
© 2017 Gert Hellerich
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
| Paperback | ISBN 978-3-7439-8441-7 |
| Hardcover | ISBN 978-3-7439-8442-4 |
| e-Book | ISBN 978-3-7439-8443-1 |
Verlag und Druck: tradition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
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Siegfrieds Lebensgeschichte
Viele Menschen in der Moderne bewegen sich in der Welt ohne viele Fragen zu stellen; sie reagieren auf Reize der Umwelt, sie lassen sich sehr häufig führen, leiten, beherrschen und sie fühlen sich wohl trotz vielfältiger Entfremdungserfahrungen. Der von den modernen Macht-, Wissens- und Ordnungssystemen erzeugte Sinn wird zumeist verbindlich für ihr Leben übernommen. Da die Welt für sie komfortabel ist, werfen sie die Frage, warum die Welt so ist und nichts anders, kaum auf. Erst wenn die Welt fragwürdig, nicht mehr selbstverständlich, ja unverständlich werden sollte, begibt sich der Mensch aus der alltäglichen Erstarrung in einen lebensweckenden Zustand des Fragens, warum etwas so ist, wie er es gegenwärtig vorfindet, obwohl etwas anderes möglich wäre.
Siegfrieds Lebensgeschichte ist ein Paradebeispiel eines fragenden Menschen, der von seiner frühen Kindheit an, die Welt durch Fragen an seine Um- und Mitwelt verstehen will.
„Warum ist die Welt so und nicht anders?“ liegt einerseits eine Informationslust des sich entwickelten Siegfrieds, zu Grunde, denn er sucht seit seiner frühesten Kindheit nach Antworten auf bestimmte Dinge, Menschen und Sachverhalte, die er in seinen gegenwärtigen Beobachtungen und Erfahrungen nicht nachvollziehen oder verstehen kann. Das, was er erlebt, was ihm begegnet, womit er Umgang in der Welt hat, erscheint ihm nicht selten fragwürdig. Es sind häufig unverständliche oder unbegreifliche Situationen, mit denen er konfrontiert wird. Er sucht nach Antworten auf das Wer, Was, Wann, Wie und Warum, weil er die Sachverhalte, mit denen er konfrontiert wird, nicht erklären kann. Er blüht auf, wenn er fragend seine Welt zu erkunden versucht.
Aber Fragen über die Welt zu stellen ist nicht nur eine Informationslust, sondern beruht häufig auch auf bedrückenden Erfahrungen, die Menschen in ihrer Alltagswelt machen und die sie hinterfragen wollen. Es gibt jedoch viele Menschen, die in solch irritierenden, betrübenden und enttäuschenden Erfahrungen davon ausgehen, dass die Welt eben so ist, wie sie ist. Es erfolgt kein Vorgriff auf andere Möglichkeiten. Siegfried wächst während der Kriegs- und Nachkriegszeit auf und er macht deprimierende Erfahrungen, weil das gegenwärtige Leben ihm fragwürdig geworden ist, doch mit der Fragwürdigkeit kommt die tollkühne Hoffnung auf, dass eine bessere Welt Wirklichkeit werden kann. Es stellt sich die Frage, ob Siegfrieds Hoffnung im fragwürdig Gegenwärtigen nicht ein Appell an die Menschheit sein könnte, nicht fraglos mit dem Beklagenswerten zu leben.
Fragen in der Welt ist jedoch nicht nur auf die vorhandene Mit- und Umwelt gerichtet, sondern auch auf das eigene Sein, auf die eigene Welt. Sie beinhaltet eine Suche nach dem eigenen Wesen, dem eigenen Ich in der Welt – nach der eigenen Individualität oder Subjektivität. Es sind die Fragen nach dem Woher und Wohin, die Siegfried als Jugendlichen und jungen Erwachsenen in seiner Lebenswelt beschäftigen. Woher kommt der Mensch? Wohin geht der Mensch?
Über Jahrhunderte war es die christliche Religion, deren Erklärungen zum Woher und Wohin bestimmend für das Abendland waren. Siegfrieds Mutter setzt diese Tradition in der Lebensgeschichte Siegfrieds fort, indem sie ihm ihre Erklärung des Woher auferlegt, nämlich, dass etwas so ist, wie es ist, weil Gott die diversen Wesen geschaffen hat und er über den Werdegang der Welt wacht. Die mütterliche Erklärung des Wohin ist ebenso eindeutig: Die sündige Welt wurde durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, erlöst und seinen Nachfolgern wird das ewige Leben geschenkt. Für Siegfrieds Vater, der nationalsozialistisch und wissenschaftlich ausgerichtet ist, sind andere Erklärungen verbindlich. Er verneint Gott. Die Entstehung der Welt wird für ihn in positivistischer Weise auf Tatsachen reduziert; es gibt nichts außer Tatsachen, d. h. Tatsachen sind die Substanz der Welt. Mit dem Tod hört das Leben auf und da ist Nichts, das vom Menschen als ein Ich übrig bliebe. Für Siegfried sind die Sichtweisen sowohl des Vaters wie auch der Mutter zu kurzatmig, um das Geheimnis des Lebens zu erklären und er sucht nach existenziellen Alternativen.
Warum die Welt so ist, wie sie ist, ist ein beständiger Bestandteil der Lebensgeschichte Siegfrieds. Doch die Fragen, die er an seine Bezugspersonen als Kind stellt, sind andere als die, welche er als Jugendlicher oder junger Erwachsener in seinen vielfachen Beziehungen aufwirft. Sie entspringen jedoch jeweils aus der gegenständlichen und mitmenschlichen Welt. Als Kind stellt Siegfried Fragen zu den Gegenständen und Vorgängen, die er in seiner Umgebung wahrnimmt, insbesondere Informationsfragen zum Krieg und zur Nachkriegszeit. In der Pubertät und danach werden die Informationsfragen nicht aufgegeben, aber durch existenzielle Fragen komplementiert. Er fragt sich, warum er unter den Milliarden und aber Milliarden individuellen Möglichkeiten als solch ein Individuum mit solch einem Körper unter diesen ganz bestimmten Bedingungen so und nicht anders in die Welt geworfen wurde und was er überhaupt ist und wie er einen Sinn in seinem Leben finden kann. Er fragt nach seinem Ich, das er ergründen will. Seine Lebensgeschichte zeigt, dass es ein langer Weg dorthin ist, der mit vielen Unwägbarkeiten verbunden ist. Es steht völlig außer Frage, dass diese Ich-Erschließung ein schwieriges Unterfangen für ein Arbeiterkind ist, insbesondere dann, wenn seine Ich-Konstituierung oft nur durch Träume eines anderen Lebens möglich zu sein scheint. Wird er es schaffen, die ihm als Sohn einer Arbeiterin in den Weg gestellten Hürden zu überspringen? Ist die Transzendenz von einer niederen auf eine höhere Ebene nicht grundsätzlich nur durch den Glauben an sich und sein Vermögen sowie beharrlichen, kontinuierlichen Fleiß und anhaltende Disziplin in seinem ständig entfremdeten Dasein zu verwirklichen?
Für denjenigen, für den die Welt voller Fragen ist, kann sie nie und nimmer als selbstverständlich und unstreitig in Erscheinung treten. Aus den Fragen heraus kann sich jeweils eine neue Sichtweise entwickeln, wobei auch die eigenen Verblendungen durchschaut werden können. Viele Menschen werden durch die Macht-, Norm- und Wahrheitssysteme blind gemacht und es geht darum, sich dieser Blindheit zu stellen. Die Lebensgeschichte Siegfrieds zeigt, wie er sich aus den diversen ideologischen und institutionellen Unterwerfungsstrukturen herausgelöst hat. Fünf Transformationen in Siegfrieds Lebensgeschichte scheinen nicht nur für ihn Schritte aus der Verblendung zu sein, sondern auch für andere Jugendliche und junge Menschen signifikante Schritte aus einer gewissen Blindheit heraus zu sein: erstens die Transformation von der Fremdregulierung zur Selbstregulierung bzw. Autopoiese, zweitens die Transformation vom auferlegten Sinn zum selbstgestalteten Sinn, drittens die Transformation von der Fremdsorge zur Selbstsorge, viertens die Transformation von einer eindimensionalen, vorgegebenen und geschlossenen Wahrheit zu vielseitigen, perspektivischen, offenen Wahrheiten und fünftens die Transformation von einer überirdischen oder andersweltlichen Hoffnung zu der Hoffnung auf das Hier und Jetzt. Siegfried steht stellvertretend für die Befreiung des Menschen aus roboterhaften Systembedingungen heraus, denn unter diesen Bedingungen handeln die angepassten Menschen so, dass der Wille anderer und nicht der eigene Wille geschehe. Siegfrieds Transformation manifestiert, wie und wodurch der eigene, formgebende und aktive Lebenswille gestärkt werden kann.
Erstens: Die Transformation von der Fremd- zur Selbstregulierung impliziert Fragen gegen das auf jeden Menschen einwirkende „Fremde“ zu stellen, das ihn oft sein Leben lang beherrscht und das er nicht selten fraglos akzeptiert. Statt zu denken, dass es so sein muss und nicht anders möglich sein kann, sollte der Mensch diese Selbsttäuschung überwinden und Widerstand dagegen zu leisten. In der Fremdregulierung drängt am Beispiel der Lebensgeschichte Siegfrieds die die Familienordnung bestimmende Person – in der nachkriegerischen Lebensgeschichte Siegfrieds die Mutter - dem Heranwachsenden, was er zu tun und was er zu lassen hat. Diese Form der Sozialisation schließt eigene Lebensentwürfe der fremdregulierten Person aus. Siegfried setzt sich mit dem auf ihn einwirkenden fremden Eingriffen lange Zeit auseinander und am Ende ermöglicht es ihn, autopoietisch tätig zu sein. Ist es für den Handelnden nicht von großer Bedeutung zu erkennen, dass die Welt und auch er nur dann so bleiben, wie sie sind, wenn der Kampf gegen die äußeren und nach innen wirkenden Fremdherrschaften nicht aufgenommen wird?
Zweitens: In der Transformation von auferlegten zu selbstgestaltenden Sinnstrukturen muss jeder Mensch lernen, nein zu sagen zu dem vorgefundenen, oft sinnwidrigen Leben und sich auf die Suche nach neuer Sinnhaftigkeit machen. Diese neue Sinnhaftigkeit beruht beim Menschen auf dem starken Willen zur Veränderung und zum Werden. Was Siegfrieds Lebensgeschichte anbetrifft, so ist sinnstiftendes Leben für ihn nicht während der Kriegsgeschehnisse und nicht in den Nachkriegserfahrungen zu erkennen. Selbst in der gymnasialen Ausbildung Jahre später ergibt für ihn das Lernen keinen Sinn, weil er das, was er lernen soll, in keinen Bezug zu seiner Lebenswelt setzen kann. Aber er gibt nicht auf, bis er seinem Leben einen eigenen Sinn geben kann. Dieser Wille zur eigenen Sinngebung ist bei ihm in seinem jungen Erwachsensein sehr ausgeprägt. Kann er nicht nur der Schmied einer besseren Zukunft sein, wenn er sich nicht länger als Opfer widriger Umstände oder eines unabwendbaren und unentrinnbaren Schicksals wahrnimmt, sondern sich als gestaltende Kraft in seinem Dasein begreift, selbst wenn dieses Vorhaben schwer, hart und mühselig ist?
Drittens: Entscheidend ist für jeden Menschen, der sich von fremden Eingriffen loslösen will, dass er sich auf den Weg zur Selbstsorge macht. Da das Leben nicht so ist, wie er sich das gewünscht hat, muss er durch Selbstsorge, d. h. die Sorge um sich selbst, dazu beitragen, die Zukunft anders, erträglicher, glücklicher und zufriedener zu gestalten. In Bezug zu Siegfrieds Lebensgeschichte ist es die Selbstsorge, die ihn dazu treibt, seine ureigensten, durch die Erziehung verdeckten Möglichkeiten zu entdecken. Er ist davon überzeugt, dass er zu erkennen hat, wenn er sich um sein eigenes Sein kümmern will, er seinen eigenen Weg für sich finden muss. Er muss sich selbst zu Hilfe kommen. Gründet dieser Selbsthilfeprozess nicht in den eigenen menschlichen Stärken und Potenzialen? Erlangt er durch das Zurückgreifen auf eigene Fähigkeiten nicht mehr Handlungsmacht?
Viertens: Viele Menschen sind davon überzeugt, dass es absolute Wahrheiten gibt, was sie oft dogmatisch und intolerant macht. Bei der Transformation menschlicher Geisteshaltungen geht es darum, sich mit dem Wahren an und für sich auseinanderzusetzen und auf vielseitige perspektivischen Wahrheiten hinzuarbeiten. Im Falle Siegfried wird deutlich, wie er zu sich selbst kommen und seine eigenen Erkenntnismöglichkeiten realisieren will, nachdem er jahrelang die Wahrheiten anderer übernommen hat. Jede eigene Erkenntnis, die durch die Auseinandersetzung mit den Wahrheiten anderer gewonnen wurde, ist ein Streben nach Selbstbestimmung und Selbstbefreiung, eine eigene Erhöhung und Stärkung des Ich. Mit der Zuversicht, dass Siegfried seine perspektivische Wahrheit finden kann, stellt sich die im Hinblick auf seine mitmenschliche Welt wichtige Frage, wie sich jemand verhält, der überzeugt ist, seine eigene Wahrheit für das Leben gefunden zu haben, gegenüber anderen, die diese Form der Wahrheit stören würde. In einer diktatorischen Gesellschaft würden nicht wenige Menschen aus Angst vor Verfolgung ihre Wahrheit zurückhalten. Aber wie ist es in einer autoritären Familie, in welcher, wie in Siegfrieds Fall, die Mutter ihren Sohn so haben will, wie sie ist, insbesondere im Hinblick auf ihre religiösen Wahrheiten und er zu einer anderen Wahrheit gelangt ist? Zweifelsohne fürchtet der junge Erwachsene im Gegensatz zum Kind nicht länger den liebevollen Entzug der Mutter, doch Enttäuschungen auf Seiten der Mutter will er ebenso vermeiden. Ist es daher besser, seine Wahrheit zurückzuhalten, d. h. nicht authentisch zu sein, statt seine Wahrheit klar und deutlich auszusprechen?
Fünftens: Was wäre das Alltagsleben ohne Hoffnung. Für viele Menschen geht dieses unerlässliche Element der Struktur des Lebens verloren. Das Prinzip Hoffnung führt zu einer vertieften Bejahung des Lebens, wenn sie nicht, wie im Christentum überweltlich, sondern eine im Hier und Jetzt ist. Aus Siegfrieds Lebensgeschichte wird ersichtlich, wie er in seiner Transformation die irdische Zukunft feiert; sie lässt bei ihm die Gegenwart wachsen. Bedeutet den Keim seiner Hoffnung zu pflanzen nicht auf das Kommende Einfluss nehmen zu können, indem man sich selbst Freiheit des Handelns zugesteht? Wird der höchste Gedanke nicht zur höchsten Hoffnung? Stärkt diese Art der Hoffnung nicht Siegfrieds Lebenskräfte? Schleudert er sich mit dieser Form der Hoffnung nicht seiner Zukunft durch Schaffenskräfte entgegen? Leitet Hoffnung nicht nur bei Siegfried, sondern ebenso bei anderen Menschen eine Veränderung im Leben ein, wie der Regenbogen nach stürmischen Zeiten Wetterbesserung ankündet? Schafft der Hoffnungsfunke nicht die Offenheit für Mögliches?
Siegfried wurde im Hochsommer 1941 in einer SS-Siedlung am Rande der Stadt Weimar als zweites von drei Kindern zur Welt gebracht. Die sehr naturverbundene Mutter arbeitete gerade im sehr gepflegten Garten, als die Wehen einsetzten und eine Hebamme gerufen wurde. Die Entbindung verlief problemlos. Ein neues Leben entstand inmitten von Leben, das leben wollte. Die lebendige Landschaft war zu dieser Zeit saftig grün, es zwitscherten die Vögel, die Bienen und Wespen summten, die Blumen blühten, Kinder unterschiedlichen Alters spielten voller Freude in der Sandgrube der SS-Siedlung. Herrchen und Frauchen führten mit Vergnügen ihre Hunde aus. Die Natur strahlte Schönheit und Ruhe aus; die Umgebung war voll von Leben. Überall manifestierte sich der Wille zum Leben.
Doch diesem Willen zum Leben trat der Wille zur Zerstörung des Lebens gegenüber. Es wütete seit 1939 der 2. Weltkrieg mit seiner ganzen Vernichtungsmaschinerie. Keine Familie wusste, was alles auf sie zukommen werde. Nicht wenige Eltern überlegten es sich in Deutschland gründlich, ob sie zu solch unsicheren Zeiten überhaupt Kinder haben sollten, denn keiner konnte erahnen, wie lange der Krieg währen und wie intensiv er wüten würde, obwohl viele Deutsche mit nationalsozialistischer Ideologie die deutsche Wehrmacht sehr hoch einschätzten und sie daher zu Beginn des Krieges damit rechneten, dass es ein Blitzkrieg und ein Blitzsieg werden würde, was sich im späteren Verlauf des Krieges als Trugschluss entlarvte. Die Entscheidungen, Kinder in die Welt zu setzen, beruhten in vielen nationalistisch geprägten Köpfen der Frauen auf Hitlers Botschaft an diese Adressaten-Gruppe, Kinder für den Führer zu gebären.
Hätte man die Kriegskinder fragen können, ob sie während eines Krieges zur Welt kommen wollten, so hätten sie, insbesondere, wenn der weitere Verlauf des Krieges in Erwägung gezogen werden sollte, bestimmt ein anderes Datum für ihre Geworfenheit gewählt. Doch leider ist dies eine unsinnige Annahme. Rückblickend als Jugendlicher auf seine Geburt während des Zweiten Weltkrieges und auf die Nachkriegszeit fragte sich Siegfried jedoch immer wieder, warum er gerade zu Kriegszeiten das Licht der Welt erblicken musste. Es hätte für ihn – so seine Vorstellung – sicherlich bessere Zeiten geben können. Jeder Wurf in diese Welt ist eben eine Entscheidung, die andere für die Kinder treffen; er ist zufällig oder beliebig, was Umstände und Gene anbetrifft. Trotz des Geworfenseins in eine Kriegssituation, in welcher kriegsbedingt die Verneinung und Zerstörung des Lebens bestimmend ist, war auf Seiten der deutschen Nation bis dahin im Vergleich zu anderen, von ihr okkupierten und verwüsteten Ländern nicht so viel von den Verhängnissen und Vernichtungen dieses Krieges zu spüren, da es ihr gelang, zunächst einen Sieg nach dem anderen einzufahren. Die Wende kam erst viele Monate später.
Die Eltern kamen ursprünglich aus Süddeutschland. Sie hatten sich über eine Zeitungsannonce fünf Jahre zuvor im Schwabenland kennen gelernt, wo auch seine verwitwete Mutter in einer Großstadt und ihre Mutter (ihr Vater war im 1.Weltkrieg als Soldat gefallen) in einem Dorf lebten. Sie verliebten sich sehr schnell und heirateten nach einem Jahr, wenngleich ihre gläubige Mutter Vorbehalte gegen die Heirat hatte, denn er war Nationalsozialist und ungläubig. Die Tochter setzte sich über die Vorbehalte der Mutter hinweg, weil sie ihren Liebhaber schön und stattlich fand, ganz anders als die Bauern auf dem Dorf der schwäbischen Alb, wo sie aufwuchs. Mit denen konnte sie sich auf keinen Fall eine Partnerschaft vorstellen. Einen Bauern zu heiraten und Bäuerin zu werden, kam für sie niemals in Frage.
Der Vater wurde 1937 von der NSDAP als Soldat von seiner Stationierung in Baden-Württemberg nach Thüringen, in die weitere Umgebung der Stadt Weimar, versetzt. 1938 kam das erste Kind zur Welt. Beide waren gut aussehend und sie fühlten sich physisch angezogen, sodass mentale Differenzen in den Hintergrund gerieten. Die Mutter war Mitglied einer freichristlichen Kirchengemeinschaft und keine Verehrerin des Führers, während der Vater Atheist war und sich dem Führer und seinen Vorstellungen ohne Einschränkungen unterwarf. In den ersten Jahren der Ehe lief das Meiste ihrer Beziehungen auf einer Gefühlsebene ab, ohne dass die Unterschiede religiöser und politischer Art zum Tragen kamen. Der Vater bestimmte, wie der zweite, 1941 geborene, Sohn heißen sollte. Er hatte ihm den Namen Siegfried gegeben. Der Name enthält einen scheinbaren Widerspruch; zum einen schließt er „Sieg“ ein, dem ein Kampf oder Krieg mit anschließendem Erfolg vorausgeht und zum anderen enthält er das Wort „Frieden“ – das Gegenteil von kriegerischer Auseinandersetzung. Es war die weitverbreitete nationalsozialistische Idee, von der er sich angezogen fühlte, dass mit den weltweiten Siegen der Nationalsozialisten eine neue Welt-Regierung und -Ordnung aufgebaut werden könnte, in welcher durch Militärgewalt und Unterjochung der Völker Frieden erzwungen werden könnte. Das nationalsozialistische Motto war „Frieden schaffen mit Waffen“. Aber auch der mittelalterliche Siegfried, der Ritter und der das Drachenungeheuer besiegende Held aus dem von Wagner komponierten Nibelungenlied bewogen den Vater seinem Sohn den Namen Siegfried zu geben. Der Vater zog in den Krieg und die Mutter kümmerte sich um die Kinder. Zwei Jahre später kam noch ein drittes Kind zur Welt.
Der Nationalsozialismus legte Wert darauf, dass die nicht für die Front geschaffene Frau die Rolle als Hausfrau und Mutter ausübte. Kinder und Küche sollten den weiblichen Lebensraum ausfüllen und die Mutter sollte zum Wohle der Völkergemeinschaft beitragen. Die Frau wurde zu der Zeit der Nazis, wie dies aber auch schon zu früheren Zeiten der Fall war, als Ehegattin im Lebensraum des Mannes konstruiert; er hatte auch als Oberhaupt der Familie alle wichtigen Entscheidungen zu treffen. Siegfrieds Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, da ihr christliches Erbe ebenso, den Worten des Apostels Paulus entsprechend, eine Unterordnung der Frau dem Manne gegenüber in der Familie vorsah. Er forderte für seinen Führer Hitler, den er wie keinen Politiker zuvor bewunderte und vergöttlichte, überdurchschnittliche Gebärleistung von seiner Ehefrau. Mindestens vier Kinder waren seine Gebärziele. Damit hätte sie das Ehrenkreuz in Bronze erhalten. Leider waren es kriegsbedingt nur drei. Gebären für den Führer Adolf Hitler, für das Volk und für das Vaterland war für ihn der unabdingbare Familienwunsch, während die Mutter sich einfach über Kinder freuen wollte, wie dies ihr geistiges Vorbild Jesus Christus tat, der die Kinder zu sich rief und segnete. Für den Vater wie auch für die Mutter sollten Kinder eine Bereicherung des familialen Lebens sein, wenngleich dem Kinderwunsch unterschiedliche Motive zu Grunde lagen. Die Nationalsozialisten stellten der Familie ein Haus in einer SS-Siedlung am Rande von Weimar zur Verfügung. 1937 beschloss die Planungsgruppe der NSDAP eine Siedlung für die SS-Wachmannschaften zu bauen. Das Areal befand sich in der Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald. Bei dem 1938/39 fertiggestellten Neubau wurden Häftlinge aus Buchenwald als Zwangsarbeiter eingesetzt, die unentgeltlich Sklavenarbeiten verrichteten, bevor ein Großteil von ihnen später vergast wurde oder verhungerte. Diese SS-Siedlung wurde nach ihrer Fertigstellung der Stadt Weimar zugeordnet. Die Mutter schien nicht zu wissen, unter welchen Bedingungen die SS-Siedlung gebaut wurde, der Vater als SS-Sturmbannführer ganz bestimmt. Er hatte jedoch nie darüber gesprochen. Die Mutter wusste anscheinend noch nicht einmal darüber Bescheid, dass ein Konzentrationslager nur wenige Kilometer von ihrem Haus entfernt etabliert wurde – angeblich auch nicht die anderen Mütter der Siedlung. Für den Vater waren die dort inhaftierten Menschen Untermenschen, die für ihn als nicht arisch bzw. nicht reinrassig oder nicht erbgesund stigmatisiert und als menschenunwürdig degradiert wurden, denen man keinen Respekt zu zollen hatte und ohne Bedenken für Sklavenarbeit einsetzen konnte. Oder die Häftlinge waren zwar reinrassige Bürger, die jedoch als Kommunisten, Sozialisten wie auch in anderen schäbigen Gruppierungen, Siegfrieds Vater zufolge, gegen den Nationalsozialismus kämpften, also für ihn als Verräter des Vaterlandes gebrandmarkt wurden und daher seiner Meinung entsprechend zu Recht eingesperrt wurden, um das Vaterland abzusichern und zu erhalten.
Der Vater verdankte den 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten nicht nur die neuen Wohnmöglichkeiten in einer ruhigen und wunderschönen Umgebung, sondern auch sein relativ gutes Einkommen als Sturmbannführer und seine, ein Jahr nach der Geburt Siegfrieds erfolgte Beförderung zum Obersturmbannführer, während er vor der nationalsozialistischen Machtergreifung über Jahre hinweg in Süddeutschland arbeitslos war und zum Teil von seiner Mutter, einer verwitweten Beamtenfrau, unterhalten werden musste. Der Familie – eine Art Mittelschichtfamilie – ging es gut. Die Mutter, der der Vater in großzügiger Weise das meiste Geld zur Verfügung stellte, war sehr zurückhaltend mit ihren Ausgaben – eben eine sparsame Schwäbin. Diese sparsame Tugend sollte sich in den späteren Jahren der Nachkriegszeit auszahlen, als der Kampf ums Dasein entfacht wurde. Siegfrieds Familie wie auch den anderen Bewohner/innen der Siedlung ging es während der Kriegsjahre versorgungsmäßig relativ gut. Während viele von ihnen zuvor arbeitslos waren und sich durchschlagen mussten, hatten sie nunmehr einen Job in der nationalsozialistischen Maschinerie. Man spürte bei ihnen die Freude über ihr neues Leben. Sie genossen ihr, vom Führer für sie erbautes Haus in einer außergewöhnlich guten Lage und genossen einen relativen Wohlstand. Alle frohlockten zu Beginn des Krieges und auch noch in den ersten Jahren des Krieges. Sie huldigten den Führer, dem sie alles zu verdanken hatten. Das Gefühl der Trauer kam kaum auf. Warum sollten die Bewohner/innen auch solche Gefühle haben, denn alles lief ja nach ihren Vorstellungen und Wünschen. Sie waren glücklich und zufrieden.
Siegfried wurde von den Eltern als Muster-Baby bezeichnet, denn es schrie im Gegensatz zum älteren Bruder kaum. Es beschäftigte sich in der Wiege mit seinen Händen und Füßen und strahlte übers ganze Gesicht, als es sich selbst zu entdecken versuchte. Die alltägliche Reinlichkeitserziehung verlief bei Siegfried viel positiver als bei seinem älteren Bruder, der zum Widerwillen der Eltern durch Bettnässen bis ins dritte Jahr hinein und durch Einkoten auffiel. Mit ein und halb Jahren ging er schon eigenständig zum neben der Toilette befindenden Töpfchen. Die Windel, die er in seinem Höschen trug, nahm er oft raus, wahrscheinlich um zu zeigen, dass er sauber war und sie nicht mehr benötigte. Während der ältere Bruder bei Anordnungen der Eltern häufig trotzte und es bei ihm zu Zornausbrüchen kam, war Siegfried sehr gelassen und zeigte kaum Widerstand gegen die Machenschaften der Eltern. Die Mutter bezeichnete ihn als ihren „Goldschatz“. Mit ein und halb Jahren konnte er schon einfache Sätze sprechen. Mit zwei Jahren versuchte er sich bereits selbst an- und auszuziehen, mit dem Löffel zu essen und sich selbst die Hände zu waschen. Er schien schnell zu lernen.
Siegfried war sehr neugierig; er befand sich ab seinem dritten Lebensjahr stetig auf Entdeckungsreisen in seiner Alltagswelt und wollte sein In-der-Welt-Sein verstehen. Die Welt schien für ihn voller Geheimnisse und Wunder zu sein. Er beobachte seine Umgebung und wenn immer ihm etwas fragwürdig erschien, stellte er Fragen, warum etwas so ist, wie es ist. Fragen entstanden zumeist aus den alltäglichen Situationen heraus, die er nicht begreifen konnte, wie z. B. „Warum scheint die Sonne“? Mit dieser Warum-Frage trat er einmal an seine Mutter und ein anderes Mal an seinen Vater heran. Der Vater gab ihm eine physikalische Antwort, die ihm wenig imponierte, die Mutter eine lebensnahe Erklärung, nämlich die, dass Lebewesen Licht und Wärme brauchen, die er ohne Schwierigkeiten nachvollziehen konnte. Auch bei der Frage „Warum regnet es“? war er eher mit der Antwort der Mutter, dass die Natur zum Wachstum nicht nur Sonne, sondern auch Regen benötige, zufrieden als mit der wissenschaftlichen Erklärung über Feuchtigkeitsbildung der Wolken des Vaters. Als Siegfried die vier Jahreszeiten verfolgte, fiel ihm auf, wie sich im Herbst die Blätter verfärbten. Das war für ihn ein Spektakel, das er bei einem Spaziergang nicht verstehen konnte. „Warum verfärben sich die Blätter auf den Bäumen“? Der Vater erklärte das Phänomen so, dass im Herbst Chlorophyll den Blättern entzogen wird und sie sich daher verfärben, während ihm die Mutter es mit sinkenden Temperaturen und weniger Licht begründete. Und so stellte er eine Frage nach der anderen, um die Geheimnisse der Welt zu lüften, was, insbesondere die Mutter oft irritierte, nicht nur, weil sie oft keine direkte Antwort auf bestimmte Fragen geben konnte, sondern weil vieles des Gefragten für sie allbekannt und offenkundig war. Nicht nur Fragen zur Natur, vielmehr auch mit sozialen Fragen konfrontierte er seine Mutter. Z. B. wollte er wissen, warum die Leute Kleider tragen, wenn es im Sommer sehr heiß ist, besser wäre es doch nackt zu gehen. Die prüde Mutter erwiderte, dass das nicht ginge, weil die Gesellschaft das so bestimmt habe, sich nicht anderen gegenüber nackt zu zeigen. „Warum denn nicht? Ist das etwas Schlimmes, nackt zu sein“?, bohrte er nach. Die Mutter erwiderte ebenso, wie bei vielen nur schwer von ihr zu beantwortenden Fragen: „Das ist eben so, wie es ist“!