Buchcover

Birgit Pouplier

Wind über dem Meer

Saga Egmont




Dieses Buch ist den sechs Menschen

gewidmet, die mir auf ihre Art einen

Einblick in die Welt der Jungen und

Männer gewährt haben


Leif, meinem Freund

Knud, meinem Mann

Kim, meinem Sohn

Gunnar, meinem Bruder

Niels, meinem ältesten Enkelkind


und in liebevoller Erinnerung an

»Onkel Aage«, meinen Stiefvater

1. Teil

Kapitel 1

Es war Torstens Idee gewesen – er hatte sie auf diese Reise geschickt.

Sie sah aus dem Fenster des Busses, der zum Flughafen fuhr. Aber sie nahm ihre Umgebung kaum wahr. Es war das Wort Vulkan gewesen, das an diesem Abend fiel. Ein Funke hatte die Idee entstehen lassen: »Island – fahr zu deiner alten Freundin Stefanía und erlebe das Island, das du immer sehen wolltest«, hatte er ausgerufen. »Fahr!«, hatte er gesagt. »Finde wieder zu dir und kehre dann zurück zu uns.«

Aber war es richtig, was sie tat, selbst wenn Torsten es verlangte? »Ein Befehl ist das!«, hatte er gesagt. Über vierzehn Tage sollte sie von zu Hause fort sein – ohne Familie, und die Familie ohne sie. Torsten war davon überzeugt, dass diese Reise sie ein für alle Mal zurück ins Leben holen würde, zurück zu ihm und den Kindern, sie endlich von ihren quälenden Gedanken und Selbstvorwürfen befreien würde: Sie hatte eine Mauer um sich herum aufgebaut und war verstummt. Eine andere Umgebung und neue Eindrücke – eine ausgiebige Pause von allem – das brauche sie jetzt. Das würde ihr neuen Mut geben und die Kraft, die momentane Bewegungslosigkeit zu überwinden.

Es war einige Zeit vergangen, seit sie – zum ersten Mal in ihrem Leben-vom Schicksal getroffen worden war. Doch dann hatte es so unbarmherzig zugeschlagen, dass die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen war. Ihr wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, sie wurde aus dem Leben gerissen und landete in einem dunklen Raum, einem Niemandsland, in dem noch nicht einmal sie selbst existierte. An diesem Abend jedoch, vor einigen Wochen, als sie untätig und kraftlos in Torstens Lehnstuhl saß und darauf wartete, dass er von seiner Nachtschicht im Krankenhaus nach Hause kam, da hatte ein kleines Licht zu flackern begonnen.

Sie hatte dort gesessen und dem tiefen Klang der Bornholmer Uhr gelauscht, aber er berührte sie nicht mehr. Ein Jahr war vergangen, vielleicht auch mehr – sie hatte ihr Zeitgefühl verloren – ein Jahr, in dem die Familie neben ihr weiterfunktionierte. Ab und zu mischte sie sich noch ein, aber eher mechanisch und nicht so wie früher. Sie wies Alan zurecht, liebkoste William, tröstete die aufbrausende Suzan, aber sie war nicht bei der Sache – sie lebte in ihrer eigenen Welt.

Sie lauschte der eigenartigen Stille, die sich über das Haus senkte, wenn die Kinder schliefen. Eine Stille, die eine vertraute Spannung in ihr hervorrief, da sie in jedem Augenblick vorbei sein konnte. Sie erwachte aus ihrem Halbschlaf …

Sie hatte die Beine über die Armlehne und den Kopf gegen die Ohren des Sessels gelegt. Sie versuchte ein Buch zu lesen, doch sie begriff die Worte nicht. Die Lampe hinter ihr warf einen Schatten auf ihr Gesicht. Etwas an ihrem Gesicht war ungewöhnlich. Es war regelmäßig, beinahe schön mit einer geraden Nase, einem vollen und fein geschwungenen Mund und großen, ovalen Augen. Das Besondere waren die Augenbrauen. Sie waren vollkommen gerade, nicht geschwungen, gerade, kräftig und dunkel. Sie verliehen ihrem Gesicht etwas Starkes und Waches, wirkten fast ein wenig bedrohlich im Gegensatz zu ihren Augen, die kindliches Zutrauen und große Unbekümmertheit ausstrahlten.

Sie schlug das Buch zu und lauschte. Nein, der Wagen fuhr weiter. Sie sah auf die Uhr, es würden noch einige Stunden vergehen, bevor er nach Hause käme. Sie mochte es nicht, wenn er nachts weg war. Warum setzte sie sich nicht an die Schreibmaschine und versuchte, dort wieder anzufangen, wo sie damals so abrupt unterbrochen worden war?

Torsten munterte sie immer wieder auf – es könne eine Chance sein, weiterzukommen. Er sagte: »Nimm eine Übersetzung an – du hast doch genug verschiedene Angebote. Dann hast du was zu tun. Versuch es doch wenigstens – ja, heute Abend zum Beispiel, an so einem Abend, wenn es endlich still ist im Haus. Du scheinst deine freien Vormittage nicht mehr nutzen zu können.« Er klang so, als wäre das ihr einziges Problem.

Jetzt? Heute Abend? Es war immer so, als würde eine Hälfte von ihr mit ihm zur Tür hinausgehen, und dann konnte sie höchstens noch Rechnungen schreiben, was sie heute auch getan hatte. Sie versuchte erneut zu lesen, aber ihre Gedanken schweiften ab.

Plötzlich glitt sie in die Vergangenheit. Als wäre die Haut gerissen, die den großen, leeren Raum bedeckte, der zwischen der Zeit vor und nach der Katastrophe lag. Ihre Gedanken glitten in die Zeit vor der Leere. Ein schwacher Wille erwachte in ihr und wollte sehen und erleben, was vorher gewesen war.

Alles hatte damit angefangen, dass plötzlich das Gefühl in ihr aufgekommen war, nichts sei so gelaufen, wie sie es wollte, dass sich keiner ihrer Träume und Wünsche erfüllt hatte. Nicht nur, dass sie mit sich und ihrer Arbeit unzufrieden war, diese nichts bringenden Übersetzungen und ihre Kinderreime, denen sie keine neuen hinzufügen konnte. Nein, das Fürchterliche war dieses ewige Einerlei, die Zeit, die ihr davonrannte, die ihr erst entgegenraste, um sich Augenblicke später in Vergangenheit zu verwandeln. So schnell, wie sie kam, war sie vorbei. Und immer schwammen unerfüllte Erwartungen in ihrem Kielwasser.

Wann bloß, hatte sie damals gedacht, war ihr die Zeit entglitten? Sie konnte sie nicht festhalten und sie schon gar nicht für sich einsetzen, wie sie sollte und wollte.

Sie erinnerte sich an diese unendliche Weite von Zeit und Raum, als sie eine verheißungsvolle Zukunft vor sich hatte, voll von Erwartungen, die ihr erfüllbar schienen. Sie war gut in der Schule und beliebt bei den Mitschülern gewesen, doch sie hatte nie eine richtige Freundin gehabt. Erst viel später in ihrem Leben wurde Stefanía so eine Art Freundin, so verschieden sie auch waren – oder vielleicht gerade deshalb. Krista war im Alter von drei Jahren Halbwaise geworden. Ihr Vater war Ingenieur und kurz zuvor nach Venezuela versetzt worden. Doch ehe sie mit ihrer Mutter nachkommen konnte, war er an einer Blinddarmentzündung gestorben. Ihre Mutter hatte sich ihre Trauer nie anmerken lassen. Im Gegenteil, sie hatte Krista stets zur Selbstständigkeit ermuntert, so wie sie selbst ein sehr eigenständiges Leben geführt hatte. Zuerst hatte sie als Sekretärin des bekanntesten Strafverteidigers des Landes gearbeitet – später dann, als Krista in die Schule ging, hatte ihre Mutter mit dem Jurastudium begonnen. Sie war heute eine ebenso bekannte und verdiente Strafverteidigerin wie ihr guter Freund André Leduc, Anwalt der Verlierer der Gesellschaft. Krista hatte gute Noten im Gymnasium, doch sie war nie dahinter gekommen, ob es daran gelegen hatte, dass sie besonders fleißig gewesen war oder daran, dass sie immer offen für Neues geblieben war und ein lebhaftes Interesse an den Dingen gezeigt hatte, die um sie herum geschahen. Sie war sehr beliebt gewesen, auch bei den Lehrern, sie war geradezu von ihnen verhätschelt worden.

Ja, die Zukunft damals war viel versprechend gewesen. Und sie schien sich unendlich vor ihr auszustrecken.

Bis sie eines Tages entdeckte, dass die vielen glücklichen Jahre, ihre erfolgreiche Zeit als Journalistin, die knapp drei Jahre mit Torsten in Afrika und die zwei in den USA, wo Alan geboren wurde, in ihrer Erinnerung so bedeutsam waren, dass nur ein einziges dieser glücklichen Jahre ebenso lang wirkte wie die letzten zehn hier in Dänemark, in denen Suzan und William zur Welt gekommen waren.

Diese Geschwindigkeit ließ sie verzweifeln. Die Jahre verblichen und fielen einfach in sich zusammen. Nichts stach hervor. Das Frühjahr schickte seinen erdigen Duft ins Haus, noch bevor sie die letzten Tannennadeln hinausgefegt hatte, und der Sommer, wenn Suzan ihren Geburtstag feierte, war ebenso plötzlich vorbei wie der farbenfrohe Herbst, die Jahreszeit, die sie am liebsten mochte, die jedoch nur Augenblicke später schon von den vorweihnachtlichen Aktivitäten verdrängt wurde. Alles schien sich selbst in den Schwanz zu beißen, jeder Tag hatte einen festen Ablauf wie zu ihrer Schulzeit. Als ihre drei Kinder noch klein waren, machte es Krista nichts aus, dass die Zeit an ihr vorbeiraste, aber jetzt! Übersetzungen und Kinderreime genügten ihr nicht mehr. Alan war schon neun, Suzan sieben und William drei. Es musste etwas passieren, sie musste die Zeit aufhalten, damit sie ihr nicht davonrennen konnte.

Und das tat sie dann – auf eine sehr unlogische Art und Weise. Während ihres letzten Kurztrips mit Torsten nach London hatte sie plötzlich eine großartige Idee. Genau genommen waren es zwei. Die eine sollte sofort umgesetzt werden – gleich hier, wenn sie miteinander schliefen: Ein weiteres Kind würde die Zeit anhalten können.

Die zweite Idee war ein journalistischer Roman, der mit ihrer eigenen Schwangerschaft beginnen und sich parallel dazu entwickeln sollte: Gegen Krieg – in all seinen Verkleidungen. Sie wollte versuchen, mit einem neuartigen Ansatz den Verlauf von Kriegshandlungen zu enträtseln Tyrannei, diktatorische Verführer, Machtgier. Sie wollte aufzeigen, was diese Wege und Abwege, die unweigerlich in den Abgrund führten, verrieten … Sobald sie schwanger wurde, räumte sie alle alten Unterlagen beiseite und fing umgehend an zu schreiben. Ihre Inspirationsquelle und ihr inhaltlicher Ausgangspunkt war eine ungewöhnliche Frau, Bertha von Suttner.

Sie trug Material zusammen und begann, es durchzuarbeiten. Mit Hilfe ihrer Fantasie und Intuition würde sie all diese Erkenntnisse mit ihren eigenen Figuren und Handlungen zu einer neuen Romanform verbinden, die – so hoffte sie – mitreißend und spannend sein würde.

Und was geschah? Ihre Nacht in dem Londoner Hotel House of Guards. Torsten wünschte sich eigentlich keine Kinder mehr, er war sehr glücklich mit ihren dreien. Er wurde bald fünfzig. Aber sie entschied für ihn. Er würde sich schon über ein weiteres Kind freuen, so wie er sich auch über die anderen drei gefreut hatte. In dieser Nacht verhütete sie nicht, und sie liebten sich innig und warm und genossen es, keine Kinder auf der anderen Seite der Tür zu wissen. Bereits am nächsten Morgen wusste sie es, sie spürte das Spannen in ihrer Brust. Krista wurde leicht schwanger und hatte daher die Benutzung eines Pessars zum festen Bestandteil ihrer Abendtoilette gemacht. In der Bond Street war sie stehen geblieben und hatte auf ein Schaufenster gezeigt: »Diesen Strampelanzug müssen wir kaufen.« Er hatte ihren Arm gegriffen, sie zu sich gedreht und sie angestarrt. Sie hatte seine Gedanken nicht lesen können, und er zog sie kurz darauf weiter, ohne ein Wort zu sagen. Doch er hatte ausgesehen, als hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen. Sie traute sich nicht, ihn zu fragen – wartetet darauf, dass er es ihr erklären würde. Aber er tat es nicht.

Krista öffnete das Buch erneut und fing noch einmal von vorne an. Sie schloss die Augen, versuchte, sich zu konzentrieren, doch die Gedanken drehten sich im Kreis.

Nach dieser Nacht nannte Torsten das Kind flachsend die Dicke Bertha, wie die berühmte deutsche Kanone aus dem Ersten Weltkrieg. Also freute er sich doch. Aber Bertha erblickte nie das Licht der Welt, und … Sie schlug die Hände vors Gesicht, die bleischwarze Dunkelheit senkte sich wieder über sie, sie wollte nicht weiter darüber nachdenken, sich nicht erinnern – nein – Tränen stiegen ihr in die Augen.

Jäh erhob sie sich und lief auf und ab. Diese innere Finsternis vernebelte ihre Gedanken – sie wurde wahnsinnig. Wie sollte sie da nur herauskommen? Um Torstens und der Kinder willen musste sie wieder zu sich finden. Sie musste wieder Zufriedenheit in ihrem Leben finden – drei Kinder und ein Mann, der sie noch immer liebte, sie musste endlich vergessen, was sie damals getan hatte …

»Lies das Theaterstück, übersetz es«, hatte Torsten vorgeschlagen. Aber diese Art von Arbeit beanspruchte andere Teile ihrer Gedankenwelt; sie entfernte sie von ihren Gedankenspiralen und tiefen Gefühlen – hielt sie von der Stelle fern, an der sie Verzweiflung, Depression, Hass und Liebe, Ohnmacht und Triumph spürte. Als Übersetzerin empfand sie keine Befreiung, so wie sie es tat, wenn sie das Unbekannte in sich berührte. Als Übersetzerin führte sie ihre Arbeit mit größter Sorgfalt aus, versuchte, den Ton einzufangen, den Rhythmus, die Farben, Figuren, die Persönlichkeit des Autors, ja, sie versuchte beinahe, eins mit ihm zu werden. Und wenn es sehr gut lief, war es so, als würde sie den Text neu erschaffen. Aber sie war keine Dichterin, auch wenn die Figuren in ihr lebten. So ungefähr musste es einem Schauspieler gehen, oder einem Regisseur.

Sie wollte sich zusammenreißen, das war sie ihren Kindern und Torsten schuldig.

Aber die Tränen liefen unaufhörlich, und sie tat nichts, um sie aufzuhalten. Sie fuhr zusammen und schrie auf.

»Entschuldigen Sie, kann ich mich hier hinsetzen?«, sagte eine fremde Stimme.

Sie nahm eilig ihre unförmige Handtasche vom Sitz. »Ja, selbstverständlich. Ich bin es, die sich entschuldigen muss.«

Kapitel 2

Der Mann setzte sich neben sie und stellte seine Aktentasche auf seinen Schoß. Er roch nach Tabak und warf ihr einen Blick von der Seite zu. Sie sah aus dem Fenster. Autos, Fahrradfahrer, Schilder waren dort – sie aber sah nur das vor sich, was sie gerade zurückgelassen hatte.

Es war das erste Mal, dass sie ihre Familie allein ließ. Aber sie waren dennoch bei ihr. Und da saß sie nun im Bus und überlegte, ob Connie das alles schaffen könnte. Aber das tat sie doch schließlich schon seit langer Zeit, ohne zusätzliche Hilfe. Trotzdem hatte Krista wie zu Anfang eine lange Einkaufsliste geschrieben, hatte Essensvorschläge hinzugefügt und aus dem Kochbuch Rezepte für Haferbrei, Buttermilchsuppe, Kassler und andere Mahlzeiten herausgesucht. Connie, ihre Haushaltshilfe aus Taastrup, war siebzehn Jahre jung, vernünftig, sanft und ausgeglichen. Krista hatte mit den jungen Mädchen immer schon Glück gehabt. Keine von ihnen war vorzeitig gegangen, und später ersetzten regelmäßige Briefe ihre Anwesenheit. Connie würde bestimmt daran denken, die Kinder zum Musikunterricht, zum Basteln, zu den Pfadfindern und den Geburtstagsfesten zu bringen. Aber würde sie auch an die Schildkröten denken? Auf Alan konnte man sich nicht verlassen – er war so vergesslich und nachlässig. Kartoffeln! Sie hatte vergessen, Kartoffeln auf die Liste zu schreiben. Würde Connie darauf achten, ob noch genug da waren?

Sie hatte ihn nicht nach Hause kommen hören. Darum stieß sie einen kleinen Schrei aus, um sich in der nächsten Sekunde an ihm festzuklammern.

»Ich wollte dich nicht erschrecken!«, sagte Torsten. Nach sechzehn Jahren, die sie nun schon verheiratet waren, weinte sie das erste Mal hemmungslos. Noch nicht einmal, als das Schicksal sie so hart getroffen hatte, hatte sie geweint.

Aber in diesem Augenblick öffneten sich alle Schleusen. Ihr Schluchzen glich einer Explosion. Er hatte sie auf seinen Schoß gezogen und hielt sie fest im Arm. Er hatte sich noch nicht umgezogen. Der Krankenhausgeruch, Äther, Chloroform und all die anderen Gerüche, drangen in ihr Bewusstsein – und langsam beruhigte sie sich wieder. Er war bei ihr und umarmte sie, ohne ein Wort zu sagen.

Lange saßen sie so da, ehe er sie in die Küche führte, sie auf einen Stuhl setzte und Milch und Honig wärmte: sein Allheilmittel gegen Schlaflosigkeit und geplagte Nerven … Er verwendete es selbst, wenn das Leid eines Patienten ihn nicht schlafen ließ, oder wenn ihn Gedanken quälten wie die Frage, ob er auch sein Bestes gegeben oder die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dann führte er sie nach oben ins Schlafzimmer und zog sie aus, als wäre sie krank und hilflos. Sie sah in sein ruhiges Gesicht und in die aufmerksamen Augen hinter den Brillengläsern. Sein Gesicht war nicht übermäßig schön, doch sie liebte es mehr als alles andere.

Dann schlich er in den Keller, um sich auszuziehen, schnell zu duschen und seinen Bademantel überzuwerfen. Leise kam er zurück. Sie hörte, wie er die Kinderzimmer betrat – so wie er es immer tat, bevor er zu Bett ging. Sie konnte ihn vor sich sehen, wie er eines nach dem anderen betrachtete, die Decken zurechtzog, ihnen zärtlich über die Wangen strich, sie küsste und noch ein letztes Mal in dem schwachen Schein der Nachtlampen ansah … Leise schloss er die Tür hinter sich und legte sich hin. Das Bett schaukelte unter seinem Gewicht.

Dann nahm er ihre Hand.

»Ist es nicht an der Zeit, dass wir zwei miteinander reden? Du musst dir von mir helfen lassen. Dazu brauchen wir mehr als nur Zeit. Die Zeit muss auch richtig genutzt werden – und wir müssen herausfinden, wie.«

Sie konnte nichts erwidern.

»Krista, hörst du, was ich sage? Du musst aufhören, dich zu isolieren, von mir und von den Kindern. Du bist da und bist doch nicht da.« Er zog an ihrer Hand.

»Ja, aber, was soll ich denn antworten? Ich weiß doch, dass wir weitermachen müssen, aber das …«

»Du warst lange genug von uns fort. Es muss ein Ende haben. Und du willst nicht mit einem Psychologen reden. Vielleicht wäre es auch das Beste, wenn wir beide es lösen – uns aussprechen. Uns dürfte doch nichts fremd sein. Nichts kann uns auseinander bringen, was auch immer es ist, was dich so quält. Komm bitte, Krista.«

»Ich kann nicht.«

Sag die Wahrheit, klingelte es in ihren Ohren. »Du würdest mich nicht verstehen.«

»Versuch es. Bitte, sprich mit mir!«

Sie antwortete nicht. »Schlaf jetzt, Torsten. Du hattest Nachtschicht und musst erschöpft sein.«

»Ich bin nicht müde, wir hatten einen ruhigen Abend. Nur der kleine Michael vermisste seinen Vater.«

»Ist er es, den du morgen operieren sollst?«

»Ja, ich habe ihm noch eine Geschichte erzählt, bis er mit seiner kleinen Hand in meiner endlich einschlief.«

»Ich dachte, das ist Mathildes Aufgabe!«

»Wir haben getauscht. Ich kann besser mit Jungen.« Er lachte leise.

»Du kannst alles.« Sie vergrub sich in seinem Arm und fühlte sich wie ein Kind in den Armen seines Vaters, den sie selbst nie gehabt hatte.

»Mir geht es jetzt ein bisschen besser«, sagte sie und meinte es ernst.

»Hoffentlich hält das an«. Er küsste sie. Sein Gesicht duftete nach Aftershave. Hatte er sich auch rasiert? Sollten sie? Wollte er?

»Erzähl es mir. Oder sag einfach nur ein einziges Wort. Und ich versuche, es zu verstehen.«

Die Dunkelheit war wiedergekehrt, wie eine Jalousie, die die blendende Sonne aussperrt.

»Krista – du wolltest mir etwas erzählen?«

»Nein.«

Um ihre Ruhe zu haben, wollte sie lieber von der Zeit vor dem Unglück reden. Und mit einer merkwürdig ruhigen Stimme hörte sie sich selbst sagen:

»Davor war es so … dass die Zeit mir Sorgen gemacht hat.«

»Weil sie dir davongelaufen ist.«

Sie setzte sich auf. »Ja! Woher weißt du das?«

»Und dann?« Er zog sie wieder zu sich.

»Ja … Nein, du würdest denken, dass ich dumm und undankbar bin.«

Torsten verbrachte seine Zeit damit, alle Anforderungen so gut zu erfüllen, wie es ihm möglich war. Wenn sie wie er eine wertvolle Arbeit und einen Achtstundentag hätte, wie sie es sich ab und zu gewünscht hatte, dann würde sie auch ein größeres Selbstwertgefühl besitzen.

»Komm, sprich weiter.«

»Du würdest es niemals verstehen, wie sehr es mich quält, dass ich meine Zeit so jämmerlich nutze, für mich selbst, meine ich. Nicht wie früher, als ich noch nicht wusste, dass ich niemals das erreichen würde, was ich mir erträumte. Während du sowohl in Uganda als auch in den USA deinen Zielen in der plastischen Chirurgie immer näher kamst. Und hier jetzt auch. In Uganda, als ich dir assistieren durfte, habe ich dieses Gefühl einmal selbst erleben dürfen, und es war eine großartige Zeit. Es muss eine große Befriedigung für dich sein.«

»Ein Winterkrieg und die Leiden des Weltkriegs waren mein Lehrgeld für diese Erfahrungen. Aber warum, Krista, warum nur kannst du nicht auch zufrieden mit dir sein? Warst du nicht jahrelang eine überdurchschnittlich gute und anerkannte Journalistin, nach deinem ersten Interview mit einem frisch gebackenen Doktor …?«

Sie musste gegen ihren Willen lachen: »Ja doch, aber dieser Doktor war auch der ›Schlitten‹, der mir in meiner Karriere in die Quere gekommen ist.«

»Ich bin dir in die Quere gekommen? Nein, ich bitte dich. Das war doch gerade der Auftakt deiner Karriere, als du diesen Artikel frech an die Redaktion von Politiken geschickt hast. Und er wurde sofort angenommen und war ein großer Aufmacher. Schlitten! Du hast auf diesem Schlitten Platz genommen, und ihn seitdem nicht mehr verlassen. Und soweit ich mich erinnere, wurden in den Jahren, in denen wir im Ausland lebten, all deine Artikel zusammen mit deinen Fotos gedruckt. Als wärst du eine fest angestellte Auslandskorrespondentin.«

Sie erwiderte nichts.

»Nein, du hast deine Zeit nicht vergeudet. Du bist ja sogar eine Künstlerin in deinem Fach geworden.«

Sie schnaufte. »Künstlerin!!«

»Natürlich bist du das. Was verlangst du denn noch? Sieh dir doch deine Übersetzungen an!«

»Das ist Arbeit aus zweiter Hand.«

»So ein Quatsch. Aber, wenn du so unzufrieden bist, warum nimmst du deine Schreiberei nicht wieder in Angriff? Du hast schon seit Jahren keinen Artikel mehr geschrieben. Ist es das, was dich so sehr quält?«

Nein, das war es nicht. Es war diese Dunkelheit, die sich über alles senkte. Sie sagte: »Mir fehlen die Ideen. Ich fühle mich seitdem wie – gelähmt …« Krista hatte die Dunkelheit ganz vorsichtig berührt.

»Dann komm mit mir ins Krankenhaus«, unterbrach er sie. »Schreib über meine Kinder dort mit ihren unverschuldeten Krankheiten – berichte von ihrer Angst, ausgelacht und ausgestoßen zu werden, von ihren psychischen und physischen Schmerzen. Über abstehende Ohren und hässliche Muttermale kannst du schreiben, die diese kleinen Menschen einsam machen, oder von der sechsjährigen Inga mit der Hasenscharte erzählen; keiner möchte mit ihr spielen. Sie sollte jetzt operiert werden und nicht erst, wenn sie erwachsen ist, wie es hier im Land üblich ist. Oder du schilderst die Geschichte von der zweijährigen Pernille und ihrer Verbrennung auf der Wange und den Hals hinunter: elterliche Unachtsamkeit, eine Kanne mit kochend heißem Kaffee in ihrer Reichweite. Oder schreib über Michael, dem ich heute Abend eine Geschichte über ein kleines Kaninchen erzählen musste, das wie er selbst keinen richtigen Piepmann hat. Aber zum Glück war ja der Kaninchendoktor auf dem Weg zu ihm. Ihn werde ich morgen früh operieren, damit er aussieht wie alle anderen Jungen. Diese Geschichte hättest du viel schöner erzählen können.«

»Aber Torsten, ich weiß doch, was du alles kannst. Ich habe es selbst in Afrika erlebt, habe gesehen, wie du Kindern und Erwachsenen mit deinen Händen geholfen hast.«

»Davon spreche ich doch gar nicht. Es gibt Verletzungen und Narben, die ich niemals heilen kann. Aber gegen die kannst du etwas tun.« Er drückte sie fest an sich. »Zieh dir einen Kittel an und sei dabei, wenn ein Kind eingeliefert und dann allein gelassen wird. Oder wenn zum Beispiel die Besuchszeit vorbei ist, das kann herzzerreißend sein. Du wirst so aufgewühlt sein wie damals, als du die Ungerechtigkeiten in Afrika und Amerika erleben musstest. Und du wirst darüber schreiben und eine neue Debatte darüber auslösen. Wenn du so schreibst, wie du schreibst, wacht man auf und ruft nach Veränderungen.«

Sie schwiegen eine Zeit lang.

»Sollten deiner Meinung nach Eltern das Recht bekommen, im Krankenhaus zu bleiben?«, frage Krista.

»Ja, und auch dort zu übernachten. Wir befinden uns im Jahr 1964, und die Krankenhäuser sind noch immer heilige Orte, die ausschließlich den Patienten und dem Personal Vorbehalten sind. Den Eltern, sogar der jüngsten Patienten, ist der Zutritt außerhalb der Besuchszeiten untersagt. Wir professionellen Gurus dürfen nämlich unter keinen Umständen gestört werden …«

»Warum tust du dann nichts dagegen?«

»Ich habe es versucht.« Er zog sie erneut an sich. »Aber bevor irgendetwas verändert wird, muss von Schicksalen einzelner Menschen und von besonders aufwühlenden Erlebnissen berichtet werden, damit dieser Aufruf alle bis tief ins Mark trifft und ernst genommen wird. Die entstellten Kinder … Du wirst benötigt, Krista, nicht nur von uns hier – und das durchaus dringend –, sondern auch dort draußen. Glaub mir.«

»Ich kann nicht mehr schreiben. Nie wieder.«

Er überhörte ihre Äußerung und fuhr fort: »Oder wie wäre es mit einer neuen Sammlung von Kinderreimen? Es ist schon so lange her, und neue Kinder wachsen heran.« Neue Kinder … »Kannst du dich erinnern, als du den Wettbewerb mit deiner Kurzgeschichte Warum flüchtet sie? gewonnen hast?«

Die hatte sie geschrieben, nachdem sie Sten angelogen hatte, eine Lüge, die ihre Zukunft grundlegend verändert hatte. »Warum versuchst du es nicht mit Kurzgeschichten?«

Er wartete, aber sie antwortete nicht.

»Fang wieder an zu schreiben. Hörst du! Wirf dich auf das, was dein Herz beschwert. Such neue Ideen und lass sie los, ohne Hemmungen – wie die Lava eines Vulkans, der seinem inneren Druck nachgibt.«

Sie richtete sich auf. Er tat es ihr nach.

»Island! Du musst nach Island. Das hast du dir immer gewünscht. Und zwar jetzt. Jetzt! Im April, ehe der Frühling beginnt und unser Garten dich braucht und die Geburtstage im Mai und Juni vor der Tür stehen. Auf zu den Vulkanen, den warmen Quellen und zu deiner alten Freundin Stefanía …«

Draußen begann es bereits zu dämmern. Sie konnten ihre Umrisse erkennen. Er strich ihr sanft über die Wange, ließ seine Finger über ihre Lippen gleiten und schubste dann zärtlich den Träger von ihrer Schulter. Sie streckte ihre Hand aus und öffnete seinen obersten Hemdknopf. Seine dunkelblauen Augen veränderten sich – so sah er sie an, wenn er mit ihr schlafen wollte. Er zog sie fest an sich, begierig und fordernd. Sein Atem wurde schneller und blies ihren Nacken hinunter, so dass sich ihre Härchen entlang der Wirbelsäule aufstellten. Sie wollte ihn.

Ihr Atem wurde langsam wieder ruhiger. Er hatte sich auf den Rücken gleiten lassen, nur ihre Hände berührten sich. Er schlief nicht, die Sonne würde bald aufgehen. Der Morgen war hereingebrochen, während sie sich geliebt hatten.

»Wir haben nicht aufgepasst«, flüsterte er ängstlich. »Aber es kann doch nichts passiert sein, oder?«

»Nein«, sagte sie leise. Aber selbst wenn, dann wollte es das Schicksal wohl so.


»… Entschuldigen Sie, aber müssen Sie hier nicht aussteigen? Wir sind am Flughafen!«

Kapitel 3

Bitte legen Sie die Sicherheitsgurte an! Die Buchstaben leuchten in roten Lettern über ihr, und auch das Schild mit der Zigarette und dem roten Kreuz leuchtet auf. Sie hat einen Fensterplatz und noch zwei weitere freie Sitze neben sich zur Verfügung. Ihr Gepäck wog ein Kilo mehr als erlaubt, aber den jungen Mann am Schalter hatte das nicht gestört.

Der Regen fließt in Strömen an dem kleinen Fenster herunter.

Mit dem Dröhnen der Motoren kommt ihre Angst. Dieses unangenehme Verschmelzen von langsamen Bewegungen und ohrenbetäubendem Lärm. Die Gedanken fliegen nach Hause zu ihrer Familie. Die Maschine steht auf der Stelle und zittert unter dem immer lauter werdenden Dröhnen, das das Flugzeug zerreißen zu wollen scheint. »Ich möchte heil zu ihnen zurückkehren«, murmelt sie vor sich hin. »Und wenn ich zurückkomme, werde ich jeden Tag wie ein Geschenk betrachten. Ich werde wieder ich selbst sein. So wie ich früher war, ich verspreche es, als wäre nichts geschehen.« Ihre Hände falten sich wie zum Gebet. Sie lässt sie so liegen, unter ihrem Pulli versteckt. Aber sie flüstert weiter: »Lass das hier gut gehen, lieber Gott, und bring mich zurück zu Torsten und meinen drei Kleinen, sie dürfen mich jetzt noch nicht verlieren.«

Das Flugzeug schwankt hin und her und schlingert über die Startbahn, schließlich erhebt es sich schwerfällig. Das Meer liegt schimmernd unter ihnen.

»JETZT werden die Räder eingeholt, ich sehe sie unter der Tragfläche verschwinden. Hilf mir und vergib mir, dass ich nicht an dich glaube und trotzdem meine Hände gefaltet habe.

Ich sehe Saltholm. Und ein Schiff mit seiner weißen Kielspur. Danke, lieber Gott. Danke. Wir sind in der Luft.«


Zigaretten werden angezündet. Ihr Geruchssinn ist empfindlich und der Rauch äußerst störend. Rauchen sollte ihrer Meinung nach an allen öffentlichen Orten verboten werden.

Ihre Handtasche steht auf dem Boden, und in einer Plastiktüte auf dem Sitz neben ihr liegt Suzans Abschiedsgeschenk, ein Lesezeichen, das ihre Tochter eigentlich zu ihrem Geburtstag gestickt hatte und das jetzt zum Abschiedsgeschenk wurde. Sie legt es in den Roman hinein, den ihr Torsten mitgegeben hat: Salka Valka von Halldór Laxness. Erst jetzt sieht sie seine deutliche, winzige Schrift:

Krista,

fühle dich frei in dem fernen, fremden Land und vergiss uns für eine Zeit lang!

Lass dich von neuen Inspirationen erobern

und du wirst wieder du selbst sein – der Mensch, den ich

liebe,

Dein Torsten

Sie hat einen Kloß im Hals und holt das Notizbuch hervor, das sie ebenfalls von Torsten bekommen hat. Er hat einen Kugelschreiber daran befestigt, und auf der ersten Seiten steht: »Schreibe alles nieder, was es wert ist, erinnert zu werden, Torsten.«

Gestern Abend hatte er sie, ohne ein Wort zu sagen, von einem Kinderbett zum nächsten geführt. William lag mit offenem Mund da. Die Locken klebten an seiner Stirn, sogar im Schlaf sah er vergnügt aus, der stets fröhliche und fragende Sechsjährige. Er war der Einfachste von den dreien, unkompliziert, direkt und offen. Alle liebten William, und er liebte einen jeden schon nach der ersten Begegnung. In seiner Schlussbeurteilung vom Kindergarten stand: »William lacht gerne, umarmt und küsst gerne und kann sehr gut Konflikte lösen!« Konflikte! Er kannte das Wort noch nicht einmal. Die Stoffpuppe, die Alan für ihn gemacht hatte, lag zwischen seinen Beinen. Die eine Gesichtshälfte der Puppe war fröhlich, die andere grimmig. Alan war so begabt: er konnte malen, nähen, Uhren reparieren, backen und schrieb außergewöhnliche Geschichten. Er würde bald dreizehn werden.

»Suzan sieht aus wie du«, flüsterte Torsten. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, wieder da zu sein, so wie früher – ihr wurde warm ums Herz vor Rührung. Weil sie das hier verlassen würde? Suzan? Ja, physisch, aber ansonsten nicht. Ihre zehnjährige Tochter brauchte sie mehr als die anderen. Sie strahlte Schutzlosigkeit und gleichzeitig Stärke aus, war verletzlich und empfindsam, gewalttätig und aufbrausend und oft weder für sich selbst noch für ihre Umwelt greifbar. Sie hatte sich so sehr auf das neue Kleine … Die Dunkelheit senkte sich wieder, Krista sah in Gedanken Suzans verschwitzte, kleine strickende Finger, sah, wie Alans sichere Hände ein buntes Mobile ausschnitten und Williams Hände, die sein altes Spielzeug in das frisch gestrichene Zimmer trugen … Dann wurden mit einem Mal alle Bilder verschluckt und in das schützende Dunkel gesogen.

Torsten beugte sich an ihr Ohr und flüsterte: »Guck dir Alan an. Siehst du die Ähnlichkeit mit meinem Vater, obwohl du ihn nur so kurze Zeit gekannt hast?«

Sie nickte. Alan, der wunderbare Alan. Lange hatten sie nebeneinander gestanden und ihn angesehen. Sie liebte ihn mit einer Zärtlichkeit, die ihr Schmerzen bereitete. Schmerzen, weil sie den Abstand selbst verschuldet hatte, der durch ihre meist unangemessene Ungeduld zwischen ihnen entstanden war. Es hatte schon lange vor dem Unglück begonnen, dass sie seine Unordnung, die vernachlässigten Schildkröten und die Berge von Kleidungsstücken auf dem Fußboden in seinem Zimmer gestört hatten. Es waren Kleinigkeiten, natürlich, aber sie wurde wütend und bereute schon kurz darauf ihre unüberlegten Worte, wenn er mit einem Schulterzucken den Raum verließ. Alan, ihr dünner, großer Junge, den sie mit Peter zusammen lachen hörte, seinem besten und draufgängerischen Freund und das absolute Gegenteil von ihm. Wenn Alan wüsste, wie sehr sie ihn liebte und bewunderte, aber allzu oft verursachte sie Missstimmung, weil sie auf diesen Kleinigkeiten herumritt und ihn in die Pflicht nehmen wollte. Dann bereute sie es, wollte es wieder gutmachen, aber kurz darauf machte sie den gleichen Fehler … War es zu spät? Hatte sie den richtigen Zeitpunkt verpasst?

Als es passierte – Vorhang. Als es passierte? Vorhang! Die Szene von damals ist verschüttet. Die Szene, in der sie sich jetzt befindet, gehört zu einer anderen Welt. Sie sitzt im Flugzeug nach Island, und Torsten hat sie gebeten: Fühle dich frei, vergiss, lass dich erobern

Es dauert nicht lange, bis Krista es sich gemütlich gemacht hat und auf den zwei freien Sitzen neben ihr ein wildes Durcheinander herrscht. Sie ist kurz davor, laut aufzulachen, und wünscht sich, sie könnte Alan ihre Unordnung zeigen und mit ihm darüber lachen. Sie muss mit Alan lachen. Langsam wird sie innerlich ruhiger. Sie holt tief Luft. Durch das Fenster kann man auf die dichte Wolkendecke unter ihnen sehen, und mit diesem Anblick kehrt auch das Gefühl von Geborgenheit zurück. Der inbrünstige und tiefe Dank Sekunden zuvor ist bereits Vergangenheit.

Damals, als sie nur Alan hatte, konzentrierte sie sich ganz auf ihn. Sie beide verband eine Nähe, die sie in dieser Intensität für die zwei anderen nicht empfand. Sie notierte damals die geringste Veränderung, die ihr an Alan auffiel, jede Beobachtung setzte sie in Versform um … und schrieb so eines Tages ihre ersten Kinderreime. Ihre Mutter nannte sie einmal einen Geduldsengel im Umgang mit kleinen Kindern!

Krista öffnet ihre Handtasche. Vier Postkarten hat sie dabei, Torsten hat sie ihr gegeben, damit sie Connie und den Kindern schreiben kann, bevor sie in Island ankommt. Dann wäre auch das erledigt. Dann soll die Vergangenheit sie endlich in Ruhe lassen. Sie beugt sich über die Postkarten und schreibt mit Freude eine nach der anderen. Beim Verfassen der Zeilen sieht sie ihre Kinder vor sich: »Mein süßes Mädchen, meine Kleine …«, »Mein geliebter William …« und an Alan: »Du, mein großer, tüchtiger Junge ….« Die Worte fließen aus ihrem Stift, der ihre Gedanken aufs Papier kratzt. Sie sieht hinaus auf die Wolken. Alan! Damals in Los Angeles! Keiner wollte ihr glauben, als sie später von seiner Geburt erzählte. Aber sie schrieb einen bahnbrechenden Bericht über die vollkommen wahnsinnigen Geburtsmethoden, die man in den USA anwandte, der dann sogar in der Ärztlichen Wochenschrift erschien. Sie hatte mit einer Rückenmarksbetäubung auf einer Pritsche gelegen, mit verbundenen Augen und Kopfhörern, aus denen schöne, klassische Musik plätscherte. Sie war ganz einfach ausgeschaltet worden, ja, genauso wie in ihrer immer wiederkehrenden Dunkelheit und Gefühlsleere … Als sie ihr die Augenbinde und die Kopfhörer abnahmen, war Alan bereits geboren und weggebracht worden, und nur Torsten durfte durch eine Scheibe hindurch in den Raum sehen, in dem er zusammen mit einigen anderen Neugeborenen lag. Er wurde von einer Krankenschwester hochgehalten. Erst am nächsten Tag bekam sie ihn zu sehen. Man legte ihn ihr in die Arme … Krista schreibt: »Alan, kannst du deiner Mutter verzeihen?« Sollte sie so etwas wirklich schreiben? Ja, natürlich. Sie beißt in den Kugelschreiber.

Alan ist schüchtern und verschlossen, liebevoll und warmherzig. Und er hat Humor, dem sie allerdings hauptsächlich in seinen Aufsätzen begegnet. In diesem Punkt verbindet sie eine große Nähe; was den Umgang mit Sprache angeht, kann er Kristas Ratschlag unvoreingenommen annehmen. Doch sein Vater, sein ausgeglichener Vater ist seine große Liebe, und ihm gehört Alans ganze Zuneigung.

Sie dreht an ihrem Ehering. In zehn Jahren können sie ihre Silberhochzeit feiern. Ob Alan dann eine Rede halten wird? Ein junger Mann Anfang zwanzig, unfassbar. Die Postkarten sind geschrieben und in Umschläge gesteckt. Jetzt können sie aus Island abgeschickt werden, oder von Glasgow in Schottland, wo sie in Kürze zwischenlanden werden.

Sie sollte ihre Vergangenheit in einen Briefkasten werfen, sich frei fühlen und sich erobern lassen, wie Torsten sagt. Die Zeit gehört nur ihr allein. Eine Ewigkeit liegt vor ihr.

Kapitel 4

Der Grenzbeamte spricht ihren Namen mit einem fast geheimnisvollen Unterton aus – dieser melodische, schottische Klang! Sie hat noch nie einen schottischen Autor übersetzt.

Die Flughafenboutique platzt aus allen Nähten vor lauter Firlefanz, sogar die Schottenröcke sehen hier nur nach Souvenirs aus. Es gibt nichts, was sie anspricht, allerdings ist es auch noch zu früh, um an Mitbringsel zu denken. Ihr Blick fällt auf ein Paar uralter Schlittschuhe in einer Vitrine, ihren eigenen von damals sehr ähnlich. Sie mussten mit einem Schlüssel festgezogen werden und fielen dennoch immer ab. Die Kinder liebten es, ihre Eltern den Schneewalzer auf dem Fuglesangsee tanzen zu sehen. Wild applaudierten sie, wenn die beiden singend von dannen schaukelten, und wollten ein ums andere Mal die Geschichte hören, wie sie sich kennen gelernt hatten, als sie sechzehn und Torsten ein ›alter‹ Mann von achtundzwanzig Jahren war … Sie bemerkt den interessierten Blick des Ladenbesitzers, sie nicken sich zu. Es sind bestimmt seine eigenen Schlittschuhe, denn sie sind nicht zu verkaufen.

Ein Park so groß wie eine Briefmarke befindet sich außerhalb des Flughafengebäudes. Ganze sechs Stunden Wartezeit in Glasgow. Zu viel und zu wenig zugleich. Man kann nur dasitzen und warten. Ihr zweckmäßiger Winteranorak ist überflüssig, denn in Glasgow hat der Frühling schon Einzug gehalten. Sie schultert ihre Tasche – man könnte glauben, dass Steine darin sind, wie gut, dass sie nicht gewogen wurde. Sie hat darin Bücher, Schreibzeug, einen Fotoapparat, Filme und das Fotoalbum von ihrer Familie verstaut. Ihre Schlittschuhe, die jetzt richtige Kunsteislaufschuhe sind, wird sie dieses Jahr nicht wegpacken, denn der nächste Winter kommt bestimmt.

Sie schlägt Salka Valka auf. Die Bank ist hart. Auf der gegenüberliegenden liegt ein Mann mit dem Gesicht zur Sonne. Erst schielt sie rüber zu ihm, dann starrt sie ihn an. Mehrere Stunden sind schon vergangen, seit sie sich auf die Bank gesetzt hat, und sie macht sich Sorgen um ihn, denn er schnarcht lautstark. Ob sein Unterbewusstsein an den Flieger denkt, den er nicht verpassen darf? Wann muss er los? Er sieht Dänisch aus. Wie sieht ein Däne aus? Was geht er sie eigentlich an? Alles und jeder geht sie etwas an. Mit einem Mal ist es wie früher. Sie zuckt zusammen. Sollte sie etwa langsam wieder zu sich kommen, nach einem langen Winterschlaf? Sie hat einige Seiten unaufmerksam gelesen …

Plötzlich taucht eine kleine, schmächtige Frau in einer hellgrünen Jacke mit dazu passendem Hut vor ihr auf. Sie bleibt unweit von Krista stehen und betrachtet das kleine Zierbeet. Dann geht sie ein paar Schritte nach hinten und nähert sich der Bank, auf der Krista sitzt. Ihre Körperhaltung, ihr Gang und ihr Zögern drücken aus, dass sie all the time in the world hat, wie man hier oben sagt.

Unvermittelt sagt sie: »Tag für Tag müssen wir unserem Herrn auf Knien dafür danken!« Ihre Stimme ist ruhig und hat diesen geheimnisvollen, schottischen Klang. Dann dreht sie sich langsam zu Krista um.

»Ja, das müssen wir«, antwortet Krista und spürt eine Verbindung zu dem Gott, an den sie nicht glaubt.

Und Krista setzt fort: »So viele daffodils haben Sie hier schon, in Dänemark werden die Narzissen erst in ein paar Wochen blühen.« Daffodils, was für ein schöner, klangvoller Name, der einem im Gedächtnis haften bleibt.

»Aha!« Die Frau sieht erst die Blumen und dann Krista an. »Meine Tochter fährt jeden Dienstag vierhundert Meilen, um mich zu besuchen, auch letzte Woche, obwohl da wirklich ein Hundewetter herrschte. Und sie hatte zwei Engländer aus Kent dabei. Sie können sich nicht vorstellen, wie furchtbar trist ein so schöner Ort bei einem solchen Wetter sein kann. Wir haben ihnen ein Schloss hier in der Nähe gezeigt. Die daffodils dort sollten sie sich ansehen. Wie sagt man daffodils auf Dänisch?« Sie zischt durch die Zähne wie ein Dudelsack, der gerade aufgeblasen wurde, und es verleiht ihrer raffinierten Sprache einen lustigen Akzent.

»Påskeliljer«, antwortet Krista.

Die Frau stutzt. Sie will nicht einmal versuchen, dieses Wort in den Mund zu nehmen, darum erzählt sie einfach weiter. Und in jedem Satz schwingt ein Unterton mit, der von großer Einsamkeit zeugt, doch man müsse sich um sie keine Sorgen machen, sagt sie, schließlich habe sie eine Tochter, die jeden Dienstag vierhundert Meilen fahre, um sie zu besuchen.

Würde auch sie eines Tages einsam sein? Sie war einsam, war es immer noch, einsam in der Dunkelheit, die sie ständig begleitete. Die Frau nickt zum Abschied und geht ihrer Wege. »Auf die Knie und danke dem Herrn für jeden neuen Tag.« Krista legt sich auf die Bank, und in ihren Ohren klingen die Worte wie ein Echo nach. Eine große Schläfrigkeit breitet sich über sie – noch ganze drei Stunden bis zum Abflug.

»Müssen Sie nach London oder New York?« Der Mann, der auf der anderen Bank geschlafen hatte, steht gebeugt über ihr. »Die Maschine nach London ist aufgerufen worden! Die nehme ich, und dann weiter nach Toronto.« Nun war also er derjenige, der sich um sie Sorgen machte und aufpasste. Er musste Kanadier sein, auf jeden Fall kein Däne.

»Ich will nach Island.«

»Island«, erwidert er verblüfft. »Was gibt es denn in Island?«

»Island, hoffe ich!« Krista lacht. »Ich war auch schon mal in Kanada.«

»Viele wissen noch nicht einmal, wo Toronto liegt. Kommen Sie aus New York?«

»Dänemark.«

»Aber Sie sprechen wie eine Amerikanerin!«

»Wir haben früher einmal in Los Angeles gewohnt.«

»Wir? Sie und Ihre Eltern?«

»Mein Mann und ich.«

»Und dann reisen Sie allein? Sind Sie vielleicht …«

»Nein.« Sie steht auf. »Einer von uns musste doch zu Hause bleiben und auf unsere drei Kinder aufpassen.«

»Kinder! Sie sehen aus wie ein ganz junges Mädchen –«

»Wollen Sie mir schmeicheln?« Sie lacht, als sie seinen erschreckten Gesichtsausdruck sieht, und dann lächelt auch er. Bestimmt wollte er damit gar nichts erreichen, und sie hat es auch so oft schon gehört. »Entschuldigen Sie bitte, aber die drei Kinder sind ja spurlos an Ihnen …«

Kann denn keiner ihre Schmerzen sehen? Der Lautsprecher unterbricht sie, und Krista sagt: »London – final call!«

Er streckt ihr seine Hand entgegen: »Alles Gute!« Er zögert kurz. »Und passen Sie gut auf sich auf in Island.« Er geht, ohne sich noch einmal umzudrehen.


Die zweite Flugetappe ist ganz anders. Die Zeit hat begonnen, sich zu dehnen. Die Angst ist noch da, als die Maschine dröhnend über die Startbahn zieht und der Lärm nicht abbrechen will, sie faltet ihre Hände und versucht, sich auf ein Gebet zu konzentrieren … Aber Kristas Zweifel am Göttlichen atmet durch die Scheibe und spiegelt sich in ihrem Gesicht. Sie möchte nach den sechzehn Tagen auf der Insel einfach nur unverletzt zurückkehren. Alles Gute! Ein weiche, tiefe Stimme.

Das Flugzeug ist in der Luft. Sie kann tief unten Schottland erkennen. Die Wolkendecke unter ihnen ist dünn – Danke Gott für jeden Tag, hatte der zischende Dudelsack gesagt. Sie war so liebenswert, dass die Tochter jede Woche diese lange Reise auf sich nahm. Würde Suzan dasselbe tun? Sie ist sich nicht sicher. Aber Alan würde!

Sie versucht, das Buch noch einmal von vorne zu lesen, aber ihre Gedanken durchkreuzen die Zeilen. Die Vorfreude überwältigt sie. Ist sie schon zur Hälfte frei? – Torstens Worte auf dem Schutzumschlag erscheinen ihr wie eine Mahnung, ein Befehl. Er hat diese Zeilen geschrieben, um ihr Kraft zu geben, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und die Zukunft mit beiden Händen zu ergreifen.

Sie wird Island sehen. Und sie wird Stefanía Wiedersehen.


Stefanía. Sie war all das, was Krista nicht war: spritzig und humorvoll, aufgeschlossen und selbstbewusst. Sie hatte dieses tiefe Verlangen, berühmt zu werden. Sie hatte in Island ihr Abitur gemacht und danach eine Schauspielausbildung an der Königlichen Theaterschule in Kopenhagen absolviert, und zwar in dem Jahr, als Krista an derselben Schule als Beobachterin und Volontärin angenommen wurde. Ihr Redakteur bei der Danmarks Tidende, Hans Hansen, hatte die Idee gut gefunden, allerdings daran gezweifelt, dass es funktionieren würde. Dennoch setzte er ein sehr lobendes Empfehlungsschreiben an den Intendanten auf. Krista wollte – ausgehend von ihren Erfahrungen an der Theaterschule – Artikel, Interviews und Kurzgeschichten verfassen, vielleicht sogar eine Novelle, die die Zeitschrift in einer wöchentlichen Fortsetzung bringen könnte. Auf diese Weise wollte sie das Theater für weitere Kreise öffnen. Nach kurzer Zeit wurden ihre Arbeiten in der Sonntagsbeilage gedruckt. Hans Hansen war ein gefragter Chefredakteur, der viele Manuskripte von jungen, unbekannten Autoren zugeschickt bekam – höchstens zwei Seiten, das war seine Bedingung. Die Mitarbeiter der Zeitung neideten ihr, dass Hansen sie bevorzugte, und sie wurde bald schon von vielen schikaniert, wo es nur ging. Es war zuvor noch bei keiner Tageszeitung geschehen, dass ein Lehrling so viele Sonderbefugnisse erhielt. Aber Hans Hansen war bei der Danmarks Tidende als unumschränkter Herrscher bekannt.

Auf der Schule schloss Krista mit Stefanía Freundschaft und lernte durch sie eine Welt kennen, die fremd und anziehend zugleich war. Krista kam auch dann weiter ins Theater, als ihre vereinbarte Zeit abgelaufen war. Alle kannten sie, vom Pförtner über die Bühnenarbeiter, von den Schauspielern über die Sänger, Statisten und Balletttänzer – keiner stellte irgendwelche Fragen. Darum nahm sie, wenn sie Zeit hatte, an fast allen Unterrichtsstunden teil und wurde als Souffleuse eingesetzt und manchmal als Ersatzspielerin, wenn jemand krank war. Sie kannte alle Texte, denn ihr fiel der Umgang mit Worten leicht, und sie konnte schnell auswendig lernen …

Stefanía hatte bereits mehrere Liebhaber gehabt, als Krista noch mit keinem einzigen Mann geschlafen hatte. Sie hatte den Richtigen, den sie heiraten wollte, noch nicht gefunden und war der Meinung, auf ihn warten zu müssen. Stefanía war da ganz anders. Für sie hatte es nicht denselben Wert. Es sei doch besser, sie vorher auszuprobieren, sagte sie – und hatte meistens mehrere Liebhaber zur gleichen Zeit, um sie vergleichen zu können. Sie vertraute Krista vieles an, wovon diese allerdings nicht immer alles verstand.

Eine der Schülerin fungierte als Stefanías Sklavin – sie war ein unglaublich liebes Mädchen, Brita hieß sie und hatte eine tiefe, heisere Stimme. Sie schleppte Stefanías Taschen, Bücher, Noten und über der Schulter die Gitarre, denn Stefanía spielte und sang auch. Treppauf und treppab lief Brita, wie ein Packesel. In den Übungsraum, in den Ballettsaal, hinunter zur Bühne und zurück zum Umkleideraum. Sie holte Stefanía Essen aus der Kantine oder ihre Kleidung aus der Umkleidekabine, wenn sie sie brauchte. Eines Tages fragte Krista Stefanía, warum sie Brita all diese Dinge tun ließ. Es war peinlich, denn Stefanía schenkte Brita nie ein freundliches Wort. Diese beobachtete sie dennoch ergeben und las ihr den kleinsten Wunsch von den Augen ab.

»Sie ist scharf auf mich«, erwiderte Stefanía mit einem Schulterzucken. »Aber in dieser Richtung ist bei mir nichts zu holen, also wird sie wohl eines Tages aufgeben.«

Krista verstand erst, als Stefanía es ihr näher erklärte. Krista kannte zwar einige homosexuelle Männer, einige sogar sehr gut, und sie hielt große Stücke auf sie. Aber, dass auch Frauen – davon hatte sie keine Ahnung. Es kam ihr irgendwie unappetitlich vor.