
Nana Chiu
© tensual publishing, Mettingen 2018
http://www.tensual.de
ein Imprint von dead soft verlag, Mettingen
© the author
Cover: Irene Repp
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1. Auflage
ISBN 978-3-946408-15-4
ISBN 978-3-946408-16-1 (epub)
Ein Fluch – und Lex’ Karriere als dämonenjagender Feuerelementar ist Geschichte, bevor sie richtig angefangen hat.
Ohne höhere Magie bleiben die ruhmreichen Aufträge aus und selbst eine einfache Suche nach einem Jungen endet in Schutt und Asche. Da klingt Kels Angebot geradezu märchenhaft: Die geheimnisvolle Meerjungfrau will einen Tag und eine Nacht in Menschengestalt an Land verbringen. Lex kriegt dafür nicht nur die Informationen zum Verbleib des Jungen, sondern auch Kels heilendes Blut und somit die Chance, dem Fluch zu entkommen.
Sich jetzt zu verlieben, ist mehr als nur eine schlechte Idee, denn sie sind Feuer und Wasser und der Preis für Kels Geheimnis – und Herz – ist viel zu hoch.
Für X.
Mit besonderem Dank an alle Magierinnen, Schamaninnen, Elementare und Geister,
die Lex’ Welt bunter und schöner gemacht haben:
V.
Claudia
Lemy
Nils
G. N.
Sirius + Momiji
und die unglaubliche Nora
Es war kurz vor Mitternacht, als ein fremder Tarnzauber sich über Tserings Haus legte. Er verschluckte die Geräusche der Nachbarn, schnitt den Klang von Feuerwehrsirenen ab. Der Kühlschrank dröhnte viel zu laut in der anschließenden Stille. Der Ventilator. Ihr eigener Herzschlag. Jemand war auf dem Weg zu ihr und brachte ein Geheimnis mit, das nicht für menschliche Augen gedacht war.
Sie wusch sich seufzend die Gewürze von den Händen, deckte das marinierte Gemüse zu und stellte es in den Kühlschrank. Danach wartete sie, folgte mit dem Blick den Runden des Sekundenzeigers. Wie von selbst fanden ihre Finger die Stelle an ihrem Rock, an der die Stickerei ausgefranst und fast samtig war, und rieben darüber. Sie war zu alt, um nervös zu sein. Sie hatte so viel erlebt, so viel verloren und gefühlt, dass nur noch Gleichgültigkeit übrig sein sollte. Aber dann klingelte es an der Tür und es war Mitternacht und die Luft stank plötzlich nach Magie und Rauch. Warum fühlte sie immer noch so viel?
Sie kannte den jungen Mann vor ihrer Tür, aber ihr Herz schlug deshalb nicht leiser. „Jian?“
Jian grunzte bloß zur Antwort und stieß mit seiner Schulter die Tür weiter auf. Hitze schlug ihr ins Gesicht, versengte ihre Wimpern. Sie trat instinktiv zurück und verriegelte die Tür. Der Geruch von verbranntem Fleisch füllte ihre kleine Wohnung, als stünde sie vor den Essensbuden auf dem Markt. Sie hielt sich den Ärmel vor Mund und Nase.
Was auch immer Jian auf den Armen trug, hatte ihm die Kleidung vom Oberkörper gebrannt. Der tätowierte Drache – Jians Schutzgeist – wand sich unversehrt auf seiner verrußten Haut, als Jian seine Last, einen menschlichen Körper, auf dem gefliesten Boden ablegte. Zwei Schatten, gerade noch so dicht wie Rauch, erschienen daneben. Es mussten Schutzgeister sein und auch sie starben.
„Wird sie überleben?“
Sie? War es nicht ein Mann? Die Fragen lösten sich in ihrem Mund auf, bevor Tsering sie aussprechen konnte. Sie blickte von Jians verrußtem Gesicht zu dem verbrannten Mann auf dem Boden, dessen Gesicht nur noch eine blutige Masse war. Er öffnete die Augen und offenbarte ein mattes Blau in all dem Rot und Schwarz. Wie kann er immer noch bei Bewusstsein sein?
Ein Teil von ihr schalt sie dumm. Jener Teil, der die verbrannten Gesichtszüge und die Linie der Lippen erkannt hatte – wie man Dinge wiedererkennt, die man jahrzehntelang angesehen, aber nie berührt hat. Warum hatte sie nicht schon früher daran gedacht? Sie hatte doch von dem Feuerelementar gehört! Die ganze Welt hatte es! Aber sie hatte angenommen, es wäre nur ein Kind, das mit Feuer spielt, nicht selbst Feuer war. Und natürlich hatte sie nicht daran gedacht, dass Qarin als Frau wiedergeboren werden könnte. Wie die Perlen an ihrer Gebetskette zählte sie mit angehaltenem Atem all die Momente ab, die sie bis hierher, ausgerechnet nach Hongkong, ausgerechnet zurück zu Qarin, geführt hatten.
„Âyí?“ Jians Hand an ihrem Arm zitterte. „Wird sie es schaffen?“
Tsering schnaubte. Sie konnte es nicht leiden, wenn Jian sie so anredete. Sie war zu alt, um noch als ‚Tante‘ angesprochen zu werden. „Ich weiß es nicht“, log sie. Betrachtete das Feuer, das sich aus Qarin herausfraß, sich gegen ihn richtete. Nur ein Fluch konnte die Macht eines Elementars dazu bringen, sich gegen den eigenen Träger zu richten. Und dieser Fluch war so grundlegend und roh, wie ihn nur ein Equalizer schaffen konnte. Oder ein gebrochenes Herz …
Es tat weh, den Blick von Qarin zu lösen. Vielleicht war es nur ein Traum. Vielleicht wurde sie doch auf ihre alten Tage senil, bildete sich nur ein, ihn in dem Feuerelementar zu sehen. Und wenn sie ihn wieder ansehen würde, würde sie feststellen, dass sie sich geirrt hatte und bloß ein Fremder dort lag, nicht Qarin.
Sie blickte trotzdem Jian an. Konnte er den Fluch ausgesprochen haben? Sein Drache wand sich pulsierend um seinen Oberkörper, rieb seine Schnauze an Jians zitterndem Kinn. Oder hatte der Feuerelementar ein Verbrechen begangen und die Strafe des Equalizers erfahren? Aber wäre er dann noch am Leben?
„Wer hat ihn verflucht?“
Jian schloss kurz die Augen. „May. Sie haben miteinander …“ Er brach verschämt ab, wie ein Kind, das beinahe ein Schimpfwort vor seinen Eltern gesagt hätte. „May wusste nicht, dass es Lex war.“
Wenn man lange genug die Menschen beobachtet hatte und selbst einer war, war es nicht schwer zu begreifen, was genau vorgefallen war. Qarin war also so dumm gewesen, mit beiden Drachenzwillingen zu schlafen? Der Schmerz durchwühlte ihr Herz, aber sie trampelte das Gefühl nieder. Auch für Eifersucht sollte sie längst zu alt sein …
„Âyí, bitte, ich muss zurück zu May.“
„Ich werde schauen, was ich tun kann“, versprach sie.
„Danke, Âyí.“ Jian drückte kurz ihren Arm und verließ ihre Wohnung. Ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Nur der Drache sah dem Feuerelementar nach. Seine schwarzen Augen spiegelten das Licht wider, als ein neuer Feuerschwall hinter Tsering explodierte.
Hoffentlich ist er jetzt bewusstlos.
Das Meerjungfrauenblut sank zischend in die geschwärzte Masse aus Knochen und Fleisch, überzog sie millimeterweise mit neuem Gewebe und Haut. Und Tsering betete und sang und stach mit der Nadel Tinte in die neu entstandene Haut, tränkte sie wieder mit seinem Blut. Punkt um Punkt, Zeichen um Zeichen, Beschwörung um Beschwörung. Lass ihn leben, leben, leben, leben … Bis das erste Siegel vollendet und Qarins Körper mehr sie als er war.
Sie empfand keine Reue bei diesem Anblick. Es war bloß eine weitere Hülle, die sie die kommenden Jahre nur ansehen und nie berühren würde. Das Feuer schoss im Takt seines Herzschlags durch das Siegel nach draußen – nur ein Druckventil einer Dampfmaschine, die jetzt später statt früher explodieren würde.
Die Schutzgeister schliefen zusammengerollt neben Qarins Kopf. Zwei Katzen, die eine gewoben aus Licht, die andere aus Dunkelheit. Obwohl Tsering die beiden nicht kannte, liebte sie sie aus dem einfachen Grund, dass sie Qarin genug liebten, um mit ihm sterben zu wollen.
Manchmal war er wach und flüsterte Namen. Jian und May. May, May, May … Tsering biss sich dann in ihre Lippen, bis sie bluteten, um Qarins Namen nicht zu flüstern. Den trug er ohnehin nicht mehr.
Drei weitere Siegel später blickte sie auf das heile Gesicht des Feuerelementars und schloss sich im Badezimmer ein. Und dann sank sie auf die kalten Fliesen und lachte. Lachte, bis ihr die Tränen die Wangen hinabliefen und ihre Schluchzer von den Kacheln widerhallten.
Sie war so dumm gewesen. So arrogant. Wenn sie sich schon früher nach dem Feuerelementar erkundigt hätte, hätte sie Qarin auf den Bildern erkannt. Sie hätte Jian bloß um ein Foto zu bitten brauchen! Und jetzt … Wie viele Jahre waren es, die sie ohne Magie und in Trauer um ihn verbracht hatte? Auf der Suche nach einem Lebenszweck und Frieden? Alle unwiederbringlich verloren.
So viel Zeit, die sie hätten zusammen verbringen können. Mit … Sie probierte endlich den neuen Namen. Mit Lex …
Sie zog sich am Waschbecken hoch, wusch sich das Gesicht und schloss die Augen. Gedanken explodierten in ihrem Kopf, Feuerwerkblumen aus Panik und Hoffnung.
Der Zauber hat funktioniert!
Ich habe ihn wieder.
Was habe ich getan?
Wenn der Equalizer erfuhr, dass sie den Kreislauf der Wiedergeburten gestört hatte …
Sie öffnete die Augen und ein ganzes Jahrhundert schien für Sekunden von ihr abzufallen. Ihr Spiegelbild erschien ihr genauso jung wie Jian. Wie … Lex.
Wenn der Equalizer es jemals erfuhr, würde sie die Strafe mit offenen Armen empfangen und lächelnd sterben!
Âyís Auftrag war so lächerlich einfach gewesen, dass Lex zu einer anderen Zeit beleidigt abgelehnt hätte: Den Jungen vom Flughafen abholen und zu der Schamanin bringen. Sie hatte Lex nicht einmal einen Namen verraten – Er kennt dich – und ihr bloß einen Ring in die Hände gedrückt. Der Ring war zur Sicherheit da, ein Passwort, das sie dem Jungen geben sollte, damit der mit ihr und nicht irgendwelchen fremden Männern ging. Lex hatte mal Dämonen gejagt und Traumfresser abgeschlachtet. Dagegen etwas mehr Geld mit Babysitten zu verdienen, statt Kräutermischungen zu verkaufen und Âyí auf der Tasche zu liegen, klang wortwörtlich nach Kinderkram.
Nun presste Lex sich gegen die Führerkabine der Fähre, als erneut ein Kugelhagel übers Deck prasselte. Sie hätte es besser wissen müssen!
Alles, was sie von dem Kind gesehen hatte, war ein schmächtiger Rücken und ein Schopf dunkler Haare zwischen zwei Frauen, die den Jungen viel zu schnell durch die Menge lotsten. Nur dadurch waren sie Lex überhaupt aufgefallen, nachdem sie am Gate kein wartendes Kind gefunden hatte. Und war das nicht ein cleverer Trick? Wenn man an Kindesentführung dachte, stellte man sich schmierige Typen in vergilbten Unterhemden und einem Van vor, nicht zwei Frauen mit Chanel-Handtaschen in einem Mercedes.
Lex hatte dem Taxifahrer ihr ganzes Bargeld geben müssen, um 20 Minuten Fast & Furious: Hong Kong zu spielen und dann doch auf einer Fähre zu landen. Sie hatte weder die Frauen noch den Jungen an Bord gehen sehen, aber die Artillerie, die sie begrüßt hatte, kaum dass Lex ihren Fuß auf die Fähre gesetzt hatte, sprach für sich. Sie fuhr mit den Fingern ihre Ohrmuscheln entlang. Fünf Stecker pro Ohr, insgesamt zehn Diamanten und ein Transportzauber in ihrer Tasche … Wenn sie nur wüsste, wo der Junge genau war, könnte sie es schaffen.
Der Kugelregen brach ab und Lex rutschte rückwärts zu der anderen Bootsseite. Sie sollte schnell außen an der Seite hochklettern, um auf das obere Deck zu gelangen. Jemand griff nach ihrer Schulter. Während sie noch einen Schutzzauber formte, traf eine fleischige Faust ihre Nase. Sie hörte überdeutlich das Knarzen, Schmerzensblitze zuckten durch ihren Schädel. Blut ergoss sich über ihren Mund und auf ihr T-Shirt. Dem Blut folgte Feuer, brannte sich durch ihre Nase nach draußen, versengte ihr Gesicht.
Der Schläger stolperte mit einem Aufschrei zurück und knallte auf seinen Hintern. „D-du …?“
Lex spuckte Blut und Plasma auf das zerschossene Deck und stand auf. Sie hatte die Schnauze voll! „Ich!“, zischte sie ihm entgegen. Das Feuer kroch viel zu heiß über ihre Unterarme, leckte an den Ärmeln ihrer Lederjacke. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen. Sie musste weg hier.
„Wo ist er?“, fragte sie und schleuderte dem Mann etwas von dem Feuer entgegen, das ihr unablässig aus den Unterarmen floss. Es war fast wie früher, als sie es noch kontrollieren konnte. Nur hätte es früher niemals wehgetan. „Wo ist der Junge?“
Der Mann kreischte schrill auf und rutsche von den Flammen weg, die nach seinen Beinen griffen. Ein dunkler Fleck blühte auf seiner Hose auf. „Nicht hier“, quietschte er.
Durch das Rauschen in ihren Ohren hörte Lex das Nachladen von Waffen. Sie hatte keine Zeit, um das Boot zu durchsuchen und zu überprüfen, ob der Mann wirklich die Wahrheit sagte. Sie zerbrach den Stab in ihrer Tasche und der Teleportationszauber ergoss sich über sie, brachte sie auf die Insel, direkt auf das Dach des Maritime Museums.
Dieses Feuer würde die Forensik später nicht erklären können. Lautlos floss es über die Fähre und schluckte genauso leise jedes freie Stück der Schiffsoberfläche. Erst als es sich in das Metall zu fressen begann, erklang ein Knarzen und Knistern. Eine Gestalt – nur ein schwarzer Strich gegen das Leuchten – stürzte sich in das rettende Wasser, bevor andere folgten.
Lex wischte sich das Blut vom Mund und fluchte. Diese Idioten mussten natürlich herumballern und ihr die Nase brechen! Und wofür das Ganze? Der Junge war offenbar nicht einmal auf der Fähre gewesen. Hatte sie das falsche Auto verfolgt? Wer waren dann die Typen, die auf sie geschossen hatten?
Lex trat gegen eine zerknüllte Plastikflasche, die im hohen Bogen im Wasser landete. Vom Festland kreischten die Sirenen der Wasserpolizei auf und ein winziges Rettungsboot näherte sich dem Inferno. Âyí würde auf ihre alten Tage noch einen Herzinfarkt kriegen, wenn sie morgen die Schlagzeilen sah.
Auf der leuchtenden Wasseroberfläche bewegten sich immer noch Figuren, schwammen zu dem Rettungsboot. Lex hätte zu gerne mitgehört, wie die Schläger der Polizei den Feuerausbruch und ihre Waffen erklärten. Eine der Gestalten driftete immer weiter von Feuer und Boot weg. Sie bewegte sich ruckartig, verschwand für ein paar Sekunden unter der Wasseroberfläche. Lex war Vieles, aber keine Mörderin. Sie hatte gehofft, dass die Magie sich mit zwei oder drei Edelsteinen zufriedengeben würde, aber der Wunsch, der Fremde möge auf jeden Fall überleben, kostete sie all ihre verbliebenen Diamanten.
Mawu schlängelte sich maunzend um Lex’ Bein und stieß mit seinem schwarzen Kopf dagegen. Liz war weniger geduldig als der andere Kater und schlug seine Krallen in Lex’ Oberschenkel.
„Ja, ja, ich weiß!“ Lex zog vorsichtig ihre Jacke aus und ließ die Funken ihres brennenden T-Shirts in den Nachthimmel aufsteigen. Der Geruch des verbrannten Stoffs hüllte sie ein. Diesmal verband sie weder Gefahr noch Tod damit. Und wie lange war das her?
Sie schluckte die Erinnerungen hinunter und legte die Jacke auf die Erde. Strich das Pentagramm glatt, das in die Jacke eingenäht war. Dann legte sie den Ring und die Räucherstäbchen darauf. Das wunderbar kalte Feuerzeug hielt sie einen Augenblick nur in der Hand. Das Verlangen nach einer Zigarette setzte sich als weiterer nagender Schmerz in ihrer Brust fest. Diese Nacht schrie inzwischen nach mehreren Packungen und einer Flasche von Âyís Selbstgeranntem.
„Na, komm …“
Die Räucherstäbchen zitterten, jede Spitze ein glühendes Pixie-Auge. Die Magie akzeptierte zum Glück das frische Blut aus Lex’ gebrochener Nase als Opfer und schluckte es gierig. Sie verzog das Gesicht, als ihre Nase noch schmerzhafter zu pochen begann. Der Rauch stieg in Fäden auf, rollte sich ein, wurde zu Tintenwolken im Wasser. Lex wartete auf das Flüstern der Ahnen. Aber sie hörte nur das Feuer und die Sirenen und der Rauch löste sich auf.
„Unmöglich!“ Mawu neigte den Kopf, seine Augen leuchteten unnatürlich grün auf. Liz schnatterte unzufrieden, worauf Mawu etwas antwortete. Die beiden klangen, als würden sie etwas besprechen.
Sie warf die Räucherstäbchen ins Wasser. Es war unmöglich. Die Ahnen fanden sonst immer eine Spur. Es sei denn, der Junge war inzwischen tot. Sie tastete ihre Nase ab. Nicht unwahrscheinlich bei dieser Art von Entführern. Aber wozu sich so viel Mühe machen, um das Opfer dann doch zu töten? Das würde Âyí das Herz brechen. Zum Glück war es zu früh, um die schlechten Nachrichten zu überbringen. Lex konnte damit noch bis zum Morgen warten.
Die beiden Schutzgeister liefen voraus, weg vom Hafen und dem Tosen des Feuers. Die nassen Straßen spiegelten dessen Leuchten, hinter den Fenstern erschienen die geisterhaften Schatten von Menschen. Hongkong schlief nie. Es war ein riesiges Tier, das sich nur hin und her wälzte. Jederzeit bereit, aufzuspringen. In der schwülen Luft hingen die Gerüche des vergangenen Tages und das verschlafene Murmeln des Morgens verfing sich bereits darin.
Aus einer Seitenstraße dröhnte dumpf der Bass einer Bar. Musik explodierte in einer Wolke, als die Türen geöffnet wurden, gefolgt von den Stimmen und dem Glöckchengelächter junger Frauen. Liz und Mawu wechselten die Straßenseite und Lex tat es ihnen nach. Gerade rechtzeitig, bevor die Gruppe klackernd herauskam. Das Laternenlicht verfing sich in den bunten Fischschuppen ihrer Kleider und Röcke. Die Frauen sahen herüber und strichen sich die Haare aus dem Gesicht, jede Geste perfekt choreografiert. Sie verbargen ihr Gelächter hinter bunten Cocktailfläschchen und Handtäschchen und ihre Augen glitzerten mit ihren Kleidern um die Wette.
Bemerkten sie nicht die verbrannte Kleidung und das Blut? Lex ging weiter, immer Liz’ leuchtendem Rücken nach. Plötzlich verstummten die Frauen.
„Das ist ja gar kein Mann“, flüsterte eine. „Aber ich dachte …“
Ihre Begleiterinnen zischten sie an.
„Du weißt nie bei Ausländern.“
Lex blickte zurück und fing einen neugierigen Blick auf. Die junge Frau wandte sich sofort ab, nahm einen Schluck aus ihrer Flasche und begann zu husten.
Lex lächelte fast. Frauen waren in dieser Hinsicht schon immer unkomplizierter als Männer gewesen. Weniger darauf fixiert, was Lex zwischen den Beinen hatte. Oder eben nicht. Sie klopfte das Feuer am Saum ihres T-Shirts aus. Natürlich nicht alle Frauen …
Zu Hause brannte das T-Shirt immer noch. Lex warf es in das Waschbecken, während das Wasser unerträglich langsam die Badewanne füllte. Gegen schlechten Wasserdruck half auch Magie nicht weiter.
Sie kaute an einem Eiswürfel und sah sich den Briefumschlag mit der Handschrift ihres Onkels an. Hatte er von Lex’ Fluch erfahren? Von ihrer Trennung? Sie überflog die wenigen Zeilen auf dem Blatt, das um ein Foto gewickelt war.
Sie enthielten weder Mitleid noch Bitten nach Hause zu kommen. Nur die Bekanntmachung der Aufnahme eines neuen Lehrlings. Ihr Onkel war schon immer so korrekt gewesen. Lex studierte die Züge der jungen Frau auf dem Bild. Die einzige Fremde zwischen all den anderen Gesichtern, die sie noch von dem letzten Besuch bei ihrem Onkel kannte. Sie war vermutlich ein Wasserelementar, wobei die auf Bildern immer schwer von Luftelementaren zu unterscheiden waren. Lex warf das Foto und den Brief zu den Spinnen hinter der Waschmaschine, damit sie beides nicht mehr anzusehen brauchte.
Die letzten Eiswürfel klinkerten gegen den Badewannenrand, warteten auf ihren Tod. Das Wasser zischte immer noch, wenn es gegen das Siegel an Lex’ Brust schwappte. Aber sie war zu müde, um eine neue Packung Eis zu holen.
Sie starrte zur Decke hinauf und wartete darauf, dass das eiskalte Kondenswasser endlich herabregnen würde. Morgen stand ihr bei Âyí die Beichte über ihr phänomenales Versagen bevor. Wie sie den Jungen verloren und eine ganze Fähre abgefackelt hatte. Man konnte ihr offenbar nicht einmal die einfachsten Aufträge zutrauen. Über das Schicksal des Jungen wollte sie erst gar nicht nachdenken. Sie suchte nach Worten, die es irgendwie erträglicher machen würden – sie alle schmeckten bitter und kalt.
Nachdem der letzte Eiswürfel geschmolzen war, drehte Lex das kalte Wasser auf. Nur war es natürlich nie kalt genug. Sie sah zu ihrer Jacke, die sie neben der Waschmaschine fallengelassen hatte und in deren Tasche die eingeschweißte Zigarettenpackung lag, die sie noch vor einem Jahr gekauft hatte. Sie musste nur die Hand ausstrecken. Dann wäre es endlich vorbei … Ihr Körper war gerade so schwach, dass ein Zug das Fass zum Überlaufen bringen würde. Das Feuer würde sie ausbrennen, bis nur noch Asche übrigblieb.
Sie schloss die Augen. Wenn sie schon sterben sollte, dann bestimmt nicht wegen einer Zigarette, in einer Badewanne, in einem fremden Land.
Das Wasser schwappte aus der Badewanne und flutete den Boden. Lex schlug hustend die Augen auf und hielt sich am Wannenrand fest. Die Schutzgeister starrten sie mit ihren Juwelenaugen an, bevor sie amüsiert schnatterten. Lex hatte nicht die Kraft, irgendetwas nach ihnen zu werfen. Sie fiel auf die kalten Badezimmerfliesen und versuchte vergeblich ein Handtuch zu erreichen. Was für eine Art, aufzuwachen!
Liz hatte irgendwann Erbarmen und legte sich zu ihr auf den Boden. Er brummte angesichts des ganzen Wassers, das Lex auf die Fliesen gespritzt hatte, und machte es sich bequem. Das Sonnenlicht, das sein weißes Fell gespeichert hatte, erwärmte Lex’ taube Haut. Sie hörte den Geräuschen aus dem Treppenhaus zu, den eiligen Schritten von Kindern auf dem Weg zur Schule, den vorbeiziehenden Autos und Fahrradklingeln. Es war früh am Morgen, Âyí wartete bestimmt schon. Bei diesem Gedanken erwachte ihr Magen zum Leben und knurrte schmerzhaft. Sie hatte es trotzdem nicht eilig, denn sie hatte keine Lust, der alten Frau von der letzten Nacht zu erzählen.
Etwas knallte auf den Boden – der Tiegel mit ihrer Heilsalbe. Mawu sprang ihm hinterher und schob ihn mit einer Tatze in Lex’ Reichweite. Sie kraulte zittrig die beiden Katzen, bevor sie die Salbe auftrug. Diese vereiste die verbrannte Haut um ihre Tätowierungen. Lex blieb für ein paar Minuten die Luft weg. Sie wartete, bis die Angst und die Anstrengung aus ihren Atemzügen verschwanden. Die Kater verschwanden auch, kletterten durch das Fenster in Hongkongs Morgen hinaus.
„Hey, du! Warte!“
Lex blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah über ihre Schulter. Dort stand ihre Nachbarin, hielt sich wankend am Türrahmen fest, scheinbar nur von ihrer Wut aufrechtgehalten. Sie trug lediglich ein Nachthemd und ihre schwarzen Haare hingen ihr wild ins Gesicht, als wäre sie gerade einem Horrorfilm entstiegen.
„Ich weiß es!“, zischte die Frau und zeigte mit dem Finger auf Lex. „Ich weiß von den Katzen! Hab wegen dem ganzen Gekratze keine Sekunde schlafen können. Wenn ich deinetwegen meinen Job verliere …!“
Die ausgefallensten Flüche regneten auf Lex herab. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob ‚Du Arschspalte eines Pavians‘ oder ‚dummer, durch Inzest gezeugter Stapel Fleisch‘ ihr Favorit war.
„Ich werde den Verwalter anrufen!“, sagte die Frau zum Schluss.
Lex versuchte, entschuldigend zu lächeln. Es war unmöglich, dass diese Frau ihre beiden Katzen gesehen oder gehört hatte. Außer ihrem Onkel und ihrer Tante konnten das nur Âyí und Jian. Es brauchte ein bestimmtes Bewusstsein für Magie, um die Schutzgeister einer anderen Person sehen zu können.
„Ich habe keine Katzen“, antwortete Lex immer noch lächelnd. Einer ihrer Ohrstecker erwärmte sich, bereit, den Stein darin zu opfern. „Aber den Verwalter sollten Sie auf jeden Fall anrufen. Es waren bestimmt Ratten!“
Die Frau wollte wieder den Mund öffnen, doch in dem Moment gab Lex den Zauber frei. Eine fette, schwarze Ratte lief aus der Wohnung und der Frau direkt über die nackten Füße.
Unten vor dem Haus konnte Lex immer noch ihr Kreischen hören.
Wie üblich gab es eine lange Schlange vor Âyís Stand. Vor Lex standen zwei Männer in Anzügen, Geschäftsmänner, die offenbar verschlafen hatten und sich ihr Frühstück unterwegs abholten. Einer von ihnen stieß seinen Kollegen an, der im Stehen zu schlafen schien.
„Warte damit, bis wir im Büro sind“, scherzte er und rieb sich selbst den Schlaf aus den Augen.
„Ich weiß gar nicht, warum ich so müde bin …“
„Wir sind alle müde. Es liegt an der Stadt.“
Es lag ganz bestimmt nicht an der Stadt alleine. Lex beobachtete den grauen Wurm, der sich um den Hals des erschöpften Mannes gewunden hatte und sie schläfrig anblinzelte. Der wolkige Körper des Parasiten pulsierte, während er dem Menschen die Lebensenergie aussaugte.
Die Schlange schob sich zügig nach vorne, zu Âyís schwarzsilbernem Stand mit den Pappschachteln und Plastikdosen voller Gemüse und Pilzen. Die alte Frau wirkte winzig klein hinter den Grillplatten. Haare hatten sich aus ihrem sonst ordentlichen Zopf gelöst und klebten an ihrer gerunzelten Stirn.
Die Männer nahmen ungeschickt ihr Essen entgegen und Âyí verzog beim Anblick des Parasiten das Gesicht. „Ausverkauft! Alles weg!“, rief sie, sobald Lex an der Reihe war. „Kommt morgen wieder!“
Alle, die hinter Lex gewartet hatten, trotteten murrend zu dem nahestehenden Jian Bing-Stand, um sich dort ihr Frühstück zu holen. Lex blieb im sicheren Abstand zum Grill stehen, bis Âyí endlich das Gas abgedreht hatte. Sie reichte Lex die letzten Gemüsespieße und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Ihr Gesicht leuchtete erwartungsvoll auf.
Lex legte die Spieße wieder in die Pappschachtel. „Es tut mir leid. Es gab ein Feuer …“
„Ich hab’s gesehen.“ Âyí polierte kräftig eine Ecke des Standes, jede Bewegung voller Missfallen.
Lex räusperte sich. „Es ist schon in den Zeitungen?“ Sie hatte gehofft, Âyí würde sie erst abends anrufen und deswegen ausschimpfen.
„Nein, ich habe es aus dem Fenster gesehen.“
Lex nickte und holte tief Luft. Der Platz hier war kein guter Ort, um Hiobsbotschaften zu überbringen. Wenn Âyí weinen sollte …
„Ich habe den Jungen nicht gefunden. Jemand ist mir zuvorgekommen. Ich habe sie zwar verfolgt, aber … Die Ahnen fanden danach keine Spur.“
Âyí runzelte die Stirn. Ganz und gar nicht die Reaktion, die Lex befürchtet hatte. Sie konnte das Wahrscheinliche einfach nicht aussprechen: Der Junge ist tot.
Âyí schüttelte den Kopf und griff nach Lex’ Arm. „Such weiter“, bat sie und drückte ein Päckchen mit neuen Edelsteinen in Lex’ Hand. „Bitte. Der Junge muss am Leben sein.“
„Es ist unmöglich!“
Âyí faltete ihre Schürze zusammen und vermied es, Lex anzusehen. „Wir wüssten es, wenn er gestorben wäre. Ganz Hongkong würde es wissen.“
Lex brachte es nicht übers Herz, ihr die Hoffnung auszureden. „Kannst du mir nicht wenigstens seinen Namen sagen? Oder ein Foto –?“
Âyí schüttelte den Kopf, noch bevor Lex zu Ende gesprochen hatte. „Auf keinen Fall. Ich habe einen Eid geleistet. Und du hast den Ring.“
Natürlich war ein persönlicher Gegenstand besser bei der Suche als jedes Foto. Lex knirschte mit den Zähnen. Wenn der Ring denn funktionieren würde!
„Âpo?“, rief der Verkäufer vom Nachbarstand herüber. Sein Blick kroch misstrauisch über Lex’ Haare und Kleidung und die Tätowierungen an ihren Händen. „Belästigt dich der Ausländer?“
„Der will nur das Rezept für die Gewürzmischung wissen“, rief sie zurück. „Als ob ich es ihm verraten würde!“ Sie lachte und der Mann und seine Kunden fielen mit ein.
„Wie die Geier!“ Der Verkäufer spuckte auf den Boden, bevor er Lex anlächelte. „Kein Respekt vor anderen Kulturen. Kein Stolz!“
„Aber ernsthaft“, flüsterte Lex, „du hast doch bestimmt eine Geheimzutat!“ Gegrilltes Gemüse konnte unmöglich so gut schmecken.
Âyí schob ihr ein Gewürzpulverfläschchen mit dem Logo einer Supermarktkette hin.
„Das ist ein Scherz, oder?“
Âyís Schultern zitterten von ihrem unterdrückten Lachen. Bei diesem Anblick wurde Lex etwas leichter. Sie verneigte sich übertrieben vor Âyí. „Thank you very much.“ Sie ließ jedes Wort gebrochen klingen. Âyí zwinkerte ihr zu und Lex ging zu der nahen Promenade, um einen Platz zum Essen zu finden.
Winzige Dämonen huschten zwischen den Beinen der Passanten hindurch, um sich in einem Halbkreis vor der Bank zu versammeln, auf der Lex saß. Manche von ihnen hatten sich als Tauben und Spatzen getarnt. Der Rest war so schwach, dass er sich kaum manifestieren konnte. Ihre durchsichtigen Körper flackerten wie kaputte Glühbirnen und wurden immer nur für Augenblicke sichtbar, bevor sie verschwanden. Sie kämpften um die letzten Bissen des Gemüses, das Lex ihnen zuwarf, ihr schrilles Kreischen nur eine weitere Melodie in Hongkongs Lärm.
Lex glaubte nicht, dass der Junge noch lebte. Âyí hatte natürlich ihre eigenen Quellen und Informationen. Und ein zu großes Herz. Die Eltern mussten unglaublich reich oder weltweit bekannt sein, wenn das Auftauchen der Leiche einen Aufruhr verursachen würde. Âyí hatte sich mit diesem Auftrag wirklich zu viel aufgehalst, aber Lex würde ihr trotzdem helfen. Das war sie nach dem letzten Jahr der alten Frau schuldig.
Aber wie sollte sie jemanden finden, den die Ahnen für tot befunden hatten?
Sie sah über das Wasser zu Kowloon auf dem Festland hinüber. Zusammen mit den ganzen Inseln war Hongkong zu groß, um es alleine durchsuchen zu können. Als Erstes sollte sie sichergehen, dass die Leiche nicht doch irgendwo entlang der Ufer trieb.
Lex hatte natürlich auch ihre Quellen und Methoden: Entlang der Promenade standen vereinzelte Gruppen von Junkies, Touristen und einige von den Anderen. Städte wie Hongkong waren nicht nur bei menschlichen Auswanderern beliebt. Die schieren Menschenmassen und die Anonymität waren perfekt, um darin ungesehen zu leben. Lex sah sogar einen Kappa, der Touristen Stränge trockenen Seetangs als Perlenketten andrehte. Wenn es einen Toten in seinem Revier gab, würde der es wissen.
Wärme kroch von einem Ohrstecker zum nächsten, erwärmte das Gold bis zur Schmerzgrenze. Jemand beobachtete sie.
Lex sah sich um. Tatsächlich, es waren mehrere Augenpaare auf sie gerichtet. Schwer zu sagen, ob nur Neugier oder andere Absichten dahinter steckten. Einige der Junkies starrten sie offen an. Ihre Präsenz war so greifbar, dass es keine Menschen sein konnten. Auch waren ihre Kapuzen auffällig tief ins Gesicht gezogen. Einer von ihnen winkte ihr zu.
Lex stand auf und ging zurück, vorbei an dem leeren Platz, an dem sonst Âyís Stand war. So tief war sie noch nicht gesunken, dass sie am Hafen dealte!
Lex hatte bis zum Abend warten wollen, um unauffällig mit dem Kappa reden zu können, aber Touristen waren zu jeder Uhrzeit auf der Promenade zu finden.
Es war einer der miesesten Tarnzauber, den Lex je gesehen hatte. Das Neandertaler-Gesicht des Kappas war zwar hautfarben statt grün und die Mulde auf seinem Kopf wurde von einer Baseballkappe verborgen, aber ansonsten sah er wie der überdimensionale Frosch aus, der er in Wirklichkeit war. Sein gedrungener, kleiner Körper machte sich für einen Sprung bereit, als er Lex auf sich zukommen sah.
„Okita-san“, grüßte Lex ihn mit einer Verbeugung und zeigte ihm die Papiertüte mit den Kräutern, die sie extra für ihn zusammengestellt hatte.
Der Kappa schnüffelte in die Luft und wischte sich den breiten Mund ab. Sein Blick huschte zwischen der Tüte und Lex’ Gesicht hin und her. „Was kann ich für Sie tun, Mr Foster?“