Roman Deininger / Uwe Ritzer
Markus Söder
Politik und Provokation
Knaur e-books
Roman Deininger, Jahrgang 1978, ist politischer Reporter bei der Süddeutschen Zeitung (SZ). Die CSU begleitet er seit vielen Jahren, sein großes Söder-Porträt in der SZ wurde für den Theodor-Wolff-Preis nominiert. Er ist in Ingolstadt aufgewachsen und hat in München, Wien und New Orleans Politik und Theater studiert. Mit einer Arbeit über Politik und Religion in den USA wurde er promoviert. Für die SZ war Deininger auch schon Korrespondent in Nürnberg, der Heimatstadt Markus Söders.
Uwe Ritzer, Jahrgang 1965, hat sich vor allem mit vielen investigativen Recherchen einen Namen gemacht. Dazu gehörten krumme Geschäfte in der Energiewirtschaft ebenso wie der Fall Gustl Mollath oder die Enthüllung des ADAC-Manipulationsskandals. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem dem Wächterpreis, dem Nannenpreis und dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis. Als gebürtiger Franke und Wirtschaftskorrespondent der SZ mit Sitz in Nürnberg erlebte er den Aufstieg Söders über viele Jahre hautnah mit.
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ISBN 978-3-426-44384-2
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In der Leberkäs-Etage
Markus Söder faltet sich aus seiner schwarzen Dienstlimousine, er ist 1,94 Meter groß und damit – darauf legt er Wert – einen satten Zentimeter größer als ein gewisser Horst Seehofer. Er ist ein Mann, den man kaum übersehen kann. Aber kann man ihn durchschauen?
Ein Sommerabend im Juni 2016, Eitensheim bei Ingolstadt. Es ist die Zeit, als Söder sich nicht einfach nur warm läuft für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Er läuft heiß. Seine Mitarbeiter haben das mal ausgerechnet: mehr als 1000 Termine im Jahr, mehr als 100000 gefahrene Kilometer.
Jetzt warten 800 Menschen im Bierzelt, der Sportverein Eitensheim wird 70 Jahre alt, und Söder ist zum Gratulieren gekommen. Wenn irgendwer in Bayern einen einigermaßen runden Geburtstag hat und sich nicht schnell genug ins Ausland absetzt, dann schaut der reisefreudige Finanzminister Söder vorbei, auf einen kurzen Glückwunsch und einen längeren Bericht zur Lage des Landes.
Den Sog der Macht spürt man bereits am roten Teppich vor dem Zelt und an der besonderen Unterwürfigkeit der örtlichen Honoratioren. Die Parteifreundin aus dem Landtag zum Beispiel, die von ihm schwärmt, als wäre sie hoffnungslos verknallt. Markus Söder sei »mehr als ein Politiker, mehr als ein Minister, mehr als ein Mann«. Söder hat große Routine in der Entgegennahme von Huldigungen, auch eine große Offenheit dafür, aber das hier wird selbst ihm fast zu viel.
Söder, beiger Trachtenjanker, blaue Krawatte, geht vor seiner Rede noch auf die Toilette, das ist relevant. Vor dem Toilettenwagen kramt er so lange in seiner Hosentasche, bis auch der letzte Beobachter mitbekommt, dass der Minister der Klofrau Trinkgeld gibt. Schon hat man einiges über das Prinzip Söder gelernt: Er tut viel Gutes, wirklich. Er will aber auch gesehen werden dabei.
Das Bierzelt ist für Söder so etwas wie ein zweites Wohnzimmer, »ein Politiktempel«, wie er sagen würde. Das hat auch deshalb Bedeutung, weil das Bierzelt für viele seiner Konkurrenten in der ausgenüchterten Gegenwarts-CSU ja nur noch so was wie das Treppenhaus ist: Da müssen sie halt durch.
Die Blaskapelle prustet los, Söder marschiert ins Zelt, Servus hier, Grüß Gott da. Man sagt ja, sein Gang sei so breit wie der von Cristiano Ronaldo, das stimmt aber nicht; im Vergleich mit Söder ist dieser Ronaldo ein Pimpf, dem ein bisschen die Körperspannung fehlt. Söder, der seine knapp zwei Meter immer leicht nach vorn beugt, als könne er die Zukunft gar nicht erwarten, packt sich mit beiden Händen das Pult, er hält Reden, wie andere Leute Ringkämpfe führen.
Das Bierzelt ist eine Prüfung für jeden Politiker. Hier stellt er sich dem Volk, und entweder wird er angenommen oder abgelehnt. Es ist auch im Internet-Zeitalter immer noch der Ort, an dem in Bayern die politische Wahrheit liegt. Wenn Edmund Stoiber, der ehemalige Ministerpräsident, über Markus Söder schwärmt, der Ziehvater über den Ziehsohn, dann kommt er meistens auf das Bierzelt zu sprechen.
Die Leute, die vorn im Zelt sitzen, sagt Stoiber, das seien ja jene, die eh schon politisch interessiert sind. Die Honoratioren und die eigenen Parteifreunde – die erreiche ein ordentlicher Redner immer, die klatschen in jedem Fall. Aber das sei nicht genug, nicht für den Anspruch der CSU. »Sie müssen auch die Leute in den hinteren Reihen überzeugen können.« Die Leberkäs-Etage, die »normalen« Leute, die einfach mal reinhören wollen bei einer Maß Bier und einem halben Hendl. Reinhören, was der da vorne zu sagen hat, und dann erst entscheiden, ob sie Beifall spenden oder nicht. Stoiber sagt: »Die ebenfalls zu erreichen, das macht eine Volkspartei aus. Und das kann Markus Söder.«
In Eitensheim ist Söder vom Bundestagsabgeordneten der Region überschwänglich begrüßt worden. Nun sagt Söder: »Herzlichen Dank für die lobenden Worte. Sie waren angemessen.« Eine einzige Bierzelt-Rede verrät ziemlich viel über den Politiker Markus Söder. Zunächst mal, dass es ihm an Selbstbewusstsein keinesfalls mangelt. Und an Witz auch nicht. Bei Söder ist es sogar so: Der Witz nimmt dem Selbstbewusstsein die scharfe Kante. Das Publikum schneidet sich nicht daran.
Söder sagt: »Es ist mir eine Freude und Ehre, heute bei vernünftigen Leuten zu sein.« Eitensheim ist eine kleine Gemeinde, 3000 Einwohner. Unvernünftige Leute, so darf man Söder wohl interpretieren, sind dagegen in den Großstädten zu finden, in München, Berlin und Brüssel, und dort vor allem in den Parlamenten und Kabinetten. Auch das ist eine Botschaft, die der Politikprofi Söder gern sendet: Ich bin einer von euch. Nicht einer von denen.
Weiter im Repertoire. Maßlose Bayern-Liebe: »Der Freistaat ist das schönste und stärkste Land der Welt.« Hemmungsloser Berlin-Spott: »Wir wissen ja, dass die keine Flughäfen bauen können.« Populistische Logik: »Bayerisches Geld ist am besten in Bayern aufgehoben und nicht in Berlin.« Der Redner Söder unterhält seine Zuhörer, er schmeichelt ihnen und wiegelt sie auf. Er verlangt ihnen nichts ab. Er bedient sie nur. Und die Leute sind begeistert. Auch die hinten im Zelt.
So ein Bierzelt ist ja im Grunde nichts anderes als ein riesiger Stammtisch, hier verbinden sich der alkoholische und der politische Rausch. Das Bierzelt reduziert automatisch die Komplexität, hier gibt es nur schwarz oder weiß, falsch oder richtig. Diese Bereitschaft zur Vereinfachung, die muss man erst mal haben. Söder hat sie: »In Bayern gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia!« Er klingt, als stünden die ersten öffentlichen Steinigungen hier auf dem Eitensheimer Festplatz unmittelbar bevor.
Zwischendrin macht Söder Sachen, die deutsche Politiker kaum machen. Er redet über seinen Vater, den fleißigen Maurermeister Max Söder, und über seine Kindheit in der nicht gerade glamourösen Nürnberger Weststadt. Söder erzählt eine beinahe amerikanische Aufstiegsgeschichte. Das Private wird politisch: »Sparen muss sich wieder lohnen«, sagt er, das ist ein Leitsatz, den sein Vater unterschrieben hätte.
Und wenn man genau aufpasst, hört man sogar heraus, was diesen Söder so antreibt. »Ich habe meinen Doktor gemacht«, sagte er. Pause. »Und bis heute behalten.« Der CSU-Mann, der seinen Doktor verloren hat, Karl-Theodor zu Guttenberg, ist während einiger Jahre Söders ärgster Rivale gewesen. Vielleicht, weil er mit einer Weltläufigkeit gesegnet ist, die Söder erst inszenieren muss. Söder ist ein Freund des Wettbewerbs, er braucht immer einen Gegner, und den hatte er in Guttenberg. Jetzt ist er weg. Aber in Söders Reden ist er noch da.
In einem Moment verdichtet sich im Bierzelt von Eitensheim alles, was den Politiker Markus Söder ausmacht. Kurz nachdem er auf der Bühne seine Rede begonnen hat, kommt ein netter älterer Herr vom SV Eitensheim und bringt ihm ein Kaltgetränk. Hier kurze Unterbrechung, denn wenn man diesen Söder länger begleitet, weiß man: Er trinkt keinen Alkohol, fast keinen. Er trinkt Wasser, bevorzugt still, oder vielleicht mal Cola, gerne light. Er trinkt Wasser und Cola nicht etwa, weil er muss, sondern weil er mag. Wenn seine Mitarbeiter bei einer Veranstaltung gefragt werden, was ihr Chef trinken will, sagen sie: Wasser.
Der Kellner stellt nun ein Wasser aufs Pult. Söder hält inne, drei Sekunden, vier, er starrt den Kellner an, dann das Wasser, er lächelt wie ein Räuberhauptmann im Spessart, der nächtens die Kutsche nahen hört. Er ruft: »Habt ihr nicht was Anständiges zu trinken?« Das Publikum, das sein eigenes Bekenntnis zum Alkohol schon längst abgelegt hat, johlt vor Begeisterung. Ein besonderer Bekenner sagt später: »Stell’n de Deppn eam a Wasser hi!« Söder kriegt dann eine Mass Bier, er prostet ins Zelt, das er mit einem Schlag erobert hat. Er führt die Mass Richtung Mund, vielleicht befeuchtet er sogar die Lippen mit Schaum. Dann stellt er die Mass wieder hin und rührt sie nicht mehr an.
Es ist eine Demonstration. Eine Demonstration von Schamlosigkeit, und eine Demonstration von Cleverness. Es gibt in der Politik ja eigentlich diese Regel, eine Übung in Demut: Das Amt kommt zum Mann. Markus Söder sagt mit jedem Atemzug: Bitte keine Mühe, ich bin schon unterwegs.
Schamlos und clever
Anruf bei Renate Blank. Ein paar Fragen zu Markus Söder? »Nein«, sagt sie höflich, aber mit schneidender Stimme. »Ganz sicher nicht.« Kein Treffen, nicht einmal ein Telefongespräch, überhaupt kein Wort mehr. »Meine Lebenszeit ist zu kostbar, als dass ich auch nur noch eine Minute an den verschwende.« Renate Blank reichen aber auch wenige Sekunden, um in ein paar Halbsätzen alles zu sagen. »Egomane«, »hat sich nicht im Griff«, »machtgierig«, »denkt nur an sich«. Selbst als Renate Blank einen Atemzug lang schweigt, hört man Verachtung. »Fragen Sie doch den Beckstein, warum er so blöd war, den Söder zu unterstützen.« Dann ist das Gespräch vorbei.
Markus Söder ist ein Mann mit vielen Feinden. Die ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Renate Blank, die wie Söder aus Nürnberg kommt, ist kein Einzelfall. Blank und Söder haben sich jahrelang ignoriert und bekämpft, offen und verdeckt. Nun ist Renate Blank im politischen Ruhestand und Markus Söder bayerischer Ministerpräsident.
Markus Söder ist schamlos, und er ist clever, er ist schamlos clever. Diese furchterregende Kombination hat ihn weit gebracht, Söder kennt man in Herne und in Husum, auch wenn man ihn nicht unbedingt mag. Er war schon als kleiner Landesminister eine große Provokation, er hat Feinde fast mit Lust gesammelt. Jetzt ist er endgültig ein neuer Hauptdarsteller im bayerischen Welttheater, das in ganz Deutschland die Zuschauer fesselt.
Söder. Mit wem man auch redet, der Name provoziert. Er provoziert Abscheu und Bewunderung. Für die einen ist er ein eiskalter Machtmensch und ein heißblütiger Populist – die Verkörperung all dessen, was ihnen nicht geheuer ist an der Politik. Für die anderen ist er ein leidenschaftlicher Konservativer, der sich nicht hat glatt feilen lassen von den Gesetzen der politischen Korrektheit, einer, der aufweckt, statt einzuschläfern – die Verkörperung all dessen, was Politik für sie ausmacht.
Auf jeden Fall verkörpert Söder die CSU, deren Faszination sich von jeher auf aufreizende Selbstgewissheit und unverhohlene Rauflust gründet. Er verkörpert sie mit Haut und Haar, gerade ihren bayerischen Exzeptionalismus. Er ist Kind und Produkt dieser Partei, er hat ihre Geschichte eingesogen und angenommen. Wie sie ist Söder zugleich selbstgewiss und nervös, stolz und verletzlich. Die CSU schaut vom Gipfel der absoluten Mehrheit auf die Welt, aber sie weiß auch, dass der kleinste Fehltritt den Absturz bedeuten kann.
In gewisser Weise rückt Söder die CSU sogar ins Extreme, er merkelt nicht lange umeinander, er will sich einen Wahlsieg nicht mühsam von Demoskopen herbeikonstruieren lassen. Er bemüht sich gar nicht erst um rote oder grüne Wähler. Er will schlicht: die bürgerlich-konservative Mehrheit. Er steht für die CSU, die ihre Anhänger von Herzen lieben; er steht für die CSU, die ihre Gegner von Herzen hassen.
Er hat ja sogar seine eigene Partei gespalten, in einem episch langen Machtkampf mit Horst Seehofer, der selbst vor dem Hintergrund der CSU-Geschichte als hässlich gelten muss. Noch vor wenigen Monaten haben viele Christsoziale gewarnt, dem Polarisierer Söder dürfe man die CSU nicht anvertrauen, er würde sie zerreißen. Diese Leute können jetzt nur hoffen, dass sie sich gründlich getäuscht haben.
Die Christlich-Soziale Union ist eine Partei mit Hang zur Anarchie, aber sie kann die Reihen hinter ihrem Anführer auch schließen wie keine andere. Nachdem im Dezember 2017 feststand, dass Söder Ministerpräsident werden würde, machte sie die Schotten dicht. Wir haben das bei der Recherche für dieses Buch gemerkt – und waren froh, dass wir schon mehr als zwei Jahre zuvor begonnen hatten, uns mit Markus Söder zu beschäftigen. Söder-Skeptiker sprachen plötzlich nicht mehr, aus Parteiräson oder aus einer Sorge, die sie nicht näher bestimmen wollten. Es meldeten sich alte Gesprächspartner, um uns wortreich zu erklären, dass sie den Markus nun doch nicht mehr so kritisch sähen wie noch vor einem halben Jahr. Oder dass man sie damals einfach nur komplett falsch verstanden habe. So schlimm sei er nämlich gar nicht, der Markus.
Markus Söder hat diese Biografie nicht autorisiert und vor ihrem Erscheinen auch nicht gelesen. Er stand uns aber für mehrere lange Gespräche zur Verfügung, bei denen er seine Sicht der Dinge darstellen und zu etwaigen Vorwürfen Stellung nehmen konnte. Für den Bildteil dieses Buches hat er zudem einige Privatfotos zur Verfügung gestellt.
Und mit Bildern muss man sich befassen, wenn man Söder verstehen will. Denn er macht mit Bildern Politik, er wirft mit ihnen um sich in den sozialen Netzwerken. Söder mit großem Hund, Söder mit kleinem Hund, aber auch Söder mit ernstem Gesicht und einem Statement zur Flüchtlingspolitik. Schon bei der Jungen Union in Nürnberg hat er gelernt, dass er mit einem netten Foto mehr Menschen erreicht als mit einer langen Pressemitteilung. Söder hat Facebook-Politik gemacht, als es Facebook noch gar nicht gab. Er ist ganz alte Schule, nur halt bei Instagram. Man fragt sich ständig, ob mit ihm eine politische Traditionslinie endet – oder ob eine beginnt.
Altmodisch ist sein unbändiger Fleiß. Er betreibt an 365 Tagen im Jahr Politik, von morgens halb sechs bis Mitternacht. Den »Immer-da-Söder« nannten sie ihn schon in JU-Tagen, er war immer da, selbst bei der kleinsten Veranstaltung – wenn sie seinem Fortkommen diente. In Nürnberg erzählen sie diese Geschichte: Der junge Wahlkämpfer Söder rief bei einem Kleingartenverein an, er habe da von einem Grillfest gehört. Ob er da nicht das Fass anstechen könne? Die Kleingärtner meinten, das sei ein nettes Angebot, aber man habe beim Grillfest kein Fass. Söder sagte, er werde das Fass mitbringen.
Söder hat sich seiner Partei und dem Land regelrecht aufgezwungen. Mit 16 Jahren trat er in die CSU ein, über seinem Bett hing ein Strauß-Plakat. Mit 27 Jahren zog er als damals jüngster Abgeordneter in den Bayerischen Landtag ein. Mit 36 wurde er Generalsekretär, mit 40 Landesminister, erst für Europa und den Bund, dann für Umwelt und Gesundheit, schließlich für Finanzen und Heimat. Und mit 51 Jahren ist er am Ziel, Ministerpräsident, der jüngste in Bayern.
Söder hat zwar nie – wie der Sozialdemokrat Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramtes – am Tor der Bayerischen Staatskanzlei gerüttelt und gebrüllt: »Ich will da rein.« Aber im Grunde war seine ganze Karriere ein einziges Rütteln und Brüllen. Er ist fast immer gegen das Establishment der CSU aufgestiegen, das war schon bei der Jungen Union in Nürnberg so, da gab Söder den Rebellen in Cowboystiefeln. Er ist bis heute ein Politiker, der den Konflikt sucht und Gegner braucht. Und er hat die Entschlossenheit und die Robustheit, sich am Ende durchzusetzen. Man wird eines Tages dem Politikrentner Söder kaum nachsagen können, dass er an dieser oder jener Wegscheide zu weich war.
»Blöd, blöder, Söder«, spotten die Verbitterten. Aber gar so blöd kann er ja nicht sein angesichts dieser Laufbahn. »Er hat den Schuss Brutalität, der es leichter macht«, sagt ein erfahrener CSU-Mann über Söder. Er hat aber auch enormes politisches Geschick. Er hat immer und überall seine Netze geknüpft und Hausmachten gebildet, Alliierte für sich gewonnen und Abhängigkeiten geschaffen. Er hat sich in alle seine Ämter schnell eingearbeitet, sich bei den relevanten Themen sattelfest gemacht und sich bei der täglichen Arbeit kaum eine Blöße gegeben. Er kann gut reden, und er hat in all den Jahren weiter an sich gearbeitet. Er hat sich etwa Charme angeeignet, der ihm nicht in die Wiege gelegt war.
Markus Söder erkennt und bedient die Bedürfnisse der Wähler oft früher als andere – Bedürfnisse, aber auch Ressentiments. Er hat die Gabe, seine Standpunkte in einprägsamen Formeln zu verdichten. Er schaut stets auf den eigenen Nutzen, aber er bemüht sich um einen Kollateralnutzen fürs ganze Land. Er ist schmerzfrei, wenn es um billige PR geht und um krasse inhaltliche Vereinfachung, was gewiss keine Tugend ist, aber in der politischen Debatte ein Vorteil. Er differenziert selbst da kaum, wo Differenzierung dringend nötig wäre, zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik.
Markus Söder ist hochintelligent, aber kein Intellektueller. Er spricht konsequent die sogenannten kleinen Leute an und schert sich um die großen einfach nicht. Er macht Politik für jene und nur für jene, die ihn wählen. Er macht Beute für Bayern und für niemanden sonst. So ist er der Unverhinderbare geworden in der CSU. Nicht einmal der vergleichbar wehrhafte Seehofer hat ihn aufhalten können, obwohl er es jahrelang fieberhaft versucht hat. Markus Söder hat die Macht bekommen, weil er sie mehr wollte als jeder seiner Konkurrenten.
Söder ist nicht wirklich beliebt, er ist eher geachtet und bisweilen gefürchtet. Er befriedigt die Sehnsucht der CSU nach einem, der auch dann stehen bleibt, wenn es scharfen Gegenwind gibt. Der berechenbar ist, wenn auch auf seine ganz eigene Art. Wie hat das ein niederbayerischer Delegierter kurz vor Weihnachten 2017 auf Söders Nürnberger Krönungsparteitag gesagt? Söder bekomme seine Stimme, »weil es endlich aufhören muss, dass wir am Abend bei CSU-Versammlungen im Wirtshaus den Leuten unsere Positionen mühsam erklären, und am nächsten Morgen hören sie im Radio, dass wieder alles anders ist, weil Seehofer es sich wieder anders überlegt hat«.
Horst Seehofer ist noch da, als Bundesinnenminister in Berlin, aber Markus Söder ist das neue Gesicht der CSU. In Talkshows ist er das schon lange, er wird dort für seinen »konservativen Klartext« eingeladen, so nennt das ein Talkshow-Redakteur. Nicht zuletzt seine Fernsehpräsenz hat es Söder erlaubt, in eine Lücke im konservativen Lager vorzustoßen, die Roland Koch und Friedrich Merz hinterlassen hatten, als sie sich von Angela Merkel aus dem Spiel drängen ließen. Söder, sagen Weggefährten, wolle nicht unbedingt Kanzler werden. Aber er wäre schon sehr gern der große Konservative in Deutschland.
Nur, wie konservativ ist er eigentlich? Wenn man seine Positionen zu einem Weltbild zusammennagelt, hat man am Ende ein schiefes Gebilde. Söder war auch schon einmal der grüne Schwarze, der Eisbären rettete und nach langen Jahren als Kernkraft-Cheerleader plötzlich befand, dass Fukushima alles ändere. Praktisch über Nacht ließ er 2011 den Atommeiler Isar I abschalten. Wieder etwas später war vom Öko-Markus nicht mehr viel übrig, im Landtagswahlkampf 2018 wird der Hauptvorwurf der Opposition wohl sein, dass der ehemalige Heimatminister Söder die Heimat mit Gewerbegebieten zubetoniere. In Sachen sexueller Toleranz wiederum ist der vierfache Vater für CSU-Verhältnisse fast ein Freigeist: »Ich finde, jeder sollte sein Leben leben dürfen.«
Seine Anhänger halten das für pragmatisch, seine Gegner für opportunistisch. Im Zweifel hat, wie immer bei Söder, der Gottvater Strauß das Wort: »Man muss die Grundsätze so hoch hängen, dass man bequem unten durchkann.« Auf keinen Fall ist Söder bisher als Visionär aufgefallen, der tiefe Gedanken wälzt, wie man die Welt besser machen könnte. Für Söder ist Politik zuvorderst Management. Ein Problem? Her mit den Lösungsvorschlägen, entscheiden, durchziehen. So hat er das von Edmund Stoiber gelernt, der ihn einst zum CSU-Generalsekretär machte und dann zu seinem politischen Ziehsohn.
Als Generalsekretär war Söder ein Spaß- und Brachialpolitiker, seit mehr als einem Jahrzehnt schult er um auf Staatsmann. Es ist ein quälend langer Prozess, anderseits hat sich Söder immer behände seinen Ämtern angepasst. Um nicht zu sagen: sich ganz neu erfunden. »Der Markus lässt sich gerade wieder einen neuen Anzug schneidern«, sagt einer aus der CSU, der selbst schon höchste Ämter innehatte. »Er wird bald als Landesvater auf die Bühne spazieren.« Die Verwandlung hat schon begonnen.
Die Opposition hält den Ministerpräsidenten Söder für ein Geschenk. »Söder verhindern«, damit hat der Wahlkampf der in Bayern oft irrlichternden Roten und Grünen plötzlich eine klare Richtung. Es sollte aber auch keiner glauben, dass es das Bedürfnis nach klarer, kraftvoller Führung nur unter CSU-Mitgliedern gibt.
Fakt ist: Die absolute Mehrheit, der Fetisch der CSU, war in den Umfragen selten zuvor so weit weg wie in dem Moment, in dem Söder als Spitzenkandidat antritt. Er hat viel zu tun. Rechts außen muss er die AfD einfangen und zugleich in der CSU die misstrauischen Liberalen von sich überzeugen. Der Spagat zwischen den Milieus war schon immer die Pflichtübung dieser Partei, Söder muss Grenzzaunfans und Flüchtlingshelfer unter ein Dach bringen. Er muss die CSU einen und wiederbeleben, diesen vom Machtkampf zwischen ihm und Seehofer zerstrittenen und erschöpften schwarzen Haufen. Und wenn er die absolute Mehrheit verpasst, muss er in einer Koalition regieren.
Viele trauen das einem Mann nicht zu, der sich nicht gerade aufdrängt, wenn ein Sachverständiger für Integration und Ausgleich gesucht wird. Einem Mann, der sich lange nur um sich selbst drehte und das Wort »Kompromiss« erst spät und widerwillig lernte. Über dessen persönliche Abgründe viel geraunt wird in der CSU und der bayerischen Verwaltung, etwa über die unangemessene Art, wie er Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behandelt haben soll.
Aber die CSU hat nun mal ein sehr pragmatisches Verhältnis zu den persönlichen Defiziten ihrer Anführer. Sie honoriert Stärke, und manchmal verwechselt sie Stärke auch mit Härte. Söder ist jemand, dem man viel zutraut. Quasi alles, und das finden manche unheimlich. Was wird die Würde des Amtes machen mit diesem Mann? Und was dieser Mann mit der Würde des Amtes?
Söder ist Fan des 1. FC Nürnberg, aber er vergleicht die CSU gerne mit dem FC Bayern München. Auch der sei zum Siegen verdammt, Platz zwei ist da kein Betriebsunfall, sondern ein Scheitern. Und mit den Anführern der CSU ist es wie mit den Trainern beim FC Bayern: Wenn sie nicht liefern, fliegen sie. Und zwar schnell.
Die CSU ist eine bayerische Dynastie, ihr Erbe ist die Macht. Sie vertraut sich stets dem Anführer an, dem sie die Sicherung dieser Macht zutraut. Das ist jetzt Söder. Zumindest bis zur Landtagswahl im Herbst.
Der Freistaat Bayern wird seit dem 16. März 2018 geführt von einem Mann mit fulminanten Stärken und verstörenden Schwächen. Wenn man über den Erfolgsweg des Markus Söder nachdenkt, denkt man auch über die CSU nach und über Bayern. Und fast automatisch am Ende über die Frage, ob das alles dem großen Ego Söders nicht doch irgendwann zu klein werden könnte.
»Ich bin der Markus, und da bin ich daheim«, das sagt er gern auf bayerischem Boden. Aber wenn er eines fernen Tages doch nach Berlin gerufen werden sollte von der ganzen Union? Oder wenn er sich irgendwann selbst berufen fühlt wie vor ihm Strauß und Stoiber? Er wird den verehrten CSU-Ahnen viel nachmachen wollen, nur eines eher nicht: eine Kanzlerwahl verlieren.
Aber das ist alles weit weg und Spekulation. Um zu ermessen, wie weit dieser Mann noch kommen kann, muss man erst einmal verstehen, wie er überhaupt so weit kommen konnte.
Lehrjahre eines politisch Halbstarken
Eine Aufstiegserzählung
Nach und nach trudeln sie ein, die meisten huschen erst im letzten Moment in den Bernhardsaal. In den ungemütlichen Ecken von Nürnberg hält man sich nicht länger auf als nötig. Muggenhof ist ein einfaches Viertel, manche sagen auch: eines zum Durchfahren. Der Bernhardsaal, der hübscher klingt, als er aussieht, liegt in einem Hinterhof, in dem sich der Lärm der vierspurigen Fürther Straße fängt. An ihr entlang reihten sich einst die großen Namen des deutschen Wirtschaftswunders wie Perlen an einer Schnur: AEG, Quelle, Triumph-Adler, die Mopedwerke von Zündapp und Hercules.
Jahrzehntelang war Nürnberg ein industrielles Zentrum Süddeutschlands, und im Südwesten der Halbmillionenstadt stand eine Fabrik neben der anderen. Und mitten rein nach Muggenhof setzten Zisterzienser-Mönche in den Fünfzigerjahren den Bernhardsaal, einen schmucklosen, eingeschossigen Zweckbau mit Flachdach, für die katholische Jugendarbeit in der Pfarrei Zum Heiligen Schutzengel. Mit einer großen Fensterfront seitlich und einem mächtigen Kruzifix vorne an der Wand. Das ist der Ort, an dem eine streitbare, aber unbestreitbar große politische Karriere beginnt.
Es ist der 12. Oktober 1993, ein Dienstag. Die 77 Männer und Frauen, die sich an jenem Abend im Bernhardsaal versammeln, ahnen nicht, dass man sich einmal ihrer Zusammenkunft erinnern wird. Als Delegierte ihrer CSU-Ortsverbände sollen sie den Direktkandidaten der Partei für die Landtagswahl 1994 im Stimmkreis Nürnberg-West nominieren. Der bisherige Amtsinhaber Heinz Leschanowsky ist im Alter von 59 Jahren gestorben. Nun stehen drei Bewerbernamen für seine Nachfolge auf den Stimmzetteln: Karin Goller, 50 Jahre alt und aktiv in der Frauen-Union. Ihr wird nicht der Hauch einer Chance eingeräumt. Ganz im Gegensatz zu Franz Gebhardt, ebenfalls 50 Jahre alt, seit 15 Jahren Mitglied des Nürnberger Stadtrates und ein profilierter Kommunalpolitiker. Gebhardt ist der klare Favorit, er weiß das ganze Nürnberger CSU-Establishment hinter sich. Und dann ist da noch ein weiterer Außenseiter: Markus Söder, 27 Jahre alt, Fernsehjournalist. Er hat in der Jungen Union, der CSU-Nachwuchsorganisation, schon für einigen Wirbel gesorgt. Er gilt als ehrgeizig und fleißig, aber auch als etwas unangenehm.
Ein forscher Typ, dieser junge Söder. Ein paar Jahre zuvor, im Frühjahr 1986, hatte die Nürnberger »Abendzeitung« Abiturienten gefragt, was sie denn anfangen wollen mit ihrem Leben. Sechs junge Leute kamen zu Wort. Fünf davon sagten, was man von Menschen um die 20 erwartet. Dass sie erst einmal reisen oder jobben wollen, dass sie hoffen, einen Studienplatz oder eine Lehrstelle zu bekommen.
Nur einer fällt aus dem Rahmen. Denn er redet nicht nur von sich, sondern gleich vom großen Ganzen. Als fühle er sich irgendwie dafür zuständig. Es ist ein Teenager, für den beides untrennbar zusammengehört, der eigene Lebenslauf und der Lauf der Welt. Also diktiert der Abiturient »Markus Söder, 19 Jahre« der Reporterin in den Block: »Zuerst einmal ruft die Bundeswehr. Anschließend werde ich Jura und Geschichte studieren. Mein Berufswunsch ist es, Staatsanwalt oder Angestellter der NATO zu werden. Ich bin der Meinung, dass aufgrund unseres Gesellschaftssystems das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen ist. Man muss nur genügend Engagement für seinen Beruf mitbringen.«
Da spricht einer, der es gar nicht erwarten kann, hineinzuwachsen ins System. 1986 ist das Jahr des Reaktorunglücks in Tschernobyl, europaweit fürchten die Menschen die nukleare Katastrophe. Bei Wackersdorf, nur 100 Kilometer von Nürnberg entfernt, protestieren gleich zweimal binnen weniger Monate mehr als 100000 Menschen gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage. Zeitweise kommt es an fast jedem Wochenende zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen meist jungen Kernkraftgegnern und der Polizei. Ökologie und Frieden sind die großen Themen, Friedensdemos sind Massenevents.
All das markiert den Mainstream unter politisch interessierten Jugendlichen Mitte der Achtzigerjahre. Wer sich politisch engagiert, tut das eher links. Jedenfalls definitiv links von der NATO und der bayerischen Justiz, wo Markus Söder seine Zukunft sieht, der Abiturient vom Albrecht-Dürer-Gymnasium in Nürnberg. Acht Jahre später wird der Journalist Jan Engelhardt im linksalternativen Nürnberger Stadtmagazin »Plärrer« im ersten nennenswerten Söder-Porträt bei dem Jungpolitiker »einen Hang zur Biederkeit« feststellen und von ihm Argumente hören »wie von einem Siebzigjährigen, dem nach einem entbehrungsreichen Leben die Welt gedanklich mehr und mehr aus dem Ruder läuft«.
Markus Thomas Theodor Söder wird am 5. Januar 1967 in Nürnberg geboren. Als Sohn von Max, Jahrgang 1930, und seiner acht Jahre jüngeren Frau Renate Söder. Die Familie lebt im Stadtteil Sündersbühl unweit der Stadtgrenze zu Fürth in einer Doppelhaushälfte, die sie gekauft und erweitert hat. Für Max Söder kein Problem, schließlich ist er vom Fach. Dem Maurermeister gehört eine kleine Baufirma in der Adam-Klein-Straße im Nachbarviertel Gostenhof. Fünf bis zehn Arbeiter beschäftigt er, je nach Auftragslage, und ist spezialisiert auf Abbruch- und Renovierungsarbeiten. Nach Sündersbühl war die Familie aus der Nürnberger Südstadt gezogen, nachdem Heike geboren und die vorherige Wohnung zu klein geworden war. Heike Söder, das ist Markus’ jüngere Schwester.
Das Wohngebiet, in dem die Söders nun leben, ist damals ein Kleine-Leute-Viertel. Kleine Leute allerdings, die es schon zu etwas gebracht haben und darauf stolz sind. Sie haben es nicht ganz nach oben geschafft, aber sie sind die soziale Leiter doch ein, zwei Sprossen hochgestiegen. Sie müssen nicht mehr zur Miete leben, sie haben ihr eigenes Häuschen, das sich die meisten von ihnen vom Mund abgespart haben.
Das ist das Milieu, das den Politiker Markus Söder sein Leben lang prägen wird. Das er auch dann weder vergisst noch abschüttelt, als er längst in Dienstlimousinen chauffiert und von Leibwächtern begleitet wird. Als er mit einer reichen Frau aus bestem Nürnberger Industrieadel in einem großen, schönen Haus lebt, im Osten der Stadt, in einem der sprichwörtlich besseren Viertel. Der Politiker Markus Söder macht nicht viel Aufheben um seinen sozialen Aufstieg, er protzt nicht, nicht mit Kleidung, nicht mit teuren Hobbys, nicht mit fetten Autos.
Es heißt, er gehe akribisch mit Abrechnungsbelegen um, trenne selbst bei kleinsten Beträgen penibel zwischen Ausgaben für Privates, Ministeramt und Partei. Er zahle im Zweifel lieber etwas aus eigener Tasche, als sich angreifbar zu machen. Nichts würde er sich weniger verzeihen, als über so einen Fehler zu stolpern. Und er leidet auch nicht erkennbar daran, dass die feine Gesellschaft der vormaligen Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg lange mit ihm fremdelt. Die Arrivierten sehen in ihm den Emporkömmling und Straßenkämpfer. Aber um materiellen und sozialen Aufstieg geht es Markus Söder nicht, das ist für ihn nur ein angenehmer Nebeneffekt. Es geht ihm immer um Macht.
Dazu gehört auch die Macht über seine eigene Geschichte. Die Geschichte, die der Politiker Söder mit viel erzählerischer Freiheit Stück für Stück zusammenpuzzelt, ist die vom wundersamen Aufstieg eines Maurersohns aus Nürnberg-West. Wenn man ein wenig Zeit mit ihm verbringt, hört man von ihm vermutlich den Satz: »Der kleine Markus aus der Westvorstadt, und jetzt sitze ich hier als Finanzminister.« Mittlerweile kann man »Finanzminister« streichen und »Ministerpräsident« einfügen. »Dafür bin ich dankbar«, sagt Söder. »Das war nicht vorgesehen.« Seinen Weg in die Münchner Staatskanzlei will er besonders gewürdigt sehen, weil er im biederen Sündersbühl begann: »Hier kriegt man nichts geschenkt. Hier gibt es keinen billigen Schnaps.«
Söder tut im Wahlkampfjahr 2018 alles, um seine Version seiner Geschichte unter die Leute zu bringen. Er will sein Image als Machtmensch und Urheber von »Schmutzeleien« korrigieren, deshalb erlaubt er mehr private Einblicke als die meisten anderen deutschen Politiker. Seine Kinder hält er zwar strikt vor der Öffentlichkeit verborgen, aber er spricht über seine Eltern und seine Frau, seinen Glauben und seinen Hund. Selbst in der CSU schütteln da viele den Kopf, »infantil« sei das, er solle sich »auf Sachthemen konzentrieren«. Doch Söder hat sich sogar ein eigenes Veranstaltungsformat für seine selbstbezüglichen Plaudereien ausgedacht, »Söder persönlich«. Die CSU lädt dazu in Kinosäle zu Popcorn und Cola. Schon auf dem Plakat wird Söder inszeniert wie ein Hollywoodstar. Und der Abend folgt dann natürlich einem sehr genauen Drehbuch. Umso interessanter ist es, Söders Geschichte mal sehr nüchtern zu erzählen.
Mit Politik hat man im Hause Söder in der Manteuffelstraße wenig am Hut. Sich engagieren und einmischen bringe nur Ärger, predigt der Großvater, ein Autohändler. Geradezu demonstrativ unpolitisch ist die Familie. Es wird nicht groß debattiert, dennoch ist völlig klar, dass ein Söder niemals Sozialdemokrat oder – Gott bewahre – Kommunist sein könnte. Markus Söder erzählt die Geschichte, wie er als Bub vom Spielen einen roten Aufkleber heimbrachte, »Willy wählen« stand darauf, es lief der Bundestagswahlkampf 1972. Sein Vater, sagt Söder, habe ihn so richtig ins Gebet genommen: »Seitdem weiß ich: SPD bedeutet Ärger.« Max Söder ist überzeugter CSU-Wähler, Ehefrau Renate ist sogar Mitglied der Partei, wenn auch rein passiv. Sie wird den Aufstieg ihres Sohnes bis zu ihrem frühen Tod mit mehr Euphorie und Stolz begleiten als der Vater.
Wenn Markus Söder seine Kindheit und Jugend schildert, dann überzieht er die kleinbürgerliche Welt mit weichen Farben. »Ich wuchs sehr behütet auf«, sagt er. Seine Mutter sei eine fürsorgliche und liebevolle Frau gewesen. Der Vater habe ihm immerhin seine ersten »Fix und Foxi«-Comics geschenkt und ihn die ersten beiden Male ins Fußballstadion »zum Club« mitgenommen, zum 1. FC Nürnberg. Beides, Fan von Comics und vom 1. FC Nürnberg, ist Söder bis heute. Beim »Club« saß er sogar einige Jahre im Aufsichtsrat. Seinen Vater, sagt er, habe er aber »eigentlich immer arbeitend erlebt«.
Wer Söders Erzählungen mit den Erinnerungen alter Bekannter, Freunde und Nachbarn abgleicht, erhält ein vielschichtiges, härteres Bild vom Leben im Hause Söder. Dort sind demnach die Rollen klar verteilt, wie bei vielen deutschen Kleinfamilien in den Siebzigerjahren. Gesellschaftliche Umwälzungen machen vor der Haustür halt. Die Studentenbewegung und die Hippies, überhaupt die neue gesellschaftliche Liberalität, sind auch gedanklich weit, sehr weit weg von Nürnberg-Sündersbühl. Renate Söder, eine gelernte Bankkauffrau, kümmert sich um die Familie und den Haushalt. Max Söder verlässt frühmorgens nach Kaffee und der Lektüre der Lokalzeitung das Heim in Richtung Betrieb oder Baustelle. Abends kommt er selten vor 19 Uhr nach Hause.
Der Vater ist der Patriarch. »Chef« soll ihn die Mutter sogar genannt haben, wenn er nicht dabei war und sie vor den Kindern über ihn sprach. Es heißt, Max Söder wäre am liebsten Lateinlehrer geworden. Er war selbst Schüler am Dürer-Gymnasium wie später sein Sohn, doch auf ihn warteten – wie auf viele junge Menschen seiner Zeit – unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg andere Aufgaben. Nürnberg war zerbombt, was reichlich Aufbauarbeit für den elterlichen Maurerbetrieb bedeutete. Also stieg Max Söder nach der Schule in das Geschäft ein und übernahm es später.
»Markus stammt nicht aus so kleinen Verhältnissen, wie er immer behauptet«, sagt einer, der ihn lange kennt. Der Familienbetrieb sei im Wirtschaftswunder ziemlich gut gelaufen. Nürnbergern sagt man nach, ihre Pelzkragen in protestantischer Bescheidenheit nach innen zu tragen, um nur ja nicht zu zeigen, wie gut es ihnen geht. Auch die Söders führen ihren Wohlstand nicht vor. Unter der Woche wird gearbeitet, und am Sonntag geht es hinaus ins Umland. Zum Spazierengehen in die Wälder bei Heroldsberg und zum Abendessen im Gasthof »Rotes Ross«, bevorzugt fränkischen Sauerbraten oder Stadtwurst. Oder zu Verwandten nach Wilhermsdorf im heutigen Landkreis Fürth. Und einmal im Jahr steht Familienurlaub an, in Aschau im Chiemgau und selbstverständlich immer im selben Hotel.
Markus Söder erzählt viel und gerne davon, wie es so mit 16, 17 Jahren bei ihm zuging – über seine Kindheit erzählt er fast nichts. Auch Jugendfreunde und Bekannte der Familie wissen kaum etwas – oder geben sich verschlossen. Manche sagen, der kleine Markus sei ein Einzelgänger gewesen, ein Außenseiter gar, pummelig, unsicher, mit nur wenigen Freunden, verhätschelt von der gütigen Mutter und streng angefasst vom rauen Vater. Viele Jahre später wird »Die Zeit« frühere Nachbarn zitieren, der kleine Markus sei als ganz kleiner Junge schon auffallend zappelig gewesen, habe sich nie dreckig gemacht, selten mit anderen Kindern gespielt und sich überhaupt um Spielkameraden bemühen müssen.
Ein Rätsel ist bis heute das Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Heike. Lange schon ist sie aus Nürnberg fortgezogen und lebt heute mehrere Hundert Kilometer entfernt. Selbst bei gründlicher Recherche findet man kein Foto der Geschwister, nicht einmal einen Schnappschuss, kein Bild, auf dem beispielsweise die stolze Schwester mit dem erfolgreichen Bruder einen Wahlsieg feiert. Nichts deutet darauf hin, dass sie Anteil nahm oder nimmt an seiner Karriere.
Umgekehrt wird Markus Söder – der gern redet und am liebsten über sich selbst – einsilbig, wenn er auf seine Schwester angesprochen wird. Sie habe mit seiner politischen Arbeit nichts zu tun, wolle Privatperson bleiben, und das solle man respektieren. Jede Nachfrage, jeden Versuch einer gesprächsweisen oder tatsächlichen Annäherung an die Schwester blockt er kategorisch ab. Es gibt alte politische Freunde, die sich nicht daran erinnern, Heike Söder jemals gesprochen zu haben. Andere versichern, sie wüssten nicht, was aus ihr geworden sei. »Er tut manchmal so, als gäbe es Heike gar nicht«, sagt einer.
Weit komplizierter noch als das Verhältnis unter Geschwistern ist bekanntlich jenes zwischen Vätern und Söhnen. Psychologen kennen unzählige Beispiele bedeutender Männer, die als Kinder unter ihren dominanten Vätern litten oder ehrfurchtsvoll zu ihnen aufblickten. Für sie waren die Väter Hassobjekte oder Helden, gegen die sie aufbegehrten oder denen sie es einfach beweisen wollten. Oft mussten diese Söhne hart um die Anerkennung der Alten ringen und litten darunter, dass genug in ihrem Fall nicht genug war, und gut nie gut genug. Es geht da auch um verletzten Stolz, um wechselseitig unerfüllte Erwartungen. Und oft tun sich gerade dominante Väter schwer damit, dass da an ihrer Seite einer heranwächst, der selbst einmal führen will. Vater-Sohn-Beziehungen sind nicht selten von Rivalität bestimmt und konfliktreich.
»Söder definiert sich nicht über seine Herkunft oder seine Familie, sondern ausschließlich aus sich selbst heraus«, sagt jemand aus Nürnberg, der ihn näher kennt. Doch auch bei Markus Söder ist in seinem Verhältnis zum Vater ein Schlüsselthema seines Lebens zu sehen, das naturgemäß in die politische Karriere abstrahlt. Und das zum Teil seinen unbändigen Ehrgeiz und Fleiß, seine Ungeduld und Umtriebigkeit erklären könnte, die ihm keine Ruhe gelassen haben, bis er zum Ministerpräsidenten aufstieg. So lassen sich auch viele Aussagen von Markus Söder selbst deuten. Er hat das Bild seines Vaters immer wieder auf Facebook oder Instagram gepostet, er hat ihn in Reden und Interviews erwähnt, ungewöhnlich oft für die Sitten der deutschen Politik, die das Private weitgehend aus dem öffentlichen Raum verbannen.
Für eine besondere Rolle des Vaters sprechen auch Söders Empfindlichkeiten. Er kann sich zwar über negative Medienberichte kolossal aufregen, aber als einer, der gern austeilt, ist er schon auch hart im Nehmen. Er muss ja praktisch pausenlos Unfreundliches über sich lesen, sehen und hören. Söder beteuert, er wandle Angriffe in positive Energie für sich um. Er wolle sich mediale Kritik wirklich nicht auf den Buckel laden, denn dann würde er irgendwann ja gebeugt durchs Leben gehen, sagt er oft. Mit einer Ausnahme.
Nun gibt es aber Menschen in Nürnberg, die behaupten, der Vater habe im handwerklich unbegabten Sohn zumindest ein Weichei gesehen. Und der Sohn wiederum wolle deshalb sein ganzes Leben schon dem dominanten Vater das Gegenteil beweisen, sogar posthum noch. Max Söder ist 2002 gestorben, ein Jahr, bevor sein Sohn CSU-Generalsekretär wurde und damit vom kleinen Abgeordneten zum Spitzenpolitiker aufstieg. War der Vater womöglich der Grund dafür, dass der Junge irgendwann in der Pubertät den Ehrgeizturbo anwarf und seither Unmengen an Kraft für etwas freisetzt, das dem Vater suspekt war?
Viele aus dem Umfeld des Sohnes sagen heute, das sei für den Jungen prägend gewesen. Vielleicht wünscht sich der Patriarch insgeheim tatsächlich, dass der Sohn ins Baugeschäft einsteigt und die Firma übernimmt. Doch in handwerklichen Dingen zeigt Stammhalter Markus weder Neigung noch Talent. Das Baugeschäft wird vom erstrebenswerten Ziel sogar zum Druckmittel degradiert, als die Schulnoten des Sohnes in der achten, neunten Klasse pubertätsbedingt schwanken. »Entweder du schaffst die Schule, oder du gehst auf den Bau«, soll der Vater gesagt haben.
Abseits der Familie stolziert der junge Söder in Jeans, Cowboystiefeln und weiten Hemden durch die Nürnberger Weststadt. Fotos seines damaligen Styles hat der Politiker Söder inzwischen gewohnt freigiebig bei Instagram geteilt – gleichermaßen zu Begeisterung und Entsetzen des Publikums. Die Cowboystiefel, sagt ein alter Bekannter, habe Söder noch lange getragen, was nicht zwingend nur modische Hintergedanken gehabt haben muss: »Er hat bei der Jungen Union sicher auch Stimmen gekriegt, weil er cooler rüberkam als die anderen.«
Daneben spielt er als Jugendlicher Tennis, damals der Sport der bürgerlichen Aufsteiger. Fußball soll der Mutter zu gefährlich gewesen sein, zu dreckig vielleicht und womöglich sogar zu proletarisch. Wie Schwester Heike schwingt Markus Söder den Schläger beim ATV Nürnberg, gibt zeitweise sogar Tennisstunden und bringt es immerhin bis in die vierthöchste Liga in Bayern. Natürlich wird Boris Becker einer seiner Helden, der 17-jährige Wimbledon-Sieger des Jahres 1985. Und er hat etwas für den Amerikaner Brad Gilbert übrig, der bekannt dafür ist, seine Gegner zu zermürben. Gilbert wird nach seiner Karriere ein Buch schreiben, es heißt: »Winning Ugly«, hässlich gewinnen.
Markus Söder wird später selbst zu Protokoll geben, eine Kundgebung von Franz Josef Strauß am Nürnberger Hauptmarkt sei sein persönlicher politischer Urknall gewesen. Der ihn direkt in die Politik katapultiert, aus seinem Schülerleben heraus, in dem er es nie zum Klassensprecher bringt und erst recht nicht zu einem der Schülersprecher des Dürer-Gymnasiums. Dafür ist er einfach zu unbeliebt und zu sehr politischer Außenseiter.
Linke Lehrer gehen Markus Söder auf die Nerven, mehr noch als seine Mitschüler. Aber er sieht in den Lehrern auch eine Herausforderung, sieht sie als altersmäßig überlegene Kontrahenten, die es in der Diskussion niederzuringen gilt. Sie zwingen ihn, präzise zu argumentieren, seine Positionen klar zu fassen und auch gegen Widerstände zu verteidigen. Gegenwind drückt ihn nicht nieder, Gegenwind richtet ihn auf. Da kämpft einer um Anerkennung, indem er seine Außenseiterrolle pflegt. Da lebt einer am liebsten im Konflikt.
Das Dürer-Gymnasium selbst scheint die Ära der Schülers Markus Söder aus seinen Annalen gestrichen zu haben. Nein, lässt die Schulleitung auf Anfrage mitteilen, es gebe nichts im Archiv, was das Schülerleben des prominenten Absolventen etwas transparenter machen würde. Kein Jahresbericht, keine Abiturzeitung, nichts. Der Direktor lässt sich gar nicht erst sprechen, und die Reaktionen seiner Mitarbeiter erwecken den Eindruck, dass die Schule sich nicht wirklich damit schmücken möchte, einen späteren Ministerpräsidenten zum Abitur geführt zu haben.