Outback Dreams. So weit die Liebe reicht

Sasha Wasley

Outback Dreams.
So weit die Liebe reicht

Roman

Aus dem australischen Englisch von Veronika Dünninger

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Sasha Wasley

Sasha Wasley wurde im australischen Perth geboren. Sie ist Möchtegern-Farmerin und hegt eine große Leidenschaft für Tiere und die Natur. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Töchtern lebt sie in einer Weinregion in der Nähe von Perth.

Impressum

Die australische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Dear Banjo« bei Michael Joseph, einem Imprint der Penguin Random House Australia Pty Ltd, Melbourne.

 

© 2018 der eBook-Ausgabe Knaur eBook

Copyright © 2017 Sasha Wasley

First published by Penguin Random House Australia Pty Ltd, Australia. This edition published by arrangement with Penguin Random House Australia Pty Ltd

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Sabine Thiele

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: Zero Creatives/gettyimages

ISBN 978-3-426-45286-8

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.


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Für Jane, Emily, Louisa und Lucy,

die mich gelehrt haben, wundervolle Romantik zu schätzen

Der Pakt

Willow Paterson und Tom Forrest, 15 Jahre alt

Autsch! Das hat wehgetan, Banjo!«

»Halt still, dann tut es nicht weh.«

»Warum muss eigentlich ich bluten?«

»Das werde ich doch auch, du Idiot.«

Neben ihm kauernd, das Gesicht über seine Hand gebeugt, setzte Willow die Nadel wieder an und stach zu.

»Autsch!«

»Nicht so laut.« Willow warf einen Blick zur offenen Tür des Futterschuppens, doch nur zwei Pferde an der Futterkrippe bewegten sich. Sie sah zurück zu Toms Finger. »Sieh mal, es hat geklappt. Drück drauf, damit ein Tropfen Blut kommt.«

»Weißt du, für eine Veganerin bist du ganz schön blutrünstig.«

Als Nächstes stach sie sich selbst in den Finger und presste auf die Spitze, bis ein leuchtend roter Tropfen zum Vorschein kam. Tom sah beeindruckt zu. »Hat das nicht wehgetan?«

»Eigentlich nicht.«

»Du bist härter, als du aussiehst, so viel steht fest.«

»Gib her.« Sie rieb ihrer beider Finger aneinander. »Und jetzt der Pakt. Sprich mir nach.« Willow sah Tom in die Augen. »Um unserer Zukunft willen …«

»Um unserer Zukunft willen«, wiederholte er, sichtlich verwirrt.

»Schwöre ich feierlich, dass ich niemals …«

»Schwöre ich feierlich, dass ich niemals … Nie, nie, aber auch niemals«, ergänzte er, um sie zum Lachen zu bringen.

»Tom! Niemals unsere Freundschaft vermasseln werde.«

Er sprach den Pakt zu Ende, und sie nickte mit grimmiger Befriedigung, bevor sie sich den Finger an ihrem Shirt abwischte. Willow steckte die Nadel ein und lehnte sich gegen eine Getreidetonne, um den klaren blauen Himmel draußen vor dem Schuppen zu betrachten. Der süße Geruch von Heu lag schwer in der Luft. Tom beobachtete sie von seinem Platz an der Blechwand des Schuppens aus.

»Sonst?«, fragte er.

»Sonst was?«

»Was, wenn ich sie doch vermassele? Soll ich hoffen, dass ich sterbe, oder mir die Nadel ins Auge stechen oder was?«

»Du vermasselst sie einfach nicht. Punktum.«

»Das heißt, es hat keine echten Konsequenzen?«

Entnervt versetzte sie seinem Stiefel einen Tritt. »Die Konsequenz ist eine vergeigte Zukunft, Dummkopf. Deswegen müssen wir den Pakt jetzt schließen, bevor wir überhaupt anfangen. Wenn wir unseren Traum verwirklichen wollen, halten wir uns an die Regeln. Vermasseln die Freundschaft nicht.« Sie erhob sich.

Tom zuckte die Schultern und saugte an seinem Finger, während er aufstand. »Seltsamer Pakt. Ich kann nicht glauben, dass ich dafür Blut gelassen habe.«

Sie gingen zurück zum Haus, und er riskierte einen schelmischen Blick zu Willow. »Mein erster Blutpakt. Heißt das, wir sind verlobt?«

Sie warf ihm einen warnenden Blick zu. »Das ist nicht witzig, Tom Forrest.«

Kapitel 1

Entschuldigung, Dr. Paterson?«

Willow hob den Kopf und kicherte, als sie den Erstsemesterstudenten sah, der neben ihrem Tisch verharrte. »Ohne Doktor.«

Er errötete, während er sich mit einer Hand durch sein kurz geschnittenes Haar fuhr. »Verzeihung.«

»Kein Grund, sich zu entschuldigen – um genau zu sein, haben Sie mich eben befördert. Ich habe keinen PhD, nur einen Master.«

Er kratzte sich an der Wange. »Äh, Miss Paterson …«

»Nennen Sie mich Willow. Wir sind hier ziemlich zwanglos.«

»Ich habe mich gefragt«, nahm er einen neuen Anlauf, und sie musste sich anstrengen, um ihn über dem Lärm in der Cafeteria zu verstehen. »Ihr Kurs hat mir gut gefallen, aber Professor Dales Vorlesung war wirklich verwirrend. Könnte ich Ihnen ein paar Fragen dazu stellen?«

»Vielleicht wäre es in diesem Fall besser, Professor Dale zu fragen«, schlug sie vor.

Der Student, der wie frisch von einer Farm aussah, starrte zu Boden. »Das könnte ich, aber er macht mir irgendwie Angst.«

Willow lachte wieder, aber ein Teil von ihr konnte es nachempfinden. Es war zehn Jahre her, seit sie nach Perth gekommen war und ihren ersten Kurs bei dem berühmten Professor Quentin Dale – damals Dr. Quentin Dale – besucht hatte, aber sie wusste noch gut, wie auch sie damals eingeschüchtert von ihm war. Sie kam oft verwirrt und überwältigt aus dem Hörsaal. Sie hatte ein ganzes Jahr gebraucht, um aus seinen Vorlesungen schlau zu werden. Und selbst jetzt noch wünschte sie manchmal, er würde einfach normales Englisch sprechen. Die meisten Studenten am agrarwissenschaftlichen Institut der Universität von Perth kamen aus der Landwirtschaft und waren eine eher schlichte Sprache gewohnt. Aber Quentin war eben Quentin. Er verwendete lieber tausend ausgefallene Worte, wo hundert einfache – oder noch besser, ein Diagramm – genügen würden.

»Was genau fanden Sie denn verwirrend?«, fragte sie, während sie den Studenten aufforderte, Platz zu nehmen.

Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte Willow damit, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den biodynamischen Ansätzen in der Farmwirtschaft des vergangenen Jahrhunderts und den heutigen zu erklären. Als der Student ging, sah er sehr viel glücklicher aus, und Willow wandte sich zufrieden wieder ihren Korrekturarbeiten und ihrem lauwarmen Kaffee zu. Doch bereits drei Minuten später stürzte die Institutssekretärin in die Cafeteria.

»Willow! Ich habe dich schon überall gesucht«, keuchte Tanya. »Du hast schon wieder dein Telefon in deinem Büro liegen lassen. Ich konnte es durch die Tür klingeln hören.«

»Oh, entschuldige.«

»Da ist ein Anruf für dich, er ist wichtig.«

»Von wem?«

»Deiner Schwester.«

»Beth oder Free?«

»Beth.« Tanya warf einen Blick auf Willows Stapel mit Korrekturarbeiten. »Kommst du mit ins Büro, um mit ihr zu reden?«

»Ich bin noch beschäftigt. Ich rufe sie später an, okay?«

Tanya schien erregt. »Nein, du musst sie jetzt gleich zurückrufen.«

Willow legte die Stirn in Falten. »Tan, was ist los? Stimmt irgendetwas nicht?«

»Ich wollte eigentlich nicht diejenige sein, die es dir erzählt.« Tanyas Miene war ein Bild des Unbehagens. »Dein Dad ist im Krankenhaus. Sie glauben, dass er einen Herzinfarkt hatte.«

 

»Wie konnte das denn passieren?« Willow schloss die Bürotür hinter sich und ließ sich auf den Drehstuhl fallen, das Telefon fest in der Hand. »Mein Gott, er ist doch erst fünfundfünfzig.«

»Aber mit den Arterien eines Achtzigjährigen«, entgegnete Beth. »Es ist hauptsächlich angeboren, aber sein Lebensstil war mit Sicherheit keine Hilfe. Du weißt doch, was er isst. Dazu das Bier. Und er trägt das Gewicht der Welt auf seinen Schultern, was für ihn vermutlich das Schlimmste ist.«

»Haben sie vor, ihn hierherunter zu verlegen oder nach Darwin hoch?«

»Nein, sein Zustand ist stabil, und das Kardio-Team im Mount Clair weiß, was es tut. Hier ist er gut aufgehoben.«

»Ich komme hoch. Ich versuche, so bald wie möglich einen Flug zu bekommen, und ich werde um eine Woche Urlaub bitten.«

Schweigen trat ein.

»Beth?«

»Ich glaube, du solltest mit Dad reden, bevor du fährst.«

»Warum?«

»Er will dich etwas fragen.«

Willows Stimmung sank. Der Viehtrieb. Natürlich. Ihr Vater würde ihn dieses Jahr nicht leiten können. Beth arbeitete Vollzeit in ihrer Hausarztpraxis und lebte mittlerweile in Mount Clair, nah beim Krankenhaus, aber hundertzwanzig Kilometer weit entfernt vom Anwesen der Familie, Paterson Downs. Free, ihre andere Schwester, war noch immer in Europa, und sie hätte ohnehin keine Ahnung vom Viehtrieb, selbst wenn sie zu Hause wäre. Willow dachte fieberhaft nach.

»Was ist mit seinem Stellvertreter – Hegney, richtig? Oder den Forrests? Können sie nicht für Dad den Viehtrieb übernehmen?«

»Willow, es geht nicht nur darum. Wir brauchen jemanden, der Entscheidungen trifft. Dad kann das nicht. Wir dürfen ihn nicht arbeiten lassen, sonst wird er nur noch kränker werden. Wenn er glaubt, dass die Forrests oder Hegney oder irgendjemand sonst das Sagen haben könnten, wird er versuchen, sich einzumischen. Du bist die Einzige, der er vertraut.«

Willow fluchte. »Es ist mitten im Semester, Beth.« Ihre Schwester schwieg, und Willow seufzte. »Ich rufe Dad an.«

Genervt, aber auch ein wenig stolz wählte sie die Nummer des Krankenhauses in Mount Clair. Was Beth gesagt hatte, stimmte. Barry Paterson vertraute nur Willow bei der Leitung – und der Zukunft – der Farm. Schon bevor sie auf die Universität gegangen war, um Biologisch-Dynamische und Nachhaltige Landwirtschaft zu studieren, war es eine anerkannte Tatsache in der Familie Paterson gewesen, dass Willow eines Tages die Farm leiten würde. Na ja, vielleicht keine allgemein anerkannte. Willow hatte gesehen, wie ihre Schwestern sich auf die Zunge beißen mussten, wenn ihr Vater ausschließlich auf Willows Rat hören wollte. Vor allem Beth ärgerte sich darüber.

Jemand meldete sich am anderen Ende der Leitung.

»Dad?«

»Willow.«

Panik durchzuckte sie. Er klang so schwach. »Beth hat mir gesagt, was passiert ist. Wie fühlst du dich?«

»So richtig rundum beschissen.«

Sie zwang sich zu einem Lachen. »Was sagt der Arzt?«

»Er hat mir genügend Tabletten gegeben, um ein Schlauchboot zu versenken. Ich muss sie für den Rest meines Lebens nehmen, schätzt er, aber wenn sie wirken, werde ich keine Operation brauchen.«

»Operation?«

»Du weißt schon, irgendwas da reinstecken, um alles frei zu halten.«

Sie nahm an, dass er von arteriellen Stents redete. »Was glauben sie, wie lange du im Krankenhaus sein wirst?«

»Nicht allzu lange, schätzt der Arzt. Vielleicht nur noch ein paar Tage. Das Essen ist grauenhaft, daher lieber früher als später. Und der Viehtrieb steht natürlich vor der Tür.«

»Na ja, jetzt schon dich erst einmal. Mach dir keinen Stress, Dad. Ich komme in ein paar Tagen nach Hause, um beim Viehtrieb zu helfen.« Sie verfluchte sich im Stillen. Sie wollte nicht helfen – und sie konnte es auch nicht. Nicht, wenn sie ihren Job an der Universität behalten wollte. Da sie nur befristet angestellt war, hatte sie nicht die Option, Urlaub zu nehmen.

»Ich denke, diesmal werde ich ein bisschen mehr als nur Hilfe beim Viehtrieb brauchen, Schatz.«

»Was meinst du damit? Red doch nicht so.«

Ein Schweigen trat ein, das sich so lange hinzog, dass sie sich schon fragte, ob die Verbindung abgerissen wäre.

»Dad?«

»Willow. Bist du bereit?«

»Bereit wofür?«

 

Mit zitternden Händen stopfte Willow Kleider in ihren Koffer. Sie hatte eine Schublade mit Oberteilen und eine andere mit Pullovern ausgeräumt, bevor ihr bewusst wurde, was sie da tat. Dann lachte sie kurz auf und zerrte die ganzen Pullover und Büroblusen wieder aus dem Koffer. Die konnten jetzt getrost in die Altkleidersammlung. Dort, wo sie hinfuhr, würde sie sie nicht brauchen.

Ihre bescheidene Sammlung von T-Shirts, Shorts und Jeans passte weitaus besser in den Koffer. Ihr Zimmer auf Paterson Downs war so klein, dass sie gnadenlos Zeug ausrangieren musste. Willow war froh, ihre halbhohen Schuhe in den Spendenkarton werfen zu können. Absätze waren noch nie ihr Ding gewesen. Sie ging ins Bad, um das Schränkchen auszuräumen. Das ganze Make-up würde oben im Norden Vergeudung sein, wo es schneller vom Gesicht schmolz, als man es neu auftragen konnte. Sie behielt ein paar Eyeliner und Lippenstifte und eine getönte Sonnenschutzlotion, die sie verwendete, wenn sie für die Universität Feldstudien durchführte, und warf den Rest in den Karton. Im Spiegel erhaschte sie einen Blick auf ihr gerötetes Gesicht und hielt einen Moment inne. Sie ließ sich auf den Toilettendeckel sinken.

Passiert das hier gerade wirklich?

Die Worte ihres Dads gingen ihr wieder durch den Kopf. Willow. Bist du bereit? Bist du bereit, die Farm zu übernehmen?

Ach du heilige Scheiße. Ihr Lebenstraum, auf einem Silbertablett serviert, und weitaus früher, als sie je erwartet hatte. War sie bereit?

»Gott, ja«, murmelte sie.

Nach dem Gespräch mit ihrem Vater hatte Willow ihre Korrekturarbeiten aufgegeben und die Situation in aller Eile Tanya erklärt, während sie ihre persönlichen Habseligkeiten im Büro der befristet Angestellten zusammenpackte. Tanya hatte ihr mit besorgter Miene zugesehen und nicht viel gesagt, als Willow ging, nicht einmal, als diese ihr den Büroschlüssel aushändigte. Aber später schickte ihre Freundin eine SMS, in der sie ihre Hilfe zusicherte. Willow versprach, am nächsten Morgen bei Tanya zu Hause vorbeizuschauen, um sich zu verabschieden, und buchte ein One-Way-Ticket in ihre Heimatstadt Mount Clair.

Mit leerem Blick starrte sie auf die Badezimmerfliesen und erstellte in Gedanken eine Liste. Sie musste Quentin anrufen, Strom und Gas in ihrer Wohnung abmelden, den Abtransport der Möbel in Auftrag geben, mit Kevin, dem anderen befristet angestellten Tutor, besprechen, dass er ihre Lehrveranstaltungen übernahm – so viel zu tun. Sie hatte die Hausverwaltung bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass sie den Mietvertrag beenden würde, und eine Reinigungsfirma beauftragt.

Diese Wohnung werde ich nicht vermissen, dachte sie, während sie weiterpackte. Das schlichte kleine Einzimmerapartment war lediglich ein Dach über dem Kopf, in fußläufiger Entfernung zur Universität, während sie unterrichtete und an ihrer Forschung zu nachhaltigen Weideflächen arbeitete. Wegen ihres mangelnden Interesses an Inneneinrichtung hatte sie der Wohnung nie ihren persönlichen Stempel aufgedrückt. Alles war funktional, von dem schlichten Bettgestell bis hin zu dem Secondhandholztisch, der nicht zu der Couch passte. Die Wohnung hatte sich für Willow eigentlich nie wie ein Zuhause angefühlt. In letzter Zeit hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich ein paar neue Küchengeräte zuzulegen, da Kochen das Einzige war, wofür sie abends nach der Arbeit noch Energie aufbringen konnte. Jetzt war sie froh, dass sie sich nichts gekauft hatte. Es wäre nur lästig gewesen, schwere Haushaltsgeräte nach Mount Clair zu schaffen.

Als sie mit dem Bad fertig war, ging sie zurück ins Schlafzimmer und kippte die Nachttischschublade auf dem Bett aus. Als Letztes landeten Toms Briefe auf dem Stapel. Willow nahm sie und zögerte, das Bündel in den Händen, während das vertraute Gefühl des Unbehagens in ihrem Magen rumorte. Sie hatte nur die ersten beiden gelesen. Sie waren so schmerzlich gewesen, dass sie jeden neuen Brief ungeöffnet ganz unten in die Schublade stopfte, immer mit dem Plan, sie »später« zu lesen. Zehn Jahre waren seither vergangen, wurde ihr bewusst. Sie waren gerade mal achtzehn gewesen, als er ihr diese Briefe schickte, die im Laufe ihres ersten Jahrs an der Universität eintrafen.

Ein Klopfen an ihrer Wohnungstür riss Willow aus ihren Erinnerungen. Sie wollte schon öffnen, bevor ihr einfiel, dass sie die Briefe noch immer in der Hand hielt. Sie sah sich um, entdeckte ihre Handtasche auf dem Dielentisch und steckte das Bündel rasch hinein, bevor sie die Tür öffnete.

»Oh! Hi, Quentin.«

»Hallo, Willow.«

»Was tust du denn hier?« Es klang unhöflicher als beabsichtigt. »Das ist ja eine nette Überraschung.«

»Ich war im Institutsbüro und habe mit Tanya gesprochen.«

»Ah … Ich wollte dich gerade anrufen.«

Er machte Anstalten einzutreten, weswegen sie einen Schritt zur Seite ging und ihn in die Wohnung ließ.

»Ich habe nicht viel Zeit«, sagte sie. »Ich muss …«

»Packen?«

»Ja. Entschuldige. Ich hätte anrufen sollen. Es war auch für mich ein Riesenschock.«

Quentin ging weiter bis zum Küchentisch und setzte sich. Willow war sich nicht sicher, was sie tun sollte. Ihm etwas zu trinken anbieten? Aber dann würde er vielleicht länger bleiben.

»Mein Flug geht morgen früh um sieben«, erklärte sie.

»Du reist also wirklich ab?«

Seine Stimme klang angespannt. Willow nahm ihm gegenüber Platz und sah zu, wie er seine Brille mit einem Taschentuch putzte. Die Fältchen um seine Augen waren ausgeprägter als sonst. »Quentin, es tut mir wirklich leid, dich so hängen zu lassen. Ich habe nur einen Lehrauftrag, das heißt, streng genommen muss ich überhaupt nicht kündigen, aber du weißt, dass ich es getan hätte, wenn es nicht so plötzlich passiert wäre. Dad ist wirklich sehr krank, und er braucht mich. Ich werde keine Zeit haben, um später noch einmal nach Perth zurückzukommen, um alles auszuräumen. Ich werde auf der Farm zu viel um die Ohren haben, daher ist es nur sinnvoll, wenn ich jetzt alles organisiere und gehe.« Sie schwafelte, versuchte, ihren plötzlichen Weggang weniger brutal aussehen zu lassen. »Kevin ist so weit, dass er meine Kurse übernehmen kann, und die Doktorarbeit kann ich erst einmal auf Eis legen.«

Quentin setzte seine Brille wieder auf. »Im Ernst, Willow? Du wirst Farmerin werden?«

Sie blinzelte, als sie die verschleierte Verachtung in seiner Stimme hörte.

»Ähm, Viehzüchterin, um genau zu sein, und ja, natürlich werde ich das. Wofür habe ich denn sonst einen Abschluss in Biologisch-Dynamischer Landwirtschaft und Agrarwissenschaft?«

Er musterte sie. »Du hast eine vielversprechende akademische Karriere vor dir. Warum willst du das aufgeben?«

Sie musste lachen. »Was für eine Lehrbeauftragte in Agrarwissenschaft wäre ich denn, wenn ich nie wirklich auf einer Farm gearbeitet hätte?« Zu spät erinnerte sie sich, dass Quentin genau so akademische Karriere gemacht hatte. »Ich meine, ich muss doch meinen Worten Taten folgen lassen, oder? Aber was noch wichtiger ist, meine Familie braucht mich. Beth schafft das nicht. Sie arbeitet Vollzeit. Und Free – na ja, Free kann das einfach nicht. Und du weißt, dass es sonst niemanden gibt.«

»Dein Dad wird die Kontrolle über die Farm vermutlich wieder an sich reißen, sobald es ihm besser geht. Du weißt doch, wie diese alten, eingefleischten Farmer sind.«

Willow erinnerte sich an die Worte ihres Vaters am Telefon. Ich werde mein Leben nicht wegwerfen. Ihr Mädchen habt eure Mutter viel zu früh verloren, und ihr werdet nicht auch noch euren Dad verlieren.

»Vielleicht. Möglich wäre es.« Sie sah ihm in die Augen. »Quentin, es tut mir wirklich leid, das Institut so plötzlich zu verlassen. Aber ich muss das tun. Ich wollte das hier schon immer.«

Er betrachtete sie. »Und was ist mit deinen Freunden – deinen Beziehungen?«

Sie hatte vielleicht nicht viel Erfahrung in Sachen Partnersuche, aber sie erkannte eine bedeutungsschwangere Frage, wenn sie sie hörte. Quentin hatte in der Vergangenheit hin und wieder ein paar unbeholfene Flirtversuche unternommen, und sie hatte ihn jedes Mal abblitzen lassen. Er war noch nie so nahe daran gewesen, seine Gefühle zu verbalisieren.

»In der Stadt gibt es niemanden, dem ich besonders nahestehe«, erwiderte sie, während sie auf ihre Hände sah. »Ich werde das Team vermissen, aber ich kann euch ja besuchen, wenn ich in Perth bin. Ich werde ein-, zweimal im Jahr herkommen.«

Es war hart, aber deutlich. Quentin verharrte einen Moment schweigend, reglos, und dann schob er eilig seinen Stuhl zurück, der laut über den Boden schabte.

»Na, dann will ich dich nicht länger aufhalten. Gute Reise, und ich hoffe, dass das Farmleben alles ist, was du dir erhoffst.«

Seine Wünsche hätten nicht weniger aufrichtig sein können. Willow begleitete ihn zur Tür, wo er ihr einen verletzten Blick zuwarf, bevor er ging. Sie schloss hinter ihm die Tür und schüttelte den Kopf. Wow. Wieder fühlte sie sich erleichtert, dass sie abreiste.

 

Irgendwie schaffte sie es, den Inhalt des gesamten Apartments über Nacht zusammenzupacken. Auf dem Weg zum Flughafen am nächsten Morgen ließ Willow den Taxifahrer vor Tanyas Wohnung anhalten. Ihre Freundin war noch im Pyjama, als Willow ihr die Schlüssel zu ihrem Apartment und ein paar Hundert Dollar überreichte. Tanya weigerte sich, das Geld anzunehmen, aber Willow drückte es ihr einfach in die Hand.

»Nein, Tan, ich habe eine professionelle Reinigungsfirma beauftragt, und du musst sie für mich bezahlen. Behalt den Rest als Dankeschön. Und könntest du vielleicht in die Wohnung gehen und die Kartons entsorgen, die ich zurückgelassen habe? Du kannst dir davon nehmen, was du willst, oder einfach alles spenden. Und wenn du dann den Schlüssel bei der Hausverwaltung vorbeibringen könntest, wäre ich dir ewig dankbar.«

Tanya nickte, und ihr Blick wurde ein wenig glasig. »Du gehst wirklich, oder? Endgültig, meine ich.«

»Ja. Endlich nach Hause. Ich kann gar nicht glauben, dass ich so lange hier in der Stadt geblieben bin.«

Tränen rollten Tanya über die Wangen. »Ich werde dich vermissen.«

»Oh, Tan. Komm mich besuchen.« Willow umarmte sie. »Wir bleiben in Verbindung.«

»Das ist nicht dasselbe«, schluchzte Tanya.

»Ich rufe dich in ein paar Tagen an, okay?«

Tanya nickte und umarmte sie noch einmal tränenreich, bevor sie Willow gehen ließ.

Himmel, dachte Willow, während sie zurück zum Taxi rannte. Gefühlsbekundungen waren noch nie ihr Ding gewesen. Okay, sie zog zweitausend Kilometer weit fort, und sie würde es vermissen, Tanya in der Arbeit zu sehen, aber da musste man doch nicht gleich weinen.

Eine Erinnerung an ihre Sitzungen bei einer Psychologin tauchte an die Oberfläche. Willow, Sie neigen dazu, die Leute auf Abstand zu halten. Warum versuchen Sie nicht, Menschen ein bisschen mehr an sich heranzulassen? Willow zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren, und loggte sich mit ihrem Handy auf der Website des Stromanbieters ein, um ihr Konto zu kündigen.

Sie checkte ein und bezahlte eine Unsumme für ihr Übergepäck, bevor sie zusah, wie es auf dem Förderband davonglitt – die Summe ihres Erwachsenenlebens in zwei großen Koffern. Nein, rief sie sich in Erinnerung, 3700 Quadratkilometer, 6500 Stück Vieh, ein bahnbrechender, artgerechter Biorindfleischbetrieb. Das würde die Summe ihres Erwachsenenlebens sein.

Sie machte es sich auf ihrem Platz bequem und dankte dem Himmel, dass sie neben einem jungen Flugpendler saß, der vermutlich bei dem Stauseeprojekt am Herne River unter Vertrag stand. Er hatte bereits Kopfhörer in den Ohren und sah sich irgendeinen Zombiefilm auf seinem Tablet an, sodass sie auf dem Flug mit niemandem würde reden müssen. Sie wollte eine To-do-Liste erstellen. Sobald sie in der Luft waren, tastete sie in ihrer Tasche nach einem Notizblock, und ihre Hand stieß auf etwas Unbekanntes.

Toms Briefe.

Willows Herz begann wieder wie wild zu hämmern. Wäre es nicht fast ein Eingriff in Toms Privatsphäre, sie jetzt zu lesen? Nachdem so viel Zeit vergangen war, seitdem sie sie eigentlich hätte lesen sollen? Vielleicht sollten diese schlafenden Hunde besser nicht geweckt werden?

Ja, sie würde sie alle wegwerfen – sie in den Müllbeutel entsorgen, wenn der Steward das nächste Mal damit vorbeikam.

Aber sie würde wieder neben den Forrests leben, wenn sie nach Hause kam. Tom würde vermutlich bald Quintilla übernehmen, genau wie sie Paterson Downs. Ihre Familien standen sich so nah wie eh und je. Sie würde wieder irgendeine Art Beziehung zu Tom Forrest aufnehmen müssen, egal, wie schwierig die anfängliche Wiederannäherungsphase sein würde.

Vielleicht konnte sie diesen dreistündigen Flug von Perth nach Mount Clair nutzen, um endlich Toms sämtliche Briefe zu lesen. Sie hatte dem armen Jungen nicht einmal eine Chance gegeben, nachdem sie sich die ersten beiden angesehen hatte. Sie war so vertieft in ihren eigenen Schmerz gewesen, hatte mit der Panik zu kämpfen gehabt, die jedes Mal in ihr aufstieg, wenn sie darüber nachdachte, was er getan hatte. Vielleicht hatte einer dieser Briefe ja eine Entschuldigung enthalten – eine Entschuldigung, die sie inzwischen hätte annehmen sollen. Eine Zurücknahme dieses entsetzlichen Moments, in dem er diese Worte gesagt hatte …

Ihre Adresse stand in Toms ungelenker Handschrift auf dem obersten Umschlag – noch immer vertraut, egal, wie lange es her war. Willow holte zitternd Luft. Halb acht Uhr morgens war ein bisschen früh für einen Drink, daher bestellte sie sich einen Kaffee und zog die ersten beiden Briefe heraus: die, die sie zehn Jahre zuvor geöffnet und gelesen hatte.

 

 

QUINTILLA HOMESTEAD

HERNE RIVER ROAD

MOUNT CLAIR EAST

WILLOW PATERSON

c/o PATERSON DOWNS

HERNE RIVER ROAD

MOUNT CLAIR EAST

16. Januar

Liebe Banjo,

 

frohes neues Jahr.

Ich nehme an, du hast dich inzwischen im Studentenwohnheim eingelebt. Du bist auf jeden Fall früh hingefahren. Die anderen, die einen Platz bekommen haben, reisen erst im Februar an. Ich weiß nicht, wo du wohnst, daher habe ich Beth gebeten, diesen Brief an dich weiterzuschicken.

Du hast vielleicht gehört, dass ich meinen Platz an der Uni vermutlich nicht annehmen werde. Ich denke, ich werde mein Studium aufschieben – jedenfalls vorläufig. Dad nimmt es gelassen. Dann muss er wenigstens keine zusätzliche Hilfskraft einstellen, ganz zu schweigen von den gesparten Studiengebühren. Mum ist nicht allzu glücklich, aber ich sage ihr immer wieder, dass es ja nur für dieses eine Jahr ist. Sie stellt viele Fragen.

Bin mir eigentlich nicht sicher, was ich dir sonst noch sagen soll, Banjo. Es ist seltsam ohne dich. Wenn ich auf dem Quad unterwegs bin, biege ich jedes Mal zu Patersons ein, bevor mir wieder einfällt, dass du ja gar nicht mehr dort bist. Ich denke immer wieder, dass ich dich am Ostgatter sehen werde, wie du auf Rusty sitzt, bereit zu einem Rennen an der Zaunlinie entlang. Du wusstest immer, dass ich dich schlagen würde, aber du wolltest es trotzdem versuchen.

Ja. Es ist seltsam. Du warst einfach immer da. Ich nehme an, es ist noch nicht richtig zu mir durchgedrungen. Pass auf dich auf in der großen Stadt, okay?

 

Tom

 

PS: Wir sollten vermutlich versuchen, dieses Durcheinander zu klären.

 

 

 

 

QUINTILLA HOMESTEAD

HERNE RIVER ROAD

MOUNT CLAIR EAST

WILLOW PATERSON

WOHNHEIM ST. BRIDGET’S

UNIVERSITÄT VON PERTH

11. Februar

Liebe Banjo,

 

ich hatte gehofft, du würdest zurückschreiben. Noch nicht bereit, mit mir zu reden, was? Na schön, ich werde das Reden übernehmen, während ich warte.

Beth hat mir deine Postanschrift gegeben. St. Bridget’s? Wohnst du jetzt etwa bei Nonnen oder was? Wie ist das Studentenleben? Ich bereue immer wieder, dass ich die Uni aufgeschoben habe, und denke, dass es vielleicht eine schlechte Entscheidung war. Jetzt werde ich ein Jahr unter dir sein. Vielleicht könnte sich das für mich ja als Vorteil erweisen – ich kann bei dir angekrochen kommen, um dich um Hilfe bei meinen Aufgaben zu bitten. Trotzdem, ich lasse dich nicht gern ein Rennen gegen mich gewinnen, egal, ob es auf den Quadbikes ist oder beim Bachelor of Science in Angewandter Biologisch-Dynamischer sowie Nachhaltiger Landwirtschaft.

Ich muss zugeben, Banjo, ich vermisse dich. Jeden Tag drei Stunden im Bus zusammen zur Schule und zurück. Dann drei oder vier Stunden zusammen im Unterricht, da unsere Stundenpläne immer praktisch identisch waren. Dann, nach der Schule, ein paar Stunden, in denen wir uns auf den Quads oder den Pferden Rennen lieferten oder einfach nur am Ostgatter standen und uns stritten oder dummes Zeug redeten. Pläne für die Zeit schmiedeten, wenn wir Quintilla und Patersons gemeinsam leiten würden. Ich schätze, dass wir seit dem Ende der zehnten Klasse, als Nicola von der Schule abging und ich zum Busplatznachbarn befördert wurde, ungefähr neun Stunden am Tag miteinander verbracht haben. Neun Stunden am Tag, zehn Fünftagewochen in einem Schuljahresabschnitt, vier Abschnitte im Jahr. Wie viel macht das, Banjo?

Ich weiß, du hast mich in Mathe immer übertrumpft, aber selbst ich kann das ausrechnen. 1800 Stunden im Jahr. Und da sind die ganzen Wochenenden oder Schulferien noch nicht einmal inbegriffen, oder die Barbecues unserer Familien, oder all die Stunden, in denen wir uns nachts SMS schrieben, oder die Fußmärsche zu dem hohlen Boabbaum, um dort Sachen für den anderen zu hinterlegen.

Tatsächlich sind es vermutlich eher 2500 oder sogar 3000 Stunden im Jahr, die wir zusammen verbracht haben.

Kannst du es mir wirklich verdenken, dass ich angefangen habe, dich auf die »falsche« Weise zu sehen? Lass es gut sein, okay? Ruf mich an, oder schreib zurück. Komm schon, lass uns endlich einen Schlussstrich unter diesen Scheiß ziehen.

 

Tom

 

 

Verdammt. Willow hatte nicht damit gerechnet, dass es so viel Unbehagen in ihr auslösen würde, Toms Briefe wieder zu lesen. Ihre Wangen brannten seinetwegen – und wegen ihres eigenen Verhaltens. Ihn so lange gemieden zu haben, das war unverzeihlich. Sie hätte ihm die Gelegenheit geben sollen, das alles beizulegen. Wie er wohl jetzt war? Sie versuchte, sich einen erwachsenen Tom Forrest vorzustellen, vermutlich noch immer voller Humor und Freundlichkeit, wie er es immer gewesen war, aber reifer. Weniger hormongesteuert. Willow gestattete sich ein ironisches Lächeln. Wenn sie doch nur mehr Reife besessen hätte; sie beide. Jetzt sah sie die Situation vor zehn Jahren so viel klarer – der verwirrte Tom und die wütende Willow, noch immer so aufgewühlt von dem Verlust ihrer Mutter mit vierzehn.

Sie riss die ganzen ungelesenen Briefe einen nach dem anderen auf und ordnete sie in der richtigen Reihenfolge an, um sie so rasch wie möglich durchzugehen. Es war eine fürchterliche, unangenehme Aufgabe, aber eine, die erledigt werden musste. Und dann würde sie das alles hinter sich lassen.

Kapitel 2

3. März

 

Liebe Banjo,

 

okay, ich habe drei Wochen gewartet. Eine, bis der Brief in Perth ankommt, eine, bis du antwortest, und die dritte, bis er Mount Clair erreicht.

Ich nehme an, du willst noch immer nicht mit mir reden.

Du bist ein harter Brocken, wenn du wütend bist. Ich werde nie vergessen, als du einmal megasauer auf mich warst. Erinnerst du dich noch an den Matrix-Reloaded-Abend? Tante Jen war auf Bali gewesen und hatte ein paar DVD-Raubkopien mitgebracht, und wir hatten beschlossen, uns zusammen Matrix Reloaded anzusehen. Film- und Pizzaabend. Du hast deine ganzen tierfreien Zutaten mitgebracht, darunter diese ekelhafte Pappe auf Sojabasis, die sich als Käse tarnt und die du irgendwo entdeckt hattest. Und ich habe heimlich etwas normalen Käse auf deine Pizza gelegt, als du nicht hingesehen hast, und du hast davon geschwärmt, wie toll deine Pizza schmeckt, und mich sogar überredet, sie zu kosten, um mir zu beweisen, wie sehr sich der Sojakäse verbessert hätte. Und ich habe dir recht gegeben, und dann, als wir aufgegessen hatten, habe ich so sehr gelacht, dass ich mich fast übergeben hätte. Als ich dir sagte, was ich getan hatte, dachte ich, du würdest es witzig finden, aber stattdessen hast du mir vorgeworfen, dich nicht ernst zu nehmen, und bist davongestürmt. Weißt du noch? Du bist auf Rusty gesprungen und im Dunkeln nach Hause gefahren. Verdammt, ich habe mich so schlecht gefühlt, als mir klar wurde, dass du nicht zurückkommen würdest.

Ich wollte dir hinterherfahren, aber Mum hat es mir nicht erlaubt. Sie hat deinen Dad angerufen, um sich zu vergewissern, dass du gut nach Hause gekommen warst, und mir gesagt, ich müsse mich entschuldigen.

Daher habe ich es getan. SMS, Funkrufe, Telefonanrufe und sogar Briefe im hohlen Boab. Aber die schmollende Banjo hat eine ganze Woche gebraucht, bevor sie auch nur meine Existenz wieder zur Kenntnis genommen hat. Ich nehme an, es hat eine ganze Woche gedauert, um das böse Milchprodukt aus deinem Organismus zu entfernen, was?

Weißt du noch, wie ich am nächsten Wochenende bei dir vorbeigekommen bin, als du dir eine Monsanto-Dokumentation angeschaut hast? Ich habe mich neben dich gesetzt, um sie mir mit dir zusammen anzusehen, und habe Monsanto »Luzifers Lieblingsprojekt« genannt, und du hast halb gelächelt, und ich wusste, dass zwischen uns alles wieder gut war. Aber du hast dich trotzdem gerächt. »Snack?«, hast du mich gefragt, und als ich Ja sagte, hast du uns einen großen Teller Cracker geholt – mit dieser Sojakäse-Pappe. Und ich habe sie gegessen! Ich habe vielleicht sechs Stück von diesem ausgetrockneten, schwammigen Zeug hinuntergewürgt, nur um dir zu zeigen, wie aufrichtig leid es mir getan hat.

Das heißt, ja, du kannst wirklich lange schmollen. Weißt du, ich habe Matrix Reloaded noch immer nicht gesehen.

Banjo, es ist jetzt zwei Monate, zwei Tage und sieben Stunden her, seit wir uns zuletzt gesprochen haben. Es ist hart, von 3000 Stunden im Jahr auf null zu gehen. Können wir versuchen, das zu klären?

 

Tom

 

 

29. März

 

Liebe Banjo,

 

ich bin beeindruckt. Ende März, und noch immer keine Antwort. Inzwischen müssen deine Kurse angefangen haben.

Du bist wirklich fuchsteufelswild, was?

Okay, du bist sauer auf mich wegen dem, was ich getan habe. Ich hab’s kapiert. Du willst nicht mehr als befreundet sein. Na schön, das verstehe ich. Es gefällt mir nicht, aber ich verstehe es. Ein Rätsel ist mir allerdings das Ausmaß deiner Wut. Du tust ja so, als ob ich irgendetwas Entsetzliches getan hätte. Ist das fair? Auf was für einem Planeten lebst du eigentlich, dass du glaubst, ein Heterotyp mit normaler Sehschärfe könnte 3000 Stunden im Jahr mit dir verbringen, ohne Gefühle für dich zu entwickeln? Hast du in den letzten fünf Jahren eigentlich mal in den Spiegel geschaut? Denn ungefähr so lange ist es her, seit mir aufgefallen ist, wie schön du bist.

Du hast gesagt, ich hätte mein Versprechen gebrochen. Bist du deshalb so wütend? Ja, ich habe mein Versprechen gebrochen – ein Versprechen, das ich gegeben habe, als wir fünfzehn waren, mein Gott. Du hast mich, als wir unbeobachtet waren, in den Futterschuppen gezerrt – und ich kann dir sagen, dabei wurde ich ganz schön kribbelig. Ich hatte mit Sicherheit nicht erwartet, dass du mich mit einer Nadel stechen und erklären würdest, wir würden einen Pakt schließen, unsere Freundschaft nicht zu vermasseln.

Ach ja, witziges Detail am Rande: Ich habe ein Jahr gebraucht, um zu begreifen, was das überhaupt hieß. Ich dachte, man vermasselt eine Freundschaft nicht, indem man, na ja, keine Geheimnisse ausplaudert oder den Geburtstag des anderen vergisst oder so. Als Nicola dann ungefähr eine Woche lang mit Briggsy gegangen ist und die beiden dann diesen Riesenstreit hatten, der einen Keil zwischen unseren Freundeskreis getrieben hat … da hast du zu mir gesagt: »Siehst du? Deshalb mussten wir den Pakt schließen.« Erst da begriff ich, dass der Pakt hieß, dass wir uns nicht ineinander verlieben durften.

Noch ein witziges Detail: Du warst damit viel zu spät dran. Ich war in dich verliebt, seit wir dreizehn waren. Vielleicht sogar noch länger, aber das war der Zeitpunkt, ab dem ich es wusste. Und sosehr du auch dachtest, du könntest unsere Zukunft kontrollieren, indem du mir ein Versprechen abnahmst, das ich nicht einmal verstand, gibt es einfach kein Zurück mehr, wenn man eine solch lange Zeit seines Lebens in jemanden verliebt ist.

Könnten wir vielleicht darüber reden? Ich habe allmählich das Gefühl, dass unsere Korrespondenz irgendwie einseitig ist.

 

Tom

 

18. April

 

Liebe Banjo,

 

wie läuft’s an der Uni? Mum sagt, dass du über die Osterferien zu Hause warst.

Danke, dass du auf Quintilla vorbeigeschaut hast, um Hallo zu sagen.

Oh, Moment. Hast du ja gar nicht.

Okay, ich werde noch ein bisschen länger flehen und winseln, aber du solltest wissen, dass meine Demut ein nicht erneuerbarer Rohstoff ist. Und ich kann sie nicht ewig auf die Oberfläche des Banjo-Ozeans abgeben, denn sonst wird sie letztendlich süße kleine Pinguinbabys ersticken.

Weißt du, was ich gestern getan habe? Ich war bei dem hohlen Boab, bin auf King das ganze Stück hinausgeritten. (Auf halbem Weg zwischen unseren Häusern, dass ich nicht lache. Es ist mindestens einen halben Kilometer näher an Paterson Downs.) Mir war auf einmal der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass dort drin irgendetwas von dir sein könnte – du weißt schon, nach deinem kürzlichen Besuch in Mount Clair und nachdem du keinen Kontakt zu mir aufgenommen hattest, während du hier warst. Ich dachte, vielleicht wolltest du reden, konntest keine Worte finden und hast daher unser traditionelles Postsystem verwendet.

Ich war enttäuscht, als ich feststellte, dass der Baum leer war. Nicht besonders logisch von mir, aber das ist eben die Macht des Wunschdenkens.

Banjo, bitte schließ mich nicht aus. Ich weiß, du brauchst immer ein bisschen Zeit, wenn du aufgewühlt bist, aber es ist jetzt fast vier Monate her. Deine Schmollphase zieht sich im Allgemeinen nie länger als eine Woche oder zwei hin. Du hast mich noch nie so ausgeschlossen. Nicht einmal, als deine Mum starb.

Ich weiß noch, wie du mich bis zu ihrer Beerdigung nicht sehen wolltest. Das habe ich nie verstanden. Ehrlich gesagt hat es wehgetan. Dabei wollte ich dir doch nur sagen, wie leid es mir tat, und sehen, ob ich irgendetwas für dich tun könnte. Mit Tuffie ausreiten oder dir bei deinen Farmarbeiten helfen oder was auch immer. Und dann, nach der Beerdigung, als alle draußen auf der Terrasse waren und sich betranken, ist mir aufgefallen, dass du gar nicht da warst. Ich habe dich in deinem Zimmer gefunden. Die Tür war abgeschlossen, daher habe ich mir ein Buttermesser geholt und sie damit aufgebrochen. Du hast versucht, dein Gesicht vor mir zu verbergen. Du wolltest nicht, dass ich dich weinen sehe, nehme ich an. Aber ich habe dich gezwungen, mich anzusehen, und dann haben wir uns auf dein Bett gesetzt und zusammen geweint. Scheiße. Es hat mir das Herz zerrissen, dich so gebrochen zu sehen. Und ich habe mich dir so nahe gefühlt. Es war, als ob der Schmerz in deinem Herzen mitten durch mein eigenes ging.

Noch was: Du bist, abgesehen von meinen Eltern, der einzige Mensch, der mich weinen gesehen hat, seit ich ungefähr drei Jahre alt war.

Kehr unserer Freundschaft nicht den Rücken. Du. Hast. Deinen. Standpunkt. Klargestellt.

 

Tom

 

26. Mai

 

Liebe Banjo,

 

keine SMS. Kein Anruf. Kein Brief. Nur eisiges Schweigen.

Nett.

Dein Dad und Free sind neulich zu einem Barbecue vorbeigekommen. Barry hat die ganze Zeit mit dir und Beth geprahlt, und Mum hat mich immer wieder von der Seite angesehen. Sie ist immer noch unzufrieden mit mir. Dein Dad hat mich rundheraus gefragt, ob ich nächstes Jahr auf die Uni gehen würde. Das war mir vielleicht unangenehm. Ich habe Ja gesagt, und er hat irgendeine Bemerkung darüber gemacht, wie schade es sei, dass ich dann ein Jahr unter dir sein würde, aber dass dann wenigstens jemand da wäre, der dafür sorgt, dass seine Willow anständig isst. Er ist noch immer besorgt wegen deines Eisenspiegels, oder?

Hey, erinnerst du dich noch an den Artikel in der Lokalzeitung über dich, als du vor Calhoun’s Schlachthaus demonstriert hast, nachdem du herausgefunden hattest, wie sie dort das Fleisch verarbeiten? Schlagzeile: »Der Protest einer Veganerin von einer Rinderfarm«. Ach du heilige Scheiße, mein Dad hat so laut gelacht, als er das gesehen hat. Aber ich war deswegen sauer auf ihn, jetzt, wo ich darüber nachdenke. Ja, okay, ich ziehe dich gern damit auf, dass du eine Veganerin von einer Rinderfarm bist, aber sonst darf das keiner.

Je länger sich dieses Jahr hinzieht, desto mehr ärgere ich mich, dass ich nicht auf die Uni gegangen bin. Es war eine schlechte Entscheidung. Free hat mir auf diesem Barbecue die Ohren mit ihrem neuesten Kunstprojekt in der Schule vollgequatscht, während ich dasaß, auf mein Steak starrte und darüber nachdachte, wie du und ich so hart dafür gearbeitet hatten, in denselben Studiengang zu kommen, und wie wir vorhatten, uns für unsere ganzen Kurse zusammen einzuschreiben, um denselben Stundenplan zu haben, und wie wir sparen würden, um nach unserem Abschluss an einem Working-Holiday-Programm auf der Blair Canyon Ranch in Colorado teilzunehmen und alles zu lernen, was sie uns beibringen könnten.

Ich dachte zurück an den Tag, an dem wir unsere Briefe vom Zulassungsbüro bekamen. Du warst ganz blass und verängstigt, und ich habe so etwas gesagt wie: »Warum zum Teufel machst du dir denn Sorgen?« Du hast mich aus deinen großen Augen angesehen und mir zu sagen versucht, wie sehr du in den Prüfungen ausgeflippt und dass du vermutlich in mindestens vier davon durchgefallen wärst. Du, die in einem Test oder Examen nie weniger als fünfundsiebzig Prozent erzielt hatte, nie. Ich wollte dich auslachen, aber ich wollte dich auch umarmen, weil du so verängstigt aussahst. Ich habe versucht, mir deinen Briefumschlag zu schnappen, aber du hast mich davon abgehalten und gesagt: »Tom, warte. Was, wenn einer von uns nicht angenommen wird?«

Ich weiß nicht, ob du mich überhaupt gehört hast, aber du hast mir so leidgetan, und ich habe so etwas gesagt wie: »Banjo, wenn hier irgendjemand nicht angenommen wird, dann ja wohl ich, aber wenn das passiert, dann werde ich Folgendes tun: Ich werde mir noch ein Jahr lang den Arsch aufreißen, mich noch einmal für den Bachelor-Studiengang bewerben, und wir sehen uns dann nächstes Jahr auf der Uni.«

Du hast geantwortet: »Aber dann werden wir nicht zusammen studieren.« Mir gefiel diese Vorstellung nicht, aber ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß war. Wie sich herausstellte, war sie tatsächlich größer, als ich gedacht hatte.

Aber ich habe dich beschwichtigt, habe dir gesagt, wir würden immer noch auf derselben Uni sein, in demselben Studiengang, und hey, was ist das Leben ohne ein paar Rückschläge? Und wir werden mit nur einem Jahr Abstand unseren Abschluss machen und nach Hause zurückkommen, und weißt du was? Quintilla Homestead und Paterson Downs werden immer noch da sein, und wir werden immer noch diejenigen sein, die sie zu einer vereinten Superfarm für Biorindfleisch aus artgerechter Haltung machen, die der verdammte Branchenführer sein wird. Und du wirst immer noch Willow Banjo Paterson sein, und ich werde immer noch Tom Forrest sein.

Und du hast gelächelt, und wir haben die Briefe getauscht, sodass du meinen in der Hand gehalten hast und ich deinen, und dann haben wir sie im selben Moment aufgerissen und gelesen und …

Ach du heilige Scheiße, man hatte uns beide angenommen!

Und für ungefähr dreißig Sekunden war alles perfekt.

Dann konnte ich mich nicht länger beherrschen und habe versucht, den Augenblick mit einem Kuss zu besiegeln. Und du hast mich so hart weggeschubst, dass ich fast über einen Stuhl gefallen wäre. Der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte.

Banjo, Menschen machen Fehler. Man verzeiht ihnen – im Allgemeinen. Verzeih mir.

 

Tom

 

 

Genug. Willow umklammerte unwillkürlich den Anhänger, den ihre Mutter ihr geschenkt hatte, und ihre Brust war auf einmal so fest zugeschnürt, dass sie glaubte, sie könnte kurz vor einer Panikattacke stehen. Solche Anfälle hatte sie seit Jahren nicht mehr gehabt. Sie wandte einen der Tricks an, die ihre Psychologin Jessica ihr beigebracht hatte: den Atem anhalten und bis fünf zählen, während sie sich vorstellte, an einem beruhigenden Ort zu sein – sie stand zum Beispiel bei Tuffie, sein warmes Kinn auf ihrer Schulter, während sein Pferdeatem ihre Wange streifte.

Mein Gott, Tom.

Willow atmete langsam aus. Sie war sich nicht sicher, ob es Schuldgefühle oder Groll waren, die sie so aufgewühlt hatten. Die Erinnerung an die Beerdigung ihrer Mutter war schon schlimm genug, und dann noch einmal diesen Moment durchleben zu müssen, als Tom alles vermasselt hatte – das war mehr, als sie verkraften konnte. Einige Briefe fehlten noch, aber sie stopfte das Bündel zurück in ihre Handtasche, froh, dass ein Jahrzehnt verstrichen war, seit Tom sie verfasst hatte. Es wäre furchtbar, wenn er sich erinnerte, was er geschrieben hatte – wie er seine Seele offenbart hatte –, aber die Wahrscheinlichkeit war gering. Sie knetete die Hände bei dem Gedanken, dass sie ihn bald sehen würde, und das Engegefühl in ihrer Brust kehrte zurück.

Willow wühlte wieder in ihrer Tasche nach dem Notizblock und begann mit ihrer To-do-Liste. Verdammt, sie würde diesen Flug sinnvoll nutzen. Sie würde sich nicht in einem emotionalen Kater aus ihren Jugendjahren verheddern.

 

Beth war dünner als vor drei Monaten, als Willow sie an Weihnachten zuletzt gesehen hatte. Mit zweiunddreißig war Beth attraktiv, hochgewachsen und selbstbewusst. Sie umarmten sich kurz am Gepäckband. Beth war so gefasst wie immer – ihr glänzendes braunes Haar war im Nacken zu einem professionellen Knoten gebunden, ihre schlanke Gestalt in eine zugeknöpfte Bluse und eine helle Caprihose gekleidet –, aber ihrem Gesicht war die Anspannung anzusehen. Willow hoffte, diese Anspannung lindern zu können, indem sie die Leitung der Farm übernahm und ihrem Dad half.

»Ist Free schon auf dem Weg nach Hause?«

Beth verdrehte die Augen. »Free ist pleite. Sie schläft in der Wohnung einer Freundin in Pisa auf dem Boden. Sie wollte in einem Monat sowieso nach Hause kommen, daher habe ich ihr gesagt, sie könnte ihre Reise auch wie geplant zu Ende bringen. Sie nimmt an, dass sie bis dahin genug verdient haben wird, um ihr Ticket nach Hause selbst zu bezahlen, aber wundere dich nicht, wenn du in ungefähr vier Wochen eine Bitte um eine Eilüberweisung bekommst.«

Willow starrte sie an. »Sie kommt nicht jetzt nach Hause, um Dad zu sehen?«

»Wozu denn?«, entgegnete Beth. »Es geht ihm richtig gut, in dieser Phase ist keine Angioplastie nötig, und der Kardiologe sagt, dass er morgen nach Hause kann. Du bist jetzt hier, und was würde Free denn schon tun, außer allen anderen noch mehr Arbeit zu machen?«

Willow war ein wenig enttäuscht von ihren beiden Schwestern. Free hätte nach Hause kommen sollen. Und Beth sollte nicht immer davon ausgehen, dass Free keine Hilfe war.

»Da ist mein Gepäck.« Sie zeigte auf die beiden Koffer auf dem Gepäckband.

Sie schleppten jede einen Koffer zum Ausgang. Die Hitze schlug Willow entgegen, sobald sie ins Freie trat. Sie reckte das Gesicht nach oben, ließ ihre Wangen vom Sonnenlicht wärmen, während sie über den kleinen Parkplatz gingen. Gott, sie liebte diese Hitze. In der Trockenzeit konnte es ein bisschen schwül sein, aber das war nichts verglichen mit der feuchten, heißen Luft der Regenzeit. In der Trockenzeit ließ es sich auf jeden Fall leichter arbeiten. Sie luden Willows Gepäck in den Kofferraum von Beths Geländewagen, bekannt als das »Biest«, da er riesig war und nie stecken blieb, und fuhren in Richtung Stadt.

»Wie läuft es in der Arbeit?«, erkundigte sich Willow.

»Viel zu tun. McInerney ist in den Ruhestand gegangen, daher haben wir viele seiner Patienten übernommen. Wir haben eine neue Krankenschwester eingestellt, und ich muss so regelmäßig auf eine Vertretung zurückgreifen, dass ich mir überlege, ihr eine feste Stelle anzubieten.«

»Oh, wow.«

»Muss hart gewesen sein, an der Universität zu kündigen«, bemerkte Beth mit einem Blick auf sie. »Bedauerst du es?«

»Kein bisschen«, erwiderte Willow aufrichtig.

Beth lachte. »Dumme Frage. Ich hatte für einen Moment vergessen, mit wem ich rede.«

Willow starrte auf die jungen Boabs, die die Straße säumten. Sie dachte an ihren Vater im Krankenhaus. »Wie krank ist Dad wirklich?«