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1. Auflage 2018
© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 Caleb Krisp
Erstmals erschienen 2017 unter dem Titel
»Bring me the head of Ivy Pocket«
bei Bloomsbury Publishing, London
Übersetzung: Petra Koob-Pawis
Umschlagkonzeption und -illustration: Eva Schöffmann-Davidov
CK · Herstellung: UK
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-15689-3
V001
www.cbj-verlag.de
Für meine Wohltäterin Gwendolyn Greystroke, die freundlicherweise auf hoher See verschollen ist

Kapitel 1
»Warum werden wir langsamer?«
Ich schlief nicht. Ich döste nur, wie junge Damen es auf langen Kutschfahrten zu tun pflegen. Mit heruntergeklappter Kinnlade. Den Kopf anmutig in den Nacken gelegt. Melodisch schnarchend. Alles sehr elegant.
»Kutscher, warum werden wir langsamer?«, fragte eine Frau. Sie klang empört. »Wir sind noch Meilen von unserem nächsten Halt entfernt. Das ist höchst ungewöhnlich.«
Gegen eine derart laute Kreatur hatte mein friedliches Nickerchen keine Chance. Während die Nervensäge sich über den ungeplanten Halt aufregte, wurde das Klappern der Räder leiser, bis die Kutsche schließlich quietschend zum Halten kam. Jetzt war draußen nur noch der Wind zu hören, der an den Fenstern rüttelte.
»Verzeihung.« Ich bekam einen kräftigen Knuff. »Würdest du bitte Platz machen?« Jemand schubste mich zur Seite und zwängte sich zwischen mich und das Fenster.
Empört schlug ich die Augen auf. »Was fällt Ihnen ein, Sie verrückte Kuh?«
Es war Miss Finch, eine etwas steif wirkende Amerikanerin, die entsetzt darüber gewesen war, dass ich mutterseelenallein nach London reiste. »Ich will wissen, wieso wir anhalten, aber von meinem Platz kann ich nicht auf die Straße schauen.« Sie schürzte verärgert die Lippen. »Das ist höchst ungewöhnlich.«
Sie hatte mich gegen einen hübschen jungen Mann gequetscht, der mit einer Ausgabe von David Copperfield auf der Brust tief und fest schlief. Gegenüber saßen drei weißhaarige Schwestern, die eifrig drei harmonierende gelb-blaue Schals strickten (ich kannte ihre Namen nicht, aber sie hießen bestimmt Kurzbein, Großohr und Griesgram).
»Aber gerne«, sagte ich höflich und rempelte Miss Finch mit der Schulter an. »Was gibt es Schöneres, als in einer Kutsche rücksichtslos aus dem Schlaf gerissen zu werden?«
Miss Finch zog den Vorhang zurück. »Tut mir leid«, sagte sie ohne jede Spur von Reue. »Es war nur ein sanfter Stupser.«
»In der Tat«, stimmte ich ihr aus vollem Herzen zu. »Es war sicher nur deshalb so schrecklich schmerzhaft, weil Sie Arme haben wie ein Holzfäller.«
Miss Finch blinzelte erbost. Dann blickte sie auf ihre Arme. »Ich … ich höre oft, wie zierlich ich bin.«
»Umso bemerkenswerter sind ihre kräftigen Oberarme.« Beherzt schlug ich ihr aufs Knie, wie neue Freundinnen es tun. »Sie sollten einem Zirkus beitreten, meine Liebe – damit könnten Sie ein Vermögen verdienen.«
Miss Finch runzelte die Stirn. Schüttelte den Kopf. Schnaubte. Es war die amerikanische Art, größtes Vergnügen zum Ausdruck zu bringen. Dann wandte sie sich ab und spähte aus dem Fenster. »Es ist so dunkel draußen, man sieht kaum etwas.«
Damit hatte sie recht. Obwohl meine Uhr mir sagte, dass es zwei Uhr nachmittags war, bot sich vor dem Fenster ein düsterer Anblick. Dunkle Wolken hingen beängstigend tief am Himmel und ballten sich zusammen wie dichter Ofenrauch.
Seufzend lehnte ich mich zurück und dachte darüber nach, wo ich war. Und warum. Die Kutsche war unterwegs nach London und meine Gründe für diese Reise waren äußerst schwerwiegend. Ich hatte mir vorgenommen, Rebecca zu retten und nach Hause zu bringen (und dazu musste ich in die Winslow Street, denn nur dort konnte ich direkt in das Haus von Prospa gelangen). Ich wollte herausfinden, warum die Wärter, die sie bewachten, mich zu kennen schienen. Außerdem war ich fest entschlossen, Anastasia Radcliff aus dieser grässlichen Irrenanstalt in Islington zu befreien und sie und das Kind, von dem sie so grausam getrennt worden war, wieder zu vereinen. Aber jetzt stand unsere Kutsche erst einmal still. Und das war tatsächlich äußerst seltsam.
»Was sehen Sie da draußen?«, fragte ich Miss Finch.
»Nicht viel«, antwortete sie. »Der Kutscher klettert gerade vom Kutschbock.«
»Da liegt etwas auf der Straße«, sagte Miss Großohr und spähte durchs Fenster gegenüber.
»Was könnte das sein?«, fragte Miss Kurzbein.
Miss Griesgram schnippte mit den Fingern in meine Richtung, als wäre ich ein Pudel. »Mädchen, geh und sag dem Kutscher, dass er um das Hindernis herumfahren soll. Meine Schwestern und ich müssen bis neun in London sein, sonst verpassen wir unser Schiff.«
Ich ließ mir nicht gerne vorschreiben, was ich tun sollte – ganz besonders nicht von unhöflichen alten Fledermäusen –, aber jetzt war meine Neugier geweckt. Also drängte ich mich an Miss Finch vorbei und stieg aus. Üppige Weizenfelder säumten die Straße. Die Wolken des aufziehenden Sturms warfen einen rostig-braunen Schatten auf die goldenen Ähren. Aufgeregtes Stimmengewirr drang an meine Ohren, aber erst als ich um die Pferde herumging, sah ich den Grund dafür.
Ein mit Koffern beladener Karren war umgekippt. Auf der Straße lag ein Mann, der am Kopf blutete. Neben ihm stand eine stattliche Frau und schluchzte dramatisch. Unser Kutscher Mr Adams schirrte gerade die zwei schwarzen Hengste vom Fuhrkarren ab. Nachdem er die Pferde losgebunden hatte, beugte er sich zu dem Verletzten, der sich vor allem um seinen Karren zu sorgen schien. Die beiden Männer beratschlagten, was zu tun war. Mr Adams deutete auf ein kleines Bauernhaus in einiger Entfernung und meinte, dass ein paar zusätzliche Hände ganz nützlich wären.
»Soll ich hingehen und Hilfe holen?«, bot ich zuvorkommend an.
»Ich hätte sterben können!«, kreischte die stämmige Frau. »Ein Wunder, dass ich mir nicht den Hals gebrochen habe!«
»Sind sie verletzt, Ma’am?«, kam eine Stimme von hinten. Ich drehte mich um und sah Miss Finch vor uns stehen, die besorgt die Augenbrauen hochzog. »Kann ich helfen?«
»Ich bin auf meiner Schulter gelandet«, wimmerte die Frau und umklammerte ihren Arm. »Es tut fürchterlich weh.« Sie schluchzte auf. »Ich hätte sterben können.«
»Was ist passiert?«, fragte ich sie.
Sie deutete auf den verletzten Mann. »Er ist gefahren wie ein Verrückter, das ist passiert!«
Es hatte zu nieseln angefangen. Der Wind trieb die Regentropfen in alle Richtungen.
»Sie Arme!«, rief Miss Finch bestürzt. »Kommen Sie doch zu uns in die Kutsche. Wir lassen einen Arzt holen.«
»Das ist sehr freundlich«, antwortete die Frau. »Aber ich sollte besser hierbleiben und auf mein Gepäck aufpassen.« Sie nickte in meine Richtung. »Vielleicht könnte das Mädchen mir Gesellschaft leisten? Ich bin mit den Nerven am Ende.«
Miss Finch hielt das für eine ausgezeichnete Idee. Sie schob mich zu der jammernden Dame und kehrte eilig in die Kutsche zurück. Die Frau ergriff meine Hand und beteuerte noch einmal, wie nah sie dem Tode gewesen war. Dabei blickte sie immer wieder verstohlen auf die Straße hinter uns.
Mr Adams zog den verletzten Kutscher auf die Füße. »Sie haben einen üblen Schlag auf den Kopf abbekommen.«
»Mir ist schon Schlimmeres passiert«, erwiderte der Mann, zuckte aber vor Schmerz zusammen. »Ich muss mich nur kurz ausruhen.«
Mr Adams führte den humpelnden Mann zum Wegrand und half ihm, sich hinzusetzen. Ich achtete nicht weiter auf die beiden, denn die Heulboje klammerte sich an meinen Arm und nahm mich völlig in Beschlag. Für ein Fräulein in Nöten war sie beeindruckend füllig. Ihre Knopfaugen standen fürchterlich eng beieinander, und ihre Haut war so voller Krater und Dellen, dass sie aussah wie ein Schweizer Käse. Außerdem hatte sie buschige Augenbrauen und eine Nase, die auf halber Höhe scharf nach rechts abbog. Dazu ein kleines Oberlippenbärtchen. Alles in allem war sie äußerst überzeugend. Nur nicht für mich. Denn ich wusste genau, wer sich hinter dieser kunstvollen Tarnung verbarg.
»Ich bin beeindruckt, Miss Always«, sagte ich und schüttelte ihre Hand ab. »Der umgekippte Karren, der verletzte Kutscher – alles täuschend echt.«
Die Frau wich überrascht einen Schritt zurück. »Was faselst du da?«, rief sie. »Ich bin nur um ein Haar dem Tod entkommen. Ich hätte mir das –«
»Ja, ja, Sie hätten sich das Genick brechen und ins Gras beißen können. Aber das haben Sie nicht, denn das Ganze ist eine heimtückische Falle. Doch ich bin viel zu schlau, um hineinzutappen.«
»Du redest wirr.« Die garstige Frau blickte zu Mr Adams. »Haben Sie gehört, was sie zu mir gesagt hat? Dieses Mädchen hat den Verstand verloren!«
Der Himmel grollte unheilvoll, als Mr Adams sich am Kinn kratzte und mich von Kopf bis Fuß musterte. »Wie es um ihren Verstand bestellt ist, kann ich nicht sagen«, erwiderte er nachdenklich. »Ich weiß nur, dass sie alleine und ohne Gepäck unterwegs ist.«
»Da haben Sie es doch!«, rief die Frau. »Welches Kind würde mutterseelenalleine und ohne Habseligkeiten quer durchs Land reisen?«
Hysterische Anschuldigungen locken für gewöhnlich Schaulustige an – und tatsächlich streckten die drei runzligen Schwestern wie aufs Stichwort ihre Köpfe aus der Kutsche und gafften neugierig. »Gibt es Schwierigkeiten?«, fragte Miss Großohr erwartungsvoll.
»Das Mädchen hat mich beschuldigt, eine Hochstaplerin zu sein!«, kreischte die grässliche Frau.
Die drei Schwestern schnappten gleichzeitig nach Luft.
»Sie ist eine Hochstaplerin!«, rief ich und deutete auf die Gaunerin. »Vor ein paar Monaten hat sie sich noch als pummelige Bibliothekarin ausgegeben. Und jetzt hat sie sich eine neue Verkleidung einfallen lassen. Dieser aufgeblähte Klops ist in Wahrheit ein durchtriebener Bücherwurm. Die Frau ist hier, um mich zu entführen und mich zur Marionette der Königin zu machen.«
Die drei Schwestern japsten erneut auf und Mr Adams schüttelte den Kopf. Jetzt brach die Schwindlerin auch noch in lautes Schluchzen aus. Was für eine meisterhafte Darbietung!
»Was geht hier vor?« Miss Finch kam mit verschränkten Armen auf uns zu. »Und warum starren alle das Mädchen an?«
»Sie hat schwerwiegende Anschuldigungen vorgebracht«, antwortete Mr Adams ernst.
»Welche Anschuldigungen?«, fragte Miss Finch.
Ich erklärte erneut, worum es ging.
Miss Finch hörte aufmerksam zu. Dann seufzte sie. »Ich verstehe.«
Doch das war gelogen. Sie glaubte mir kein Wort!
»Das arme Kind kann nichts dafür«, sagte die dicke Halunkin kopfschüttelnd. »Ich kenne einen Arzt ganz in der Nähe. Setzen Sie ruhig ihren Weg fort, ich werde das Kind dorthin bringen und dafür sorgen, dass es Hilfe bekommt.«
Meine Mitreisenden schienen das für eine ausgezeichnete Idee zu halten. Ich musste also schleunigst handeln. »Hören Sie«, sagte ich mit Nachdruck. »Ich kann beweisen, dass ich die Wahrheit sage.«
Siegessicher stürzte ich mich auf die Hochstaplerin und zerrte an ihrer schiefen Nase. Wenn Miss Finch und die anderen erst sahen, dass es eine künstliche Nase war, würden sie mich reumütig mit Entschuldigungen überhäufen.
»Was tut Sie da?«, kreischte Miss Kurzbein.
»Lass sofort die Frau los!«, rief Miss Finch.
»Einen Moment, meine Liebe«, rief ich zurück. »Ich will ihr nur noch rasch das Gesicht abreißen.«
Ich zerrte immer stärker an der Nase. Leider war sie ziemlich hartnäckig und wollte einfach nicht abgehen. Da die Zeit drängte, ließ ich von der Nase ab und nahm mir die buschigen Augenbrauen vor. Aber egal wie sehr ich auch zog, sie blieben an Ort und Stelle.
»Hör auf!«, zeterte die Scharlatanin. Sie versuchte mich wegzustoßen. »Runter von mir!«
Ihre Nase war grässlich rot und von ihrer Augenbraue tropfte Blut. Das war nun doch etwas überraschend.
»Lass sie los, Kleine.« Mr Adams zog mich sanft weg. »Du machst die Sache nur noch schlimmer.«
»Sie ist von Sinnen«, sagte Miss Griesgram.
»Und gewalttätig«, fügte Miss Großohr hinzu.
»Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so bösartig angefallen worden!«, heulte die verletzte Frau. »In meinem ganzen Leben nicht!«
Ich hielt es für das Beste, die Wogen mit ein paar freundlichen Worten zu glätten. »Machen Sie sich keine Gedanken, meine Liebe. Was können Sie dafür, dass Sie eine abscheuliche Fratze haben, die jeder vernünftige Mensch für eine Maske halten muss?« Ich tätschelte mitleidig ihre Schulter. »Da sind ganz alleine Ihre Eltern schuld.«
Die Frau holte mit der Hand aus und verpasste mir eine schallende Ohrfeige.
»Was bist du nur für ein Lästermaul!«, fauchte sie erbost. »Ein Mädchen wie dich sollte man wegsperren.«
Meine rechte Wange brannte wie Feuer, aber ich ließ mir nichts anmerken. »Wenn es Sie tröstet, ich saß unlängst in einer Irrenanstalt fest. Dort war es allerdings längst nicht so lustig, wie man meinen könnte.«
Alle waren sich einig, dass ich nicht ganz bei Trost sein musste. Energisch versicherte ich ihnen, dass ich bei bestem Verstand sei, und bekam daher gar nicht mit, wie eine Kutsche in hohem Tempo auf uns zu ratterte. Ich bemerkte sie nicht einmal, als sie quietschend neben uns zum Halten kam. Erst als die Kutschentür aufschwang und eine finstere Gestalt in Schwarz ausstieg, blickte ich auf. Es war eine Frau. Ihre Miene spiegelte eiskalte Entschlossenheit und boshaftes Vergnügen wider. Es war die echte Miss Always. Sie richtete ihren Blick auf mich und fing an zu schluchzen.
»Dem Himmel sei Dank, dass ich dich gefunden habe!« Sie deutete auf mich. Ihre Augen flossen über wie zwei Eimer in einem Platzregen. »Meine liebe Tochter, meine kleine Ivy, ist ausgerissen und ich habe die ganze Nacht überall nach ihr gesucht.«
»Sie wollen sie wiederhaben?«, fragte Miss Griesgram ungläubig.
Ich drehte mich auf dem Absatz um und rannte los, kam aber nicht weit. Denn das schluchzende Geschöpf, das ich fälschlicherweise für Miss Always gehalten hatte, warf sich auf mich und hielt mich fest. »Wie konntest du deiner armen Mutter so etwas antun?«
»Sie ist nicht meine Mutter, Sie verrückter Mops!« Verzweifelt wandte ich mich an Miss Finch. »Miss Always ist eine mörderische Hexe aus einer anderen Welt! Bitte lassen Sie nicht zu, dass sie mich mitnimmt!«
»Dir geht es nicht gut«, sagte Miss Finch düster. »Du musst zu deiner Mutter.«
Die drei Schwestern und Mr Adams nickten zustimmend.
»Ich will nur meine geliebte Tochter zurück!«, jaulte Miss Always.
»Natürlich wollen Sie das«, erklärte die Frau, die mich eisern festhielt. Ich versuchte mich loszureißen, aber es war vergeblich. Die Frau schleppte mich zu Miss Always. Dabei beugte sie sich zu mir herab und flüsterte in mein Ohr: »Die Torhüterin hat Pläne für dich.«
Plötzlich ergab alles einen Sinn. Das Ganze war ein ausgeklügeltes Komplott, um mich zu schnappen. Jetzt half nur noch ein Ablenkungsmanöver. Ich hörte auf, mich zu wehren. »Ich habe mich wie eine Verrückte benommen und bitte vielmals um Verzeihung«, sagte ich laut. »Natürlich gehe ich mit meiner lieben Mami, so wie es sich gehört.«
Der Regen prasselte immer heftiger auf die Straße.
»Ich dachte, sie ist eine mörderische Hexe aus einer anderen Welt?«, spottete Miss Always’ schiefnasige Gehilfin.
»Niemand ist vollkommen«, sagte ich schulterzuckend. »Das sollten Sie doch am besten wissen.«
Mit diesen Worten versetzte ich ihr einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein. Sie ließ mich los und hüpfte kreischend auf einem Bein herum. Sofort eilte Miss Always herbei, um sich auf mich zu stürzen. Das war die perfekte Gelegenheit, die hopsende Kuh in sie hineinzuschubsen. Beide verloren das Gleichgewicht und landeten auf der feuchten Straße. Wie herrlich! Leider währte mein Sieg nicht lange. Denn nun sprang auch noch der Fuhrmann auf (plötzlich war er putzmunter, dieser Schwindler!) und versuchte mich einzufangen.
Ein lauter Donnerschlag ließ den Himmel erbeben. Ich drehte mich um und rannte los.
Miss Always stieß einen verräterischen Schlachtruf aus. Aber da war ich schon mitten im Weizenfeld. Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Halmen hindurch und zertrat dabei die Ähren unter meinen Füßen. Ich kannte diesen Schrei nur zu gut: Sie rief ihre Armee von Lokks herbei, um sie auf mich zu hetzen. Mein Verdacht bestätigte sich, als ich hinter mir die Schreckensschreie meiner Mitreisenden hörte, denen sicherlich fast die Augen aus dem Kopf fielen.
Regen peitschte über das weite Feld und der Himmel wurde mit jedem Augenblick dunkler.
»Verteilt euch, und zwar schnell!«, brüllte Miss Always irgendwo hinter mir.
Die rabiate Komplizin und der Fuhrmann riefen ihr zu, dass sie sich sofort an die Verfolgung machen würden. Die Erde bebte unter meinen Füßen, als das Weizenfeld plötzlich aus allen Richtungen zertrampelt wurde. Die Lokks waren da. Sie schwärmten aus und machten Jagd auf mich.
Etwas Verschwommenes schoss pfeilschnell an mir vorbei. Als ich mich aufrichtete, sah ich nicht weit von mir entfernt eine Spur, die im Zickzack durchs Weizenfeld führte. Sie konnte nur von einem Lokk stammen. Ich ließ den Blick über das dunkle Feld schweifen und entdeckte ein Dutzend solcher Spuren, alle von kleinen Kapuzenkerlen, die fuchsteufelswild durch den Weizen preschten.
Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Uhrendiamanten zu benutzen, um nach Prospa zu gelangen. Aber Miss Always und ihre Spießgesellen würden den hellen Schein des Steins sofort entdecken und mich gefangen nehmen, bevor ich es in die andere Welt hinübergeschafft hatte. Also lief ich weiter, während dicke Regentropfen über mein Gesicht rannen und mir die Sicht nahmen. Das Weizenfeld erstreckte sich bis zum Horizont. Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich rennen sollte. Oder wo ich mich verstecken konnte.
»Du entkommst uns nicht, Ivy!«, rief Miss Always. Es klang fast, als wäre sie belustigt. »Wir sind in der Überzahl und haben dich ausgetrickst. Füge dich deinem Schicksal, vielleicht gefällt es dir sogar.«
»Niemals!«, hätte ich am liebsten geschrien. Aber da ich keine dumme Gans war, hielt ich den Mund.
Ich rannte weiter, so schnell ich konnte. Plötzlich hörte ich laute, keuchende Atemzüge hinter mir. Als ich den Kopf drehte, sah ich den Fuhrmann, der durch das Getreidefeld auf mich zukam. Ich schlug einen Bogen nach links. Vor mir lag das steinerne Bauernhaus, das wir von der Straße aus gesehen hatten. Da mir in der Eile nichts Besseres einfiel, lief ich einfach darauf zu.
Ich kam nicht weit. Eine Klaue packte mich plötzlich am Knöchel und ich fiel der Länge nach hin. Zum Glück wurde mein Sturz von den Weizenbüscheln aufgefangen. Ich blickte hoch. Vor mir stand ein Lokk. Das Gesicht des kleinen Schurken war unter der Kapuze seines Umhangs verborgen. Er zischte wie eine Dampflokomotive, dann fuhr er seine Krallen aus und ging auf mich los.
In einem Anfall hemmungsloser Wildheit – nicht umsonst habe ich die natürlichen Instinkte eines betrunkenen Seemanns – versetzte ich dem boshaften Wicht einen Tritt, der ihn in hohem Bogen durch die Luft schleuderte. Der Knilch landete auf der durchweichten Erde und überschlug sich ein paar Mal. Aber da war ich schon wieder auf den Beinen und rannte auf das Bauernhaus zu.
»Da ist sie!«, rief Miss Always’ Komplizin. »Herrin, dort drüben!«
Blitzschnell ließ ich mich auf die Knie fallen und krabbelte wie ein Kleinkind auf allen vieren weiter. Jemand stieß einen Pfiff aus. Schritte näherten sich. Ich duckte mich noch tiefer und kroch langsam weiter. Da fiel mein Blick auf einen Brunnen ganz in der Nähe des Bauernhauses.
»Wo ist sie?«, bellte Miss Always.
»Ich habe sie aus den Augen verloren, Herrin«, rief die Komplizin.
»Dann finde sie wieder, du dummes Ding!«
Der Himmel erschauerte und die Erde zitterte. Ich hörte zwei oder drei Lokks ganz in meiner Nähe. Ihr Zischen war so laut, dass es fast den Sturm übertönte. Die Zeit wurde knapp. Ohne lange zu überlegen, rannte ich zum Brunnen, schwang mich über die niedrige Steinmauer und kletterte in den Holzeimer.
An dem Eimer hing ein Seil, das an einer Winde befestigt war. Ich packte die Kurbel und fing langsam an zu drehen.
Zumindest hatte ich das vor. Leider war die Winde anderer Meinung. Das Seil rollte sich blitzschnell ab und der Eimer sauste in die Tiefe. Bevor ich die Augen schließen und für eine weiche Landung beten konnte, krachte der Eimer schon auf den Boden und zerbrach unter meinen Füßen. Der Aufprall war hart und unsanft. Aber da ich eine junge Dame bin, werde ich nicht erwähnen, dass mein Hintern so wehtat, als wäre er tausendmal versohlt worden.
Um mich herum sammelte sich Wasser an, denn der Regen konnte im Brunnen nicht ablaufen. Es roch modrig und die runde Steinmauer war ziemlich glitschig. Oben hörte ich Miss Always’ Gehilfin keuchen und schnaufen. Ein Schatten senkte sich auf mich herab. Bestimmt stand sie direkt über mir. Ich drückte mich gegen die Brunnenwand und schloss die Augen.
»Und?« Das war Miss Always. »Ist sie da unten?«
»Ich glaube nicht, Herrin«, stieß ihre Komplizin atemlos hervor.
»Verflixt! Das Mädchen kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.«
»Wahrscheinlich ist sie längst in Prospa«, sagte der Fuhrmann.
»Nein«, antwortete Miss Always. »Sonst hätten wir den Diamanten leuchten sehen.« Eine Weile herrschte Stille. Dann rief Miss Always über den prasselnden Regen hinweg: »Wo auch immer du dich versteckst, Ivy, ich weiß, dass du mich hören kannst. Vielleicht interessiert es dich, dass ich dem kleinen Häuschen am Meer einen Besuch abgestattet habe. Dein Freund Jago hat sich nicht sehr gefreut, mich zu sehen.«
Ich schlug die Hand vor den Mund, um nicht erschrocken aufzuschreien.
»Er hat einen beachtlichen Kampf geliefert.« Miss Always lachte gehässig. »Kann sein, dass ich ihm den Arm gebrochen habe. Wie gemein von mir. Wenn du Jago jemals wiedersehen willst, dann komm jetzt raus, Ivy. Zeig dich oder der Junge ist tot.«
Am liebsten wäre ich sofort aus meinem Versteck gesprungen. Aber konnte ich Miss Always wirklich trauen? Würde sie Jago freilassen, sobald sie mich in den Fingern hatte? Sie war nicht nur eine verrückte Meuchelmörderin, sondern machte auch gern leere Versprechungen. Im Augenblick war Jago für sie lebend mehr wert als tot, daher blieb ich mucksmäuschenstill.
»Lasst uns den Bauernhof durchsuchen«, befahl Miss Always ihren Komplizen.
Inzwischen goss es wie aus Kübeln. Der Regen war unerbittlich. Zornig. Obwohl ich mich an die steinerne Wand kauerte, durchweichte er mich. Das Wasser stieg immer weiter, bis meine Glieder steif wurden und mein ganzer Körper schmerzte. Die Kälte war erbarmungslos. Die Nässe kroch mir unter die Haut und ließ mein Knochenmark zu Eis erstarren. Über mir grummelte der Himmel wie ein wütender Riese. Mittlerweile reichte mir das Wasser bis zur Hüfte. Meine Lippen waren schon ganz taub.
Das war der letzte Augenblick meiner abenteuerlichen Flucht, an den ich mich erinnern kann.


Kapitel 2
»Sie wacht auf.«
Die Stimme kam von irgendwo weit her. Ich tat so, als würde ich sie nicht hören, denn ich war an einem anderen Ort. In einem Garten voller Unkraut und Wildblumen hüpfte ich ausgelassen von Stein zu Stein. Die Sonne wärmte mein Gesicht. Meine Füße waren nackt. Und ziemlich schmutzig. Ich hatte bleistiftdünne Arme und mein Magen knurrte. Hinter mir stand ein schlichtes weißes Häuschen mit Strohdach.
»Schnell, Henry, reich mir das Tuch. Sie hat hohes Fieber.«
Ich hörte, wie hinter mir die Tür aufging. Obwohl ich nicht sagen konnte warum, verspürte ich ein Gefühl freudiger Erwartung. Ich wollte wissen, wer aus dem Haus gekommen war. Also drehte ich mich um. Genau in diesem Moment klatschte ein kalter, feuchter Lappen auf meine Stirn und riss mich aus meinem Traum. Meine Augen flatterten auf und ich blickte in ein freundlich lächelndes Gesicht.
»Ich dachte schon, du wachst nie mehr auf«, sagte eine Frau mittleren Alters. Sie hatte ein schmales, blasses Gesicht und strähnige blonde Haare. »Wie fühlst du dich?«
Mir taten alle Knochen im Leib weh. »Wo bin ich?«, fragte ich.
»Auf der Harrington-Farm«, hörte ich eine Stimme sagen.
Ich hob den Kopf und sah einen großen Mann mit dunklem Bart und widerspenstigen Haaren. Er ging in dem spärlich möblierten Schlafzimmer auf und ab und machte ein mürrisches Gesicht.
»Ich bin Margaret«, stellte sich die Frau vor. »Und das ist mein Mann Henry.«
»Wie bin ich hierhergekommen?«
»Gute Frage«, sagte Henry. »Als ich nach dem Sturm meine Felder abgegangen bin, habe ich dich im Brunnen entdeckt. Du warst ganz steif und leblos … ich dachte, du bist tot.«
Margaret tupfte über meine Braue. »Wie heißt du denn?«
»Esmeralda Cabbage.« Unter den gegebenen Umständen schien es mir vernünftig, den beiden nicht meinen richtigen Namen zu verraten.
»Was ist passiert, Esmeralda?« Margaret setzte sich neben mich aufs Bett. »Wie um alles in der Welt bist du in dem Brunnen gelandet, aus dem mein Mann dich halb ertrunken herausgefischt hat?«
»Und was ist auf dem Feld passiert?«, wollte ihr Mann wissen. »Mein Weizen ist zertrampelt und die ganze Ernte ist verdorben. In all meinen Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt.«
»Ja, das war eine ziemlich merkwürdige Geschichte.« Als ich mich aufsetzte, drehte sich alles und ich musste kurz die Augen schließen. »Ich war mit einer Kuriositätenschau unterwegs. Die Truppe hatte mich ein Stück mitgenommen. Als wir in der Nähe Ihres Hauses haltmachten, ist die bärtige Frau ausgebüxt. Der Zirkusdirektor war außer sich vor Zorn. Er hat den zweiköpfigen Zwerg und sechs sprechende Schimpansen aufs Feld hinausgeschickt, um sie einzufangen. Hilfsbereit wie ich bin, habe ich mich ebenfalls auf die Suche gemacht. Als ich gerade in Ihren Brunnen spähen wollte, bin ich ausgerutscht und hineingefallen.«
Der Bauer und seine Frau tauschten Blicke aus.
»Es geht ihr immer noch nicht gut«, sagte Margaret zu ihrem Mann.
Sie hatte recht – und das war seltsam. Ich hätte nicht gedacht, dass ich überhaupt krank werden könnte. Immerhin war ich halb tot und auch sonst in jeder Hinsicht außergewöhnlich. »Wie lange bin ich schon hier?«
»Drei Tage.« Margaret sah aus, als wollte sie noch etwas hinzufügen. Aber sie verstummte und warf ihrem Mann einen Blick zu. Aus irgendeinem Grund zog sich der Knoten in meinem Bauch noch etwas fester zusammen.
»Am Tag des Gewitters klopften Leute an unsere Tür. Sie suchten nach einem Mädchen«, sagte Henry. »Nach einer Ausreißerin.«
»Als Henry dich später im Brunnen fand, war uns sofort klar, dass du die Gesuchte bist«, fuhr Margaret mit sanfter Stimme fort.
»Die Leute waren ziemlich erpicht darauf, dich wiederzufinden«, sprach Henry weiter. Er blickte überallhin, nur nicht zu mir. »Vor allem diese Frau … Sie bot eine Belohnung von fünfzig Pfund, wenn wir dich aufspüren.«
Miss Always war mir auf den Fersen! Ich sprang aus dem Bett. Mein Kopf drehte sich wie ein Kreisel.
»Aber so etwas würden wir nie tun«, sagte Margaret und streckte die Hand aus, um mich zu stützen. »Nicht für alles Geld der Welt. Wir sind weder auf die Tränen noch auf die Versprechungen hereingefallen. Stimmt’s, Henry?«
Henry gab keine Antwort. Stattdessen deutete er auf meinen Hals. »Diese Kette da … sie sieht ziemlich wertvoll aus.«
Unwillkürlich tastete ich nach dem Uhrendiamanten (zum Glück war er noch da, ich spürte ihn unter dem Nachthemd). »Ein Geschenk der bärtigen Frau«, sagte ich. »Hübsch, aber wertlos.«
Der Bauer nickte. »Diese Leute, die nach dir suchen … sind das böse Menschen?«
Ich hielt es für das Beste, die Wahrheit zu sagen. »Ja, schrecklich böse Menschen.«
»Dann tut es mir sehr leid, Esmeralda.«
Margaret sprang auf und eilte zu ihrem Mann. »Was tut dir leid?«
Ein Klopfen an der Haustür ersparte ihm die Antwort.
Margaret schnappte entsetzt nach Luft. »Henry, was hast du getan?«
Das Hämmern wurde lauter.
»Es sind fünfzig Pfund, Margaret. Du weißt doch, die halbe Ernte ist hinüber.« Henry schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Es tut mir leid, aber was hätte ich denn tun sollen?«
»Sie hätten einfach die Klappe halten können, Sie gieriger Dummkopf!«, sagte ich unfreundlich.
Die Tür wurde mit Schlägen traktiert. Lange würde sie dem Ansturm nicht mehr standhalten.
»Ich werde ihnen sagen, dass ich mich geirrt habe«, versprach Henry.
»Bleib hier, Esmeralda«, wies Margaret mich an. »Du musst keine Angst haben, wir wimmeln sie ab.«
Die Frau war liebenswürdig, hatte aber offenbar ein Spatzenhirn. Die beiden Bauersleute eilten hinaus und schlossen die Tür hinter sich. Ich zögerte keine Sekunde. Rasch zog ich mein Nachthemd aus und schnappte mir mein Kleid, das ordentlich zusammengefaltet auf einem Stuhl lag. Als ich es über den Kopf zog, hörte ich draußen vor der Tür einen Tumult.
»Aus dem Weg, sonst wird es Ihnen leidtun!« Es war Miss Always’ grobschlächtige Gehilfin. »Wo ist sie?«
»Sie ist nicht hier!«, erklärte Margaret mutig.
Ich war schon halb durchs Fenster geklettert, als ich Margarets Schrei vernahm. Dann hörte man ein Krachen, als würde ein Möbelstück umfallen, und im nächsten Moment wurde die Schlafzimmertür aufgestoßen. Entschlossen schwang ich die Beine über den Sims und sprang in die Tiefe.
Ein wilder Schmerz durchzuckte meine Beine, als ich im Blumenbeet landete. Das Bauernhaus befand sich auf einer kleinen Lichtung, daher führte der einzige Fluchtweg mitten durchs Weizenfeld. Aber ich hatte nicht die Kraft, meinen Verfolgern davonzurennen.
»Schnappt sie euch!«, brüllte die Komplizin vom Fenster aus.
»Sie kommt nicht weit!«, rief eine Männerstimme.
Ich blickte über die Schulter und sah den Fuhrmann, der ums Bauernhaus geprescht kam. Schweiß rann mir übers Gesicht, als ich quer über den Hof hetzte. Da fiel mein Blick auf den leeren Fuhrwagen und die zwei Pferde, die seelenruhig Gras mampften.
»Lasst das Mädchen in Ruhe!«, hörte ich Margaret rufen.
»Beeil dich, Flanders!«, bellte Miss Always’ Gehilfin. »Sie darf nicht entkommen.«
Ich kletterte auf den Kutschbock. Schnappte die Zügel und ließ sie auf den Rücken der Pferde knallen. Die Räder setzten sich in Bewegung. Plötzlich tauchte der Fuhrmann neben mir auf. Als ich sah, dass er sich am Trittbrett hochziehen wollte, ergriff ich die Peitsche und ließ sie auf seine Hand niedersausen. Er blökte wie ein verirrtes Lamm und ließ das Trittbrett los.
Ich sah noch, wie er zu Boden plumpste, aber da jagten die Pferde bereits in vollem Galopp davon. Erleichtert wischte ich mir den Schweiß vom Gesicht und lenkte den Wagen auf die Straße. Immer wieder warf ich Blicke über die Schulter und hielt Ausschau nach Miss Always. Aber von ihr war weit und breit nichts zu sehen.
Während der Wagen über den Feldweg ratterte, versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und was sonst noch alles. Ich musste auf schnellstem Weg nach London. Um Anastasia aus Lashwood zu befreien. Um Rebecca aus dem Haus von Prospa zu holen. Die nächste Stunde zog sich zäh dahin. Meine Gedanken waren noch immer ein einziges Knäuel. Die Straße erstreckte sich endlos vor mir, meine Knochen waren inzwischen schon ganz durchgeschüttelt. Wie lange es wohl bis London dauerte? Stunden? Tage? Wochen?
Ich kannte die Antwort nicht. Plötzlich fiel mir auf, dass ich den Wagen an den Straßenrand gelenkt und unter einer Weide angehalten hatte. Die Zügel lagen schlaff in meiner Hand. Ich schloss die Augen. Nur einen klitzekleinen Moment. Eine kleine Pause, mehr brauchte ich nicht. Ein kurzes, erfrischendes Päuschen.
»Alles in Ordnung mit dir?«
Ich schreckte hoch. »Wie bitte?«
»Ich habe gefragt, ob alles in Ordnung ist.«
»Ja, meine Liebe, alles bestens.«
Ein Pferdewagen hatte neben mir angehalten. Er war mit Körben voller Gemüse und Früchte beladen. Vorne saß eine stämmige Frau mit geradezu lächerlich roten Wangen. »So siehst du aber gar nicht aus«, sagte sie. »Ehrlich gesagt siehst du hundeelend aus.«
»Ach, das ist nur ein Schnupfen.« Ich deutete auf die Straße. »Und jetzt seien Sie so lieb und ziehen Leine.«
»Wo willst du denn hin?«
»Nach London.«
Die Frau schnaubte. »Da hast du noch einen langen Weg vor dir.«
»Können Sie mir sagen, wo ich hier bin?«
»In Winchester«, lautete die Antwort. »Warum fährst du ganz alleine nach London?«
»Meine Großmutter ist krank«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Ein Elefant hat sie auf der Hauptstraße über den Haufen gerannt. Sie ist ganz zermatscht, die Ärmste. Ich will mich um sie kümmern.« Als mein Blick wieder auf die überquellenden Gemüsekörbe fiel, kam mir eine Idee. »Sind Sie auf dem Weg zum Markt?«
»Ja, das bin ich.«
»Werden dort auch Pferdegespanne verkauft?«
»Manchmal.«
Ich wischte mir mit dem Ärmel über meine feuchte Augenbraue. »Ausgezeichnet. Fahren Sie voraus.«
Die Frau zuckte mit den Schultern und ließ die Peitsche knallen. Dann ratterte sie los und ich folgte ihr. Der Markt war nicht weit weg, gleich hinter dem Dorfplatz. Überall standen Karren und Stände, wo man Früchte, Gemüse, Eier und Fleisch kaufen konnte. Außerdem gab es jede Menge Töpfe und Pfannen und allerlei Werkzeug. In einer Ecke waren Ackerpferde an einen Pfosten gebunden. Auf dem Schild daneben stand: PFERDE GESUCHT, 1 PFUND DAS STÜCK. Zielstrebig steuerte ich mit meinem Karren darauf zu.
Mir war klar geworden, dass ich nicht die Kraft hatte, den ganzen Weg bis nach London mit dem Pferdewagen zurückzulegen. Außerdem fürchtete ich, auf offener Straße Miss Always in die Arme zu laufen. Daher musste ich mir etwas anderes einfallen lassen – und was war verlockender als eine bequeme Fahrt mit dem Zug?
Ich ging zu dem Viehhändler, der bei dem Schild auf Kunden wartete und in seinen Zähnen pulte, und bot ihm meinen Wagen samt den zwei Pferden an. Er war ein ziemlich unfreundlicher Kerl. Zuerst beäugte er mich misstrauisch, dann wollte er alle möglichen Einzelheiten wissen.
Ich schwärmte davon, wie tüchtig die Tiere seien, und erklärte, dass mein einbeiniger Vater mir erlaubt hätte, über den Preis zu verhandeln. Wir feilschten eine Weile (sein erstes Angebot war eine Frechheit) und einigten uns schließlich auf fünf Pfund für alles.
»Ich habe nur eine Bedingung«, sagte ich, als ich die Geldscheine in meine Tasche stopfte. »Sie müssen mich zum nächsten Bahnhof bringen.«
Wir besiegelten das Geschäft mit einem Handschlag und machten uns sofort auf den Weg.
Es war schon dunkel, als der Zug in Waterloo Station einfuhr. Ich war erster Klasse gereist und hatte den ganzen Weg nach London verschlafen. Aber beim Aufwachen fühlte ich mich kein bisschen erholt. Mein Kopf pochte und ich war hundemüde. In einem Moment war mir heiß, im nächsten Moment fror ich bis auf die Knochen.
Eilig verließ ich den Bahnhof und trat auf die belebte Straße hinaus, die von Gaslaternen erleuchtet wurde. Feiner Nieselregen brachte die Pflastersteine zum Glänzen. Es wimmelte von Leuten, die geschäftig in alle Richtungen hasteten. Während ich nach einer Kutsche Ausschau hielt, fiel mir ein Straßenjunge auf. Er trug eine geflickte rote Jacke und schien sich sehr für mich zu interessieren. Was ich gut verstehen konnte. Ich winkte eine Kutsche herbei, die gerade um die Ecke bog.
»Wohin soll’s gehen, Miss?«, fragte der Kutscher.
»Winslow Street«, sagte ich und stieg ein.
»Diese Straße liegt in einem Stadtviertel, das junge Fräuleins besser meiden sollten.« Der Mann kratzte sich unter seiner Mütze am Kopf. »Bist du dir sicher?«
»Winslow Street«, wiederholte ich. »Beeilen Sie sich.«
Unterwegs dachte ich über meinen Plan nach. Miss Always zufolge war die Winslow Street der einzige Ort, von wo aus ich in das Haus von Prospa gelangen konnte. In dem schaurigen Gebäude wurde Rebecca gefangen gehalten und mit ihr all die unschuldigen Seelen, die irgendwann einmal den Uhrendiamanten anprobiert hatten. Sie mussten als Gesundmacher herhalten, um die Seuche zu bekämpfen, die seit Jahrhunderten im Geisterreich Prospa wütete.
Gedankenverloren tastete ich unter meinem Kleid nach dem Uhrendiamanten. Ich fühlte mich miserabel, dennoch konnte ich es kaum erwarten, Rebecca wiederzusehen. Zwar wusste ich noch nicht genau, wie ich sie aus dem Haus befreien sollte, aber diesmal würde ich sie ganz sicher nicht alleine zurücklassen.
Der Kutscher setzte mich am Anfang der Straße ab. Sie war noch genauso düster und heruntergekommen, wie ich sie in Erinnerung hatte: eine lange Reihe dunkler Gebäude, vergitterter Fenster und abblätternder Farbe. Die mickrigen Lichtkegel der Gaslaternen hatten der Finsternis nichts entgegenzusetzen. Die Straße war leer, nur eine einzelne Kutsche rollte vorbei.
Ich lief los, so schnell meine schmerzenden Beine es zuließen. Mit den Gedanken war ich schon ganz bei Rebecca. Ungeduldig wartete ich darauf, dass der Diamant zum Leben erwachen würde. Eilig überquerte ich die Straße und steuerte auf mein Ziel zu – die Lücke zwischen einer Schuhfabrik und einer verlassenen Fremdenpension. Früher hatte dort einmal ein Gebäude gestanden, aber jetzt waren davon nur noch einzelne Backsteine und ein Teil der Hauswand übrig. Der Rahmen einer Eingangstür, daneben eine angelaufene Messingplakette.
An diesem Ort war bei meinem letzten Besuch das Haus von Prospa aus dem Boden gewachsen.
»Rebecca«, flüsterte ich. »Ich komme.«
Ich richtete all meine Gedanken auf Rebecca. Dachte an nichts anderes als an sie und an das Haus von Prospa. Dann wartete ich darauf, dass die Luft sich summend mit knisternder Spannung aufladen würde. Dass der Uhrendiamant auf meiner Brust aufglühen würde. Dass die Winslow Street zerschmelzen und zerlaufen würde wie wässrige Farbe auf einer Leinwand.
Aber nichts passierte. Der Diamant blieb kalt, die einzige Wärme kam von meiner fiebrig heißen Haut. Eine halbe Ewigkeit stand ich so da und beschwor den Uhrendiamanten. Die Halskette hatte mir noch nie zuvor ihren Dienst versagt. Ich fischte sie unter meinem Kleid hervor und starrte den Stein an. Aber er war nur ein funkelnder Diamant, der im Straßenlicht schimmerte. Er strahlte keine Wärme aus und leuchtete auch nicht. Er lag einfach nur da.
Warum klappte es nicht? Hatte der Diamant sich abgenutzt? Nein, so etwas hatte Miss Frost mit keinem Wort erwähnt. Mein Kopf pochte und meine Glieder schmerzten. Vielleicht lag es daran, dass ich krank war. Vielleicht musste ich gesund und stark sein, damit der Uhrendiamant zum Leben erwachen und mich nach Prospa bringen konnte.
Schweren Herzens drehte ich mich um und setzte mich in den Eingang der Schuhfabrik. Ich musste zu Kräften kommen, also konnte ich mich auch gleich hier ausruhen. Der Wind strich kalt um mich herum. Ich schlang die Arme um die Knie und versuchte, mit dem Zähneklappern aufzuhören. Die Lage war nicht gerade rosig, das ließ sich nicht leugnen. Aber am nächsten Morgen würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen. Das war meistens so. Der Uhrendiamant würde wieder funktionieren. Alles andere war undenkbar.
Diese Gedanken wärmten mich wie Sonnenstrahlen. Allerdings nicht sehr lange. Denn plötzlich sah ich ihn. Er stand auf der anderen Straßenseite. Der Junge mit der geflickten roten Jacke, der mir schon am Bahnhof aufgefallen war. Diesmal war er nicht allein. Neben ihm stand ein Mann in elegantem weißem Anzug mit Zylinderhut. Er drückte dem schmuddeligen Jungen ein paar Münzen in die Hand, woraufhin sich dieser aus dem Staub machte. Dann richtete der gut gekleidete Mann seinen Blick auf mich.
»Ich habe dich schon lange gesucht, Ivy Pocket«, rief er und tippte sich höflich an den Zylinder. »Ich habe Neuigkeiten von jemandem, der es gut mit dir meint.«
Jemand, der es gut mit mir meinte? Mir gefror das Blut in den Adern. War dieser Mann etwa einer von Miss Always’ Handlangern? Der Fremde trat auf die Straße und kam mit großen Schritten auf mich zu.
Ich rappelte mich auf und rannte um mein Leben.
