Für Lea Bowen

Einführung

Die chinesische Herausforderung

Weltgeschichte ist nicht zuletzt, vielleicht sogar vor allem, die Geschichte großer Kulturen. Die vergangenen beiden Jahrhunderte und besonders die zurückliegenden Jahrzehnte der Globalisierung wurden entscheidend von der westlichen, christlich-abendländischen Kultur geprägt.

Im 21. Jahrhundert wird diese jedoch nicht mehr die Richtschnur sein, an der sich alle mehr oder weniger orientieren. Die Welt wird zunehmend multipolar. Vor 20 Jahren stellten die in der Gruppe der G-7 zusammengeschlossenen großen westlichen Industriestaaten plus Japan noch 44 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung (in Kaufkraft gemessen). Heute sind es nur noch etwa 30 Prozent. Gleichzeitig hat der Anteil der sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) von 18 auf über 30 Prozent zugenommen.

Die ökonomischen und politischen Gewichte haben sich von Nord nach Süd und mehr noch von West nach Ost verschoben und verschieben sich weiter. Die Globalisierung frisst ihre Kinder. Der Schwerpunkt der Weltpolitik verlagert sich vom Abendland (zurück) nach Eurasien und vom atlantischen in den pazifischen Raum.

Eine zentrale Rolle spielt dabei China, das volkreichste Land der Erde. In den vergangenen vier Jahrzehnten ist das »Reich der Mitte« (Zhongguo), wie es sich selbst nennt, von einem der ärmsten Entwicklungsländer zur größten Handelsnation und nach Kaufkraft gemessen bereits auch größten Volkswirtschaft der Erde aufgestiegen, zu einer Weltmacht, die an Bedeutung nur noch von den USA übertroffen wird. Trotz zuletzt deutlich geringerer Dynamik entfallen auf das Land rund 40 Prozent des Wachstums der globalen Wirtschaft. Somit ist bereits jetzt das Wohlergehen der gesamten Menschheit eng mit dem des fernöstlichen Riesenreichs verknüpft. Und in der Zukunft wird dies noch mehr der Fall sein.

China ist in seiner Entwicklung an einer entscheidenden Schwelle angekommen: Gelingt es ihm, über sie hinwegzukommen, seine Wirtschaft tiefgreifend umzustrukturieren und auf das Niveau führender Industriestaaten anzuheben? Oder scheitert es daran, wie schon so viele andere Länder vor ihm, bricht die einzigartige Erfolgsgeschichte ab und die Wirtschaft stagniert bzw. verfällt oder kollabiert sogar?

Eng verbunden damit ist auch die Frage, welchen politischen Weg China künftig gehen wird. Bleibt es bei dem autoritären Herrschaftssystem, verhärtet sich dieses vielleicht sogar, oder nimmt es allmählich weichere Formen an und ist eines nicht allzu fernen Tages womöglich eine demokratische Verfassung denkbar? Und nicht zuletzt: Welche geopolitischen Ambitionen hegt die Führung in Peking? Strebt sie für das Land die Vorherrschaft in Asien an oder will sie sogar den Platz der USA als Welt-Hegemon einnehmen und eine eigene Weltordnung etablieren?

Wegen Chinas schon heute enormen wirtschaftlichen und politischen Gewichts und seiner tiefen Verflechtung in die internationale Arbeitsteilung sind diese Fragen für die gesamte Welt und nicht zuletzt für Deutschland von größter Bedeutung. David Shambaugh, renommierter Politik-Professor an der George Washington Universität, betrachtet die künftige Entwicklung Chinas als »die wichtigste Frage der Weltpolitik«. Auf dem Spiel steht dabei nicht nur unser Wohlstand, sondern auch unsere Identität – und der Weltfrieden. Hierzulande bisher weithin unbeachtet ist zwischen den USA und China seit Jahren ein geopolitischer Wettbewerb im Gange, den Liu Mingfu, ehemals Dozent an der Nationalen Verteidigungsuniversität in Peking, als das »größte globale Machtspiel der Menschheitsgeschichte« bezeichnet.

Historisch betrachtet hat die Rivalität zwischen einer alten Führungsmacht und einer aufstrebenden Macht immer wieder zu Kriegen geführt. Graham Allison, Politik-Professor an der Harvard-Universität, hat 16 Fälle untersucht, in denen eine aufsteigende Nation eine etablierte Macht herausforderte. In zwölf davon kam es zum Krieg.

Bekanntestes Beispiel für diese brisante Konstellation ist die Rivalität zwischen dem vorwärtsdrängenden Athen und dem um seine Vormachtstellung fürchtenden Sparta im Altertum. Sie endete im Peloponnesischen Krieg. Dieser führte nicht nur zur Zerstörung Athens, sondern ruinierte am Ende ganz Griechenland. »Was den Krieg unvermeidlich machte, war der Aufstieg Athens und die Angst, die das in Sparta hervorrief«, so der griechische Geschichtsschreiber Thukydides. Die Konstellation wird daher allgemein als »Thukydides-Falle« bezeichnet.

Heute beunruhigt das aufsteigende China die dominierende Weltmacht USA. Im Weißen Haus in Washington wird Thukydides’ Werk über den Peloponnesischen Krieg als eine Art Menetekel betrachtet. Nicht nur Stephen Bannon, der Donald Trump als Wahlkampfmanager zuerst zum Präsidenten machte und ihm in den ersten Monaten im Amt dann als oberster strategischer Berater diente, auch Sicherheitsberater H.R. McMaster sowie Verteidigungsminister James Mattis zählen es zu ihren Lieblingsbüchern. Bannon sieht die USA schon seit längerem in einem »Wirtschaftskrieg« mit China, auf Sicht von fünf bis zehn Jahren hält er sogar einen Schießkrieg zwischen beiden Ländern im Südchinesischen Meer für »unvermeidlich«.

Wenige Wochen nach Trumps Amtsantritt ließ McMaster zwei Dutzend Exemplare von Allisons Buch über die Thukydides-Falle bestellen und empfahl sie seinen Mitarbeitern zur Lektüre. Wenig später wurde der Autor selbst eingeladen, den Nationalen Sicherheitsrat zu dem Thema zu briefen, ob es auch zwischen den USA und China zum Krieg kommen werde wie zwischen Sparta und Athen.

Allisons Antwort: Ein solcher Krieg sei zwar »nicht unvermeidlich«, aber »sehr viel wahrscheinlicher als derzeit wahrgenommen«. Aus »übersteigerten Gefühlen der eigenen Bedeutung« werde auf der Seite der aufsteigenden Macht leicht »Hybris«; aus »unvernünftiger Furcht« entwickle sich auf Seiten der vorherrschenden Macht schnell »Paranoia«. Gerade in Zeiten moderner Cybertechnologie, die es ermöglicht, den Kontrahenten blind zu machen und seine Befehlsstrukturen lahmzulegen, ergibt sich aus einer solchen Gemütsverfassung ein besonders hohes Eskalations- und Kriegsrisiko.

Auch der Politikwissenschaftler Aaron Friedberg von der Princeton-Universität sieht die Zukunft der amerikanisch-chinesischen Beziehungen düster: »Wenn China immer reicher und stärker wird, ohne sich zu einer liberalen Demokratie zu entwickeln, wird die gegenwärtig noch zurückgenommene Rivalität offener zutage treten und zu etwas Gefährlichem aufblühen.«

Für Professor John Mearsheimer von der Universität Chicago, der sich ebenso wie Allison intensiv mit dem Problem der Thukydides-Falle beschäftigt hat, gibt es gar kein Wenn mehr. Die Frage, ob China »friedlich aufsteigen« kann, beantwortet der einflussreiche Politikwissenschaftler mit einem klaren »Nein«.

Derselben Meinung ist offensichtlich auch Shinzo Abe, Regierungschef von Chinas Nachbar Japan. Schon 2014 verglich er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Pekings zunehmendes Selbstbewusstsein und seine territorialen Besitzansprüche im Süd- und Ostchinesischen Meer mit der Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damals sah sich die etablierte Seemacht England durch das große Flottenbauprogramm des deutschen Kaiserreichs herausgefordert.

Eine Studie der RAND-Corporation im Auftrag der US-Armee (Titel: »War with China: Thinking Through the Unthinkable«) kam 2016 zu dem Ergebnis, ein Krieg zwischen den USA und China sei schon in den kommenden zehn Jahren »nicht unvorstellbar« und jedenfalls »realistisch genug, um eine umsichtige Politik zu verfolgen und effektive Vermeidungsmaßnahmen zu ergreifen«. Das Pentagon hat seine strategische Planung für Asien bereits entsprechend angepasst, spielt seit längerem mögliche Eskalationsszenarien durch und veranstaltet regelmäßig dazu passende Kriegsspiele. Genauso wie das Verteidigungsministerium in Peking.

Mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus hat sich die Lage zwischen den beiden Großmächten weiter zugespitzt. Trump beklagt schon seit vielen Jahren, die USA würden von China »ausgeplündert«. Der Präsident denkt ähnlich wie sein ehemaliger Berater Bannon, der das christlich-jüdische Amerika in einem »globalen Existenzkampf« mit dem islamistischen Terrorismus einerseits und dem gottlosen Kommunismus in Gestalt von China andererseits sieht. »Die fundamentale Frage unserer Zeit«, so Trump in einer Grundsatzrede bei seinem Staatsbesuch in Polen im Juli 2017, sei die Frage, »ob der Westen den Willen hat zu überleben«.

Auch nach Bannons Ausscheiden aus dem Präsidententeam gibt es im Weißen Haus eine Reihe führender Mitarbeiter, die ihren Chef in seiner Haltung zu China bestärken. Zu ihnen zählen vor allem der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer sowie Peter Navarro, Chef des Büros für Handel und Industrie.

Lighthizer, ein erklärter Wirtschaftsnationalist, macht China für »die Krise der US-Industrie« verantwortlich. Der Wirtschaftsprofessor Navarro hat in Büchern wie »The Coming China Wars«, »Death by China« und zuletzt »Crouching Tiger – What Chinas Militarism Means for the World« seit Jahren einen konfrontativen Kurs gegen den fernöstlichen Rivalen vertreten. Peking ist für ihn »das neue Herz der Finsternis«.

Wenngleich ein heißer Krieg zwischen den USA und China zumindest in absehbarer Zukunft eher unwahrscheinlich ist – ein neuer Kalter Krieg wie einst zwischen Washington und Moskau, zumindest aber ein Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt steht ernsthaft zu befürchten. Trotz intensiver ökonomischer Verbindungen, so der Buchautor und China-Kenner James Bradley, führe über den Pazifik »nur eine schmale und wacklige Brücke der Gemeinschaft«.

Die Landbrücke der Gemeinschaft von Europa nach China ist leider kaum breiter und stabiler. Das bilaterale Klima hat sich hier zuletzt ebenfalls deutlich eingetrübt. Die chinakritischen Stimmen nehmen auch auf diesem Kontinent ständig zu. Wegen heftiger Meinungsverschiedenheiten über Handels- und Investitionsfragen endete der jährliche EU-China-Gipfel im Juni 2017 schon zum zweiten Mal in Folge ohne eine gemeinsame Abschlusserklärung.

Obwohl China nun seit über anderthalb Jahrzehnten der Welthandelsorganisation WTO angehört, verweigern ihm EU und USA nach wie vor den einst versprochenen Status einer Marktwirtschaft und damit verbundene Handelserleichterungen. China hat bei der WTO dagegen Klage erhoben und wird wohl auch recht bekommen.

Die Europäische Kommission wirft China vor, Kosten und Preise einzelner Güter durch staatliche Eingriffe zu verzerren, und hat ein neues Anti-Dumping-Regelwerk beschlossen, das an diesem Verdacht ansetzt. Daneben will sie ähnlich wie die USA chinesischen Investoren, die sie als staatsnah betrachtet, die Übernahme von Hightech- und sicherheitsrelevanten Unternehmen in Europa verwehren.

Die Aversion gegenüber China beschränkt sich auch in Europa nicht nur auf Fragen des wirtschaftlichen Wettbewerbs, sondern reicht tiefer. Eine Bemerkung des deutschen EU-Kommissars und ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger hat dies 2016 schlaglichtartig sichtbar gemacht. Oettinger bezeichnete Chinesen öffentlich als »Schlitzaugen« und spottete über Gesprächspartner aus Peking, alle hätten »die Haare mit schwarzer Schuhcreme von links nach rechts gekämmt«.

Oettingers Chinesenbild ist, bewusst oder unbewusst, offenbar durch die Gestalt des Dr. Fu Manchu aus der vielfach verfilmten gleichnamigen Romanserie geprägt, in der der chinesische Finsterling mit teuflischen Methoden versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Und wie Oettinger geht es vielen im Westen.

Bahnt sich zwischen dem in die Defensive geratenen Westen und dem vorwärtsstürmenden China also ein »Zusammenprall der Kulturen« an, vor dem der Politikwissenschaftler Samuel Huntington in seinem gleichnamigen Bestseller schon 1996 gewarnt hat und den wir in anderer Form mit Teilen der islamischen Kultur bereits heute erleben?

In den vergangenen Jahren, so Stephen Schwarzman, Eigentümer der amerikanischen Investmentgesellschaft Blackstone Group, seien ihm »die großen Kulturunterschiede« zwischen dem Westen und China immer »bewusster geworden« und hätten ihn zunehmend »beunruhigt«. Es gelte »eine Kluft des Verstehens zu überbrücken, um die Welt sicherer zu machen«, so Schwarzman – und spendete Hunderte Millionen seines Vermögens für ein hochkarätiges Stipendiaten-Programm, bei dem künftige Führungskräfte aus aller Welt China besser kennenlernen sollen.

Auch wenn der Zusammenprall des Westens mit dem fernöstlichen Riesenreich anders als der mit dem islamistischen Terrorismus – bisher zumindest – vor allem auf dem Feld der Wirtschaft ausgetragen wird, stellt er für die bestehende Weltordnung doch die weitaus größere Herausforderung dar. »Der Westen hat keine Ahnung, was ihn mit Chinas Aufstieg erwartet«, so Kevin Rudd, ehemals Regierungschef von Australien und einer der besten China-Kenner in der internationalen Politik. Die USA, als globaler Hegemon und Hüter der Pax Americana an erster Stelle von diesem Aufstieg betroffen, werden sich der Herausforderung zunehmend bewusst. Hierzulande lassen die Aufmerksamkeit für und Beschäftigung mit dem »Reich der Mitte« und dem epochalen Zeitenwandel, den es erfährt, dagegen weiter sehr zu wünschen übrig. Gerade heute, da China den Westen »zum ersten Mal real bedrängt«, konstatiert Mark Siemons, langjähriger Feuilleton-Korrespondent der »F.A.Z.« in dem Lande, wirke sich »dieser blinde Fleck besonders fatal aus«.

Deutschland kann es jedoch nicht gleichgültig sein, wenn die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China um Platz eins in der Hierachie der Weltmächte auf einen Handelskrieg oder gar eine militärische Auseinandersetzung zutreibt. Unser Wohlstand hängt in besonderem Maße von Frieden, freiem Handel und einer florierenden Weltwirtschaft ab.

Mehr noch als der islamistische Terror droht ein Fernost-West-Konflikt die gesamte Welt ins Chaos zu stürzen. Ein Krieg, selbst wenn nur regional und auf konventionelle Waffen begrenzt, würde einer Studie der RAND-Corporation zufolge eine globale wirtschaftliche Depression wie in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts auslösen. Schon ein Handelskrieg der USA mit China zöge eine schwere Rezession nach sich.

Nach Jahrzehnten der Globalisierung ist die Weltwirtschaft bereits viel zu stark verflochten, als dass ein Konflikt zwischen zwei so großen Ländern sich auf diese begrenzen ließe. China und die USA stellen zusammen rund 40 Prozent des globalen Sozialprodukts, fast ein Drittel aller Auslandsinvestitionen und ein Viertel aller Exporte.

25 Prozent der gesamten amerikanischen Importe kommen aus China. Höhere Zölle, Steuern oder Abgaben darauf würden die Inflation in den USA anfachen, die Notenbank müsste die Zinsen erhöhen, der Dollar stiege auf neue Höhen, die Ausfuhr des Landes ginge – nicht zuletzt durch entsprechende Vergeltungsmaßnahmen Pekings – spürbar zurück. Und mit ihm das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft. Das wiederum ließe auch die US-Einfuhr aus anderen Ländern einbrechen, allen voran aus Deutschland.

Auch China käme ins Schlingern. 15 Prozent seiner wirtschaftlichen Wertschöpfung entfallen auf den Export. Das größte Abnehmerland sind die Vereinigten Staaten, die größte Abnehmerregion ist Südostasien. Diese ist zum Teil stark in US-Dollar verschuldet. Ein hoher Dollarkurs würde ihre Wirtschaft und mit ihr den chinesischen Export dorthin schwächen.

Ein Rückgang des Wachstums in den beiden größten Volkswirtschaften und der wachstumstärksten Region der Welt ließe zudem die Rohstoffpreise verfallen und brächte damit auch die rohstoffproduzierenden Länder in Bedrängnis. Die Schleifspur zöge sich so immer weiter durch die Weltwirtschaft und würde nicht zuletzt den Exportweltmeister Deutschland hart treffen.

Nie zuvor war unsere Zukunft daher mehr mit der von China verbunden als heute. In den Augen des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping sind Deutschland und China ökonomisch sogar bereits »unverzichtbar« füreinander geworden.

Zumindest sind sie füreinander die größten Handelspartner in ihrer jeweiligen Weltregion. Tag für Tag tauschen sie Waren im Wert von fast einer halben Milliarde Euro aus. Im Hamburger Hafen werden sieben Mal so viele Container aus China umgeschlagen wie aus den USA. Für Deutschlands Unternehmen ist das fernöstliche Riesenreich inzwischen der wichtigste Absatzmarkt überhaupt. Der VW-Konzern etwa verkauft dort allein 40 Prozent seiner gesamten Automobile.

Mehr als 8000 deutsche Unternehmen mit über 30 000 deutschen Experten sind in China tätig. Umgekehrt sind es bereits über 1000 chinesische Unternehmen bei uns, und ihre Zahl nimmt rapide zu.

In Deutschland leben inzwischen rund 150 000 Chinesen. Ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr. 2016 schnellte allein in Frankfurt die Zahl der beim Einwohnermeldeamt mit Erstwohnsitz registrierten Chinesen von zehn- auf vierzehntausend in die Höhe.

Über 8000 Deutsche studieren in China. Fast 50 000 Chinesen studieren bei uns – die größte Gruppe unter den ausländischen Hochschülern. Hinzu kommen Tausende Internatsschüler. Ihre Zahl steigt so schnell, dass immer mehr Schulen sich gezwungen sehen, eine Obergrenze einzuführen.

Pro Jahr besuchen gut anderthalb Millionen Chinesen Deutschland als Touristen und umgekehrt über eine Million Bundesbürger das »Reich der Mitte«. Allein die Lufthansa fliegt mehr als 70 Mal in der Woche chinesische Metropolen an. Die meisten Flüge sind ausgebucht.

Regierungsvertreter und Abgeordnete aus Berlin und Peking reisen regelmäßig zu Konsultationen hin und her. Über 90 deutsche Städte und Bundesländer unterhalten Partnerschaften mit chinesischen Kommunen und Provinzen. Inzwischen gibt es hierzulande bereits 19 Konfuzius-Institute.

Die Deutschen haben – ob als Politiker oder Geschäftsleute, Kunden oder Touristen, Kommilitonen oder Kollegen, Freunde oder Nachbarn – mit Chinesen heute also mehr zu tun als je zuvor. Nie zuvor war es daher für sie so wichtig zu wissen, wie diese denken und fühlen, salopp ausgedrückt: wie sie ticken. Denn nur so lassen sich die politischen, ökonomischen und menschlichen Chancen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens optimal nutzen und schädliche, ja womöglich zerstörerische Irrtümer und Missverständnisse vermeiden.

Chinas Geschichte und Kultur sind den meisten Menschen hierzulande jedoch nach wie vor unbekannt, das Denken, Fühlen und Handeln seiner Bürger ein Rätsel: irgendwie faszinierend, aber fremd, undurchsichtig und unbegreiflich. Der Ausdruck »Fachchinesisch« spricht für sich.

Im Geschichtsunterricht und in anderen Fächern spielt China an deutschen Schulen so gut wie keine Rolle. Selbst rudimentäre Kenntnisse über das älteste und volkreichste Land der Welt fehlen – bis in die Spitzen der Gesellschaft. Chinesisch als Fremdsprache wird immer noch viel zu selten angeboten. Im Vergleich etwa zu den USA fristet Sinologie an unseren Universitäten nur ein Schattendasein. Während sich amerikanische China-Forscher auf praktische Probleme der Gegenwart und Zukunft konzentrieren, vertiefen sich ihre deutschen Kollegen vielfach in esoterische Themen aus oft ferner Vergangenheit.

Wenn der renommierte amerikanische Geschichtsprofessor und China-Kenner Arthur Waldron angesichts der aktuellen Diskussion in außenpolitischen Zirkeln seines Landes einen »tiefgreifenden Mangel an Wissen über China« beklagt, ja von einem »schwarzen Loch« spricht, müsste er Deutschland einen schwarzen Krater bescheinigen.

In unserem öffentlichen Diskurs nimmt China immer noch kaum mehr Platz ein als ein Dritte-Welt-Land. Während sich in den USA ein gutes Dutzend angesehener Forschungsinstitute und Denkfabriken intensiv mit dem zeitgenössischen China beschäftigen, tut dies hierzulande nur das Mercator Institut für China-Studien (Merics). Erst 2017 hat das Auswärtige Amt in Berlin eine eigene Asien-Abteilung eingerichtet. Die China-Wahrnehmung und -Expertise in unseren Medien ist zum großen Teil atemberaubend mangelhaft.

Sprecher und Moderatoren der Hauptnachrichtensendungen im deutschen Fernsehen können meist nicht einmal chinesische Vor- und Nachnamen auseinanderhalten. Anders als bei anderen Sprachen geben sie sich auch kaum Mühe, sie richtig auszusprechen.

Der angesehene britische »Economist« hat 2012 für China eine eigene Rubrik eingeführt, die erste und einzige feste Länderrubrik neben der für die USA seit 1942. Die »New York Times« und das »Wall Street Journal« beschäftigen rund ein Dutzend, die Nachrichtenagentur »Bloomberg« sogar an die 50 Mitarbeiter vor Ort; deutsche Medien sind – wenn überhaupt – höchstens mit zwei bis drei Journalisten in China vertreten.

Mit ganz wenigen Ausnahmen ist ihre Berichterstattung aus dem »Reich der Mitte« gemessen an dessen wirtschaftlicher und geopolitischer Relevanz denn auch spärlich und dünn. Während jeder Tweet von US-Präsident Donald Trump seit dessen Amtsantritt hin und her gewendet wird, fand etwa die fast dreieinhalbstündige Rede des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping auf dem 19. Parteitag der KP Chinas im Oktober 2017 in deutschen Medien weithin nur oberflächliche Beachtung. Dabei stellt sie das wichtigste politische Dokument von Xis erster fünfjähriger Amtsperiode dar und gibt detailliert Aufschluss darüber, was das Land, das die Zukunft der Welt bereits heute wesentlich mitbestimmt, in den kommenden fünf Jahren und darüber hinaus vorhat. Nur der »Spiegel« hat in einer Titelgeschichte (»Xing lai – Aufwachen!«) einige Wochen danach prominent auf die chinesische Herausforderung aufmerksam gemacht und dies selbst als »Weckruf für den Westen« bezeichnet.

Meist bleibt die Berichterstattung der deutschen Medien über China aber nicht nur seicht – in der Regel ist sie auch einseitig und stereotyp. Die Themen sind immer wieder dieselben: Demokratie, Menschenrechte, Umweltverschmutzung, Technologieklau und neuerdings auch Aufrüstung. Und natürlich: Absonderliches. Oder besser, was man dafür hält.

Im Umfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking ließ die Heinrich-Böll-Stiftung rund 4000 Artikel deutscher Medien über China auswerten. Fazit: Die Journalisten hätten weithin »Klischees über China unreflektiert kolportiert«. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

So kann es kaum verwundern, wenn das Bild, das die Deutschen insgesamt von China haben, große Lücken aufweist und mehrheitlich negativ ist. Konfuzius, der wichtigste Denker des Landes und einer der bedeutendsten der Weltgeschichte, gilt den meisten, wenn sie denn überhaupt je von ihm gehört haben, als eine Art Spruchbeutel.

Kaum ein Bundesbürger weiß auch, dass China die längste Zeit der Geschichte die Weltmacht Nummer eins war. So gut wie niemandem sagt der Name Zheng He etwas, ein kaiserlicher Eunuch muslimischen Glaubens und Admiral, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, also lange vor Kolumbus und Vasco da Gama, die halbe Welt umsegelte; mit einer Flotte von über 300 Schiffen, darunter über 60 Riesenschiffe mit neun Masten, 135 Metern Länge, über 55 Metern Breite. Mit seinen 25 Metern Länge nahm sich dagegen der Dreimaster Santa Maria, in dem Kolumbus über 100 Jahre später Amerika entdeckte, wie eine Schaluppe aus.

In seinem 1620 erschienenen wissenschaftshistorischen Werk »Novum organum« schrieb der Philosoph Francis Bacon, »kein Reich, keine Religion oder Philosophie, kein Stern« habe »größeren Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit ausgeübt als die drei Erfindungen Buchdruck, Schießpulver und Magnet«. Bacon wusste damals nicht, dass alle drei in China erfunden worden waren (siehe Tafel, S. 24). Die meisten Deutschen wissen es bis heute nicht. Sie denken, China verstehe sich nur aufs Kopieren.

In der Schule lernen unsere Kinder immer noch, dass Johannes Gensfleisch aus Mainz, allgemein als Johannes Gutenberg bekannt, um das Jahr 1440 herum den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden habe, obwohl dies in Wahrheit der chinesische Druckarbeiter Bi Sheng bereits vier Jahrhunderte zuvor getan hatte. Nur blieb der schon 200 Jahre früher erfundene Blockdruck wegen der vielen Zeichen in der chinesischen Sprache lange Zeit effizienter und deshalb überwiegend weiter in Gebrauch. Fest steht: In China erschienen bereits Bücher in Millionenauflage, als in Europa Manuskripte noch per Hand kopiert wurden.

Große Kreativität

Die wichtigsten chinesischen Erfindungen


Papier (inkl. Tapeten,Toiletten- und Fensterpapier) 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Europa im 13. Jahrhundert.

Buchdruck 11. Jahrhundert. Europa im 15. Jahrhundert.

Schwarzpulver Um 250 nach unserer Zeitrechnung. Kanonen erst um 1250. In Europa Schwarzpulver erstmals 1285. Kanonen dagegen keine 100 Jahre später.

Kompass In seiner Grundform bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In verbesserter Form als Sextant im 11. Jahrhundert. In Europa erstmals 1190 erwähnt.

Mechanische Uhr Im Jahr 1086. Allerdings nur in Form großer Turmuhren. Die erste tragbare Uhr, die auf dem Schwingungsprinzip beruht, stammt aus Europa und wurde von den Jesuiten Ende des 16. Jahrhunderts nach China gebracht.

Papiergeld Kam zuerst 1024 in Umlauf. Seit dem 14. Jahrhundert bereits in ungedeckter Form. Erste Geldscheine in Europa 1483.

Seide 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. In Europa etwa im Jahr 550 unserer Zeitrechnung.

Porzellan 620 unserer Zeitrechnung. In Europa 1708.

Spinnrad Im 13. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert nach Europa importiert.

(Eiserner) Pflug 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In Europa fast 2000 Jahre später. Die landwirtschaftliche Revolution im 18. Jahrhundert in Europa wurde durch Übernahme chinesischer Agrartechniken ausgelöst. Den Entwicklungsstand, auf dem China in der Agrartechnik auch im Hinblick auf Saatgut und chemische Insektizide bereits im 12. Jahrhundert angekommen war, erreichte Europa erst im 20. Jahrhundert.

Hochofen (für Eisenschmelze) 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Erste eiserne Hängebrücke im Jahr 65 unserer Zeitrechnung. Seit dem 5. Jahrhundert Verfahren zur Stahlproduktion, welches das Siemens-Martin-Verfahren vom 19. Jahrhundert vorwegnahm. Stahlproduktion in China zu Beginn des 11. Jahrhunderts schon so hoch wie in England zu Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert.

Wasserbau Erste Flussumleitung ohne Stauwehr 256 vor unserer Zeitrechnung in Dujiangyan bei Chengdu.

Dezimalsystem Bereits 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung in China im Gebrauch, bevor es über Indien und Arabien im 15. Jahrhundert nach Europa kam.

Viele Deutsche halten China auch nach wie vor für eine Art große DDR und die Chinesen für ein konformistisches Ameisenvolk. Die Bilder von uniformen Volksmassen im sogenannten Mao-Look haben bei ihnen offenbar einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Dabei macht der Staatssektor in dem Land heute nur noch gut ein Viertel der Wirtschaft aus, der Sozialstaat ist erheblich kleiner als der deutsche, die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen um vieles größer, der Wettbewerb wesentlich härter. Dass inzwischen Millionen Deutsche China auf Urlaubs- oder Geschäftsreisen besucht haben, konnte an dem schiefen Bild über das Land seltsamerweise kaum etwas ändern. Reisen sei »fatal für Vorurteile«, sagte einst Mark Twain. In Bezug auf China trifft dies bisher nicht zu.

Selbst die meisten sogenannten Expats, die für ein deutsches Unternehmen im »Reich der Mitte« gearbeitet haben, legen oft ein erstaunliches Unverständnis darüber an den Tag, wie Chinesen denken, fühlen und handeln. Ihre Zeit verbringen sie meist in Mega-Städten wie Schanghai, die für das Riesenland so wenig typisch sind, wie Berlin es für Deutschland ist. Zudem verlassen sie China in der Regel schon nach wenigen Jahren wieder – wenn sie gerade beginnen, es ein bisschen zu verstehen. Die wenigsten dieser Gastarbeiter sprechen, geschweige denn lesen oder schreiben Chinesisch.

Wie einst die imperialistischen Eindringlinge in ihren Konzessionsgebieten leben sie meist abgesondert von der einheimischen Bevölkerung in Ausländerghettos. Am öffentlichen Leben des Landes nehmen sie kaum teil. Einheimische lernen sie oft nur als Chauffeur oder Dienstmädchen persönlich kennen. In einer Befragung von Expats in 67 Ländern rund um die Welt, wie sie sich in ihrem jeweiligen Gastland »akklimatisiert« hätten, kam China auf Platz 60. Soll heißen: Das Land bleibt ihnen fremd, ein Einleben findet kaum statt. Auch viele sogenannte »Old China Hands«, die länger in China gelebt haben und deshalb die Chinesen in- und auswendig zu kennen glauben, wissen in Wirklichkeit verblüffend wenig über sie, weil sie China nur nach ihren eigenen Maßstäben beurteilen.

Für einen Mann mit einem Hammer, so Mark Twain, sei »jedes Problem ein Nagel«. Die Maßstäbe zur Beurteilung anderer Gesellschaften liefere uns »stets die eigene Gesellschaft«. Unser Gehirn sucht bevorzugt nach einer Bestätigung der eigenen Weltsicht, weil so Botenstoffe ausgeschüttet werden, die uns glücklich machen. Was dem eigenen Vorurteil widerspricht, wird dagegen gern in Zweifel gezogen oder gleich abgelehnt.

Wo es aber an Wissen und Verständnis fehlt, blühen nicht nur Vorurteile und Stereotype, sondern auch Unsicherheit und Ängste. Chinas wirtschaftlicher Erfolg ist den meisten Deutschen unheimlich, ihre Einstellung zu dem Land schwankt seltsam hin und her: Einmal bestaunen sie die imposanten Skylines der Großstädte, die hochmodernen Einkaufszentren, Flughäfen, Eisenbahnlinien, Autobahnen, Brücken und Staudämme, bewundern den rapiden Fortschritt und die ungeheure Dynamik des Landes und fürchten sich vor der »gelben Gefahr«.

Dann wieder betrachten sie China als Scheinriesen, verweisen auf das gesunkene Wirtschaftswachstum, die hohe Verschuldung und sagen den baldigen Kollaps der chinesischen Wirtschaft samt politischem Regime voraus. Wobei oft nicht klar ist, was überwiegt: die Furcht vor den Folgen für den eigenen Wohlstand oder die Genugtuung, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf.

Meine Frau Guangyan, gebürtige Chinesin, aber schon seit über 20 Jahren in Deutschland zu Hause und längst deutsche Staatsbürgerin, hat dieser Zustand ebenso wie mich schon lange beschäftigt. Immer wieder fiel uns auf, wie fremd den Deutschen die Chinesen trotz der zunehmenden gegenseitigen Kontakte und wachsenden Bedeutung füreinander geblieben sind; wie sie abwechselnd einmal verächtlich auf sie herabschauen und dann wieder angstvoll vor ihnen zurückschrecken, sie einmal idealisieren und ein anderes Mal dämonisieren.

So sprechen etwa deutsche Mitbürger meine Frau meist wie selbstverständlich auf Englisch an. Was in der wohlmeinenden Absicht geschehen mag, ihr entgegenzukommen, ist zugleich doch auch verräterisch, denn es zeigt, dass man zuerst und vor allem das Fremde an ihr sieht. Dazu bleibt die Konversation fast immer kurz und nichtssagend, weil ihre Gesprächspartner nicht wissen, was sie interessiert oder langweilt, erfreut oder verärgert.

Unsere Tochter Lea Bowen musste sich die gesamte Schulzeit hindurch mit verächtlichen, beleidigenden und diskriminierenden Bemerkungen von Mitschülerinnen und Mitschülern über Chinesen auseinandersetzen. Neben der großen und bisher weithin unverstandenen Herausforderung, die China für Deutschland und den Westen darstellt, haben solche Alltagserfahrungen den Anstoß für dieses Buch gegeben.

Zwar gibt es bereits eine Vielzahl von China-Büchern auf dem deutschsprachigen Markt: Reiseberichte, Erfahrungen von Expats und Journalisten, Benimm- und Geschäftsratgeber für den Umgang mit Chinesen, Fibeln über Tai Chi und Feng Shui, Kochbücher usw. Hinzu kommen Übersetzungen chinesischer Belletristik sowie eine beachtliche, aber für den Laien meist schwer verdauliche wissenschaftliche Literatur zu Einzelaspekten der chinesischen Kultur.

Ein Buch über die geistesgeschichtlichen, kulturellen und (sozial-)psychologischen Voraussetzungen zum Verständnis der Chinesen, eine zugleich fundierte und doch leicht verständliche Erklärung, wie diese denken und fühlen, fehlt jedoch bisher.

Eine Ausnahme davon ist lediglich Lin Yutangs Charakterstudie »Mein Land und mein Volk«. Die China-Kennerin und Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck nannte es das »echteste, tiefste, umfassendste und bedeutendste Buch, das bis jetzt über China geschrieben wurde«. Allerdings liegt das nun schon fast ein Jahrhundert zurück.

Vor 50 Jahren veröffentlichte der französische Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber ein Buch mit dem Titel »Die amerikanische Herausforderung«. Es hat viel dazu beigetragen, Europa wachzurütteln und zu erkennen, dass es gegen Amerika nur eigenständig bestehen kann, wenn es sich zusammenschließt.

Mit dem vorliegenden Buch, das meine Frau und ich gemeinsam verfasst haben, wollen wir die chinesische Herausforderung beschreiben. Diese besteht, gerade für uns Deutsche, vor allem anderen zunächst einmal darin zu verstehen, wie die Chinesen denken und fühlen. Denn erst dann können wir ermessen, wie sehr wir politisch, ökonomisch und kulturell tatsächlich gefordert sind und darauf angemessen reagieren. »Die Chinesen zu verstehen«, so der China-Kenner Evan Osnos, »verlangt nicht nur, das Licht und die Hitze zu ermessen, die von seiner hellleuchtenden neuen Macht ausgehen, sondern auch die Quelle seiner Energie – die Männer und Frauen im Zentrum von Chinas Werden«.

Interkulturelle Kompetenz ist in einer globalisierten und multipolaren Welt so wichtig wie nie zuvor. Denn erst in der Begegnung mit dem Fremden erleben wir die volle Wucht kultureller Differenz. Fremdes, das unverstanden bleibt, verunsichert, führt zu Abwehr und dysfunktionalem Verhalten. Nicht nur unser Wohlstand, sondern auch der Frieden auf diesem Globus hängen mehr denn je von dem Willen und der Fähigkeit ab, den psychischen Code anderer Völker zu entschlüsseln, sich in andere Kulturen hineinzudenken und hineinzufühlen. Dabei spielt das Verständnis der chinesischen Kultur eine herausragende Rolle.

Seit rund 30 Jahren beschäftige ich mich selbst intensiv mit China. Als Chefredakteur des Magazins »WirtschaftsWoche« habe ich schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Schwerpunkt auf die Berichterstattung über das Land und seinen Wiederaufstieg zur Weltmacht gelegt, zahlreiche Interviews mit führenden chinesischen Politikern und Unternehmenschefs geführt, bilinguale Sonderausgaben produziert sowie deutsch-chinesische Wirtschaftskongresse und Manager-Reisen veranstaltet.

Nicht nur beruflich, auch privat bin ich seitdem mit einer Vielzahl von Chinesen aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammengekommen. Daraus ist eine Reihe enger Beziehungen und Freundschaften hervorgegangen. Zusammen mit meiner Frau Guangyan habe ich im Laufe der Jahre das gesamte Land bereist. Von der Insel Hainan im Südosten bis Xinjiang im Nordwesten, von der Mandschurei im Nordosten bis Tibet im Südwesten.

Guangyan, eine Chinesin aus einer alten Familie von Gelehrten und Staatsdienern, hat an der Jinan-Universität im südchinesischen Kanton Journalismus und Kommunikation studiert und danach einige Jahre als Redakteurin bei der »Kanton-Tageszeitung« gearbeitet, einer der größten Zeitungen des Landes. In den 1990er Jahren kam sie zum Studium der Ökonomie an die private Hochschule in Witten-Herdecke. Seidem lebt sie in Deutschland und arbeitet als Beraterin für Unternehmen aus beiden Ländern, reist ständig zwischen diesen hin und her, wirkt bei der Umsetzung zahlreicher deutsch-chinesischer Projekte mit und ist dabei nahezu täglich mit Verständnisproblemen zwischen beiden Kulturen konfrontiert.

Im Zusammenleben mit ihr, in zahllosen gemeinsamen Gesprächen, auf unseren vielen Reisen durch das Land, durch die regelmäßigen ausgedehnten Besuche bei ihrer Familie und Treffen mit Verwandten und Freunden habe ich einen tiefen Einblick in das Denken und Fühlen der Chinesen, ihre Kultur und Mentalität gewonnen.

So wertvoll persönliche Erfahrungen sind, so können sie doch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. »Jede Wirklichkeit besteht aus zwei Hälften, dem Subjekt und dem Objekt«, so der Philosoph Arthur Schopenhauer in seinen »Aphorismen zur Lebensweisheit«. »Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver ist daher die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere.«

Dieses Problem und mit ihm das des Ethnozentrismus wollen Guangyan und ich zum einen durch die Doppel-Autorenschaft überwinden. Um unser beider Wirklichkeiten aber auf eine noch breitere Grundlage zu stellen, haben wir zusätzlich die für das Thema relevante Literatur und dabei besonders das vorhandene empirische Wissen zur Psychologie der Chinesen aufgearbeitet.

Meine Frau hat dabei die einschlägige chinesischsprachige Fachliteratur ausgewertet. Als deutscher Muttersprachler habe ich es übernommen, die gemeinsamen Erkenntnisse nach intensiver Diskussion mit ihr niederzuschreiben.

Indem wir uns darum bemühen, andere Kulturen kennenzulernen und zu verstehen, lernen wir nicht nur, besser mit ihnen umzugehen und Missverständnisse mit möglicherweise gravierenden Folgen zu vermeiden – wir lernen auch viel über uns selbst. Denn meist wissen wir erst richtig, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir n i c h t sind. Das Fremde hilft uns, das Vertraute zu verstehen. So gesehen ist dieses Buch über die Chinesen zugleich ein Buch über uns.

Anders als wir haben die Chinesen längst verstanden, wie wichtig es für sie ist, uns – und sich selbst – zu verstehen. Sie schicken viel mehr Schüler und Studenten in den Westen als wir umgekehrt zu ihnen. Ihre Diplomaten und Wirtschaftsvertreter bleiben hier deutlich länger auf Posten als ihre deutschen Kollegen in China. Ihre Eliten kennen unsere Kultur wesentlich besser als unsere die chinesische. Sie halten sich an den Ratschlag ihres großen strategischen Denkers Sunzi: »Wenn Du Dich selbst kennst und den anderen, gewinnst Du jede Schlacht.«

Dass sie diesen Rat einst missachteten, hat für sie zu über einem Jahrhundert der Demütigung geführt, die sie nun ein für alle Mal wieder abschütteln wollen. Dagegen sind wir heute drauf und dran, denselben Fehler zu begehen. Mit unabsehbaren Folgen nicht nur für Deutschland, sondern für Europa und die gesamte Welt.

Auch dafür, dass es dazu nicht kommt, will dieses Buch einen bescheidenen Beitrag leisten.

Köln, im November 2017

Stefan Baron


»Lies nicht um zu widersprechen und zu widerlegen,
auch nicht um zu glauben und für selbstverständlich zu halten,
noch um Stoff für Gespräche und Diskurse zu finden,
sondern um zu wägen und zu bedenken.«

Francis Bacon

Schreibweise chinesischer Namen und Wörter


Um chinesische Namen und Wörter in unser Alphabet zu transkribieren, haben wir die in der Volkrepublik China übliche Pinyin-Umschrift benutzt. Ausnahmen wurden bei Namen gemacht, die in der zuvor lange Zeit gebräuchlichen Umschrift nach Wade-Giles dem Leser geläufiger sein dürften.

Das westliche China-Bild im Wandel der Zeiten

Zwischen Faszination, Furcht und Verachtung

Seit der Antike hat China die Phantasie des Westens beschäftigt. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot bezeichnete es als »Land der Seide«. Erzählungen von seinen fabelhaften Reichtümern machten die Runde und weckten den Wunsch, daran teilzuhaben.

Der Seeweg nach China jedoch war unbekannt, der Landweg über Zentralasien lang, beschwerlich und gefährlich. Zudem wurde er von den Arabern kontrolliert, deren Expansion nach Westen abzuwehren das christliche Abendland lange voll in Anspruch nahm. Danach waren die zahlreichen Staaten des europäischen Kontinents über Jahrhunderte vornehmlich mit Streitigkeiten untereinander beschäftigt.

Erst im 13. Jahrhundert kamen Kaufleute aus Europa nach China. Einer von ihnen war Marco Polo aus Venedig, der mit rund 50 000 Einwohnern damals größten und prächtigsten Stadt des alten Kontinents. Sein Reisebericht prägte das China-Bild des Westens bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts hinein.

Marco Polo schwärmte von der Fortschrittlichkeit des Landes; von unvorstellbarem Reichtum und riesigen Städten. Kublai Khan auf dem Kaiserthron der mongolischen Yuan-Dynastie in Khanbalik, dem heutigen Peking, residiere im größten Palast der Welt. Die Mauer um seine Hauptstadt sei über 30 Kilometer lang; er gebiete »über einen größeren Schatz als irgendein anderer Monarch«.

Hangzhou, die Hauptstadt der südlichen Song-Dynastie, zähle über eine Million Einwohner, diese seien »wohlhabend, gesittet, friedlich und weltoffen«. Auf dem nahen Jangtse-Fluss, so der Venezianer voller Staunen, »kommen und gehen mehr wertvolle Waren als auf allen christlichen Flüssen und Meeren zusammen«. Überall würden Banknoten als Zahlungsmittel anerkannt. Wären die Chinesen eine kriegerische Nation, so Marco Polos Fazit, »würden sie die gesamte Welt erobern. Aber das sind sie nicht, sondern sie sind fähige Händler und Kaufleute sowie geschickte Handwerker.«

Die selbstgewissen Lagunenstädter daheim wollten die Berichte ihres Landsmanns nicht glauben. Sie hielten ihn für einen Aufschneider und gaben ihm den Spott- und Spitznamen »Il milione«, der »Millionen-Mann«. Den italienischen Seefahrer in spanischen Diensten Christopher Kolumbus hingegen bestärkte er in seiner Absicht, über den Atlantik einen Seeweg nach Asien zu finden und so endlich das Handelsmonopol der Araber mit China zu brechen.

Dieses Monopol, dazu ständige Überfälle von Banditen und die Wegezölle der örtlichen Herrscher entlang der Seidenstraße in den Orient hatten die begehrten Waren aus Fernost, allen voran Seide, Porzellan und Tee, im Laufe der Jahrhunderte in Europa immer teurer werden lassen. Schon Plinius der Ältere, ein hoher römischer Verwaltungsbeamter, hatte wegen des damit verbundenen hohen Goldbedarfs über die Vorliebe der Römerinnen für Kleider aus chinesischer Seide geklagt.

Ein direkter Zugang nach China über den Seeweg war so immer begehrter geworden. Bei seinem Versuch, ihn zu finden, entdeckte Kolumbus 1492 Amerika. Sechs Jahre später fand der Portugiese Vasco da Gama dann den Seeweg nach Asien ums Kap der Guten Hoffnung. Es dauerte aber noch bis 1530, bevor portugiesische Seefahrer die südchinesische Küste erreichten, und weitere fast drei Jahrzehnte, ehe es ihnen gelang, dort an Land zu gehen. Auf einer dem Festland vorgelagerten Insel, dem heutigen Macau, richteten sie 1557 den ersten westlichen Außenposten für den Handel mit China ein.

Mit ihnen nahmen die ersten christlichen Missionare dort die Arbeit auf. Ihr Pionier war Francisco de Xavier. »Der Teufel wird sicher großes Missvergnügen darüber verspüren, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft China betreten können«, so der Mitbegründer des Jesuitenordens. 1601 schaffte es sein Ordensbruder Matteo Ricci, Zugang zum Hof des Ming-Kaisers Wanli zu erhalten. Ricci beherrschte Mandarin in Wort wie Schrift nahezu perfekt, war mit den konfuzianischen Klassikern bestens vertraut und trat wie ein Chinese auf. Dazu wusste er mit besonderen Mathematik-Kenntnissen zu beeindrucken.

Seine Berichte und die seines deutschen Nachfolgers und Ordensbruders Adam Schall von Bell, der unter dem ersten Qing-Kaiser Shunzhi (1644–1661) sogar zum Direktor des bedeutenden Astronomischen Amtes und Mandarin der höchsten Klasse ernannt worden war, prägten das Denken des Westens über China für die folgenden 100 Jahre. Sie beschreiben eine chinesische Gesellschaft ohne Kirche und Adel, die sich von der Europas stark unterscheidet.

Im heraufziehenden Zeitalter der Aufklärung fand das fernöstliche Land deshalb zunehmend Beachtung im Westen. Allein in der ersten Dekade des 18. Jahrhunderts erschienen in Europa rund 600 Bücher über China, doppelt so viele wie im gesamten Jahrhundert zuvor.

Schon in seinem 1697 veröffentlichten Werk »Novissima Sinica« hatte der Vordenker der Aufklärung, Gottfried Wilhelm Leibniz, die Europäer aufgefordert, von den Chinesen zu lernen. Leibniz sah Europa dem »Reich der Mitte« zwar wissenschaftlich-technisch, in Logik und Mathematik, den Naturwissenschaften und der Militärtechnik voraus; hinsichtlich der Vorschriften »über den Verkehr unter den Menschen« werde es von diesem aber »übertroffen«. Europa, so der Universalgelehrte, brauche daher »Missionare aus China, die uns den Gebrauch und die Praxis einer Naturreligion lehren«.

Bei Leibniz’ geistigen Nachfolgern Jean-Jacques Rousseau und Voltaire, den Wegbereitern der Französischen Revolution, erfreute sich China denn auch höchster Wertschätzung. Wie Leibniz war Rousseau fasziniert von dem naturgesetzlich fundierten und nicht auf göttlichem Gesetz beruhenden Konfuzianismus und der taoistischen Idee der Entfremdung des Menschen von der Natur. Voltaire soll sich sogar zweimal täglich vor einem Konfuzius-Bildnis verbeugt haben. In seinem 1759 erschienenen »Essai sur les moeurs« (»Essay über die Sitten«) bezeichnete er das chinesische Kaiserreich als idealen Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus und forderte Europas Monarchen auf, sich daran ein Beispiel zu nehmen.

Voltaire sah in Chinas Mandarinat Platons Ideal von der Herrschaft der Philosophen verwirklicht: Der menschliche Geist könne, so schrieb er, »keine bessere Regierung als die chinesische ersinnen«, es sei »das Beste, was die Welt je gesehen hat«. Während mit dem Römischen Reich auch seine Kultur untergegangen sei, hätten Regierungssystem und Morallehre Chinas die zeitweilige Eroberung durch fremde Völker überstanden. Friedrich der Große von Preußen, ein Schüler Voltaires, verglich den chinesischen Rationalismus positiv mit der Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche.

Auch der Physiokrat François Quesnay beschäftigte sich intensiv mit dem »Reich der Mitte«. Er pries es als ein Gemeinwesen, in dem die Landwirtschaft dominiere und die Besteuerung des Bodens die Haupteinnahmequelle bilde; seine Herrscher hätten sich zudem zu einem vorbildlichen Leben verpflichtet. »Niemand kann bestreiten«, so Quesnay, »dass dieser Staat der schönste auf der Welt ist.« China komme dem gleich, »was Europa vereint unter einem einzigen Herrscher wäre«.

Immanuel Kant, der große Moralist und »Prophet der Aufklärung«, sah in Konfuzius einen »chinesischen Sokrates«. Wie Konfuzius betonte er mehr die Pflichten des Menschen als seine Rechte und stellte die praktische Vernunft über die theoretische.

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert einer westlichen Sinophilie, die einen bedeutenden Beitrag zum Zusammenbruch des Ancien Régime, der Herrschaft von Adel und Kirche und zur Modernisierung des Westens leistete. Es war auch die Epoche der Chinoiserie: Meißner Porzellan mit chinesischen Motiven bemalt, chinesische Lackarbeiten, Möbel, Paravents, Pagoden und Teehäuser in chinesischen Gärten, China-Salons in Schlössern und Herrenhäusern kamen in Mode und beeinflussten den Stil des Rokoko.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts drehte der westliche Zeitgeist bezüglich China dann jedoch zunehmend ins Gegenteil. Den entscheidenden intellektuellen Beitrag dazu lieferte der berühmte Staatstheoretiker Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu, der in seinem 1748 erschienenen Hauptwerk »L’esprit des lois« (»Der Geist der Gesetze«) China als »orientalische Despotie« charakterisierte. Mit zunehmender Herausbildung von Demokratie und Rechtsstaat im Westen ging die lange Zeit der Hochachtung, ja Bewunderung für das fernöstliche Reich allmählich in Missachtung über und machte einem geistig-moralischen Überlegenheitsgefühl Platz, das bis auf den heutigen Tag zu spüren ist. Der Geschichts- und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder bescheinigte den Chinesen, ihnen fehle es »am geistigen Fortgang und am Trieb zur Verbesserung«. Der Ökonom Adam Smith kritisierte Chinas Abgeschlossenheit gegenüber der Welt. Das Land habe »wahrscheinlich schon vor langer Zeit den Grad an Wohlstand erreicht, den die Natur seiner Gesetze und Institutionen zulässt«, schrieb er in seinem 1776 veröffentlichten Hauptwerk »The Wealth of Nations«. Damit bleibe es »vermutlich weit unter den Möglichkeiten dessen, was bei anderen Gesetzen und Institutionen Boden, Klima und Lage möglich machen«.

Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel geißelte die »Immobilität« Chinas, »das Statarische, das ewig wiedererscheint, das ersetzt, was wir das Geschichtliche nennen würden«. Das Land sei gewissermaßen im »Kindesalter der Geschichte« steckengeblieben.

Friedrich Nietzsche