgen zu packen und kein Wort gesagt.

«Sie zahlen dir nicht genug, als dass all das Sinn machen würde», fuhr Steve fort und schaltete die charmante Ernsthaftigkeit ein, die ihm sonst immer so gute Dienste leistete. «Ich habe jetzt ein Einkommen und baue mir langsam einen neuen Kundenstamm auf. Wenn sich Bella Flora verkauft, können wir fast alle unsere Schulden bezahlen.»

Er legte seinen Löffel ab und griff erneut nach ihrer Hand. Sie fühlte sich allmählich an wie der Preis bei einem Tauziehen. «Du hast schon genug getan, Maddie. Es tut mir leid, dass du so viel tun musstest. Aber ich weiß, wir haben das Schlimmste hinter uns gebracht. Jedenfalls bald, wenn du das zulässt.»

Da war er. Der Subtext von allem, was ausgesprochen und nicht ausgesprochen worden war. Die Sache, um die sie auf Zehenspitzen herumgeschlichen waren. Steve wollte gern so tun, als wäre er nicht aus dem Glied getreten und weggerannt, als sie in ihrem Versteck beschossen wurden. Er hatte ihr nicht verziehen, es mit dem Feind aufgenommen zu haben. Nicht wirklich. Und trotz monatelanger Bemühungen hatte sie ihm nicht ganz vergeben, dass er sie in die Lage gebracht hatte, genau das tun zu müssen.

Maddie sah ihrem Mann dabei zu, wie er die Mousse löffelte und an seinem Kaffee nippte, konnte sich aber nicht mehr vorstellen, selber noch etwas zu schlucken.

«Es tut mir leid», sagte sie so sanft, wie sie konnte. «Aber ich habe einen Vertrag mit dem Sender unterschrieben und Avery und Nicole mein Wort gegeben. Ich weiß, dass Kyra sich

Weil sie wusste, dass es ihn verletzen würde, verriet sie nicht, wie sehr sie sich darauf freute, mit ihren Freundinnen und ihrer Tochter an diesem Projekt zu arbeiten. Und sie hoffte, dass das Prädikat Alles Neu für sie alle gelten würde.

Schon lange bevor sie aufs College kam, um Jura zu studieren, war Avery Lawford bewusst geworden, dass ihr Äußeres und ihr Inneres nicht miteinander harmonierten. Wie eine millionenschwere Wohnung in Manhattan, die voller Ikea-Möbel stand, oder eine rustikale französische Küche in einem Frank-Lloyd-Wright-Gebäude: Ihre Form passte einfach nicht zu ihrer Funktion.

Es begann mit ihrer Körpergröße, die zu klein war, um Respekt einzuflößen, und wurde von zarten puppenhaften Zügen, überdimensionierten Brüsten und der Sorte blonder Blauäugigkeit verschlimmert, die Wildfremde dazu veranlassten, ihr IQ-Punkte abzuziehen und besonders langsam mit ihr zu sprechen. Wobei sie extra kurze Worte benutzten.

Avery war 36 und kämpfte trotz ihrer Ausbildung und trotz dreier Berufsjahre beim Sender HGTV immer noch darum, ernst genommen zu werden. Selbst die erfolgreiche zweimalige Renovierung von Bella Flora hatte ihr keinen Respekt verschafft. Bella Flora hieß die Villa im Mediterranean-Revival-Stil aus den zwanziger Jahren, vor der sie nun stand.

Bella Flora selbst hatte dieses Problem nicht. Das Haus thronte in der Abendsonne wie eine riesige Hochzeitstorte frisch aus der Bäckerei. Eine blassrosa Fassade mit adrettem weißem Zuckerguss an den Rändern umschloss Reihen von Bogenfenstern. Glockentürmchen krönten ein Vieleckendach aus Tonziegeln und ragten in den wolkenlosen Himmel. Die wuchtige Fassade bildete einen schönen Kontrast zum tiefen

Averys zufriedener Blick wanderte vom Haus zu dem glänzenden neuen For Sale-Schild, das an der niedrigen Gartenmauer baumelte. Sie kannte und liebte jeden Zentimeter von Bella Flora. Beinahe jeden Stein der Grande Dame hatte sie mit eigenen Händen angefasst.

Ein Lastwagen hielt am Bordstein, und Chase Hardin kam auf sie zu, der Bauunternehmer, der bei der Renovierung mitgeholfen hatte – bevor und nachdem Hurricane Charlie einen Großteil des kleinen Küstenorts Pass-a-Grille verwüstet hatte. Dabei war er ihr aller Partner geworden.

«Ich weiß», sagte er. «Wir sind alle darauf angewiesen, dass sie sich verkauft, aber es ist schwer, sich vorzustellen, dass jemand anderes hier wohnen soll.»

Er lächelte. Das war ein großer Schritt ausgehend von dem Gesichtsausdruck, mit dem er sie gemustert hatte, als sie zum ersten Mal zusammenarbeiten mussten. Er hatte sie behandelt wie die Vanna White der alternativen Do-it-yourself-Szene und nicht wie den Profi, der sie war. Ständig hatte er versucht, ihr die Leitung des Projekts streitig zu machen. Jetzt löste sein Lächeln ein Gemisch von Gefühlen aus, von denen jedes einzelne kompliziert war. «Andererseits rechne ich nicht damit, dass jetzt ganz schnell etwas passiert», sagte er. «Auch abgesehen von der Wirtschaftslage ist der Sommer die absolut schlechteste Zeit, um in Florida Immobilien zu verkaufen.»

Sommer war auch nicht die beste Zeit, um Immobilien zu renovieren. Aber keine von ihnen konnte es sich leisten, auf die Möglichkeiten zu verzichten, die Alles Neu ihnen eröffnete.

Die Sorge, die sie erfolgreich verdrängt hatte, hob ihr hinterhältiges Haupt. Sie waren vor allem auch deswegen bei der Wiedererweckung von Bella Flora so erfolgreich gewesen, weil

Ihr Blick wanderte zu ihrem Auto, das auf der gepflasterten Einfahrt stand. Das Faltverdeck des Mini Coopers war heruntergeklappt. Koffer und Gepäckstücke, von denen beinahe keines ihr gehörte, türmten sich auf dem Rücksitz und ergossen sich zwischen den Vordersitzen.

Absätze klapperten die Einfahrt herunter, und sie blickte auf. Deirdre Morgan, Averys Mutter, Innendesignerin der Stars und unwillkommene Mitfahrerin, kam mit einer großen Reisetasche am Arm auf sie zu.

Deirdre sah zehn Jahre jünger aus als die 61 Jahre, die sie tatsächlich alt war. Ihr Make-up war gekonnt aufgetragen, und sie hatte einen Designerschal um ihren blonden Bob geschlungen, der sich auf ihrem Weg nach Süden zweifellos kunstvoll hinter ihr bauschen würde. Ihre Brust war, wie diejenige, die sie Avery vererbt hatte, zu groß für ihren Körper, aber der Schnitt der blauen Seidenbluse, die sie in ihre weiße Leinenhose gesteckt hatte, kaschierte das gut. Und ihre hochhackigen, strassbesetzten Sandalen machten sie beinahe groß genug, um das zusätzliche Gewicht auszugleichen.

Sie sah aus wie jemand, dachte Avery irritiert, der gleich ein Kreuzfahrtschiff besteigen wollte, und nicht wie jemand, der sich in wenigen Momenten eine verkrampfte Fahrt lang Floridas Alligator Alley hinunter in einen überfüllten Kleinwagen zwängen würde.

Ein Hauch von Deirdres Gardenienparfum attackierte Averys Nase. Wieder einmal fragte sie sich, was Deirdre dazu bewogen hatte, in ihr Leben zurückzukehren, und wie lange sie vorhatte zu bleiben.

Das hätte wahr sein können, wenn Avery die Reise nach South Beach ohne Deirdre und ihre Besitztümer hätte antreten können. Und wenn der Sender sich nicht irrsinnigerweise weigern würde, auch nur die Adresse des Hauses herauszurücken, das sie renovieren würden, bevor sie in der Stadt ankamen.

Sie beobachtete, wie Deirdre erst das Auto und dann ihren Kosmetikkoffer musterte, machte aber keine Anstalten, ihr bei einer Lösung des Problems zu helfen. Sie machte sich ohnehin schon Sorgen, ob nicht vielleicht auf dem Highway der Kofferraum aufplatzen und Deirdres Habseligkeiten in die Everglades katapultieren würde wie ein Geysir, der Öl ausspuckt.

«Denk nicht mal darüber nach», warnte sie Deirdre. «Ich musste mich schon auf den Kofferraum setzen, um ihn zuzukriegen. Du kannst diesen Koffer nur mitnehmen, falls du beabsichtigst, ihn den ganzen Weg bis nach Miami auf dem Schoß zu halten.» Avery nahm ihre Sonnenbrille lang genug ab, um in ein Augenpaar zu starren, das genau denselben Blauton aufwies wie ihr eigenes. Andauernd eine deutlich gepflegtere Version seiner selbst vor Augen zu haben, war unglaublich irritierend.

«Gut.» Deirdre stellte den Koffer auf den Beifahrersitz und ihre übergroße Hobo Bag in den Fußraum. Dann wanderten ihre Augen an Avery hinauf und wieder hinunter und registrierten das uralte Neckholdertop, die fransig abgeschnittene Jeans und die pinken Flip-Flops. «Sobald du dich umgezogen hast, sind wir startklar.»

Chase gab ein ersticktes Lachen von sich, aber der Mann war klug genug, den Mund zu halten.

«Ich werfe mich nicht in Schale, um fünf Stunden im Auto zu sitzen», sagte Avery. «Kyra hat versprochen, bis morgen

«Ich weiß, Schätzchen», sagte Deirdre. «Aber wir können nicht wissen, was uns bei der Ankunft erwartet. Wäre es nicht das Beste, Kriegsbemalung aufzutragen?»

«DAS ist meine Kriegsbemalung», sagte Avery mit zusammengebissenen Zähnen. «Und falls es dir nicht reicht, kann ich dich auf dem Weg aus der Stadt bei einer Autovermietung absetzen.»

«Nicht nötig», antwortete Deirdre. Was Averys Vermutung zufolge bedeutete: «Nicht genug Geld.» Wie sie alle saß Deirdre in der Klemme. In ihrer Karriere als gefeierte Hollywood-Designerin, für die sie Avery und ihren Vater hatte sitzenlassen, war sie bloß zur Expertin im Umgang mit Blendwerk geworden. «Ich bin gleich wieder da.» Deirdre drehte sich um und ging zurück ins Haus.

«Sie ermöglicht uns einen Abschied unter vier Augen», sagte Chase, zog Avery zu sich heran und schlang seine Arme um ihre Taille. Sein Kuss war lang und tief, seine Wirkung überraschte sie immer noch. «Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wann ich es schaffe nachzukommen.»

Avery seufzte und blickte in seine Augen – steil nach oben. Chase war Witwer, hatte zwei Kinder und führte die Baufirma seines Vaters inmitten der Kraterlandschaft einer zerstörten Bauwirtschaft. Gleichzeitig musste er sich um den labilen Gesundheitszustand seines Vaters kümmern. Avery konnte immer noch nicht sagen, wie sie von Gegnern zu Geliebten geworden waren, aber die einschüchternde Last, die er auf seinen Schultern trug, war ihr mehr als bewusst, und sie wollte sie keinesfalls noch schwerer machen. «Zerbrich dir nicht den Kopf

Er ließ das so stehen und wechselte mit einem zweiten Kuss das Thema. «Ihr könnt es in unter fünf Stunden schaffen, es gibt keine Anzeichen von Regen.»

«Wenn ich auch nur einen Regentropfen sehe, werde ich Deirdres Sachen am Straßenrand ausladen, damit ich das Verdeck zubekomme.»

«Bist du sicher, dass du klarkommst?», fragte Chase. «Ich habe ein bisschen Angst davor, morgen früh in der Zeitung zu lesen, dass die Überreste einer Frau an der Alligator Alley aufgefunden wurden.»

«Also, wenn diese Überreste auf einem Berg von Designerkoffern liegen, weißt du, dass es Deirdres Überreste sind.»

Er lächelte erneut und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles, kurzes Haar. «Sie gibt sich Mühe, weißt du?»

Sie traten einen Schritt auseinander, als Deirdre wiederauftauchte.

«Vielleicht», sagte Avery. Aber bei Deirdre hatte unvermeidlich alles einen Haken: den Eigennutz, den man erst bemerkte, wenn es zu spät war, um sich davor zu schützen. Avery war sich nicht sicher, was sie mehr fürchtete: es mit Deirdre aufnehmen zu müssen oder mit dem Sender.

Chase zog einen Umschlag aus der Tasche und hielt ihn ihr hin. «Die notarielle Vollmacht, dass du als meine gesetzliche Vertreterin handeln darfst, zusammen mit einer Kopie meiner Unternehmerlizenz.»

«Danke.»

«Ruf mich jederzeit an. Falls du einen Ratschlag brauchst.»

«Das könnte dauern», antwortete sie. Sie war auf den Baustellen ihres Vaters aufgewachsen und immerhin eine ausgebildete Architektin.

Avery legte ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie brauchte zwar die Vollmacht für Zulassungen und um die Stadtverwaltung zufriedenzustellen, aber sie brauchte weder Chase Hardin noch sonst jemanden als Coach bei dieser Renovierung. Sie hob das Kinn und forderte ihn stumm heraus, das zu bestreiten, aber tief in sich spürte sie ein nervöses Flattern. Alles Neu war mehr als ein Renovierungsprojekt – viel mehr. Es war für sie alle eine Rettungsleine. Es durfte nicht vermasselt werden.

Sie gab ihm einen letzten Kuss, und Deirdre umarmte ihn. Beide sahen zu, wie er in seinen Laster kletterte und davonfuhr. Erst als Chases Rücklichter außer Sichtweite waren, quetschten sie sich in den Mini Cooper.

Avery sprach kein Wort mit Deirdre, als sie Pass-a-Grille hinter sich ließen und auf den Pinellas Bayway fuhren. Auch verschwendete sie keinen Gedanken daran, wie unbequem Deirdre es mit dem Kosmetikkoffer auf dem Schoß und der Tasche zwischen ihren Beinen haben musste. Gedankenverloren fuhr sie auf die Sunshine Skyway Bridge, die hoch über der Tampa Bay aufragte. Alle ihre Gedanken waren beunruhigend.

Sie und ihre zumeist fröhliche Truppe waren auf dem Weg in eine fremde Stadt, wo man von ihnen erwartete, für einen Hausbesitzer, über den sie nichts wussten, ein Haus zu renovieren, das sie nie gesehen hatten. Und dabei mussten sie interessant genug vorgehen, um den Sender davon zu überzeugen, dass Alles Neu seinen Sendeplatz verdiente.

Averys Hände krampften sich um das Lenkrad. Sie wusste,

Es war beinahe halb acht, als sie den MacArthur Causeway erreichten, der sie in Miamis South Beach ausspucken würde. Averys nackte Haut war sonnenverbrannt. Ihre Haare, die schon seit Stunden in alle Richtungen abstanden, starrten vor Schmutz und bewegten sich kaum noch in der warmen, salzigen Brise von der Biscayne Bay. Die Sonne sank bereits, als sie die im Hafen von Miami liegenden Kreuzfahrtschiffe erblickten und Palmen, Hibiskus und Star Island vorbeifliegen sahen.

«Nervös?», fragte Deirdre.

«Nein, natürlich nicht», log Avery. Sie befanden sich an der Kreuzung von Fifth Avenue und Ocean Drive und hatten einen freien Blick auf den palmengesäumten Strand und den Atlantischen Ozean. Es war an der Zeit, die Adresse des Hauses abzurufen, das sie renovieren würden. In wenigen Minuten würden all ihre unbestimmten Ängste und Sorgen verpuffen. Oder sich als berechtigter erweisen, als sie es sich vorgestellt hatte.

Sie spürte Deirdres Blick. «Wir warten noch ein paar Minuten, bevor wir anrufen», sagte Deirdre. «Bieg links ab. Wir haben es verdient, einmal durch den Art-déco-Distrikt zu fahren.»

Mit einem Pling! traf eine Nachricht ein, aber Avery wendete bereits. Sie wäre nicht überrascht gewesen, einen himmlischen Chor zu vernehmen, als sie die ersten der berühmten auf Stand gebrachten Hotels des historischen Viertels erblickte. Sie hielt die Luft an und verschlang die tropischen Art-déco-Fassaden mit den Augen, deren Details vielfach die Motive und Formen

An einer roten Ampel las sie schließlich die SMS und alle anderen, die mittlerweile eingetroffen waren.

Wir sind da. Wo seid ihr? Wie ihre Absenderin waren auch Nicole Grants Textnachrichten direkt und auf den Punkt.

Madeline Singer, deren Daumen und iPhone miteinander auf Kriegsfuß standen, hatte eine Nachricht geschrieben, die so klang: Ee wrsin da. Abars Haus is … grimöimasig.

Kyras SMS kam als nächste an. Sie ließ Averys Atem stocken.

«Was?», fragte Deirdre. «Was ist?»

Avery hielt ihr das Handy hin, damit sie es selbst lesen konnte. Hast du die Filmcrew heute schon erwartet?

«Mist», sagte Deirdre.

«Kein Scherz», sagte Avery. Sie hatte vorgehabt, am Wochenende erst mal nur anzukommen und einen Plan auszuhecken.

Die Kamera ist auf uns gerichtet, nicht das Haus!!! Angesichts der Ausrufezeichen am Ende von Kyras Nachricht stieg Panik in Avery auf.

Eine weitere Nachricht von Maddie traf ein, und vor ihrem inneren Auge sah Avery Madeline, Kyra und Nicole mit fliegenden Fingern nebeneinanderstehen. Es war ein Bild, das ihr ein Lächeln entlockt hätte, wenn nicht die unangemeldete Filmcrew gewesen wäre und die Eindeutigkeit von Maddies Nachricht. Veeil dick!

Die Meridian Avenue war eine gepflegte, baumgesäumte Straße mit einer Mischung aus Einfamilienhäusern und kleineren Wohnblocks, deren Zustand von spektakulär gut renoviert bis zu bitte abreißen reichte. Üppige tropische Pflanzen quollen über schmiedeeiserne Tore und erklommen dschungelartig stuckverzierte Wände. Frischgesetzte Pflänzchen sprenkelten den dunklen Streifen frischer Erde zwischen Gehweg und Randstein, und die Straßenlampen waren schlank und schwarz und sahen aus wie neu installiert.

Nummer 301 beanspruchte den größten Teil der Ecke von Meridian/Third Avenue. Abgegrenzt wurde das Anwesen von einem schulterhohen schmiedeeisernen Tor, das kaum höher war als das Gras, das dahinter wucherte. Ein Torflügel stand offen, und Avery rollte über den Gehweg auf die betonierte Auffahrt und parkte neben Nicoles Jaguar und Madelines Kleinbus.

Sie und Deirdre stiegen aus und starrten das imposante zweistöckige Gebäude an. «Sie hätten kein Haus aussuchen können, das besser zu dir passen würde», bemerkte Deirdre. Beide besahen sich die stromlinienförmige Gestaltung des Hauses mit seinen wunderlichen nautischen Akzenten.

Deirdre hatte recht, auch wenn Avery keine Ahnung hatte, was das bedeutete, falls es denn etwas bedeutete. Das Haus hatte eine großartige Struktur, aber der abblätternde Putz und das Durcheinander verschiedener Fenstersorten sprachen von jahrelanger Verwahrlosung.

Der Kameramann war groß und hatte zottiges, sonnengesträhntes blondes Haar. Der Tontechniker trug einen dunklen Bart und hatte das Gesicht eines Teddybären. Er war deutlich kleiner und untersetzter als der Kameratyp; sein dunkler Haarschopf reichte kaum bis zu der Videokamera auf der durchtrainierten Schulter seines Kollegen. Beide sahen aus, als wären sie in ihren Zwanzigern.

Die Kamera und das Galgenmikrophon schwangen zu Avery und Deirdre herum, als sie näher kamen. Avery konnte förmlich spüren, wie die kastenförmige Linse der Videokamera für ein Close-up an sie heranzoomte. Sie versuchte zu erraten, worauf sie sich richtete: ihre bebenden Brüste in dem unglücklichen Trägertop oder die weiten Flächen nackter Haut, die von den noch unglücklicheren Hotpants entblößt wurden.

«Ich will kein Wort hören von wegen, du hättest es mir ja gesagt», knurrte sie Deirdre aus dem Mundwinkel zu.

«Im Traum nicht», entgegnete Deirdre. «Auch wenn das hier genau das ist, wovor ich dich bewahren wollte.»

«Und kein Schauspielern für die Kamera», setzte Avery hinzu. Sobald eine Kamera innerhalb eines Radius von fünf Meilen auftauchte, bestand die Gefahr, dass Deirdre den Schalter umlegte.

«Wer, ich?», fragte Deirdre unschuldig, aber ihr attraktives

Die Frauen umarmten einander steif, weil ihnen allen das unerwartete Publikum allzu bewusst war. Nicole sah noch halbwegs gesammelt aus in einem ihrer klassischen Sommerkleider und mit dem tiefroten Haar, das sich um ihre schmalen Schultern lockte. Maddie sah erschöpft aus. Die über elfstündige Fahrt von Atlanta hierher mit Kyra und dem Baby an Bord stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Kyra hatte es besser überstanden, aber mit 24 ist wenig Schlaf kein ehrfurchtgebietender Feind. Ihr langes, dunkles Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sie trug kein Make-up, das hatte sie auch nicht nötig. Ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt war mit der Geburt etwas kurviger geworden. Sie hielt entspannt das Baby im Arm. Sein Kopf mit den dunklen Locken lehnte an ihrer Schulter, und es hatte sich den Daumen in den runden Mund geschoben. Mit seinen sechs Monaten war der Junge bereits das Ebenbild seines berühmten Vaters.

Kyra stellte sie einander mit wütend zusammengepressten Lippen vor. Ihre freie Hand lag auf ihrer eigenen Videokamera, die ihr von der Schulter baumelte. «Das ist Troy», sagte sie und nickte dem großen, blonden, breitschultrigen jungen Mann knapp zu, dessen gutgeschnittene Züge ihn leicht vor die Kamera hätten bringen können statt dahinter. «Und am Ton, das ist Anthony.»

Anthony nickte. Seine Augen waren dunkel und von Fältchen gesäumt, und er lächelte deutlich bereitwilliger als der Kameramann.

Kyra streckte die Hand aus und schob die Kameralinse zur Seite. «Mir wurde gesagt, dass im Lauf der Woche jemand

«Ich hätte gedacht, das sei ziemlich offensichtlich», entgegnete der Kameramann und schwenkte die Kamera zurück in Position.

«Ich habe in Bella Flora sämtliche Filmaufnahmen selbst gedreht», sagte Kyra. «Und es waren meine Filme auf YouTube, die überhaupt zu der Idee für die Serie geführt haben.» Sie setzte sich das Baby auf der Hüfte zurecht.

Der Kameramann zuckte mit den Schultern, senkte aber die Kamera nicht.

«Wir haben nicht mit einer Crew gerechnet», beharrte Kyra. «Und wir brauchen auch keine.»

«Ist notiert», gab Troy zurück. «Jetzt käme es mir entgegen, wenn du dich ein Stück nach links lehnen könntest, damit ich das Baby besser ins Bild bekomme.»

In Kyras grauen Augen blitzte Wut auf. «Nein», sagte sie und verlagerte ihr Gewicht so, dass er nicht um sie herumfilmen konnte. «Dustin ist nicht Teil dieses Projekts. Was mich betrifft, ist er tabu.»

Troys Finger bewegten sich kaum merklich auf dem Zoomknopf. Avery hätte nicht sagen können, ob er heranzoomte, um das Baby ins Bild zu kriegen, oder ob er sie alle ins Bild holte.

Unbehagen kletterte ihre Wirbelsäule hinauf. Ihr war sehr bewusst, wie wenig sich ein Sender darum kümmerte, was seine Talente dachten oder fühlten.

«Hört mal», sagte Avery. «Uns ist klar, dass wir die Erlebnisse hier dokumentieren müssen, aber wir haben Kyra. Und keine von uns hat unterschrieben, dass wir ständig unter Beobachtung sind.» Noch als sie es aussprach, dämmerte ihr, dass sie nicht überrascht sein durfte. Ein Sender, der sie dazu zwang,

Kyra streckte erneut die Hand aus, um die Kamera beiseitezuschubsen. «Das stimmt», sagte sie, und die anderen nickten zustimmend. «Und mein Sohn ist tabu.»

«Tut mir leid», entgegnete Troy, aber sein Ton besagte, dass dem nicht so war. «Ich weiß von keinem Tabu. Wir sind rund um die Uhr vor Ort und filmen, was wir sehen.»

Ohne ein Wort zu wechseln, traten Avery, Nicole, Deirdre und Madeline näher und bildeten einen schützenden Kreis um Dustin. Zusammengedrängt standen sie im schwindenden Licht des Tages und wussten nicht, wie sie die Pattsituation auflösen sollten. Da öffnete sich knarrend die Haustür.

Die Kamera, das Mikro und alle Blicke schwangen zu der Gestalt herum, die heraustrat.

Der Mann, der vor der runden, zweistöckigen Eingangshalle stand, war klein, alt und hatte kurzgeschnittenes weißes Haar, ein gebräuntes Gesicht und ein breites, einladendes Lächeln, das man sogar vom Gehweg aus erkennen konnte. Er trug zu seiner weißen Hose ein weißes Hemd und einen marineblauen Blazer, der an ihm herunterhing, als habe er ihn sich von einem größeren Mann ausgeliehen.

Der Mann kam die geschwungene Eingangstreppe herunter und langsam auf sie zu. Das Gras und die Pflanzen wuchsen stellenweise so hoch, dass es aussah, als watete er durch ein tropisches Maisfeld. Auch wenn seine Schritte entschlossen wirkten, wurde beim Näherkommen doch deutlich, wie

Alles an ihm wies das Angebot einer möglichen Unterstützung zurück, und so blieben sie, wo sie waren, und warteten darauf, dass er sie erreichte. Das rote Aufnahmelicht der Kamera leuchtete.

Als er nahe genug heran war, wurden seine Gesichtszüge erkennbar. Sein verwittertes Gesicht wurde von einer etwas zu großen, aber eleganten Nase und intelligenten braunen Augen beherrscht, die von buschigen Augenbrauen im selben Weiß wie sein Haar beschattet wurden. Seine Hände waren knotig und mit Altersflecken übersät. In einer Hand hielt er eine nicht angezündete Zigarre. Unter seinem Arm klemmte eine Kapitänsmütze.

Als er vor ihnen anhielt, setzte er sich diese Mütze schwungvoll auf den Kopf und blickte direkt in die Kamera. Er öffnete weit die Arme und donnerte: «Ich bin Max Golden. Willkommen in The Millicent!»

Zu überrascht, um etwas zu sagen, starrten sie ihn an.

Er senkte die Arme und wedelte mit der Zigarre. «Soll ich es noch einmal versuchen?», fragte er den Kameramann. «Ich kann es ohne die Zigarre machen. Oder vielleicht sollte ich die Mütze abnehmen, es wird ja gleich schon dunkel?»

Troy nickte beinahe unmerklich. Anthony rückte das Mikrophon in Position. «Ja, Sir», sagte er knapp. «Wir drehen noch.»

Max Golden drehte sein Lächeln wieder zur vollen Strahlkraft auf, öffnete erneut weit die Arme und sagte: «Willkommen in The Millicent! Ich bin Ihr Gastgeber. Max Golden!»

«Ist im Kasten», sagte Troy.

«Das war’s», stimmte Anthony zu.

«Gut», sagte Max Golden und senkte die Arme. «Ich komme