Buch
England, 1947: Eigentlich wollte die junge Kit Smallwood Hebamme werden, doch nachdem in ihrer Ausbildung ein Kind bei der Geburt verstarb, gab sie ihren Traum auf und verbrachte die Jahre des Zweiten Weltkriegs als Krankenschwester. Nun zieht sie mit ihrer Mutter auf die Farm ihrer Freundin Daisy, um ihr beim Aufbau der Geburtenklinik Moonstone in Indien zu helfen. So kann Kit wenigstens aus der Ferne ihre eigentliche Leidenschaft ausleben. Kit freut sich auf die Arbeit mit Daisy, umso mehr als der junge, gut aussehende indische Arzt Anto Thekkeden auftaucht, der den Frauen bei der Übersetzung der medizinischen Fachbücher helfen soll. Bald stellt Kit fest, dass ihr die Schreibtischarbeit nicht reicht – sie möchte Frauen bei der Geburt zur Seite stehen. Als Anto und Kit sich näherkommen, muss Kit eine Entscheidung treffen, die mit ihrem bisherigen Leben und allen Konventionen bricht …
Die Autorin
Julia Gregson arbeitete als Model, bevor sie sich dem Journalismus zuwandte. Nach Auslandseinsätzen in Vietnam und Indien begann sie in New York für den Rolling Stone zu schreiben, und hat Muhammad Ali, Buzz Aldrin, Ronnie Biggs und die Größen Hollywoods interviewt. Inzwischen ist sie verheiratet, hat eine Tochter, vier Stiefkinder und lebt in Wales mit drei Ponys und zwei Hunden.
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Julia Gregson
Die englische
Hebamme
Roman
Aus dem Englischen von Elfriede Peschel

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel
»Monsoon Summer« bei Orion, London.
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1. Auflage
Copyright © 2016 by Julia Gregson
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018
by Blanvalet Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Angela Küpper
JB · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-20506-5
V001
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Für Sarah, Charlotte, Hugo, Natasha und Poppy
Teil I
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WICKAM FARM,
OXFORDSHIRE
Kapitel 1
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In meiner von Einsamkeit geprägten Kindheit gab meine Mutter ihr Bestes, um mir die Welt schöner und sanfter erscheinen zu lassen. So erklärte sie mir einmal während eines fürchterlichen Unwetters, ich brauchte keine Angst zu haben, denn das sei nur Gott, der im Himmel die Möbel verschiebe – ein Gedanke, der mich die ganze Nacht hellwach hielt.
Ein andermal, in Norwich, wo sie sich um einen älteren Witwer kümmerte, entdeckte ich auf unserem Heimweg vom Kino zwei Menschen, die, wie mir heute klar ist, in einer Gasse lebhaften Sex miteinander hatten. Sie spielen Eisenbahn, meinte Mutter. Ich erwiderte darauf, es sehe gar nicht aus wie unser Eisenbahnspiel, das wir manchmal spielten, indem wir unsere Fußsohlen gegeneinanderdrückten und sie tretend hin und her bewegten. Da lachte sie, oder vielleicht gab sie mir auch eine Ohrfeige. Bei ihr konnte man sich nie sicher sein.
Aber als wir an diesem feuchten Novemberabend in den Norden von Oxfordshire fuhren, hatte sie keine fröhlichen Worte auf Lager. Wir waren unterwegs zur Wickam Farm, wo Daisy Barker wohnte, meine Patentante und Freundin meiner Mutter und, wenn alles schiefging, auch ihre Arbeitgeberin. Daisy hatte uns »aus Gründen, über die wir sprechen werden, wenn ihr hier seid«, zu sich eingeladen, womit ich bestens klarkam, nicht nur, weil das ausgebombte, verbarrikadierte, rationierte London so deprimierend war, sondern weil ich die Farm liebte. Für mich war sie ein Zufluchtsort, für meine Mutter aber war sie aus Gründen, die ich nicht verstand, ein Ort der Schande.
Es regnete in Strömen, so heftig, dass die Scheibenwischer unseres Taxis gar nicht nachkamen; links und rechts ragten Hecken auf, so hoch wie kleine Häuser, und grenzten die Welt auf die feuchte Straße vor uns und einen grauen Himmel über uns ein. Und sie schluckten alle Geräusche, bis auf das Rauschen des Regens und das Krächzen eines nassen Fasans.
Eine Herde Jersey-Rinder, von der Nässe dampfend, blockierte unseren Weg bei den römischen Ruinen an der Straßenkreuzung. Unser Taxifahrer war ein freundlicher alter Herr, der die schweren Koffer meiner Mutter mit Begeisterung in den Wagen gestemmt und dabei ausgesehen hatte, als würde er alles für sie tun (sie hatte diese Wirkung auf Männer). Jetzt plapperte er vor sich hin und versuchte im Rückspiegel Blickkontakt mit ihr aufzunehmen. Neulich, meinte er, habe er alle möglichen Leute zu Miss Barker gebracht: Missionare, Schullehrer, Krankenschwestern, sogar ein paar Farbige. »Unterhält sie dort nicht eine Art indische Wohlfahrtseinrichtung?«, erkundigte er sich.
Ich spürte, wie meine Mutter neben mir erstarrte. »Keine Ahnung«, erwiderte sie im leicht pikierten Akzent der Home Counties. »Ich habe sie eine Ewigkeit nicht gesehen.«
Dabei grub sie ihre Nägel in meine Hand und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen. Seit dem Krieg war die »Impertinenz des gewöhnlichen Mannes« eines ihrer Lieblingsthemen, selbst wenn es um Gespräche ging, die sie begonnen hatte. Aber das zeichnete meine Mutter nun mal aus: Sie sandte ständig die unterschiedlichsten Botschaften aus.
Wir hatten den Eisenzaun erreicht, der die Grenze der Wickam Farm markierte, und als wir um die nächste Kurve bogen und ich die lange Einfahrt, die gekappten Eschen und die dunklen Wälder im Hintergrund sah, schlug mein Herz schneller. Wir waren da: Wickam Farm, der einzig mir bekannte Ort, der für mich so etwas wie ein Zuhause war. Hier lebte Daisy.
Daisy mit ihren großen Zähnen und dem wiehernden Lachen war für mich so etwas wie eine Mutterfigur geworden, obwohl sie selbst keine eigenen Kinder hatte. Sie war es, die mich in meinem Bestreben, Krankenschwester zu werden, ermutigt hatte: »Das ist etwas Solides und Nützliches, auf das du zurückgreifen kannst, wenn der Krieg vorbei ist.« Und Daisy war es, die, als ich am St.-Thomas-Krankenhaus angenommen wurde, mit mir zu Garrould’s ging, um Kleider und Schürzen, das marineblaue Kostüm und den kleinen Hut zu kaufen.
Daisy, die auf liebenswerte Weise wie ein zu groß gewordenes Schulmädchen aussah, hatte vor dem Krieg in Bombay ein Waisenhaus unterhalten. Sie hatte Bücher geschrieben und politische Pamphlete verfasst und war dann während des Krieges nach Hause gekommen, um sich um die Farm zu kümmern, die vom MI6 requiriert worden war. Während dieser Zeit diente die Farm Künstlern, Bohemiens und Gelehrten als Bleibe, in der es hoch herging wie in einem Studentenschlafsaal. Wann immer es mir möglich war, verbrachte ich meine freien Tage hier und lauschte, wenn Daisy mit den klugen Männern rund um den Küchentisch debattierte und ihnen an Intelligenz und Unerschrockenheit in nichts nachstand. Ich konnte es gar nicht erwarten, sie wiederzusehen.
Als wir uns dem Haus näherten, ging das Licht auf der Veranda an. Daisy kam in einem Tweedmantel und mit Galoschen herausgeschossen und rief dem Fahrer »Vorsicht! Vorsicht!« zu, um ihn vor einem neuen, riesigen Schlagloch in der Einfahrt zu warnen. Sie schloss meine Mutter in die Arme – »Glory, wie schön, dich zu sehen« –, und ich freute mich. Ich wünschte mir, dass andere Leute meine Mutter liebten, auch wenn ich selbst das nicht konnte. Dann vergrub ich mein Gesicht zur Begrüßung in dem alten Tweedmantel.
Daisy berichtete uns, die Einfahrt sei inzwischen so gefährlich, dass es sicherer war, die letzten hundert Meter zu Fuß zu gehen. »Bereitet es Ihnen große Umstände, ihre Koffer ins Haus zu tragen?«, fragte sie den Fahrer, der nichts dagegen hatte. »Oh, wären Sie so freundlich?«, sagte sie noch, und er trottete glücklich hinterher. Es gehörte zu den vielen Gaben Daisys, jedem das Gefühl zu geben, dass ihm bei welcher Aktion auch immer eine wichtige Rolle zukam.
Das Farmhaus war ein beeindruckendes dreistöckiges spätviktorianisches Gebäude mit Giebeldach. An diesem Tag hüllte der Regen es in einen gespenstischen Dunstschleier. Seine abblätternden Fenster trugen ein struppiges Kleid aus wildem Wein, durch den vier schwache Laternen drangen.
Ein Pferd kam ans Tor galoppiert, um Daisy zu begrüßen.
»Bert wurde nach dem Krieg aus dem Wehrdienst entlassen.« Sie streichelte ihn zwischen den Ohren. »Sein Besitzer ist gefallen, und so haben wir ihn fast umsonst bekommen – nicht wahr, Bert? –, auf der größten Pferdeauktion der Welt, dem Elephant-and-Castle-Markt. Die Hälfte dieser armen Wesen wird jetzt als Fleisch vermarktet.« Sie reichte mir ein Stück Brot, damit ich es Bert geben konnte. Ich spürte seine samtig weichen Lippen auf meiner Hand und sah seine im Zwielicht leuchtenden dunklen Augen. Ich atmete tief durch.
»Ich bin so froh, wieder hier zu sein, Daisy«, sagte ich emotionaler, als ich das meiner Mutter wegen beabsichtigt hatte, die fröstelnd und angespannt neben mir stand.
»Wir sind im Moment ein wilder Haufen auf dieser Farm«, berichtete Daisy, als wir über den knirschenden Kies liefen. »Wie es aussieht, unterhalte ich hier eine Art Pension von Indienheimkehrern – ich sag doch: aufpassen.« Sie hielt den Strahl ihrer Taschenlampe auf das nächste große Loch. »Ci Ci Mallinson ist mit ihrer Tochter Flora zurück aus Bombay, sie hat das obere Schlafzimmer gemietet, und natürlich Tudor, mein Halbbruder.«
Meine bei mir untergehakte Mutter verstärkte ihren Griff. Sie hatte mir im Zug ganz beiläufig von Tudor erzählt. Er sei vierzig, was in meinen Augen schon alt war, und unverheiratet, und ihm gehöre die Hälfte der gut acht Hektar großen Farm. Tudor, dem ich nie begegnet war, der aber vielleicht, nur vielleicht, möglicherweise … nun, den Rest könne ich mir ja denken, denn, wie meine Mutter als unverbesserliche Kupplerin nicht müde wurde zu betonen, Männer waren nach dem Krieg eine Rarität, und ich näherte mich dem fatalen Abgrund von dreißig, ein Alter, in dem »die Blütezeit einer Frau zur Neige geht. Aber nicht bei dir, Liebling – und wage es nicht, vor mir mit den Augen zu rollen! Ich meine es doch nur gut mit dir.«
»Tudor hat die meiste Zeit im Internat verbracht, während ich in Indien war«, fuhr Daisy fort, »und so lernen wir uns erst jetzt richtig kennen. Wir haben euch zu Ehren mit dem Abendessen gewartet.«
»Tut mir leid, wenn wir euch haben warten lassen«, sagte meine Mutter, bereits wieder in der Defensive.
»Glory.« Daisy legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Ich freue mich doch so, dass ihr hier seid.«
Der düstere Flur sah noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Unter unseren Füßen knarrte das Löwenfell. Von den Wänden starrten uns kalt die Köpfe von Füchsen, Rehen und einem Tiger an. (Daisys Vater, der Staatsdiener in Mysore gewesen war, war ein eifriger Jäger gewesen.) Es roch angenehm vertraut nach Hunden, Speck, Suppe und feuchten Regenmänteln.
»Als Erstes müssen wir den kleinsten Raum aufsuchen«, erklärte meine Mutter Daisy und zerrte mich mit ins untere Badezimmer. »Wir sind gleich wieder da.« Sie verschloss die Tür, zog mir den Hut vom Kopf, holte einen Lippenstift heraus – er hatte keine richtige Verschlusskappe – und versuchte, ein wenig davon auf meine Wangen zu tupfen.
»Was soll das, Mummy? Das kann ich schon selbst, wenn es sein muss.« Ich riss mich los von ihr, wusch mir die Hände und versuchte, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen.
»Vertrau mir, Liebes«, sagte sie. »Es muss sein. Du bist so blass, wir müssen zusehen, dass du ein Stärkungsmittel bekommst.«
»Kein Stärkungsmittel!«, erwiderte ich theatralisch, wohl wissend, dass wir uns jetzt nicht streiten durften. Ihr umwerfendes schwarzes Haar knisterte wie ein Waldbrand, als sie es bürstete, und sie schnaufte heftig. Um sie zu beruhigen, trug ich ein wenig Lippenstift auf.
»So.« Sie strich ihr Kleid glatt und sah mich mit ihren großen braunen Augen an. »Alles erledigt. Warum musst du immer alles so aufbauschen.«
Als wir das Esszimmer betraten, verstummte das Gespräch. Drei Augenpaare schwenkten herum und sahen uns auf wenig freundliche Weise an.
»So … dann werde ich euch mal vorstellen.« Daisys Lächeln blieb unverändert liebenswert. »Bevor wir loslegen.«
»Schließ zuerst die Tür«, sagte eine ungeduldige Männerstimme. »Es zieht hier wie Hechtsuppe.«
»Mein lieber Tudor«, Daisy schloss die Tür mit ihrem Absatz, »das ist Kit! Die wunderbare Krankenschwester, von der ich dir erzählt habe.« Sie drehte am Knopf der Öllampe, damit wir ihn sehen konnten. Ein dünner Mann mit hoher Stirn und rötlichem Haar, das bereits zurückwich. Er trug Jagdkleidung, Knickerbocker und eine grüne Weste. Seine Haut hatte diesen typisch englischen rosa Ton und sah aus, als würde sie sich bei feuchter Witterung schälen. Tudor hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Daisy, aber schließlich war er auch nur ihr Halbbruder.
»Tudor«, verkündete sie, »interessiert sich brennend für Archäologie und kennt sämtliche römischen Sehenswürdigkeiten hier in der Gegend.« Als er lahm seinen Arm in meine Richtung hob, gab meine Mutter mir einen kleinen Schubs in den Rücken. Strahle!, lautete die Botschaft.
»Die Suppe bitte«, sagte er zu der Gestalt zu seiner Rechten. »Bevor sie kalt wird. Und die Butter, wenn Sie fertig sind.«
»Und das ist Ci Ci, die gerade die Butter weiterreicht«, fuhr Daisy fort. »Oder Mrs. Cecilia Mallinson, wenn ihr das lieber ist. Seit Kurzem zurück aus Bombay.«
Eine alte Dame, vermutlich Ende sechzig, gekleidet in einen grellen Kimono, winkte vage in meine Richtung. Zu ihren Füßen saß ein King-Charles-Spaniel. »Ich bin noch nicht ganz fertig damit, Tudor, aber wenn Sie möchten …«
»Kit und Glory«, sprach Daisy weiter, »haben freundlicherweise eingewilligt, mich bei meinem guten Werk zu unterstützen.« Die Augen meiner Mutter huschten in meine Richtung. Daisy, die uns im Lauf der Jahre immer wieder mal aus der Patsche geholfen hatte, war schon immer gut darin gewesen, unsere Anwesenheit zu erklären, ohne unseren Stolz zu verletzen. »Aber Kit hat am St.-Thomas-Krankenhaus gearbeitet«, dabei lächelte sie mich an, »und erst mal eine Pause verdient.«
»Oh, meinen Respekt. Das muss grässlich gewesen sein«, warf Ci Ci ein. »Dann ist die Mutter wohl die Anglo-Inderin?«, schob sie nach. Sicherlich hatte Daisy sie alle vor unserem Kommen informiert, um Stolperfallen im Gespräch zu vermeiden. »Ich finde, sie sieht furchtbar weiß aus.«
Ich spürte, wie meine Mutter zusammenzuckte. Von allen Möglichkeiten, jemanden vorzustellen, war ihr diese am unangenehmsten. »Und das ist Ci Cis Tochter Flora«, ging Daisy glatt über die unpassende Bemerkung hinweg.
Eine plumpe Frau Anfang dreißig bewegte sich wie eine Krabbe auf ihren Platz zu und setzte sich.
»Verzeihung, dass ich mich verspätet habe«, sagte sie.
»Es gibt wieder Erbsen und Schinken«, sagte ihre Mutter. »Hast du dir die Hände gewaschen?« Sie nahm ein Stück Schinkenschwarte von ihrem Teller und schob sie dem Hund ins Maul.
»Flora war während des Krieges als Landmädchen in Wiltshire«, erklärte Daisy. »Fürchterlich harte Arbeit.«
»Hallo, ihr beiden.« Flora, die ein freundliches, nettes, hoffnungsfrohes Gesicht hatte (»unbedarft«, sagte meine Mutter später), streckte ihre Hand über den Tisch aus, sodass jeder ihre schmutzigen Knöchel sehen konnte. Meine Mutter mit ihrer panischen Angst vor Keimen ergriff sie vorsichtig.
»Arbeiten Sie nach wie vor als Krankenschwester?«, wollte Flora wissen, als sie mir die Suppe in der hübschen Royal-Worcester-Terrine mit dem verbeulten silbernen Schöpflöffel mit der Weinlaubverzierung reichte.
»Ja und nein«, sagte ich. »Ich lerne wieder und hoffe …« Ich bekam mit, wie meine Mutter den Kopf schüttelte. Ich hatte ihr im Zug versprechen müssen, den Hebammenkurs nicht allzu früh zu erwähnen. »… nach London zurückzukehren. Und Sie?«
»Nun … ich weiß es noch nicht.« Sie zerpflückte ihr Brötchen. »Nachdem Mummy nun zurück ist, werde ich wahrscheinlich eine Weile bei ihr bleiben, was auch schön ist. Wissen Sie, vor dem Krieg, während Mummy in Indien war, habe ich die Schule besucht, und es gibt viel aufzuholen.« Ihr Lächeln erinnerte an einen Mungo, der vor einer Schlange saß.
»Ihre Schuhe gefallen mir.« Die alte Dame legte ihren Suppenlöffel ab und sah meine Mutter an, die in königlicher Haltung mit leicht schräg gestellten Beinen wie ein Model dasaß und ihre hervorragenden, beinahe affektierten Tischmanieren zur Schau stellte, die sie auch an mich versucht hatte weiterzugeben.
»Danke.« Meine Mutter schielte auf ihre Schlangenlederpumps. »Die sehen lustig aus, nicht wahr? Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher ich sie habe.« Ich hatte diese Schuhe zuletzt am hohen Rist der Ehefrau eines Rechtsanwalts gesehen, bei dem sie in Norwich in Stellung gewesen war.
Als alle mit Essen fertig waren, stellte Daisy das schmutzige Geschirr auf ein Tablett. Meine Mutter und ich erhoben uns automatisch, um ihr zu helfen.
»Bleibt sitzen«, befahl sie. »Hausordnung: keine Arbeit am ersten Abend.«
»Seit dem Krieg ist es unmöglich, Bedienstete zu bekommen«, klagte Ci Ci. »Alle halten sich für zu gut dafür.«
Flora sah ihre Mutter verunsichert an und war schon auf dem Sprung. »Soll ich …«
»Setz dich, Flora«, herrschte die alte Frau sie an, und in ihrer Stimme klang der eindeutige Unterton mit, dass man hier schließlich zahlender Gast sei. »Mein Ehemann Godfrey«, erzählte sie Tudor, nachdem sie sich noch ein Glas Pflaumenwein eingeschenkt hatte, »arbeitete zwanzig Jahre lang in der Juteindustrie und liebte seinen Job. Flora ist ihm leider nur zweimal begegnet. Aber man hört nie auf, Mutter zu sein, wissen Sie.« Sie sagte es ironisch, als fürchte sie, es könnte zu sentimental klingen.
Ich sah, wie Flora die Röte in die Wangen stieg, und dachte: Armes Geschöpf. Kein Vater, kein Ehemann, kein Zuhause, kein Job, nachdem der Krieg nun zu Ende war, nur eine Zukunft mit Zimmern in Pensionen und billigen Hotels zusammen mit diesem seltsamen alten Vogel. Aber schließlich spürten wir alle die Nachwehen und die Anspannung und auch den Hunger, nachdem die Rationierung nun sogar schlimmer war als während des Krieges.
Nach einem weiteren Glas Wein versuchte Ci Ci ihren Hund in den Lichtschein zu heben, und da sah ich, wie merkwürdig ihre Lippen geschminkt waren. Sie hatte sie mit dem Lippenstift über ihre Mundwinkel hinaus angemalt, was im Zwielicht aussah wie eine Wunde.
»Und wo werden all diese Leute schlafen?«, fragte sie den Hund und küsste ihn.
»Im alten Kindermädchenzimmer ganz oben im Haus.« Daisy war mit Kaffee zurückgekommen. »Von dort hat man einen wunderbaren Blick über die Felder und Wälder.« Sie lächelte und zeigte dabei alle ihre Zähne auf einmal.
»Gott segne dich, Daisy.« Meine Mutter klang genauso majestätisch wie die Alte. »Dort oben ist es auch erfreulich ruhig.«
»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, unter dem Dach zu schlafen«, sagte Daisy am nächsten Morgen zu mir, als wir über den Hof liefen. »Ich wusste, du würdest getrennten Schlafzimmern den Vorzug geben. Seit dem Krieg muss ich alle anderen Räume vermieten, und du hast ja die Einfahrt gesehen!« Sie sagte all das ohne Scham, doch mit aristokratischer Würde. Wenn es ums Geld ging, kannte Daisy keine Heimlichtuerei.
»Wie hast du denn Ci Ci kennengelernt?«, erkundigte ich mich und machte einen Bogen um eine riesige Pfütze.
»In Bombay auf einer Party. Sie hatte damals ein prachtvolles Haus, Bedienstete und einen Ehemann. Er starb an einem Herzanfall, während er sich die Schuhe anzog, und dann ging nach der Unabhängigkeit natürlich alles in Windeseile den Bach herunter. Sie kann sich kaum ein Ei kochen, die Arme.«
Vier Gänse watschelten über den Hof. In der Ferne erstreckten sich kilometerweit die Felder im blassen Sonnenlicht. Es ging das Gerücht, dass im Tal unter uns sieben römische Wagenlenker verbrannt wären. Und angeblich spukte ein kopfloser, nach Holzkohle riechender Mann durchs Haus.
»Ich bin glücklich im Dachboden«, erwiderte ich, und dem war auch so. Ich glaubte nicht an Gespenster, und mir gefiel die Schlichtheit des Raums mit seinen weißen Wänden, den Dachschrägen, dem Waschstand und dem kleinen weichen Bett, das einmal Daisys Eltern gehört hatte. Aber am besten gefiel mir die Aussicht auf die weite, offene Landschaft und den silbern glitzernden Fluss, der sie durchschnitt. Nach den vier Jahren, die ich in London in Schwesternschlafsälen verbracht hatte, empfand ich die Stille hier (es war so ruhig, dass man nachts sogar einen Apfel fallen hörte) als segensreichen Luxus. Mein letzter Schlafsaal – mit einem stotternden Gasofen und viel zu kleinen Wäscheständern, auf denen ständig fremde Unterwäsche tropfte – war so klein gewesen, dass man Platzangst bekam. Man konnte nicht mal in Ruhe weinen, so eng standen die Betten.
Und ich weinte, manchmal unkontrollierbar, und ich brauchte Raum, um nachzudenken. Es war nicht so, dass ich, wie ich mir selbst oft verärgert sagte, in einer spannenden Krise steckte. Es war der Krieg, es war das Leben, und keiner konnte etwas dafür, dass mein Jahrgang am St. Thomas direkt aus dem Klassenzimmer in den Bombenhagel katapultiert worden war. Während meines ersten Jahres auf Station, als über London in siebenundfünfzig aufeinanderfolgenden Nächten Schrecken und Wahnsinn des Luftkrieges tobten, war das Krankenhaus, das direkt gegenüber den Houses of Parliament lag, ein leicht zu treffendes Ziel. In einer Nacht sah es so aus, als stünde die ganze Themse – die Hausboote, Lagerhäuser, Parkbänke, Bäume – in Flammen.
Und jetzt war der Krieg vorbei, und ein Abgrund gähnender Leere tat sich vor uns auf. Mir war bewusst, dass ich nicht die einzige Krankenschwester war, in der immer noch eine übergroße Müdigkeit steckte, in meinem Kopf, in meinen Lebensgeistern, in den Muskeln meiner Beine, als wäre ich in wenigen Jahren von zwanzig auf siebzig gealtert; und ich war auch nicht die Einzige, die nachts von der Erinnerung an das nervenaufreibende Geräusch der Notfallsirenen aufschreckte oder immer wieder mit aller Willenskraft gegen die unzähligen grausamen Momentaufnahmen ankämpfen musste, die sich in meinem Gehirn eingenistet hatten: der faulige Fleischgeruch von Verbrennungen, der junge Feuerwehrmann, dem ein Schrapnell die Speiseröhre zerfetzt hatte und aus dem gurgelnd das Blut spritzte, bevor er starb, und natürlich das Mädchen … Aber ich machte auch noch eine andere Erfahrung. Ich hatte im zweiten Anlauf versucht, meine Hebammenausbildung zum Abschluss zu bringen, und dabei versagt, und das fühlte sich schlimm an.
Jeder sagt dir, ob du nun Krankenschwester oder Arzt bist, dass Fehler passieren können, dass wir nur Menschen sind, aber das Mädchen war es, das mich an meine Grenzen brachte, und ich kann nicht darüber schreiben, kann nicht mal daran denken. Ich kann nur sagen, dass es mir schwerfällt, mir zu verzeihen, und dass ich es vielleicht auch nie können werde.
Daisy sah mich strahlend an, als sie die Tür zum Stall aufschloss.
»Ich konnte es kaum erwarten, dir das hier zu zeigen«, sagte sie. Der Geruch von Staub und Heu hüllte uns sofort ein, und ich erinnerte mich, hier bei schlechtem Wetter die Lämmer gefüttert zu haben – das kräftige Saugen ihrer Zungen, ihre nach hinten rollenden Augen, sobald die Milch in ihre Mäuler strömte. »Das ist bisher unsere größte Errungenschaft.«
Es war eiskalt im Stall, fast noch kälter als draußen. Sie schaltete eine nackte, von Spinnweben geschmückte Glühbirne an, und das Erste, was mir ins Auge fiel, war eine riesige Tafel mit den Worten Mother Moonstone Mütterheim Fort Cochin, mit Kreide geschrieben in Daisys schräger Schrift, darunter eine Zahlenreihe. Neben der Tafel standen zwei verschrammte Pulte, auf denen sich Akten stapelten und drei Kisten mit der Aufschrift Sanitätsartikel und Nicht für den Versand geeignet. An eine der Wände war ein riesiges Schaubild geheftet, das ich aus R. W. Johnstones Lehrbuch über die Vorgänge im Inneren einer Schwangeren zum Zeitpunkt der Geburt kannte.
»Mir ist es lieber, wenn das Büro vom Haus getrennt ist, weißt du«, meinte Daisy, als sie meinen zweifelnden Blick bemerkte. Dieses Büro war wie eine kleine Bühne inmitten von Heuballen und Stapeln alter Gatter errichtet. »Es ist wichtig, das Haus auch mal vergessen zu können, jedenfalls für kurze Zeit.«
Daisy, das wusste ich aus Erfahrung, war oft schon um fünf Uhr morgens auf den Beinen, um die Tiere zu füttern oder einen Eintopf zu kochen, weil sie diese Zeit für sich haben wollte. Sie kniete nieder, um den Ofen in der Ecke anzuschüren, und scheuchte eine dösende Hofkatze von ihrem Schreibtisch.
»Das ist dein Platz.« Sie zeigte auf einen Stuhl dem ihren gegenüber und reichte mir eine Decke zum Einwickeln. »Aber Kit«, sie sah mich eindringlich und zugleich freundlich an, »bevor dir von meinen Informationen schwindlig wird, sag mir bitte ehrlich, wie geht es dir?«
Es gab Zeiten, da hatte eine solche Aufforderung zu einigen der besten und offensten Gespräche meines Lebens geführt. Aber nicht jetzt.
»Schon viel besser«, sagte ich. »Es tut gut, hier zu sein.« Die vage Vorstellung, ich könnte mich Daisy anvertrauen, empfand ich bereits als Maßlosigkeit. Dass sie sich dieses Haus mit fremden Leuten teilen musste, die vertrieben worden waren, war kein Zuckerschlecken, und ich fand, dass sie müde aussah und abgenommen hatte seit meinem letzten Besuch vor gut einem Jahr.
»Ich frage mich, ob es nicht ein Fehler war«, kam sie mir entgegen, »dass du dich so kurz nach Kriegsende sofort wieder auf den Hebammenkurs gestürzt hast. Was meint Glory dazu?«
»Sie ist nicht begeistert«, sagte ich. In Wahrheit hatte meine Mutter, nachdem ich es ihr erzählt hatte, eine Woche nicht mit mir gesprochen. Sie war schon beim ersten Mal entsetzt gewesen, gingen doch ihre Pläne für mich in eine andere Richtung. Sie sah mich schon im Gesundheitsbereich oder als Sekretärin, vielleicht als Sprechstundenhilfe eines Arztes, an einem Ort, wo man hübsche Kleider trug, Männer kennenlernte und diskret mit ihnen flirtete.
»Hm, das hatte ich mir schon gedacht.« Daisy sog die Lippen zwischen ihre Zähne.
»Aber mir hat die Ausbildung Freude gemacht.« Ich zögerte, war wütend, dass meine Lippen bebten. »Ich habe meine Prüfungen gut bestanden und wollte sie zu Ende bringen. Das ist es nicht. Ich denke, ich war erschöpft«, ergänzte ich lahm. »Und dieser schreckliche Winter … du weißt schon … ganz normale Dinge.« Ich presste die Augen zusammen, wie um die Erinnerung auszusperren, die mich überallhin begleitete: das Mädchen. Ihr schreiender Mund.
»Nun, wir müssen heute nichts tun, wenn dir nicht danach ist. Und du darfst dich von mir nicht mit Fragen bombardieren lassen.« Dabei sah sie mich so freundlich an, dass ich tief Luft holen musste.
»Ganz ehrlich, Daisy«, sagte ich und stand auf, »wenn ich nicht bald wieder arbeite, zerbröselt mein Gehirn, also sag mir, was zu tun ist.«
Sie lachte, als hätte ich einen Scherz gemacht, und zog die Schreibtischschublade auf. »Dann lass uns mal loslegen.«
Im Laufe der nächsten Stunde skizzierte Daisy mir ernst und entschlossen, was sie vorhatte und was mir als gefährlicher Plan erschien.
»Erinnerst du dich noch daran, dass ich dir von dem Waisenhaus erzählt habe, das ich Ende der Zwanzigerjahre in Bombay geleitet habe?«, begann sie.
»Natürlich!« Ich hatte immer voller Begeisterung ihren Geschichten aus der Tamarind Street gelauscht.
»Nun, es war eine wunderbare Zeit. Ich habe es mit einer Gruppe intelligenter Frauen aufgebaut, die ich in Oxford kennengelernt hatte, und wir beschäftigten indische Freiwillige dort. Wir kamen blendend zurecht, und ich war sehr glücklich, und obwohl unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein war, bewirkten wir immerhin etwas, auch wenn es nicht genug war.« Daisy, die nicht zur Selbstbeweihräucherung neigte, sah traurig aus, als sie dies sagte.
»Im August, nach der Unabhängigkeit, dachten wir, man würde uns rauswerfen oder schlimmer – aber es kam anders.« Ihre Augen funkelten. »Etwas sehr Aufregendes passierte. Ich wurde von meiner sehr guten Freundin Neeta Chacko aus Südindien gebeten weiterzumachen, indem ich ihr half, eine Mutter-Kind-Klinik in einem kleinen Krankenhaus in Fort Cochin aufzubauen. Geplant sind die Zusammenarbeit mit ihrem indischen Personal und die Entwicklung eines Lehrgangs, der einen Austausch unseres westlichen Wissens mit dem der Dorfhebammen, der vayattattis, ermöglicht. Deshalb sind wir auf der Suche nach englischen Hebammen, die nach Indien gehen. Es müssen nur die Richtigen sein.«
»Die Richtigen?«, hake ich vorsichtig nach. »Soll heißen?«
»Nun, nicht die verbohrten Besserwisser. Wir können von den einheimischen Frauen eine Menge lernen.«
»Aber wer sollte dorthin wollen?«, fragte ich. In den letzten paar Monaten waren die Zeitungen voll von schrecklichen Berichten über das Chaos, das auf die Unabhängigkeit folgte: die dreißigtausend erschlagenen Muslime, das Abschlachten unschuldiger Passagiere in brennenden Zügen, Nachbarn, die ihre Nachbarn töteten, und so weiter. »Hassen die Inder uns nicht jetzt?«
»Nun, weißt du, das ist Blödsinn«, antwortete Daisy. »Einige tun dies zu Recht, aber es gibt andere, mit denen wir seit Jahren gearbeitet haben, sie waren unsere Freunde und können außerdem jede Hilfe gebrauchen, die sie kriegen können.«
»Wollen sie sich nicht vom Gängelband der Briten lösen?« Das hatte mir nämlich meine Mutter erzählt, und dabei hatte ein bitterer Ton in ihrer Stimme mitgeschwungen.
»Nicht ganz.« Daisy stellte einen Wasserkessel auf den Herd. »Meine Güte, ist das kalt hier drin, nach der Wettervorhersage könnte es morgen sogar schneien. Zum Teil ist es unser Fehler, dass Indien noch immer eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit hat. Sie zu bekämpfen stand natürlich nicht besonders hoch auf der Prioritätenliste unserer Regierung, aber vernünftigerweise möchte die jetzige Regierung, dass ausländische Hebammen aus Amerika und Großbritannien diese Lücke schließen.«
Offenbar war mir meine Skepsis anzusehen. Als sie mir eine Tasse Tee reichte, sagte sie: »Offen gestanden ist die Situation fatal. Die Aufstände und das Morden haben die örtlichen Krankenhäuser in eine äußerst angespannte Lage gebracht. Neeta hat uns angefleht, zurückzukommen und Ausstattung, Bücher, Geld mitzubringen, alles, was uns möglich ist.«
Sie stand auf und warf ein Stück verrottetes Gatter ins Feuer.
»Fährst du denn hin?« Mein Mund wurde dabei trocken.
»Ich kann nicht.« Sie sah untröstlich aus. »Ich muss die Farm führen, sonst bricht hier alles zusammen, und außerdem ist es wichtig, dass das Moonstone seine eigene indische Verwaltung hat. Es werden Hebammen gebraucht. Nimm dir einen Pfannkuchen.« Daisys Pfannkuchen waren lecker: saftig und mit Biss und goldenem Sirup darin, damit sie süß schmeckten.
»Ich bin noch keine richtige Hebamme.« Ich nahm mir einen Pfannkuchen. »Mir fehlen im ersten Teil meiner Ausbildung noch zwei begleitete Entbindungen, um mich für den zweiten Teil anmelden zu können.« Die Regel sah vor, dass Hebammenschülerinnen, die ausgebildete Krankenschwestern waren, sich um zwanzig stationär untergebrachte Gebärende und zehn Patientinnen kümmerten, die zu Hause entbunden wurden, sodass man im Laufe eines Jahres auf dreißig Geburten kam. Ich hatte an achtundzwanzig Geburten teilgenommen und dann aufgrund der Geschehnisse abgebrochen.
»Dann fehlen dir also nur noch zwei Geburten.« Daisy steckte die Decke um meine Knie fest. »Ich habe überlegt, ob du jemals mit deiner Mutter in Indien warst?«, hakte sie unverfänglich nach, während ich kaute.
»Daisy«, sagte ich warnend. Ich ahnte, wohin das führte, und hatte bereits beschlossen, Nein zu sagen. »Ich war nie dort, und wenn doch, war ich zu klein, um mich daran erinnern zu können.«
Die Geschichten meiner Mutter über Indien waren verworren und wechselten ständig, sodass ich mich, um ihre eigenen Worte zu gebrauchen, immer »wie auf rohen Eiern« fühlte, wenn das Thema angeschnitten wurde, weil ich nicht wollte, dass sie zufällig ausplauderte, was sie so sorgfältig zu verbergen versuchte.
»Ich denke, Mummy ging dort zur Schule.«
»Das stimmt.«
»Hat sie nicht auch für irgendeinen Regierungsbeamten oder so gearbeitet? In einem guten Job?«
»Schon möglich.« Nun war es an Daisy, auf der Hut zu sein. »Da fragst du sie lieber selbst.«
Ein Windstoß riss die Stalltür auf. Drei Enten watschelten durch den Schlamm, der Wind drückte ihre Federn platt. Daisy lief eilig zur Tür, schloss sie und legte dann Feuerholz nach.
»Also zurück zum Moonstone.« Nun wickelte sie sich selbst auch in eine Decke. »Woran Neeta und ich arbeiten, ist ein einfaches Lehrprogramm, das die örtlichen Hebammen nicht verwirrt, von denen einige Analphabeten sind – und nun kommt’s! Ich denke, ich habe die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen gefunden, indem ich einen jungen Arzt in Oxford aufgespürt habe, der Malayalam spricht, die Sprache der Einheimischen von Cochin. Er wird mir bei den Übersetzungen helfen. Da wir es da drüben im Moment mit einem ziemlichen Minenfeld zu tun haben, dürfen wir auf keinen Fall den Anschein erwecken, dass die Engländer die einheimischen Frauen herumkommandieren wollen. Wir möchten ihre Besten und Klügsten unterrichten, aber wie du weißt, kann das ziemlich vertrackt sein. Einige Hindufrauen der hohen Kasten müssen sich komplizierten Reinigungsritualen unterwerfen, sofern sie die Körperflüssigkeiten anderer auch nur berühren möchten.«
»Scheint ja äußerst schwierig zu sein.«
»Genau das sagt Tudor auch.« Sie lächelte traurig. »Ihm ist es völlig schleierhaft, warum ich meine Zeit darauf verwende, deshalb ist es wohl am besten, wir sprechen das bei den Mahlzeiten nicht an. Es kann ein sehr explosives Thema sein.«
»Ich denke, meine Mutter würde sich dem anschließen, aber mich verwundert es nicht«, sagte ich. Daisy war der beste Mensch, den ich je kennengelernt hatte, doch sie hörte das nicht gern.
Sie sah auf ihre Uhr. »Ich werde mich jetzt beeilen – in einer halben Stunde gibt es Mittagessen. Was wir am dringendsten benötigen, ist Geld, um die Einrichtung aufzubauen, zu unterhalten und um zu zeigen, was wir erreichen können. Wenn wir das schaffen, bin ich mir sicher, dass die neue Regierung uns irgendwann unterstützen wird. Ich schicke Bittbriefe an alle raus, die mir einfallen. Kannst du mir dabei helfen?«
»Aber ja, natürlich!« Ich fühlte mich, wie ich beschämt zugeben musste, erleichtert, dass sie nicht mehr von mir wollte. »Ich kann einhundertzwanzig Wörter in der Minute tippen«, prahlte ich. Meine Mutter hatte darauf bestanden, dass ich die Balmoral-Schreibmaschinenschule in der Oxford Street besuchte. »Wann fangen wir an?«
»Heute.« Sie holte einen Stapel Akten von ihrem Schreibtisch. »Lass uns als Erstes eine Liste der Vorräte erstellen. Nichts Schweres für den Anfang.«
Kapitel 2
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Als der Schnee kam, fiel er in dicken Flocken, sodass die Umrisse der fernen Hügel weich wurden und verschwammen und die schmalen Straßen unbefahrbar waren. Die Wickam Farm wurde zu einer Insel inmitten von Weiß. Jeden Morgen nach dem Frühstück stapften Daisy und ich mit drei Paar Socken, allen Pullovern, derer wir habhaft werden konnten, Pulswärmern und langen Unterhosen bekleidet über den Hof und in den Stall. Wir lasen Lehrbücher, schrieben an Hebammen in der Ausbildung, gingen methodisch das Telefonbuch nach möglichen Spendern durch und verfassten Bittbriefe. Wir packten Pakete, die der Postbote auf den Weg nach Indien bringen würde, sobald die Straßen wieder frei wären.
Dank Mr. Wills, einem benachbarten Bauern, der eindeutig in Daisy verliebt war und rotgesichtig und schnaufend Tag für Tag auf einem seiner Pferde zu uns geritten kam, erreichten uns einige Brief. Wir verwahrten die Antworten auf unsere Bittbriefe in zwei alten Keksdosen auf Daisys Schreibtisch, eine mit der Aufschrift JA, die andere mit NEIN. Nach drei Wochen konnte man die Ja-Briefe noch an allen zehn Fingern abzählen, aber dennoch zeigte Daisy sie mir voller Freude. Ein Zehn-Shilling-Schein und ein »Gut gemacht, Daisy« von einer Tante. Ein hart verdienter Fünfer von einer ehemaligen Krankenschwester, die in Indien gearbeitet hatte und sich jetzt wegen Magenproblemen in Brighton zur Ruhe gesetzt hatte. Das Versprechen von zwanzig Paketen Tupfern und ein paar Packungen Aspirin von einem örtlichen Apotheker. Solche Dinge.
Die Briefe in der Nein-Dose explodierten fast vor Wut auf unsere Dummheit, einem undankbaren Indien auch weiterhin helfen zu wollen.
»Hier ein besonders schönes Exemplar«, sagte ich zu Daisy.
Liebe Miss Barker, schrieb Colonel Dewsbury (im Ruhestand) aus Guildform, (und ich nehme an, dass Sie eine Miss sind). Ihr an mich adressiertes Schreiben vom 20.11.47 hat mich offen gestanden geradezu schockiert, da Sie tatsächlich noch immer in Betracht ziehen, Indien das Recht zuzugestehen, uns auszubeuten. Ich weiß nicht, ob Sie die Zeitungen lesen, aber nachdem sie sich an den Eisenbahnen erfreuten, die wir für sie gebaut haben, den Schulen, die wir für sie eingerichtet haben, und an Tausenden anderer Vorteile, die wir für sie erkämpft und für die unsere Männer mit dem Leben bezahlt haben, HABEN SIE UNS EINFACH RAUSGEWORFEN. Dies hatte er so vehement unterstrichen, dass das Blatt Schreibpapier perforiert war. Zwei Generationen meiner eigenen Familie haben für dieses Land ihr Leben gelassen (der Vater bei den Inniskillings, und den Urgroßvater erwischte es bei den Aufständen im Norden, wo sie uns zwei Tage lang ohne Wasser und Nahrung eingekesselt haben). Es tut mir leid. Von jetzt an NEIN, Nächstenliebe beginnt zu Hause.
Seine zornige Unterschrift hatte ein weiteres Loch ins Papier gerissen.
»Ich denke, wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass der Colonel uns nicht in seinem Testament bedenken wird.« Ich schloss ihn in der Nein-Dose ein. »Ich höre dich brüllen, Colonel«, dabei legte ich mein Ohr auf den Deckel, »aber raus kannst du nicht.«
»Oh Kit«, sagte Daisy nach einigem schulmädchenhaften Gekicher, »geh nicht so bald wieder fort.«
Das wollte ich auch nicht. Ich liebte die Arbeit mit Daisy, und in unserem Kokon aus Schnee und vertieft in dieses aufregende Projekt, fürchtete ich insgeheim, die Straßen könnten schon allzu bald wieder freigeräumt sein, sodass ich keine Ausrede mehr hätte, nicht in das St.-Andrew-Krankenhaus zurückzukehren, das Schwesternheim, an dem ich mich nach meiner allgemeinen Ausbildung zur Krankenschwester zur Hebamme hatte ausbilden lassen. Vor dem Unterricht war mir nicht bang, den liebte ich, und auch nicht vor den Prüfungen, aber ich fürchtete mich davor, wieder in die Klaustrophobie eines überfüllten Schlafsaals zurückkehren zu müssen. Die spezielle Aufgabe, der ich mich erneut stellen musste, war die eigenständige Entbindung eines weiteren Kindes, und das bereitete mir Übelkeit und Schwindel, kein gutes Gefühl für eine Hebammenschülerin.
»Meinetwegen kannst du für immer hierbleiben.« Daisy tätschelte meinen Arm. »Deine Mutter ist beschäftigt. Tudor hat dich gern um sich.«
»Kein stinkender Fisch also?« Ich versuchte den hoffnungsvollen Blicken auszuweichen, mit denen Daisy und meine Mutter jede Erwähnung von Tudors Namen begleiteten. Es war misslich, aber ich hatte tatsächlich eine Abneigung gegen ihn: seine gelangweilte Art, seine Zimperlichkeit bei Tisch, als wäre das Essen eine Art Beleidigung, obwohl meine Mutter sich so bemühte, die Art und Weise, wie er Daisy behandelte, als wäre sie ein Dienstmädchen.
Daisy versuchte, mein Herz mit Entschuldigungen für sein rüpelhaftes Verhalten zu erweichen: Tudor sei es nach der Armee und davor dem Internat und Oxford nicht gewohnt, so viele Frauen um sich zu haben; es falle Tudor schwer, sich bei Tisch zu unterhalten (wobei mein innerer Zensor aufgab und sagte: Oh, der arme klitzekleine Tudor), zumal er so beeindruckend intelligent sei und keinen Small Talk dulde.
»Du könntest nie ein stinkender Fisch sein«, erwiderte sie entschieden. »Du bist Familie, kein Gast.«
»Es war gut für uns«, sagte ich. »Mummy und ich haben auf dem Weg hierher kaum miteinander gesprochen, und da wir nun jeden Tag zusammen sind, bedeutet das …«, ich schwankte, als ich das sagte, denn ich kam mir dabei bereits illoyal vor, »dass wir wenigstens unter einem Dach sind und ich mir um sie keine Sorgen zu machen brauche.«
»Das ist doch gut.« Daisys Blick war fest und freundlich. »Sie liebt dich, weißt du.«
»Ich wünschte nur, sie könnte eine Aufgabe finden, die ihr wirklich liegt.«
»Ideal ist es nicht.« Das konnte selbst Daisy nicht leugnen. »Aber indem sie hier den Haushalt führt, hat sie mir den Hals gerettet, und sie ist eine wunderbare Köchin.« Bei diesen Worten verspürte ich den alten Glanz des Stolzes, und er war gerechtfertigt. Daisys feste Köchin Maud war wegen einer ständig wiederkehrenden Bronchitis daheim, und als wegen des Schnees unsere Lebensmittelvorräte knapp zu werden drohten, hatte Ma kleine Wunder mit unheilvoll aussehenden Einweckgläsern aus dem Keller vollbracht und aus dem eingelegten Gemüse cremige Suppen mit einer Prise dies und das zubereitet. Und sie zauberte aus wenig verheißungsvollen Lammstücken und schrumpeligen Karotten oder einem ausgemusterten Legehuhn köstliche Eintöpfe.
Schade war nur, dass sie sich unentwegt über Daisys hoffnungslos unzulängliche Küchenutensilien beklagte, den altmodischen Herd, die Heizung, die Trostlosigkeit des grauen Himmels, obwohl ich daran gewöhnt war: Meine Mutter hatte jede Menge Erfahrung darin, die Hand zu beißen, die sie fütterte. Aber wenigstens sprachen sie und ich wieder miteinander.
Als ich ihr ein bisschen was von unserem Wohltätigkeitsprojekt erzählen wollte, hatte sie die Stirn gerunzelt und unter dem Vorwand, dafür zu zart besaitet zu sein, gemeint: »Nicht jetzt, meine Liebe«, aber dann hörte ich sie, wie sie im Nebenzimmer mit meiner Klugheit prahlte, die ich auf der Schule unter Beweis gestellt hatte, und ihre Freude betonte, dass ich an die Schreibmaschine zurückgekehrt war – eine triumphale Rechtfertigung ihrer ursprünglichen Pläne für mich.
Wenn ich abends nicht zu müde war, nahm ich die verbeulte Remington mit hinauf auf mein Zimmer und ließ meine Finger über die Tasten fliegen, um Josie, meiner besten Freundin im St.-Thomas-Krankenhaus zu schreiben. Sie war eine grundehrliche Bauerntochter, und wir hatten zusammen viel gelacht und uns Geheimnisse anvertraut und waren, wenn wir es uns leisten konnten, während des Krieges abends ausgegangen. Josie war auch bei mir gewesen in jener Nacht, als es passiert war, und redete mir immer wieder gut zu, dass es nicht mein Fehler gewesen sei.
Manchmal schrieb ich auch in mein Tagebuch, und wenn ich damit fertig war, ging ich über den Treppenflur ins Zimmer meiner Mutter, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben. Wenn sie an ihrem Frisiertisch saß, bürstete ich ihr wundervolles schwarzes Haar, was sie jedes Mal mit einem erwartungsvollen Stöhnen begrüßte und mich traurig machte.
Meine Mutter war wunderschön, habe ich das schon gesagt? Das indische Blut, das zu verbergen sie sich so viel Mühe gab, hatte sie mit einer wunderbar zarten, leicht karamellfarbenen Haut und glänzenden Haaren gesegnet. Und trotz unserer klammen Finanzen war sie unglaublich gut gekleidet – aus der Ferne der Inbegriff einer Engländerin, nur dass sie sehr viel besser aussah. Meine glamouröse Prinzessin im grünen Satinkleid und Diamantenhalsband (Strass). Sie war meine Köchin, meine Geschichtenerzählerin und auch meine exotische Reisegefährtin: lustig und abergläubisch mit Ausbrüchen von Frohsinn, die mich an eine Katze erinnerten, die sich an einem Vorhang hochzieht. Aber sie hatte auch die überraschenden, fauchenden Wutausbrüche einer Katze.
An manchen Abend richtete sie, wenn ich zu ihr ging, ihre schildpattfarbenen Augen auf mich und bat mit der Stimme eines kleinen Mädchens: »Lies mir doch etwas vor.« Sie hatte immer eine kleine Sammlung von Liebesromanen dabei, und ihr damaliges Lieblingsbuch war Georgette Heyers Roman »Die spanische Braut«. Und so kuschelten wir unter der Daunendecke wie in alten Zeiten, und ich übernahm sämtliche Rollen der Handlung – Juana, Lord Wellington, Harry Smith –, und sie war wieder glücklich.
Manchmal versuchte sie mich zu überreden, eins ihrer hübschen Kleider anzuziehen (einige waren Geschenke ihrer reichen Arbeitgeber, andere – wie soll ich es ausdrücken – hatte sie sich selbst geschenkt), und meinte, damit könnte ich unten ein wenig die Stimmung auflockern, womit sie vermutlich Tudor meinte. Sie bat mich auch, mir meine Nägel polieren zu dürfen. Eine Dame werde immer aufgrund ihrer Hände beurteilt.
Als ich das Josie einmal erzählte, zeigte sie auf ihre ungebändigte rote Freizeitmähne und sagte: »Und was ist damit? Oder hiermit?«, wobei sie sich ganz aufrecht hielt, damit man ihren Busen bewundern konnte. Aber Josie machte Nachtschicht in London und war für derlei Scherze gerade nicht erreichbar, und weil ich wusste, dass ich bald wieder aufbrechen würde, ließ ich es über mich ergehen (was sehr anstrengend war), dass meine Mutter sich mit besorgter Miene meiner Nagelhaut annahm und die tote Haut mit einem speziellen kleinen, spitzen Dolch zurückschob, den sie ihrem Koffer aus Chagrinleder entnahm.
Die größeren Dinge, die zwischen uns waren, schob sie wie unerfreuliche Nagelschnipsel unter den Teppich.
Eines Nachts kam sie zu mir ins Zimmer, wo ich um drei Uhr mit weit aufgerissenen Augen im Bett saß. Ich hatte wieder an das Mädchen denken müssen – ihre roten Haare, ihre Schreie –, wich aber den Fragen meiner Mutter aus und sagte etwas von Nachtschichten im Krankenhaus, und wie schwer es mir falle, wieder normal zu schlafen. Weil sie meinen Kummer spürte, unterbrach sie mich mit einem seltsam gekünstelten Lachen, das mich so schlimm traf wie ein Schlag, und sagte: »Oh Kitty, nun sei doch nicht so morbid. Der Krieg ist jetzt vorbei.«