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MANFRED RUMPL

FINNS IRRFAHRT

Copyright © 2018 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung und Umschlag:
Dorothea Löcker, Wien
ISBN 978-3-7117-2062-7
eISBN 978-3-7117-5369-4

Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter
www.picus.at

Manfred Rumpl, 1960 in der Steiermark geboren, jobbte in verschiedenen Sparten in Österreich und Deutschland, bevor er in Graz und Wien Philosophie studierte und mit einer Arbeit über Baudelaire abschloss. Für seine Romane erhielt er unter anderem den »aspekte«-Literaturpreis des ZDF und den Deutschen Kritiker-preis. Manfred Rumpl lebt in Wien und in der Steiermark. Im Picus Verlag erschien 2015 »Reisende in Sachen Relativität«, ein Roman über Erwin Schrödinger, 2016 folgte »Dieser Tage«.

www.manfredrumpl.com

MANFRED RUMPL

FINNS IRRFAHRT

ROMAN

PICUS VERLAG WIEN

Inhalt

IN DER FALLE

NICHTS WIE WEG

ECCE HOMO

FINNS RÜCKKEHR

IN DER FALLE

WORTE, nichts als Worte!

»Was willst du eigentlich, Finn?«

»Ich? Keine Ahnung.«

»Können wir dir überhaupt etwas recht machen?«

»Was meinst du damit, Mama?«

»Das, was ich gesagt hab.«

»Ihr müsst das gar nicht tun.«

»Was tun, Finn? Was?«

»Mir etwas recht machen.«

»Und was dann? Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«

»Weiß ich doch nicht. Ich geh dann in mein Zimmer.«

»Wegrennen, Finn, das kannst du. Genau wie dein Vater!«

»Wenn du das sagst, Mama.«

Während die Mutter wieder mal mit den Tränen kämpfte, schlurfte er über die Treppe bis in sein Zimmer hoch, auf dessen Tür schwarz auf weiß die Warnung prangte: Wer hier eintritt, der lasse jede Hoffnung fahren! Er versperrte die Tür mit dem Bob-Dylan-as-an-angry-young-man-Poster, warf sich aufs ungemachte Bett, platzierte das Notebook auf seinen drahtigen Schenkeln, blies sich die Haare aus der Stirn, nahm den MP3-Player und die Kopfhörer in Betrieb, rief seinen Tage-buch-Blog auf und begann umständlich zu tippen.

Frohnleiten, 23.7.2016

Unterm Blick der Mutter schrumpfe ich zu einem, der ich nicht mehr bin: Mamas Liebling, den sie vor den Zumutungen der Welt in Schutz nehmen muss. Sie sollte es besser wissen, kann aber nicht anders, als Gedanken in flauschige Gefühle zu packen. Damit wir uns nicht dran verletzen? Was weiß ich. Oder um die allzu wirkliche Wirklichkeit in etwas zu verwandeln, das ihr weniger Angst macht. Seit ihr Arzt den Verdacht geäußert hat, sie komme frühzeitig in den Wechsel, ist sie noch sensibler als nach meinem Unfall, an dem sie sich mitschuldig fühlt; obwohl ich das anders sehe.

Ihre schlechtere Hälfte kommt mir vor wie eine Comicfigur. Soll ich mich über ihn ärgern oder nur grinsen? Mein Mona-Lisa-Lächeln bringt ihn um den Verstand, diesen Hanswurst von einem Pädagogen. Der mir noch Beine machen wird, wie er droht, wenn ich ihn wieder mal abblitzen lasse. Dem bald die Hand ausrutschen wird. Wenn es nach ihm ginge, ja dann! Er beschuldigt mich, unter dem Deckmantel der Pubertät gegen alles und jeden zu sein, besonders natürlich gegen ihn. Früher hat er meine Zuneigung gesucht und mir eingeredet, dass mein Vater uns im Stich gelassen und er uns gerettet habe. Tatsächlich nehme ich ihn immer weniger ernst, seit er Mama so in die Enge treibt. Wegen irgendwelcher alten Geschichten, die ich nicht mal richtig vom Hörensagen kenne. Hier herrscht auch eine Art Omertà, fast wie in Neapel. Hier hängen Gerüchte und Gerüche in der Luft.

Professor an einem kirchlichen Gymnasium, Latein. Und Vizebürgermeister und Müllkapo im Gemeinderat. Ein natürlicher Feind sozusagen, um mit dem guten alten Darwin zu sprechen. Ohne eine seiner für ihn typischen Krawatten sieht er irgendwie aus, als hätte man ihn vom Strick geschnitten.

Er ist kein Ersatz für Papa, an den ich mich lange Zeit nicht erinnern konnte. Seit meinem Unfall aber taucht er immer wieder auf. Wie in einem Traum, den ich mit offenen Augen träume. Ist das bloß eingebildet oder wirklich? Ich weiß nur, dass irgendwas passiert ist, das man vor mir verbergen musste. Ab und zu denke ich an die Zeit, als ich noch ein Kind war. Dann dreht sich alles in meinem Kopf wie Dreck, der in den Abfluss wirbelt, und ich muss meine AKG aufsetzen und einen Song hören, um klarzukommen.

Als ich nach einer Zeit in der Ewigkeit aus dem Koma erwacht bin, haben mir Weißkittel eingebläut, ich müsse meine Festplatte schonen, wenn ich gesund werden wolle. Sicher ist nur, dass fast nichts mehr ist, wie es war. Die Welt hat einen Riss, durch den ich Dinge wahrnehme, die ich kaum glauben kann.

Soll ich mit Papa Kontakt aufnehmen? Richard und Mama haben vor Jahren alle Wege vermint, die zu ihm führen, aber jetzt könnte ich es auf eigene Faust versuchen. Mittlerweile hab ich ja Sachen von ihm und über ihn im Internet entdeckt. Ritschi macht das runter und warnt mich davor, nach ihm zu suchen. Als wäre Papa eine Gefahr für mich. Dabei hat er mir versichert, daran erinnere ich mich, dass er mich immer mögen wird, egal was passiert.

Richard Ritschi Faulhuber also. Es dauerte, das kann ich euch sagen, Leute, bis ich mich mit dem abfinden konnte. So richtig ist mir das ja eigentlich nie gelungen, obwohl er Mama an und auf seiner Seite gehabt hat, früher jedenfalls noch. Dass sie sich nach Papa für den begeistern konnte, hab ich lange nicht auf die Reihe gekriegt. Nach und nach erst hab ich geschnallt, dass sie sich dem Druck der anderen beugt, von deren Wohlwollen sie in der Enge der Gemeinde abhängig ist.

Siehst du nicht, dass wir uns für dich aufopfern!

Ich spüre nur, dass sie mich blenden, sodass ich nicht klar sehen kann. Mit der radioaktiven Fürsorge, die sie ausstrahlen, wenn sie sich meiner Probleme annehmen, um nie weniger als das Schlimmste zu verhindern. Das Schlimmste? Das Schlimmste ist gerade gut genug für mich! Und ich meine nicht den Ort hier, an den Ufern der Mur, durch den Schwaden eines seltsamen Gestanks driften, sobald ein spezieller Wind weht, und aus dem man besser verduftet, sobald man gerafft hat, was hier alles zum Himmel stinkt. Ich meine die Welt dort draußen, jenseits des Tals. Die Welt hinter den Bergen, die mir die Sicht auf meine Zukunft verstellen, auf die ich klettern wollte, um zu sehen, dass es diese Welt und eine Zukunft gibt.

Als ich mich über Ritschis Verbot hinweggesetzt habe und mit Herbert und Mario klettern gegangen bin, hat sich die Welt verwandelt. Plötzlich war da eine andere Perspektive. Nichts war mehr nur flach und öd wie vorher. Sich über den Grund zu erheben und gegen die Schwerkraft nach oben zu streben, das hat uns Flügel verliehen. In die dritte Dimension vorzudringen, die mir bis dahin fremd war. In nur einer Saison sind wir alle Schwierigkeitsgrade geklettert, haben unsere Hausberge verunsichert und uns Nüsse um das geschert, was manche Silberrücken im Alpenverein noch propagieren. Eine Schule des Kletterns, die nichts mit meinem Superhelden zu tun hat: Paul Preuß, der neue Wege gegangen ist, und das wortwörtlich. Und zwar damals, als es mehr und mehr zum Problem wurde, Jude zu sein. Der dann (zu seinem Glück?) abgestürzt ist, bevor sie ihn irgendwann in die Finger gekriegt hätten, später, als der Alpenverein nach judenfreien Bergen verlangt hat. Paul Preuß, Pionier und Magier des Freikletterns. Im Sommer Touren mit nichts als Kletterpatschen am Körper, aus reiner Lust am Freisein. Der in seinen Schriften verlangt hat, man müsse absteigen, wie man aufgestiegen ist. Wenn ich diesen Anspruch auf Symmetrie auch (noch!) nicht ganz verstehe, so trägt er seine Wahrheit irgendwie in sich. Man erhebt sich über den Berg, um seine Spuren beim Abstieg auszulöschen. Um die Anmaßung rückgängig zu machen! Papa, der nie geklettert ist, hat die Schriften von Preuß in unserer alten Wohnung gelassen, als er verschwunden ist. Zu gern bilde ich mir ein, dass sie in meine Hände fallen sollten. Dass Papa wollte, dass ich sie lese und mich von ihnen inspirieren lasse.

Manchmal spüre ich den Planeten unter meinen Latschen wie diese Kreisel, die mich früher in Entzücken versetzt haben. Du ziehst sie mit einem Aneinanderreiben der Handflächen auf, wie beim Feuermachen in der Steinzeit, dann setzt du sie auf den Boden oder den Tisch, und schon tanzen sie los.

Und hier nun die heutige Preisfrage. Wer die Lösung weiß, darf in diesem Blog auf meinen Beitrag antworten: Was ist der Klang einer Hand?

Fast jede Antwort, das kann ich euch sagen, Leute, tritt eine Menge Fragen los!

» FINN

Ritschi schrie dermaßen vor seiner Tür, dass er es trotz der Kopfhörer und der Musik hörte. Wieder mal stellte Finn sich taub. Seit er aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war und diese Warnung an seine Tür gepinnt hatte, platzte sein Stiefvater nicht mehr mir nichts, dir nichts ins Zimmer wie früher.

Finn aktivierte das Posting auf seinem Blog, den er deadblog nannte, seit er dem Tod, wie es Linkshänder zu tun pflegen, seinen linken Mittelfinger gezeigt hatte. Seit man ihn aus der Intensivstation in ein Krankenzimmer verlegt hatte, entzog er sich mit dem Bloggen der Fürsorge des Stiefvaters. Mittlerweile verfolgten eine Menge Menschen seinen Weblog, die darum wetteiferten, Koans zu entschlüsseln. Oder eines seiner Postings zu preisen oder zu verdammen.

Sein Vater hatte ihm auch ein Buch mit Koans hinterlassen, als er damals weg gewesen war wie von der Zukunft verschluckt. Schallplatten, Musikkassetten, Bücher und eine Jacke, in die er so schnell wie möglich hineinwachsen wollte. Noch hing sie im Schrank neben anderen Klamotten. Eine Erinnerung an Erinnerungen. Die Bücher hatte er mittlerweile fast alle gelesen. Trotz – oder vielmehr wegen – der Warnungen Erwachsener: Nicholson Baker. Richard Brautigan. Ralf Rothmann. J. D. Salinger. Anton Tschechow. Heimito von Doderer …

Dieser Ritschi. Stand er noch immer vor seiner Tür? Der die Bücher des Vaters alle in den Müll geworfen hatte. Für den er in dieser Gemeinde doch zuständig sei, wie er beteuert hatte, als Finn sie entdeckt und ihn zur Rede gestellt hatte.

Um die Platten des Vaters hören zu können, hatte Finn in den vorigen Sommerferien in der Papierfabrik gearbeitet. An einer riesigen Maschine mit rotierenden Walzen, über die das noch nasse Papier lief. Jedes Mal, wenn es zu einem Papierriss kam, gab es eine Menge Stress. Mit einem Teil des Geldes kaufte er sich den Plattenspieler, den wahrscheinlich auch sein Vater gewählt hätte, denn die Mutter wollte ihm keinen schenken, nicht mal zum fünfzehnten Geburtstag. Das fehlte ihr gerade noch, hatte sie sich entrüstet: Dass er sie und Richard mit der Musik ihres Ex tyrannisiere! Woraufhin er Fritz, seinen besten Freund, darum bat, alle Songs der Sammlung auf MP3-Format umzuwandeln.

Nun hatte er die Musik, die sonst kaum jemand in seinem Alter hörte, immer und überall dabei. Elvis Costello. The Clash. Tom Waits. Giant Sand. Bob Dylan. The Mekons. Wilco. Damit konnte man sich gut gegen die Erzieher behaupten.

Jetzt hämmerte jemand gegen die Tür. Finn passte auf, ob die Türschnalle sich senkte. Für alle Fälle hatte er abgesperrt. Er sperrte immer öfter ab.

»Was machst du eigentlich da drin?«

Schon wieder Ritschi. Oder noch immer? Ritschi hatte ihn im Verdacht, dass er Hand an sich legte, sobald er die Tür verriegelte. Wobei es ihm vermutlich halb so viel ausgemacht hätte, wenn Finn in jenem anderen Sinn Hand an sich gelegt hätte als in diesem Sinn, den er nun mal bevorzugte. Finn verriegelte seine Tür aber viel öfter, als er Hand an sich legte. Um Ritschi daran zu erinnern, dass seine Mutter keine Lust mehr auf ihn hatte. Und daran, dass er noch immer katholisch genug war zu glauben, es sei eine Sünde. Selbstbefleckung. Widernatürliches Verhalten, das die Gesundheit ruinierte, wie noch manche im Ort glaubten, indem es zu Gehirnerweichung führte.

Finn masturbierte, seit er beim Seilklettern im Turnsaal vor Jahren etwas erlebt hatte, das sich als Orgasmus entpuppt hatte. Um die Wette hatten sie sich an dicken Seilen hochhangeln müssen, mit zuckenden Lenden zum höchsten Punkt. Manchmal fragte er sich, ob der Turnlehrer, der sie mit schrillen Trillern aus der Pfeife und einem anzüglichen Lachen die Seile hochgehetzt hatte, sich dran aufgegeilt hatte.

Dass sein Sturschädel davon jedoch nicht weich werden würde, hatte ihm ein lachender Arzt versichert, der nach dem Absturz beim Klettern mit seinen Verletzungen zu tun gehabt hatte.

»Ich warne dich, hör auf damit, Finn!«

Ritschis Stimme überschlug sich im Falsett. Er kreischte wie ein Eunuch, der das dreigestrichene hohe C verfehlte.

Finn las SMS auf dem Smartphone, das ihm die Mutter gekauft hatte, damit er immer mit ihr in Verbindung bleiben konnte, nachdem er entgegen allen Prognosen aus dem Koma erwacht war.

Bald, dachte er nun, wischte sich eine Strähne aus dem rechten Auge und sprang mit einem Satz aus dem Bett, sehr bald, oh mein lieber Ritschi, wirst du dein blaues Wunder erleben!

»Das eine sag ich dir, du Gammler!«

Eine unerwartete Pause trat ein. Finn hörte Ritschis erregten Atem hinter der Tür.

So führte der sich nur auf, wenn die Mutter nicht im Haus war. Er nutzte solche Gelegenheiten, um sich als Vater zu beweisen. Früher hatte Ritschi noch versucht, Finn den Verlust des Vaters zu erleichtern. Auf seine professorale Art, die er nicht einmal zu Hause ganz ablegte, versuchte er, Erklärungen zu liefern, nach denen Finn suchte. Richard hatte den Vater als Abenteurer geschildert, der in die Welt hinaus habe müssen, um sich zu beweisen. Doch je älter und skeptischer Finn wurde, umso seltener wurden diese Geschichten.

Hinter der angelehnten Küchentür kauernd, hatte Finn eines Tages mitgehört, wie die Mutter mit Ritschi in einen Streit geriet, weil sie sich nicht einigen konnten, ob Finn schon so weit war, die Wahrheit zu vertragen.

Die Wahrheit?

Ihm wurde heiß hinter der Tür. Was hatte man ihm bisher zugemutet? Welche Wahrheit? Von da an hatte alles, was über den Vater gesagt wurde, auch eine andere Bedeutung.

Meist jedoch wurde der Mantel des Schweigens über alles gebreitet, was mit Viktor Plesniča zu tun hatte, wenn Finn in der Nähe war.

»Komm wieder runter, Ritschi!« Finn wusste, wie er den glücklosen Beischläfer der Mutter der letzten Illusionen berauben konnte, auch nur irgendeinen Einfluss auf den Stiefsohn zu haben.

»Solltest du die Nachprüfung in fünf Wochen vergeigen, wirst du die Klasse auf keinen Fall wiederholen und dir eine Lehrstelle suchen. Von mir kriegst du jedenfalls keinen Cent mehr!«

Finn schloss die Augen und hielt den Atem an. Um zu hören, was Ritschi gar nicht gesagt, aber gemeint hatte. Seit er aus dem Koma erwacht war, hörte er im Kopf, direkt hinter der wulstigen Narbe, hinter dem Pochen über der ausrasierten Stelle, wo die Haare noch kurz waren, manchmal diese Stimme.

Ich mag dich nicht, weil du mich nie wirklich akzeptiert hast, obwohl ich mich immer um deine Mutter und dich gekümmert habe. Ich nehm dich nicht ernst, wenn du glaubst, immer alles besser zu wissen, obwohl du ein junger Scheißer ohne jede Erfahrung bist. Und ich mag dich nicht, weil du nicht das Kind bist, das ich mir mit deiner Mutter lange Zeit gewünscht habe!

Als ob Finn Worte und Sätze im Kopf umdrehen würde, um zu sehen, was auf ihrer Rückseite stand.

DIE HUNDSTAGE nahmen ihren Lauf. In den Nächten kühlte es kaum noch ab. Sobald die Sonne sich über die Berge schob und das Tal mit Licht flutete, das sich von Bruck an der Mur nach Graz schlängelte, brach ein weiterer heißer Tag an. Die Reflexe des Lichtes tanzten auf dem Fluss wie silberne Fische. Über alles spannte sich ein makelloses Himmelblau, durchkreuzt hier und da von den weißen Zeilen, die Flugzeuge in die Atmosphäre schrieben. Und von Rauchzeichen, die aus den Schloten der Fabriken quollen.

Finn mochte es, alles vom Bett aus zu beobachten. Wie Kondensstreifen aus Düsenmotoren in eine Art Geheimschrift zerfielen, das beflügelte seine Fantasie. Er stellte sich vor, dass die verdampfenden weißen Linien Zeichen waren, die Geschichten erzählten. Die Geschichte des Fluges von Kapstadt nach Berlin etwa, die von Diamantenschmuggel handelte. Eine Erzählung über den Flug von Rom nach Wien, auf dem sich ein trauriger Passagier in eine Flugbegleiterin verliebte. Oder das Drama des Fluges von Moskau nach New York, der in diesem Augenblick von Terroristen gekapert wurde, während er hier im Bett seinen Gedanken freien Lauf ließ.

Zum ersten Mal nach dem Unfall bemerkte er die Klettergriffe an den Wänden um ihn herum, die er selbst angebracht hatte. Sollte er endlich wieder mal versuchen, sich an ihnen aus dem Bett zu ziehen und über die Wände bis zur Tür zu klettern? Ein Quergang am Fenster vorüber, dann schräg über den Plafond.

Als er die kleine Tour durch sein Zimmer zu Ende lesen wollte, bevor es losging, Griff um Griff und Zug um Zug, flackerten plötzlich Bilder des Sturzes durch sein Bewusstsein.

Er sackte ins Bett zurück. Sein Puls raste. Etwas wollte sich mit Hammer und Meißel aus seinem Hinterkopf befreien. Etwas wollte den Schädel und die Narbe von innen her aufbrechen. Er beruhigte sich mit den Worten einer jungen Ärztin, die ihm gefallen hatte: »Es wird wiederkommen, mal stärker, mal schwächer, aber mit der Zeit wird es wohl ganz verschwinden.«

Bis das Pochen verebbte, lag er wie eine Leiche im Hochbett. Er konnte das Pochen nicht nur spüren, sondern in etwas übersetzen, das er verstand. Immerhin zählte er in den sprachlichen Fächern seit jeher zu den Besten in seiner Klasse. Und weil das so war, ohne dass er sich je auch nur angestrengt hatte, würde er sich auch mit der Sprache dieses Schmerzes anfreunden. Nach seiner Logik jedenfalls, und jede andere Logik erschien ihm nicht wirklich logisch.

»Warum hast du Ritschi gestern wieder so auflaufen lassen?«

»Ich?«

»Er hat mir alles erzählt, auch dass er dir gedroht hat, dass du arbeiten gehen musst, wenn du die Nachprüfung nicht bestehst.«

»Dein Mann petzt wie ein Mädchen.«

»Und dass er dir auf gar keinen Fall erlaubt, mit dem Geld, das du heuer in der Fabrik verdient hast, eine Reise zu machen. Ob allein oder mit deinen Freunden, du bist noch zu jung dafür, Finn! Und noch nicht ganz gesund, noch lange nicht. Dass ich dir erlaubt habe, so kurz nachdem du aus dem Spital gekommen bist, in der Fabrik zu arbeiten, bereue ich jeden Tag.«

»Kann sein, Mama, muss aber nicht.«

Finns Mutter, geborene Hofer, geschiedene Plesniča und nunmehrige Adele Faulhuber, lehnte im Morgenrock an der Kücheninsel und blickte mit der gebotenen Skepsis auf ihren Sohn, der ein Müsli in sich hineinschaufelte.

Ritschi war aus dem Haus. Traf den Bürgermeister und Gemeinderäte, um den Ausbau der Deponie zu besprechen, der noch an diesem Abend besiegelt werden sollte. Es hatte ihn eine Menge Geduld, Zeit, Nerven und wer weiß was noch alles gekostet, die Gegner in der eigenen Partei auf seine Seite zu ziehen, von der Opposition ganz zu schweigen. Die wusste natürlich, was auf dem Spiel stand, und gab sich nicht billig her. Die Letzten, die noch Stimmung gegen den Ausbau der seit Jahren umstrittenen Deponie machten, waren ein wilder Haufen aus jenen, die meist gegen alles waren.

Der Doktor, dem Finns Mutter die Patientendatei führte und gelegentlich auch assistierte, öffnete seine Praxis an diesem Tag erst um vierzehn Uhr. Jetzt war ein günstiger Zeitpunkt, um mit Finn zu reden, ohne dass Richard sich einmischte.

Dass im Ort bisweilen gemunkelt wurde, ihre Assistenz beschränke sich längst nicht mehr nur auf Medizinisches, machte ihr immer weniger aus. Sogar vor Patienten im Wartezimmer warf sie dem Doktor Blicke zu, wenn ihr danach war: Blicke, die von einem anderen Leben erzählten als dem, das zu leben sie gezwungen war. Dass der Doktor Adeles Blicke nicht nur zur Kenntnis nahm, sondern sogar erwiderte, machte im Dorf bald die Runde. In der Ordination lebte sie auf. Zu Hause fiel sie in sich zusammen, eingequetscht zwischen der Liebe zu Finn und ihrer Ehe. Als sie sich dazu entschlossen hatte, wieder zu heiraten, hatte sie nicht damit gerechnet, dass es zwischen Finn und Richard zu solchen Problemen kommen würde. An einem Ort wie diesem war es besser, ein Kind nicht allein großzuziehen. Richard war derart hinter ihr her gewesen, dass ihr der Schmerz und die Schande, keinen Mann und Vater für ihr Kind mehr zu haben, nicht ganz so schlimm erschienen waren.

»Hör mal«, sagte sie zu Finn, der immer, wenn jemand das zu ihm sagte, Blick und Kopf abwandte und ins Leere starrte: »Hör mal, du musst wirklich jeden Tag für die Nachprüfung in Mathe lernen. Mathe ist sowieso nicht dein Fach, aber wegen des«, sie zögerte, es auszusprechen, nahm sich aber zusammen, »also wegen des Unfalls und der langen Zeit, die du im Krankenhaus warst, fehlt dir eine Menge Stoff. Das schaffst du nicht, wie du immer behauptest, mit links. Diesmal nicht, Finn, hörst du? Du musst dich anstrengen!«

Finn tat, als dächte er über das nach, was sie gesagt hatte. Aber seine Gedanken waren nicht hier, an diesem Ort, in der Küche, wo seine Mutter auf ihn einredete. Ihr Körper wusste mehr, als sie sich eingestand. Das erkannte er, wenn er sie ansah, wie sie da am Küchenblock lehnte. Ausgelaugt, müde und unsicher. Weil sie nicht genau wusste, ob sie einen für sie beide guten Weg eingeschlagen hatte. Gegen diesen Verdacht bot sie mit letzter Kraft eine Überdosis Optimismus auf.

Sie tat ihm leid, wie sie da auf etwas zu warten schien, das womöglich nie kommen würde. Aber was war mit ihm selbst los? Sein Körper wurde gezwungen, hier zu sein, noch. Doch seine Gedanken waren frei, so viel stand fest. Auch ein Dichter hatte das gesagt, und was ein richtiger Dichter gesagt hatte, egal vor wie langer Zeit, war mehr wert als das Geschwafel, das ihn umgab.

Aber was hatte die Mutter gerade gesagt?

»Keine Ahnung«, sagte er. Was er meist sagte, wenn er nicht mehr wusste, was die anderen gesagt hatten, aber den Eindruck erwecken wollte, leider keine Antworten auf durchaus interessante Fragen zu haben.

»Was soll das heißen, keine Ahnung?« Sie trat mit ein paar Schritten hinter ihn und legte eine mütterliche Hand auf seinen Kopf.

Er zuckte zusammen, streifte die Hand ab und strengte sich an zu sagen, dass es eben heiße, was es heiße: Dass er es nicht wisse!

»Was weißt du nicht?« Sie setzte sich neben ihn und suchte seinen Blick.

»Weiß nicht«, sagte er. Ihrem Blick wich er aus.

Wut kochte in ihr hoch. Eine ganz allgemeine Wut, die nicht nur etwas mit der Ignoranz ihres Sohnes zu tun hatte, der so schwer verletzt gewesen war. Der seinen fehlenden Vater auf ein Podest gestellt hatte, aus Protest gegen die ganze Welt, mit der er sich im Kriegszustand befand, und der im Grunde ihr die Schuld daran gab, dass dieser Vater seit Jahren nicht da war. Aber was wusste er schon! Dieser schlaksige, vom Klettern drahtige Spund mit seinen zu großen Füßen und Händen und den viel zu langen Armen, fast wie ein Affe, den fettigen Haarsträhnen über den selten schönen Augen und dieser, sie sah ihn noch immer mit der Verzweiflung einer liebenden Mutter an, dieser pickeligen Nase im verschlossenen Gesicht. Was Finn ihr vorwarf, dass sie ihrer Wahrheit nicht ins Gesicht zu sehen wagte, das galt doch für ihn erst recht! Mit der Wahrheit drangen sie nicht zu einander durch, mit welcher auch immer. Sie drückte ihm einen zaghaften Kuss auf die Wange, auf der ein erster Flaum spross.

»Mama!« Er wollte sich ihr entziehen, hielt dann aber stand, als er spürte, wie eine Träne auch über sein Gesicht lief. »Mama!« Er hasste es, wenn sie ihn in diese Situation brachte. Er hasste die Hilflosigkeit, mit der er diesen Gefühlen ausgeliefert war. Generell mochte er es nicht, irgendwelchen Gefühlen ausgeliefert zu sein.

»Heute bleibst du zu Hause und lernst«, befahl sie, während sie sich von ihm löste, bevor er unter ihrer Zudringlichkeit versteinerte. »Dein Vater ist in einer Sitzung des Gemeinderats, das wird dauern. Du bist also ungestört.«

»Er ist nicht mein Vater«, sagte er wieder.

»Dann eben Richard«, sagte sie, um Finns Trotz zu besänftigen.

»Richard war ein englischer König mit dem Herzen eines Löwen, aber kein Sesselfurzer aus der Provinz«, sagte Finn. Oft musste er bis an die Grenzen gehen, wenn es sonst keiner tat. Die Grenzen waren ja gut sichtbar, sodass man sie zielstrebig überschreiten konnte. Er verstand nicht, warum die Leute das so selten taten. Wenn es auch kaum je wirklich etwas brachte, so setzte es zumindest die Routine außer Kraft, die dumme Schwester der Langeweile. »Der, den du meinst«, schob Finn nach, »wird aber Ritschi genannt, hier in diesem Kaff, und das nicht von ungefähr. Was mehr nach einem Eintopf klingt als nach einem König, oder nach dem Reim in einem Kindergedicht.« Das Reden strengte ihn an, es brachte die Narbe zum Pochen.

»Ich dulde es nicht, dass du so über ihn sprichst. Wenn du ihn schon nicht als Vater akzeptierst, so ist er doch noch immer mein Mann! Und dein Vater war auch nicht der, für den du ihn hältst.«

»Noch immer?« Finn lächelte sein Mona-Lisa-Lächeln. »Das könnte mich ja hoffen lassen, dass er’s demnächst nicht mehr ist.« Kaum war ihm das rausgerutscht, bereute er es auch schon, als er in ihre vor Kummer roten Augen sah.

Immer öfter bekam sie etwas ab, das eigentlich ihrem Mann galt. Seit Finn als ein anderer aus dem Koma erwacht war und sich an vergessene, verdrängte und verschwiegene Dinge zu erinnern glaubte, setzte er einiges daran, sein Verhältnis zum Stiefvater auf die Probe zu stellen.

Die Mutter konnte nicht länger in diese Miene schauen, die sie als das liebste Gesicht kannte, das sie je gesehen hatte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Jesus, der über der Tür hing, mit nur einem Arm ans Kreuz genagelt. Der zweite war bei einem Streit zwischen Richard und Finn zu Bruch gegangen. Jesus aber schwieg, wie immer.

Während es draußen bald dreißig Grad hatte, war ihr hier drin, als fröre sie. Sie seufzte, löste sich aus ihrer Erstarrung, raffte den Morgenmantel um ihre Brüste und schlurfte mit müden Schritten wie in Zeitlupe aus der Küche.

Finn starrte Löcher in die ihm feindlich gesinnte Luft. Was war das jetzt schon wieder gewesen? Solche Situationen trieben ihn in die Enge, aus der er am liebsten verduftete. Aber wenn es um die Mutter ging, bekamen Fragen eine Dringlichkeit, der er sich kaum entziehen konnte.

Ein Thema für den nächsten Beitrag in seinem Blog, dachte er und atmete auf. Den er so beginnen könnte: »Wo liegt die Ursache aller Probleme?« Das fragte Faust den coolen Mephisto in einem der Bücher, die ihm vom Vater geblieben waren. Und was antwortete dieser neunmalkluge Mephisto? »Na, da musst du zu den Müttern gehen!« Das antwortet er, logo, dachte Finn, und Faust ist mal wieder total baff.

Je länger er diesen Worten nachhing, lümmelnd, den Kopf in der linken Hand, umso klarer wurde ihm aber auch, dass er, was ihn selbst betraf, nicht umhinkam, in diesem Dialog, und wenn er noch so cool war, die Mütter durch Ritschi zu ersetzen.

Nach einer Weile blickte er sich entgeistert um. Wie spät war es eigentlich? Die Uhr über der Küchentür war der Ansicht, es sei schon fast Mittag. Er sollte doch in die Gänge kommen, endlich.

Sie hatten noch was vor an diesem Tag!

AUF SEINEM BIKE fuhr er mit der Welt um die Wette. Von Verkehrszeichen und Regeln hatte er sich noch nie angesprochen gefühlt, solche Sachen waren irgendwie für die anderen. Dass man ihm nach der Entlassung aus dem Spital auf unbestimmte Zeit alles verboten hatte, was zu einer Verletzung des Kopfes führen konnte, verbannte er in einen Winkel seines Bewusstseins. An einem so heißen Tag, nach den Missverständnissen mit der Mutter, lechzte sein Körper nach der Kühlung durch den Fahrtwind. Er nahm jede Abkürzung, die er kannte. Vom Haus am Waldrand hoch über Adriach, wo sie mit Blick auf Ort, Fluss und Friedhof lebten, seit Ritschi in ihr Leben getreten war, ging es über Wiesen, Waldwege, durch Bauernhöfe, Kuhweiden, Dorfstraßen und gegen die Einbahnen im Zentrum des Marktes bis zur Siedlung auf dem Kogl, wo Fritz auf ihn wartete. Sie besuchten dasselbe Gymnasium in Graz, jedoch unterschiedliche Klassen.

Bis auf das Klettern mit Herbert und Mario unternahm er fast alles mit Fritz. Sie fuhren gemeinsam in die Stadt, in die Schule und hingen zusammen ab. Lasen dieselben Bücher, hörten dieselbe Musik und sahen dieselben Filme. Um bei Bier und Dope draufzukommen, dass sie sogar dieselben Schlüsse daraus zogen. Sie sahen unterschiedlich aus, tickten aber wie die Unruhe derselben Uhr. Fritz war kleiner, blond gelockt, hatte ein rundliches Gesicht mit blauen Augen und ein smartes Lächeln, das es darauf anlegte, sich über allerhand zu amüsieren. Nur drei Jahre älter als Finn, hatte er bereits eine Menge erstklassigen Stoff gelesen, und seine Musiksammlung auf diversen Tonträgern umfasste Jahrzehnte.

Wie immer um diese Zeit war Fritz allein zu Hause. Sie hörten die neue CD von Robert Forster und sinnierten über die Zeile »A poet walks, shits and talks« aus dem Werk des Australiers, der zu den letzten Dandys seines Genres zählte. Dandys, fanden sie, sollten in diesen Zeiten sowieso unter Naturschutz gestellt werden. Da sich zu viele ihren Arsch aufrissen, um irgendwo dabei zu sein, von dem man einen Furz später nicht mehr wusste, was es gewesen war, priesen sie die Lässigkeit des bizarren Understatements.

Ein dreifaches Hoch auf Typen wie Baudelaire, die sich beim Flanieren durch die Passagen von Paris von einer Schildkröte an der Leine ihren Move vorgeben ließen!

Später schlenderten sie in den Ort hinunter, der in diesen Mittagsstunden wie ausgestorben dalag. Über den Markt, an Geschäften und Wirtshäusern vorbei, bis zum Kirchplatz, den Tabor hinab, vorüber am Hugo-von-Montfort-Fresko, dem Minnesänger und großen Sohn der Region, ein Bob Dylan seiner Zeit, und dann die Mur entlang bis zur Brücke.

Direkt über ihnen die Autobahn, wo einst die legendäre B 67 gewesen war. Die Gastarbeiterroute, auf der an so manchem Wochenende ganze Familien ums Leben gekommen waren, wie Finn von Puck wusste, dem Freak in der Clique, der dem Leben misstraute und den Tod lebte.

In einem jener unverwüstlichen Ford Transits, vollgepackt bis unters Dach mit Frauen und Kindern und Geschenken für zu Hause, waren die anatolischen Arbeiter, nach einer Woche in deutschen Fabriken, von Hamburg oder Berlin oder dem Ruhrpott unterwegs nach Ostanatolien. Und zu viele nickten auf ebendiesem Abschnitt der Strecke ein, für Sekunden vielleicht nur. Am toten Punkt. Als sie ihre total übermüdeten, in fremder Nacht nach der Heimat starrenden Augen nicht mehr länger offenzuhalten vermochten, schliefen sie ein und wachten nie mehr auf.

Es sei denn im Paradies, das sie sich erträumt hatten.

Fritz und Finn steuerten ihren Treffpunkt unter der Brücke an. Ein Camp am Fuße des Brückenpfeilers, wo sie sich im Sommer trafen. Um zu konspirieren, wie der Gemeinderat kolportierte, der das Lager immer wieder räumen ließ, was unter Ritschis Befehlsgewalt fiel.

»Was soll das denn sein?«

»Ein kompletter Satz Spermien.«

»Von Justin Bieber?«

»Drauf kannst du einen lassen.«

»Das schleimige Zeug da in dem Röhrchen?«

»Aber ja doch.«

»Und was willst du damit?«

»Der Typ ist so was von anti.«

»Eine Menge Mädels stehen auf den Wichser und kriegen sich in die Haare deswegen.«

»Das glaubt auch nur ihr!«

»Wer ihr?«

»Na, ihr Typen eben.«

»Das pack ich nicht mehr.«

»Sicher hast du da selbst reingejankert, zu einem YouPorn-Filmchen oder so.«

»Du hast offenbar keinen Tau, was man dafür kriegen kann!«

»Nein, hab ich eh nicht, was denn?«

»Du bist ja vollkommen schizo!«

»Die Krätze kannst du kriegen, so viel steht fest!«

»Im Darknet gibt’s Börsen für so was Delikates. Ich stell einfach mein Angebot rein und warte ab, wer am meisten bietet. Es läuft nicht anders, als wenn du Sachen auf eBay anbietest.«

An manchen Tagen gab es solche Gespräche. Ein Chor der Verwirrten. Hing es etwa von den Sternen ab? Von der Hintergrundstrahlung des Universums? Den Gravitationswellen oder Milliarden Neutrinos, die in jedem Augenblick durch alles und jeden flitzten? Von den Mondphasen oder dem Wissen, das im Wasser der Mur gespeichert war, die träge vorüberfloss? Oder aber vom Wind, der an diesen Tagen die Ausdünstungen der Deponie mit sich brachte. Von dem Gestank, der alles kontaminierte.

Puck, der mit derlei Ideen glänzte, packte das Röhrchen weg und setzte sich zu den anderen auf die neuen Gartensessel, die er organisiert hatte und die garantiert jemand vermisste. Er war es gewohnt, mit seinen Geschäftsideen auf nichts als taube Ohren und Ignoranz zu stoßen. Seine Eltern, Geschäftsleute in der Gemeinde, hatten ihn von klein auf dazu gedrängt, in ihre Fußstapfen zu treten. Und immer wieder mal schaffte er es sogar, etwas zu verkaufen, das ihm gar nicht gehörte. Puck hatte eine fette Boa zu Hause, an die er Mäuse verfütterte, und einen Sarg, in den er sich legte, um sich auszunüchtern. Er las nicht so viel wie Finn und Fritz, schwärmte aber vom Marquis de Sade, von dem er oft ein zerfleddertes Taschenbuch dabei hatte.

Dann waren da noch: Robin, Leyla, Susa und Riki.

Leyla, die Tochter eines Architekten aus Isfahan, und Riki, eine der zwei Töchter des Bürgermeisters, gingen in die Kunstgewerbeschule in Graz. Die süße Susa mit dem roten Pagenschnitt und Fingernägeln in Indigo, die sich nach dem letzten Schrei kleidete, ondulierte im Frisiersalon des Ortes die Haare auf den allwissenden Köpfen der Honoratiorengattinnen. Wobei sie ganz nebenbei vieles aufschnappte, was in der Gemeinde von Belang war. Susa war gebrandmarkt von dem Verdacht, schon öfter etwas mit verheirateten Männern gehabt zu haben. Was aber, wie im Camp alle wussten, mehr mit den Wünschen dieser Männer und den Befürchtungen ihrer Frauen zu tun hatte als mit Susa selbst. Sie und Fritz neckten einander auf eine Art, von der man nicht sagen konnte, ob sie mehr einer Ablehnung oder Zuneigung entsprang.

Robin war ein Mitschüler Finns, der mit seinem effeminierten Gehabe schon so manchen im Ort zur Weißglut gebracht hatte. Robin stand auf Finn, der aber fühlte sich zu Leyla hingezogen. Die sich aber nicht sicher war, wer sie mochte: Finn oder Fritz, der was mit Riki gehabt hatte und sich Susa gegenüber seltsam verhielt.

Puck interessierte sich mehr für harte Getränke jeder Art als für das Sinnliche.

Zur Clique gehörten noch Fred, der globetrottende Epileptiker, und Bert, die in der Nähe der Deponie wohnten. Bert ging in dieselbe Klasse wie Fritz und stand oft auf dieselben Mädchen wie er.

Sie tranken Bier aus dem Laden von Pucks Mutter und rauchten etwas vom Dope, das sie von Fred hatten.

Fred war aus Indien zurück, wo er in Manali, hoch oben in den Bergen, den Bauern bei der Haschischernte geholfen hatte. Kenner versicherten, das Dope von dort sei das beste der Welt. Schwarz wie Opium, aber nicht so glänzend, fuhr es einem so sanft in Kopf und Körper, dass man das Gefühl hatte, ein Zauber ergreife von einem Besitz. Es wurde mit bloßen Händen von den Blüten gerieben, die im Saft standen, und zu Kugeln geformt. Wie Mozartkugeln. Fred hatte vor Kurzem, je zweifach in Präservative verpackt, ein halbes Kilo davon geschluckt, war nach Hause geflogen und hatte das Zeug ausgeschieden, gereinigt und aus der Verpackung geholt. Fred bestand darauf, dass es die einzige Medizin sei, die seine Anfälle in Schach halte. Epileptische Anfälle, die ihn überfielen, wenn er sich wieder mal weigerte, seine Tabletten zu nehmen.

Am Wasser der Mur, wo sie im Schatten der Todesbrücke im Kreis um eine Feuerstelle lungerten, war die Hitze des Tages erträglich. Puck hatte vor zwei Wochen die Stereoanlage eines Totalschadens mitgebracht. Die Anlage war das Einzige, was noch funktionierte, seit der Porsche eine von zwei Buchen gerammt hatte. Uralte Bäume, die einen Bildstock flankierten, der die Mutter Maria mit ihrem Kind beherbergte.

Der Unfall habe nach Suizid ausgesehen, wusste Susa aus dem Frisiersalon, aus zweiter, ja sogar dritter und vierter Hand. Dem Lenker der Todesrakete, einem Anwalt aus Graz, der an der Peripherie, ebenso wie Leylas Eltern, einen Zweitwohnsitz hatte, seien wohl schon lange Hörner aufgesetzt worden. Und nicht bloß ein Paar, sodass der zu Depressionen neigende Mann sich nicht mehr anders zu helfen gewusst habe, als sich diese Hörner an der hundertjährigen Buche abzustoßen.