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Impressum

Alle Charaktere, Schauplätze und Handlungen in diesem Roman sind

frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind

unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2018

Lektorat: Regina Nössler

Erste Auflage März 2018

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von mauritius (© Åke Nyqvist).

ISBN 978-3-89656-647-8

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Querverlag GmbH, Akazienstraße 25, D-10823 Berlin

http://www.querverlag.de

Su

Das muss sie sein. Sie schlurft durch das Drehkreuz. Der Gurt ihrer Reisetasche ist so lang, dass sie ihr bei jedem Schritt in die Kniekehle schlägt. Sie schaut auf den Boden und die blonden Haare hängen ihr vor dem Gesicht.

Ich gehe ein paar Schritte auf sie zu und habe das dumpfe Gefühl, diesen Moment schon einmal erlebt zu haben. Dann hebt sie den Kopf und sieht sich suchend um. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und mir stockt der Atem. Zwei, drei Sekunden lang drehen sich meine Gedanken im Kreis: „Sie ist es. Das kann nicht sein. Aber sie ist es. Aber das kann nicht sein.“ Dann sehe ich, dass sie es nicht ist. Aber sie sieht ihr verdammt ähnlich.

Leonie

Das Schwarz der Nacht weicht langsam dem Grau eines dichten Morgennebels, der nur widerwillig den Blick auf die Welt vor dem Autofenster freigibt. Ich starre hinaus und die Welt starrt zurück, als wäre sie zu Eis gefroren. Vorgestern bin ich im T-Shirt durch den Sonnenschein der ersten warmen Tage spaziert und nun fahre ich in einem uralten Volvo durch einen finnischen Winterwald. Die Straße ist vereist und die Spikes der Autoreifen geben ein nervtötend klackerndes Geräusch von sich. Am Rand liegt der Schnee meterhoch, dahinter der finstere Wald. Der Schnee auf den Bäumen lässt kaum Licht hindurch.

Ich stelle mir vor, wie wir ankommen werden. Lange kann es nicht mehr dauern, wir sind schon ewig unterwegs. Sieben andere junge Frauen warten dort auf mich, so viel weiß ich schon, ebenfalls abgeschoben in Kälte und Einsamkeit. Vielleicht ist es so günstiger für den Steuerzahler.

Der Nebel lichtet sich etwas und hängt nun in Fetzen zwischen den Fichten und Kiefern. Es tropft von den Bäumen und ab und zu rutscht eine Ladung Schnee von den Zweigen auf den Boden.

Es könnte schön sein, denke ich, aber es kommt keine Freude in mir auf. Dieses Land scheint so zu sein, wie ich mich fühle, und bietet dabei nichts, wonach ich mich sehne.

„Bald kommt der Frühling“, erklärt Su vom Fahrersitz. „Es hat nun schon länger nicht mehr geschneit und wenn wir Glück haben, tut es das auch nicht mehr. Du kannst froh sein, im Frühling hierherzukommen. Der Winter ist nicht immer ganz so leicht.“

Ich antworte nicht. Was soll ich auch sagen? Dass ich es jetzt schon hasse? Dass ich hier nicht bleiben werde? Verstohlen mustere ich Su. Ich schätze sie auf Mitte dreißig. Sie hat kurze Haare, die zu allen Seiten abstehen, und trägt eine alte, zerschlissene Jeans, klobige Wanderschuhe und eine Outdoorjacke. Als sie mich an dem kleinen Flughafen abholte, konnte ich sehen, wie darunter ein Flanellhemd hervorguckte. Ob es hier üblich ist, sich so bescheuert zu kleiden?

Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir. Sieben Gesichter, misstrauisch und zugleich neugierig. Vermutlich wird eine von ihnen vor den anderen stehen, mit harter Miene und gekreuzten Armen. Und dann wird die obligatorische erste Frage kommen: „Und? Warum bist du hier?“

Diese Frage dient zweierlei: Zum einen macht die Fragende gleich klar, dass sie an der Spitze der Gruppe steht. Zum anderen wissen danach alle, zu welcher Sorte die Neue gehört: Unschuldslamm, Heldin oder Kratzbürste.

Die Ersten erzählen gleich ihre ganze Lebensgeschichte, schildern detailliert, wie sie auf die schiefe Bahn geraten sind, und schauen dabei unschuldig drein. Typ zwei gibt eine knappe Auskunft, die ihrer Polizeiakte entstammen könnte. „Raubüberfall“ oder „Beschaffungskriminalität“ heißt es dann, oft mit dem stolz wirkenden Zusatz „in 23 Fällen“. Die dritte und letzte Kategorie lässt das Gegenüber aggressiv wissen, dass das „niemand etwas angeht“.

Hierzu gehöre auch ich. Ich hasse diese Frage nach der Vergangenheit. Ich will mich weder als Unschuldslamm noch als Superheldin darstellen. Ich will nur meine Ruhe. Aber die werde ich in den ersten Tagen nach der Ankunft wohl kaum bekommen.

Nun lichtet sich der Wald und ich entdecke die dunkle Oberfläche eines Sees. Die Straße ist zu einem Weg geworden, der sich am schneebedeckten Ufer entlangschlängelt.

Su deutet mit einem Finger übers Lenkrad: „Da vorne ist es.“

Ich sehe nur Wald. Der Volvo biegt um eine Kurve und folgt dem Schotterweg um eine Bucht herum. Da taucht eine Gruppe von Häusern auf.

Es sind Häuser aus Holz, hellgelb gestrichen. Aus den Schornsteinen steigt Rauch auf und ich bemerke, wie ich mich nach einer heißen Dusche sehne. Etwas irritiert mich beim Anblick der Häuser, doch schon habe ich keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Noch während der Wagen auf den Hof rollt, öffnen sich mehrere Türen.

Sie sind so alt wie ich. Keine Jugendlichen mehr und noch keine Frauen, vielleicht Anfang zwanzig. Sie rotten sich zusammen und glotzen ins Auto. Ich versuche, nicht hinzusehen. Su dreht sich zu mir um und bemerkt wohl, dass mir die Situation überhaupt nicht passt. „Sie sind nur neugierig. Warte ab, bald wirst du sie mögen.“

Sie steigt aus und öffnet mir die Tür. Ich schaue hinaus und da fällt mir auf, was mich vorhin irritiert hat: Dies hier sieht nicht aus wie ein Gefängnis. Keine Mauer, kein Zaun, kein Wachpersonal. Nirgendwo erklingt das vertraute Rasseln der fetten Schlüsselbunde. Rasch fährt mein Blick die Giebel der Häuser entlang, doch ich kann keine Kameras entdecken. Ich habe keine Ahnung, was ich mir unter einem Resozialisationsprojekt straffälliger junger Frauen mitten in Finnland vorgestellt hatte, jedenfalls nicht das.

Mit steifen Beinen von der langen Fahrt und dem Flug stehe ich auf und strecke mich so unauffällig wie möglich. Ich will mir nichts anmerken lassen, nicht meine Müdigkeit, meine Verwunderung, erst recht nicht meine Aufregung. Ich versuche, ihnen nicht in die Augen zu sehen, sondern schaue zwischen ihnen vorbei über den Hof zu den Häusern. Alle drei stehen in einem Halbkreis um den Hof. Das Ufer dahinter folgt diesem Halbkreis. Ich entdecke noch ein viertes Haus, etwas zurückgesetzt zwischen dem zweiten und dem dritten.

Zum Schluss lasse ich meinen Blick über die Mädels schweifen. Sie sehen mich erwartungsvoll an. Ich deute auf meinen Rucksack und frage: „Wohin?“ Meine Stimme hört sich dabei in meinen eigenen Ohren fremd an, müde und ein wenig schroffer als beabsichtigt. Es ist das Erste, was ich überhaupt sage, seit Su mich vom Flughafen abgeholt hat. Ihre Stimme klingt sanft, als sie mir erklärt: „Das sind Joanna, Lea und Mia. Sie wohnen mit dir hier. Lucie, Tatze, Nic und Flora wohnen auf der anderen Seite.“ Sie dreht sich zu ihnen um und sagt: „Nun, wie ihr euch wohl schon denken könnt, ist das hier Leonie.“ Während ich langsam meinen Fingernagel in die raue Haut neben dem Daumennagel drücke, zeigt sie auf das mittlere Gebäude und erklärt: „Hier im Haupthaus sind Küche, Esszimmer und Bad. Im ersten Stock wohne ich. Dort hinten ist der Stall und gleich daneben der Gemüsegarten.“

Sie erzählt noch mehr, doch ich konzentriere mich auf den angenehmen Schmerz an meinem Daumen, vertraut, immer da, wenn ich ihn brauche. Ich höre weder zu noch schaue ich mich um. Niemand soll glauben, ich könnte mich hier zu Hause fühlen. Es ist ein Gefängnis. Getarnt vielleicht, aber nicht frei. Ich werde nicht so tun, als wäre ich dreizehn und für eine Woche Reitferien hier. Plötzlich ist es still und ich blicke auf. Eines der Mädels sieht mich auffordernd an, doch weil ich nicht zugehört habe, weiß ich nicht, was sie will. Ich gehe einen Schritt auf sie zu und da lächelt sie, dreht sich um und geht auf das Haus auf der linken Seite zu. Ich folge ihr unsicher.

Als sie die Tür aufzieht, schlägt mir Wärme ins Gesicht. Ich trete in einen völlig zugestellten, bunten Flur. Zwei Türen gehen ab und eine steile Treppe führt nach oben. Die Wände sind orange gestrichen und über und über mit Bildern und allerlei Kram behängt. Mir fällt eine Kuckucksuhr auf, deren Schnörkel in grellem Pink nachgemalt wurden, eine goldene Schatztruhe, die von der Decke baumelt, und ein Bild, das aussieht, als hätte es ein Kind gemalt.

Meine Mitgefangene streift sich ihre klobigen Schuhe von den Füßen und schmeißt die Jacke in eine Ecke. Ich mustere sie verstohlen. Sie ist schlank, trägt eine braune Strickjacke und eine dunklere Cordhose, unter der orange-rot-geringelte Socken hervorblitzen. Ihre kleinen, roten Löckchen fallen locker über ihre Schultern.

„Hier wohnt Lea“, erklärt das Mädel mit den Locken und deutet nach links. Diese Tür ist von oben bis unten mit Metal-Postern beklebt. „Und dort Joanna“, ergänzt sie. Die Tür geradeaus ist wild mit Farbe bespritzt und beschmiert worden. Da hat wohl jemand eine Maltherapie verordnet bekommen. So was gab es in Deutschland auch, nur malte man da sauber auf Papier oder Leinwand. Auf Sauberkeit scheint man hier weniger Wert zu legen. Immerhin etwas.

Der Lockenkopf steigt die wackelige Treppe hinauf und erklärt dabei mit wichtigtuerischem Unterton: „Die Zimmer der anderen sind grundsätzlich tabu, wenn man nicht eingeladen wurde.“ Mir entfährt ein geknurrtes „Wer sagt das?“, doch die Locke nimmt die Frage ernst. „Das haben alle gemeinsam in der Vollversammlung beschlossen.“

Während ich ihr die Treppe hinauf folge, merke ich, dass ich nun wirklich gerne duschen würde. Ich war knapp zwanzig Stunden unterwegs und kann mich nun schon selbst riechen.

Der Flur oben wirkt nicht anders als der unten, nur sind die Wände gelb. Auf die Dielen hat jemand vor nicht allzu langer Zeit einen leuchtend roten Stern gemalt. Auch die Türen sind so angeordnet wie unten. Locke deutet nach links. „Hier ist dein Zimmer. Nebenan wohne ich.“ Die Tür links ist völlig blank. Nur ein paar alte Tesafilmstreifen sind noch darauf zu finden. Die Tür geradeaus ist von oben bis unten mit Bildern aus Zeitungen beklebt. Darauf stehen politische Sprüche. In der Mitte klebt ein großer Umschlag, der ein Postzeichen und die Aufschrift „Mia“ trägt. Locke heißt also Mia.

Sie steht vor mir und macht eine erwartungsvolle Miene. Jetzt wird sie kommen – die Frage aller Fragen und zugleich der Check, zu welcher Sorte ich gehöre. Erstaunlich genug, dass sie nicht auf dem Hof gefragt haben. Ich senke den Blick, schaue auf meine Schuhspitzen. Ich warte und fühle dabei das Blut durch den Schmerz in meinem Daumen pochen.

Dann endlich atmet sie hörbar ein und fragt: „Bist du nicht neugierig?“ Ich blicke auf und sehe, dass sie auf die blanke Tür deutet. Ich bin überrascht, lasse es mir aber nicht anmerken. Was soll dieses vertrauliche Getue? Ich ziehe die Tür auf und lasse sie so schnell hinter mir zufallen, dass sie mir selbst gegen die Hacken schlägt. Ob Mia nachkommt? Ich bleibe mitten im Zimmer stehen und lausche in den Flur. Ich höre ihre Schritte und dazu das Knarren der Treppe. Die Haustür fällt ins Schloss. Ich bin alleine.

Das Zimmer besitzt eine Dachschräge, in die ein Fenstererker eingebaut ist. Davor steht ein alter Schreibtisch, mit einem Stuhl. Auf der anderen Seite, neben der Tür, stehen ein Kleiderschrank und ein Bett. Die Möbel sind gebraucht, aber in Ordnung. Die Wände sind weiß und wirken wie neu gestrichen. Das Bett ist mit gelber Bettwäsche bezogen. An der linken Wand ist ein zweites, kleineres Fenster mit Blick auf den Hof.

Dort unten kann ich immer noch drei der Mädels herumstehen sehen. Eine Kräftige mit kurzen, schwarzen Haaren spuckt gerade auf den Boden. Aus den Augenwinkeln habe ich sie schon gesehen, als ich aus dem Auto stieg. Sie sah ganz schön angepisst aus. Neben ihr steht noch eine. Sie hat die Arme verschränkt und blickt in eine andere Richtung. Ihre langen braunen Haare wirken ungewaschen. Den zweien gegenüber und mit dem Rücken zu mir steht eine mit einer grünen Sportjacke und knallroter Hose. Es sieht so aus, als würden die drei sich streiten. Ob das eine Prügelei gibt? Doch dann dreht sich die mit den bunten Klamotten um und geht mit schnellen Schritten weg. Die mit den schwarzen Haaren blickt hoch und sieht hierher. Schnell trete ich zwei Schritte zurück ins Dämmerlicht des Zimmers. Komische Type.

Ich gehe zum Schreibtisch und setze mich. Von hier aus kann ich über den See blicken. Die Oberfläche des Wassers kräuselt sich im Wind, als würde der See mir zuwinken. Um ihn herum zieht sich eine dicke weiße Schneedecke.

Der Schreibtisch hat eine Schublade mit Schloss, in dem ein Schlüssel steckt. Ich ziehe den Schlüssel ab und betrachte ihn. Der erste Schlüssel, den ich hier sehe und dann noch in meiner Hand. Ungewohnt ist das. In meinem Kopf klingt noch das Rasseln der Schlüsselbunde wie ein Echo aus Deutschland. Nachdenklich stecke ich den Schlüssel wieder ins Schloss und schließe auf.

In der Schublade finde ich ein Buch, blau eingebunden, daneben ein paar Werbekulis. Ich schlage das Buch auf: leere linierte Seiten. Ich blättere sie durch wie ein Daumenkino, nur dass der Film fehlt.

Seit ich meine Strafe absitze, habe ich mit dem Schrei­ben begonnen. Ich wusste einfach nichts mit der vielen Zeit anzufangen und Langeweile war ein völlig neues Gefühl für mich. Meine Gedanken haben sich in der ersten Zeit immer nur im Kreis gedreht. Alles war neu und völlig anders als in meinem bisherigen Leben. Ich begann damit, alles aufzuschreiben, was passierte, jedes Detail, jede Belanglosigkeit. Mit der Zeit habe ich auch Geschichten und Gedichte geschrieben.

Die Psychologin wollte alles lesen und es machte mir Spaß, ihr irgendeinen kranken Scheiß vorzulegen, in den sie jede Menge Mist hineininterpretierte. Die Texte, die mir wichtig waren, versteckte ich. Ob Su wohl in dem Buch lesen wird? Oder jemand anderes? Wahrscheinlich steht in meiner psychologischen Akte, dass ich schreibe.

Ich lasse den Blick über den Hof schweifen. Was soll ich tun? Texte für diese Su schreiben? Oder darauf vertrauen, dass sie die Schublade nicht öffnen wird, keinen Zweitschlüssel besitzt?

Bevor ich mich entschließen kann, habe ich schon mit dem Schreiben begonnen. Die Worte und Satzfetzen kommen mir in den Sinn, ohne dass ich über sie nachdenken muss. Ich schreibe, streiche durch und schiebe Wörter hin und her. Schließlich steht da:

Hier sitz ich nun, ich armer Tor,

und bin so klug als wie zuvor.

Die Frage wird kommen, ich warte auf sie

und wünsche mir doch, sie käme nie.

Ich sehe mich um und entdecke es nicht:

Die Mauern, die Wachen, das blendende Licht.

Ein Schlüssel, nur einer, in meiner Hand

Ich ritze die Tage mit ihm in die Wand.

Ein Zimmer für mich mit Blick auf den See

Der Nagel am Daumen tut tröstend mir weh.

Was bleiben, sind Einsamkeit, Trauer und Schmerz

Drei Tage nach vorne und zehne rückwärts.

Schmerz-rückwärts, Schmerz-rückwärts, Schmerz-rückwärts. Kein guter Reim. Aber vielleicht gerade deshalb der richtige Schluss für dieses Gedicht.

Ein sachtes Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken. Hastig packe ich das Buch in die Schublade, verschließe sie und stecke den Schlüssel in meine rechte Socke. Die Kälte am Knöchel ist mir vertraut. Wieder klopft es, dieses Mal lauter. Es irritiert mich, dass die, die vor der Tür steht, nicht einfach hineinkommt. Ich sage vorsichtig „Ja?“ und da öffnet sich die Tür einen Spalt breit und Sus Stimme fragt, ob sie hereinkommen darf. Ich murre ein weiteres „Ja“ und schon steht sie im Zimmer.

„Wie gefällt es dir?“, fragt sie. Und weil sie keine Antwort bekommt, redet sie weiter. „Das Zimmer, meine ich. Wenn du magst, kannst du es streichen oder Poster aufhängen.“ Wieder bleibe ich stumm. Sie setzt noch einmal an: „Wenn irgendetwas ist, du etwas brauchst, es dir nicht gut geht … du kannst immer zu mir kommen.“

Ich drehe mich weg und schaue aus dem Fenster. Ich habe es so satt. Sowohl den strengen Tonfall der Wachen als auch diese verlogene Nettigkeit der Sozialpädagogen. Ich habe zu oft gehört, dass ich immer kommen kann, dass sie immer da seien. Doch in Wirklichkeit haben sie dauernd irgendwelchen Papierkram erledigt. Es waren so viele Frauen, die sie betreuen mussten, und so konnte man über eine Audienz von fünf Minuten schon froh sein. Wenn man sich gerade an eine gewöhnt hatte, wurde sie schwanger, ließ sich versetzen oder wurde dauerhaft krankgeschrieben. Im Ernstfall waren sie nicht da.

Su unterbricht meine Gedanken: „Soll ich dich herumführen und dir ein paar wichtige Dinge erklären?“

Ich fauche sie an: „Nein.“

Su nickt, als hätte sie meinen Tonfall nicht bemerkt. „Okay. Du kommst bestimmt auch so klar. Und Mia wird dir sicher auch helfen.“ Sie steht schon im Flur, als sie hinzufügt: „Wenn’s gongt, gibt’s Essen. Bad und Klo sind im Haupthaus.“ Dann zieht sie geräuschlos die Tür hinter sich zu.

Ich bin unentschlossen. Soll ich rausgehen und mich umsehen? Ich habe nicht die geringste Lust, andere Menschen zu treffen. Und mich nervt etwas an dem, was dieser Hof ausstrahlt. Vielleicht ist es das Gefühl, dass ich belogen werde. Nach außen wirkt es wie der Schauplatz für einen Film im Kinderkanal, aber das ist nur Fassade. Es ist ein Gefängnis. Keines der Mädchen ist freiwillig hier und das ändert sich auch nicht, wenn sie lächeln und eigene Zimmer mit einem Schreibtisch haben, den man abschließen kann.

Ich will mich gerade aufs Bett fallen lassen, da bemerke ich, wie dreckig ich bin. Das frische Bettzeug flößt mir auf so ärgerliche Weise Respekt ein, dass ich mich absichtlich einmal darauf werfe und mich von der einen auf die andere Seite rolle. Doch dann stehe ich auf und schleiche mich aus dem Zimmer.

Auf dem Flur ist es ruhig. Ich nehme mir die Zeit, um die Sprüche an Mias Zimmertür zu lesen. „Demokratie wagen“ lese ich da und „Ich esse keine Tiere“. Sogar „Atomkraft? – nein danke“. Verrückt, worüber sich manche Menschen den Kopf zerbrechen.

Ich steige die knarzenden Stufen hinab. Die Haustür klemmt erst einmal, dann stehe ich auf dem Hof. Hier ist der Schnee zu einer festen Schicht aus Eis geworden. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und lässt die Welt glitzern. Da fällt mir auf, dass es erstaunlich warm ist. Auf dem Hof ist keine Menschenseele und so beschließe ich, mich erst einmal in Ruhe umzusehen.

Die drei Gebäude sehen sich alle ziemlich ähnlich. Nur der Blick durch die Fenster ist verschieden. Das mittlere Haus hat Gardinen und Pflanzen stehen im ersten Stock an den Fenstern. Da wird wohl Su wohnen. Darunter sieht man in eine Küche, wie es scheint. Bewegt sich dort jemand? Es ist nicht zu erkennen. Auf jeden Fall ist das wohl das Haupthaus. Das fensterlose Gebäude schräg dahinter ist wahrscheinlich die Scheune, von der Su sprach.

Ich gehe zum Haupthaus und öffne die Tür. Der Flur hier sieht völlig anders aus als in dem anderen Haus. Er ist eher minimalistisch eingerichtet und sehr ordentlich. Eine Treppe führt nach oben, eine Garderobe steht verlassen da, wie bestellt und nicht abgeholt, ein kleiner Spiegel und ein altes Foto sind die einzigen Schmuckstücke.

Das Foto zeigt die Häusergruppe von der anderen Seite der Bucht, so wie ich sie heute Morgen auch zum ersten Mal gesehen habe. Auf den Bildern wirkt es jedoch nicht so, als wären die Häuser bewohnt. Die Fensterscheiben sind eingeschlagen, die Farbe abgeblättert und hohes Gras wächst bis vor die Türen.

Während ich den Flur geradeaus weitergehe, bemerke ich, dass ich fast schleiche. Das alte, saubere Haus beeindruckt mich, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen könnte. Ich habe fast das Gefühl, ich könnte es einfach durch meine Anwesenheit aus dem Dornröschenschlaf aufwecken, in dem es seit der Zeit auf dem Foto liegt. Ich komme an eine Tür, hinter der ich ganz leise Geräusche wahrnehme. Es ist das Klappern von Töpfen und das Schlagen von Schranktüren. Dann höre ich jemanden summen und das Zischen von heißem Fett und Wasser.

Ich schleiche weiter und tauche ein in den dunkleren Teil des Hauses. Hier sind zwei Türen. Rechts hängt ein Schild „Frei“ zum Umdrehen. Das muss wohl Toilette oder Bad sein. Ich lausche wieder, doch weder hinter dieser noch hinter der anderen Tür ist auch nur ein Laut zu hören. Ich öffne und stehe tatsächlich im Bad. Es gibt eine Dusche, eine Badewanne, Waschbecken, Toilette, ein hohes Regal und daneben merkwürdig deplatziert eine alte Holzleiter. Hier wirkt alles ein bisschen ranzig und ich wage nicht so recht einzutreten. Die Fliesen sind in einem eigenartigen Beigeton gehalten, der so wirkt, als wäre er einmal weiß gewesen.

Gerade entdecke ich am Schrank einen gelben Klebezettel mit meinem Namen, als hinter mir eine Stimme ertönt: „Willst du duschen?“ Ich schrecke zusammen und ärgere mich direkt darüber. Ohne mich umzudrehen, knurre ich: „Was dagegen?“ Über die Antwort bin ich dann aber mehr als überrascht. „Natürlich nicht, hast es schon nötig. Ich mache dir Wasser warm. Ist ja heute dein erster Tag. Wenn du willst, kannst du so lange frühstücken.“ Nun muss ich mich aber doch umdrehen.

Es ist eines der Mädels, das ich vom Fenster aus beobachtet hatte, und zwar die mit roter Hose und grüner Trainingsjacke. Darunter trägt sie ein gelbes Shirt. Die Kombi sieht ein bisschen aus wie Pumuckl. Allerdings hat sie kurze braune Haare, die nicht vom Kopf abstehen. An den Füßen trägt sie karierte Sneakers. Die Sachen sind alle nicht besonders sauber. Auf den Knien sind große braune Flecken, die nach Erde aussehen. Was der in dem Aufzug wohl einfällt, mich hier anzumachen.

Ich knurre sie an: „Nun, und du könntest eine Waschmaschine gebrauchen.“ Sie lacht. Sie lacht mich einfach aus. Ich spüre, wie ich wütend werde, und wieder drücke ich mir den Nagel ins Fleisch. Ich hätte Lust, ihr ins Gesicht zu spucken, aber ich habe gelernt, dass man vorsichtig sein muss.

Als sie meine Miene sieht, verkneift sie sich das Lachen. Und dann erklärt sie mir allen Ernstes, ich hätte völlig recht! Was jetzt wohl für ein Scheiß kommt?

„Ich glaube, ich erzähle dir mal ein paar Dinge, die du wissen solltest, die dir aber nicht gefallen werden. Eine Waschmaschine würde nicht viel nützen, denn wir haben fast keinen Strom hier.“

Mir entfährt ein „Verarsch mich nicht!“

Da sieht sie mich ernst an. „Ich verarsche dich nicht. Wir haben hier wirklich kaum Strom.“

Ich starre auf die roten Tupfer frischen Bluts an meinem Daumen, versuche, nicht zuzuhören, und schaffe es doch nicht.

„In der Scheune steht ein alter Generator. Der treibt die Wasserpumpe an, die Wasser aus dem See in Küche und Bad befördert, aber sonst sieht es hier mit Strom echt scheiße aus. Kein Fernseher, kein Laptop und auch keine Waschmaschine. Wir waschen mit der Hand.“

In mir taucht die Erinnerung an einen Stromausfall auf, das dämmrige Licht eines Handys, das ungeduldig im Raum hin und her wanderte.

„Wasser machen wir auf dem Ofen oder im Sommer auf dem Dach mit Sonnenwärme warm. Jedes Haus hat einen Ofen, der mehr oder weniger rund um die Uhr mit Holz befeuert wird. Willkommen in der Steinzeit.“

Ich bin wirklich verblüfft und kann das auch nicht verbergen. Ein leises „Scheiße“ entfährt mir. Sie plappert munter weiter. „Ja, dachte ich auch, als ich hier ankam, aber mittlerweile mag ich es tatsächlich. Man ist hier immer mit sinnvollen Dingen beschäftigt und abends sitzen wir bei Kerzenschein zusammen und genießen, was wir selber geschaffen haben.“ Einen Moment hält sie inne und betrachtet mich. Ihr Blick ist dabei jedoch gar nicht unangenehm musternd, sondern voller Freundlichkeit. „Ich bin übrigens Tatze. Und nun bereite ich Ihnen mal das Bad, Madame.“ Sie grinst, dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet in der Küche. Da stehe ich nun, meine Hände immer noch zu Fäusten geballt, und bin verblüfft. Was für eine Verrückte. Wo bin ich hier nur gelandet?

Ich inspiziere mein Fach im Regal und finde Handtücher, eine Zahnbürste und andere nützliche Dinge, dann gehe ich zurück in den Flur. Ich würde gerne wieder lauschen, will aber nicht, dass diese Tatze mich dabei sieht. Also atme ich nur kurz durch und öffne die letzte Tür. Das Zimmer dahinter ist so hell, dass ich im ersten Moment gar nichts erkennen kann. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Licht. Ich bin in einem großen Raum, in dessen Mitte ein langer Holztisch steht, drum herum in Reih und Glied Stühle mit hohen Lehnen. Ein Fenster geht über die ganze Raumlänge und dahinter befindet sich eine Art Wintergarten. Dort stehen Korbsessel und ein Schaukelstuhl. Überall im Raum verteilt finden sich Pflanzen. Hinter dem Wintergarten sind es nur wenige Meter zu einem Steg, der auf den riesigen See hinausragt.

Auf dem Tisch steht ein Teller, daneben ein Messer, ein Korb mit Brötchen, Marmelade, Honig und Schokocreme. Ich setze mich und bemerke, dass ich eigentlich einen Sauhunger habe. Ich schmiere mir ein Brötchen und bin überrascht, wie lecker es schmeckt. Es scheint so, als wäre es selbst gebacken. Auch Marmelade und Honig kommen aus keinem Supermarkt. Die Schokocreme natürlich schon. Langsam komme ich zur Ruhe und starre, während ich mein Brötchen mampfe, gedankenlos über den See. Wie weit er ist. Die Wellen sind kräftiger geworden. Weit hinten fliegen ein paar Vögel, doch sonst ist keine Bewegung auszumachen. Stille.

Ich bin gerade damit beschäftigt, das finnische Nutella­etikett zu inspizieren, als Tatze den Kopf zur Tür reinsteckt. „Die Dusche ruft! Du musst die Eimer einfach mit der Leiter in den Behälter über dem Schrank ausleeren und dann das Ganze bis zum Strich mit kaltem Wasser aus dem Hahn darüber auffüllen. Einmal rühren – fertig! Den Frühstückstisch kannst du ja nachher abräumen.“ Sie verschwindet wieder. Sie ist wirklich schwer einzuschätzen. Ob man ihr trauen kann?

Im Bad stehen drei Eimer voll mit dampfendem Wasser. Was hat Tatze gesagt? Ich sehe mich um und bemerke unter der Decke, neben der Leiter, eine Art Kasten. Ich klettere die Leiter hinauf und schaue hinein. Tatsächlich ist dort eine Markierung und ein Wasserhahn, mit dem ich wohl gleich auffüllen soll. Also wieder runter und nun mit dem ersten Eimer zurück.

Er ist ziemlich voll und es ist nicht leicht, ihn ruhig zu halten und zugleich die Leiter hinaufzuklettern. Die Sprossen knarren unter dem Gewicht. Etwas Wasser schwappt über und mir aufs Bein. Es ist scheiße heiß, aber nun stehe ich dort oben und gieße, mühsam das Gleichgewicht haltend, den ersten Eimer aus. Den zweiten Eimer bugsiere ich ohne Zwischenfall nach oben. Als ich mit dem dritten Eimer oben ankomme, steht mir schon der Schweiß auf der Stirn. Doch es geht alles gut und ich drehe den kalten Hahn auf, der inzwischen so beschlagen ist, dass er schon von alleine tropft.

Noch vor der Markierung drehe ich ab, weil ich zum einen endlich von der Leiter runterwill und zum anderen nichts gegen eine ordentlich warme Dusche einzuwenden habe. Bevor ich mich ausziehe, drehe ich das Türschild auf „besetzt“ und schließe das Bad hinter mir ab.

Als ich unter der Dusche stehe und den Hahn aufdrehe, ist das Wasser kalt. Ich fluche, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als eben schnell zu machen und mir vorzunehmen, beim nächsten Mal noch weniger kaltes Wasser hineinlaufen zu lassen. Nach kurzer Zeit jedoch wird das Wasser wärmer, schließlich richtig heiß und mir geht auf, dass ich vergessen habe zu rühren. Gerade als ich dabei bin, mir den letzten Rest Shampoo aus dem Haar zu waschen, ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Das Wasser ist alle. Das ist eine absolut verfickte Dusche. Keine Frage.

Jetzt nichts wie ab ins Bett und wegträumen von diesem absurden Ort.

Su

Ich habe Mia gebeten, ein Auge auf Leonie zu haben. Eigentlich bräuchte ich das gar nicht, denn Mia kümmert sich immer um die Neuen. Auch auf ihrem Gesicht habe ich den Schock gesehen, als Leonie aus dem Auto stieg, aber sie hatte sich schneller wieder im Griff als ich am Flughafen. Leonie muss denken, sie sei von Verrückten umgeben. Na ja, am Anfang ist hier alles so neu, da fällt das vermutlich gar nicht auf.

Als ich dann bei ihr im Zimmer stand und sie mit dem Rücken zu mir am Fenster, da hätte ich schwören können, dass sie Kristina ist. Nur die Stimme ist anders. Und ihre Art, sich zu bewegen. Aber die Statur, die Haare, selbst die Gesichtszüge – eine verblüffende Ähnlichkeit.

Die meisten Frauen sind nicht sehr gesprächig, wenn sie ankommen, besonders nicht mir gegenüber. Das kann ich ihnen auch nicht verübeln und ich habe mich schon so daran gewöhnt, dass ich ganz verblüfft war, als damals Lucie ankam und quasselte wie ein Wasserfall. Ich bin ja selbst oft nicht so gesprächig.

Ich habe Leonie dann auch wieder in Ruhe gelassen und bin mit dem Boot noch eben zu Bettina rüber. Das dauert nur zwanzig Minuten – ein finnischer Katzensprung. Vermutlich würde Leonie eh erst mal ausschlafen und ich hatte das dringende Bedürfnis, in den Arm genommen zu werden.

Bettina liebt es, wenn ich bei ihr aufkreuze, egal, ob angemeldet oder spontan. Wegen ihr könnte ich wohl den ganzen Tag dort verbringen. Ich mag ihr Haus. Es ist klein und gemütlich eingerichtet. Mit lauter Chichi und Buddhas und bestimmt sind die Möbel nach Feng-Shui-Regeln aufgestellt. Sogar in ihrer Sauna hat sie Statuen verteilt. Um das Haus herum liegen die Felsen so, als hätten Riesen ein Muster gelegt, und zwischen ihnen führt ein Bach zum See. Es ist unfassbar, dass Bettina erst im letzten Sommer dort eingezogen ist. Das Grundstück war verwildert und die Hütte kaum mehr als ein ausgebauter Bootsschuppen.

Manchmal, wenn Bettina und ich uns besonders nah sind, kommt mir der Gedanke, dass sie mich gleich fragen wird, ob ich bei ihr einziehe. Und obwohl ich das Haus wirklich mag und Bettina natürlich auch, merke ich, wie ich am liebsten sofort davonlaufen würde. Eigentlich mache ich das dann auch. Einen guten Grund gibt es immer – mein Projekt –, doch ich fürchte, dass Bettina mich längst durchschaut hat. Das ist schließlich ihr Beruf.

Auch heute möchte ich nicht seelisch durchleuchtet werden. Ich kann ihr nicht erklären, warum mich Leonies Auftauchen so geschockt hat. Ich kann ihr nicht erzählen, wer Kristina ist, denn dann müsste ich von Tinka sprechen. Das geht nicht.

Also kuschele ich mich in ihren Arm und murmele was von todmüde und kaum geschlafen. Ihre Hand streichelt meinen Rücken, meinen Nacken, durch mein Haar. Zum Glück fragt sie nicht weiter. Ich schließe die Augen und genieße ihre Gegenwart. Sie beugt sich zu mir und wir küssen uns – Göttin, wie diese Frau küssen kann! Kein Wunder, dass ich in ihren Armen schmelze wie Schokolade in der Sonne.

Leonie

Viele Stunden später werde ich in meinem warmen Bett wach. Im Zimmer ist es dunkel. Nicht die Art von Dunkelheit, wie sie in der Stadt vorkommt, wo immer irgendwo ein Licht brennt, sondern tiefe Finsternis. Ich sehe nichts. Die Luft ist kühl und so verkrieche ich mich noch tiefer in die Decke, als ich draußen eine Glocke höre – mit Sicherheit die Essensglocke zum Abendessen. Ich liege ganz still da und lausche, bis sie verstummt.

Einen Augenblick später höre ich Schritte, die kurz vor meiner Tür Halt machen, danach das Knarzen der Treppe. Das wird Mia gewesen sein. Ich liege weiter da und warte. Ich habe Hunger. Es dauert eine Weile, bis mir aufgeht, dass ich einfach aufstehen und essen gehen sollte. Ich werde wohl kaum geholt werden. Also stolpere ich in die Dunkelheit und finde tastend zur Tür. Wo ist der Lichtschalter? Meine Hände gleiten die Wand entlang, doch nichts. Ich öffne meine Tür und suche auf der anderen Seite der Wand ... da erinnere ich mich an das, was Tatze gesagt hat: kein Strom. Ich bin in einem Albtraum gefangen.

Wie kann man nur so leben? Wie blöde taste ich im Dunkeln herum, bis ich Schuhe und Jacke gefunden habe. Gut, dass ich in meinen Klamotten gepennt habe. Wieder habe ich das Gefühl, schleichen zu müssen, als ich auf den Flur trete. Dieses Gefühl kotzt mich langsam an. Was soll denn das? Als ob ich jemanden verletzen würde, wenn ich laut auftrete! Als ob es mich stören würde, wenn dem so wäre! Scheißstille, Scheißdunkelheit, Scheißdusche, denke ich und schlage die Tür extra laut ins Schloss.

Als ich mich energisch umdrehe, stolpere ich fast über etwas. Ich hocke mich hin und meine Hände ertasten einen Gegenstand aus Metall und Glas, oben ein Henkel, darunter scharfrandige Löcher im Metall und dann die Glasglocke auf einem Metallsockel. Eine Öllampe. Ob sich hier auch etwas zum Anzünden findet? Meine Hände wandern über den Boden und tatsächlich: Ein Stückchen weiter liegt ein Feuerzeug. Ich zünde es an und bin überrascht, wie stark mich die kleine Flamme inmitten dieser Dunkelheit blendet. Etwas länger fummele ich an der Lampe herum und verbrenne mir den Daumen, bis sie endlich leuchtet. Die Schatten der Flamme tanzen über die Wände, während ich die Treppe hinuntergehe. Draußen stehe ich unter einem gigantischen Sternenhimmel. Mir bleibt der Mund offen stehen – nie gesehen, diese Weite. Wieso gibt es in Finnland so viel mehr Sterne als in Deutschland? Ich fühle mich mit einem Mal ganz klein und unbedeutend. Es ist kalt geworden und schnell gehe ich hinüber zum Haupthaus.

Auf einer der unteren Treppenstufen steht eine brennende Öllampe. Ihr Licht beleuchtet nur spärlich die nun überfüllte Garderobe. Die Jacken sind mir so fremd. Auf dem Boden stehen an der Wand aufgereiht weitere Öllampen. Ich lösche meine umständlich und stelle sie dazu.

Als ich ins Esszimmer komme, schlagen mir Wärme und Lärm entgegen, dass ich fast rückwärts wieder hinausgehe, aber es ist zu spät. Alle Gesichter haben sich zu mir umgedreht. Plötzlich höre ich hinter mir Mias Stimme: „Ausgeschlafen?“ Ich schrecke zusammen. Sie quetscht sich an mir vorbei, stellt einen Brotkorb auf den Tisch und setzt sich. Da wenden sich alle dem Brot zu und ich bin wieder unwichtig. Mein Blick schweift den Tisch entlang. Ich entdecke Su an der einen Seite des Kopfes. Neben ihr ist noch der Platz frei, an dem ich heute Morgen gefrühstückt habe. Auf der anderen Seite meines Platzes sitzt Mia. Ich setze mich hin. Alle unterhalten sich und essen dabei Brot und Rührei. Auf dem Tisch stehen große Ansammlungen von Kerzen. Am anderen Ende lacht eine mit wirren blonden Haaren schrill auf, ein paar andere lachen mit.

Ich senke den Kopf. Vor mir steht ein kleiner Frühstücks­teller und darauf der Rest von meinem Nutellabrötchen, das ich nicht aufgegessen hatte. Irritiert schaue ich mich um. „Hättest du dein Geschirr rechtzeitig weggeräumt, hätte Lea für dich mitgedeckt.“ Mias Blick erinnert mich an eine Kindergärtnerin, konsequent, aber freundlich, als sie fortfährt: „Vergiss nie, dass wir alle anpacken müssen, damit wir haben, was wir brauchen. Jetzt hol dir sauberes Geschirr aus der Küche.“ Mit einem tauben Gefühl stehe ich auf, nehme meine Sachen und gehe hinaus. Das Gesumme verstummt mit der zufallenden Tür.

Im ersten Moment war ich verdutzt, aber nun kommt Wut in mir auf. Für wen hält sich diese Mia eigentlich? Die tut ja glatt so, als wäre sie der Chef in diesem Laden. Tu dies, tu das, sei brav, denn wir wollen uns doch alle lieb haben! Von wegen. Es reicht mir jetzt schon! Meine linke Hand ballt sich um das Messer, in der rechten halte ich den Teller. Genug! Es kracht. Der Teller zerbricht auf dem Boden, das Messer fliegt gegen die Wand. Die Scherben knirschen unter meinen Füßen, als ich zur Tür haste.

Meine Kondition ist beschissen, aber es muss reichen. Ich renne los, quer über den Hof, unter diesem wahnsinnigen Himmel. Mond und Sterne sind so hell, dass ich leicht den Weg finde, der vom Grundstück wegführt. Ich renne, als wäre der Teufel hinter mir her. Die Luft ist kalt und ich habe nur eine dünne Kapuzenjacke an. Fast stolpere ich auf dem steinigen Weg, kann mich aber wieder fangen.

Ich blicke zurück, kann aber auf dem dunklen Hof niemanden ausmachen. Dennoch müssen sie kommen. Der Teller war nicht zu überhören. Damit sie mich nicht entdecken, muss ich in den Wald. Der Schnee neben dem Weg ist von einer dünnen Eisschicht überzogen, die sofort bricht, als ich den Fuß darauf setze. Bis übers Knie sinke ich ein. Nach ein paar mühsamen Schritten gelange ich unter die Bäume, wo nur kleine Haufen von Schnee liegen. Hier ist es so dunkel, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet. Ich bleibe an Dornen hängen, reiße mich los und stolpere fast über eine Wurzel.

So komme ich nicht weiter. Also taste ich die Stämme ab und suche nach einem Baum, der halbwegs stabil ist und auf den ich hinaufkomme. Die meisten haben unten keine Äste, doch dann finde ich einen, bei dem ich wenigstens über den Köpfen der Suchmannschaft sitze. Beim Klettern reiße ich mir die Hose auf, aber das ist nun auch egal.

Mein Atem geht schnell und ich höre meinen Puls in den Ohren. Meine Hose und die dünnen Schuhe sind nass. Vor Kälte schüttelt es mich. Es dauert eine Weile, bis ich mich beruhigt habe. Ich lausche in die Dunkelheit und warte auf Motorengeräusch, doch es ist still. Ich klettere noch ein Stück höher. Kleine Schneelawinen gehen rings um mich nieder. Dann blitzen die Sterne durch die kahlen Äste. Ich sehe hinauf. Vielleicht vergisst mich die Welt einfach, wenn ich hierbleibe? Unentdeckt und bedeutungslos klein?

Su

Manchmal denke ich, hierherzukommen ist wie eine Geburt – eine Wiedergeburt. Es tut weh. Man verlässt einen vertrauten Raum. Dass dieser einengend war, spielt erst einmal keine Rolle. Die Möglichkeit, sich wieder zu bewegen, sich zu spüren, Entscheidungen treffen zu können, tut weh. Und die Frauen sind alleine. Sie gehen diesen verfluchten Scheißweg ganz alleine. Manche ziehen sich zurück und kommen tage- oder wochenlang kaum aus ihrem Zimmer, andere schlagen und treten um sich. Leonies kleiner Ausbruch, das zerschlagene Geschirr und die Flucht in den Wald kamen also nicht überraschend. Die anderen bleiben da meist auch ganz cool. Sie erinnern sich noch zu gut, wie sie selbst hier angekommen sind.

Nur Mia ist sofort aufgesprungen und rennt Leonie hinterher. An der Haustür hole ich Mia ein und halte sie fest am Arm. Weiter hinten sehen wir eine schwarze Gestalt in der Dunkelheit verschwinden. „Wir müssen abwarten“, erkläre ich Mia, „sonst treiben wir Leonie nur tiefer in den Wald“. Schnell kehrt die Vernunft in Mia zurück. Auf sie ist immer Verlass. Wir beschließen, uns auf den Hof zu stellen und dort auf Leonie zu warten.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Neue Hals über Kopf flieht, aber das macht es nicht besser. Zum Glück ist bis jetzt immer alles gut gegangen. Wenn da mal etwas Schlimmes passieren sollte, werde ich den Job sofort an den Nagel hängen.

Ich versuche, Mia gegenüber cool zu bleiben. Keine Ahnung, ob sie mich durchschaut. Die Sekunden reihen sich zu Minuten. Wir zittern beide, nicht cool, sondern eiskalt.