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Luther: Deutschlands erster Mutbürger

Von Fred Langer

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Luther – Sein Leben: Tarnname: Junker Jörg

Wie es weiterging: So hat Luther das nicht gewollt

Luther: Deutschlands erster Mutbürger

Er schafft eine neue gesellschaftliche Sphäre: die Öffentlichkeit. Er findet eine weltbewegende Zukunftsformel: Bildung für alle. Und entfesselt eine Medienrevolution, so umwälzend wie die unserer Tage

Von Fred Langer

Am 31. Oktober 1517 steht Luther als 33-jähriger Mönch in schwarzer Kutte vor dem Kirchenportal in Wittenberg. Mit entschlossenem Blick hämmert er seine 95 Thesen an die Tür, umgeben von einer fiebrig erregten Menschenmenge. Eine Schlüsselszene der deutschen Geschichte. Mit ihr soll, vor nun 500 Jahren, die Reformation begonnen haben.

Doch es ist wohl alles nur eine romantische Projektion. Die Tür der Schlosskirche dient seinerzeit als Schwarzes Brett der Wittenberger Universität, an der Martin Luther, Augustinermönch und Doktor der Theologie, einen Lehrstuhl für Bibelauslegung innehat. Nicht Luther, sondern ein Mitarbeiter wird den Aushang angeheftet haben. Wenn überhaupt.

Der Professor gibt darin im Stil einer akademischen Disputation zu Bedenken, dass der Mensch nur von der Gnade Gottes errettet werde. Gottes Gnade aber sei allein durch den Glauben zu erlangen. Kein Mensch kann sie folglich kaufen – oder verkaufen. Und also seien die Ablassbriefe, die von der Kirche in Umlauf gebracht werden, damit Gläubige gegen gutes Geld einen Erlass ihrer Sündenstrafen im Fegefeuer erwerben, das Zeugnis einer Irrlehre.

Die 95 Thesen sind nur einem Fachpublikum verständlich, das die Feinheiten der theologischen Debatte kennt. Für die große Mehrheit bleiben sie schon deshalb unverständlich, weil sie in der Gelehrtensprache Latein verfasst sind. Erst später werden sie auf Deutsch erscheinen. Nein, diese „Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum“ ist kein öffentlicher Aufreger. Der kommt erst einige Monate später. Dann aber umso gewaltiger.

Im März 1518 nämlich geht Luther einen radikal neuen Weg. Er bringt seine Ideen aus dem Hörsaal auf die Straße. Er schreibt die 95 sperrigen Thesen in 20 knappe Absätze um, kaum einer mehr als drei oder vier Sätze lang. Direkt, auf den Punkt, vor allem aber: auf Deutsch. Eine Sensation in einer Zeit, da 90 Prozent aller Druckwerke auf Latein erscheinen.

Im „Sermon von Ablass und Gnade“, so der Titel des kleinen, explosiven Werkes, sagt Luther den Menschen klipp und klar: „Du sollst vor allen Dingen deinem nächsten Armen geben, wenn du etwas geben willst“ – und nicht unnütze Ablassbriefe kaufen, mit deren Erlös der Papst Prestigeobjekte wie die Peterskirche in Rom finanziert. Der „Sermon“ ist gleichermaßen Frontalangriff auf das päpstliche Geschäftsmodell und Befreiungsschlag für die einfachen Gläubigen. In zehn Minuten zu lesen. Oder vorzulesen.