Nr. 9

 

Rückkehr ins Chaos

 

Ihre Wege gingen auseinander – gemeinsam wollen sie ihre Heimat befreien

 

Olaf Brill

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Das Wiedersehen

2. Indrè Capablanca – 32 Jahre zuvor

3. Indrè Capablanca – Ein neuer Gegner

4. Indrè Capablanca – Abschied von Olymp

5. Zwischenspiel

6. Indrè Capablanca – Begegnung auf Aurora

7. Indrè Capablanca – Amira und Derin

8. Indrè Capablanca – Der Feind

9. Indrè Capablanca – Die Hon'kantari

10. Indrè Capablanca – Showdown im Araraumer

11. Zwischenspiel

12. Martynas Deborin – 1522 NGZ

13. Martynas Deborin – Der Weg der Schmerzen

14. Martynas Deborin – Krystophar und Crystalla

15. Capablancas Wohnung

16. Gucky

Lesermagazin

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Das Jahr 1550 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben zahlreiche Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Sie haben Freunde ebenso wie Gegner gefunden, streben nach Verständigung und Kooperation.

Besonders Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All geleitet hat, steht im Zentrum dieser Bemühungen. Mit der Gründung der Liga Freier Galaktiker tragen diese Bestrebungen inzwischen Früchte. Eine neue Ära des Friedens bricht an.

Aber nicht alle Gruppierungen in der Milchstraße sind mit den aktuellen Verhältnissen zufrieden – besonders die Tefroder hegen eigene Pläne. Rhodan wird in diese Aktivitäten verwickelt, als er zur Museumswelt Shoraz reist. Er gerät dort in Gefangenschaft.

Seine Frau Sichu Dorksteiger und Gucky hingegen können nach Olymp entkommen. Auf der Freihandelswelt lehnt sich die Bevölkerung gegen die Machenschaften eines korrupten Kaisers auf. Die Rebellen setzen ihre Hoffnung auf neue Verbündete, die sich vorbereiten auf eine RÜCKKEHR INS CHAOS ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Derin Paca und Krystophar – Vor langer Zeit waren sie ein Paar.

Amira Renu und Satoran on Torasai – Die Sakaner sind erbitterte Feinde.

Crystalla – Die Tefroderin gibt einem Verlorenen Halt.

Gucky – Der Mausbiber ist ein aufmerksamer Zuhörer.

1.

Das Wiedersehen

Piri Harper, Olymp

14. Mai 1550 NGZ, Abend

 

Das kleine Wesen mit dem pfiffigen Gesicht ähnelte einer Maus, war etwas über einen Meter groß und trug einen Raumanzug. Es hieß Gucky und war bekannt als »Retter des Universums«. Der letzte Ilt, Tausende von Jahren alt, bester Freund Perry Rhodans. Gucky hatte sich in den zurückliegenden Jahrzehnten aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, nicht jeder Bewohner der Galaxis mochte ihn überhaupt erkennen.

Kleine, pelzbedeckte Wesen waren nicht selten auf den zahlreichen Welten, die intelligentes Leben hervorgebracht hatten. Dennoch hatte bestimmt schon jeder einmal Geschichten über den berühmten Gucky gehört.

Piri Harper kannte sich mit Prominenten aus. Bis vor Kurzem hatte sie einen Trivid-Medienkanal mit einer stattlichen Zuschauerzahl betrieben. Sie hatte Reportagen geliefert, Interviews und Informationen, von Enthüllungen über Missstände in Trade Citys Randbezirken bis zu Klatschberichten über High-Society-Partys. Letztere interessierten sie weniger. Dennoch hatte sie Gucky, den Mausbiber, sofort erkannt.

Der Kleine lächelte sie breit an und zeigte seinen berühmten Nagezahn. Seine spitze Schnauze zuckte leicht, die Schnurrhaare glänzten. Der Mausbiber, wie Ilts aufgrund ihres abgeplatteten Schwanzes auch genannt wurden, war offenbar bester Laune. Der einfache Raumanzug, den er trug, war blitzsauber. Er sah aus wie gerade von der Stange genommen.

Bei allen Geistern des Universums, das ist tatsächlich der berühmte Gucky! Wenn der Neurotec, die in Piri Harpers Körper integrierte Individualpositronik, mit dem globalen Kommunikationsnetz verbunden wäre – das gäbe eine Abrufzahl, die alles überträfe, was sie mit ihrer Trivid-Show je erreicht hatte!

Der Neurotec war aber nicht aktiv, Harper sendete nicht mehr.

Ihr Blick verfinsterte sich, als sie daran dachte, dass dies keine glamouröse Party im Kaiserpalast war, sondern ein konspiratives Treffen unter Aufrührern, wovon die Hälfte polizeilich gesucht wurde. Es waren dunkle Zeiten.

Harper zwang sich, ihre Gedanken in vernünftige Bahnen zu lenken.

Da war nicht nur Gucky, sondern auch der Mann, mit dem sie und Frank Sulu aus Elysion gekommen waren: der geheimnisvolle Krystophar. Außerdem die nicht minder mysteriöse Derin Paca, die in Ram Nanukus Privatvilla auf sie gewartet hatte.

Krystophar war anfangs überhaupt nicht willens gewesen, Harper und Sulu nach Trade City zu begleiten. Er hatte ihnen gesagt, dass er Derin Paca niemals wiedersehen wollte. Doch als er hatte glauben müssen, sie sei in Gefahr, war er sofort aufgebrochen, um ihr zu Hilfe zu eilen. Was war zwischen den beiden vorgefallen? Wie würde ihre Geschichte weitergehen? Das Wiedersehen zwischen Krystophar und Paca war ... bemerkenswert gewesen.

»Hallo, Derin«, hatte er gesagt.

»Hallo«, hatte sie geantwortet.

Dann hatten beide betreten geschwiegen. Der Mann, der sich Krystophar nannte, hatte nervös zu Boden geblickt. Der Moment mochte kurz gewesen sein, aber Harper hatte ihn wie in Zeitlupe wahrgenommen.

Paca, mit der Sulu und Harper eine Weile in Trade City unterwegs gewesen waren, hatte sich rasch gefangen und das Gespräch auf etwas anderes gelenkt. Sie waren in den Wohnraum gegangen, wo Gucky saß, und ...

Harper erfasste plötzlich den Gedanken, dem sie auf die Spur hatte kommen wollen. Dass Paca und Krystophar eine gemeinsame Geschichte verband, war offensichtlich. Aber da war noch etwas: Gucky kannte die beiden! Was hatte das zu bedeuten? Wer waren sie?

Verwirrt musterte Harper sie: die in eine elegante, weiße Freizeitkombination gekleidete, makellos schöne Derin Paca mit ihren roten Locken und der hochgewachsene, hagere Mann mit dem verlebten, schmutzigen Gesicht, der von oben bis unten völlig verdreckt war. Sein Anzug, der vormals ebenfalls weiß gewesen war, sah nun geradezu schwarz aus, und er stank erbärmlich.

Harper zuckte zusammen. Sie alle stanken erbärmlich. Zumindest Krystophar, Sulu und sie, die von einem zwielichtigen Kerl namens Stroner aus Elysion zurück nach Trade City geschmuggelt worden waren – in einem Müllfrachter. Nur so war es ihnen gelungen, den Polizeikontrollen zu entgehen. Deshalb boten sie nicht gerade mehr einen gesellschaftsfähigen Anblick, geschweige denn Geruch.

»Ich möchte einen Vorschlag machen«, meldete sich eine Stimme, die ihr bekannt war. »Die Herrschaften sollten zuerst eine Dusche nehmen und sich neu einkleiden. Ich bin sicher, meine Diener werden etwas Passendes finden.«

Das war Ram Nanuku, dem das Anwesen gehörte, in dem sie sich derzeit aufhielten. Ram Nanuku, der überall im Olymp-Komplex bekannte Guru, der die Bevölkerung vor zwei Tagen zur größten Massendemonstration in der Geschichte des Planeten aufgerufen und sich damit auf die Seite des Widerstands gegen den Kaiser gestellt hatte. Wie Harper inzwischen wusste, war er einer der erfolgreichsten Geschäftsleute des Planeten. Er war unter anderem Besitzer des größten Etablissements in Trade Citys berüchtigtem Vergnügungsviertel Sin Sin.

Die Prominentendichte nimmt zu, dachte Harper und sah hinüber zu Sulu, der etwas beklommen dreinschaute.

Vielleicht war ihm nicht wohl in der Gegenwart all dieser berühmten Olymper und Galaktiker. Oder ihm war ebenfalls gerade eingefallen, wie Harper, er und Krystophar aussahen und rochen.

Nanuku bot das genaue Gegenbild: Der freundliche alte Mann trug einen hellen, makellos sauberen Kimono, der mit Blumenmustern bestickt war, sein langer, grauer Bart wirkte weich und gepflegt. In seinen dunklen Augen zeigte sich keinerlei Empörung über den Aufzug seiner neuen Gäste.

Stattdessen lächelte er und sagte: »Im Untergrundeinsatz gegen den Kaiser macht man sich manchmal schmutzig, nicht wahr? Ich bewundere euren Mut und eure Geschicklichkeit. Ihr wart erfolgreich, habt Krystophar gefunden und gegen alle Widerstände zu uns gebracht. Das habt ihr gut gemacht! Hier entlang ...«

Mit einer Hand wies er zu einer Tür am anderen Ende des weich beleuchteten Wohnbereichs.

Die Worte des Gurus machten Harper stolz. Mit einem Seitenblick auf Frank Sulu stellte sie fest, dass es dem schüchternen, aber groß gewachsenen Mann ebenso ging. Er war von oben bis unten mit Schmutz bedeckt, aber er lächelte beinahe glückselig.

»He, he«, feixte Gucky, der Harper nur etwa bis zur Brust reichte. »Ich freue mich schon darauf, zu sehen, wie ihr wirklich ausseht!«

Krystophar raffte sich auf und tippte sich mit zwei Fingern gegen die Schläfe. Dabei warf er einen scheuen Blick auf Paca. »Ich verabschiede mich ebenfalls kurz.« Er räusperte sich. »Vielleicht sollten wir bei der Gelegenheit das Biomolplastzeug entfernen.«

Derin Paca stand für einen Augenblick starr, dann nickte sie kurz.

Bei allen Sternengeistern, was hat das schon wieder zu bedeuten?, rätselte Piri Harper.

 

*

 

Sie waren sauber wie frisch gewickelte Babys und rochen nach einem Hauch Mandelöl, als sie in Ram Nanukus Wohnzimmer zurückkamen. Piri Harper und Frank Sulu trugen nun helle Kimonos ähnlich dem ihres Gastgebers. Ihre eigene Kleidung, so hatten ihnen Nanukus Dienerinnen erklärt, würde gesäubert, getrocknet, gebügelt und in Kürze bereitgelegt werden. Nanukus Heim verfügte über alle Annehmlichkeiten. Harper hegte keinen Zweifel daran, dass ihre Kleider, sobald sie sie wieder in Empfang nahmen, duften würden wie ein Frühlingstag.

Im großzügigen Wohnbereich, in dem es keinerlei technische Geräte zu geben schien, erwartete sie eine Überraschung. Auf großen Sitzkissen am Boden hockten Gucky, Ram Nanuku, Derin Paca und Krystophar. Sie waren in ein konzentriertes Gespräch vertieft. Erst als Harper und Sulu näher kamen, hielten sie inne und blickten ihnen entgegen.

Als sie begriff, wer da zu ihnen herübersah, schwanden Harper fast die Sinne. Oh nein! Ohhh nein!

Für einen Augenblick spukte das Wort Prominentendichte durch ihren Kopf.

Sulu neben ihr stand wie erstarrt.

Die beiden Fremden in Nanukus Wohnzimmer, die nun aufstanden und einen Schritt in Richtung Harper und Sulu gingen, waren eindeutig Derin Paca und Krystophar, die beiden Olymper, mit denen sie in den vergangenen Tagen im Auftrag des Widerstands unterwegs gewesen waren. Seite an Seite mit ihnen hatten sie manch brenzlige Situation überstanden. Und doch hatten sie sich durch ein paar kosmetische Handgriffe vollkommen verändert.

Paca und Krystophar hatten nun schwarze Haare, durchsetzt von wenigen grauen Strähnen, etwas deutlicher bei Krystophar, der die größere Veränderung erfahren hatte. Doch die Haare waren nicht das Wesentliche. Die beiden hatten auch Biomolplastkomponenten aus ihren Gesichtern entfernt, mit denen sie ihr Aussehen verändert hatten.

Vor Harper und Sulu standen zwei völlig andere Personen.

Personen, die nach wie vor das besondere Charisma ausstrahlten, das Derin Paca und Krystophar geprägt hatte. Es war sogar noch stärker zu spüren. Denn Harper erkannte diese beiden Personen sofort, auch wenn sie seit vielen Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten waren.

Du bist so eine Närrin gewesen!

Eine feine Reporterin war sie. Sie hatte es geahnt. Sie hatte nur nicht gewagt, den Gedanken zu Ende zu denken. Aus Furcht, er würde sich als falsche Hoffnung erweisen. Dennoch hätte sie es wissen müssen. Erkennen müssen. So stark war die Veränderung doch gar nicht gewesen, die beide durch ihre Maskerade erfahren hatten.

Oder war sie deshalb so blind für die Wahrheit gewesen, weil die beiden getrennt voneinander aufgetreten waren? In der Vergangenheit hatten sie eine unzertrennliche Einheit gebildet. Sie waren ein Paar gewesen, das jeder Olymper kannte.

Vor Harper standen Indrè Capablanca und Martynas Deborin, das ehemalige Kaiserpaar!

»Hallo Piri, hallo Frank«, sagte Capablanca mit einem Abbitte heischenden Lächeln. »Ich glaube, wir schulden euch eine Erklärung.«

 

*

 

Hundert Gedanken wirbelten gleichzeitig durch Piri Harpers Kopf.

Das waren also ihre Weggefährten: der Kaiser und die Kaiserin, die vor fast dreißig Jahren von Beryn Mogaw vom olympischen Thron gejagt worden waren. Das glamouröseste Paar seiner Zeit, von dem man seitdem nichts mehr gehört hatte.

Die beiden wirkten älter und reifer als das Kaiserpaar, an das Harper sich aus den Geschichtsholos erinnerte. Schließlich hatte sich all das vor ihrer Geburt abgespielt.

Blitzschnell überschlug sie ein paar Zahlen im Kopf ... dreißig Jahre ... genauer achtundzwanzig ... Wie alt waren die beiden damals gewesen? Capablanca um die vierzig Jahre? Er war zehn Jahre älter als sie, das war allgemein bekannt ... Dann waren sie inzwischen grob achtzig und siebzig. Bei einer Lebenserwartung ihrer Spezies von zweihundert Jahren noch immer im besten Alter.

Frank Sulu sagte gar nichts mehr. Er musste das alles offenbar erst mal verarbeiten.

Harper traten Tränen in die Augen. »Und ... und das hast du uns nicht gesagt?«, stammelte sie.

Derin Paca, nein ... Indrè Capablanca zuckte mit den Schultern. »Es diente eurem Schutz.«

Harper blickte zu Krystophar ... in Wirklichkeit Martynas Deborin, der ehemalige Argyris.

Er trug, nachdem er sich umgezogen hatte, helle Hosen und ein langes, weißes Leinenhemd. Sein Haar war akkurat gescheitelt, eine widerspenstige Strähne fiel ihm auf die Stirn. Er machte weiterhin einen abgekämpften und zurückhaltenden Eindruck, wirkte aber dünner und eleganter als zuvor.

Deborin war sichtlich beklommen, wohl weniger, weil er Harper und Sulu über seine Identität im Ungewissen gelassen hatte, sondern weil er plötzlich wieder an der Seite von Capablanca stand, der Frau, die er nie wiedersehen wollte.

»Ich hätte es wissen müssen«, hauchte Harper. »Jetzt merke ich, wie dumm ich war. Du hast dich auch noch Derin genannt. Es war so offensichtlich. Das ist ein Anagramm von Indrè!«

»Und Paca eine Kurzform von Capablanca.« Capablanca nickte. »Ich wollte mit dieser Buchstabenfolge in gewisser Weise einen Teil meiner Identität behalten ... Du verstehst.«

Erneut musterte Harper den schwarzhaarigen Mann, der sich Krystophar genannt hatte. In diesem Namen konnte Harper keine Ähnlichkeit zur früheren Persönlichkeit von Deborin finden.

Die Wege des einstigen Kaiserpaars waren nicht nur auseinandergegangen, ihre Lebensgeschichten hatten offenbar einen völlig unterschiedlichen Verlauf genommen.

Von hinten meldete sich Gucky mit einem Räuspern. »Wie nett, dass ihr euch bekannt gemacht habt!« Der Mausbiber winkte sie zu sich. »Man muss ja wissen, mit wem man in stinkenden Mülltransportern durch halb Hermeia reist. Ihr riecht gut!«

Harper, Sulu und die beiden ehemaligen Herrscher von Olymp machten die paar Schritte zurück zu Gucky und Ram Nanuku und ließen sich auf den einladenden Sitzkissen nieder. Harper dachte für einen kurzen Moment an Schlaf. Aber dafür war alles viel zu aufregend.

Capablanca und Deborin nahmen an gegenüberliegenden Enden Platz, auf Abstand zueinander bedacht. Harper registrierte es aufmerksam. Nein, an Schlaf würde an diesem Abend gewiss nicht zu denken sein.

»Nun wissen wir also, wer die ganze Zeit unsere Weggefährten waren«, sagte Harper. »Ich nehme an, damit steigen unsere Chancen auf einen Sturz des Kaisers. Viele Olymper wünschen eure Rückkehr. Eure Anwesenheit auf Olymp bedeutet Hoffnung auf eine neue Politik.«

Indrè Capablanca neigte leicht den Kopf.

Martynas Deborin sah unglücklich aus.

Harper beschloss, die beiden im Moment in Ruhe zu lassen. Es gab noch so viele ungeklärte Fragen.

Ruckartig wandte sie sich an Gucky. »Und hier haben wir den berühmten Mausbiber Gucky, der gekommen ist, um uns zu helfen. Wie kommst du nach Olymp? Ich wusste nichts von deiner Anwesenheit in unserem Sternenreich, und ich bin für gewöhnlich gut informiert. Bist du auf einer Geheimmission unterwegs?«

»Ich war gerade in der Nähe«, sagte Gucky leichthin, dann wurde er schlagartig ernst. »Das eigentliche Ziel unseres Raumschiffs war Shoraz, der Museumsplanet. Du weißt schon, wichtige archäologische Funde und so. Sichu Dorksteiger ist auch hier, die Chefwissenschaftlerin der Liga, vielleicht hast du schon mal von ihr gehört. Wir sind mitten in die Blockade der Tefroder geplatzt und bekamen mit, was auf Olymp läuft. Ein paarmal sind wir mit den Tefrodern und ihrer Kommandantin Onara Gholad aneinandergeraten. Das ist eine eiskalte Miezekatze, die kennt keine Skrupel. Dann habe ich die entzückende Trivid-Sendung unseres Freunds Ram Nanuku gesehen, der die Olymper dazu aufgerufen hat, friedlich gegen den Kaiser und die Tefroder aufzustehen. Und ich habe natürlich Derin Paca gesehen, wie sie die Amtsenthebung des Kaisers gefordert hat. Ich habe sie sofort erkannt, trotz der Dinger in ihrem Gesicht.«

Der Mausbiber tippte sich an die Stirn. »Ein dreitausendjähriger Ilt lässt sich nicht so leicht täuschen. Ich habe dich auch einmal in so einer Maske besucht, erinnerst du dich? Ich kam als sprechendes Rieseninsekt. Du hast deine Mentalstabilisierung für mich geöffnet und mir den Nacken gekrault.«

Diesmal neigte Capablanca ihren Kopf leicht in Richtung des Mausbibers.

Harper wurde erneut klar, wie leicht es offenbar eigentlich gewesen wäre, die Tarnung der ehemaligen Argyrisa zu durchschauen. Allerdings: Gucky war ein besonderes Wesen. Er konnte Gedanken lesen und besaß eine Erfahrung, die jene der meisten Lebewesen in der Galaxis um ein Vielfaches übertraf.

Dennoch hätten Harper oder die olympische Öffentlichkeit ihre ehemalige Kaiserin erkennen können. Sie hatten aber wohl einfach nicht gesehen, was sie für unmöglich hielten.

Der Mausbiber hingegen war augenscheinlich nicht so weit gegangen, eine Rückkehr der Argyrisa von vornherein als unmöglich auszuschließen.

»Ich saß mit einem neuen Freund im Kaiserpalast. Da habe ich in einer Nachrichtensendung gesehen, Derin Paca würde als Hochverräterin gesucht. Prompt wurde sie dann auch verhaftet ... Oder zumindest schien es so. Na, und da dachte ich mir, ich spring mal los, um nach ihr zu suchen. «

Neben seiner Fähigkeit des Gedankenlesens beherrschte Gucky auch die Teleportation, mit der er sich und andere ohne Zeitverlust an einen beliebigen anderen Ort versetzen konnte.

»Meine vermeintliche Verhaftung war ein Bluff«, korrigierte Capablanca. Nicht allen Anwesenden war das bekannt gewesen. »Eine Olymperin hat sich als Derin Paca verkleidet, um zu demonstrieren, wie die Bürger Olymps drangsaliert werden. Du hast mich trotzdem gefunden.«

»Aber selbstverständlich«, brüstete sich Gucky und verzog spitzbübisch den Mund. »Ich habe mich eine ganze Weile in Trade City herumgetrieben. Dabei habe ich diesen tefrodischen Superpolizisten den einen oder anderen Streich gespielt, das kann ich euch sagen. Vielleicht gebe ich eines Tages einem olympischen Trivid-Kanal ein großes Exklusivinterview dazu.«

Er blickte auf Harper, die Mediantin und Trivid-Reporterin außer Dienst. Las er etwa ihre Gedanken?