
Kurzbeschreibung:
Im victorianischen England muß die junge Anabelle Burton völlig mittellos das Pfarrhaus verlassen, nachdem ihr Vater verstorben ist. Sie nimmt eine Stelle als Erzieherin der kleinen Viola auf der alten Normannenburg Darkhaven an der Südküste Englands an. Schon bald fühlt sie sich wohl dort. Sie lernt den Bruder des abwesenden Burgherrn kennen und lieben. Doch was verbirgt er? Ihre einzige Verwandte geht mit Florence Nightingale auf die Krim und verstirbt dort. Anabelle ist die Universalerbin ihres Vermögens. Heimlich heiratet sie Archibald. Da fälllt ihr durch einen Zufall das alte Tagebuch der früheren Burgherrin in die Hände. Nun erkennt sie, daß sie auf der Burg in großer Gefahr schwebt. Ihre einzige Freundin stirbt unter mysteriösen Umständen. Welche Rollte spielt der Burgherr? Gibt es noch eine Rettung oder ist es bereits zu spät?
Das Geheimnis des alten Tagebuchs
Roman
Edel Elements
Als ich Darkhaven das erste Mal sah, stand ich an der Bootsanlegestelle von Readingsworth. Die Sonne ging gerade unter, und so konnte ich Darkhaven nur in einem feinen Dunst sehen. Es schien mir wie ein Blick auf eine andere Welt. Nicht weit von der Küste entfernt lag eine kleine Felseninsel im Meer, auf deren höchstem Punkt schon die Normannen eine befestigte Burg gebaut hatten. Darkhaven.
Ich weiß noch genau, dass in zwei Fenstern Licht zu sehen war und ich mich fragte, was wohl gerade dort vor sich ging. Der Gedanke machte mir ein wenig Angst. Instinktiv zog ich meinen warmen Umhang fester um die Schultern und setzte mir die Kapuze auf, weil mich leicht fröstelte.
Was würde mich dort drüben erwarten? Wie oft hatte ich mir diese Frage schon gestellt, seit ich in York alles hinter mir gelassen und mich auf den Weg nach Devon gemacht hatte?
So weit nach Süden war ich noch nie gekommen und um ehrlich zu sein, war es die erste große Reise in meinem zweiundzwanzigjährigen Leben.
Seit ein paar Jahren gab es die Eisenbahn in England, und ich muss sagen, es war zwar eine anstrengende Reise, aber allemal besser als die mit Postkutschen, die immer noch fuhren und die ich zur Genüge kennengelernt hatte bei Fahrten in die Umgebung.
Darkhaven ist zu Fuß nur bei Ebbe über einen schmalen Damm zu erreichen, meistens aber werden die Menschen mit einem Boot übergesetzt.
Dazu war es aber heute Abend bereits zu spät, sodass man mir ein Zimmer in einer Pension direkt gegenüber der Bootsanlegestelle reserviert hatte.
Darauf war ich schriftlich vorbereitet worden. Morgen früh würde zur ausgemachten Stunde ein Boot auf mich warten und mich zu meiner neuen Heimat bringen.
Warum machte mich dieser Gedanke nicht froh? Es ist alles noch zu aufregend und neu für mich, versuchte ich mich selbst zu beruhigen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass der Umhang und mein langes Kleid den nassen Sand am Strand berührten und davon wahrscheinlich schmutzig werden würden. Also raffte ich sie leicht und ging wieder auf die befestigte Straße.
Ich wollte aber noch nicht in die Pension zurückgehen, wo Mrs Pandergast sicherlich schon auf mich wartete, um mir das Dinner zu servieren. Sie war wohl der Ansicht, dass es nicht schicklich für ein so junges Ding wie mich war, solch eine lange Reise allein zu machen und dann auch noch abends ohne Begleitung vor die Tür zu gehen. Am liebsten hätte sie mich wohl noch höchstselbst in mein Zimmer gebracht, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich in mein Bett ging und dort auch verblieb.
Ich wollte die Seeluft noch ein bisschen genießen. Dabei schweifte mein Blick immer wieder hinüber nach Darkhaven, das langsam, aber sicher im Abenddunst verschwand. Die Lichter, die vor Kurzem noch so deutlich erkennbar gewesen waren, sah ich kaum noch.
Fühlte man sich auf so einer kleinen Insel nicht eingesperrt? Darüber hatte ich noch überhaupt nicht nachgedacht. Aber diese Überlegung war sowieso ein einziger Luxus, denn ich hatte ja keine Wahl. Ich war nun auf mich allein gestellt und würde mich auf Darkhaven bewähren müssen.
Zu Tante Etheldreda wollte ich auf gar keinen Fall. Sie lebte in London, hatte sich der Bewegung um Miss Nightingale angeschlossen und war sehr eigen. Auf meiner Reise hatte ich eine Nacht bei ihr verbracht und war gelinde gesagt froh gewesen, als ich am nächsten Tag weiterreisen konnte.
Jetzt kam ein kühler Wind von der See her, und mir wurde wirklich ziemlich kalt. Also machte ich mich seufzend auf den Weg zu Mrs Pandergast, die mich sofort an ihren üppigen Busen drückte und begann, mir das Dinner aufzutischen.
Obwohl ich nicht hungrig war, langte ich zu, da es wider Erwarten gut schmeckte und ich die liebe Frau nicht enttäuschen wollte. Als sie mir Kaffee brachte, fragte ich: „Kennen Sie die Leute von Darkhaven?“
Sie zuckte beinahe unmerklich zusammen, und ein Hauch von Unbehagen schien sie zu überkommen. „Kaum“, murmelte sie und verschwand in der Küche.
Ich dachte mir nichts dabei und ging dann in mein Zimmer, jetzt doch müde von der Reise. Aber ich konnte nicht einschlafen. War es das ungewohnte Geräusch der Wellen, die direkt auf mein Fenster zuzurollen schienen? Oder war es meine ganze Lebenssituation, über die ich jede Nacht seit dem Tod meines Vaters nachdachte? Ich wälzte mich hin und her und kam innerlich nicht zur Ruhe. Natürlich war ich auch angespannt wegen des morgigen Tages. Was würde er mir bringen? Ich kannte ja niemanden auf Darkhaven. Was wäre, wenn ich dort nicht bleiben konnte?
Ein Leben bei Tante Etheldreda mit ständigen Versammlungen ihrer Genossinnen, um Protestaktionen zu planen und durchzuführen, immer haarscharf am Gefängnis vorbei? Diese Aussicht beunruhigte mich. Außerdem machte mir London Angst. Allerdings hätte ich unsere junge Queen Victoria wirklich gern einmal von Nahem gesehen.
Ich stand auf, entzündete die Kerze auf dem Nachttisch und begann, in der Bibel meines Vaters zu lesen, die ich als einzigen Gegenstand aus dem Pfarrhaus mitgenommen hatte. Bald legte ich sie aber wieder aus den Händen.
Und wie jede Nacht kamen die Tränen. Ich konnte sie nicht stoppen. Wie sehr ich an meinem Vater gehangen hatte, wurde mir erst nach seinem Tod richtig bewusst.
Mein Leben im Pfarrhaus war sehr behütet gewesen. Das ganze Dorf war wie eine große Familie. Alle liebten meinen Vater. Seine Gottesdienste waren immer sehr gut besucht, und wir waren jeden Sonntag bei einer anderen Familie zum Lunch eingeladen.
Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie bekam die Schwindsucht, und dann ging alles ganz schnell. Eigentlich erinnere ich mich gar nicht mehr so richtig an sie. Von Geburt an war ich der Liebling meines Vaters. Vielleicht, weil meine Eltern schon zwei Kinder verloren hatten.
Nach dem Tod seiner Frau beschloss mein Vater, dass er nun lange genug die Pflichten eines Ehemanns erfüllt hatte und kümmerte sich fortan nur noch um mich. Daran fand auch niemand etwas auszusetzen, obwohl einige Frauen im Dorf sich insgeheim bestimmt Hoffnungen gemacht hatten.
Seine Haushälterin, Mrs Stevens, hatte sowieso einen Narren an mir gefressen – und so vermisste ich nichts. Erst als mein Vater krank wurde, musste ich erkennen, dass er ein alter Mann geworden war. Es ging ihm zusehends schlechter, ohne dass die Ärzte richtig sagen konnten, was ihm fehlte. Er litt oft unter unsagbaren Schmerzen.
So musste die Kirche von England schließlich seine Nachfolge regeln – und ich wurde innerhalb von wenigen Monaten erwachsen. Im Pfarrhaus konnte ich nicht bleiben. Vaters Nachfolger, der junge Reverend Smith, war noch unverheiratet. Es hätte sich also nicht geschickt, wenn wir unter einem Dach gelebt hätten.
Bei einem seiner letzten Besuche war ich mit Reverend Smith spazieren gegangen, und er machte Andeutungen darüber, dass wir ja vielleicht heiraten könnten. So wäre allen geholfen. Aber für mich kam das nicht infrage. Ich fand ihn nett, aber sehr unbeholfen und konventionell. Außerdem stand mir zu dieser Zeit der Sinn nach allem, aber nicht nach einer Heirat.
So waren mein Vater und ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich nach seinem Tod zu seiner Schwester Etheldreda nach London ziehen würde. Sie war auch sofort einverstanden und freute sich auf ein neues Mitglied in Miss Nightingales Truppe.
Und dann kam wenige Wochen vor Vaters Tod ein Brief von Lord Rollo Cunningham. Er hatte meinen Vater vor vielen Jahren kennengelernt, und Vater hatte ihm wohl damals aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen.
Jetzt hatte Lord Cunningham sich an ihn erinnert und schrieb, dass seine Frau vor einiger Zeit gestorben sei, man nun dringend eine Gouvernante für seine sechsjährige Tochter Viola finden müsse, und ob er ihm nicht weiterhelfen könne. Dabei erkundigte er sich natürlich auch nach dem Befinden meines Vaters und drückte nochmals seine Dankbarkeit aus.
Mein Vater sah dies als ein Zeichen des Himmels an. Er hätte mich zwar bei Tante Etheldreda wohlversorgt gewusst, aber er missbilligte ihr Engagement bei Miss Nightingale zutiefst. Dass sie sich für Arme und Kranke einsetzte, hielt er ja noch für christlich, aber dass sie sich darauf vorbereitete, mit Miss Nightingale in den Krimkrieg zu ziehen, verurteilte er auf das Schärfste. So etwas schickte sich nicht für eine Dame ihres Standes.
Wir besprachen also das Für und Wider und schließlich antwortete er Lord Cunningham und schlug mich für diesen Posten vor. Da ich bereits in der kleinen Dorfschule unterrichtet hatte, schien es uns beiden passend. Komischerweise erzählte er mir nicht viel über Lord Cunningham, der höchstens zehn Jahre älter sein konnte als ich. Es war irgendwie nicht wichtig. Ebenso erfuhr ich nicht, worin Vaters Hilfe damals bestanden hatte. Ich fragte auch nicht.
Mein Vater verfiel mit jedem Tag mehr, und ich war nur noch mit seiner Pflege beschäftigt.
Eine Woche vor seinem Tod kam die Antwort von Lord Cunningham, in der er sich sehr erfreut über Vaters Vorschlag zeigte und diesen gern annahm. Zudem gab er genaue Anweisungen für die Reise nach Darkhaven zwei Monate später und legte eine Eisenbahnfahrkarte bei. So fügte es sich, dass ich nach der Beerdigung meines Vaters noch genügend Zeit hatte, um alles Notwendige zu regeln.
Es war mir nicht leichtgefallen, York zu verlassen. Besonders der Abschied von Mrs Stevens war sehr schwer. Auch deshalb kommen mir jede Nacht die Tränen. Sie liebte mich wie ein eigenes Kind und für mich war sie eine Art Mutterersatz gewesen. Ich nahm mir vor, ihr gleich nach meiner Ankunft zu schreiben.
Und jetzt saß ich hier in diesem fremden Ort und kam mir vor wie Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies. Aber mein Vater hatte mir beigebracht, immer nach vorn zu schauen. Und damit war ich bisher ganz gut durchs Leben gekommen.
Also löschte ich die Kerze, sprach ein kurzes Gebet und schlief dann auch endlich in Mrs Pandergasts gemütlichem Bett ein.
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Am nächsten Morgen wartete ein üppiges Frühstück auf mich. Meine Zimmerwirtin hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, mich zu verwöhnen. Aber ich war so aufgeregt, dass ich nicht viel essen konnte. Sie schien es achselzuckend zu verstehen.
Ich packte meinen Koffer, verabschiedete mich von Mrs Pandergast und ging langsam zu der Bootsanlegestelle, wo ich abgeholt werden sollte. Natürlich war ich wie immer zu früh. Das scheint mir in die Wiege gelegt worden zu sein. Ich sagte mir dann immer: „Na ja, besser zu früh als zu spät“, und vertrieb mir die Zeit. Das fiel mir an diesem Morgen aber schwer, denn meine Anspannung stieg.
Es war noch dunstig, die Sonne war hinter einer dicken Wolkenschicht verborgen, und man konnte Darkhaven wie am Abend zuvor nur im Nebel erkennen.
Wieder zweifelte ich, ob es richtig war, was ich vorhatte. War dieses Abenteuer nicht ein wenig zu groß für mich geraten? Andererseits war es gang und gäbe, dass sich junge Mädchen aus besserem Haus als Gouvernanten verdingten, wenn es finanzielle Engpässe in der Familie gab oder, wie in meinem Fall, man keine Familie mehr hatte. Der andere Weg wäre eine lukrative Heirat gewesen, aber das kam für mich überhaupt nicht infrage. Lieber wäre ich in ein Kloster für höhere Töchter gegangen. Aber ich fasste Mut, drückte mein Kreuz durch und fragte mich, was mir denn schon passieren könne.
Also ging ich auf und ab, immer darauf bedacht, dass mein Kleid und mein Umhang nicht den feuchten Sand aufnahmen – und sah immer wieder hinüber nach Darkhaven.
Endlich meinte ich, in der Ferne einen Punkt ausmachen zu können, der sich ganz langsam näherte. Tatsächlich war es das von mir erwartete Boot.
Wieder sah ich mich um, ob noch andere Personen nach Darkhaven übersetzen wollten, aber ich stand allein hier.
Nach einer Ewigkeit landete das kleine Boot genau vor mir. Ein alter mürrischer Mann nickte mir nur kurz zu, packte meinen Koffer, warf ihn in das Boot und setzte sich wieder auf seine Bank, bereit abzulegen. Ich war verwirrt und wusste kurzzeitig nicht, wie ich mich verhalten sollte, sprang dann aber kurz entschlossen in das Boot und setzte mich ihm gegenüber.
Vor mir lag Darkhaven.
Er sah mich nicht an und sprach kein einziges Wort, ruderte nur ganz gemächlich, so als täte er das schon hundert Jahre lang. Ich fand das sehr beklemmend, denn ich hätte mich gern mit ihm unterhalten, um mich darauf vorzubereiten, was gleich auf mich zukommen würde. So aber kam ich mir vor wie in Charons Boot auf dem Styx, das mich in die Unterwelt brachte. Panisch erinnerte ich mich, dass jeder Reisende laut dieser Sage Charon eine Münze für die Überfahrt geben musste. Verstohlen betrachtete ich meinen Fährmann und überlegte, ob er das wohl auch von mir erwartete, aber ich kam zu dem Schluss, dass er ein Angestellter von Lord Cunningham sein musste.
So näherte ich mich also Darkhaven – und wäre am liebsten wieder umgekehrt, so unheimlich war mir alles am helllichten Tag.
Die Überfahrt erschien mir ewig lang, aber schließlich kamen wir drüben an. Es war ebenfalls eine sehr schlichte Bootsanlegestelle, von der aus eine Steintreppe steil nach oben führte. Mein Fährmann nahm meinen Koffer, stellte ihn an Land ab, drehte sich wortlos um und ruderte wieder hinaus.
„Jetzt also beginnt der Ernst des Lebens, Annabelle“, sagte ich mir, nahm meinen Koffer und machte mich an den Aufstieg.
Dass die Treppe so lang und steil war, hatte ich nicht erwartet. Seit meiner Kindheit litt ich an Höhenangst. Hätte ich mich in diesem Moment umgedreht, ich hätte sicherlich einen Schrei losgelassen.
Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Möwen, die links und rechts von der Treppe ihre Nester hatten und munter um meinen Kopf herumflogen. Dabei machten sie einen höllischen Lärm, der mich ein wenig ablenkte.
Oben angekommen sah ich ein altes Burgtor in der Mauer, das offen stand und hinter dem ein breiter Weg noch weiter nach oben führte.
Ich war ganz schön aus der Puste, als ich endlich oben auf dem Burghof ankam.
Schon von unten hatte ich gesehen, dass es sich um eine beeindruckende Burganlage handelte, die die Normannen vor langer Zeit erbaut hatten. Von hier aus hatten sie den gesamten Schiffsverkehr kontrollieren und Zölle erheben können. Das hatte mir mein Vater erzählt. Er hatte Lord Cunningham damals auf seine Burg begleitet. Warum nur hatte er mir davon erst auf seinem Sterbebett erzählt? Aber für solche Gedanken hatte ich jetzt keine Zeit.
Auf dem Hof war niemand außer mir, also sah ich mich unschlüssig um und ging dann auf den Haupteingang zu.
In diesem Moment kam die Sonne raus und blendete mich mit ihrem Strahlen. Als ich wieder sehen konnte, stand mir eine schüchterne Dienstmagd gegenüber.
„Miss Burton? Ich bin Daisy. Willkommen auf Darkhaven. Bitte kommen Sie herein.“
Ich nickte und folgte ihr. Drinnen musste ich erst einmal meinen Koffer abstellen, so sehr beeindruckte mich die Größe dieser Halle.
Links und rechts von mir gingen verschiedene Zimmer ab und vor mir führte eine große Treppe hinauf zu einer Galerie. Ein riesiger Leuchter hing von der Decke, und alles lag im Halbdunkel. Ein paar alte verzierte Truhen und Ritterrüstungen konnte ich ausmachen. Beim Blick hinauf zur Galerie sah ich am Kopfende der Treppe das riesige Bild einer wunderschönen Frau.
„Bitte kommen Sie zuerst mit in die Küche, Miss Burton. Da wartet eine gute Tasse Tee auf Sie. Mrs Dunners, die Haushälterin, kommt dann gleich.“
Die Küche erwies sich als ein Traum. In der Mitte standen mehrere große Kohleherde, über denen Töpfe und Pfannen hingen, und an den Wänden standen alte Eichenschränke, denen man ihr Alter ansah. Das Schönste war jedoch ein riesengroßer uralter Eichentisch, der am Fenster stand. Drum herum standen Bänke. Hier also aß das Gesinde, wie es in Herrenhäusern üblich war.
Ich setzte mich und sah erst jetzt eine beleibte ältere Frau, die sich an einem der Abwaschbecken zu schaffen machte.
„Das ist Mrs Pimrose, unsere Köchin“, sagte Daisy. Ich nickte ihr zu, und sie nickte geistesabwesend zurück. Offensichtlich wusste sie, wer ich war.
Daisy stellte mir eine Tasse dampfenden Tees mit Milch und Zucker hin und verschwand wieder.
Nach der Überfahrt durch den Dunst und dem langen Aufstieg war mir so klamm, dass mir der Tee guttat.
Hier fühlte ich mich gleich wohl, obwohl Mrs Pimrose weiter ihre Pfannen schrubbte und mich nicht beachtete. Im Pfarrhaus hatte ich auch immer am liebsten in der Küche gesessen und Tee getrunken.
Plötzlich strich mir etwas um die Füße. Erschrocken zog ich meine Beine weg. Ein unwilliges Maunzen setzte mich sogleich ins Bild. Eine wunderschöne grau getigerte Katze begrüßte mich.
Ich beugte mich zu ihr hinunter und streichelte sie. „Wenigstens du scheinst mich wirklich willkommen zu heißen“, dachte ich.
„Mr Tom, du hast hier nichts verloren, verschwinde!“, meldete sich Mrs Pimrose mit einer tiefen, voluminösen Stimme.
Am liebsten hätte ich protestiert, aber der Kater schien sie zu verstehen und trollte sich durch die offene Tür hinaus.
„Der weiß genau, dass er hier nicht reindarf“, schimpfte sie weiter. „Aber er versucht es doch immer wieder, das alte Schlitzohr. Weil ihm hier immer jemand etwas zusteckt“, murrte sie grimmig und rückte der nächsten Pfanne zu Leibe.
Ich hatte meinen Tee noch nicht ganz ausgetrunken, da hörte ich Schritte auf die Küche zukommen. Schritte, an denen ich gleich erkannte, dass ich die Person, die mit diesen Schritten auf mich zukam, nicht mögen würde.
Manchmal ist das wie ein sechster Sinn. Ich hatte diese Erfahrung schon ein paar Mal in meinem Leben gemacht.
Ich erblickte eine schlanke, ältere, ganz in Grau gekleidete Hausdame, die ihr Haar unter einer Haube streng nach hinten frisiert hatte, sich kerzengerade hielt und der man ansah, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen war.
„Wahrscheinlich kennt sie die Bibel auswendig“, schoss es mir durch den Kopf, und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.
„Ich bin Mrs Dunners“, stellte sie sich mit einer harten, bellenden Stimme vor. Dann gab sie mir die Hand, was ich nicht erwartet hätte. „Folgen Sie mir bitte.“
Ich warf noch einen Blick auf Mrs Pimrose, deren Gesichtsausdruck ich aber nicht deuten konnte.
Wir gingen zurück in die Halle und stiegen die große Treppe hinauf. Dabei konnte ich gar nicht anders, als die ganze Zeit das wirklich sehr große Bild anzustarren, dem wir uns mit jeder genommenen Stufe weiter näherten. Darauf war die schönste Frau zu sehen, die ich in meinem Leben je gesehen hatte. Sie war jung, hatte die dunklen Haare hochgesteckt, trug ein bezauberndes Kleid und dezenten, aber wahrscheinlich sündhaft teuren Schmuck.
Mit einem rätselhaften Blick sah sie dem Besucher entgegen. Sie blendete mit ihrer Schönheit, ich mochte sie jedoch nicht. Aber wahrscheinlich sieht das jede Frau erst einmal so, die nicht mit einer ähnlichen Schönheit gesegnet ist. Wer sie wohl war? Ich traute mich nicht, Mrs Dunners zu fragen. Sie hatte die ganze Zeit, die sie einen Schritt vor mir herlief, kein weiteres Wort zu mir gesagt. Irgendwie schüchterte sie mich ein. Vielleicht wegen des großen Altersunterschiedes, aber vielleicht auch wegen der Härte, die sie ausstrahlte.
Sie würdigte das Bild mit keinem Blick, wohl deshalb, weil sie häufig am Tag daran vorbeiging. Außerdem konnte ich mir kaum ein gegensätzlicheres Paar vorstellen als die junge Frau auf dem Bild und Mrs Dunners. Ich nahm mir vor, die Identität der schönen Dame später zu klären.
Oben gingen einige Gänge ab, die wohl in die verschiedenen Flügel der Burg führten. Wir bogen in einen davon ein, der sich sehr lang und ein wenig düster vor uns auftat. An den Wänden hingen Bilder, die mich aber nicht weiter interessierten.
Fast am Ende des Gangs stoppte Mrs Dunners und öffnete mit einem Schlüssel ihres riesigen Schlüsselbunds, der an ihrem Gürtel hing, eine Tür.
Ich betrat das schönste Zimmer, das ich in meinem bisherigen Leben jemals gesehen hatte.
Ein großes Himmelbett stand an der Wand, Holztruhen und ein großer Schrank schufen die Atmosphäre eines herrschaftlichen Raumes. Am meisten aber der große Kamin. Große Fenster aus Bleiglas ließen das Licht ungehindert einfallen. Und noch bevor ich hindurchsah, wusste ich, dass ich von hier aus das Meer sehen konnte. An der linken Fensterseite war ein Erker mit Sitzbank eingebaut. Man konnte dort also sitzen und aufs Meer hinaussehen oder einer Handarbeit nachgehen.
Mrs Dunners musste wohl meinen verzückten Gesichtsausdruck bemerkt haben: „Seine Lordschaft hat angeordnet, dass Sie in diesem Zimmer untergebracht werden. Es liegt direkt neben dem von Miss Viola.“
An dem kaum wahrnehmbaren Unterton in ihrer Stimme bemerkte ich, dass sie selbst mit dieser Entscheidung überhaupt nicht einverstanden war. Und ich konnte sie sogar verstehen. Dies war nicht das Zimmer für eine Gouvernante, sondern der Raum für ein Mitglied der Familie.
„Seine Lordschaft bat mich, ihn zu entschuldigen, er ist im Moment nicht auf Darkhaven. Wir erwarten ihn erst in der nächsten Woche zurück. Er hat aber angeordnet, dass es Ihnen an nichts fehlen soll.“ Sie sah mich mit einem unergründlichen Blick an.
„Miss Viola werden Sie dann beim Lunch kennenlernen. Ich schicke Daisy, damit sie den Kamin anzündet und Ihnen beim Auspacken hilft.“
Dabei warf sie einen nicht zu deutenden Blick auf meinen Koffer und verschwand.
Aber sie konnte mir die unbändige Freude über diesen wunderschönen Raum nicht nehmen. Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich ein besseres Zimmer im Dienstbotentrakt zugewiesen bekommen würde, so wie es sich für eine Gouvernante schickte.
Ich ging zum Fenster und tatsächlich sah ich das Meer von hier. Es musste also der nördliche Flügel der Burg sein, in dem ich mich befand.
Eines der Fenster ließ sich öffnen, und ich hörte, wie sich die Brandung an den Felsen unter mir brach. Ich atmete tief ein.
Dann wandte ich mich wieder dem Raum zu. Ich setzte mich auf das Bett und stellte erfreut fest, dass es schön hart war. Ich hasse weiche Matratzen.
Erst jetzt nahm ich die Gobelins an den Wänden wahr und nahm mir vor, sie später eingehend zu studieren.
Neben dem Schrank an der Fensterseite sah ich eine unauffällige Tür. Ich öffnete sie und sah einen angebauten Abtritt, der wohl genau über den Felsen befand. „Wie praktisch“, sagte ich zu mir selbst. So etwas kannte ich gar nicht. Ich war es gewohnt, erst den Hof zu überqueren, um zum Abtritt zu kommen. Ich würde also nachts nicht durch diese düsteren Gänge schleichen müssen.
In der Ecke hing ein großer Spiegel, neben dem ein Waschtisch stand.
„Was für ein Luxus“, dachte ich. Als ich hineinsah, musste ich unwillkürlich an die Dame auf dem Bild denken. Ich musste lachen. Im Dorf galt ich gemeinhin als Schönheit, aber was war das gegen die überirdische Schönheit auf dem Bild? Ich hatte wie sie langes dunkles Haar und dunkelblaue Augen, aber was war das gegen ihre grünen Katzenaugen?
Eigentlich mochte ich mich im Spiegel immer gern anschauen, aber nachdem ich sie gesehen hatte, fühlte ich mich wie ein graues, langweiliges Mäuschen. Und meine Kleidung machte mich ja auch tatsächlich dazu.
Geld für teure Kleidung hatte es im Pfarrhaus nie gegeben. Und mein Vater hätte das auch nicht geduldet. Er hasste jede Form von Luxus und Tändelei. Beten und arbeiten, das war seine Lebensdevise. So wie ich angezogen war, konnte ich vielleicht noch ein wenig neben Mrs Dunners punkten, aber ganz sicher nicht neben der Dame auf dem Bild.
Daisy riss mich aus diesen müßigen Überlegungen.
Sie hatte schüchtern angeklopft und betrat den Raum. Wortlos machte sie sich daran, das Feuer im Kamin zu entzünden. Es gelang ihr aber nicht, und ich sah, dass sie sich dabei sehr ungeschickt anstellte. Da ich im Pfarrhaus beinah jeden Tag den Kamin in dem kleinen Wohnzimmer angezündet hatte, kam ich ihr zu Hilfe, und bald knisterte ein munteres Feuer vor sich hin.
„Danke“, flüsterte sie.
„Kommst du aus Readingsworth?“, fragte ich sie.
„Ja.“ Sie nickte schüchtern.
„Ach, dann kennst du ja bestimmt Mrs Pandergast?“
Sie sah mich überrascht an. „Ja. Sie ist meine Tante.“
Ich lachte. „Ich habe letzte Nacht in ihrer Pension übernachtet.“
Sie lächelte zum ersten Mal, seit ich sie kennengelernt hatte. So viel jünger als ich konnte sie nicht sein.
„Brauchen Sie meine Hilfe beim Auspacken?“
Ich wollte schon verneinen, denn die paar Sachen aus dem Koffer konnte ich spielend allein in den Schrank hängen, aber dann wäre sie sofort wieder verschwunden. Also nickte ich und wies auf den Koffer, den ich auf das Bett gestellt hatte.
Sie machte sich an die Arbeit.
„Wie lange bist du denn schon hier?“
„Ein halbes Jahr. Für meine Tante war es selbstverständlich, dass ich in Stellung gehen würde. Und seine Lordschaft war sehr freundlich.“
Jetzt konnte ich meine Neugier nicht mehr bezwingen. „Daisy, wer ist die Dame auf dem Bild in der Halle?“
Sie sah mich mit großen Augen an, aus denen ich nichts lesen konnte.
„Das ist Lady Cunningham. Sie ist vor sechs Monaten gestorben.“
Ich hatte mir so was fast gedacht.
Daisy verließ mich wieder, und ich setzte mich vor den Kamin. Ich war dankbar dafür, dass er brannte, denn obwohl es Frühling war, fröstelte mich leicht. Diese Kälte herrschte in alten Burgen ja immer. Wahrscheinlich muss man auch im Hochsommer ein Kaminfeuer anzünden.
Daisy hatte die Tür nur angelehnt. Plötzlich bewegte sie sich leicht und jemand kam herein.
Ich wollte schon aufstehen, als ich erleichtert feststellte, dass es Mr Tom war. Mit einem Satz sprang er auf meinen Schoß und rollte sich zusammen, als hätte er das schon immer so getan. Ich begann, ihn zu streicheln und hing meinen Gedanken nach. Ab und zu hörte ich ein Knarzen im Gebälk oder der Wind pfiff um die Zinnen, obwohl draußen die Sonne schien. Mr Tom schnurrte selig.
So bemerkte ich nicht, wie die Zeit verstrich.
Fast war ich über Mr Tom eingenickt, als es zaghaft klopfte und Daisy ihren Kopf zur Tür hereinsteckte.
„Ich komme, Sie zum Lunch abzuholen, Miss“, sagte sie und bemerkte erst dann Mr Tom. „Was machst du denn hier, du Rumtreiber? Na, lass dich bloß nicht von Mrs Dunners erwischen.“
Ich musste lachen und ging so, wie ich war, mit ihr. Der Herr des Hauses war ja nicht anwesend, und da ich die Gouvernante war, gehörte ich eigentlich zum Personal.
Früher hatte ich schon oft von dem zwiespältigen Schicksal vieler meiner „Leidensgenossinnen“ gehört, die in einem Herrenhaus unterrichteten und nicht richtig zur Familie, aber auch nicht richtig zum Hauspersonal zählten. Manche aßen am Tisch der Familie, manche beim Personal in der Küche und andere in ihrem Zimmer, zusammen mit den Kindern.
Aber ich machte mir über meinen Status hier keine Gedanken, denn jetzt würde ich meine Schutzbefohlene, die kleine Viola, kennenlernen.
Also folgte ich Daisy auf dem mir nun schon bekannten Weg durch den dunklen Gang und die Halle in die Küche.
Am Tisch saßen mehrere Personen, die meisten wohl Dienstmägde unterschiedlichen Alters, aber wohl auch der Stallmeister und sogar mein Fährmann saßen dort – und er sprach auch jetzt kein Wort.
Als sie mich wahrnahmen, verstummte das fröhliche Stimmengewirr, das ich schon von der Halle aus gehört hatte.
Daisy sagte nur: „Das ist Miss Burton“, und setzte sich an ihren Platz.
Ich lächelte allen zu und war etwas unschlüssig, wohin ich mich setzen sollte.
Da packte mich jemand energisch an der Schulter: „Na, Kindchen, dann setzen Sie sich mal hierher zu mir. Ich hoffe, Sie mögen das Essen von der alten Pimrose.“
In diesem Moment schien das Eis fürs Erste gebrochen. Mrs Pimrose war wohl die Autorität, auf die alle hörten.
Dankbar sah ich sie an. Alle anderen nahmen ihre Unterhaltungen wieder auf.
Es roch herrlich, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich wirklich hungrig war.
Mrs Pimrose legte mir so viel auf, dass ich es kaum schaffen würde. Aber um sie nicht zu verärgern, langte ich kräftig zu. Das Essen schmeckte ausgezeichnet, was ich ihr auch mindestens nach jedem dritten Bissen sagte. Es schien sie glücklich zu machen.
Erst als sie einen Apple Pie zum Nachtisch servierte, bemerkte ich, dass Mrs Dunners und Viola nicht anwesend waren. Ich fragte das Mädchen, das neben mir saß, nach ihnen. Erstaunt sah sie mich an: „Mrs Dunners isst nie mit uns. Immer nur in ihrem Zimmer.“ Wortlos schien sie nachzuschieben: „Dem Himmel sei’s getrommelt und gepfiffen!“
„Und Viola?“
„Die fühlt sich heute wieder mal nicht wohl und ist im Bett geblieben. Ich schau gleich mal nach ihr.“
Mrs Pimrose mischte sich mit ihrer dunklen Stimme ein: „Seit ihre Mutter von uns gegangen ist, kränkelt sie nur noch, das arme Ding. Wurde Zeit, dass Sie gekommen sind, Miss. So kann das doch nicht weitergehen. Nichts von dem, was ich ihr hochbringen lasse, rührt sie an. Sie will immer nur Milchreis. Aber ich bitte Sie, davon kann sie doch nicht wachsen. Außerdem fehlt ihr die frische Luft. Ach, es ist ein Elend!“
Damit stand sie auf und trommelte ihre Gehilfinnen für den Abwasch zusammen.
Gleichzeitig erhoben sich fast alle vom Tisch, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen.
Ich fragte das Mädchen, das neben mir gesessen hatte, wie ihr Name ist.
„Na, Mary“, gab sie zurück.
„Mary, darf ich dich begleiten, wenn du zu Miss Viola raufgehst?“
Sie sah mich an, als sei sie so eine Frage nicht gewohnt.
„Selbstverständlich. Sie sind doch jetzt ihre Gouvernante.“
Also machte ich mich mit ihr auf zu Lady Cunningham.
Wir gingen bis zu dem Zimmer neben meinem. Mary öffnete leise die Tür.
Ich trat mit ihr ein. Sofort schlug mir eine Welle sehr trockener Hitze entgegen. Im Kamin brannte ein starkes Feuer. Ich bekam kaum Luft.
Der Raum war zwar auf den ersten Blick ein Kinderzimmer, aber es war viel zu aufgeräumt. Alles befand sich ordentlich an seinem Platz.
In einer Ecke stand ein Kinderbett, auf das Mary zuging.
Dort lag schlafend das reizendste Mädchen, das ich bisher gesehen hatte. Langes blondes, lockiges Haar, seidige dunkle Wimpern und ein sehr unschuldiger Ausdruck auf seinem Gesicht.
Wir hatten es wohl doch geweckt, denn es schlug die Augen auf. Fast musste ich einen kleinen Aufschrei unterdrücken. Ich sah in die gleichen grünen Katzenaugen wie auf dem Bild seiner Mutter.
„Hallo, Miss Viola. Schau mal, wen ich dir mitgebracht habe.“ Mary trat etwas zur Seite, sodass Viola mich sehen konnte. Sie schaute mich einfach nur an, mit ausdruckslosen Augen.
„Seltsames Kind“, dachte ich.
„Hallo. Ich bin Miss Burton, deine neue Gouvernante.“
Jetzt wurde sein Blick neugieriger.
„Guten Tag, Miss.“ Dabei streckte Viola mir die Hand entgegen.
Erstaunt nahm ich sie und musste feststellen, dass sie sehr kalt war. Und schon ließ sie mich wieder los.
„Möchtest du etwas essen?“, fragte Mary wie jemand, der die Antwort schon kannte.
„Nein. Ich habe keinen Hunger.“
Mary zuckte nur mit den Schultern und verschwand.
Ich setzte mich in den Lehnstuhl neben dem Bett und sah mich im Raum um.
„Schön hast du es hier.“
„Ja, finden Sie?“, erwiderte Viola tonlos. Dabei schob sie die Decke weg und setzte sich auf den Bettrand. Erst dann sah ich, wie dünn und zerbrechlich sie war. Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen und fest gedrückt, um dann gleich mit ihr zu Mrs Pimrose zu gehen, damit die sie aufpäppeln konnte. Aber das musste wohl noch warten.
Sie sah einfach nur vor sich hin und wippte mit den Beinen.
„Kennen Sie meinen Vater?“, fragte sie nach einer Weile.
„Nein, noch nicht. Er kommt wohl erst nächste Woche zurück.“
„Ja. Und er bringt mir ein ganz großes Geschenk mit. Das macht er immer. Bringt Ihr Vater Ihnen auch Geschenke mit, Miss?“
Diese Frage traf mich mitten ins Herz. Oft war mein Vater nicht fort gewesen, aber wenn, dann hatte er mir immer eine Kleinigkeit mitgebracht. Manches davon habe ich noch lange Zeit aufgehoben. Mir stiegen Tränen in die Augen. Plötzlich vermisste ich ihn sehr.
Viola schien davon nichts zu bemerken, erwartete wohl auch keine Antwort.
„Ja, das hat er.“
Sie sah mich wieder nur an.
In diesem Moment wurde die Tür resolut geöffnet, und Mrs Dunners trat ein.
Sofort ging mit Viola eine Veränderung vor sich. Sie drückte ihr Kreuz durch, rutschte vom Bett und ging hinüber zu einem Stuhl, auf dem ihre Kleidungsstücke akkurat lagen.
Mrs Dunners ging zu ihr und half ihr in das Kleidchen und die Schuhe. Dabei fiel kein Wort. Dann nahm sie sie bei der Hand und zog sie mit sich.
Viola warf mir noch einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Und dann war ich allein im Kinderzimmer, völlig überrumpelt.
So saß ich noch eine ganze Weile, bis ich diesen Auftritt verarbeitet hatte, und ging schließlich hinüber in mein Zimmer.
Ich legte mich auf das Bett und fiel sogleich in einen leichten Mittagsschlaf. Daran war wohl Mrs Pimroses gutes Essen schuld.
Die nächsten Tage wurden sehr kalt und stürmisch. Man konnte einfach keinen Fuß vor die Tür setzen, ohne sofort bis auf die Haut durchnässt zu werden.
Mir war es nur recht, denn so konnte ich mich noch mehr mit Viola befassen, die immer zutraulicher wurde. Sie schien mich jedoch weiterhin zu beobachten, so als würde sie mir noch nicht vollständig trauen. Aber ich war mir sicher, dass ich auch diese Hürde bei ihr nehmen würde.
Sie war ein erstaunlich intelligentes Kind, und so kamen wir im Unterricht sehr gut voran. Es machte ihr Spaß zu lernen, was man ja durchaus nicht von jedem Kind behaupten kann.
Mrs Dunners schien diese Entwicklung mit Wohlwollen zu beobachten, jedenfalls glaubte ich das.
Inzwischen ging Viola sogar mit mir in die Küche, um dort mit uns allen zusammen zu essen. Das rief zuerst ein großes Erstaunen hervor, da sie sehr lange nicht mehr in der Küche gewesen war, doch die Aufregung legte sich schnell, und man nahm sie einfach als jüngstes Mitglied in die Gemeinschaft auf. Bald schon war es selbstverständlich, dass sie mit uns aß.
Natürlich hatte ich Mrs Dunners vorher um Erlaubnis gebeten, die sie mir sofort gewährte, aber ohne eine Gefühlsregung. Leise hatte ich den Verdacht, dass sie froh darüber war, Viola nicht mehr füttern zu müssen.
Mrs Pimrose freute sich ganz besonders und wurde nicht müde, Viola jede leckere kleine Süßigkeit zu backen, die man sich vorstellen kann. Das Mädchen wurde also richtig verwöhnt und schien dabei aufzublühen.
Manchmal fragte ich mich, ob ihr Vater, wenn er auf der Burg zurück sein würde, ihr diese Freizügigkeit weiterhin zugestehen würde. Ich nahm mir vor, für sie zu kämpfen.
Da jetzt so schlechtes Wetter war, konnte ich auch wieder meine Teebesuche am Nachmittag, wenn Viola schlief, bei Mrs Pimrose aufnehmen. Durch meine Aufenthalte im Garten war ich dazu nicht mehr gekommen.
Es ergab sich, dass wir an einem dieser Tage allein in der Küche saßen. Zuerst unterhielten wir uns über dies und das, so wie wir es uns angewöhnt hatten. Sie freute sich, dass wir wieder einmal Tee zusammen tranken und schien sich sehr wohlzufühlen. Also packte ich die Chance am Schlafittchen. Mit wem sollte ich denn sonst über ihn reden?
„Kommt Lord Archibald eigentlich oft zu Besuch?“
Sofort ging eine deutliche Veränderung mit ihr vor.
„Pff“, schnaubte sie und nahm energisch ihre Tasse in die Hand. Ihr großer Busen wogte aufgebracht.
Vollkommen entgeistert sah ich sie an.
„Klar ist der oft hier“, spuckte sie aus. „Er wohnt ja nicht weit entfernt von Readingsworth. Und wenn seine Lordschaft nicht hier ist, kommt er noch öfter. Als würde er es riechen. Dann stecken er und sie immer die Köpfe zusammen.“
Dabei drehte sie sich halb zur Tür, um sich zu vergewissern, dass niemand kam.
„Wie vertragen sich denn sein Bruder und er?“ Es hatte mich große Überwindung gekostet, diese Frage zu stellen.
Wieder kam ein „Pff“.
„Bei seiner Lordschaft kann er sich nichts rausnehmen. Der bändigt ihn. Und mit seinem Süßholzgeraspel kann er seiner Lordschaft schon gar nicht kommen.“
Nun war ich sprachlos. Sie mochte Lord Archibald ganz offensichtlich nicht. Wie konnte das sein? Ich hatte gedacht, dass jeder ihn mochte, ausnahmslos.
Jetzt hatte Mrs Pimrose sich ein wenig in Rage geredet.
„Mit Lady Cunningham hat er auch dauernd zusammengesteckt. Pff. So was gehört sich nicht. Hinter jedem Rock ist der her, dieser Tunichtgut.“ So wütend hatte ich sie noch nie erlebt.
Plötzlich tauchte sie aus ihrer Verärgerung auf und sah mich durchdringend an. Sie schien in diesem Moment zu realisieren, dass ich auch ein potenzielles Opfer von Lord Archibald sein könnte.
„Um Himmels willen, Kindchen! Sie sind viel zu gut für den. Nehmen Sie sich vor dem in acht. Ich habe Sie gewarnt. Keine ist vor dem sicher. Oh Gott, oh Gott. Hoffentlich kommt seine Lordschaft bald zurück.“ Sie schien Sodom und Gomorrha auf sich zukommen zu sehen.
Dann stand sie auf und gab mir damit deutlich zu verstehen, dass die Audienz bei ihr nun beendet war.
Völlig verstört ging ich in mein Zimmer und setzte mich in den Erker. Der Sturm passte zu meiner Gemütslage. Mrs Pimrose hatte mich völlig verunsichert.
An den beiden nächsten Tagen sah ich nicht viel von Lord Archibald.
Es regnete weiter, und ich versuchte, mich auf Viola zu konzentrieren. Trotzdem schweiften meine Gedanken immer wieder ab und beschäftigten sich mit ihm. Ich verstand Mrs Pimrose einfach nicht. Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Andererseits wusste ich, dass sie eine gute Menschenkenntnis hatte.
Meine Gedanken schossen also hin und her. Ich wusste gar nicht mehr, was ich noch denken und glauben sollte. Und in meinen nächtlichen Träumen stand er immer vor mir und lachte sein jungenhaft unbeschwertes Lachen.
Endlich hatte es aufgehört zu regnen, und die Sonne kam sogar schon am Morgen und vertrieb alle Wolken, sodass es ein wunderschöner Sommertag zu werden versprach.
Viola fühlte sich nicht wohl und klagte über Bauchschmerzen. Mrs Pimrose hatte ihr deshalb zum Lunch einen Haferschleim gemacht, den Viola aber kaum anrührte.
Da ich es für besser gehalten hatte, Mrs Dunners zu informieren, schlug sie vor, Viola für den Rest des Tages ins Bett zu packen und Mary und Daisy abwechselnd bei ihr zu lassen. Dem stimmte ich zu und versprach Viola, abends noch einmal nach ihr zu schauen.
Ich wollte mich gerade auf den Weg in den Garten machen, als mich von hinten jemand ansprach: „Miss Burton, ist das nicht endlich wieder ein wunderschöner Tag?“
In meinem Bauch begannen sofort alle Schmetterlinge zu flattern. Ich drehte mich zu Lord Archibald um: „Ja, endlich. Ich bin wirklich froh.“
Er grinste mich an, so als würden wir uns schon sehr lange kennen.
„Ich muss rüber nach Readingsworth reiten. Haben Sie nicht Lust mitzukommen? Wie ich hörte, haben Sie den Rest des Tages frei.“ Dabei ließen seine Augen mich nicht los.
Und ich konnte mich vor Freude nicht halten: „Sehr gern. Ich will schon so lange mal wieder ausreiten, aber Mr Brown will es mir nur in Begleitung gestatten.“
Als ich es sagte, tadelte ich mich schon als vorlautes Ding. Schließlich war ich hier die Gouvernante, und mit der machte der Bruder des Hausherrn eigentlich keine Ausritte. Wirklich verboten war es aber auch nicht. Und so überwog schnell wieder meine Vorfreude. Dann fiel mir jedoch ein: Ich hatte kein Reitkleid mit.
Meine Miene verfinsterte sich und Lord Archibald sah mich fragend an.
„Ich habe kein Reitkleid“, sagte ich seufzend. In Gedanken sah ich mich schon im Garten sitzen in Trauer um den verpassten Ausritt.
Erstaunt sah er mich an, als wüsste er nicht, wovon ich redete. Dann lachte er. „Oh, ich verstehe. Aber das ist kein Problem. Mr Brown hat für solche Fälle immer ein paar Sachen da, für Männer und für Frauen.“
Also gingen wir zu den Ställen, und ich fragte Mr Brown nach einem Reitkleid. Er kratzte sich stumm hinter dem rechten Ohr und überlegte: „Ja, Miss. Da müsste, glaube ich, was in Ihrer Größe dabei sein.“
Wir gingen zu einer abgelegenen Kammer, in der einige Truhen standen.
Er deutete auf eine der Truhen. „Da sind Kleider für Frauen drin. Wenn Sie eins finden, nehmen Sie es nur. Geben Sie es dann hinterher einfach einem der Küchenmädchen für die Wäsche.“
In der Truhe befanden sich tatsächlich drei Reitkleider in unterschiedlichen Größen. Eines davon würde mir wohl halbwegs passen.
Also verabredete ich mich mit Lord Archibald in einer halben Stunde bei den Pferden und rannte in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Auf dem Weg begegnete ich Mrs Dunners, die erstaunt auf das Kleid sah.
Ich keuchte nur: „Ich reite mit Lord Archibald nach Readingsworth.“
Sie nickte, und wenn mich nicht alles täuschte, sah ich in ihren Mundwinkeln ein leichtes Grinsen. Aber da ich Mrs Dunners noch nie grinsen oder lachen gesehen hatte, führte ich es auf meine Einbildung zurück.
Das Kleid passte mir tatsächlich einigermaßen gut. Für den Ausritt würde es seinen Zweck erfüllen. Ob ich Lord Archibald darin gefiel? Ich schalt mich eine dumme Gans und lief zurück zu den Stallungen.
Mit einer schlanken, gutartigen braunen Stute namens Lizzy hatte ich bereits ein wenig Freundschaft geschlossen, denn ich ging immer wieder einmal zu den Ställen, wenn ich aus dem Garten kam. Sie war mir wegen ihrer treuen Augen sofort aufgefallen und sie freute sich jedes Mal, wenn ich kam und ihr ein Zuckerstück mitbrachte.
Mr Brown stimmte sofort zu, als ich ihn fragte, ob ich sie nehmen könne.
„Sie neigt aber manchmal zu Gefühlsausbrüchen, wenn es ihr zu gut geht“, warnte er mich lächelnd.
„Na, dann lasse ich es ihr einfach nicht zu gut gehen“, scherzte ich.
Und so saß ich dann schnell im Sattel und freute mich unsagbar. Wie lange war es her, dass ich geritten war? Lange vor dem Tod meines Vaters.
Ganz langsam ging es den Weg hinunter und durch das Burgtor hinaus. Dann in einer weiten Schleife zur Bootsanlegestelle.
Und hier sah ich zum ersten Mal den Damm hinüber zum Festland.
Ich konnte gleich erkennen, dass er für einen Reiter breit genug war. Zwei Reiter konnten jedoch nicht nebeneinander reiten. Aber für das kurze Stück musste das ja auch nicht sein. Es schien mir fast, als würden wir die See durchqueren.
Und in diesem Moment merkte ich, wie froh ich war, dass ich die Burg für eine kurze Zeit verlassen durfte. Wir lebten dort wie in einer eigenen Welt. Aber außerhalb gab es eben auch noch eine andere, viel größere Welt.
Als wir am Strand ankamen, wandte sich Lord Archibald zu mir um. „Ich muss nur kurz etwas erledigen, dann können wir ausreiten. Wollen wir uns in einer Stunde wieder hier treffen?“
Ich stimmte zu. An der dafür vorgesehenen Stelle band ich Lizzy fest. Sie war es gewohnt und wusste, dass man schnell wiederkommen würde. Außerdem war sie hier in Gesellschaft von anderen Pferden.
Ich ging etwas unentschlossen durch die Hauptstraße und sah mich um. Ich kannte Readingsworth ja nicht. Aber es gab auch nichts Besonderes zu sehen. Ein hübscher, lauschiger Küstenort wie so viele an der Küste von Devon.
Mir fiel ein, dass ich kurz bei Mrs Pandergast reinschauen könnte, wenn ich schon hier war.
Sie freute sich sehr, mich zu sehen, und erkundigte sich, wie es mir auf Darkhaven ergangen sei. Leider konnte ich nicht lange mit ihr reden, denn sie hatte alle Zimmer voll mit Pensionsgästen und kümmerte sich gerade um die Wäsche. Also verabschiedete ich mich wieder und schlenderte langsam zu Lizzy zurück, da die ausgemachte Stunde schon fast um war.
Gerade stand ich vor der mit einem Vordach geschützten Auslage eines Modeladens, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung vor einem der benachbarten Häuser wahrnahm. Da ich im Schatten stand, konnte man mich sicherlich nicht gut sehen.
Lord Archibald war aus einem der Häuser getreten und drehte sich noch einmal um. Zunächst konnte ich nicht erkennen, zu wem. Doch dann sah ich für einen kurzen Augenblick eine wunderschöne Frau dort stehen, mit der er sehr vertraut sprach. Sie wirkte nervös und sah immer wieder nach links und rechts. Dann schloss sie die Tür, und Lord Archibald kam die Treppe herunter auf die Straße.
Etwas kopflos stürzte ich in den Laden, damit er mich nicht sehen konnte. Warum ich das tat, weiß ich nicht. Aber eins ist sicher: Wenn Mrs Pimrose nicht so abfällig über ihn geredet hätte, dann wäre mir das nie in den Sinn gekommen.
So betrachtet ich Hüte, die mir übrigens alle nicht gefielen, und fragte mich, wer diese Dame wohl war, bei der er etwas zu erledigen gehabt hatte. Aber vielleicht würde er es mir ja von sich aus erzählen.
Schließlich verabschiedete ich mich knapp von der Besitzerin des Modeladens und ging hinüber zu Lizzy, wo Lord Archibald schon auf mich wartete.
„So, meine Amazonenkönigin, ich habe alles erledigt. Jetzt können wir unseren Ausflug machen.“
Als er mich wieder so gewinnend anlachte, fielen alle Bedenken schlagartig von mir ab. Er half mir aufs Pferd und schlug vor, in die Umgebung zu reiten. Und für das Dinner kenne er einen sehr gemütlichen Gasthof.
Ich freute mich sehr, fragte mich aber insgeheim, ob er wusste, wann die Flut kommen würde, denn dann konnten wir ja nicht mehr nach Darkhaven zurückreiten. Aber da er diese Tour sicherlich schon sehr oft geritten war, machte ich mir auch darüber keine Gedanken mehr.
Schon bald hinter Readingsworth erschloss sich die wunderschöne Landschaft von Devon, die so bekannt ist. Und schnell konnte ich mich nicht mehr halten und gab Lizzy die Sporen. Sie schoss los, so als habe sie nur darauf gewartet. Wer weiß, wann sie das letzte Mal richtig bewegt worden war? Ich war glücklich, als ich merkte, dass ich das Reiten nicht verlernt hatte. Und ich entschied, dass meine Pause viel zu lang gewesen war, und nahm mir fest vor, auch mit Viola auszureiten.
Ich flog also mit Lizzy über die Felder, Lord Archibald immer neben oder hinter mir. Er lachte und schien sich sehr zu amüsieren.
Erst nach einer ganzen Weile gab er mir ein Zeichen, dass es Zeit sei für eine Rast. Also stoppte ich Lizzy langsam. Als ich neben Lord Archibald abstieg, merkte ich erst, dass sie völlig außer Atem war und fast schon ein wenig dampfte.
In der Nähe floss ein Bach, zu dem sie sofort hintrottete, um zu trinken. Lord Archibalds Pferd folgte ihr.
Wir ließen uns fast gleichzeitig ins Gras sinken. Neben uns plätscherte der Bach und die Zweige eines Apfelbaums gaben Schatten.
„Sie sind ja eine richtige Draufgängerin“, sagte er und lachte. „Endlich mal eine Frau, mit der man vernünftig ausreiten kann.“
„Ach, ich bin so lange nicht mehr geritten. Erst jetzt habe ich gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat.“
Er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Mir war es aber in diesem Moment egal. Endlich nicht mehr in der Burg und um mich herum nur die weite Parklandschaft von Devon. Und neben mir der zuvorkommendste Mann, den ich je kennengelernt hatte, setzte ich im Geiste noch hinzu.
Um mich herum tanzte ein Mückenschwarm, den ich beobachtete, so wie ich es schon als Kind getan hatte. Die geordnete Formation faszinierte mich. Früher hatte ich meinen Vater oft gefragt, warum sie nicht zusammenstießen.
„Sie sind wirklich eine bemerkenswerte Frau“, flüsterte Lord Archibald und streichelte mir scherzhaft mit einem Grashalm über den Arm.